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Full text of "Staatswissenschaftliche Studien"

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I3ct.  OtfclMfe 


► 


staatswissenschaftliche  Stadien, 


In  Verbindung  mit 

Prof.  Dr.  Sliebenr  in  Erlangen,  Sektionschef  Prof .Dr.yon  LuuB»-Steniegg  in  Wien, 
Geh.*Bat  Prof.  Br.  Laspeyres  in  Giefsen,  Prof.  Dr.  Lezis  in  GötUngen,  Prof. 
Dr.  Carl  Menger  in  Wien,  Prol  Dr.  J.  Nemnann  in  Tübingen^  aeh.-Bat  Prof.  Dr. 
Paasche  in  Mirbnrg,  Prof.  Dr.  Philippoyich  t.  PhilipiNiberff  in  Wien,  Prof.  Dr. 
Pieretorü  in  Jena,  Hofrst  Prof.  Dr.  Schana  in  Wünoargf  Prof.  Dr.  yon  SobOa- 
hwg  in  Tnbingen,  Prof.  Dr.  Stieda  in  Rostock,  Oeh.-Bit  Prof.  Dr.  Umpfea- 
baeh  in  Königsberg,  Oeh.-Bat  Prof.  Dr.  Ad.  Wagner  in  Berlin 


herausgegeben 


Yon 


Dr.  Ludwig  Elster, 

ProllMiOff  AB  d«r  UalTtnltil  BtMlAn. 


y.  Band. 


m    1^1    m 


Jena, 


Verlag  von  Gkustav  Fischer. 


1896. 


Inhalt  des  fonften  Bandes. 


Seite 
1.  Heft:   €(6orff  Mejer^  Über  die  Sohwuikuiigeii  in  dem  Bedarf  an  Hand- 
arbeit in  der  deutschen  Landwirtschaft  nnd  die  Möglichkeit  ihrer 
Aosgleichnng .    .         1 

5.  Heft:   Allbert  Hahl,   Zur  Ghesehiohte   der  yolkawirtschaftlichen  Ideen  in 

England  gegen  den  Ausgang  des  Mittelalters 101 

3.  Heft:    Max  Gebaner,  Die  sogenannte  LebeDsrersieherung.   Wirtschaftliche 

Studie 161 

4.  Heft :    L.  O*  Braadt,  Ferdinand  Lassalles  sosialökonomische  Anschauungen 

nnd  praktische  Vorschlige 473 

5i  Heft :    A*  Meyer,  Die  Y erbreohen  in  ihrem  Zusammenhang  mit  den  wirt- 
schaftlichen und  sozialen  Verhältnissen  im  Kanton  Zürich ....    663 

6.  Heft:    W.  Selmltse)  Die  Fkoduktions-  und  Preisentwickelnng  der  Roh- 

produkte der  Textilindustrie 661 


Inhalt  des  fönfteii  Bandes. 


Seite 
I.  Heft:  Cteorir  Hejer,  über  die  Sohwankangen  in  dem  Bedarf  an  Hand- 
arbeit in  der  deutschen  Landwirtschaft  and  die  Möglichkeit  ihrer 

Aosgleichnng .    .         1 

S.  Heft:   Albert  Hahl,   Zur  Geschichte   der  volkswirtsohaftlichen  Ideen  in 

England  gegen  den  Ausgang  des  Hittelalters 101 

3.  Heft:   Max  Ctobaner^  Die  sogenannte  Lebensrerticherung.   Wirtschaftliche 

Studie 161 

4.  Heft :   L.  O.  Bruidt,  Ferdinand  Lassalles  sozialökonomische  Anschauungen 

und  praktische  Vorschläge 473 

5.  Heft :   Am  Meyer^  Die  Verbrechen  in  ihrem  Zusammenhang  mit  den  wirt- 

schaftlichen und  sozialen  Verhaltnissen  im  Kanton  Zürich ....    663 

6.  Heft:   W«  SehultsO)  Die  Produktions-  und  Preisentwickelung  der  Eoh- 

produkte  der  Textilindustrie 661 


— ^ 


Über  die  Schwankungen 


in  dem  Bedarf  an  Handarbeit 


ii  der  deotsehen  Landwirtschaft 


und 


die  Möglichkeit  ihrer  Ausgleichung. 


Von 


Dr.  Georg  Meyer. 


Jena, 

Vei'laK  von  Guntav  Fi^jchei 

1893. 


Im  Verlage  von  Oastav  Fiisteher  in  Jena  erscheinen: 

Staatswissenschaftliche  Studien. 

In  Verbindung  mit 

Prof.  Dr.  Eheberjr  in  Erlangen,  Sektionschef  Prof.  Dr.  von  Inama-Sternegg  in  Wien, 
Geh.-Bat  Prof.  Dr.  Laspeyre«  in  Qiefseni  Prof.  Dr.  Lexis  in  Göttingen,  Prof. 
Dr.  Carl  Menger  in  Wien,  Prof.  Dr.  J.  Nenmann  in  Tübixigen,  Prof.  Dr»  Paasche 
in  Marburg,  Prof.  Dr.  PhlUppovich  v.  Philippsbe»  in  Freiburg,  Prof.  Dr. 
Pierstorfif  in  Jena,  Qeh.-Bat  Prof.  Dr.  Rogener  in  Leipzig,  Hofrat  Prof.  Dr. 
Sehanz  in  Würzburg,  Prof.  Dr.  von  Sehönberg  in  Tübingen,  Prof.  Dr.  Stieda 
in  Rostock,  Prof.  Dr.  Umpfenbach  in   Königsberg,  Gen.-Rat  Prof.  Dr.  Ad. 

Wagner  in  Berün 

herausgegeben  von 

Dr.  Lndwig  Elster, 

Professor  an  der  Unlversit&t  BresUiu 

Die  „Staatswissenschaftlichen  Stndien"  erscheinen  in  zwanglosen  Heften, 
die  eine  fortlaufende  Reihe  bilden.  Je  eine  entsprechende  Zahl  von  Heften  wird 
zu  einem  Bande  (in  ungefährer  Starke  von  40  bogen  mit  Titel  und  Inhaltsver- 
zeichnis) zusammengefafst.  Jedes  einzelne  Heft  der  Sammlung  ist  jedoch  dem 
Zwecke  des  Unternehmens  gemafs  auch  für  sich  verkäuflich. 

Beiträge  für  die  Studien  sind  an  den  Herausgeber  derselben,  Herrn  Prof. 
Dr.  Elster  in  Breslau,  Victoriastrafse  14,  einzusenden. 

Die  bisher  erschienenen  Hefte  enthalten:  Dr.  Conrad  Schmidt:  Der 
natürliche  Arbeitslohn.  Preis:  2  Mark.  —  Dr.  Johannes  N.  Hansen:  Unter- 
suchungen über  den  Preis  des  Getreides  mit  besonderer  Rücksicht  auf  den  Nähr- 
atofigehalt  desselben.  Mit  3  lithographischen  Tafeln.  Preis:  2  Mark.  —  Dr.  jur. 
F.  Kral:  Geldwert  und  Preisbewegung  im  Deutschen  Reiche  187 1 — 84.  Mit 
einer  Einleitung  über  die  Methode  der  statistischen  Erhebung  von  Geldmenge 
und  Geldbedarf  von  Prof.  Dr.  F.  X.  von  Neumann -Spallart.  Preis:  2  M. 
40  Pf.  —  Dr.  Ignaz  Grnber:  Die  Haushaltung  der  arbeitenden  Klassen.  Preis: 
3  M.  —  Dr.  Gustav  Karl  Metzler:  Statistische  Untersuchungen  über  den  Einflufs 
(icr    Getreidepreise     auf     die    Brotpreise   und   dieser    auf    die    Löhne.    Preis: 

1  M.  50  Pf.  —  Dr.  W.  Tesdorpf:  Gewinnung,  Verarbeitung  und  Handel  des 
Bernsteins  in  Preussen  von  der  Ordenszeit  bis  zur  Gegenwart.  Historisch-volks- 
wirtschaftliche Studie.  Mit  einer  graphischen  Darstellung.  Preis:  3  M.  —  Otto 
Bechtle:  Die  Gewerkvereine  in  der  Schweiz.  Preis:  2M.  —  Dr. Karl  Lenschner: 
Die  landwirtschaftlichen  und  socialen  Verhältnisse  im  westlichen  Ungarn.  Unter 
besonderer  Berücksichtigung  des  Weifsenburger,  Tolnaer  und  Baranyer  Comitats. 
Preis:  2  M.  50  Pf.  —  ßr.  A.  Dullo:  Gebiet,  Geschichte  und  Charakter  des 
Seehandels  der  gröfseren  deutschen  Ostseeplätze.  Preis :  3  Mark.  —  Dr.  Richard 
Bioeck:  Untersuchungen  über  die  Produktionskosten  der  Getreidekörner. 
Preis:  1  M.  80  Pf.  —  Otto  Trüdinger:  Die  Arbeiterwohnungsfrage  und  die 
Bestrebungen  zur  Lösung  derselben.  Preis:  4  Mark  50  Pf.  —  Dr.  C.  v,  Seelhorst: 
Der  Roggen  als  WertmaTs  für  landwirtschaftliche  Berechnungen.  Preis:  2  Mark. 
—  Dr.  Adolf  Heil:  Resultate  der  Einschätzungen  zur  Emkommensteuer  in 
Hessen,  Sachsen  und  Hamburg  in  Bezu^  auf  die  Entwicklung  des  Mittelstandes. 
Preis:  2  Mark.  —  Otto  Koebner:  Die  Methode  der  letzten  französischen  Boden- 
bewertung. Ein  Beitrag  zum  Katasterproblem.  Preis:  2  Mark.  —  Dr.  John 
Chr.  Schwab:  Die  Entwicklung  der  Vermögenssteuer  im  Staate  New- York. 
Preis:  2  Mark.  —  Dr.  Anff.  Köttgen:  Studien  über  Getreideverkehr  und  Getreide- 
preise in  Deutschland.  Preis:  2  Mark.  —  Dr.  Otto  Gerlach:  Ueber  die  Bedin- 
gungen wirtschaftlicher  Thätigkeit.  Kritische  Erörterungen  zu  den  Wertlehren 
von  Marx,  Knies,  Schäffle  und  Wieser.  Preis:  2  Mark  40  Pf.  —  Dr.  C.  Düsing: 
Das  Geschlechtsverhältnis  der  Geburten  in  Preufsen.  Preis:  1  Mark  80  Pf.  — 
Dr.  Karl  von  Lnmm:  Die  Entwickelung  des  Bankwesens  in  E Isafs-Lothringen 
seit  der  Annexion.  Preis:  6  Mark.  —  Dr.  Carl  Copping  Plehn:  Das  Kreditwesen 
der  Staaten  und  Städte  der  nordamerikanischen  Union  in  seiner  historischen  Ent- 
wicklung. Preis:  2  Mark.  —  Dr.  Boris  Minzes:  Die  Nationalgüterveräufserung 
während  der  französischen  Revolution,  mit  besonderer  Berücksichtigung  des  De- 
partement Seine  und  Oise.  Preis:  4  Mark.  —  Dr.  Martin  Mohr :  Die  Finanz- 
verwaltung der  Grafschaft  Luxemburg  im  Beginn  des  14.  Jahrhunderts.    Preis : 

2  Mark.  —  Dr.  Axthnr  Schott:  Die  französische  Wehrsteuer  nach  dem  Gesetz 
vom  15.  Juli  1889.  —  Dr.  Karl  Angnst  Hückinghans:  Die  Verstaatlichung  der 
Steinkohlenbergwerke.  


SiMtewissenschaftliche  Stadien. 


In  Verbindung  mit 

Prof.  Dr.  Eheben  in  Erlangen,  Sektionsohef  Prof  J)r.TO]i  InmouirSteniegg  in  Wien, 
Geh.-BAt  Prof.  Cr.  Laspeyres  in  Giefsen,  Prof.  Dr.  Lexis  in  Qottingen,  Prof. 
Dr.  Carl  Menger  in  Wien,  Prof.  Dr.  J.  Nennuuui  in  Tfibingen,  ProH  Dr.  Paasehe 
in  Marbnrff,  Prof.  Dr.  PhllippoTieh  ▼•  Philippsberc  in  Freiborv,  Prof.  Dr. 
Pierstorlr  in  Jena,  Oeh.-Rat  Prof.  Dr.  Roscner  in  Leipzig,  Hofrat  Prof.  Dr. 
Sehana  in  Warzbura^,  Prof.  Dr.  Ton  Schönberpr  in  Tübingen,  Prof.  Dr.  Stieda 
in  Roetook,    Prof.  Ur.  Umpfenbach   in  Köni^berg,  Geh.-&at  Prof.  Dr.  Ad. 

Wagner  in  Berlin 

herausgegeben 

Ton 

Dr.  Ludwig  Elster, 


VnUmm  tm  d«*  üniTmHIt  Bndsa. 


5.  Band,  1.  HefL 


Dr.  (Ie«rg  Mey«r,  Ober  i\t  SekwaikugeD  io  den  Bedarf  ai  laid- 
arbeit  in  der  deitsehen  Landwirtscbaft  vnd  die  NSgiiehiceit  ibrer 
Aisgleiehug. 


>    1^1    m 


Jena, 

VerlÄg:  von  G-ustav 

1893. 


o 


über  die  Sehwankungen 
in  dem  Bedarf  an  Handarbeit 


in  der  dentsehen  Landwirtsebaft 


und 


die  Mögliohkeit  ihrer  Ausgleiehung. 


Von 


Dr.  Georg  Meyer. 


Jena, 

Verlag  von  Gustav  Fischer. 

1893. 


EconP  ,iaM  .S" 


^ 


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^^'y  2h  ''x^'\z 


'd^->-a.^yvc^  y^t  t  / :  iX^; 


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Herrn 


Professor  Dr.  Freiherm  von  der  Goltz 


in  Verehrung  und  Dankbarkeit  gewidmet 


vom  Yerfaster. 


FeststBllung  der  thatsächlichen  Schwankungen  in  dem 

Bedarf  an  Handarbeit 


Der  FrodaktioDsfaktor  Arbeit  nimmt  in  der  Landwirtschaft  eine 
Stelle  ein,  die  grandyerschieden  ist  Ton  der  in  fast  aller  anderen 
wirtschaftlichen  Thätigkeit,  insbesondere  aber  von  der  in  der  In- 
dustrie. Wahrend  in  dem  inneren  Wesen  der  meisten  Zweige  der 
letzteren  nichts  begründet  ist,  was  eine  Beschäftigung  einer  gleichen 
Zahl  menschlicher  Arbeiter  während  des  ganzen  Jahres  anmöglich 
macht,  li^en  die  Verhältnisse  in  der  Landwirtschaft  hierfür  anders. 
Den  Grand  hat  man  in  der  eigentümlichen  and  vorwiegenden  Rolle 
za  suchen,  welche  der  Produktionsfaktor  Natur  im  landwirtschafUichen 
Oewerbe spielt.  Während  es  sich  bei  den  okkupatorischen  Thätig- 
keiten  darum  handelt,  tou  fertigen  Erzeugnissen  Besitz  zu  nehmen, 
die  die  Natur  allein  hervorgebracht,  während  Industrie  und  Gewerbe 
sich  mit  der  Yeredelung  von  Bohstoffen  befassen,  ist  es  Auf- 
gabe der  Landwirtschaft,  den  Boden  zur  Erzeugung  pflanz- 
licher Produkte  zu  benutzen.  Denn  hiervon  hängt  doch  auch 
die  Hervorbringung  indirekter,  d.  h.  tierischer  Erzeugnisse  ab.  Dort, 
wo  es  durch  die  Gunst  des  EHimas  möglich  ist,  den  Boden  während 
des  ganzen  Jahres  in  gleicher  Weise  zur  Pflanzenproduktion  zu  be- 
nutzen, wird  die  Landwirtschaft  auch  eine  stets  annähernd  gleich 
hohe  Zahl  menschlicher  Arbeitskräfte  beschäftigen  können.  Durch 
den  Wechsel  der  Jahreszeiten  werden  in  unserem  Vaterlande  innerhalb 
des  Jahres  Perioden  geschaffen,  die  zwar  zeitlich  von  annähernd 
gleicher  Länge  sind,  auf  welche  jedoch  die  zu  verrichtende  Arbeit  der 
Landwirtschaft  ungleich  verteilt  ist.  Das  Jahr  setzt  sich  so  aus  zwei 
groben    Abschnitten    zusammen :    der  Sommerperiode    und    der 

8eiia<»wirara*ch«ftl.  Studien.    V.  ,  1 


—     8     — 

Winterperiode.  Nach  von  der  Goltz*)  rechnet  dabei  die  Sommer- 
periode vom  fieginn  der  Frühjahrsbestellung  bis  zum  Schlufs  der 
Hackfruchtemte.  Die  Winterperiode  umfafst  den  übrigen  Teil  des 
Jahres.  Mit  diesen  beiden  Perioden  wechseln  die  in  der  Landwirt- 
schaft zu  yerrichtenden  Arbeiten  nach  Art  und  Menge.  Die  Sommer- 
periode umfafst  naturgemäfs  die  Vegetationsperiode  der  anzubauenden 
Pflanzen:  demgemäfs  sind  in  ihr  alle  Arbeiten  zu  yerrichten,  die  sich 
mit  Saat,  Kultur  und  Ernte  derselben  befassen.  Diejenige  Hand- 
arbeity  welche  die  Bearbeitung  des  Bodens  ohne  anstehende  Pflanzen 
erfordert,  wird  zum  gröfsten  Teil  auch  in  der  Sommerperiode  geleistet 
werden  müssen.  Zum  Teil  wird  sie  jedoch  auch  in  der  Winterperiode 
verrichtet  werden  können.  Für  gewöhnlich  ist  nämlich  der  Boden 
noch  oder  schon  iu  einem  Teile  der  Winterperiode  der  Bearbeitung 
zugänglich.  Im  Übrigen  wird  die  Handarbeit  des  Winters  in  der 
Hauptsache  im  Dreschen  der  geernteten  Körnerfrüchte  und  in  der 
Düngearbeit  bestehen. 

Dieser  kurze  Überblick  über  die  Verteilung  der  Arbeiten  auf 
beide  Perioden  zeigt,  dab  die  Winterperiode  nur  dann  dieselbe  durch- 
schnittliche Arbeiterzahl  wie  die  Sommerperiode  wird  beschäftigen  können, 
wenn  sie  kürzer  ist  wie  die  letztere.  In  Deutschland  kann  man  unter 
den  günstigsten  klimatischen  Verhältnissen  die  Sommerperiode  von 
Anfiang  März  bis  Anfang  November  und  unter  den  ungünstigsten  Ver^ 
hältnissen  von  Ende  April  bis  Mitte  Oktober  rechnen.^)  Im  ersteren 
Fall  um&sst  die  Sommerperiode  acht,  im  letzteren  sechs  Monate.  Im 
Durchschnitt  der  deutschen  Verhältnisse  kann  man  aber  beide  Pe- 
rioden gleichlang,  d.  h.  zu  je  sechs  Monaten  annehmen.  Nord- 
deutschland hat  schon  wegen  seiner  geographischen  Lage  einen  kürzeren 
Sommer.  Für  Süddeutschland  aber  wird  durch  seine  teilweise  hohe 
Lage  das  Verhältnis  dasselbe.')  Da  einerseits  Sommer  und  Winter 
als  gleichlang  anzunehmen  sind,  andererseits  aber  die  Gresamtarbeit 
des  Jahres  auf  beide  Perioden  ungleich  verteilt  ist,  wie  weiter  unten 
ausführlicher  nachgewiesen  werden  soll,  so  ergibt  sich  eine  Differenz 
an  Handarbeitsbedarf  zwischen  denselben. 

Mit  fiücksicht  auf  eine  gleichmäfsige  Verteilung  der  Handarbeit 


')  von  der  Golts,  „Haadbuch  der  landwirtschftftlicheD  Betrieb8lehre*\  Berlin 
1886.    Seite  S60  £f. 

*)  Vei^L  die  Abhandlang  von  Pro£.  Dr.  Freiherrn  von  der  Goltz,  „Die  Ver- 
schiedenheit des  Bedarfs  an  menschlichen  Arbeitskräften  in  der  Landwirtschaft 
u.  8.  w.*"  in  Fühlings  landw.  Zeitung.   1889.   Heft  Nr.  28  u.  24. 

*)  Vergl.  von  der  Goltz  a.  a.  O. 


— .    3    — 

innerhalb  der  beiden  Periodepy  besteht  zwischen  Sommer  und  Winter 
ein  Gegensatz.  In  der  Winterperiode  ist  es  möglich  eine  annähernd 
j^Jimafsige  Verteilung  zu  bewerkstelligen,  so  dafs  innerhalb  der- 
selben an  jedem  Tage  annähernd  dieselbe  Zahl  Ton  Handarbeits- 
kräften erforderlich  ist.^)  Der  weitaus  gröGste  Teil  der  im  Winter 
m  Terrichtenden  Arbeiten  ist  nämlich  nicht  Ton  Katurmomenten  ab- 
hängig, die  (Qr  den  Menschen  unbeeinflufsbar  sind.  Ganz  anders  ver- 
hält es  sich  mit  den  Arbeiten  der  Sommerperiode.  Der  gröfste  Teil 
der  in  sie  fallenden  Verrichtungen  mufs  zu  Zeitpunkten  vorgenommen 
werden,  für  welche  unbeeinflufsbare  Naturmomente  mehr  oder  minder 
enge  zeitliche  Grenzen  ziehen.  Insbesondere  gilt  dies  von  den  Ar- 
beiten der  Ernte  und  dem  gröfsten  Teile  deijenigeu,  die  sich  mit  der 
Kultur  der  anstehenden  Pflanzen  befassen.  Im  Gegensatz  zur  Winter- 
periode ist  es  in  der  Sommerperiode  also  nicht  möglich,  den  auf  sie 
entfallenden  Handarbeitsbedarf  gleichmäfsig  über  alle  ihre  Teile  zu 
ferlegen.  Es  ergibt  sich  vielmehr  innerhalb  der  Sommer- 
periode eine  Differenz  zwischen  arbeitsarmen  und  arbeits- 
reichen Perioden;  ähnlich,  wie  eine  solche  Differenz  zwischen 
der  arbeitsreichen  Sommerperiode  und  der  arbeitsarmen  Winter- 
periode als  Ganzes  besteht.  — 

Das  landwirtschaftliche  Gewerbe  setzt  sich  zusammen  aus  Acker- 
bau und  Viehzucht.  Zwischen  der  von  beiden  Zweigen  getrennt 
erforderlichen  Summe  au  Handarbeit  besteht  mit  Rücksicht  auf  die 
bidier  erörterten  Schwankungen  an  Arbeitsbedarf  ein  grofser  Unterschied. 
Die  Nutzviehhaltung  zunächst  wird ,  da  sie  ja  doch  fast  ausnahmslos 
in  allen  Perioden  des  Jahres  in  annähernd  gleicher  Höhe  betrieben 
wird,  auch  durch  das  ganze  Jahr  einen  annähernd  gleich  hohen  Be- 
darf an  Handarbeit  erfordern.  Ein  Mehrbedarf  könnte  sich  hier 
höchstens  im  Winter  ergeben,  wofern  nämlich  die  Wartung  der  Tiere 
im  Stalle  eine  gröfsere  Menge  Arbeit  beanspruchte  als  bei  etwaigem 
sommerlichem  Weidegang  derselben.  Die  Zugviehhaltung  wird  zur 
Wartung  der  Tiere  durch  das  ganze  Jahre  hindurch  gleichfalls  den- 
selben Bedarf  an  Handarbeit  benötigen.  Etwaige  Schwankungen  im 
Bedarf  werden  nicht  eigentlich  durch  die  Wartung  hervorgerufen, 
sondern  durch  die  Verschiedenartigkeit  der  Arbeiten,  zu  welchen  die 
Tiere  benutzt  werden.  Den  besten  Beweis  dafür,  dafs  die  Viehhaltung 
gröfsere  Schwankungen  in  ihrem  Handarbeitsbedarf  nicht  aufweist, 
liefert  die  Thatsache,   dafs  man   zu   ihrer  Verrichtung  fast  lediglich 

')  Vergl.  von  der  Goltz,  „Landwirtach.  Betriebslehre'',  Seite  264. 

1* 


—    4    — 

Jalireslöhn^r  hält.^^)  Im  übrigen  nimmt  der  Handarbeitsbedarf  für 
die  gesamte  /V^iehhaltung  von  dem  Gresamthandarbeitsbedarf  in  dei 
Landwirtsehaft  nur  eine  kleine  Quote  ein.^)  Soll  dieselbe  zu  einem 
gröfseren  Anteil  werden ,  so  müfste  der  Ackerbau  im  Verhältnis  zur 
Viehhaltung  aufserordentlich  zurücktreten  ^  wie  dies  z.  B.  bei  den 
Weidewirtschaften  der  Fall  ist.  Solche  Wirtschaften  können  aber, 
unbeschadet  ihrer  Berechtigung  unter  besonderen  Verhältnissen,  nicht 
als  Norm  für  durchschnittliche  deutsche  Verhältnisse  betrachtet,  werden. 
—  Auf  Grund  dieser  Erörterungen  soll  in  dem  weiteren  Verlauf 
dieser  Abhandlung  die  Handarbeit,  die  die  gesamte  Vieh- 
halti^ng  zu  ihrer  Wartung  erfordert,  nicht  berücksich- 
tigt werden,  eben  weil  sie  in  den  verschiedenen  Perioden  des  Jahres 
keine  Differenzen  in  der  Höhe  ihres  Bedarfes  aufweist.  Das  Gleiche 
wird  auch  aus  demselben  Grunde  mit  dem  Handarbeits bedarf 
der  Haushaltung  stattfinden.  Hingegen  wird  die  Handarbeit, 
welche  die  Zugviehhaltung  aufser  der  Wartung  bedarf  und  welche  je 
nach  den  Verrichtungen,  zu  welchen  die  Tiere  verwendet  werden,  in 
der  Höhe  des  Bedarfes  schwankt,  nicht  unberücksichtigt  bleiben  dürfen. 
Der  Beweis  für  das  thatsächliche  Vorhandensein  der  Schwankungen 
im  Handarbeitsbedarf  kann  nur  an  der  Hand  von  praktischen  Bei- 
spielen gefuhrt  werden;  nämlich  so,  dafs  man  aus  den  Büchern  von 
Gutswirtschaften  die  in  den  einzelnen  Monaten  des  Jahres  geleisteten 
Arbeitstage  feststellt  und  die  Summen  der  Arbeitstage  der  einzelnen 
Monate,  dann  aber  auch  von  Sommer  und  Winter,  miteinander  ver- 
gleicht. Dabei  dürfte  es  sich  empfehlen,  die  Zahlen  eines  dreijährigen 
Durchschnittes  zu  nehmen.  Im  folgenden  ist  diese  Aufstellung  fiir 
fünf  Gutswirtschaften  ausgeführt.  Der  gröfseren  XJbersichtlichkeit 
halber  sind  die  Zahlen  aufserdem  noch  in  graphischen  Tabellen  zu- 
sammengestellt.   (Siehe  Anhang  zu  dieser  Abhandlung.) 


I.  Die  Schwankungen  Im  Arbeitsbedarf  Im  Betrieb  des 

Gutes  Ht  in  Holstein. 

Das  Gut  wird  in  freier  Wirtschaft  nach  dem  System  des  Frucht- 
wechsels bewirtschaftet.  Der  Rübenbau  ist  ziemlich  schwach :  er  nimmt 
nur  den  zehnten  Teil  des  Ackerareals  ein.  Sämtliche  Arbeit  wird 
gegen  reine  Geldlöhnung  von  Tagelöhnern  verrichtet ;  im  Akkord  wird 


*)  Vergl.  von  der  Goltz,  „Landwirtsch.  Betriebslehre",  Seite  265. 
^)  Vergl.  von  der  Goltz  a.  a.  O. 


—    5     — 

nur  das  Ausnehmen  von  30  Margen  Rüben  im  Herbst  geleistet.  JÜKe 
Sommerperiode  währt  ungefähr  von  Mitte  April  bis  Ende  Oktober. 
Die  folgenden  Zahlen  sind  das  Mittel  aus  den  Wirtschaftsjahren: 
1888,  1889,  1890.    Es  wurden  geleistet: 

Monat:        Mannstage:    Frauentage: 


Januar 

109 

34 

Februar 

97 

41 

Mäiz 

111 

16 

Aprfl 

140 

18 

Mai 

124 

41 

Juni 

128 

108 

Juli 

142 

118 

August 

169 

114 

September 

137 

103 

Oktober 

103 

136 

November 

117 

23 

Dezember 

88 

49 

In  seiner  Leistung  ist  ein  Frauentag  gleich  %  Mannstag  zu  rechnen.  ^) 
Reduziert  man  so  alle  Arbeitstage  auf  Mannstage  und  rundet  die  sich 
dami  ergebenden  Summen  der  Übersichtlichkeit  halber  auf  6  und  10 
ab,  so  beträgt  der  Bedarf  an  Handarbeit  für : 


Januar 

130 

Mannstage 

Febniar 

125 

n 

März 

120 

n 

April 

150 

n 

Mai 

150 

n 

Juni 

200 

n 

JuU 

220 

n 

August 

235 

'7 

September 

205 

n 

Oktober 

195 

n 

November 

130 

n 

Dezember 

120 

M 

Es  beträgt  die  Summe  der  im  ganzen  Jahr  notwendigen  Hand- 
arbeitstage =  1980.  Bei  einer  gleichmälsigen  Verteilung  über  das 
ganze  Jaiir  würde  dies  pro  Monat  =  165  Arbeitstage  geben.  In  der 
That  entfallen  aber  auf  die  Winterperiode  625  Tage  oder  pro  Monat 

^)  Vergl.  von  der  Goltz,  „Landwirtsch.  Betriebtlehre",  Seite  274. 

5 


—    8    — 

rundet  die  sich  dann  ergebenden  Summen  der  Übersichtlichkeit  auf 
50  und  100  ab,  so  ergibt  sich  ein  Bedarf  an  Arbeitstagen  für: 

Monat  Januar         850  Arbeitstage 

„  Februar       850  „ 

,^  März            850  ,, 

„  April          1300  „ 

„  Mai            1300  „ 

„  Juni            1350  „ 

„  JuU            1560  „ 

„  August       1600  „ 

„  September  1350  ,, 

„  Oktober     1450  „ 

„  November    900  „ 

,,  Dezember    850  ,, 

Der  Bedarf  für  das  ganze  Jahr  beträgt  mithin  14200  Arbeitstage. 
Bei  gleichmäfsiger  Verteilung  würde  dies  pro  Monat  einen  Bedarf  von 
1183  Tagen  geben.  In  der  That  entfallen  aber  auf  die  Winterperiode  = 
4300  Arbeitstage  oder  i.  D.  pro  Monat  =  860,  auf  die  Sommerperiode 
=^  9900  Arbeitstage  oder  i.  D.  pro  Monat  =  1414.  Es  erfordert  also 
ein  Monat  der  Sommerperiode  einen  Arbeitsbedarf,  der  das  1,6  fache 
ist  Yon  dem  eines  Monates  der  Winterperiode.  Von  der  auf  das 
ganze  Jahr  berechneten  monatlichen  Durchschnittszahl  erfordert  ein 
Sommermonat  das  l,a  fache,  ein  Wintermonat  das  0,7  fache. '  Innerhalb 
der  Winterperiode  bestehen  zwischen  dem  Arbeitsbedarf  der  einzelnen 
Monate  keine  erheblichen  Dififerenzen.  Innerhalb  der  Sommerperiode 
hingegen  schwankt  der  Bedarf  der  einzelnen  Monate  von  1300—1600 
Arbeitstagen  um  das  Mittel  von  1414.  Den  höchsten  Bedarf  erfordern 
die  Monate  Juli  und  August  mit  1550  bezw.  1600  Arbeitstagen.  Der 
Monat  August  benötigt  mithin  von :  der  au&  ganze  Jahr  berechneten 
Durchschnittszahl  das  1,8 fache,  von  dem  Durchschnittsbedarf  der 
Sommermonate  das  l,i  fache,  von  dem  Arbeitsbedarf  des  arbeitsärmsteu 
Monates  der  Winterperiode  fast  das  2,o  fache.  —  Zieht  man  den  Ar- 
beitsbedarf der  einzelnen  Monate  nach  Vierteljahren  zusammen,  so  er- 
gibt sich: 

fürs  I.  Quartal  ein  Bedarf  von  2550  Arbeitstagen 

n     H-  f)  n  n  n      *>90ü  ,, 

„HL        „        «        w         «    4500  „ 

«IV.        „         „         „  „     3200 

Sunmia:  14200  „ 


—     7     — 

Arbeit  schicken  mafs.  Zu  Zeiten  grofaen  Arbeitsbedarfes 
anlserdem  die  EhefinueD  zur  Arbeit  kommen ,  sowohl  von  den  f&nf- 
zehn  Tagelöhnerfamilien ,  wie  auch  Ton  den  bei  der  Viehhaltung  be- 
flchäftigten  Deputanten.  Der  Tagelohn  beträgt  sowohl  im  Sommer 
wie  auch  im  Winter  für  alle  diese  Personen :  0,30  Mk.  AuTser  diesen 
Arbeitern  beschäftigt  das  Out  Tom  Monat  April  bis  Oktober  noch 
ständig  eine  Zahl  von  Korrigenden  aus  einer  nahe  gelegenen  Korri- 
genden-Ajistalt ,  deren  Oeldlohn  pro  Tag  sa  1,00  Mk.  beträgt.  In 
den  Erntemonaten  Juli  und  August  kommen  aufserdem  noch  aus  den 
mnli^enden  Ortschaften  einige  fremde  Arbeiter  zum  Mähen ,  wofür 
dieselben  2  Mk.  Tagelohn  erhalten.  Zum  Kartoffelausnehmen  er- 
scheinen noch  weitere  fremde  Arbeiter:  der  durchschnittliche  Ver- 
dienst bei  dieser  im  Akkord  Terrichteten  Arbeit  beträgt  pro  Tag  und 
Mann  «=»  1,00  Mk.  Die  Sommerperiode  währt  ungefähr  von  Anfang 
April  bis  Ende  Oktober.  —  Die  Angaben  aus  dieser  Wirtschaft  bilden 
das  Mittel  aus  den  Jahren  1887,  1888,  1889.  Da  jedoch  nur  die 
gezahlten  Lohnsummen  und  nicht  unmittelbar  die  geleisteten  Arbeits- 
tage zu  ermitteln  waren,  ist  es  notwendig,  die  letzteren  aus  den  ersteren 
zn  berechnen. 

Es  wurden  gezahlt  an  Lohnsummen: 


in: 

TagüiSiater 

Komgenden 

Emtearbeiter  KarioffeUusnaliiBsr 

iO^Hk. 

i  1,00  Mk. 

k  2,00  Mk. 

A  1,00  Mk. 

Im: 

Januar 

265  Hk. 

— 

— 

— 

Februar 

860 

« 

— 

— 

— 

März 

258 

7» 

— 

— 

April 

864 

n 

412  Mk. 

— 

— 

Mai 

872 

« 

400     „ 

— 

— 

Juni 

877 

n 

429     ^ 

— 

Jdi 

300 

ji 

445     „ 

166  Mk. 

— 

August 

321 

r» 

429     „ 

166    „ 

Septembei 

878 

« 

429     „ 

— 

Oktober 

110 

r 

429     , 

^— 

645  Mk. 

NoTember  868 

n 

— 



— 

Dezember  S6S 

M 

._ 

^^ 

._ 

Dabei  sind  in  den  Wintermonaten  auch  für  das  Dreschen ,  das  im 
AUkord  stattfindet,  Lohntage  k  0,30  Mk.  gesetzt.  Durch  Division  der 
gezahlten  Lohnsummen  mit  den  angegebenen  Lohnsätzen  kann  man 
die  Zahl  der  geleisteten  Arbeitstage  ermitteln.    Thut  man   dies  und 


—    8    — 


Tuodet  die  sich  dann  ergebenden  Summen  der  Übersichtlichkeit  auf 
50  und  100  ab,  so  ergibt  sich  ein  Bedarf  an  Arbeitstagen  für: 


Monat  Januar 

850  Arbeitstage 

Februar 

860          ,, 

März 

850          ,, 

April 

1300          „ 

Mai 

1300          „ 

Juni 

1350          „ 

JuH 

1560          „ 

}9 

August 

1600          „ 

September 

1360          „ 

9J 

Oktober 

1450 

ff 

November 

900          „ 

Dezember 

850          „ 

Der  Bedarf  für  das  ganze  Jahr  beträgt  mithin  14200  Arbeitstage. 
Bei  gleichmäfsiger  Verteilung  würde  dies  pro  Monat  einen  Bedarf  von 
1183  Tagen  geben.  In  der  That  entfallen  aber  auf  die  Winterperiode  = 
4300  Arbeitstage  oder  i.  D.  pro  Monat  =  860,  auf  die  Sommerperiode 
=^  9900  Arbeitstage  oder  i.  D.  pro  Monat  =  1414.  Es  erfordert  also 
ein  Monat  der  Sommerperiode  einen  Arbeitsbedarf,  der  das  1,6  fache 
ist  von  dem  eines  Monates  der  Winterperiode.  Von  der  auf  das 
ganze  Jahr  berechneten  monatlichen  Durchschnittszahl  erfordert  ein 
Sommermonat  das  1,2  fache,  ein  Wintermonat  das  Oj  fache. '  Innerhalb 
der  Winterperiode  bestehen  zwischen  dem  Arbeitsbedarf  der  einzelnen 
Monate  keine  erheblichen  Differenzen.  Innerhalb  der  Sommerperiode 
hingegen  schwankt  der  Bedarf  der  einzelnen  Monate  von  1300—1600 
Arbeitstagen  um  das  Mittel  von  1414.  Den  höchsten  Bedarf  erfordern 
die  Monate  Juli  und  August  mit  1550  bezw.  1600  Arbeitstagen.  Der 
Monat  August  benötigt  mithin  von :  der  aufis  ganze  Jahr  berechneten 
Durchschnittszahl  das  1,3 fache,  von  dem  Durchschnittsbedarf  der 
Sommermonate  das  l,i  fiEiche,  von  dem  Arbeitsbedarf  des  arbeitsärmsten 
Monates  der  Winterperiode  fast  das  2,o  fache.  —  Zieht  man  den  Ar- 
beitsbedarf der  einzelnen  Monate  nach  Vierteljahren  zusammen,  so  er- 
gibt sich: 

fürs  I.  Quartal  ein  Bedarf  von  2560  Arbeitstagen 

M  JLX.  M  M  M  M  OafOU 


«HL 
„IV. 


n 


n 


n 


n 


n 


n 


n 


n 


n 


n 


4500 
3200 


Summa:  14200 


n 


» 


« 


n 


-     9     — 

Nimmt  man  den  Bedarf  des  I.  Quartals  als  Einheit  ^   so  ergibt 
sich  derselbe : 

fürs  I.  Quartal  1 

^ni.      „    1,7 

«IV.         «       1,2. 


HL   Die  SchwankuDgen  im  Arbeitsbedarf  im  Betrieb  des 
Bittergates  0.  In  der  Prorlnz  Sehlesien, 

Das  Ghit  wird  nach  dem  Prinzip  des  Fruchtwechsels  bewirt- 
sdiaftet,  mit  welchem  jedoch  ein  einjähriger  Weideschlag  verbunden 
ist  Rüben  werden  nicht  gebaut.  Die  Sommerperiode  währt  ungefähr 
Ton  Ende  April  bis  AnÜEing  November. 

Die  Arbeiten  werden  von  in  den  naheliegenden  Dörfern  ansäs- 
!ngen  gnindbe8it7enden  Tagelöhnern  verrichtet.  Die  nachfolgenden 
Zahlen  sind  das  Mittel  aus  den  Jahren  1884,  1886,  1886.  Es  wurden 
geleistet: 


im  Monat: 

Mannstage : 

Frauentage : 

Januar 

178 

316 

Februar 

187 

224 

März 

168 

231 

April 

183 

307 

Mai 

339 

394 

Juni 

207 

442 

JuU 

281 

397 

August 

'  247 

461 

September 

161 

486 

Oktober 

246 

312 

November 

229 

433 

Dezember 

163 

317 

Beduziert  man  die  Frauentage  auf  Mannstage  und  rundet  die 
sich  dann  ergebenden  Summen  auf  10,  20,  30  u.  s.  w.  ab,  so  beträgt 
der  Bedaif : 

im  Januar       390  Mannstage 

„  Februar     340  „ 

„  März  320  „ 

„  April  390  „ 

«  Mai  500 


—     10    — 

im  Juni  500  MannBtage 

„  Juli  650  „ 

„  August  560  „ 

„  September  480  ^ 

„  Oktober  450  „ 

„  November  520  „ 

„  Dezember  370  „ 

Mithin  beträgt  der  Arbeitsbedarf  für  das  ganze  Jahr  5360  Manns- 
tage. Bei  einer  gleichmäfsigen  Verteilung  würde  dies  pro  Monat  446 
Arbeitstage  machen.  In  der  That  entfallen  aber  auf  die  Winter- 
periode 1940  Tage  oder  pro  Monat  derselben  388 ;  auf  die  Sommer- 
periode 3420  Tage  oder  pro  Monat  derselben  487.  Es  erfordert  also 
durchschnittlich  ein  Monat  der  Sommerperiode  einen  Arbeitsbedarf, 
der  das  l,s£Bkche  ist  von  dem  eines  Monates  der  Winterperiode.  Von 
der  auf  das  ganze  Jahr  berechneten  monatlichen  Durchschnittszahl 
von  446  Arbeitstagen  erfordert  ein  Monat  der  Sommerperiode  das 
ly09£su)he,  ein  Monat  der  Winterperiode  das  0,8  fache.  Innerhalb 
der  Winterperiode  findet  eine  wesentliche  Differenz  im  Arbeitsbedarf 
nur  durch  den  yerhältnismäfsig  hohen  Bedarf  des  Novembers  statt. 
In  der  Sommerperiode  hingegen  schwankt  der  Bedarf  der  einzelnen 
Monate  yon  390  bis  550  um  das  Mittel  yon  487  Arbeitstagen.  Den 
höchsten  Bedarf  erfordern  die  beiden  Monate  Juli  und  August  mit  je 
550  Arbeitstagen.    Sie  erfordern  jeder: 

das  l,s  fache  von  der  Durchschnittszahl  aller  zwölf  Monate, 
n     1,1     ,,       »      »  n  j,    der  Sommermonate, 

,,    1,6     ,,       yj    dem  Bedarf  des  arbeitsärmsten  Wintermonates. 

Zieht  man  die  Arbeitstagesummen    der  einzelnen  Monate  nach 
Vierteljahren  zusanmien,  so  ergibt  sich  ein  Bedarf: 

für  das   1.  Quartal  yon  1050  Mannstagen 
»      »    II*        »        »     1390  „ 

j>      yj  III.         „         „     1580  „ 

„      „   IV.         ,,         ?>     1340  ,1 

Summa:  5360  Mannstage. 

Nimmt  man  den  Arbeitstag  des  I.  Quartals  als  Einheit,  so  be- 
trägt derselbe: 

im  I.    Quartal  =  1 

„III.         „         —  1,6 

10 


—   11   — 


IV.  Schwankungen  im  Arbeltsbedarf  Im  Betrieb  des 

Rittergates  H.  In  Westfalen. 

Das  Gut  wird  in  freier  Wirtschaft  nach  dem  System  des  Frucht- 
wechsels bewirtschaftet.  Dabei  findet  ein  ausgedehnter  Anbau  von 
Zuckerrüben  statt.  Die  gesamte  Arbeit  wird  von  freien  Arbeitern 
Terrichtet,  die  zum  Teil  in  der  Umgegend  Eleingrundbesitz  inne 
haben,  zum  anderen  Teil  als  Wanderarbeiter  aus  dem  Eichsfeld  kommen. 
Es  wird  durchweg  in  baarem  Gelde  gelöhnt.  Im  Durchschnitt  kann 
der  Mannstagelohn  im  Sommer  zu  1,60  Mark,  im  Winter  zu  1,20  Mark 
angenommen  werden.  Die  Sommerperiode  währt  ungefähr  von  Ende 
April  bis  Ende  Oktober.  —  Die  folgenden  Zahlen  sind  als  Mittel  der 
Wirtschaftsjahre  1887,  1888,  1889  gewonnen.  Es  betrug  die  Summe 
des  gezahlten  Lohnes  auf  je  vier  Wochen  berechnet  nach  Abrundung 
der  Summen  auf  50  und  100: 

für  die  Wochen      1—4    =    500  Mk. 

4-8    =    600 
8—12  =    550 

12—16  =    500 

16—20  =  1000 

20—24  —  1400 

24—28  =-  1750 

28—32  =  1600 

32—36  =  2000 

36—40  =  1350 

40—44  ^  1450 


jj 


ff 


jf 


fj 


jj 


jj 


99 


W 


ff 


J1 


99 


99 


99 


» 


99 


99 


J> 


99 


99 


P 


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99 


99 


99 


yy 


>7 


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99 


99 


99 


V 


99 


99 


99 


» 


44-48  =  1060 
48—52  =    450 

Bezeichnet  man  die  dreizehn  yierwöchentlichen  Abschnitte  mit  den 
römischen  Ziffern  I— XIII,  so  bilden  Abschnitt  I— I V  und  Xu— XIII 
die  Winterperiode,  Abschnitt  V — XI  die  Sommerperiode.  um  aus  den 
Lohnsummen  die  geleisteten  Arbeitstage  zu  ermitteln,  ist  es  notwendig 
die  Lohnsummen  der  Winterperiode  mit  1,20,  die  der  Sommerperiode 
mit  1,60  zu  diyidieren.  Das  dadurch  erzielte  Resultat  wird  allerdings 
nicht  ganz  der  Wirklichkeit  entsprechen :  es  sind  nänüich  im  Sommer 
einige  Arbeiten  im  Akkord  verrichtet,  bei  welchen  der  Verdienst 
wi^rscheinlich  mehr  beträgt  wie  1,60  Mk.  Eine  Trennung  von  Tage- 
lohn und  Akkordlohn  war  aber  leider  unmöglich. 

Demgemäß  beträgt  die  Summe  der  geleisteten  Handarbeitstage: 


11 


—     12    — 

im  Tierwöchentlichen  Abschnitt   I  =:    400  Mannstage 

II  »    600 


9f 


» 


9f 


n 


fj 


79 


J7 


JJ 


n 


99 


» 


99 


99 


« 


99 


III 

... 

450 

IV 

— 

400 

V 

— 

650 

VI 

960 

99 


»> 


» 


99 


J> 


99 


99 


M 


99 


99 


M 


>J 


j; 


99 


99 


7> 


>> 


M 


>J 


7> 


M 


VII  =  1150 

VIII  =  1060 

IX  =  1350 

X  =    900 

XI  =    950 

XII  =    850 

XITI  =    350 

Dementsprechend  beträgt  der  Arbeitsbedarf  des  ganzen  Jahres 
=  9950  Arbeitstage.  Bei  einer  gleichmäfsigen  Verteilung  derselben 
über  das  ganze  Jahr  würden  auf  je  4  Wochen  =  765  Arbeitstage 
entÜEkUen.  In  der  That  entfallen  aber  auf  die  Winterperiode  =  2950 
Tage  und  im  Durchschnitt  auf  je  4  Wochen  derselben  =  491  Tage ; 
auf  je  4  Wochen  Somraerperiode  =  1000  Tage  und  auf  die  ganze 
Sommerperiode  =  7000  Tage.  Ein  vierwöchentlicher  Abschnitt  der 
Sommerperiode  erfordert  also  durchschnittlich  einen  über  zweimal  so 
hohen  Bedarf  wie  ein  solcher  Abschnitt  der  Winterperiode.  Von  der 
auf  das  ganze  Jahr  berechneten  monatlichen  Durchschnittszahl  be- 
nötigen je  4  Wochen  der  Sommerperiode  das  1,3 fache,  4  Wochen 
der  Winterperiode  das  0,6  fache.  Im  Gegensatz  zur  Winter- 
periode bestehen  innerhalb  der  Sommerperiode  zwischen  den  einzelnen 
4 wöchentlichen  Abschnitten  grofse  Schwankungen  im  Arbeitsbedarf: 
von  650 — 1350  um  das  Mittel  von  1000  Arbeitstagen.  Den  höchsten 
Bedarf  erfordern  die  Abschnitte  VII,  VIII  und  IX  mit  3550  Tagen 
oder  durchschnittlich  1183:  mithin  das  1,6  fache  des  auf  das  ganze 
Jahr  berechneten  Durchschnittsbedarfes  und  fast  das  1,2  fache  des  Durch- 
schnittsbedarfes der  Sommerperiode.  Der  Abschnitt  IX  erfordert 
den  höchsten  Bedarf  des  ganzen  Jahres :  nämlich  1350  Tage,  mithin 
fast  das  4,o  fache  des  arbeitsärmsten  Abschnittes  der  Winterperiode. 

Zieht  man  die  Arbeitstagesummen  der  einzelnen  Abschnitte  nach 
Vierteljahren  zusammen,  so  ergibt  dies  einen  Bedarf: 

für  das    I.  Quartal  =  1450  Mannstage 
II.         „        =  2475 


?> 


99 


99 


99 


J> 


?> 


ni. 

IV. 


99 


99 


>> 


=  3650 
=  2375 


99 


99 


99 


12 


•1 


—     13     — 

Nimmt  man  den  Arbeitabedarf  des  I.  Quartals  als  Einheit,  so 
betlägt  derselbe: 

im     I.  Quartal  ='  1 
„    n.        „        —  1,7 

„  ni.       „       =  2^ 


V.  Schwankangeii  im  Arbeitsbedarf  im  Betrieb  des 

Rittergutes  K,  in  ThüriDgen. 

Das  Gut  wird  nach  dem  System  des  Fruchtwechsels  bewirtschaftet. 
Dabei  findet  ein  Dicht  übermäfsig  ausgedehnter  Anbau  Ton  Zucker- 
rüben statt.  Die  gesamte  Arbeit  wird  von  freien  Arbeitern  verrichtet. 
Die  Sommerperiode  währt  von  Anfang  April  bis  Ende  Oktober.  — 
Die  nachfolgenden  Zahlen  sind  das  Mittel  der  drei  Wirtschaftsjahre 
1888.  1889,  1890.  Es  wurden  geleistet  durchschnittlich  an  jedem 
Tage  : 

im :  Mannstage :        Frauentage : 

Januar  8  22 

Februar  10  21 

März  9  24 

April  10  U 

Mai  8  49 

Juni  12  66 

Juli  19  82 

August  19  83 

September  19  93 

Oktober  11  89 

November  10  86 

Dezember  9  44 

Reduziert    man    die    Frauentage    auf    Mannstage   und    rundet    die 
Summen  auf  5  und  10  ab,  so  beträgt  der  Bedarf  an  jedem  Tage : 

für  Januar  20  Mannstage 

„  Februar  25  „ 

j,  März  26  ,, 

„  April  40  „ 

,,  Mai  40  ,f 

„  Juni  60        yj 

„  Juli  78  „ 

13 


—     14    — 

für  August  76  Mannstage 

„  September  80        „ 

„  Oktober  70        „ 

„  November  70        „ 

„  Dezember  40        f, 

Eechnet  man  auf  jeden  Monat  25  Arbeitstage   so   beträgt  der 
Bedarf: 

für  Januar  500  Mannstage. 

„  Februar       625  „ 

„  März  625 

„  April  1000  ,, 

„  Mai  1000  ^ 

„  Juni  1250  „ 

„  Juli  1875  „ 

„  August  1875  „ 

,,  September  2000  „ 

,,  Oktober  1750  „ 

„  November  1750  „ 

„  Dezember  1000  „ 

Mithin  beträgt  der  Arbeitsbedarf  für  das  ganze  Jahr  :=  1 6  250  Manns- 
tage. Bei  einer  gleichmäfsigeu  Verteilung  würde  dies  pro  Monat 
=  1270  Mannstage  machen.  Tn  der  That  entfallen  aber  auf  die  Winter- 
periode 4500  Tage,  oder  im  Durchschnitt  auf  einen  Monat  derselben 
=  900  Tage;  auf  die  Sommerperiode  =  10  750  Tage  oder  im  Durch- 
schnitt auf  einen  Monat  =  1535  Tage.  Es  erfordert  also  ein  Monat  der 
Sommerperiode  durchschnittlich  einen  Arbeitsbedarf,  der  1,7  mal  so 
grofs  ist  wie  der  eines  Monates  der  Winterperiode.  Von  der  auf  das 
ganze  Jahr  berechneten  Durchschnittszahl  von  1270  Tagen  erfordert 
ein  Monat  der  Sommerperiode  das  1,2  fache,  ein  Monat  der  Winter- 
periode das  0,7  fache.  Innerhalb  der  Winterperiode  findet  eine 
wesentliche  Differenz ')  im  Arbeitsbedarf  der  einzelnen  Monate  nicht 
statt.  In  der  Sommerperiode  hingegen  schwankt  der  Bedarf  der  ein- 
zelnen Monate  von  1000 — 2000  um  das  Mittel  von  1535  Tagen.  Den 
höchsten  Bedarf  erfordert  der  Monat  September  mit  2000  Arbeits- 
tagen.   Demgemäfs  erfordert  der  September: 


')  Der  verhältnismäfsige  hohe  Arbeitsbedarf  dei  Novembers  ist  durch  eine 
verspätete  Rübenemte  verursacht. 

u 


—    16    — 

das  Ifi  fache  yom  Durchschnitt  aller  zwölf  Monate, 
^    1,8     n        »  n  der  Sommerperiode, 

„    4,0     n        „     Bedarf  des  arbeitsärmsten  Monates  der 
Winterperiode. 

Zieht  man  die  Arbeitsbedarfinummen  der  einzelnen  Monate  nach 
Yierte^ahren  zusammen,  so  ergibt  sich  ein  Bedarf: 

für    L  Quartal  von  1760  Mannstagen 
„    n.       „         „     3260 
„  ni.       „         „     6760 
„  IV.       „  „4600 

Nimmt  man  den  Bedarf  des  I.  Quartals  als  Einheit  an,  so  be- 
trägt derselbe  : 

im     I.  Quartal  =  1 
„    n.        „        =1,8 
„  ni.        „        =3,8 
«    IV.        „        =2,6 


yi.  ZuBUinieiifassiiiig  der  aus  den  fünf  Wirtsehaften  bezttgUclL 
der  Sehwankongen  sich  ergebenden  Besoltate. 

!Nach  den  Yorangegangenen  beträgt  —  den  Bedarf  des  I.  Quar- 
tals als  Einheit  genommen  —  der  Arbeitebedarf: 


für  Quartal:  I. 

n. 

TTT. 

IV. 

beiWirtüchaft    I       1 

1,8 

1,7 

1,1 

n     1 

1,» 

1,7 

M 

m     1 

M 

M 

1,8 

IV       1 

1,7 

2,6 

1,« 

V       1 

M 

3,8 

3,6 

Im  Durchschnitt  aller  fünf  Wirtschaften  macht  dies  einen  Ar- 
beitsbedarf: 

für  Quartal     1  =  1 

n  =  1,6 

„     ni  =  2,1 

„         IV  =  1,6. 

Die  Wirtschaften  I,  11  und  III  stimmen  mit  Rücksicht  auf  die 
Höhe  der  Arbeitsintensität  ungefähr  überein;  desgleichen  die  Wirt- 
sdiaften  IV  und  Y  durch   den  Bübenbau.     Im  Durchschnitt  der 

I,  II  und  m  beträgt  der  Arbeitsbedarf: 

16 


—   lö  — 

für    I.  Quartal  =  1 

„  ni.     „     =  1,6 

„IV.       „       =  1,1 

Im  Durchschnitt  der  Wirtschaften  IV  und  V: 

für    I.  Quartal  .=  1 
„     II.         „        =  1,7 
„  III.         „         =  2,8 
„    IV.         „         =  2,0 

Zieht  man  die  Quartale  I  und  IV  zur  Winterperiode,  die  Quar- 
tale II  und  m  zur  Sommerperiode  zusammen,  so  stellt  sich  der 
Arbeitsbedarf: 

fdr  die  Winterperiode:  für  die  Sommerperiode: 

bei  Wirtschaft    I  =  2,i  3,o 

II  =  2,2  3,2 

in  =  2,2  2,8 

IV  =  2,6  4,2 

f,  V  =  3,6  5,0 

Im  Durchschnitt  aller  fünf  Wirtschaften  macht  dies  einen  Arbeits« 

bedarf: 

für  die  Winterperiode   =  2,5 

„     „    Sommerperiode  =  3,6 

Mithin  erfordert  die  Winterperiode  einen  Arbeitsbedarf,  der  1,4  mal 

so  grofs  ist  wie  der  der  Winterperiode. 

Im  Durchschnitt  der  Wirtschaften  I,  II  und  HE  beträgt  der 
Arbeitsbedarf: 

für  die  Winterperiode    =  6,6:3  =  2,16 
„      „    Sommerperiode  =  9,0:3  =  3,00.  j 

Mithin  erfordert  die  Sommerperiode  einen  Arbeitsbed^,  der 
1,3  mal  so  grofs  ist  wie  der  der  Winterperiode. 

Im  Durchschnitt  der  beiden  Wirtschaften  IV  und  V  beträgt  der 

Arbeitsbedarf: 

für  die  Winterperiode    =  3,o 

„     „    Sommerperiode  =  4,6 

Mithin    erfordert   letztere    einen   Arbeitsbedarf,    der  1,5  mal  so 

grofs  ist  wie  der  der  Winterperiode.  ^) 


')  Bei  den  Wirtschaften  IV  und  V  miifste  der  Monat  November  eigentlich 
noch  jsar  Sommerperiode  gerechnet  werden.  Alsdann  würde  die  Differens  an 
Abeitsbedarf  zwischen  Sommer  und  Winter  eine  noch  bedeutend  grÖfsere. 


16 


—     17    — 

Es  ist  herrorzuhebeDy  dals  diese  Zahlen  ein  Bild  nicht  von  den 
Schwanknng^i  im  Arbeitsbedarf  geben,  wie  sie  in  der  Landwirtschaft 
mit  Bücksicht  anf  Erzielang  möglichst  hoher  Roherträge  stattfinden 
könnten,  sondern  yon  Schwankungen  wie  sie,  den  thatsächlichen  Ver- 
haltnissen  Rechnung  tragend,  einige  Betriebe  aufweisen. 


SiaatawisMnscIuiltt.  Stadial.  ^17  ^ 

2 


Die  aus  den  Schwankungen  im  Handarbeitsbedarf 

sich  ergebenden  Nachteile. 


Aus  dem  MifsTerliältDis,  das  mit  Bücksiclit  auf  den  Bedarf  an 
Handarbeit  in  den  yerschiedenen  Perioden  des  Jahres  in  der  Land- 
wirtschaft besteht,  ergeben  sich  Nachteile  mannigfaltiger  Natur :  yom 
priTatwirtschaftlichen  Standpunkt  betrachtet,  für  Unter- 
nehmer einerseits  und  Arbeiter  anderseits;  yom  allgemein- 
wirtschaftlichen Standpunkt  erwogen,  für  das  Wohl  des  ge- 
samten Staates. 

Um  die  Natur  dieser  Nachteile  richtig  erkennen  zu  können,  ist 
in  den  folgenden  Erörterungen  das  landwirtschaftliche  Gewerbe  zu- 
nächst als  isoliert  betrachtet ;  so  daüs  also  für  die  in  ihm  beschäftigten 
Arbeiter  der  dadurch  erworbene  Lohn  als  einzige  Quelle  ihres  Ein- 
kommens anzunehmen  ist.  Li  der  Wirklichkeit  ist  dem  ja  oft  nicht  so : 
eine  grolse  2iahl  der  in  den  arbeitsreichen  Perioden  in  der  Land- 
wirtschaft beschäftigten  Arbeiter  findet  yielmehr  in  den  arbeitsannen 
Perioden  im  Waldbau,  der  eigenen  Häuslichkeit,  Lidustrie,  im  eigenen 
Kleingrundbesitz  u.  s.  w.  noch  eine  andere  Erwerbsquelle;  welchen 
Einfluls  dies  aber  auf  den  landwirtschaftlichen  Betrieb  hat,  soll  in 
einem  ferneren  Teil  dieser  Abhandlung  erörtert  werden. 

Zwischen  den  berechtigten  Bedtu^issen  und  Ansprüchen  des 
Arbeitgebers  und  Arbeitnehmers  entsteht  durch  die  Schwan- 
kungen im  Handarbeitebedarf  ein  Gegensatz :  ^)  im  Literesse  des  Unter- 


^)  Vergl«  die  Abhandlung  von  von  der  Goltz,  „Die  Verschiedenheit  des  Be- 
darfs an  menschlichen  Arbeitskräften  u.  s.  w.**,  in  Fühlings  landwirtsch.  Zei- 
tung 1889. 


16 


—     19    — 

• 

nehmen  mnls  es  liegen,  in  den  arbeitsreichen  Perioden  des  Jahres 
stets  so  Tiel  Arbeiter  zur  Verfügung  zu  haben,  wie  er  noch  ndt 
Nutzen  beschäftigen  kann.  In  den  arbeitsannen  Perioden  hingegen 
wQl  er  nur  so  vielen  derselben  Arbeit  geben,  dals  ihm  daraus  zum 
mindesten  kein  Nachteil  entsteht.  —  Das  natürlichste  Interesse  des 
Arbeiters  erfordert  es,  dals  er  das  ganze  Jahr  hindurch  gleichmälsig 
soTiel  Arbeit  und  dafOr  auch  angemessenen  Lohn  erhalte,  dals  er 
dayon  sein  und  seiner  Familie  Unterhalt  bestreiten  kann«  Je  voll- 
ständiger in  diesem  Widerstreit  die  Interessen  des  einen  Teiles  be- 
firiedigt  werden,  desto  mehr  werden  die  des  anderen  geschädigt.  Eine 
gleichzeitige  Befriedigung  beider  Teile  ist,  die  Landwirtschaft  als  all- 
einige Erwerbsquelle  für  den  Arbeiter  angenommen,  nicht  möglich. 
Am  deutlichsten  tritt  die  Interessenschädigung  an  den  Extremen  zu 
Tage :  für  den  Unternehmer,  wenn  er  die  gesamten  Arbeitskräfte  des 
Sommers  auch  im  Winter  beschäftigen  muls ;  für  den  Arbeiter,  wenn 
nur  ein  kleiner  Teil  der  sommerlichen  Arbeiter  auch  im  Winter  im 
landwirtschaftlichen  Betrieb  Erwerb  findet.  Beide  Fälle  werden  aller- 
dings in  so  schroffer  Form  nur  selten  vorkommen.  In  die  Praxis 
übersetzt,  würde  der  eine  Fall  Deckung  des  gesamten  Arbeitsbedarfes 
durch  kontraktlich  gebundene  Tagelöhner,  der  andere  Fall  durch 
freie,  nicht  grundbesitzende  Arbeiter  d.  h.  Einlieger  bedeuten.  Die 
Verteilung  der  Nachteile  ist  vielmehr  im  Durchschnitt  eine  gleich- 
maCsige  auf  beide  Teile:  einerseits  klagen  die  Unternehmer  in  den 
arbeitsreichen  Perioden  über  Mangel  an  Arbeitern  zu  einem  ange- 
messenen Lohn;  andererseits  ist  es  für  einen  Teil  der  ländlichen 
Arbeiter  schwer,  in  den  arbeitsarmen  Perioden  angemessenen  Erwerb 
in  der  Landwirtschaft  zu  finden.  —  Ist  der  Unternehmer  ge- 
zvrungen,  fast  die  ganze  Arbeiterzahl  des  Sommers  auch  im  Winter 
zu  beschäftigen  und  zu  lohnen,  so  ergibt  sich  für  ihn  ein  Nachteil 
direkt  finanzieller  Natur.  Der  Reinertrag  eines  Betriebes 
besteht  aus  dem  Rohertrag  abzüglich  der  Wirtschaftskosten.  Hält 
der  Unternehmer  nun  so  viel  Tagelöhner  wie  er  im  Sommer  noch  mit 
Nutzen  im  Betrieb  beschäftigen  kann,  so  wird  er  im  Winter  einem 
groüsen  Teil  derselben  keine  Arbeit  geben  können:  den  Lohn  mufs 
er  ihnen  ab^  zahlen.  Die  Folge  davon  ist,  dafs  die  Wirtschafts- 
kosten so  hoch  steigen,  dafs  durch  sie  der  Reinertrag  in  erheblichem 
Hause  geschmälert  wird.  Hält  der  Unternehmer  andererseits  nur  so- 
viel Tagelöhner,  wie  er  im  Winter  beschäftigen  kann,  so  wird  in  der 
Sommerperiode  manche  Arbeit  unterbleiben  müssen,  die  den  Ertrag 
gesteigert  hätte.     Wie  im  ersteren  Falle  die  Erhöhung  der  Wirt- 

19  2* 

2* 


—    20    — 

Bchaftskosten,  ^)  so  bewirkt  hier  die  YerminderuDg  des  Rohertrages 
eine  Schmälerung  des  Beinertrages.  Setzt  man  zwei  Wirtschaften 
als  gegeben,  bei  denen  die  Prodnktionsfaktoren  Natur  und  Kapital 
in  Yollkommen  gleicher  Weise  beteiligt  sind,  so  wird  die  Höhe  des 
Reinertrages  bei  unveränderten  Produktenpreisen  von  dem  mehr  oder 
minder  günstigen  Verhalten  des  Faktors  Arbeit  abhängen,  unter 
solchen  umständen  wird  derjenige  Betrieb  einen  höheren  Beinertrag 
zu  erzielen  im  stände  sein,  welchem  in  den  arbeitsreichen  Perioden 
des  Jahres  beliebige  Mengen  von  Arbeitskräften  zu  Gebote  stehen, 
die  in  den  arbeitsarmen  Perioden  aufserhalb  der  Landwirtschaft  Er- 
werb finden.  Jede  Steigerung  der  Arbeitsintensität  bewirkt  zunächst 
eine  Steigerung  des  Bohertrages.  Ob  dabei  aber  auch  der  Beinertrag 
steigt  —  und  dieses  ist  ftlr  den  Unternehmer  der  endliche  Zweck 
der  Steigerung  der  Arbeitsintensität  — ,  hängt  davon  ab,  ob  durch 
die  um  den  Mehraufwand  an  Arbeit  gesteigerte  Wirtschaftskostea 
nicht  der  erzielte  Mehr-Bohertrag  verschlungen  wird.  In  landwirt- 
schaftlichen Betrieben,  die  die  Arbeiter  des  Sommers  auch  üat  voll- 
zählig im  Winter  beschäftigen  müssen,  wird  aus  diesem  Grunde  in 
zahhreichen  Fällen  eine  Steigerung  der  Arbeitsintensität  nicht  wirt- 
schaftlich sein;  denn  in  solchen  Betrieben  müfste  der  den  nur  im 
Sommer  beschäftigten  Arbeitern  gezahlte  Lohn  so  hoch  sein,  dafs  sie 
auch  in  den  nicht  beschäftigten  Perioden  davon  leben  können.  Es  ist 
nämlich  eine  Eigentümlichkeit  bei  der  Steigerung  der  Arbeitsintensität 
in  der  Landwirtschaft ,  dafs  sie  sich  in  der  Hauptsache  auf  die  be- 
reits arbeitsreichere  Sommerperiode,  zum  geringeren  Teil  auf  die 
arbeitsärmere  Winterperiode  erstreckt.  Dadurch  wird  dann  natürlich 
das  Mifsverhältnis  zwischen  beiden  Perioden  in  Bezug  auf  Höhe  des 
Arbeitsbedarfes  noch  vermehrt.  Die  Steigerung  der  Arbeitsintensität 
erstreckt  sich  hauptsächlich  auf  Anbau,  Kultur  und  Ernte  der 
Pflanzen:  die  durch  die  Erhöhung  der  Boherträge  benötigten  Mehr- 
arbeiten ftir  Dreschen  und  andererseits  fiir  eine  bessere  Düngung  der 
Felder  stehen  dazu  in  einem  untergeordneten  Verhältnis.  Li  dem 
vorhergegangenen  Teil  dieser  Abhandlung  ist  an  Beispielen  aus  der 
Praxis  gezeigt,  wie  bei  intensiveren  Betrieben  die  Differenz  an  Arbeits- 
bedarf eine  gröfsere  wird.  Andererseits  sind  in  einem  noch  folgenden 
Teil  ftLr  die  Fruchtfolgen :    Koppelwirtschaft,  Kömerwirtschaft,  ver- 


>)  um  wieviel  teurer  ein  Landwirt  mit  kontraktlich  gebundenen  Tage- 
löhnern wirtschaftet  wie  mit  freien  Arbeitern,  darüber  vergl.  den  zahlenmaftigen 
Nachweis  in  von  der  Gk>lt8  p Ländliche  Arbeiterfrage  und  ihre  Lösang**  Seite  36. 


90 


—    21     — 

besserte  Kömerwirtschafty  Koppelwirtschaft  kombiniert  mit  Fracht- 
wechselwirtschafty  Frachtwechselwirtschaft  and  Bübenwirtschaft  für 
eine  WirtBchaft  von  1000  Morgen  Ackerland  der  Arbeitsbedarf  für 
Winter-  and  Sommerperiode  getrennt  im  einzelnen  berechnet.  Nach 
diesen  Berechnangen  ^)  steht  am  extensivsten  die  Koppelwirtschaft^ 
am  intensivsten  die  Bübenwirtschaft  da.  Der  Gesamtarbeitsbedarf  der 
enteren  beträgt  2886  Mannstage  ^  der  der  letzteren  7646  Mannstage. 
Es  betragt  der  Bedarf: 

der  Sommerperiode:  der  Winterperiode: 

Für  Koppelwirtschaft  1708  1178  Tage 

,,  Bübenwirtschaft   5472  2074    ,, 

Der  Gesamtarbeitsbedarf  hatte  sich  mithin  bei  Bübenwirtschaft 
aaf  das  2,6  fache  gesteigert,  dagegen  der  Bedarf  der : 

Sommerperiode  allein  aaf  das  3,a  fache 
Winterperiode  allein    „      „     1,7  fache. 

Ist  die  Landwirtschaft  nor  aaf  Arbeiter  angewiesen ,  die  den  in 
ihr  verdienten  Lohn*)  als  alleinige  Erwerbsqaelle  betrachten  müssen, 
80  würden  in  den  einzelnen  Betrieben  viele  Einrichtangen  nicht  ge* 
trofifen  werden  können ,  darch  die  allein  die  Erzielnng  des  gröfsten 
Beinertrages  möglich  ist.  Trotzdem  alle  übrigen  wirtschaftlichen  and 
natürlichen  Verhältnisse  diesen  Mafsregeln  günstig  sein  mögen,  wird 
eine  vergrölserte  Aasdehnang  oder  Einfuhrang  des  Anbaaes  von 
Handels-  and  Fabrikpflanzen,  des  Hackfrachtbaaes ,  der  Drillkaltar 
u.  s.  w.')  nar  am  deswegen  nicht  möglich  sein,  weil  dadarch  die 
Differenz  an  Arbeitsbedarf  zwischen  Sommer  and  Winter  gesteigert 
wird.  Darchzafbhren  wären  anter  solchen  Verhältnissen  diese  Mafs- 
regeln nar  so ,  daCa  man  den  nar  in  der  Sommerperiode  beschäftigten 
Arbeitern  einen  so  hohen  Lohn  gäbe,  daCa  sie  davon  anch  in  der 
arbeitsarmen  Winterperiode  leben  könnten.  Li  den  Bübenbaadistrikten 
liegen  die  Verhältnisse  znm  Teil  wirklich  so:  die  Sachsengänger 
leben  den  gröfsten  Teil  des  Winters  ohne  Arbeit  von  dem  im  Sonuner 
verdienten  Lohn.^)  Die  Möglichkeit  dieser  Erscheinnng  ist  jedoch 
durch    verschiedene  Umstände  bedingt.     Einmal  befinden   sich   die 


')  VergL  Seite  84  fg. 

")  Wie  dies  ihats&chlich  in  grofien  Teüen  Norddeutsohltnda  der  Fall  ist, 
daraber  vergl.  von  der  Goltz  „Ländliche  Arbeiterfrage**  Seite  88  n.  89, 

*)  Ton  der  Oolts  in  Fühlings  landwirtsch.  Zeitung  a.  a.  O. 

*)  VergL  Kaerger,  „Die  Saehsengangerei**  in  den  aLandwirtsoh.  Jahr- 
bücher" heraa«geg.  von  Thiel.    XIX.  Bd. 

21 


—     22    — 

Wirtschaften,  die  diesen  hohen  Lohn  zu  zahlen  im  stände  sind,  in 
anlserordentlich  günstigen  wirtschaftlichen  Verhältnissen.  Femer  sind 
diese  Arbeiter  £EU9t  durchweg  ledige  Personen;  es  liegt  auf  der  Hand, 
dab  es  für  sie  allein  bedeutend  leichter  sich  ermöglichen  l&bt,  bei 
gutem  Verdienst  und  sparsamem  Lebenswandel  Ton  dem  Erwerb  der 
Sommermonate  auch  während  der  beschäftigungslosen  Wintertage 
ihren  Unterhalt  zu  bestreiten,  ak  wenn  sie  aulser  ffir  sich  auch  noch 
für  Frau  und  Kinder  zu  sorgen  hätten.  Noch  mehr  fallt  in  Betracht, 
dais  sie  &8t  ausnahmslos  Angehörige  Ton  Eleingrundbesitzem  sind 
und  somit  an  dem  Grundbesitz  der  letzteren  einen  wesentlichen  Rück- 
halt für  die  yerdiensüose  Zeit  besitzen.  Der  Nachteil  für  den  Unter- 
nehmer wird  in  yielen  Fällen  deshalb  nicht  klar  zu  Tage  treten,  weil 
er  den  Betrieb  meist  unter  den  bestehenden  ArbeiterverhältniBsen 
übernommen  hat  und  demgemäCa  im  Kau^reis  nur  den  kapitaUsierten 
Beinertrag  bezahlt  hat  oder  wenigstens  haben  soll,  der  unter  den  be- 
stehenden Arbeiteryerhaltnissen  erzielt  werden  kann.  Deutlich  tritt 
aber  der  Nachteil  dann  hervor,  wenn  einem  Betriebe,  dem  bisher  im 
Sommer  eine  grolse  Zahl  yon  Arbeitern  zu  Gebote  stand,  die  im 
Winter  anderen  Erwerb  fanden,  diese  Arbeitskräfte  plötzlich  yerloren 
gehen.  Von  da  ab  wird  der  Betrieb  in  Bezug  auf  Arbeit  exten- 
siver wirtschaften  müssen  und  so  den  bisherigen  Beinertrag  nicht 
mehr  erzielen  können. 

Nimmt  man  für  den  landwirtschaftlichen  Arbeiter  den 
im  Betriebe  des  Unternehmers  erworbenen  Lohn  als  einziges  Mittel 
zur  Bestreitung  seines  Lebensunterhaltes  an,  so  findet  er  mit  Rück- 
sicht auf  die  Gleichmälsigkeit  und  Sicherheit  dieser  Erwerbsquelle 
eine  Befriedigung  seiner  Interessen  am  besten  als  kontraktlich  ge- 
bundener Tagelöhner.*)  Als  freier  Arbeiter  d.  h.  Einlieger  ist  für 
ihn  diese  Gleichmäfsigkeit  und  Sicherheit  nicht  vorhanden:  vielmehr 
lebt  er  stets  in  der  Gefaiir  von  dem  Unternehmer  nur  intermittierend  be- 
schäftigt zu  werden.  Durch  eine  solche  Entziehung  der  Arbeitsge- 
legenheit versiegt  aber  die  einzige  Quelle  seiner  Einnahmen:  nur  all- 
zuleicht geraten  er  imd  die  Seinen  in  Not.  Es  ist  hervorzuheben, 
dals .  zwischen  den  Nachteilen ,  die  sich  aus  dem  Mifsverhaltnis  im 
Arbeitsbedarf  zu  den  verschiedenen  Jahreszeiten  für  Unternehmer  und 
Arbeiter  ergeben,  ein  Unterschied  von  der  gröfsten  Bedeutung  besteht. 
Für  den  Unternehmer  besteht  der  Nachteil  nur  darin,  dals  er  die  Er- 


0  Über  die  Sehattenseiten  dieses  Arbeitsverhältnisses  in  anderer  Hinsicht 
vergl.  von  dar  Qolts,   Handbnoh  der  landwirtsoh.  Betriebslehre  Seite  866  ff. 


SS 


—     28    — 

triige  seineB  Gutes  nicht  höher  steigern  kann ;  hat  er  den  Betrieb  mit 
dem  kapitalisierten  Beinertrag  als  Kan^reis  übemommeD,  so  ist  für 
um  eine  direkte  Gefährdung  seiner  Existenz  durch  die  Schwankungen 
im  Arbeitsbedarf  nicht  yorhanden.  Für  den  Arbeiter  wird  durch 
letztere  f&r  längere  Zeiten  im  Jahre  die  Erwerbsgelegenheit  zu  einer 
imgewissen  gemacht :  es  liegt  auf  der  Hand  ^  wie  dadurch  unmittelbar 
sein  und  seiner  Familie  Existenz  geflUirdet  wird. 

Dadurch,  dals  seine  Arbeit  nur  periodisch  im  Betriebe  des 
Unternehmers  gebraucht  wird,  kann  es  zu  einer  Interessengemeinschaft 
zwischoi  beiden  nicht  kommen;  damit  geht  der  Bückhalt,  den  ein 
ständig  beschäftigter  Arbeiter  doch  für  schlechte  Zeiten  stets  an  dem 
Betriebe  des  Unternehmers  hat,  verloren.  Um  im  Winter  in  den  un- 
beschäftigten und  Terdienstlosen  Tagen  seinen  Unterhalt  zu  bestreiten, 
rnnüs  der  Arbeiter  Yon  dem  Lohn  der  beschäftigten  Tage  etwas  er- 
sparen und  zu  diesem  Zwecke  zurücklegen.  In  den  meisten  Fällen 
ist  aüerdings  der  Tagelohn  für  nur  periodisch  beschäftigte  Arbeiter 
höher  als  für  solche,  die  das  ganze  Jahr  hindurch  in  demsdben  Betrieb 
Arbeit  erhalten;  er  übersteigt  denselben  aber  nie  um  so  viel,  daCs 
der  ganze  Jahresyerdienst  der  periodisch  beschäftigten  Arbeiter  eben- 
so hoch  wäre,  wie  der  der  ständig  beschäftigten.  Von  diesem  Yer- 
dienete  allein  kann  der  Arbeiter  ako  nur  daim  leben,  wenn  er  eine 
schlechtere  Lebenshaltung  führt,  wie  seine  ständig  beschäftigten  Ge- 
nossen. Ganz  unmöglich  aber  ist  es  für  ihn,  bei  einem  solchen  Lohn 
etwas  zu  erübrigen,  um  dauernd  seine  und  seiner  Familie  Lage  zu 
▼erbessem.  —  Es  wurde  oben  angenommen,  dals  der  freie  Arbeiter 
Sparsinn  genug  besälse,  um  den  Verdienst  der  beschäftigten  Tage 
zum  Unterhalt  auch  für  die  beschäftigungslosen  zu  yerwenden.  Ein 
solcher  Sparsinn  wird  sich  aber  nicht  häufig  bei  diesen  Leuten  Yor- 
finden.^)  Wer  spart,  muls  sich  heute  die  Befriedigung  eines  Bedürf- 
oiflses  Yersagen,  um  in  späterer  Zeit  ein  wichtigeres  zu  stillen.  Yor- 
aoasetzung  ist  also  eine  richtige  Bangordnung  in  der  Bedür&is- 
be&iedigung.  Für  eine  solche  findet  sich  aber  bei  dem  kindlichen 
LeichtsinB  dieser  Leute  meist  kein  Verständnis.  —  Auch  bei  kümmer* 
lidier,  schlechter  Lebenshaltung  wird  häufig  der  Verdienst  nicht  zum 
ünteriialt  während  der  ganzen  beschäftigungslosen  Periode  genügen. 
Es  ist  nichts  Seltenes,  dals  dann  die  Arbeiter  auf  unrechtmäGsige 
Weise  ihren  auf  rechtmäfsige  Weise  nicht  erlangbaren  Erwerb  zu  er- 
setzen suchen.    Ebenso  häufig  geschieht  es,  daCs  sie  für  diese  Zeit 


0  VergL  von  der  Qoltz,  Ländliche  Arbeiterfrage  a.  s.  w.  Seite  19. 


—     24    — 

der  öffentlichen  Armenpflege  zur  Last  lallen.  Inebesonders  leicht 
wird  dies  dann  der  Fall  sein,  wenn  schlechte  Ernte,  geringer  Verdienst 
im  Sommer  oder  hoher  Preis  der  Lebensmittel  den  Gesamtrerdienst 
oder  den  Wert  desselben  verringern.  —  Der  Stand  der  freien ,  nicht 
grandbesitzenden  Arbeiter  enthält  diejenigen  Elemente  der  ländlichen 
ArbeiterbeTölkemng ,  anf  deren  Schultern  die  Nachteile  besonders 
lasten ;  die  sich  für  den  Arbeiterstand  ans  dem  MiTsrerhältnis  im 
Arbeitsbedarf  zu  den  rerschiedenen  Jahreszeiten  in  der  Landwirt- 
schaft ergeben.^)  Das  Ungewisse  in  der  Lage  der  Einlieger,  der  zu 
geringe  Gesamtrerdienst,  die  dadurch  yeranlalste  schlechtere  Lebens^ 
haltung:  alles  bewirkt  auch  Schaden  in  moralischer  Hinsicht. 

Alle  Autoren  sind  sich  einig,  dals  die  Einlieger  das  Proletariat 
unter  der  ländlichen  ArbeiterbcTölkerung  bilden;  und  dafs  eine  mög- 
lichste Beseitigung  dieses  Standes  ein  erstrebenswertes  Ziel  sei.  — 

Für  das  Allgemeinwohl  eines  Staatswesens  ergeben  sich 
aus  der  Differenz  an  Arbeitsbedarf  zu  den  Terschiedenen  Jahres- 
zeiten in  der  Landwirtschaft  Nachteile  zweierlei  Natur:  einmal  in 
wirtschaftlicher  und  andererseits  in  sozialer  Hinsicht. 

Die  Bevölkerung  Deutschlands  befindet  sich  in  einer  aufserordent- 
lich  starken  Vermehrung.  Li  den  fünf  Jahren  von  1880 — 1886  hat 
sich  dieselbe  von  46^  Millionen  auf  46,8  Millionen  Einwohner  ver- 
mehrt.  Mit  dieser  Vermehrung  hat  die  Steigerung  der  inländischen 
Produktion  an  Nahrungsmitteln  nicht  Schritt  gehalten.  Seit  mehreren 
Jahrzehnten  hat  Deutschland  vielmehr  einen  von  Jahr  zu  Jahr  steigen- 
den Teil  derselben  vom  Auslande  bezogen.  Die  dafiir  aufgewendete 
Summe  hat  im  Jahre  1890  die  Höhe  von  7S0  Millionen  Mark  er- 
reicht.*) Mithin  ist  Deutschland  in  Bezug  auf  die  Beschaffung  eines 
grofsen  TeUes  seiner  Nahrungsmittel  in  die  Abhängigkeit  des  Aus- 
landes geraten.  Es  b^[innt  allmählich  dem  Beispiele  Englands  zu 
folgen,  das  nur  den  geringeren  Teil  seiner  Nahrungsmittel  im  Inlande 
produziert  und  alljährlich  riesige  Summen  fUr  dieselben  ins  Ausland 
gibt.  England  befindet  sich  aber  in  einer  andere  Lage  wie  Deutsch- 
land: in  den  verschiedensten  Teilen  der  Erde  besitzt  es  blühende 
Kolonieen^  die  als  wahre  Kornkammern  zu  bezeichnen  sind ;  durch  seine 
Handelsbeziehungen  um&fst  es  beinahe  den  ganzen  Erdball.    Dabei 


0  Vergl.  von  der  Goltz,  Handbach  der  landwirtsoh.  Betriebslehre  S.  858. 

*)  Entnommen  aus  Schaltz-Lupitz  ,,die  Ealk-Kali-Phosphatdangnng*' ;  Vor- 
trag, gehalten  in  der  ökonomisohen  G^ellschaft  im  Königreich  Sachsen.  Dresden 
am  6.  Not.  1891. 


24 


—     25     — 

ist  seine  Lage  zum  Handel  eine  derartig  günstige,  dafs  eine  wirt- 
schaftliche Gefahr  ihm  aus  diesem  Zustand  nicht  leicht  erwachsen 
bum.  Dadurch y  dafs  auch  für  Deutschland,  ebenso  wie  für  andere 
linder  Europas»  sich  in  den  letzten  Jahrzehnten  grofse  Mengen  von 
Nahrungsmitteln  zu  billigen  Preisen  aus  überseeischen  Ländern  zur 
Yerfogung  gestellt  haben,  kommt  dasselbe  noch  lange  nicht  in  die 
günstige  Lage  Englands.  Diesem  fliefsen  die  Nahrungsmittel  teils 
als  Tribut  seiner  Kolonieen,  teils  aus  seiner  weltumspannenden  Handels- 
Mtigkeit  zu.  Durch  die  Vielseitigkeit  dieser  Beschaffung  ist  für 
dieses  Land  eine  Kalamität  bei  derselben  so  gut  wie  ausgeschlossen : 
ausgenommen  yielleicht  bei  einer  umfassenden  Blockade  seiner  Häfen 
durch  feindliche  Flotten.  Für  Deutschland  aber  wäre,  wofern  es  sich 
bei  Beschaffung  seiner  Nahrungsmittel  noch  mehr  in  die  Abhängigkeit 
des  Auslandes  begeben  wollte,  eine  solche  Kalamität  stets  zu  befürchten. 
Sdion  an  und  für  sich  hat  der  Handel  mit  Getreide  noch  inmier  eine 
Menge  natürlicher  Schwierigkeiten :  ^)  England  ist  in  der  ausnahms- 
weise glücklichen  Lage  sie  leicht  überwinden  zu  können.  Für  Deutsch- 
land hingegen  genügt  eine  Veränderung  der  politischen  Konstellation, 
ein  Ausfuhrrerbot  eines  Exportlandes,  um  es  in  Bezug  auf  Beschaffung 
seiner  notwendigen  ünterhaltsmittel  in  die  gefahrlichste  Lage  zu  bringen. 
Das,  was  es  im  Tausch  gegen  diese  Nahrungsmittel  geben  kann,  sind 
zun  gröfsten  Teile  Industrieartikel.  Wenn  dieselben  auch  wirklich 
wichtige  Bedürfnisse  befriedigen,  so  sind  letztere  doch  nicht  derart, 
dafs  ihre  Stellung  nicht  innerhalb  quantitativer  und  zeitlicher  Grenzen 
einen  Spielraum  lielse.  Die  Nahrungsmittel  hingegen  dienen  zur  Be- 
friedigung Ton  Bedür&issen,  welche  weder  in  ihrer  Stellung  zeitUch 
snfschiebbar  sind,  noch  innerhalb  einer  notwendigen  Qrenze  einen 
Spielraum  in  quantitativer  Hinsicht  lassen.  —  Es  konunt  nicht  darauf 
an,  dafs  unser  Vaterland  vielleicht  für  einige  Zeit  zu  so  billigen 
Preisen  mit  Nahrungsmitteln  versorgt  werde,  wie  es  die  überseeische 
Konkurrenz  vermag,  sondern  darauf,  dafs  die  Begelmäfsigkeit  und  die 
Dauer  dieser  Versorgung  garantiert  wird.  Eine  solche  Garantie  ist 
inr  ein  Land  in  der  Lage  Deutschlands,  soweit  überhaupt  möglich, 
am  besten  dann  v(»handen,  wenn  ein  möglichst  greiser  Teil  des  Be- 
darfes durch  inländische  Produktion  gedeckt  wird.  Die  Landwirt- 
schaft ist  keine  Thätigkeit  wie  die  Industrie,  in  welcher  im  Falle 
eines  gesteigerten  Bedarfes  eine  Mehrproduktion  innerhalb  kurzer 
Zeiträume  möglich  ist.    Grofse  Sprünge  und  rascher  Wechsel  in  der 


0  ^ergl.  Röscher,  System,  IL    Nationalökonomik  des  Aokerbaaes  §  4S. 

25 


—     26    — 

Produktionsweise  gehören  in  landwirtschaftlichen  Betrieben  zu  den 
Unmöglichkeiten.  Es  ist  nicht  angängig,  die  extensive  landwirtschaft- 
liche Produktionsweise  eines  Landes  von  einem  Jahre  zu  dem  andern 
zu  einer  intensiven  umzugestalten.  Deutschland  befindet  sich,  wie 
oben  erwähnt,  hinsichtlich  seiner  Nahrungsmittelerzeugung  in  einer 
Unterproduktion  von  720  Millionen  Mark  Wert  pro  Jahr.  Will  es 
diese  Unterproduktion  nicht  bei  dem  starken  Wachstum  seiner  Be- 
völkerung immer  gröfser  werden  lassen,  so  mufs  es  die  inländische 
landwirtschaftliche  Produktion  durch  Steigerung  der  Intensität  in 
derselben  erhöhen.  Einer  solchen  Steigerung  der  Intensität  steht 
aber  das  Mifsverhältnis  im  Arbeitsbedarf  zu  den  verschiedenen  Zeiten 
in  der  Landwirtschaft  als  ein  Hindernis  entgegen;  denn  es  ist  im 
Vorhergehenden  nachgewiesen,  wie  mit  Steigerung  der  Arbeitsinten* 
sität  die  Dififerenz  im  Arbeitsbedarf  zwischen  Sommer-  und  Winter- 
periode progressiv  wächst. 

Zwar  ist  der  volkswirtschaftliche  Reinertrag  eines  Landes  gröfser 
als  die  Sunmie  der  Beinerträge  der  einzelnen  privatwirtschaftlichen 
Betriebe:  denn  zu  ihm  gehören  sämtliche  in  letzteren  ftir  Arbeit  ge- 
machte Lohnaufvirendungen,  die  vom  privatwirtschaftlichen  Standpunkt 
betrachtet  einen  Teil  der  Wirtschaftskosten  bilden.  Demzufolge  würde 
es  volkswirtschaftlich  richtiger  sein,  auch  dann  arbeitsintensiver  zu 
wirtschaften,  wenn  durch  diesen  Mehraufwand  von  Lohnkosten  auch 
privatwirtschaflüch  keine  Erhöhung  des  Reinertrages  sich  ergibt: 
denn  der  volkswirtschaftliche  Reinertrag  wird  dann  ja  um  die  Sunmien 
der  durch  die  Steigerung  der  Arbeitsintensität  mehr  gezahlten  Lohn- 
summen erhöht.  Der  private  Unternehmer  wird  aber  nur  dann  eine 
Steigerung  der  Arbeitsintensität  vornehmen,  wenn  sich  durch  dieselbe 
für  ihn  der  Reinertrag  erhöht 

Es  ist  erörtert  worden,  wie  durch  Intermittieren  ihrer  Arbeit  und 
ihres  Verdienstes  in  der  I^ndwirtschaft  einer  breiten  Volksschicht 
weder  die  materiellen  Mittel  noch  die  moralische  Erziehung  zu  teil 
werden  können,  um  dauernd  eine  Lebenshaltung  in  Übereinstimmung 
mit  den  berechtigten  Interessen  der  Gegenwart  führen  zu  können. 
Findet  nicht  eine  Hebung  aller  Schichten  eines  Volkes  in  kultureller 
Hinsicht  gleichzeitig  statt,  bleibt  vielmehr  eine  derselben  dabei  zurück, 
so  wird  im  Augenblick  daraus  kein  Nachteil  ftir  das  Wohl  der  Gesamt- 
heit entstehen,  wohl  aber  wird  ftir  die  Zukunft  ftir  dieselbe  eine  grofse 
Gefahr  begründet.  Die  Geschichte  liefert  hierftir  genügend  Beispiele. 
In  seinen  „drei  Bevölkerungsstufen''  weist  Hansen  nach,  dais  ein 
Staat  nur  so  lange  gedeiht,  wie  die  ländliche  Bevölkerung  nicht  nur 


—     27    — 

«  

fSr  die  Beschaffimg  der  Nahrnngsmittel^  sondern  auch  für  die  Er- 
höhung der  Menschenerzeugnng  sorgt.  Denn  eine  solche  ist  bei  dem 
starkoi  MenschenYerbrauch  der  Städte  nötig.  Die  ruhige  und  ge- 
sunde Fortentwickelung  der  Landwirtschaft  bildet  die  notwendige  Vor- 
aussetznng  aller  übrigen  Zweige  des  wirtschaftlichen  Lebens.  ^) 

Befinden  sich  aber  die  ländlichen  Arbeiter  zum  Teil  in  einer 
Lage,  die  mit  den  berechtigten  Ansprüchen  der  Gegenwart  nicht  in 
Übereinstimmung  ist,  so  leiden  darunter  nicht  nur  sie  selber,  sondern 
auch  die  Unternehmer,  die  Landwirtschaft  insgesamt  und  dadurch 
auch  die  ganze  Volkswirtschaft.  Die  Landwirtschaft  liefert  dem  Staat 
den  Bevölkerungsteil,  der  mit  Becht  als  der  gesündeste  und  notwendigste 
anzusehen  ist;  auf  ihr  in  der  Hauptsache  beruht  die  Wehrkraft  des 
YolkeSy  aus  ihr  ergänzt,  Yeijüngt  und  kräftigt  sich  immer  Ton  neuem 
die  Bevölkerung  der  Städte.  Demgemäfs  ist  es  schon  aus  sozialen 
Gesichtspunkten  als  ein  Nachteil  für  das  Allgemeinwohl  anzusehen, 
wenn  die  ländliche  BeYölkemng  in  grofsen  Teilen  unseres  Vaterlandes 
nicht  nur  nicht  im  Verhältnis  der  allgemeinen  Volksyermehrung  wächst, 
sondern  in  einzelnen  Gegenden  sich  sogar  thatsächlich  yerringert. 
Es  würde  ein  Lrtum  sein,  wollte  man  als  alleinige  Ursache  dieser 
Erscheinung  die  ünregelmäfsigkeit  der  Beschäftigung  und  des  Ver- 
dienstes für  einen  Teil  der  landwirtschaftlichen  Arbeiter  ansehen. 
Ohne  Zweifel  trägt  sie  aber  dazu  mehr  bei,  als  wie  man  bisher  an- 
nahm. Der  Abfluls  der  Bevölkerung  Yom  platten  Lande  geht  in  ver- 
schiedener Weise  vor  sich:  teils  in  die  Lidustriebezirke  des  west- 
lichen Teiles  der  Monarchie,  teils  über  den  Ozean,  teils  in  die  in- 
landischen grofsen  Städte.  Nach  der  vom  kaiserlichen  statistischen 
Amt  herausgegebenen  Statistik  ist  die  Bevölkerung  Deutschlands 
vom  Jahre  1880 — 86  um  1,6  Millionen  Einwohner  gestiegen.  Dabei 
hat  die  städtische  um  1,78  Millionen  zugenommen,  die  ländliche  um 
etwa  113  000  abgenomifien.  Nach  den  Ergebnissen  der  Volkszählung 
vom  1.  Dezember  1890  hatte  Preufsen  11  783  427  städtische  und 
18173  875  ländliche  Einwohner:  es  ergibt  sich  also  ein  Verhältnis 
wie  1,2:1,9.  Von  489  Landkreisen  erfuhren  166  (davon  106  in  den 
sechs  östlichen  Provinzen)  eine  Volksabnahme,  während  sich  von  den 
57  Stadtkreisen  nur  drei  verkleinerten.  Legt  man  die  gegenwärtigen 
Verhaltnisse  zu  Grunde,  so  wird  Preufsen  in  20  Jahren  18  Millionen 
städtische  und  20  Millionen  ländliche  Einwohner,   in  30  Jahren  22 


0  VergL  von  der  Qoltz  in  Sohönbergs  ,,HaDdbaoh  der  politischen  Ökonomie", 
n.  Seite  69. 


27 


—     28     — 

Millionen  städtisclie  und  21  Millionen  ländliche  besitzen.  >)  Der  Ab- 
zug der  Bevölkerung  yom  platten  Lande  ist  erst  seit  Mitte  der  sech- 
ziger Jahre  in  stets  wachsendem  Tempo  erfolgt.  Nach  der  Volks- 
zählung vom  Jahre  1816  betrug  die  gesamte  Einwohnerzahl  der 
Provinzen:  Ost-  und  Westpreufsen,  Pommern,  Posen,  Brandenburg 
=  4  243  690  Einwohner ;  nach  der  Zählung  vom  Jahre  1864  = 
8  592  282  Einwohner.  Die  Bevölkerung  hatte  sich  in  achtundvierzig 
Jahren  ÜEist  verdoppelt  und  zwar  in  Stadt  und  Land  gleichmäfsig.  In  der 
Provinz  Pommern  waren  1864  =  997  796  Einwohner,  1885  =  972  751, 
so  dafs  in  einundzwanzig  Jahren  eine  Abnahme  von  25044  Köpfen 
stattfand.  Li  den  Kreisen  Ost-  und  Westpriegnitz  waren  auf  dem 
platten  Lande  im  Jahre  1864  =  100  000  Einwohner,  1885  nur  873  00 
was  eine  Abnahme  von  127s%  bedeutet.  *)  Das  Gegenstück  zu 
dieser  Entvölkerung  des  platten  Landes  bildet  die  rapide  Bevölkerungs- 
zunahme der  Lidustriogegenden  und  grofsen  Städte.  Li  Westfalen 
und  Rheinland  z.  B.  betrug  zusammen  die  Bevölkerung:  1864  = 
5012  776,  1885  =  6  549  107  Einwohner.  Es  fand  also  in  21  Jahren 
eine  Zunahme  um  1  537  331  Köpfe  statt.  Li  dem  Bergbaubezirk ') 
Bochum  ist  sogar  in  derselben  Zeit  die  Bevölkerung  von  97  140  auf 
289  606  Seelen  gestiegen.  —  Als  Beispiel  für  das  aufserordentliche 
Anwachsen  der  grofsen  Städte  sei  angeführt,  dafs  die  zwölf  grö&ten 
Städte  Preufsens,  die  damals  überhaupt  über  100  000  Einwohner  hatten, 
1867  =  1686855  Einwohner,  1885  »2909488  zählten.^) 

Ein  nicht  unbedeutender  Teil  des  Abzuges  vom  platten  Lande 
wendet  dem  Vaterlande  überhaupt  ganz  den  Bücken,  er  wandert  aus. 
In  den  vierzehn  Jahren  1871 — 1887  wanderten  überhaupt  aus  Deutsch- 
land ungefähr  1680000  Menschen  aus:  also  jährlich  etwa  120000« 
Aus  den  Provinzen  Westpreufsen  und  Posen,  die  zu  den  industrie- 
ärmsten der  ganzen  Monarchie  gehören,  wanderten  in  den  vier  Jahren 
1885,  1886,  1887,  1888  im  Ganzen  =  38000  Personen  aus:  also 
jährlich  etwa  9500.  Zum  überwiegenden  Teil  sind  die  Auswanderer 
Landarbeiter  und  zwar  gerade  die  besseren  Elemente  unter  denselben.  ^) 


^)  Diese  Zahlen  sind  z.  T.  entnommen  ans:  „St&rknng  der  sinkenden  Wehr-* 
kraft*«.    Ein  Vermäohtnis  Moltket.    BerUn  1898. 

')  Diese  Zahlen  sind  entnommen  aus:  „Über  Bentengüter"  von  Sombari- 
Ermsleben,  i.  d.  Freafs.  Jahrbüchern.    Band  64,  Seite  847. 

■)  a.  a.  0. 

*)  Allerdings  ist  z.  T.  dieses  starke  Anwachsen  der  Städte  der  Yereinigangf 
mit  Vorstädten  znzosohreiben. 

*)  Vergl.  von  der  Goltz,  Ländliche  Arbeiterfrage  u.  s.  w.  Seite  80. 

28 


—     29    — 

Denn  nur  der  Teil  derselben  wandert  aus,  der  einen  gewissen  Grad 
Ton  Intelligenz  besitzt  nnd  aufserdem  nicht  unbemittelt  ist.  In  der 
Hehrzahl  sind  es  Leute  im  erwerbsfähigsten  Alter;  die  Kosten,  die 
sie  in  ihren  nicht  erwerbsfähigen  Jahren  dem  Lande  gemacht  haben 
sowie  die  Kapitalien,  die  sie  bar  oder  in  Geräten  mit  sich  nehmen, 
gehen  dem  Lande  verlören. 

Für  die  ländlichen  Arbeiter,  die  dem  Vaterlande  ganz  den  Bücken 
kehren  und  der  Landwirtschaft  überseeischer  Länder  als  willkommene 
Hilfiskräfte  dienen,  wird  hi  den  meisten  Fällen  der  Grund  zu  diesem 
Schritt  der  Wunsch  nach  der  Erlangung   eines  eignen  Stück  Landes 
sein.     Für  den  Übergang  ländlicher  Arbeiter  zu    industrieller  und 
stadtischer  Thätigkeit   aber  ist  in  der  Hauptsache  das  vollkommen 
berechtigte  Verlangen  nach  einer  gleichmäfsigen  und  ununterbrochenen 
Arbeitsgelegenheit  das  leitende  Motiv.     Dieses  Verlangen  wird  gerade 
bei  den  intelligenteren  Arbeitern,  denen  die  Stellung  als  kontraktlich 
gebundene   Tagelöhner    ihrer    sonstigen    Schattenseiten    wegen    am 
wenigsten  zusagt,  am  stärksten  sein.    Abgesehen  also  davon,  dafs 
durch  die  Entvölkerung  des   platten  Landes   der  Kern    des   ganzen 
Volkes,    die   Hauptstütze    der  Wehrkraft    einen    immer    geringeren 
prozentischen  Anteil  der  Gesamtheit  ausmacht,  wird  auch  der  zurück- 
bleibende Teil  eine  Steigerung  der  Arbeitsintensität  darum  erschweren, 
weil  er  andauernd  seiner  besseren  Elemente  verlustig  gegangen   ist. 
Ein  freier  Wechsel  seiner  Thätigkeit  ist  für  den  ländlichen  Arbeiter, 
trotzdem  rechtlich  dem  keine  Schwierigkeiten  mehr  entgegenstehen,  in 
der  That  doch  nicht  immer  möglich.    Kommt  dann  der  Arbeiter  zu 
der  Erkenntnis  seiner  ungewissen  und  traurigen  Lage  und  der  Un- 
abänderlichkeit derselben,  so  wird  er  nur  allzu  leicht  geneigt  sein,  der 
Beeinflussung  derjenigen  politischen  Partei  sein  Ohr  zu  leihen,  die 
einen  vollkommenen  Umsturz  der  heutigen  staatlichen  Ordnung  an- 
strebt.   Denn  jedenfietlls  kann  er  fiEist  von  allen  Schichten  des  Volkes 
bei  einem  solchen  Umsturz  am  wenigsten  verlieren!   Für  jedes  Volk 
ist  in  dem  Anwachsen  seines  Plroletariats  eine  grofse  Gefahr  begrün- 
det.   Es  ist  ein  Vorteil  der  ländlichen  Arbeit  überhaupt,   dafs   sie 
der  Proletariatsbildung  einen  nicht  so  günstigen  Boden  bietet,  wie 
städtische  und  industrielle  Thätigkeit.    Der  Stand  der  freien,  nicht 
grundbesitzenden   Arbeiter  bildet  in    seinen  niederen  Schichten   das 
ländliche  Proletariat.    Bei  einer  weiteren  Steigerung  der  Arbeitsin- 
tensität  ist,   die   Landwirtschaft  als  isoliertes  Gewerbe    betrachtet, 
eine  Verstärkung  dieser  E[lasse  nicht  zu  vermeiden. 


29 


—    30     — 

So  stehen  sich  bei  Yermehrung  der  inländischen  Produktion  an 
Nahrungsmitteln  wirtschaftliche  und  soziale  Momente  gegenüber: 

Einmal  soll  die  Produktion  einen  solchen  Umfang  annehmen, 
dafs  ein  möglichst  grofser  Teil  des  Bedarfes  durch  sie  gedeckt  werde. 

Andererseits  sollen  die  in  der  Produktion  gezahlten  Löhne  aus- 
giebig genug  sein,  dafs  ihre  Empfanger  eine  den  berechtigten  An- 
sprüchen der  Gegenwart  entsprechende  Lebenshaltung  führen  können. 

Bei  der  Landwirtschaft,  als  isoliertes  Gewerbe  gedacht,  ist  eine 
Steigerung  der  Produktion  bei  gleichbleibender  Höhe  der  Produkten- 
preise ohne  Verletzung  eines  dieser  beiden  Postulate  nicht  möglich. 

Die  Nachteile,  welche  sich  aus  dem  Mifsverhältnis  in  der  Höhe 
des  Arbeitsbedarfes  zu  den  verschiedenen  Zeiten  des  Jahres  in  der 
Landwirtschaft  ergeben,  werden  in  ihrer  Höhe  unter  sonst  gleich- 
bleibenden Verhältnissen  von  zwei  umständen  bedingt:  einmal  von 
der  Länge  der  Sommer-  im  Verhältnis  zur  Winterperiode,  anderer- 
seits davon,  ob  sich  im  Winter  eine  Erwerbsgelegenheit  aulserhalb 
des  landwirtschaftlichen  Betriebes  für  die  Arbeiter  derselben  bietet 
oder  nicht ;  d.  h.  also,  ob  überhaupt  und  inwieweit  die  Landwirtschaft 
als  isoliertes  Gewerbe  dasteht.  Da  beide  Umstände  in  den  ver- 
schiedenen Teilen  Deutschlands  verschieden  sich  gestalten,  treten  auch 
die  durch  die  Schwankungen  im  Arbeitsbedarf  hervorgerufenen  Nach- 
teile verschieden  stark  auf.  ^)  Im  allgemeinen  ist  der  nördliche  und 
nordöstliche  Teil  des  deutschen  Beiches  ungleich  stärker  von  ihnen 
betroffen,  wie  der  mittlere  und  südliche.  Bei  dem  Versuche,  die  Ar- 
beitsintensität in  den  Betrieben  der  ersteren  Gegenden  ähnlich  zu 
gestalten  wie  in  denen  der  letzteren,  ist  der  Mangel  an  ländlichen 
Arbeitern  zu  einer  sich  ständig  steigernden  Kalamität  geworden.  *) 
Andererseits  ist  die  Lage  der  ländlichen  Arbeiter  zum  grofsen  Teil 
im  nördlichen  und  nordöstlichen  Deutschland  eine  verhältnismäfsig 
schlechtere  wie  im  mittleren  und  südlichen.')  Deshalb  handelt  es 
sich  gerade  hier  darum,  nach  einem  möglichsten  Ausgleich  in  dem 
Bedarf  an  menschlichen  Arbeitskräften  während  der  einzelnen  Jahres- 
zeiten zu  streben.  Durch  einen  solchen  Ausgleich  würde  einerseits 
der  Beinertrag  der  Güter  gesteigert,  andererseits  manche  Quelle  der 
Unzufiriedenheit  und  des  Elendes  unter  der  ländlichen  Arbeiterbevöl- 
kerung versiegen.*) 

')  Vergl.  hierüber  Seite  89  fg.  dieser  Abhandlung. 

')  Vergl.  von  der  Goltz,  Ländliche  Arbeiterfrage  Seite  83  ff. 

»)  a.  a.  0. 

*)  Vergl.  von  der  Goltz,  Handb.  der  landw.  Betriebslehre  Seite  264. 

öO 


Die  Möglichkeit  des  Ausgleiches  in  dem  Bedarf  an 

Handarbeit 


L  Die  Wahl  des  Wirtschaftssytems. 

Jeder  landwirtschaftliche  Betrieb  steht  unter  gegebenen  natür- 
lichen und  idrtschaftlichen  Verhältnissen.  Boden  und  Klima  ^  Ar- 
beiterverhatnisse,  Yerkehrs-,  Absatz-  und  Preisverhältnisse,  materielles 
und  gdstiges  Vermögen  des  Unternehmers,  endlich  der  Umfang  des 
Betriebes  müssen  bei  der  Einrichtung  einer  Wirtschaft  gleichm&fsig 
in  Betracht  gezogen  werden ,  wofern  dieselbe  eine  zweckentsprechende 
und  Erfolg  yerheüsende  sein  soll.  Für  die  Möglichkeit^  Schwankungen 
im  Handarbeitsbedarf  in  den  einzelnen  Perioden  des  Jahres  und  in 
wdcher  Höhe  stattfinden  zu  lassen ,  ist;  alle  übrigen  natürlichen  und 
wirtschaftlichen  Verhältnisse  unverändert  gedacht,  zweierlei  von  Be- 
deutoDg: 

1.  Die  Gunst  oder  Ungunst  des  Klimas,  insofern  das- 
selbe die  lÄnge  der  Sommer-  und  Winterperiode  bestimmt. 

2.  Die  Grünst  oder  Ungunst  der  Arbeiterverhält- 
nisse,  insofern  den  landwirtschaftlichen  Arbeitern  in  den  arbeits- 
annen Perioden  der  Landwirtschaft  aufserhalb  letzterer  andere  Er- 
werbsquellen zu  Gebote  stehen. 

Im  folgenden  ist  zunächst  Tersucht,  zu  zeigen,  auf  welche  Weise 
der  Unternehmer  seinen  Betrieb  diesen  Verhältnissen  mit  Bücksicht 
auf  Erzielung  eines  möglichst  hohen  Beinertrages  anzupassen  hat  und 
anpassen  kann. 

Im  Anschluls  dai;an  werden  die  Erwerbsquellen  erörtert  werden, 

81 


—     32     — 

die  sich  den  landwirtschaftlichen  Arbeitern  in  arbeitsarmen  Perioden 
auCserhalb  der  Landwirtschaft  bieten.  — 

Wie    erörtert   worden,     ergeben    sich    in    der    Landwirtschaft 
Schwankungen  an  Arbeitsbedarf  einmal  zwischen  Sommer-  und  Winter- 
periode und  andererseits  innerhalb  der  Sommerperiode.  Die  Differenz  an 
Arbeitsbedarf  zwischen  Sommer  und  Winter  ganz  aufzuheben,  gehört 
unter  deutschen  Verhältnissen  innerhalb  des  landwirtschaftlichen  Ge- 
werbes allein  zur  Unmöglichkeit.    Innerhalb  der  Sommerperiode  aber 
sollte  es  als  anzustrebendes  und  nicht  imerreichbares  Ziel  gelten,  mit 
Ausnahme  der  Frauen  und  Kinder  0   andauernd  dieselbe  Zahl  von 
Arbeitern ,  die  lediglich  auf  ihren  Lohn  angewiesen  sind,  zu  beschäf- 
tigen.    Der   Teil    der  landwirtschaftlichen   Arbeit,    der    allein    die 
Schwankungen  in  der  Höhe  seines  Bedarfes  aufweist,  beschäftigt  sich 
mit  dem  Pflanzenbau.     Die  einzelnen  Kulturpflanzen  erfordern  mit 
Rücksicht  auf  Verteilung  auf  Sommer-  und  Winterperiode  wie  auch 
innerhalb  der  Sommerperiode  Arbeit  in  verschiedener  Menge   und  zu 
Terschiedener    Zeit.     Bei  den  Kömerwirtschaften  z.  B.  erreicht  der 
Arbeitsbedarf  der  Sommerperiode  annähernd  dieselbe  Höhe  wie  der 
der  Winterperiode.  ^)     Denn  die  Getreidepflanzen   bedürfen  zu  Saat, 
Kultur  und  Ernte  nicht  viel  mehr  Arbeit  wie  zum  Dreschen.     Hack- 
früchte,  Handelsgewächse  und   zur  Heubereitung   dienende   Futter- 
pflanzen benötigen  von  der  für  sie  überhaupt  notwendigen  Arbeits- 
Bumme  den  überwiegenden  Teil   in  der  Sommerperiode.     Innerhalb 
der  letzteren    bedürfen  die  Körnerfrüchte    die  gröfste  Menge    ihrer 
Arbeit  zu  einer  anderen  Zeit  wie  die  Hackfrüchte,  Handelsgewächse 
und    Futterpflanzen.      Auch    diese   differieren    wieder  in  dieser  Be- 
ziehung untereinander. 

Die  Fruchtfolge  gibt  an,  welche  Gewächse  überhaupt  in  einer 
Wirtschaft  angebaut  werden  sollen;  gleichzeitig  auch  in  welcher 
Beihenfolge.  Demgemäfs  ist  es  notwendig,  sich  bei  der  Festsetzung 
einer  Fruchtfolge  hinsichtlich  der  Schwankungen  an  Handarbdtsbe- 
darf  innerhalb  des  Rahmens  zu  halten,  welchen  die  oben  erwähnten 
natürlichen  und  wirtschaftlichen  Verhältnisse  vorzeichnen.  Durch  die 
Wahl  der  Fruchtfolge  wird,  wenn  auch  nicht  allein,  so  doch  in  der 
Hauptsache ,  das  Wirtschaftssystem  bedingt,  nach  welchem  ein  Land- 
gut bewirtschaftet  werden  soll.  Für  Landgüter,  die  in  einer  Gegend 
mit  langem  Winter  und  kurzem  Sommer  liegen    und  in  welchen  in 


')  Frauen-  and  Kinderarbeit  werden  weiter  unten  für  sich  erörtert  werden. 
*)  Vergl.  die  tpäter  folgenden  Bereohnnngen. 

82 


—    33    — 

den  arbeitsannen  Perioden  sich  für  die  Arbeiter  wenig  anderer  Er- 
werb bietet,  sind  Wirtschaftssysteme  mit  möglichst  geringen  Arbeits- 
bedarfiBschwanknngen  angebracht  und  umgekehrt.  —  Im  folgenden  ist 
der  Yersudi  gemacht,  für  die  wichtigsten  Wirtschaftssysteme  die  Höhe 
der  Differenz  zwischen  Sommer-  und  Winterperiodenarbeitsbedarf  fes^ 
zostellen.  Von  den  Schwankungen  innerhalb  der  Sonmierperiode  ist 
dabei  zunächst  abgesehen:  dieselben  werden  im  Anschlüsse  dacran  ge- 
sondert betrachtet  werden.  — 

Bei  den  folgenden  Berechnungen  ist  eine  Wirtschaft  von  1000  Mor- 
g^s=260  Hektar  Ackerland  angenommen  und  filr  dieselbe  der  Ar- 
beitsbedarf für  Sommer«  und  Winterperiode  getrennt  bei  Anwendung 
der  sechs  ¥riichtigsten  Wirtschaftssysteme  festgestellt.  Dabei  ist  zu- 
nächst Sommer-  und  Winterperiode  gleich  lang,  d.  h.  zu  je  160  Ar- 
beitstagen angenommen.  Das  Vorhandensein  Ton  Wiesen  ist  absicht- 
lich aufser  Acht  gelassen:  weil  die  fbr  sie  notwendigen  Arbeiten  doch 
bei  allen  sechs  Berechnungen  als  gleicher  Posten  figuriert  hätten;  die 
Fmchtfolgen ^)  lauten: 

L  Verbesserte  Körnerwirtschaft. 
1.  Brache  gedüngt.    2.  Winterung.     3.   Klee.     4.   Sommerung. 
5.  Winterung.    (S.  34  fg.) 

n.  Dreifelderwirtschaft 

1.  Brache  gedüngt.    2.  Winterung.    3.  Sommerung.   (S.  37  fg.) 

m.  Koppelwirtschaft. 

1.  Brache  gedüngt.  2.  Winterung.  3.  Sommerung.  4.  Somme- 
rung. 5.  Sommerung.  6.  Klee.  7.  Weide.  8.  Weide.  9.  Weide. 
10.  Weide.    (S.  39fg.) 

IV.  Pruchtwechselwirtschaft. 

1.  Brache  gedüngt ;  zur  Hälfte  Grünfatter  bestellt.  2.  Winterung. 
3.  Hackfrucht.    4.    Sommerung.    6.    Klee.     6.  Winterung  gedüngt. 
7.  Hülsenfirucht   8.  Sommerung.    9.  Hackfirucht  gedüngt.    10.  Somme- 
rung.   (S.  41  fg.) 
V.  Bübenwirtschaft. 

Dieselbe  Folge  wie  bei  4. ;  jedoch  Schlag  3,  7,  9  Rüben.  (S.  46  fg.) 
YL  Koppelwirtschaft  mit  Fruchtwechsel  kombiniert. 

1.  Brache  gedüngt;  zur  Hlälfte  Grünfutter.  2.  Winterung. 
3.  Hülsenfrucht.  4.  Sommerung.  6.  Hackfrucht  gedüngt.  6.  Winte- 
rung.   7.  Klee.    8,  9,  10  Weide.    (S.  48  ig.) 

')  Wo  nichts  anderes  erwähnt,  sind  die  Einheitszahlen  za  den  Berechnungen 
SOS  Ton  der  Ooltz,  Landwirtsch.  Taxationslehre,  Seite  76  ff.  entnommen. 

StestswlnenscIuilU.  Studien.  V.  •«  B 

3 


—    84    — 

L  Terkesserte  KinenrfiiMdkalL 

Sommer  Periode. 

Frachtfolge:  1.  Biacfae  gedüngt    8.  Wintenmg.    3l  ¥ÄSpfcW, 
4i  Sommerung.    6.  Wintemiig. 

L  Brache  gedfingt 

a)  Dünger  mnfladoimMl  braten  50  Hdct 
k  800  Ztr.  oder  40  Fnhren  macht  in 
Samma  =  40000    Ztr.    oder   8000 

Fohlen.    1  Mann  ladet  nnd  1  Fraa         Arbeitstage, 
bratet  in  einem  Tige  ^  7  >/,  Fahren,  r        n       i  i^^  r     i  - 
Eb  sind  alwför  60  Hdktar  notwendig:    866     866 

b)  Qnecken  nndSteineaUewn :  pro  Hek- 
tar 1  Frauentag:  50 

e)  Zar  HDfe  beim  Pflfigen.  Bnäie 
eriialt  im  Sommer  drei  Pflogfurchen. 
£b  and  abo»3. 50  =  150  Helrtar 
ra  pflfigen.  Zwei  Pferde  leisten  in 
einem  Tage  V«  Hektar;  also  sind 
300  Pflogtage  oder  600  Pferdetage 
notwendig.    Aaf  je  4  Pferde  ist  noch 

ein  Anspanner  erforderlich:  150  416     316 

8.  Winterung. 

a)  Säen  mit  der  Hand:  ein  Mann  säet 

im  Tage  =  3  Hektar:  16 

b)  Waaserforchen  and  Beetfarchen  aas- 
schaufeln:  pro  Hektar  1  Frauentag:  50 

c)  Boggen    mähen    und    binden:     pro 

Hektar  8  Manns-  und  8  Frauentage    100     100 

d)  die  Ernte  beträgt  pro  Hektar  =^  4 
Fuhren  k  20  Ztr— 80  Ztr.  Garben ; 
also  für  50  Hdtar  =  800  Fuhrai 
=  4000  Ztr.  Garben.  Zum  Setzen 
der  Hocken  ist  für  4  Fuhren  ein 
Mann  nötig,  also  für  800  Fuhren:         50 

e)  Auf- und  Abladen  der  Ernte;  8  Mann 
und  3  Frauen  laden  täglich  80  Fah- 
ren auf  und  ab.  Also  erfordern  800 

Fuhien  80       30 

416     316 

u 


—    35     — 

Arbeitstage. 

Xaiuiit.  Vnni«nt  MuuMt.  Fravtnt. 

Transport:  416      316 

i)  AnsdresclieD  von  300  Scheffel  Roggen 

zur  Saat.   Mit  Göpeldreschmaschine 

dreschen  3  Mann   und   12   Frauen 

taglich  100  Scheffel.    Zum  Drusch 

Yon  300  Scheffel  sind  also  erforderlich :        9       36 
g)  Einsäen  von  Klee  und  Gras :  1  Mann 

am  Tage  =  2  Vt  Hektar :  20  216     216 

3.  Klee. 

a)  Eleemähen :  der  Schlag  wird  nur  ein- 
mal gemäht,  später  beweidet.  2  Mann 
mähen  im  Tage  1  Hektar.  Für  60 
Hektar  sind  also  nötig:  100 

b)  Kleeheu  trocknen :  es  werden  36  Hekt. 
zu  Heu  gemacht  und  16  Hektar  grün 
Terföttert.  Pro  Hektar  werden  70 
Ztr.  =  3  Va  Fuhren  Heu  geerntet.  Im 
ganzen  also  =»122  Fuhren  =  2440 
Ztr.  Zum  Trocknen  erfordern  je  6  Ztr. 

einen  Frauentag  =  406 

c)  Auf-  und  Abladen  und  Nachharken 
erfordert  für  je  20  Fuhren  2  Manns- 
und 3  Frauentage  =  13       20     113     426 

4.  Sommerung. 

a)  Zur  Hilfe  für  eine  Pflugfurche  nach 
Berechnung.    Schlag  Ic:  60 

b)  Säen  mitdeir  Hand:  wie  bei  Schlag  2  a:      16 

c)  Mähen  und  Binden    des  Getreides: 

nach  Berechnung  Schlag  2  c :  100      100 

d)  Aufsetzen  in  Hocken :  Ernte  beträgt 
160  Fuhren.  Diese  erfordern  nach 
Schlag  2d  :  40 

e)  Auf-  und  Abladen  von  160  Fuhren 

erfordert  nach  Berechnung  Schlag  2  e      16       24     222     124 

5.  Winterung. 

a)  Zur  Hilfe  für  eine  Pflugfurche:  60 


S5 


966    1082 
8* 


3G     — 


Arbeitstage. 


TrmnnK>rt:  966    1082 

Alle     übrigen    Arbeiten     wie    bei 

Schlag  2  a— f:  195      316     845     216 

6.  Allgemeine  Arbeiten. 

a)  Dreschen  Ton  200  Scheffel  Boggen 
für  den  Hansgebrauch  nach  Berech- 
nung Schlag  2e:  6       24 

b)  Für  Hofarbeiten,  Wegbessem,  Gra- 
benreimgen u.  s.  w.  täglich  2  Manns- 
und 2  Frauentage  —  150  . 2  =  300     800     306     324 

Summa:  Arbeitsbedarf  der  Sommerperiode:  1517    1622 

Beduziert  ^)  man  alles  auf  Mannstage,  so 
betragt  der  Bedarf:  2597  Mannstage. 

Winterperiode. 

1.  Brache. 

a)  Zar  Hilfe  fiir  eine  Pflugfiirche.  In 
der  Winterperiode  kann  man  für 
einen  Pflug  nur  ^  der  Leistung 
eines  Sommertages  annehmen.  Nach 
der  Berechnung  für  die  Sommer- 
periode Schlag  Ic  ist  dann  erfor- 
derlich: 66  66 

2.  Winterung. 

a)  Von  der  Ernte  sind  bereits  300 
Scheffel  oder,  die  Fuhre  zu  je  10 
Scheffeki  gerechnet,  30  Fuhren  im 
Sommer  gedroschen.  Es  bleiben  also 
noch  170  Fuhren  oder  3400  Ztr. 
Garben  zu  dreschen.  ZumFlegeldrusch 
inkl.  Reinigen  Ton   10  Ztr.  Garben 

brauchtmanimWinter  =  l  Vs  Manns- 
tag.*)   Für  3400  Ztr.  also :  453 453 

519 


^  Za  diesem  Zwecke  ist  1  Mannstag  =  '/,  Fraaentage  gereohnet 
*)  YergL  hierüber  die  Angaben  in  Albreeht  Block,  Kitteiliingen  landwirt- 
■dbafUicher  Erfahmngen,  Ansichten  und  Gmndsatse.    Ein  Handbach  für  Land- 
wirte nnd  Kameralisten.    Breslau  18B4,  UL  Band  S.  69ff. 


36 


—     37    — 

Arbeitstage. 

MuauX.  Tx»ii«nt.  MMintt.  Vmumalk, 

Transport:  519 

3.  Klee.  Erfordert  im  Winter  keine  Arbeit. 

4.  Sommerung. 

a)  Zur  Hilfeleistmig  für  eine  Pflugfurche      66 

b)  Zum  Ausdrescben  von  3200  Ztr. 
Gkffben  sind  nach  Berech.  Schlag  2  a 

nötig:  427  498 

5.  Winterung. 

a)  Von  der  Ernte  sind  bereits  30  Fuhren 
zur  Saat  und  20  Fuhren  zum  B^U9- 
gebrauch  gedroschen.  Es  sind  also 
noch  150  Fuhren  =  3000  Ztr.  Garben 
zu  dreschen.  Dieselben  erfordern 
nach  Berechnung  Schlag  2  a  400  400 

6.  Allgemeine  Arbeiten. 

a)  Zur  besseren  Reinigung  des  Getreides 

auf  dem  Speicher  tägL«»  1  Frauent.  150 

b)  Zu  HofEurbeiten  und  unyorherge- 
sehenen  Vorrichtungen  täglich  IMann 

und  1  Frau  150     150      150     800 


Summa :  Arbeitsbedarf  der  Winterperiode  1 562     300 

Beduziert  man  alles  auf  Mannstage  so 
beträgt  der  Bedarf  1762  Mannstage. 

Der  Arbeitsbedarf  der  Sommerperiode  ist  mithin  1,6  mal  so  hoch 
wie  der  der  Winterperiode. 

n.  Dreifelderwirtschaft. 

Fruchtfolge:  1.  Brache  gedüngt.    2.  Winterung.    3.  Sommerung. 

Sommer  Periode. 

L  Brache  gedüngt    Erfordert  dieselbe 
Arbeit  wie  I  SP.  1  a— c.^)    Da  jedoch 


*)  Um  die  häufigen  Yerweisangen  auf  bereits  gemachte  Bereohnungen  etwas 
ibsnkineii,  ist  fernerhin  fOr  Sommerperiode  =  SP.,  Winterperiode  =  WP.  gpefetst 
Verden.  £b  bedentet  alao  z.  £.  I  SP.  1  a— c:  Fniohtfolge  I,  Sommerperiodi 
Sdüag  ly  Position  a 


87 


-     38    — 

Arbeitstage. 


die  Schläge  dieser  Fmchtfolge  */«  X  so 
grofs  sind,  wie  die  jener,  ist  die  dortige 
Summe  mit  */s  zu  multiplizieren.  Dieses 
ergiebt:  693     686     69S     5S6 

2.  Winterung.    Erfordert  dieselbe  Arbeit 

wie    I   SP.   6b;   die    dortige    Summe 

X  Vs  ^  336     360     386     360 

3.  Sommerung.    Erfordert  dieselbe  Arbeit 

wie  I  SP.  4  a — e;  die  dortige  Summe 

X  '/s  =  370      806     370     806 

4.  Allgemeine  Arbeiten.    Dieselben  wie 

bei  I  SP.  6a— b:  =  306     384     306     384 


Summa:  Arbeitsbedarf  der  Sommerperiode:  1694   1416 

Reduziert  man  alles  auf  Mannstage,  so 
ergibt  sich  ein  Bedarf  von  2638  Manns- 
tagen. 

Winterperiode. 

1.  Brache.    Erfordert  dieselbe  Arbeit  wie 

I  WP.  1  a;  die  dortige  Summe  X  •/«  =  HO  HO 

S.Winterung.  Es  sind  333  Fuhren -== 
6600  Ztr.  Garben  geemtet.  Hiervon  sind 
in  der  Sommerperiode  bereits  600  Scheffel 
a.  60  Fuhren  zur  Saat  und  200  Scheffel 
SB  20  Fuhren  zum  Ebkusgebrauch  ge- 
droschen. Es  bleiben  also  noch  263 
Fuhren  =  6260  Ztr.  Gkirben  zu  dreschen. 
Dieselben  erfordern:  701  701 

8.  Sommerung  a.  Es  sind  geemtet  =» 
260  Fuhren  =  6320  Ztr.  Garben.  Die- 
selben erfordern  zum  Dreschen:  708  708 

4.  Allgemeine  Arbeiten.    Dieselben  wie 

bei  I  WP.  6  a— b :  160     300     160     300 


Summa:  Arbeitsbedarf  der  Winterperiode:  1669     300 

Reduziert  man  alles  auf  Mannstage,  so 
ergibt  sich  ein  Bedarf  von  1869  Manns- 
tagen.  Der  Arbeitsbedarf  der  Sommer- 
periode ist  mithin  1,4  mal  so  grofs  wie  der 
der  Winterperiode. 

88 


—    39    — 


m.  Eoppelwlrtsehaft 

Sommmerperiode. 

Frnchtfolge:  1.  Biaohe  gedüngt.  2.  Winterung.  3.  Sommerung. 
4.  Sommerung.    6.  Sommerung.    6.  Ellee.     7. — 10.  Weide. 

1.  Brache  gedüngt.     Erfordert  dieselbe 

Arbeit  wie  I  SP.  1  &— c.    Da  jedoch 

die  Schläge  jener  Fruchtfolge  noch  ein-  Arbeitstage. 

mal  so  grols  sind,  ist  die  dortige  Summe  ^»^^mt  wnnmL  HMuut.  vnmnt. 

durch  8  zu  dividieren:  208     168     208     168 

i  Winterung.    Erfordert  dieselbe  Arbeit 

wie  I  SP.  2  a — ^h;  die  dortige  Summe 

ist  nüt  2  zu  dividieren:  97     108       97     108 

3.  Sommerung.   Erfordert  dieselbe  Arbeit 

wie  I  SP.  4  b— e ;    die  dortige  Summe 

ist  mit  2  zu  dividieren :  86       62       86       62 

L  Sommerung.   Erfordert  dieselbe  Arbeit 

wie  Schlag  3.    Auüserdem  noch  zur  Hilfe 

für  eine  Pflugfurche  =  26  Mannstage:  111  62  111  62 
6.  Sommerung. 

a)  Erfordert  dieselbe  Arbeit  wie  Schlag  4:     111       62 

b)  Auiserdem  für  Elee-Einsaat  (für  2Vi 

Hektar  ein  Mannstag)  =  10  121       62 

6.  Klee. 

a)  ESee  mähen:  der  Schlag  wird 
einmal  gemäht  und  nachher  beweidet. 
Pro  Hektar  sind  2  Mannstage  erfor- 
derlich :  60 

b)  Eleeheu  trocknen:  pro  Hektar  werden 
70  Ztr.  SB  3Vt  Fuhren  geemtet;  im 
ganzen  also  87,6  Fuhren  oder  1760 
Ztr.  Auf  je  6  Ztr.  Heu  rechnet  man 
zum   Trodmen    1  Frauentag,    also 

sind  nötig:  291 

c)  Auf-  und  Abladen  erfordert  für  je 
20  Fuhren  2  Manns-  und  3  Frauen- 
tage.   Also  für  87,6  Fuhren:  9       13       69     304 

682     766 

89 


—    40     — 

Arbeitstage. 

ICaanit  FnuMit.  Manntt.  Tmnaot. 

Transport :  682      756 

7.  Weide.   Erfordert  keine  Arbeit. 

8.  Weide.  Erfordert  keine  Arbeit. 

9.  Weide.  Erfordert  keine  Arbeit. 

10.  Weide.  Erfordert  keine  Arbeit. 

11.  Allgemeine   Arbeiten.     Dieselben 

wie  bei  I  SP.  6a— b:  306     324     306     324 

Summa :  Arbeitsbedarf  der  Sommerperiode  988    1080 

Reduziert  man  alles  auf  Mannstage,  so 
beträgt  der  Bedarf  der  Sommerperiode  1708 
Mannstage. 

Winterperiode. 

1.  Brache. 

a)  Erfordert  dieselbe  Arbeit  wie  I 
WP.  1  a.  Die  dortige  Summe  mit 
zwei  dividiert:  33  33 

2.  Winterung. 

Es  sind  100  Fuhren  =  2000  Ztr. 
Garben  geemtet  worden;  hiervon 
sind  im  Sommer  zur  Saat  200 
Scheffel  =  20  Fuhren  und  zum 
Hausgebrauch  160  Scheffel  =  16 
Fuhren  gedroschen.  Es  bleiben  also 
noch  66  Fuhren  =  1300  Ztr.  Garben 
zu  dreschen.    Dieselben  erfordern:       173  173 

8.  Sommerung. 

a)  Es  sind  80  Fuhren  =  1600  Ztr. 
Garben  geemtet  Dieselben  erfordern 
zum  Drusch:  213 

b)  Zur  Hilfeleistung  bei  einer  Pflug- 
furche :  33  246 

4.  Sommerung.    Erfordert  dieselbe  Arbeit 

wie  Schlag  3  a:  213               213 
6.  Sommerung.    Erfordert  dieselbe  Arbeit 

wie  Schlag  3  a:  213 213 


878 


49 


—    41     — 

Arbeitstage. 

MAxinit  Fraaent.  Maimst  Frsttoil 

Tnuuport:  878 

6.  Klee.      Erfordert  keine  Arbeit 

7.  Weide.  Erfordert  keine  Arbeit 

8.  Weide.   Erfordert  keine  Arbeit 

9.  Weide.    Erfordert  keine  Arbeit 

10.  Weide.    Erfordert  keine  Arbeit 

11.  Allgemeine  Arbeiten. 

a)  Anf  dem  Speicher  zur  besseren  Rei- 
nigung des  Getreides  pro  Tag  der 
Winterperiode  V«  Frauentag:  75 

b)  Zu  Hofarbeiten  und  unvorhergesehe- 
nen Arbeiten  täglich  ein  Mann  und 

eine  Frau:  160     160     160     S26 

Summa:  Arbeitsbedarf  der  Winterperiode  1028     226 

Reduziert  man  alles  auf  Mannstage,  so 
eigibt  sie  einen  Bedarf  von  1178  Manns- 
tagen. 

Die  Sommerperiode  erfordert  mithin  einen 
Arbeitsbedarf,  der  1,8  mal  so  grofs  ist  wie 
der  der  Winterperiode. 


ly.  Fruchtwechselwirtschaft 

Sommerperiode. 

Fruchtfolge:  1.  Brache  gedüngt;  zur  Hälfte  mit  GrOnfutter 
bestellt  2.  Winterung.  3.  Hackfrucht  4.  Sommerung.  6.  'Klee. 
&  Winterung  gedüngt.  7.  Hülsenfirucht  8.  Sommerung.  9.  Hackfrucht 
gedüngt    10.  Sommerung. 

1.  Brache  gedüngt  Die  Düngung  der 
Hälfte,  die  mit  Grünfutter  bestellt  wird, 
erfolgt  im  Winter,  die  der  reinen  Brache 
im  Sommer.  Arbeitstage. 

Grünfutterteil :   a)  Zur  Hilfe  fUr   eine  MaaxM.  vnutti  Mumn  vnm»ft. 
Pflugfurche :  12 

b)  Zum  Säen  mit  der  Hand:  4 

c)  Zum  Mähen:  pro  Hektar  2  Mannstage :      26 

41 


—    42    — 

Arbeitstage. 

MMUMt  Frtnent  BCaiiiiit.  FnMitnt. 

Beine  Brache :  d)  Erfordert  dieselbe 
Arbeit  wie  I  SP.  1  a— c;«  die  dortige 
Summe  mufs  mit  4  dividiert  werden :     104       79      145        79 

5.  Winterung.    Erfordert  dieselbe  Arbeit 

wie  ni.  SP.  2  a :  97      108       97      108 

3.  Hackfrucht. 

a)  Zur  Hälfte  mit  Kartoffeln,  zur  Hälfte 
mit  Buben  bestellt.  Zur  Hilfe  für  eine 
Pflugfurche :  25 

b)  Zum  Legen  der  Kartoffeln :  pro  Hektar 

6  Frauentage:  75 

c)  Zum  Pflanzen  der  Bunkelr&ben :  pro 

Hektar  16  Frauentage:  200 

d)  Zum  einmaligen  Behacken  der  Buben 
mit  der  Hand:  pro  Hektar  16  Frauen- 
tage :  200 

e)  Zum  zweimaligen  Bearbeiten  des  gan- 
zen Schlages  mit  der  Pferdehacke; 
pro  Hektar  ist  ein  Mannstag  bei  der 
Pferdehacke  erforderlich:  50 

f)  Zum  Kartoffelau&ehmen :  pro  Hektar 

30  Frauentage:  375 

g)  Zum  Bübenausnehmen :  pro  Hektar 

20  Frauentage:  250 

h)  Zum  Auf-  und  Abladen  einschliefs- 

lich   Einkellern    und  Einmieten   der 

Kartoffeln  und  Buben:  pro  Hektar 

2  Manns-  und  2  Frauentage:  60       50     125    1150 

4.  Sommerung. 

a)  Erfordert    dieselbe  Arbeit    wie   III 

SP.  da:  86       62 

b)  Zum  Einsäen  von  Elee  (für  2^8  Hektar 

ein  Mannstag):  10  96       62 

6.  Klee.    Wird  zweimal  gemäht  und  beide 

Male  geheut. 

a)  Zweimal  mähen :  pro  Hektar  2  Manns- 
tage: 100 


463    1399 


42 


—    43    — 

Arbeitstage. 

ÜMUMt  Fi»n«nt.  Mumit  Wnumi, 

Transport:  463    1399 

b)  Eleehea  trocknen :  Ernte  beträgt  pro 
Hektar  =  100  Ztr.  —  6  Fuhren.    Im 
ganzen  also  2500  Ztr.  »»126  Fahren. 
Zum  Trocknen  ist  für  je  6  Ztr.  ein 
Frauentag  nötig:  416 

c)  Auf-  und  Abladen  einschlief  slich  Nach- 
harken :  für  je  20  Fuhren  sind  2  Manns- 
und  2  Frauentage  notwendig:  12       19     112     436 

6.  Winterung  gedüngt. 

a)  Zur  Hilfe  fär  zwei  Flugfurchen:  60 

b)  Die  Düngung  erfordert  die  Hälfte  der 

Arbeit  von  I   SP.  1  a :  133      133 

c)  Saat  und  Ernte    erfordern  dieselbe 

Arbeit  von  III  SP.  2  a  97      108     280     241 

7.  Hülsenfrucht. 

a)  Zur  Hilfe  für  eine  Pfiugfurche :  26 

b)  Zum  Säen  mit  der  Hand :  8 

c)  Zum  Mähen:  pro  Hektar  sind  drei 
Mannstage  erforderlich:  76 

d)  Aufharken  und  umwenden  beim 
Trocknen :  pro  Hecktar  2  Frauentage':  60 

e)  Zum  Auf-  und  Abladen.  Die  Ernte 
beträgt  pro  Hektar  3  Fuhren;  im 
ganzen  76  Fuhren  oder  1600  Ztr. 
Zwei  Männer  und  drei  Frauen  be- 
sorgen in  einem  Tage  das  Auf-  und 
Abladen    Ton    16    Fuhren.       Also 

sind  erforderlich:  10       16     118       66 

8.  Sommerung.     Erfordert  dieselbe  Ar- 

beit wie  Schlag  4a:  86       62       86       62 

9.  Hackfrucht  gedüngt.    Qedüngt  wird 

im  Winter.     Die  Hälfte    des  Schlages 

wird   mit   Eartofifeln,    die   andere   mit 

Buben  bestellt: 

a)  Zur  Hilfe  für  eine  Pflugfurche :  26 


1069    2202 


4S 


—    44    — 

Arbeitstage. 

M Muut  FraoMit.  Bteanst  Fmunt. 

Trantpori:  1059    2202 

b)  Die  sonstige  Arbeit  ist  dieselbe  wie 

bei  Schlag  3  b— q  100    1150     125   1150 

10.  Sommerung. 

a)  Erfordert  dieselbe  Arbeit  wie  Schlag 

4  a:  86       62 

b)  Zur  Hilfe  für  eine  Pflugfurche:  25  111       62 

11.  Allgemeine  Arbeiten. 

a)  Dreschen  von  200  Scheffel  Boggen 

für  den  Hausbedarf  yergl.  I  SP.  6  a:        6       24 

b)  Für  Hofarbeiten,  Wegebessem,  Gra- 
benreinigen, täglich  3  Mann  und  3 

Frauen :  450     450     466     474 

Summa:  Arbeitsbedarf  der  Sommerperiode:  1751    3888 

ileduziert  man  alles  auf  Mannstage  so  er- 
gibt dies  einen  Bedarf  von  4343 
Mannstagen. 

Winterperiode. 

1.  Brache  gedüngt. 

a)  Zur  Hilfe  ftbr  eine  Pflugfurche :  33 

b)  Düngearbeit  fttr  den  Grünfutterteil; 

derselbe  ist  12^9  Hektar  grofs.  Dem- 

gemäfs  erfordert  er  die  Hälfte  der 

Düngearbeit  des  lY  SP.  6b  =  66 

Manns-  und  66Frauentage  im  Sommer. 

Ein  Wintertag  ist  jedoch  in  Bezug 

auf  Arbeitsleistung    nur    gleich    ^j^ 

Sommertag    zu    rechnen.     Deshalb 

mufs  man  jene  Summe  um    Vt   ®^~ 

höhen:  88       88     121       88 

i.  Winterung.    Erfordert  dieselbe  Arbeit 

wie  in.  WR  2  a:  173     173     173     173 

3,  Hackfrucht    Zur  Hilfe  für  eine  Pflug- 

fbrche :  33  33 


327     261 


44 


—    45     — 

Arbeitstage. 

XAiiiut.  Vnne&t.  MMintt.  Fmuent. 

Transport:  327      261 

4Soinmerang.  Erfordert  dieselbe  Dresch- 
arbeit wie  m  WP.  3  a :  213  213 

5.  Klee.    Erfordert  keine  Arbeit. 

6.  Winterung.    Erfordert  dieselbe  Arbeit 

wie    I   WP.    2  a ;    von    jener    Summe 

die  Hälfte:  226  226 

7.  Hülsenfrücbte.  Es  sind  geemtet: 
1500  Ztr.  Garben.  Dieselben  erfordern 
zum  Dreschen  und  Keinigen  Ton  10 
Ztr.  =  */8  Mannstage.     Also  im  ganzen    200  200 

8.  Sommerung. 

a)  Erfordert  dieselbe  Drescharbeit  wie 
Schlag  4:  213 

b)  Zur  HUfe  für  eine  Pflugfiirche :  33  246 

9.  Hackfrucht  gedüngt.  Erfordert  die- 

selbe Düngearbeit  wie  Schlag  1  b ;   die 

dortige  Summe  ist  mit  zwei    zu  multi- 

pliziereuy  da  die   zu    düngende   Fläche 

doppelt  so  grofs  ist:  .176      176 

Zur  Hilfe  für  eine  Pflugfurche  33  209     176 

10.  Sommerung.  Erfordert  dieselbe  Dresch- 

arbeit wie  Schlag  4:  213  213 

11.  Allgemeine   Arbeiten.     Erfordert 

dieselbe  Arbeit  wie  I  WP.  6  a— b  _350 350 

Summa :  Arbeitsbedarf  der  Winterperiode :  1984     437 

Reduziert  man  alles  auf  Mannstage,  so 
ergiebt  dies  einen  Bedarf  von  2274 
Mannstagen. 

Die  Sommerperiode  erfordert  mithin  einen 
Arbeitsbedarf  der  1,9  mal  so  grofs  ist 
wie  der  der  Winterperiode. 


45 


-     46     — 

y.  Bflbenwlrtschaft. 

Sommerperiode. 

Eruchtfolge:  1.  Erache  gedüngt:  2sur  Hälfte  mit  Ghrttnfdtter 
bestellt.  2.  Winterung.  3.  Rüben.  4.  Sommerung.  5.  Klee.  6.  Winte- 
rung gedüngt.  7.  Buben.  8.  Sommerung.  9.  Rüben  gedüngt.  10.  Som- 
merung. Arbeitstage. 

lHuiiitl  Frauont  Mannit.  Frantnt. 

1.  Brache  gedüngt.    Erfordert  dieselbe 

Arbeit  wie  IV  SP.  1  a.— e :  145       79     145       79 

2.  Winterung.    Erfordert  dieselbe  Arbeit 

wie  IV  SP.  2a:  97     108       97      108 

3.  Rüben. 

a)  Zur  Hilfe  für  eine  Pflugfurche :  25 

b)  Zum  Pflanzen  der  Rübe :  pro  Hektar 

16  Frauentage:  400 

c)  Zum  einmaligen   Behacken  mit  der 

Hand:  pro  Hektar  16   Frauentage:  400 

d)  Zum  zweimaligen  Bearbeiten  der 
Rüben  mit  der  Pferdehacke:  pro 
Hektar  ein  Mann  bei  der  Pferdehacke :      60 

e)  Zum    Ausnehmen   der   Rüben:   pro 

Hektar  =  20  Frauentage :  500 

f )  Zum  Auf-  und  Abladen  einschliefs- 
lich  Einihieten  der  Rüben :  pro  Hektar 

=  2  Manns-  und  3  Frauentage:  50       50     125    1350 

4.  Sommerung.    Erfordert   dieselbe   Ar- 

beit wie  IV  SP.  4  a :  96       62       96       62 

5.  Klee.      Erfordert   dieselbe    Arbeit  wie 

IVSP.  5  a— c:  112     435      112     435 

6.  Winterung  gedüngt.     Erfordert  die- 

selbe Arbeit  wie  IV  SP.  6  a— c :  280     241     280     241 

7.  Rüben.    Erfordert  dieselbe  Arbeit  wie 

Schlag  3:  125    1350     125    1350 

8.  Sommerung.  Erfordert  dieselbe  Arbeit 

wie  IV  SP.  8  a :  86       62       86       62 

9.  Rüben   gedüngt:     Erfordert  dieselbe 

Arbeit   wie    Schlag    3    (gedüngt   wird 

im  Winter) :  125    1350      125    1350 

liyi    5037 

4t> 


—    47    — 

Arbeitstage. 

Maimtt.  FnMianI  Mumii  Franent. 

Traniport:  1191    5037 

10.  Sommernng.    Erfordert  dieselbe  Ar- 
beit wie  IV   SP.  10  a— b:  111       62      111       62 

11.  AllgemeineArbeiten.  Dieselben  wie 

bei  IV  SP.  11  a— b:  456     474     466     474 

Snnuna  Arbeitsbedarf  der  Sommerperiode :  1758   5573 

Sedoziert  man  alles  auf  Mannstage,  so 
ergibt  dies  einen  Bedarf  Ton  5472 
Hannstagen. 

Winterperiode. 

1.  Brache  gedüngt.    Erfordert  dieselbe 

Arbeit  wie  IV  WP.  1  a— b:  121       88      121       88 

2.  Winternng.    Erfordert  dieselbe  Arbeit 

wie  IV  WP.  2a:         *  173      173      173      173 

3.  Buben.    Erfordert  dieselbe  Arbeit   wie 

IV  WP.  3a:  33  33 

4.  Sommernng.  Erfordert  dieselbe  Arbeit 

wie  IV  WP.  4a:  213  213 

5.  Klee.    Erfordert  keine  Arbeit. 

6.  Winternng  gedüngt.    Erfordert  die- 

selbe Arbeit  wie  IV  WP.  6a:  226  226 

7.  Buben.    Erfordert  keine  Arbeit. 

8.  Sommernng.     Erfordert    dieselbe  Ar- 

beit wie  IV   WP.  8  Br-b :  246  246 

9.  Buben    gedüngt.     Erfordert  dieselbe 

Arbeit  wie  IV   WP.  9  a— b:  209      176      209      176 

10.  Sommernng.    Erfordert   dieselbe  Ar- 
beit wie  IV  WP.  10  a:  213  213 

11.  Allgemeine  Arbeiten.    Erfordern 

dieselbe  Arbeit  wie  IV  WP.  11  a:  350  350 


Snmma:  Arbeitsbedarf  der  Winterperiode :  1784     437 

Bednziert  man  alles  anf  Mannstage,  so 

ergibt    dies   einen     Bedarf    von    2074 

Mannstagen. 
Die  Sommerperiode  erfordert  mithin  einen 

Arbeitsbedarf  der  2.6  mal  so   groCs  ist 

wie  der  der  Winterperiode. 

47 


—    48    — 


VI.  Koppelwirtschaft  kombiniert  mit  Frnchtweehsel. 

Sommerperiode. 

Frucht  folge:  1.  Brache  gedüngt  zur  Hälfte  mit  Grünfdtter. 
2.  Winterung.  3.  Hülsenfrucht.  4.  Sommerung.  5.  Hackfrucht  ge- 
düngt.    6.  Winterung.     7.  Klee.    8.,  9.,  10.  Weide. 

Arbeitstage. 

Mannst  Frauent  Mannst  FraoenU 

1.  Brache  gedüngt.    Erfordert  dieselbe 

Arbeit  wie  IV  SP.  X  a—b.  145       79     145       79 

2.  Winterung.     Erfordert  dieselbe   Ar- 

beit wie  IV  SP.  2  a.  97      108       97      108 

3.  Hülsen  fr  ucht.    Erfordert  dieselbe  Ar- 

beit wie  IV  SP.  7  a~e.  118       65     118       65 

4.  Winterung. 

a)  Zur  Hilfe  fiir  eine  Pflugfiirche:  25 

b)  Saat   und  Ernte  erfordern  dieselbe 

Arbeit  wie  in  SP  3  a :  97      108     122     108 

6.  Hackfrucht  gedüngt.  Es  wird  im 
Winter  gedüngt.  Im  übrigen  erfordert 
der  Schlag  dieselbe  Arbeit  wie  IV  SP. 
3  a— h:  125    1150     125    1150 

6.  Sommerung.   Erfordert  dieselbe  Arbeit 

wie  IV  SP.  4  a— b:  96       62       96       62 

7.  Klee.    Erfordert  dieselbe  Arbeit  wie  IV 

SP.  5a-c:  112     435     112     435 

8.  Weide.    Erfordert  keine  Arbeit. 

9.  Weide.   Erfordert  keine  Arbeit. 

10.  Weide.    Erfordert  keine  Arbeit. 

11.  Allgemeine   Arbeiten.     Dieselben 

wie  bei  IV  SP.  11  a—b:  456     474     456     474 

Summa:  Arbeitsbedarf  der  Sommerperiode  1271    2481 

Reduziert  man  alles  auf  Mannstage ,  so 
ergibt  dies  einen  Bedarf  von  2925  Manns- 
tagen. 

48 


—    49    — 


Winterperiode. 

Arbeitstage. 

MiAiigt  Fftment  lUnaat.  Vnta«nl 

1.  Brache  gedüngt.    Erfordert  dieselbe 

Arbeit  wie  IV  WP.  1  a— b :  121       88      121       88 

2.  Winterung.    Erfordert  dieselbe  Arbeit 

wie  ni  WP.  2  a:  173  178 

3.  Hülsenfrucht.    Erfordert  dieselbe  Ar- 

beit wie  IV  WP.  7  a:  200  200 

4.  Winterung.    Erfordert  dieselbe  Arbeit 

wie  rV  WP.  6a:  226  226 

5.  Hackfrucht  gedüngt.    Erfordert  die- 

selbe Arbeit  wie  IV  WP.  9  a— b:  209     176     209     176 

6.  Sommerung.   Erfordert  dieselbe  Arbeit 

wie  IV  WP.  4  a:  213  213 

7.  Klee.     Erfordert  keine  Arbeit. 

8.  Weide.    Erfordert  keine  Arbeit. 

9.  Weide.    Erfordert  keine  Arbeit. 

10.  Weide.    Erfordert  keine  Arbeit. 

11.  Allgemeine   Arbeiten.      Dieselben 

wie  bei  IV  WP.  11:  J60 360 

Summa :  Arbeitsbedarf  der  Winterperiode  1492     264 

fiednziert  man  alles  auf  Mannstage ,  so 
ergibt  dies  einen  Bedarf  Ton  1668  Manns- 
tagen. 

Mithin  erfordert  die  Sommerperiode  einen 
Arbeitsbedarf,  der  1,7  mal  so  hoch  ist  wie 
der  der  Winterperiode. 


SuatswUsenicbaftl.  Studien.   ^*  49 

4 


—     50     — 
Nach  diesen  Berechnungen  beträgt  der  Arbeitsbedarf: 

für  die  für  die 

bei:  im  Ganzen:  Sommerperiode:  Winterperiode: 

Koppelwirtschaft  2886  1708  1178  Tage 

Yerbess.  Eörnerwirtschaft        4359  2597  1762     „ 

Eömerwirtschaft  4507  2638  1869     „ 

Koppelwirtschaft  mit  Frucht- 
wechsel kombiniert  4593  2926  1668     „ 
Fruchtwechselwirtschaft            6617              4343                2274    „ 
Rübenwirtschaft                         7546              5472                2074    „ 

Der  Arbeitsbedarf  der  Sommerperiode  verhält  sich  zu  dem  der 
Winterperiode : 

bei  Koppelwirtschaft  wie  1^ :  1 

„    verb.  Kömerwirtschaft  „  1,6 : 1 

„   Körnerwirtschaft  „  1,4 : 1 

jy   Koppelwirtschaft  kombiniert  mit  Fruchtwechsel    Ij :  1 
„   Fruchtwechselwirtschafl  wie  1,9 : 1 

,,    Btibenwirtschaft  „  2,6 : 1 

Kimmt  man  bei  gleicher  Länge  Ton  Sommer-  und  Winterperiode 
an,  dafs  der  gesamte  Arbeitsbedarf  der  letzteren  durch  kontraktlich 
gebundene  Tagelöhner  gedeckt  werden  soll  und  dafs  in  der  Winter- 
periode von  je  einer  Tagelöhnerfamilie  täglich  ein  Mann  und  ein 
Scharwerker  (=  ^/s  Mannstag) ,  also  im  ganzen  1  '/g  Mannstage  ^)  ge- 
stellt werden,  so  sind  erforderlich  zur  Leistung  des  Arbeitsbedarfs  der 
Winterperiode : 

bei  Koppelwirtschaft  4,7  Tagelöhnerfamilien 

„  verbess.  Kömerwirtschaft       7,o  „ 

„  Körnerwirtschaft  7,4  ^i 

„  Koppelwirtschaft  kombiniert 

mit  Fruchtwechsel  6,6  „ 

„  Fruchtwechselwirtschaft         9,o  „ 

„  Rübenwirtschaft  8,8  „ 

Während  der  Sommerperiode  kann  man  annehmen,  dafs  jede 
Tagelöhnerfamilie  aufser  Mann  und  Scharwerker  noch  andere  Ar- 
beiter stellt.  Denn  fast  in  jeder  befinden  sich  Personen,  welche  wegen 
Alters,  Krankheit  und  anderer  Ursachen  nur  in  der  Sommerperiode 
und  auch  in  dieser  nur  bei  guter  Witterung  Lohnarbeit  verrichten. 
Dazu  kommt  noch  die  gesamte  Arbeit,  die  von  Frauen  und  Kindern 
geleistet  wird.    Die  Zahl  der  auf  solche  Weise  yerrichteten  Arbeits- 


^)  Vergl.  von  der  Goltz,  Landwirttohaftliohe  Taxationslehre  a.  a.  0. 

50 


—    51     — 

tage  ist  ja  bei  den  eineinen  Familien  sehr  Terschieden,  doch  wird  sie 
dnrchflchnittlich  mit  etwa  %  Mannstag  pro  Tag  und  Familie  anzu- 
nehmen Sem,  oder  für  die  ganze  Sommerperiode  mit  100  Mannstagen 
pro  Familie.  Davon  wird  die  Arbeit  der  Frauen  nur  für  die  arbeits- 
reichsten Monate  d.  h.  die  Erntezeit  in  Betracht  kommen.  Bechnet 
man  hierzu  die  beiden  Monate  Juli  und  August  und  auf  dieselben 
=40  .  '/^  =  30  Frauentage^)  «=  20  Mannstage,  so  bleiben  noch  aufser 
der  Arbeit  Ton  Mann  und  Scharwerker  pro  Familie  80  Mannstage, 
die  sich*  annähernd  gleichmäCsig  über  die  ganze  Sommerperiode  ver- 
tdlen  werden ;  pro  Tag  und  Familie  also  =»  ^/s  Frauentag.  —  Dem- 
nach werden  in  der  Sommerperiode  von  jeder  Familie  geleistet  pro 
Tag=  1  7s  +  Vs  =  ^Vs  Mannstage.  Folglich  können  yon  den  kon- 
traktlich gebundenen  TagelöhnerÜEonilien  in  der  Sommerperiode  yer- 
richtet  werden: 

bei  Koppelwirtschaft  4,7.350  =»  1646  Mannstage 

„   verbess.  Kömerwirtschaft  Ifi .  350  =  2450  „ 

„    Kömerwirtschaft  7^.350  —  2590  „ 
,,  Koppelwirtschaft    kombiniert    mit 

Fruchtwechsel  6,6 .  360  «=  2310  „ 

„  Fruchtwechselwirtschaft  9,o .  350  =  3160  „ 

^  Bübenwirtschaft  8,8.350  —  2905  „ 

Zieht  man  diese  zur  Verfügung  stehende  Summe  von  Arbeits- 
tagen Yon  der  Summe  des  Arbeitsbedarfes  der  Sommerperiode  ab,  so 
erhalt  man  die  Zahl  der  Arbeitstage ,  die  von  nicht  zu  den  kontrakt- 
lichen Tagdöhnem  gehörigen  Personen  zu  leisten  sind.  Dieselbe 
beträgt: 
bei  Koppelwirtschaft  1708—1645=     63  Tage 

„   verbess.  Kömerwirtschaft  2597—2450  =    147     „ 

„  Kömerwirtschaft  2638—2590=»      48    „ 

^  Koppelwirtschaft  kombiniert  mit  Frucht- 
wechsel 2925—2310=    616    „ 
„  Fmchtwechselwirtschaft                          4343—3150  =  1193    „ 
„  Kübenwirtschaft  5474—2905  =  2569     „ 

Es  bedarf  noch  einer  Erklärung,  wie  durch  Verlängerung  der 
Sommerperiode  bei  derselben  Fruchtfolge  die  Differenz  an  Arbeits- 
bedarf zwischen  Sommer  und  Winter  sich  vermindert  und  umge- 
kehrt durch  eine  Verlängerung   der  Winterperiode   sich  yergröfsert. 


^)  Es  wird  weiter  unten  erörtert  werden  wie  die  Arbeit  der  Frauen  nur 
einen  Teil  des  Tages  für  Lohnarbeit  zur  Yerfügong  stehen  darf. 

4* 


51 


—    62    — 

I^immt  man  die  beiden  Perioden  nicht  ^  wie  bisher  geschehen ,  gleich 
lang  an ,  sondern  die  Sommerperiode  zn  200  die  Winterperiode  zu 
100  Arbeitstagen,  so  sind  bei  Leistung  des  ganzen  Winterperioden- 
arbeitsbedarfes  durch  kontraktlich  gebundene  Tagelöhner  nötig :  ^) 

bei  Koppelwirtschaft  7,1  Tagelöhnerfamilien 
jf  verbess.  Kömerwirtschaft  10,6  „ 
ff  Kömerwirtschaft  11,2  „ 
„  Koppelwirtschaft  kombiniert  mit  Frucht- 
wechsel 10,0  „ 
„  Eruchtwechselwirtschaft  13,7  „ 
jf    Rübenwirtschaft  12,6  „ 

In  den  200  Tagen  der  Sommerperiode  werden  von  jeder  Familie 
nach  den  vorhergegangenen  Berechnungen  =  200  .  2^8  Mannstage  ge- 
leistet. Dies  ist  jedoch  in  der  That  nicht  der  Fall.  Jede  Familie 
leistet  vielmehr  in  den  beiden  Erntemonaten  zunächst  ausfer  den  alle 
Tage  zur  Arbeit  gestellten  1  %  Mannstagen  noch  40 .  %  =  30  Frauen- 
tage =  20  Mannstage  durch  Frauenarbeit.  Demnächst  stellt  jede  Fa- 
milie noch,  wie  oben  erörtert,  pro  Tag  der  Sommerperiode  ungefähr 
^/5  Frauentag.  Es  beträgt  also  die  gesamte  Arbeitsleistung  einer 
Familie  im  Sommer:  durch  Arbeit  von  Mann  und  Scharwerker 
SB 200. 1%  =3  338  Mannstage;  durch  Frauenarbeit  in  der  Ernte 
as20  Mannstage;  durch  die  Arbeit  der  Kinder,  Alten,  Kränklichen 
u.  s.  w.  =s  200  ^/^  Frauentage  =107  Mannstage ;  im  ganzen  460  Manns- 
tage. Demgemäfs  werden  von  den  kontraktlich  gebundenen  Tage- 
löhnern, die  die  Arbeit  im  Winter  verrichten,  geleistet  in  der 
Sommerperiode: 

bei  Koppelwirtschaft  460 .    7,i  r=r  3266  Mannstage 

„   verbess.  Kömerwirtschaft  460 .  10,6  =  4876  „ 

„  Kömerwirtschaft  460,11,2=5152  „ 

„   Koppelwirtschaft  kombiniert  mit  ♦ 

Fmchtwechsel  460 .  10,o  =  4600  „ 

„   Fmchtwechselwirtschaft  460.13,7  =  6302  •„ 

„  Rübenwirtschaft  460  .  12,6  =  5750  „ 

Vergleicht  man  diese  Zahlen  mit  dem  Arbeitsbedarf  der  Sommer« 
periode,  so  ergibt  sich  bei: 


0  Allerdings  wird  in  Dentsohland  ein  tolohes  Verhältnis  von  Sommer-  zur 
Winterlänge  nur  selten  zu.  finden  sein.  Einmal  tritt  aber  so  an  Extremen  die 
Wirkung  einer  längeren  Sommerperiode  besser  hervor;  andererseits  war  et 
darum  zu  thun,  runde  Zahlen  zu  gewinnen. 


52 


—    63    — 

Koppelwirscfaaft  ein  überschuls  ^)  vba  1558  Mannstagen 

Terbess.  Kömerwirtschaft  ein  XTberschnlfl  von  2S79 

Eömerwirtschaft  ein  Uberschols  yon  2514 
Koppelwirtschaft  kombiniert  mit  Fruchtwechsel  ein 

Überschttls  von  1675 

Fmchtwechselwirtschaft  ein  überschnfs  von  1959 

Bübenwirtschaft  ein  überschnrs  von  276 


}9 
9f 


99 
V 
ff 


Diese  Berechnungen  zeigen,  wie  eine  Fruchtfolge,  die  bei  gleicher 
Länge  von  Sommer-  und  Winterperiode  am  Platze  war,  beim  Gleich- 
bleiben aller  übrigen  natürlichen  und  wirtschaftlichen  Verhältnisse 
lediglich  durch  Veränderung  des  Klimas,  d.  h.  der  Länge  von  Sommer 
und  Winter,  nicht  mehr  angebracht  ist.  Nächst  dem  Klima  war  es 
die  Gunst  oder  Ungunst  der  Arbeiterverhäl  tnisse,  die,  wie  oben  er- 
örtert, bei  Wahl  einer  Fruchtfolge  in  allgemeinen  Zügen  den  Rahmen 
Torschreibt,  in  welchem  sich  die  Schwankungen  von  Arbeitsbedarf  bei 
Gleichbleiben  aller  übrigen  natürlichen  und  wirtschaftlichen  Verhält- 
oisse  zu  halten  haben. 

Bei  gleicher  Länge  von  Sommer-  und  Winterperiode  ergab  sich 
mich  den  vorhergegangenen  Berechnungen  der  Bedarf  an  Arbeitern, 
die  nur  während  der  Sommerperiode  im  Betriebe  Beschäftigung 
finden: 

bei  Koppelwirtschaft  auf  63  Mannstage 

„   verbess.  Kömerwirtschaft  147  „ 

„   Kömerwirtschaft  48  „ 

„  Koppelwirtschaft  kombiniert  mit  Fruchtwechsel   615  „ 

„   Fmchtwechselwirtschaft  1193  „ 


jf 


Rübenwirtschaft  2669 


Nimmt  man  den  Lohn  eines  männlichen  Arbeiters  >)  in  der 
Landwirtschaft  im  Sommer  zu  1,60  Mk.,  im  Winter  zu  1,20  Mk.  an, 
80  würde  für  Arbeiter,  welche  nur  im  Sommer  beschäftigt  werden, 
im  Winter  aber  auch  aufserhalb  der  Landwirtschaft  keinen  Erwerb 
finden,  der  Lohn  in  der  Sommerperiode  so  hoch  steigen  müssen ,  dafs 
sie  von  demselben  auch  ihren  Unterhalt  im  Winter  bestreiten  können. 
Nunmt  man  diese  Steigerung  des  Lohnes  nur  zu  "/^  des  Wintertage- 
lohnes der  ständig  beschäftigten  Arbeiter  nämlich  =  1,S0 .  7«  =  0,90  Mk. 


0  Dieser  Übenohnls  würde  in  Wirklichkeit  darum  nicht  eintreten,  weü  dann 
em  entiprechender  Teil  der  Wiatersrbeiten  auf  die  Sommerperiode  verleget  würde. 
")  YergL  von  der  Oolts,  Landwirtsehaftliche  Betriebalehre  Seite  S7i. 


58 


—     54    — 

an,  80  betxägt  der  Lohnaufwand  in  Wirtschaften,  die  nur  Ar- 
beiter der  letzteren  Art  zur  Verfügung  haben,  eine  bedeutende 
Summe  mehr,  wie  in  Wirtschaften,  deren  sommerliche  Arbeiter  in  der 
Winterperiode  aufserhalb  der  Landwirtschaft  Erwerb  finden.  Bei 
Gleichbleiben  der  übrigen  natürlichen  und  wirtschaftlichen  Verhältnisse 
wird  dadurch  der  Beinertrag  und  mit  ihm  die  Wahl  der  Fruchtfolge 
aufserordentlich  beeinflufst. 

Diese  Steigerung  des  Lohnaufwandes  und  dadurch  bewirkte  Ver- 
minderung des  Beinertrages  beträgt  bei: 

Koppelwirtschaft  =  0,90. 
verbess.  Kömerwirtschaft  =  0,90. 

Körnerwirtschaft  =  0,90 . 
Koppelwirtschaft  kombiniert 

mit  Fruchtwechsel  =  0,90 .    615  =    553,50 

Fruchtwechselwirtschaft  =  1193 .  0,90  =  1073,70 

Bübenwirtschaft  =  0,90 .  2569  =  2312,io 


63  — 

66,70  Mk. 

147  = 

132,30     „ 

48  = 

43,80     „ 

n 


Bisher  ist  in  den  Berechnungen  es  lediglich  um  die  Diffe- 
renz an  Arbeitsbedarf  zwischen  Sommer-  und  Winter- 
periode zu  thun  gewesen.  Es  könnte  demnach  so  scheinen,  wie 
wenn  die  Schwankungen  an  Arbeitsbedarf  innerhalb  der  Sommer- 
periode von  untergeordneter  Bedeutung  bei  der  Wahl  einer  Frucht- 
folge wären.  Dem  gegenüber  ist  ausdrücklich  hervorzuheben,  dafs 
dieses  nicht  der  Fall  ist.  Vielmehr  ist  bei  der  Wahl  einer  Frucht- 
folge die  Differenz  an  Arbeitsbedarf  innerhalb  der 
Sommerperiode  ebenso  zu  berücksichtigen,  wie  die  zwischen 
Sommer  und  Winter.  Für  die  Schwankungen  an  Arbeitsbedarf  inner- 
halb der  Sommerperiode  ist  es  nicht  möglich,  einen  so  bestimmten 
zahlenmäfsigen  Anhalt  zu  gewinnen,  wie  für  die  Schwankungen  im  Be- 
darf zwischen  Sommer  und  Winter;  imd  zwar  dies  deshalb,  weil  es 
sich  dabei  um  die  zeitliche  Verteilung  von  Arbeiten  handelt,  die  im 
hohen  Mafse  von  Naturmomenten  abhängig  sind.  Es  ist  schon  er- 
wähnt, wie  auch  die  Gröüse  der  Arbeitsbedarfsdifferenzen  in  der 
Sommerperiode  von  der  Art  und  Menge  der  anzubauenden  Pflanzen 
abhängt. 

Je  mannigfacher  dieselben  sind,  desto  leichter  ist  es  möglich,  eine 
gleichmäfsige  Verteilung  des  Sommerarbeitsbedarfes  zu  bewirken.  Bei 
einer  reinen  Kömerwirtschaft  wird  sich  der  gröfste  Teil  des  letzteren 
auf  die  Erntemonate  Juli  und  August  erstrecken.   Wird  diese  Frucht- 

64 


—    55    — 

folge  durch  Emschiebang  eines  Kleeschlages  verändert,  so  wird  auch 
der  Monat  yor  der  Getreideernte  durch  Heubereitung  des  Klees 
arbeitsreicher.  Bei  regelmäfsigem  Fruchtwechsel  mit  Hackfruchtbau 
ist  die  Möglichkeit  einer  gleichmäfsigen  Verteilung  des  Arbeitsbedarfes 
die  gröiste :  Saat,  Bearbeitung  und  Ernte  der  Halmfrüchte  erfordern 
ihren  Hauptarbeitsbedarf  zu  einer  anderen  Zeit  wie  die  der  Hack- 
früchte und  Blattgewächse.  Eine  möglichst  gleichmäfsige  Verteilung 
der  Arbeit  innerhalb  der  Sommerperiode  ist  also  gerade  bei  den 
Fmchtfolgen  am  ehesten  möglich,  welche  zwischen  Sommer  und 
Winter  die  grö&te  Differenz  im  Arbeitsbedarf  aufweisen. 

Bei  der  reinen  Kömerwirtschaft;  betrug  der  Mehrbedarf  der 
Sommerperiode  ==:  769  Mannstage,  bei  der  Fruchtwechselwirtschaft  == 
8069  Mannstage.  Dieser  Mehrbedarf  erstreckt  sich  bei  der  Kömer- 
wirtschaft nur  auf  die  Erntemonate  Juli  und  August;  bei  der  Frucht- 
wechselwirtschaft hingegen  werden  sämtliche  Monate  der  Sommer- 
peiiode  ron  dem  Mehrbedarf  getroffen  werden,  wenn  auch  die  Ernte- 
monate Juli  und  August  yielleicht  in  stärkerem  Mafse  wie  die  übrigen. 
Die  Verteilung  des  Arbeitsbedarfes  über  die  einzelnen  Monate  wird 
sich  etwa  gestalten: 

bei  Kömerwirtoohaft,  FmohtweohBelwirtioiuift, 


im  April 

311 

671  Tage 

im  Mai 

311 

671      „ 

im  Juni 

311 

671      „ 

im  Juli 

6% 

829      „ 

im  August 

696 

829      „ 

im  September 

311 

671      „ 

SummaT" 

2636 

4342  Tage. 

Es  ist  berechnet  worden,  dafs  bei  gleicher  Länge  von  Sommer- 
mid  Winterperiode  bei  der  Kömerwirtschaft  ==  7,4,  bei  der  Frucht- 
wechselwirtschaft =  9,0  Tagelöhnerfamilien  zur  Leistung  des  Winter- 
periodenarbeitsbedarfes  zu  halten  sind. 

Leistet  jede  Familie  an  jedem  Tage  der  Sommerperiode  «■ 
S^/j  Mannstage  und  aufserdem  im  Juli  und  August  durch  Frauen- 
arbeit noch  je  20  Mannstage,  so  ergibt  sich  folgendes  Verhältnis 
zwischen  Arbeitsbedarf  und  durch  die  Tagelöhnerfamilien  zu  Ge- 
bote stehende  Arbeitskraft  in  den  einzelnen  Monaten  der  Sommer^ 
Periode: 

66 


im 

April 

im 

Mai 

im 

Juni 

im 

JuK 

im 

August 

im 

September 

—     56    — 
Kömerwir  tschaft :  Fruchtwechselwirtschaft : 

ArbeiUbedarf,    Yorhd.  ArbeiUkraft,    Bedarf,     Vorhand.  Kraft, 

311  407  671  496  Tage 

311  407  671  496      ^ 

311  407  671  495      „ 

696  481  829  585      „ 

696  481  829  585      „ 

311  407  671  495      „ 

Folglich  beträgt  an  Arbeitskraft: 

bei  Kömerwirtschaft :  bei  Fruchtwechselwirtschaft: 

das  Defizit,  der  Debersohafs,  das  Defizit,  der  Uebersohofs,  ' 
im  April                 0                 96  176  0  Tage 

im  Mai  0  96  176  0      „ 

im  Juni  0  96  176  0     „ 

im  Juli  215  0  244  0     „ 

im  August  215  0  244  0     „ 

im  September         0  96  176  0     „ 

Während  man  bei  der  Kömerwirtschaft  also  die  zu  Gebote  stehende 
Arbeitskraft  der  kontraktlich  gebundenen  Tagelöhner  in  den  Monaten 
April,  Mai,  Juni,  September  nicht  vollkommen  ausnützt,  bedarf  man 
in  den  Erntemonaten  Juli  und  August  noch  einer  bedeutenden  Zahl 
anderer  Arbeiter.  In  der  Fruchtwechselwirtschaft  hingegen  werden 
zunächst  zu  allen  Monaten  die  zu  Gebote  stehenden  Arbeitskräftie 
vollkommen  ausgenützt;  aufserdem  ist  aber  eine  fast  durch  die  ganze 
Sonmierperiode  gleich  bleibende  Zahl  anderer  Arbeiter  notwendig.  Bei 
der  Fruchtwechselwirtschaft  braucht  man  nämlich  in  den  Ernte- 
monaten nur  je  68  Mannstage  mehr  wie  in  den  anderen  Monaten ;  bei 
der  Kömerwirtschaft  je  215. 

Zweifellos  dürfte  es  in  den  meisten  Fällen  leichter  sein,  eine 
geringere  Zahl  von  Arbeitem  durch  alle  6  Monate  der  Sommerperiode 
zu  erhalten,  als  wie  eine  grölsere  nur  während  der  Ernte.  Denn  es 
ist  vollkommen  berechtigt,  dafs  die  Tagelöhner  viel  lieber  in  einem 
solchen  Betriebe  thätig  sind,  wo  sie  durch  den  ganzen  Sommer  Ver- 
dienst finden. 

Aus  dieser  Erörterung  geht  hervor,  dafs  auch  bei  ungünstigen 
Verhältnissen,  mögen  dieselben  nun  durch  kurzen  Sommer  oder  Mangel 
an  Arbeitskraft  während  desselben  bedingt  sein,  unter  sonst  gleichen 
Verhältnissen  nicht  durchaus  diejenige  Fruchtfolge  die  geeignetste  ist, 

BS 


—     57    — 

« 

welche  zwischen  dem  Arbeitsbedarf  der  Sommerperiode  und  dem  der 
Winterperiode  die  geringste  Differenz  aufweist  Vielmehr  wird  die 
Geeignetheit  einer  Fruchtfolge  auch  für  solche  Verhältnisse  danach 
ZD  beurteilen  sein,  ob  bei  einer  mö|^lich8t  gleichmäfsigen  Ver- 
teilung der  Arbeit  über  die  Sommerperiode  die  Diffe- 
renz zwischen  Sommer-  und  Winter-Arbeitsbedarf  eine 
möglichst  geringe  ist. 

Nach  den  vorangeschickten  Berechnungen  weist  die  Koppelwirt- 
schaft die  geringste  Differenz  zwischen  dem  Arbeitsbedarf  der  Sommer- 
und  Winterperiode  auf;  gleichzeitig  ist  aber  die  Verteilung  der  Arbeit 
innerhalb  der  Sommerperiode  eine  ähnlich  ungleichmäisige  wie  bei  der 
Eömerwirtschaft.  Die  Fruchtwechselwirtschaft  hingegen  gestattet  vor 
dim  anderen  Fruchtfolgen  die  gleichmäfsigste  Verteilung  der  Arbeit 
nmerhalb  der  Sommerperiode ;  andererseits  ist  aber  bei  ihr  die  Diffe- 
renz zwischen  Sommer-  und  Winterarbeitsbedarf  die  gröfste. 

Eine  Kombination  von  Fruchtwechsel-  und  Koppelwirtschaft  er- 
scheint demnach  bei  sonst  gleichen  Verhältnissen  fiir  landwirtschaftr 
Hohe  Betriebe  mit  kurzer  Sommerperiode  und  ungünstigen  Arbeiter- 
Terhaltnissen  als  die  geeignetste  Fruchtfolge.  Dafs  gerade  die  Teile 
des  deutschen  Beiches,  in  welchen  beide  Umstände  gleich  ungünstig 
einwirken^  den  grölsten  prozentischen  Flächenanteil  ^)  an  Ackerweide 
aufweisen,  bestätigt  diese  Annahme. 


n.  Mafsregeln  zum  Ausgleich  innerhalb  des  eingeführten 

Wirtschaftssystems. 

Innerhalb  der  einmal  eingeführten  Fruchtfolge  stehen  dem  land- 
wirtschaftlichen Unternehmer  eine  Reihe  von  Mafsregeln  zu 
Gebote,  um  das  Mifsyerhältnis  in  der  Höhe  des  Arbeitsbedarfes  zu 
denTerscbiedenen  Jahreszeiten  auszugleichen.  Bevor  auf  dieselben  näher 
eiogegangen  wird,  dürfte  es  vielleicht  zweckmäfsig  sein,  die  Stellung 
der  Frauen-  und  Kinderarbeit  in  der  Landwirtschaft 
kurz  zu  erörtern.     Sie  findet  unter  ganz  anderen  Umständen  statt, 


')  Der  zahlenmäfaige  Naohweia  hierfür  soll  weiter  unten  erfolgen. 

57 


—     58    — 

vrie  in  der  Industrie,  demgemäfs  mufs  sie  auch  anders  beurteilt  werden. 
Zunächst  werden  die  Frauen  und  Kinder  in  der  Landwirtschaft  im 
Gegensatze  zur  Industrie  nur  zu  einem  Teile  des  Jahres  zur  Arbeit 
herangezogen.  Denn  soll  die  Arbeit  derselben  dazu  beitragen,  die 
sich  aus  dem  Mifsyerhältnis  des  Arbeitsbedarfes  für  Unternehmer  wie 
für  Arbeiter  in  gleichem  Mafse  ergebenden  Nachteile  zu  beeinflussen, 
so  darf  sie  nur  zu  den  arbeitsreichen  Perioden  des  Jahres  erfolgen. 
Diese  Arbeiten  finden  im  Gegensatz  zu  industrieller  Beschäftigung 
nicht  in  engen,  geschlossenen  Bäumen,  sondern  im  Freien,  d.  h.  in 
frischer,  gesunder  Luft  statt.  ^)  Gerade  zu  den  Zeiten  des  gröfsten 
Arbeitsbedarfes  sind  die  Verrichtungen  z.  T.  solcher  Natur,  dafs  sie 
überhaupt  nur  während  eines  Teiles  des  Tages  ausgeführt  werden 
können.  Gleichzeitig  erreicht  die  Mannigfaltigkeit  der  zu  verrichten- 
den Arbeiten  eine  grofse  Höhe,  so  dafs  immer  solche  vorhanden  sind,  welche 
den  Kräften  der  Frauen  und  Kinder  angepafst  sind.  Der  Heran- 
ziehung der  Ehefrauen  zur  Arbeit  hält  man  entgegen,  dafs  durch  sie 
eine  geregelte  Besorgung  des  Hauswesens  und  zumal  die  Pflege  der 
Kinder  verhindert  würde.  Würde  sich  die  Lohnarbeit  der  Frauen 
über  das  ganze  Jahr  oder  auch  nur  über  den  ganzen  Sommer  aus- 
dehnen, so  würde  diese  Gefahr  allerdings  vorliegen.  Findet  aber  die 
Frauenarbeit  nur  zu  den  Zeiten  des  höchsten  Arbeitsbedarfes  inner- 
halb der  Sommerperiode  und  nur  zu  einem  Teil  des  Tages  statt,  so 
ist  ein  solcher  Nachteil  nicht  zu  befürchten.  Denn  im  Sommer  er- 
fordert die  Besorgung  des  eigenen  Hauswesens  die  geringste  Arbeit. 
Eine  geregelte  Verrichtung  desselben  ist  auch  dann  wohl  möglich, 
wenn  die  Frau  zu  einem  Teil  des  Tages  auf  Arbeit  geht. 

Gegen  die  Heranziehung  der  Ejnder  zur  Lohnarbeit  in  der  Land- 
wirtschaft wendet  man  ein,  dafs  durch  jede  Arbeit  im  jugendlichen 
Alter  die  körperliche  Entwickelung  gehemmt  würde.  Dies  würde 
allerdings  der  Fall  sein,  wollte  man  den  Kindern  Arbeiten  zumuthen, 
die  ihren  Kräften  nicht  angemessen  sind;  desgleichen  wenn  man  sie 
am  Tage  ebensolange  beschäftigen  wollte  wie  erwachsene  Personen. 
Gerade  in  der  Sommerperiode  gibt  es  eine  grofse  Zahl  von  Verrich- 
timgen,  bei  denen  die  Kraft  des  Arbeiters  wenig  in  Betracht  kommt, 
desto  mehr  aber  eine  gewisse  Behendigkeit  und  Geschicklichkeit  not- 
wendig ist.  Infolgedessen  sind  diese  Arbeiten  wenig  ftlr  Männer  und 
Erwachsene  überhaupt,  vorzüglich  aber  für  Kinder  geeignet.  Durch 
dieselben  wird  die  Entwickelung  der  letzteren  nicht  geschädigt,  sondern 


^)  Vergl.  von  der  Qoltz,  Landwirtech.  Betriebslehre  Seite  268  ff. 

58 


—     59    — 

gefördert:  denn  8ie  werden  durch  Verrichtung  derselben  geistig  und 
körperlich  ausgebildet  und  für  ihre  spätere  Berufsthätigkeit  vorbe* 
reitet.^)  In  solcher  Art  und  Ausdehnung  haften  der  Frauen-  und 
Einderarbeit  in  der  Landwirtschaft  nicht  die  Gefahren  in  körperlicher 
und  sittlicher  Hinsicht  an  wie  in  der  Industrie.  Einerseits  trägt  sie 
m  einer  oft  erheblichen  Yennehrung  des  Einkommens  der  Arbeiter 
bei;  andererseits  gewährt  sie  dem  Unternehmer  die  Möglichkeit  den 
Betrieb  arbeitsintensiver  zu  gestalten.  Besonders  in  Gegenden  mit 
kurzer  Sommerperiode  und  ungünstigen  Arbeiteryerhältnissen  wäre 
ohne  Frauen-  und  Ejnder- Arbeit  ein  einigermafsen  intensiver  Betrieb 
fast  unmöglich.  — 

Innerhalb  einer  einmal  eingeführten  Fruchtfolge  haben  die  Mafs- 
regeln  zur  Verminderung  der  Differenz  an  Arbeitsbedarf 
allein  den  Zweck,  den  Bedarf  der  arbeitsreichen  Perioden 
zu  vermindern,  bezw.  den  der  arbeitsarmen  zu  ver- 
mehren.*) In  der  Sommerperiode  will  man  mit  einer  möglichst 
geringen,  aber  gleichen  Zahl  von  Arbeitern  auskommen ;  in  der  Winter- 
periode soll  nur  der  Gesamtbedarf  derselben  an  Arbeit  erhöht 
werden.  Eine  Entlastimg  der  Sommerperiode  imd  'gleichzeitige  Be- 
lastung der  Winterperiode  erzielt  man  dadurch,  dafs  man  alle  Ge- 
schäfte, die  nicht  durchaus  in  der  ersten  verrichtet  werden  müssen, 
auf  letztere  verlegt.  Es  ist  dabei  jedoch  zu  beachten,  dafs  nicht 
durch  solche  Verlegung  die  Differenz  innerhalb  der  Sommerperiode 
erhöht  werden  darf;  denn  so  würde  man  einen  Nachteil  durch  einen 
noch  gröljseren  verhüten  wollen.  In  dieser  Beziehung  wird  entschieden 
vielfach  gefehlt:  sei  es,  weil  man  die  Bedeutung  des  Ausgleiches  der 
Arbeitsbedarfsdifferenz  innerhalb  der  Sommerperiode  ganz  übersieht 
oder  derselben  im  Vergleich  zum  Ausgleich  des  Mifsverhältnisses 
zwischen  Sommer  und  Winter  eine  nur  untergeordnete  Bedeutung 
beimifst.  Dem  gegenüber  ist  ausdrücklich  zu  bemerken,  dafs  man 
wenigstens  die  lediglich  auf  den  Verdienst  ihrer  Lohnarbeit  angewiesenen 
Leute  durch  die  ganze  Sommerperiode  andauernd  zu  beschäftigen 
bestrebt  sein  soll.  Mit  Rücksicht  auf  diesen  Gesichtspunkt  wird  man 
doch  teilweise  in  der  Sommerperiode  Arbeiten  verrichten  müssen, 
deren  Verlegung  auf  die  Winterperiode  ihrem  inneren  Wesen  nach 

*}  ^ei*?!*  von  der  Gk)lts,  Handbuch  der  landwirtfohaftliohen  Betriebslehre 
Seite  S68. 

*)  Einzelne  Mafsregeln,  wie  z.  B.  Einführang  von  Akkordlohnung  thun  diesee 
illerdingB  nor  unmittelbar:  indem  sie  nämlich  die  zu  Gebote  stehende  Arbeits- 
kraft leistongsfahiger  machen. 

59 


—    60     — 

nichts  entgegensteht.  Nur  auf  Grund  der  jedesmaligen  Yerhältoisse 
eines  Betriebes  ist  es  möglich^  hierüber  im  einzelnen  Falle  zu  ent- 
scheiden. Arbeiten,  die  ihrer  inneren  Natur  noch  nicht  notwendiger- 
weise im  Sommer  verrichtet  werden  müssen,  sind  z.  B.  das  Düngen 
Yon  Schlägen,  die  nicht  zum  Winter  bestellt  werden,  das  Ausbessem 
der  Wege,  Reinigung  der  Gräben,  Meliorationen  wie  Drainieren  u.  ä. ; 
ganz  besonders  aber  das  Dreschen  der  geemteten  Körnerfrüchte.  Soweit 
dasselbe  die  Gewinnung  des  notwendigen  Wintersaatkomes  bezw^eckt, 
ist  es  natürlich  in  der  Sommerperiode  nicht  zu  umgehen.  In  sehr  vielen 
Fällen  wird  aber  heute  schon  während  der  Ernte  ein  groüser  Teil 
des  Getreides  zu  anderen  Zwecken  ausgedroschen,  also  zu  einer  Zeit, 
die  die  arbeitsreichste  des  ganzen  Jahres  ist.  Es  geschieht  dies  ent- 
weder, um  Korn  zum  Verkaufen  oder  Futter  für  das  Vieh  zu  erlangen. 
Liegt  nicht  eine  besondere  Veranlassung  wie  Mifsemte,  Futtemot 
des  vergangenen  Jahres  vor,  so  ist  solches  unzeitige  Dreschen  ein 
grofser  wirtschaftlicher  Fehler.  Denn  es  wird  dadurch  nicht  nur 
die  Di£ferenz  an  Arbeitsbedarf  innerhalb  des  Sommers,  sondern  auch 
zwischen  Sommer  und  Winter  erhöht.  Demgemäls  soll  es  als  B^gel  gelten, 
dafs  mit  Ausnahme  des  Saatkornes  zur  Winterbestellung  im  Sommer  nichts 
gedroschen  wird.  —  Zum  Ausgleich  des  Arbeitsbedarfes 
innerhalb  der  Sommerperiode  ist  dem  Landwirt  ohne  Ände- 
rung der  Fruchtfolge  ein  Mittel  in  der  Auswahl  und  in  der  Kultur 
der  zu  bestellenden  Pflanzen  an  die  Hand  gegeben.  Fast  von  jeder 
Kulturpflanze  gibt  es  Varietäten  mit  verschieden  langer  Vegetations- 
dauer. Werden-  also  von  Getreide  oder  Hackfrüchten  ein  Teil  der 
Schläge  mit  frühreifenden,  der  andere  mit  spätreifenden  Arten  be- 
stellt, so  wird  dadurch  die  Arbeit,  welche  Saat,  Kultur  und  Ernte 
derselben  erfordert,  über  gröfsere  Zeiträume  verteilt.  Bei  Rübenbau 
ist  es  angängig  einen  Teil  des  Bübensamens  unmittelbar  auf  dem 
Acker  auszulegen,  einen  anderen  jedoch  auf  besondere  Beete  zu  säen 
und  die  kleinen  Pflänzchen  später  auf  den  Acker  zu  versetzen.  Hin- 
sichtlich der  Bearbeitung  der  Hackfrüchte  sowohl  wie  gedrillten  Ge- 
treides gibt  es  eine  gewisse  Grenze,  über  welche  hinaus  ein  Mehr 
an  Bearbeitung  nicht  durch  eine  entsprechende  Steigerung  des  Er- 
trages ersetzt  wird.  Trotzdem  wird  es  unter  Umständen  angebracht 
sein,  über  diese  Grenze  hinaus  eine  Bearbeitung  vorzunehmen:  näm- 
lich, um  dadurch  den  Arbeitsbedarf  einzelner  Perioden  im  Sommer 
zu  vergröfsem  und  so  eine  gleichmäfsige  Beschäftigung  der  Arbeiter- 
zahl zu  ermöglichen.  In  diesem  Falle  ist  der  Ersatz  für  die  Kosten 
dieser  Mehrbearbeitung  nicht  in  einer  durch  sie  bewirkten  Steigerung 

60 


—     61     — 

der  Ebrträge  zu  suchen,  sondern  in  der  durch  sie  bewirkten  Möglich-- 
keit,  za  den  Zeiten  gröfseren  Arbeitsbedarfes  über  genügende  Arbeits- 
kräfte zu  verfugen.  « 

Die  Mafsregeln  zum  Ausgleich  der  Differenz  an  Arbeitsbedarf 
innerhalb  der  Sommerperiode  sind  so  mannigfaltiger  Natur  und  richten 
sich  so  sehr  nach  den  besonderen  Verhältnissen  der  einzelnen  Betriebe, 
da£s  es  nicht  angängig  ist,  im  allgemeinen  näher  auf  dieselben  ein* 
zugehen. — EineVermehrung  des  Arbeitsbedarfes  der  Win- 
terperiode ist,  wie  bereits  erörtert,  dadurch  anzustreben,  dafs  alle 
nicht  im  Sommer  notwendig  zu  verrichtenden  Arbeiten  auf  den  Winter 
verlegt  werden :  natürUch  nur  insoweit,  als  dadurch  die  Differenz  inner- 
halb des  ersteren  nicht  vermehrt  wird.  Die  durch  diese  Arbeits- 
verlegung bewirkte  Differenzausgleichung  gewährt  so  grofsen  wirt- 
schaftlichen Vorteil,  dafs  dadurch  eine  etwaige  Verteuerung  der  Arbeit 
reichlich  aufgewogen  wird.  Denn  es  ist  nicht  zu  leugnen,  dafs  einzelne 
Arbeiten  bei  ihrer  Verrichtung  im  Winter  durch  ungünstige  Witte- 
rang oder  Beschaffenheit  des  Bodens  sich  teuerer  stellen  wie  im 
Sommer.  Der  Umstand,  dafs  die  Arbeitstage  der  Sommerperiode 
länger  sind,  wie  die  der  Winterperiode,  hat  jedoch  auf  diese  Ver- 
teuerung keinen  Einflufs.  Denn  fast  überall  ist  der  Tagelohn  im 
Winter  angemessen  dieser  Minderleistung  niedriger  wie  im  Sommer.^) 
Aufeer  dieser  Arbeitsverlegung  ist  es,  um  im  Winter  den  Arbeits- 
bedarf zu  vergröfsem,  vollkommen  angebracht,  auch  solche  Arbeiten 
verrichten  zu  lassen,  die  unmittelbar  keinen  eigentlichen  Gewinn 
bringen.  Der  Gewinn  besteht  für  den  Unternehmer  dann  eben  darin, 
dals  er  im  Sommer  über  eine  gröfsere  Zahl  von  Arbeitern  verfügen 
kann.  Würde  der  unmittelbare  Nutzen  dieser  Arbeiten  für  ihre  In- 
angrifihahme  allein  ausschlaggebend  sein,  so  würden  sie  vielfach  unter- 
bleiben müssen.  Nicht  aber  nach  diesem  immittelbaren  Nutzen  allein 
ist  der  Wert  oder  Unwert  solcher  Arbeiten  zu  bemessen,  sondern 
mittelbar  nach  dem  Erfolg,  welchen  eine  so  ermöglichte  Verstärkung 
der  Arbeitskraft  im  Sommer  hat.  Die  Zahl  und  Art  dieser  Ar- 
beiten ist  nach  den  einzelnen  Betrieben  schwankend.  Die  Wege- 
bessenmg,  äaa  Beinigen  der  Gräben,  Planierung  von  Ackern,  Wiesen 
und  Weiden,  Errichtung,  Bearbeitung  sowie  Ausfahren  von  Kompost- 
haufen  sind  Arbeiten,*)  die  Witterung   imd  Bodenbeschaffenheit   zu 


')  YergL  die  bereits  often  angezogene  Abhmndlong  von  von  der  Goltz,  Die 
Venchiedenheit  des  Bedarfes  n.  s.  w.  in  Fühlings  landwirtsch.  Zeitung. 

*)  Yergl.  von  der  Qoltz,  Abhandlung  in  Fühlings  landwirtsch.  Zeitnng  a.a.O» 


61 


—    62     — 

einem  grofsen  Teil  der  Winterperiode  zu  yerrichten  gestatten.  Die 
regelmäfsigen  Arbeiten  der  letzteren  bieten  keine  Schwierigkeit  einer 
wenigstens  teilweisen  Verlegung  auf  ^e  Perioden  im  Winter,  in 
welchen  die  Ausführung  obiger  Arbeiten  unmöglich  ist. 

Den  bisher  erwähnten  Mafsregeln  ist  es  gemeinsam^  dafs  sie 
entweder  die  Differenz  zwischen  Sommer  imd  Winter  oder  innerhalb 
der  Sommerperiode  für  sich  zu  vermeiden  beitragen.  Es  liegt  auf 
der  Hand,  von  welch  höherer  Bedeutung  solche  Mafsregeln  sein 
müssen,  welche  gleichzeitig  das  Mifsverhältnis  im  Arbeisbedarf  zwischen 
Winter  und  Sommer,  wie  auch  innerhalb  des  letzteren  abzuändern 
geeignet  sind. 

Dieses  ist  der  Fall  bei  richtiger  Anwendung  der  Akkordlöhnung 
und  Maschinenarbeit.  Durch  die  Einführung  der  Akkordlöhne 
in  den  arbeitsreichsten  Perioden  wird  zwar  nicht  der  in  denselben 
notwendige  Handarbeitsbedarf  vermindert.  Es  werden  aber  die 
vorhandenen  Arbeitskräfte  leistimgsfahiger  und  infolgedessen  in  der- 
selben Zeit  von  derselben  Arbeiterzahl  eine  gröfsere  Menge  Arbeit 
verrichtet.  Zum  Teil  ist  dies  bei  der  Maschinenanwendung  auch  der 
Fall;  zum  gröfseren  Teile  aber  wird  durch  sie  unmittelbar  mensch- 
liche Arbeit  durch  tierische  oder  elementare  Kraft  ersetzt.  —  Die 
Löhnung  der  Arbeiter  kann  nach  verschiedenem  Malfistab  statt- 
finden: je  nachdem  man  zum  Zwecke  des  letzteren  ein  bestimmtes 
Moment  aus  dem  Lohnverhältnis  heraushebt.^)  Beim  Zeitlohn  ist 
dieser  Mafsstab  die  Zeit,  welche  arbeitend  verbracht  wird;  beim 
Akkordlohn  hingegen  die  Menge  Arbeit,  welche  während  dieser  Zeit 
fertig  gestellt  ist.  Vom  Standpunkt  des  Egoismus  betrachtet,  stehen 
sich  beim  Zeitlohn  die  Literessen  von  Unternehmer  und  Arbeiter 
schroffer  gegenüber  wie  beim  Akkordlohn.  Beim  ersten  erstrecken 
sie  sich  sowohl  auf  Quantität  wie  auf  Qualität,  beim  letzteren  nur 
auf  die  Qualität  der  zu  verrichtenden  Arbeit.  Dadurch  ergibt  sich 
zunächst  eine  Ersparnis  an  Aufsichtskosten  für  den  Unternehmer. 

Beim  Akkordlohn  liegt  es  in  der  Macht  des  Arbeiters  durch 
eine  Leistung,  die  im  Verhältnis  zu  der  im  Tagelohn  gesteigert  ist, 
sich  einen  höheren  Lohn  zu  verdienen.  Unter  sonst  der  Akkord- 
löhnung günstigen  Umständen  wird  also  der  Arbeiter  bei  ihrer  An- 
wendung mehr  Arbeit  verrichten  wie  im  Tagelohn. 

Diese  Mehrarbeit  kann  man  ungefähr  mit  '/4 — Va — V«  ^^^  Tage- 


')  Vergl.  die  landwirtBchaftlichen  Betriebalebren  von  von  der  Goltz,  Fohl, 
Dünkelberg. 


G2 


—    68    — 

lolmleistimg  annehmen.^)  Der  daraus  sich  ergebende  Vorteil  besteht 
für  den  Arbeiter  in  durch  vermehrte  Anstrengung  yergröfsertem  Lohn 
inr  den  Unternehmer  darin^  dafs  die  Arbeit  in  einer  kürzeren  Zeit 
Terrichtet  wird.  Die  Anwendung  der  Akkordlöhnung  hat  denselben 
Erfolg,  als  ob  im  Tagelohn  eine  Vermehrung  der  Arbeiterzahl  statt- 
iände.  Soll  durch  Einfuhrung  derselben  gleichzeitig  das  Mifsverhält- 
nis  im  Arbeitsbedarf  innerhalb  der  Sommerperiode  wie  auch  zwischen 
Sommer  und  Winter  abgeändert  werden,  so  darf  dieselbe  nur  in 
den  arbeitsreichen  Perioden  des  Sommers  zur  Anwendung  kommen. 
Würde  man  sie  bei  allen  Arbeiten,  bei  denen  sie  möglich,  ohne  Rück- 
sicht auf  den  jeweiligen  Mangel  oder  Überflufs  an  Arbeitern  ein- 
fuhren, so  ginge  dieser  Vorteil  für  den  Unternehmer  verloren.  — 
Die  Zeitlöhnung  ist  bei  allen  Arbeiten  anwendbar ;  die  Akkordlöhnung 
hingegen  nicht.  Deim  es  gibt^  eine  groise  Zahl  von  Arbeiten,  bei 
denen  eine  Löhnxmg  nach  dem  geraden  Verhältnis  ihrer  Gröfse 
nicht  möglich  ist.^)  Hier  kann  es  sich  nur  um  solche  Verrichtungen 
handeln,  welche  zum  Arbeitsbedarf  der  arbeitsreichen  Perioden  inner- 
halb des  Sommers  gehören.  Von  diesen  sind  alle  diejenigen  für 
die  Akkordlöhnung  ungeeignet,  auf  deren  Ausfuhrungsqualität  greiser 
Wert  gelegt  werden  mufs  und  von  deren  Erfolg  sehr  viel  abhängt : 
z.  B.  Säen,  Pflanzen,  Verziehen  der  Rüben.  Bei  einer  anderen 
Gruppe  von  Arbeiten  wird  die  Akkordlöhnung  nur  dann  anwendbar, 
wenn  man  auf  den  Vorteil  der  Verminderung  der  Aufsichtskosten 
verzichtet,  unter  Umständen  die  Aufsicht  im  Gegensatz  zur  Verrich- 
timg derselben  Arbeit  im  Tagelohn  sogar  noch  vermehrt:  z.  B.  die 
Bearbeitung  der  Hackfrüchte  mit  der  Hand.  Am  vorzüglichsten 
eignen  sich  zur  Ausfuhrung  im  Akkordlohn  solche  Arbeiten,  die  nicht 
während  der  ganzen  Dauer  ihrer  Ausfuhrung  beaufsichtigt  werden 
brauchen,  ohne  dafs  dabei  durch  schlechte  Verrichtung  dem  Unter- 
nehmer ein  sehr  gro&er  Schaden  entstände.  Solche  Arbeiten  sind: 
das  Mähen  der  Halmfrüchte,  Wiesen-  und  Futterpflanzen,  sowie  das 
Aufnehmen  der  Hackfrüchte.  —  Nicht  selten  werden  der  Einführung 
der  Akkordlöhnung  Schwierigkeiten  von  Seiten  der  Arbeiter^)  ent- 
gegengesetzt.   Dieselben  können  einmal  aus  einer  Abneigimg  gegen 


')  Vergl.  von  der  Goltz,  Handbaoh  der  landwirtsch.  Betriebslehre  Seite  281. 

*)  Vergl.  die  Abhandlung  über  Akkordlöhnang  in  Pohls  Landwirtsch.  Be- 
triebslehre. 

')  Wie.  die  Einfohrang  des  Grappenakkords  durch  die  verschiedene  Leistungs- 
fähigkeit der  Arbeiter  erschwert  wird,  darüber  vergL  von  der  Goltz,  Handbuch 
der  lapdwirtsoh.  Betriebslehre  Seite  281. 

68 


—     64    — 

• 

dieselbe  überhaupt,  andererseits  aus  der  Unmöglichkeit  hervorgehen, 
den  Mehranstrengungen  derselben  auf  längere  Zeit  gewachsen  zu  sein. 
Der  "Widerwillen  kann  sich  aus  verschiedenen  Ursachen  herleiten.  In 
den  meisten  Fällen  ist  es  nichts  wie  Indolenz,  die  die  Arbeiter  trotz- 
dem sie  sich  der  Vorteile  wohl  bewuTst  sind,  die  Mehranstrengung 
scheuen  läfst.  Femer  argwöhnen  die  Arbeiter  oft  bei  Einführung 
der  Akkordlöhnung  eine  entgeltlose  Ausbeutung  ihrer  Arbeitskraft 
für  die  Zukunft.  Das  wäre  der  Fall,  wenn  der  Untemebmer  sich 
nicht  mit  der  Beschleunigung  der  Verrichtungen  als  den  ihn  treffenden 
Vorteil  bei  der  Akkordlöhnung  begnügen  wollte,  sondern  die  Mehr- 
arbeit derselben  zu  einer  Herabdrückung  des  Tagelohns  benutzen 
wollte.  Neben  der  Beschleunigung  aber  auch  noch  eine  Verbilligung 
der  Arbeit  zu  verlangen,  ist  eine  imbillige  Forderung.*)  Im  letzteren 
Falle  liegt  die  Schuld  also  unmittelbar  am  Unternehmer.  Die  In- 
dolenz aber,  welche  die  mit  einem  entsprechenden  Mehrverdienst  ver- 
bundene Mehranstrengung  scheut,  ist  ein  Zeichen  der  noch  niedrigen 
Kulturstufe,  auf  der  die  betreffenden  Arbeiter  stehen.  Einer  ähn- 
lichen Ursache  ist  es  zuzuschreiben,  wenn  die  Arbeiter  die  Mehran- 
strengungen bei  der  Akkordlöhnung  auf  längere  Zeit  auszuhalten 
nicht  kräftig  genug  sind.^)  Es  ist  eine  unabweisbare  Forderung, 
dafs  mit  diesen  Mehranstrengungen  eine  bessere  Ernährung  Hand  in 
Hand  gehen  mufs.  Arbeiter  auf  tiefer  Kulterstufe  werden  in  Ver- 
kennung dieses  Umstandes  den  Mehrverdienst  bei  der  Akkordlöhnung 
nicht  zu  einer  besseren  Ernährung  und  Lebenshaltung,  sondern  zur  Be- 
friedigung unnötigerer  Bedürfiiisse  verwenden. 

Soll  die  Einführung  des  Akkordlohnes  auf  längere  Zeit  die  Lei- 
stung der  Arbeiter  steigern,  so  müssen  letztere  schon  auf  einer  so 
hohen  Kulturstufe  stehen,  dafs  sie  die  Vorteile  derselben  einsehen; 
dafs  sie  die  zur  Erreichung  derselben  notwendigen  Mehranstrengungen 
nicht  scheuen ;  und  dafs  sie  endlich  eine  richtige  Sangordnung  hinsicht- 
lich der  Bedürfioisbefiriedigung  durch  den  Mehrverdienst  bereits 
kennen. 

Setzt  die  Anwendung  der  Akkordlöhnung  so  einerseits  eine  ge- 
wisse Höhe  in  der  Kultur  der  Arbeiter  voraus,  so  trägt  sie  anderer- 
seits auch  dazu  bei  dieses  Kultumiveau  weiter  zu  heben. 

Die  Geeignetheit  der  Maschinen,  bei  richtiger  Anwendung 


^)  VergL  von  der  Goltz,  Handbuoh  der  landwirttob.  Betriebslehre  S.  SSO. 
')  VergL  die  bereits  angezogene  Abhaadlang  von  Dr.  jur.  Karl  Kaerger^ 
Über  Sachsengängerei. 


S4 


—     65     — 

ein  Ansgleichsmittelfiir  den  schwankenden  Bedarf  an  Handarbeit 
zu  sein,  beruht  auf  zwei  Eigenschaften  derselben.  Einmal  auf  der 
Möglichkeit,  bei  ihrer  Verwendung  menschliche  Kraft  durch  tierische 
oder  elementare  Kraft  zu  ersetzen;  anderseits  auf  der  Fähigkeit, 
das  gleiche  Mafs  menschlicher  Arbeit  leistungsfähiger  zu  machen. 
Das  endliche  Resultat  ist  in  beiden  Fällen  dasselbe :  es  wird  nämlich 
zur  Verrichtung  desselben  Stückes  Arbeit  bei  Maschinenanwendung 
eine  geringere  Summe  Handarbeit  erfordert  wie  ohne  dieselbe.')  Aufser 
wegen  dieser  beiden  Eigenschaften  findet  Maschinenanwendung  in  der 
Landwirtschaft  noch  um  deswegen  statt,  weil  sie  menschliche  Arbeit 
Terbessert  oder  verbilligt.*)  Bei  den  weitaus  meisten  Maschinen  aber 
ist  die  Eigenschaft  der  Arbeitserspamis  mit  der  der  Verbesserung*) 
oder  Verbilligung  verbunden. 

Der  eigentliche  Aufschwung  in  der  Anwendung  landwirtschaft- 
licher Maschinen  beginnt  mit  dem  Anfang  dieses  Jahrhunderts.  Dann 
erfolgte  aber  die  Erfindung  der  wichtigsten  Maschinen  in  Verhältnis- 
mäfsig  kurzeu  Zeiträumen.  Zum  Teil  mag  es  durch  diesen  Umstand 
bedingt  sein,  dafs  diese  Erfindungen  einen  ähnlichen  Erfolg  hatten 
wie  die  ungefähr  gleichzeitigen  grofsartigen  Entdeckungen  auf  dem 
Grebiete  der  Naturwissenschaften.  Bei  ihrer  Anwendung  in  der  Praxis 
Tergafs  man  über  der  Technik  ein  genügendes  Berücksichtigen  der 
Ökonomik.  Es  hat  den  Anschein,  als  ob  dieser  XJbelstand  zum  Schaden 
einer  grossen  Zahl  von  Betrieben  auch  jetzt  noch  immer  weiter  um 
sich  greift.  —  Aufgabe  der  Technik  ist  es  lediglich,  die  Maschinen- 
arbeit als  eine  Leistung  isoliert  aus  dem  Gesamtbetrieb  zu  betrachten. 
Sie  bildet  den  InbegriflF  aller  Begeln,  welche  bei  Anwendung  einer 
Maschine  zu  beachten  sind.  Die  Ökonomik  hingegen  bemifst  den 
Wert  der  Maschinenanwendung  aus  für  das  ganze  Unternehmen  mit 
Rücksicht  auf  den  Endzweck  desselben  sich  ergebenden  Folgen  und 
Wirkungen.  Zunächst  hat  ja  die  Ökonomik  den  Wert  oder  Unwert 
der  Maschinenanwendung  nach  der  Qualität  und  der  Verbilligung  ihrer 
Arbeit  im  Vergleich  zur  Handarbeit  zu  beurteilen.  Sodann  hat  sie 
aber  auch  die  Folgen  ins  Auge  zu  fassen  und  abzuwägen,  welche  die 
Maschinenanwendung  in  anderer  Weise  auf  den  Betrieb  und  den  End- 
zweck desselben  hat.  Es  ist  erwähnt  worden,  wie  fast  jede  Maschine  die 
Eigenschaft  besitzt,  die  zur  Leistung  eines  bestimmten  Stückes  Arbeit 


^)  ^ergl.  von  der  Qoltz,  Handbuch  d.  landwirt.  Betriebslehre  Seite  129. 
«)  a,  ».  O. 
»)  a.  s.  O. 

Staatawiatensehaftl.  Studien.    V.  >,r  ^ 

5 


—    66    — 

notwendige  menschliche  Arbeitskraft  zu  verringern.  Eine  solche  Ver- 
minderung ist  aber  in  der  Landwirtschaft  nur  zu  I)e8timmteu  Zeiten 
des  Jahres  emiinscht«  Zu  anderen  ist  es  vielmehr  noch  darum  zu  thun, 
den  Uandarbeitsbedarf  nach  ilöglichkeit  zu  vermehren.  Die  Anwen- 
dung einer  arWitsparenden  Maschine  in  arbeitsreichen  Perioden  bildet 
ein  vorzügliches  Ausgleichmittel  llir  die  Schwankungen  im  Arbeits- 
iK^arf.  Die  Anwendung  derselben  Maschine  in  arbeitsarraer  Zeit 
mird  die  Höhe  dieser  Schwankungen  noch  steigern,  mithin  allein  mit 
Rücksicht  hierauf  ein  wirtschaftlicher  Fehler  sein,  trotzdem  der  Vor- 
teil  der  Verbilligung  der  Arbeit  derselbe  sein  mag.  Der  letztere  ist 
leicht  erkennbar,  er  läfst  sich  unschwer  in  jedem  Falle  zahlenmälsig 
feststellen.  Der  Nachteil  aber,  den  die  Steigerung  der  Differenz  im 
Arbeitsbedarf  bildet,  ist  nicht  so  leicht  zu  konstatieren.  Er  äuCsert 
sich  vielleicht  nicht  einmal  in  demselben  Zweige  des  Betriebes,  ins- 
1>esondere  aber  zu  einer  anderen  Zeit  des  Jahres.  Der  Vorteil  der  Ar- 
beitsverbiUigung  und  der  Nachteil  der  Steigerung  der  Differenz  im 
Arbeitsbedarf  stehen  sich  bei  solcher  Mascliinenanwendung  gegen- 
über.  Nur  ein  richtiges  Zuratehalten  der  Ökonomik  vermag  zu  er- 
gründen, was  mit  Rücksicht  auf  den  Endzweck  des  Unternehmens  das 
Ausschlaggebende  sein  mufs.  Die  Mehrzahl  der  liandwirte  zieht  bei 
der  Maschinenanwendung  nur  einen  Teil  der  Ökonomik  in  Rechnung, 
nämlich  die  Verbilligung  der  Arbeit.  Nach  diesem  Gesichtspunkte 
allein  betrachtet,  wird  die  Mascliinenanwendung  um  so  vorteilhafter 
je  öfter  diese  Anweudimg  stattfindet.  Ein  vollkommenes  Zuratehalteu 
der  Ökonomik  mufs  bei  der  Entscheidung  über  den  Wert  oder  Un- 
wert der  Maschiueuauweuduug,  wie  bereits  erwähnt,  noch  andere  Um- 
stände in  Betracht  ziehen.  Diese  ändern  sich  sowohl  an  und  für  sich 
wie  auch  im  Verhältnis  zu  einander  innerhalb  desselben  Jahres.  *) 
Hier  kann  nur  der  Umstand  in  Betracht  kommen,  ob  die  Anwendun^^ 
der  Maschine  zu  einer  Zeit  im  Jahre  stattfindet,  in  welcher  Ul)ei*flufs 
an  menschlichen  Arbeitskräften  vorhanden  ist,  oder  umgekehrt  Mangel 
an  denselben.  Mit  Rücksicht  auf  die  Verbilligung  der  Arbeit  allein 
wird  ein  Unternehmer  durch  eine  einmal  augeschaffte  Maschine  mög- 
lichst alle  Arbeiten  verrichten  lassen,  bei  denen  dies  angängig :  gleich- 
viel ob  in  arbeitsreicher  oder  in  arbeitsaimer  Zeit.  Berücksichtigt  mau 
auch  den  anderen  Umstand  bei  der  Entscheidung  über  Wert  oder  Un- 
wert der  Mascliinenanwendung,  so  wird  bei  Anwendung  der  Maschine 


*)  Vergl.  die  öfters  angezogene  Abhandlung  von  von  der  Goltz,  Die  Ver- 
schiedenheit des  iiedarfes  u.  s.  \v.  in  Fühlings  landwirtsch.  Zeitg.  1889. 


Gß 


—    67    — 

iB  arbeitsreicher  Zeit  der  Vorteil  ein  doppelter  seiu :  Vermiiiderung  der 
Arbeitsbedarfsschwankungen  und  Verbilligung  der  Arbeit.  In  arbeits- 
annen Perioden  aber  wird  die  Verminderung  des  Handarbeitsbedarfes 
die  Arbeitsbedarfsschwankungen  vergröfsem.  Es  ist  dann  bei  der  Ent- 
scheidung über  den  Wert  der  Maschinenanwenduug  die  Frage  ob  der 
Nachteil  der  letzteren  Art  durch  den  Vorteil  der  Arbeitsverbilligung 
wett  gemacht  wird  oder  nicht.  Diese  Frage  läfst  sich  nur  unter 
Berücksichtigung  der  besonderen  Umstünde  in  jedem  Falle  für  sich 
l)eantworten. 

Innerhalb  der  Sommerperiode  kommen  insbesondere  die  Maschinen 
ZOT  Saat,  zur  Bearbeitung  und  zur  Ernte  der  anzubauenden  Pflanzen 
in  Betracht.  Es  gibt  gewifs  einzelne  unter  ihnen,  bei  denen  nicht 
die  Verminderung  des  EJAndarbeitsbedarfes,  sondern  vielmehr  fast 
ansachliefslich  die  Verbesserung  der  Arbeit  den  ausschlaggebenden 
Grrund  ihrer  Anwendung  bildet,  z.  B.  Säemaschinen,  Drillmaschiuen, 
Düngerstreumaschinen.  Demgemäfs  werden  solche  Mascliinen  auch 
mit  vollkommener  Berechtigung  in  den  arbeitsarmen  Perioden  benutzt 
werden.  Bei  der  Mehrzahl  der  im  Sommer  angewendeten  Maschinen 
steht  aber  die  Verminderung  des  Mandarbeitsbedarfes  im  Ver- 
gleich zur  Verbesserung  oder  Verbilligung  der  Arbeit  als  Grund  ihrer 
Benutzung  so  sehr  im  Vordergrund,  dafs  bei  Anwendung  in  arbeits- 
annen Perioden  der  Vorteil  der  letzteren  Art  durch  den  Nachteil 
der  Steigerung  der  Arbeitsbedarfsschwankungen  vollkommen  über- 
wogen wird.  Eine  solche  Maschinenanwendung  bedeutet  einen  wirt- 
schaftlichen Fehler.  Demgemäfs  kann  es  sich  oft  empfehlen  in  arbeits- 
armen Perioden  z.  B.  die  Bearbeitung  der  Hackfrüchte  und  gedrillten 
Körnerfrüchte,  die  Ernte  der  Halmgewächse  wie  Futterpflanzen  mit  der 
Hand  vornehmen  zu  lassen,  trotzdem  zu  diesen  Arbeiten  Maschinen  vor- 
banden sind.  In  der  Winterperiode  kommen  im  wesentlichen  aufser  der 
Dresclunaschine  nur  Maschinen  zum  Reinigen  und  Sortieren  der  ge- 
emteteu  Früchte,  sowie  zur  Zubereitung  des  Futters  in  Betracht.  Bei 
der  Anwendung  der  Dreschmaschinen  liegen  die  Verhältnisse  wesentlich 
anders  wie  bei  denen  zu  Zwecken  der  letzteren  Art.  Einerseits  be- 
tragt die  Summe  der  Handarbeit,  welche  durch  Maschinen  zur  Rei- 
nigung von  Früchten  oder  Zubereitung  von  Futter  erspart  wird,  über- 
haupt nur  einen  geringen  Teil  der  gesamten  Handarbeit  der  VVinter- 
periode.  Andererseits  wird  aber  die  Qualität  der  diirrh  sie  geleisteten 
Arbeit  eine  solche,  wie  sie  durch  Handarbeit  entweder  überhaupt 
nicht  oder  doch  nur  mit  bedeutend  griifserem  Kostenaufwande  her- 
gestellt werden  kann.     Dadurch  wird  der  Nachteil,  welchen   die  An- 

67 


5* 


6* 


l 


—    68    — 

Wendung   dieser   Maschinen   durch   Verminderung    des   Handarbeits- 
bedarfes mit  sich  bringt,  reichlich  aufgewogen. 

Ganz  anders  aber  verhält  es  sich  mit  der  Benutzung  der  Dresch- 
maschine. Mit  einigen  Ausnahmen  wird  durch  dieselbe  eine  Arbeit 
geleistet,  die  annähernd  in  derselben  Qualität  zu  nicht  aufserordentlich 
höheren  Kosten  durch  Handarbeit  verrichtet  werden  kann.  Das 
Dreschen  bildet  einen  grofsen  Teil  der  im  Winter  überhaupt  zur 
Beschäftigung  der  Arbeiter  zu  Gebote  stehenden  Verrichtungen. 
Wennes  sich  gegen  Ende  der  Sommerperiode  zu  Zeiten  grofsen  Arbeits- 
bedarfes darum  handelt,  das  notwendige  Saatkorn  für  die  Winter- 
saat zu  beschaffen,  bildet  die  Anwendung  der  Dreschmaschine  ein 
vorzügliches  Mittel,  um  gleichzeitig  die  Differenz  im  Arbeitsbedarf 
sowohl  zwischen  Sommer  und  Winter  wie  auch  innerhalb  der  Sommer- 
periode zu  vermindern.  Demgemäfs  wird  niemand  daran  zweifeln, 
dafs  die  Dreschmaschine  eine  der  nützlichsten  und  wichtigsten  der  in 
der  Landwirtschaft  angewendeten  Maschinen  ist.  *)  Trotzdem  wird 
es  sich  in  Gegenden  mit  langen  Wintern  und  ungünstigen  Arbeiter- 
verhältnissen empfehlen,  vielleicht  den  gröfsten  Teil  der  Ernte  mit 
der  Hand  ausdreschen  zu  lassen.  *)  Im  nördlichen  Deutschland  ver- 
fährt man  vielfach  demgemäfs,  denn  hier  ist  man  durch  die  ungün- 
stigen Verhältnisse  gezwungen,  den  gröfsten  Teil  der  Arbeiter  des 
Sommers  auch  im  Winter  zu  beschäftigen.  Aber  auch  dort,  wo  für  den 
Unternehmer  ein  solcher  Zwang  nicht  vorhanden  ist,  würde  es  dennoch 
nur  in  seinem  Interesse  liegen,  diesem  Beispiele  zu  folgen.  Eine  etwaige 
Verteuerung,  die  dem  Unternehmer  aus  dem  Handdrusch  im  Vergleich 
zum  Maschinendrusch  erwächst,  wird  reichlich  durch  den  Vorteil  auf- 
gewogen, dafs  ihm  nun  im  Sommer  eine  gröfsere  Zahl  von  Arbeitern 
zur  Verfügung  steht,  die  das  ganze  Jahr  hindurch  regelmäfsige  Beschäf- 
tigung in  seinem  Betrieb  finden. 

Die  Gründe  dafür,  dafs  man  auf  zahlreichen  Gütern  nicht  die 
Ernte,  wie  es  angebracht  wäre,  im  Laufe  des  Winters  und  wenigstens 
zum  Teil  mit  dem  Flegel,  sondern  bereits  am  Ende  der  Sommerperiode 
und  Anfang  des  Winters  und  ganz  mit  der  Maschine  ausdrischt,  sind 
mannigfacher  Art.  Ein  wohl  nur  sehr  kleiner  Teil  der  Unternehmer 
befindet  sich  in  der  günstigen  Lage,  nur  einen  beliebigen  Teil  der 
sommerlichen  Arbeiter  auch   in   der  Winterperiode  beschäftigen  zu 


^)  Yergl.  die  Abhandlung  von  von  der  Goltz,  Die  Verschiedenheit  des  Be- 
darfes u.  8.  w.  in  Fühlings  landwirtsch.  Zeitg.  1889. 
«)  a.  8.  0. 


68 


—     69     — 

brauchen.  Für  solche  Wirtschaften  würden  allerdings  die  Mehrkosten, 
die  sich  heim  Handdrusch  im  Vergleich  zum  Maschinendrusch  er- 
geben, eine  Erhöhung  des  Wirtschaftsaufwandes  bedeuten,  dem  ein 
Vorteil  durch  die  Verminderung  der  Differenz  im  Arbeitsbedarf 
zwischen  Sommer  und  Winter  nicht  gegenübersteht.  Gleichzeitig  käme 
dann  noch  der  Vorteil  in  Betracht,  dafs  man  in  den  kurzen  Tagen 
des  Winters,  in  denen  die  Arheit  sich  teuerer  stellt  wie  in  den  längeren, 
weniger  oder  gar  keine  Arbeiter  zu  beschäftigen  braucht.  Es  unter- 
li^  keinem  Zweifel,  dafs  ein  solches  Verfahren  im  Interesse  der'Er- 
zielung  eines  möglichst  hohen  Reinertrages  richtig  genannt  werden 
mofs.  Ebensowenig  ist  es  aber  zweifelhaft,  dafs,  falls  eine  solche 
Wirtschaftsweise  eine  allgemeinere  würde,  die  ländlichen  Arbeiter  in 
noch  höherem  Maise,  als  es  jetzt  der  Fall  ist,  einer  anderen  Erwerbs- 
thatigkeit,  sei  sie  städtischer  oder  industrieller  Natur,  sich  zuwenden 
werden.*) 

Eün  anderer  Teil  von  Unternehmern  läfst  darum  die  ganze  Ernte 
mit  der  Maschine  ausdreschen,  weil  er  glaubt,  dafs  es  in  seinem  Inter- 
esse liege,  eine  einmal  angeschaffte  Maschine  nun  auch  zu  allen  den 
Arbeiten  zu  verwenden,  bei  denen  dies  angängig  erscheint.  Wie  dies 
durch  ein  mangelhaftes  Zuratehalten  der  Ökonomik  begründet  ist, 
wurde  bereits  erwähnt. 

In  den  weitaus  zahlreichsten  Fällen  ist  aber  die  Ursache  für  den 
unzeitigen  Maschinendrusch  nicht  in  diesem  ungenügenden  Zurate- 
halten der  Ökonomik  und  nicht  in  der  besonderen  Gunst  der  Arbeiter- 
Terhältnisse  zu  suchen,  sondern  in  dem  Mangel  eines  genügend 
hohen  umlaufenden  Betriebskapitales.  Das  umlaufende 
Betriebskapital  wechselt  beständig  in  Bezug  auf  die  Form  und  Menge 
seiner  einzelnen  Bestandteile,*)  wenn  auch  sein  Gesamtwert  dabei 
derselbe  bleibt.  Sind  viele  Produkte  im  Vorrat,  so  ist  wenig  bares 
Geld  in  der  Kasse  und  umgekehrt.  Des  baren  Geldes  bedarf  aber 
der  Unternehmer  gerade  am  Ende  des  Sonmiers  und  am  Anfang  des 
Winters  in  stärkerem  Mafse  wie  sonst  im  Jahre.  Vor  allem  sind  die 
Arbeitslöhne  für  die  arbeitsreichste  Zeit  im  Jahre,  nämlich  die  Ernte, 
zu  zahlen.  Gleichzeitig  mufs  der  Pächter  die  vierteljährliche  Pacht, 
der  Besitzer  die  Zinsen  für  die  hypothekarische  Belastung  seines  Gutes 
entrichten.    Nicht  mit  Unrecht  kann  man  diese  Zeit  als  einen  Prüf- 


^)  ^^rgl.  die  Rede  des  Gattbesitzer  Herold  im  westfälischen  Bauemverein, 
am  13.  Mai  1889.  Qedmckt  in  der  Zeitschrift  für  Agrarpolitik,  Bd.  II,  S.  897;  1889. 
*)  Vergl.  Yon  der  Goltz,  Handbuch  der  landwirt.  Betriebslehre  Seite  886. 


69 


—     70     — 


stein  dafür  auffassen,  ob  ein  Betrieb  mit  einem  genügend  hohen  um- 
laufenden Betriebskapital  ausgestattet  ist.  Im  allgemeinen  äu&ert 
ein  Mangel  an  letzterem  sich  ja  darin,  dafs  yiele  wirtschaftliche  Mafs- 
regeln  nicht  getroffen  werden  können,  dre  zur  Erzielung  höherer 
Beinerträge  notwendig  sind.  In  diesem  Falle  besteht  die  nachteilige 
Wirkung  jedoch  darin,  dals  der  Drusch  der  geemteten  Körnerfrüchte 
zu  einer  Zeit  und  auf  eine  Art  vorgenommen  wird,  dafs  dadurch  die 
Schwankungen  im  Arbeitsbedarf  vergröfsert  werden.  — 

Man  kann  annehmen,  dafs  ein  männlicher  Arbeiter  beim  Göpel- 
maschinendrusch zweimal  so  viel,  beim  Dampfmaschinendrusch  drei- 
mal so  viel  leistet  wie  beim  Handdrusch,  ^)  In  den  vorausgeschickten 
Berechnungen  über  den  Arbeitsbedarf  der  verschiedenen  Wirtschafts- 
systeme ist  mit  Ausnahme  des  Arbeitsbedarfes  für  das  noch  in  der 
Sonmierperiode  zu  dreschende  Saatkorn  überall  Flegeldmsch  ange- 
nommen. Setzt  man  an  Stelle  desselben  Göpelmaschinen-  bezw. 
Dampfmaschinendrusch,  so  ergeben  sich  folgende  Zahlen: 

Im  Winter  bedürfen  bei: 


Flegel-: 

Göpel- : 

DampfmaBchinendruBch 

Koppelwirtschaft 

1178 

773 

642 

Mannstage. 

Kömerwirtschaft 

1869 

1166 

929 

n 

Verbess.  Kömerwirtschaft 

1762 

1122 

908 

« 

Koppelwirtschaft  kombiniert 

mit  Fruchtwechsel 

1668 

1262 

1126 

n 

Fruchtwechselwirtflchaft 

2274 

1655 

1448 

V 

Rübenwirtschaft 

2074 

1555 

1382 

f* 

Es   verhält  sich  der  Bedarf  an  Arbeit  der  Sommerperiode   zu 
dem  der  Winterperiode  bei: 

Flegel-:      Göpel-:      Dampfmfteohinendrutch: 


Koppelwirtschaft  wie  1,8  :  1  2,2  :  1 

Kömerwirtschaft  wie  1,4  :  1  2,2  :  1 

Verbess.  Körnerwirtschaft  wie  1;5  :  1  2,8  :  1 
Koppelwirtschaft  kombiniert 

mit  Fruchtwechsel  wie  1,7  :  1  2,8  :  1 

Fruchtwechsel  Wirtschaft  wie  1,9  :  1  2,6  :  1 

Rübenwirtschaft  wie  2,6  :  1  3,6  :  1 


9,6 
2,8 
2,8 

2,6 
3,0 
3,9 


1 
1 
1 

1 
1 
1 


*)  Vergl.  Fritz,  Handbuch  der  landwirtschaftlichen  Maschinen.    Berlin  188d, 
Seite  469. 


70 


—    71    — 

Besonders  in  den  Rübenwirtschaften  wird  ein  grofser  Teil  der 
Getreideernte  bereits  am  Ende  der  Sommerperiode  mit  der  Dampf- 
maschine aasgedroschen,  so  dafs  dann  für  die  Winterperiode  nur  Be- 
Bchäftigang  für  eine  ganz  geringe  Zahl  von  Arbeitern  bleibt. 

In  der  bei  den  vorangegangenen  Berechnungen  zu  Grunde  ge« 
legten  Riibenwirtschaft  war  angenommen,  dafs  mit  Ausnahme  des 
Saatkorns  für  die  Winterung  und  zweihundert  ScheiFel  für  den  Haus- 
gebrauch alles  Getreide  in  der  Winterperiode  mit  dem  Flegel  ge- 
droschen würde.  Demgemäfs  waren  im  Winter  zu  dreschen  7800  Ztr. 
Gretreide;  dazu  waren  1038  Mannstage  erforderlich.  Nimmt  man  an, 
—  wie  es  in  zahlreichen  Fällen  in  der  Praxis  geschieht  —  dafs  Yon 
diesen  7800  Ztr.  zwei  Drittel,  also  5200  Ztr.  noch  im  September  mit 
der  Dampfmaschine  ausgedroschen  werden,  so  vermindert  sich  der 
Arbeitsbedarf  der  Winterperiode  um  692  l^Iannstage.  Hingegen 
wird  der  Arbeitsbedarf  der  Sommerperiode  um  230  Mannstage 
vermehrt,  wofern  man  nämlich  die  Leistung  eines  Mannes  beim 
Dreschen  mit  der  Dampfmaschine  auf  dreimal  so  hoch  annimmt  wie 
mit  dem  Flegel.  Während  vorher  der  Arbeitsbedarf  der  Sommer- 
periode =  5472  Mannstage,  der  der  Winterperiode  =  2074  Manns- 
tage betrug,  beläuft  er  sich  jetzt  auf  5702  bezw.  1382  Mannstage. 
Der  Arbeitsbedarf  der  Sommerperiode  ist  also  4,i  mal  so  hoch  wie 
der  der  Winterperiode. 


m.  Forstwirtschaft^  Industrie  und  Kleingnindbesitz 

als  ArMtsquelleii  for  ländliche  Lohnarheiter  zu  den 

arbeitsannen  Perioden. 

Es  ist  den  bisher  erwähnten  Mafsregeln  zum  Ausgleich  der 
Schwankungen  an  Arbeitsbedarf  in  der  Landwirtschaft  gemeinsam, 
dals  sie  auf  Anordnungen  und  Einrichtungen  innerhalb  des  landwirt- 
schaftlichen Betriebes  als  alleinstehenden  Organismus  beruhen.  Im  All- 
gemeinen haben  sie  den  Zweck,  den  Betrieb  der  Gunst  oder  Ungunst 
der  klimatischen  und  der  Arbeiterverhältnisse  anzupassen.  Die  Gunst 
oder  Ungunst  der  Arbeiter?erhältnisse  im  Sinne  dieser  Abhandlung 
hangt  davon  ab,  ob  in  den  arbeitsreichen  Perioden  viel  oder  wenig 
Arbeiter  zur  Verfügung  stehen,  die  in  den  arbeitsarmen  Zeiten  des 

71 


—     72     — 

Jahres  ihren  Unterhalt  in  einer  anderen  Erwerbsthätigkeit  verdienen 
können.  Solcher  Thätigkeiten  stehen  in  der  Hauptsache  drei  zur  Ver- 
fügung:  die  Industrie,  der  Waldbau  und  die  Arbeit  im  eignen 

Kleingrundbesitz  des  ländlichen  Arbeiters. 

•■ 

Ein  direktes  Übergehen  industrieller  Arbeiter  für  gewisse 
Perioden  des  Jahres  zu  landwirtschaftlicher  Thätigkeit  wird  nur  aus- 
nahmsweise vorkommen.^)     Zwar  liegt   im  Wesen  der  industriellen 
Arbeit  nichts  begründet,  was  eine  zeitweise  Verminderung  der  in  ihr 
beschäftigten  Arbeitskräfte  unmöglich  macht,   denn  die  Industrie  be- 
schäftigt sich  mit  der  Veredelung  von  Robstoffen.    Der  Produktions- 
faktor Arbeit  tritt  in  den   Vordergrund  und  ein  Abhängigsein  von 
Naturmomenten  findet  bei  ihr  von   allen  Thätigkeiten  im  geringsten 
Mafse  statt.    Zwei  Umstände  machen  es  aber  der  Industrie  fast  zur 
Unmöglichkeit,   in  einzelnen   Perioden  des  Jahres  den  Arbeiterstand 
erheblich  zu  vermindern.    Einmal  beruht  die  ganze  moderne  Industrie 
auf  der  weitgehendsten  Anwendung  kostspieliger  Maschinen.    Je  öfter 
dieselben  im  Jahre  gebraucht  werden,   desto  höheren  Ertrag  gewährt 
das  Unternehmen,  denn  desto  billiger  kann  es  die  Produkte  herstellen. 
Soll  also  ein  Teil  dieser  Maschinen  zu  längeren  Perioden  im  Jahre 
unbenutzt  stehen,  so  würde  daraus  eine  direkte  Schmälerung  des  Er- 
trages folgen.    Dasselbe  würde  durch  die  Kosten  für  die  baulichen 
Anlagen  und  z.  T.   auch  durch   die  Gehälter   der  Beamten  bewirkt 
werden.     Zum  anderen  ist  bei  der  heutigen  Entwicklung  der  Arbeits- 
teilung für  den  Arbeiter  eine  zeitweise  Unterbrechung  seiner  indu- 
fitriellen  Thätigkeit  nur  mit  einem  Verlust  an  Übung  und  damit  an 
Erwerbsfahigkeit  zu  erreichen.    Die  nur  periodenweise  in  der  Industrie 
Arbeitenden  würden  infolgedessen  hinter  den  ständig  Beschäftigten  in 
Bezug  auf  Höhe  des  Erwerbes  zurückstehen,  ganz  abgesehen  davon, 
dafs  viele  Industriezweige  eine  Feinheit  der  Hand  verlangen,  wie  sie 
bei  zeitweise  landwirtschaftlicher  Thätigkeit  zu   bewahren  nicht  mög- 
lich ist.     Die  periodenweise  Arbeit  in  der  Industrie  wird  femer  da- 
durch erschwert,  dafs  zu  ihren  wenn  auch  noch  so  einfachen  Verrich- 
tungen  eine  gewisse  Zeit  zum  Erlernen  notwendig  ist.    Durch   alle 
diese  Umstände  wird   es   dem  ländlichen  Arbeiter  überhaupt  schwer, 
in  der  Industrie  Arbeit  zu  finden.    Gelingt  ihm  dieses  doch,   so  ist 
mit  Sicherheit  anzunehmen,   dafs   er   bald  versuchen  wird,   ununter- 


')  Von  6,89  Millionen  erwerbsthatigen  Angehörigen  der  Industrie  treiben 
nach  der  Berafsstatistik  vom  6.  Mai  1882  nur  0,200,300  nebenbei  Tagelöhnere!  in 
der  Landwirtschaft. 


j  72 


—     73     — 

brochen  das  ganze  Jahr  in  ihr  thätig  zu  sein:  denn  der  Arbeiter 
haodelt  nur  in  der  Verfolgung  seiner  Interessen ,  wenn  er  für  das 
ganze  Jahr  dieselbe  Erwerbsgelegeuheit  zu  benutzen  trachtet. 

Es  gibt  allerdings  einige  Industriezweige,  die  nur  zu  einem  Teil 
des  Jahre»  im  Betrieb  sind :  z.  B.  die  Zuckerfabriken  und  Brannt- 
weinbrennereien.^) In  einem  anderen  Teil  des  Jahres,  gewöhnlich  in 
der  Sommerperiode,  ruht  der  Betrieb  in  denselben,  und  die  für  diese 
Zeit  in  ihnen  nicht  beschäftigten  Arbeiter  kommen  der  Landwirtschaft 
zu  Gute.  Solche  Saisonfabriken  nehmen  aber  in  der  gesamten  In- 
dustrie nur  einen  untergeordneten  Platz  ein.  Zum  Teil  ruht  ferner  in 
ihnen  der  Betrieb  schon  in  der  Mitte  des  Winters,  zum  Teil  beginnen 
sie  denselben  schon  so  früh  im  Sommer,  dafs  ihre  Arbeiter  in  den 
arbeitsreichsten  Perioden  der  Landwirtschaft  der  letzteren  entzogen 
werden.  Ihre  Bedeutung,  für  die  landwirtschaftlichen  Arbeiter  in  den 
für  die  Landwirtschaft  arbeitsarmen  Perioden  eine  Erwerbsquelle  zu 
bieten,  ist  also  nur  eine  untergeordnete.') 

Aus  dem  Angeführten  geht  hervor,  dafs  die  Industrie  direkt  als 
Beschäftigangsmittel  für  zeitweise  in  der  Landwirtschaft  thätige  Ar- 
beiter wenig  oder  gar  nicht  in  Betracht  kommt.  In  einer  anderen 
Weise  aber  vermag  sie  der  Landwirtschaft  zu  den  arbeitsreichen 
Perioden  Arbeitskräfte  zur  Verfügung  zu  stellen :  nämlich  die  Frauen 
and  Kinder  der  in  ihr  beschäftigten  Arbeiter.')  Es  ist  bekannt, 
welche  Übelstände  und  Gefahren  mannigfacher  Art  die  industrielle 
Arbeit  für  Frauen  und  Kinder  mit  sich  bringt.  Die  diesbezügliche 
Schutzgesetzgebung  hat  dieselben  wohl  verringern  können,  wird  sie 
aber  niemals  ganz  beseitigen.  Darüber  pflegen  die  Arbeiter  selber 
am  besten  orientiert  zu  sein.  Wie  bereits  erörtert  worden,  liegen  in 
der  Landwirtschaft  die  Verhältnisse  ftir  Frauen-  und  Kinderarbeit 
wesentlich  günstiger.  Infolgedessen  wächst  in  Gegenden  mit  vor- 
herrschendem Landbau,  wo  ein  Industriezweig  besteht  oder  eröffnet 
wird,^)  iu  den  landwirtschaftlichen  Betrieben  die  Möglichkeit,  gerade  zu 
der  arbeitsreichen  Sommerperiode  eine  Menge  von  Arbeitskräften  zur 
Verfügung  zu  haben,  die  in  dem  übrigen  Teil  des  Jahres  nicht  be- 
schäftigt zu  werden  brauchen.  Solche  nachbarliche  industrielle 
Thätigkeit  pflegt  allerdings  eine  Steigerung  der  landwirtschaftlichen 


')  Hierzu  gehören  aach  die  landwirtsch.  teohnischen  Nebengewerbe. 
*)  Vergl.  von  der  Goltz,  Lage  der  ländlichen  Arbeiter  a.  i.  w.    S.  82  fT. 
•)  a.  8.  O. 
*)  a.  ■.  O. 


78 


—     74     — 

Löhne  hervorzurufen.  Aua  Furcht  hiervor  haben  sich  rerschiedent- 
lich  GroGsgrundbesitzer  aus  den  nordöstlichen  Teilen  der  Monarchie, 
wo,  wie  unten  nachgewiesen  werden  soll,  die  Industrie  meist  nur 
wenig  entwickelt  ist,  gegen  eine  Einführung  derselben  ausgesprochen. 
Dabei  dürfte  von  denselben  aber  übersehen  sein,  dafs  gleichzeitig  mit 
dem  Steigen  der  Arbeitslöhne  auch  eine  Steigerung  der  Preise  der 
landwirtschaftlichen  Produkte  stattfindet.  Denn  der  Konsum  an  den- 
selben innerhalb  des  betreffenden  Landesteiles  wird  mit  dem  Steigen 
der  industriellen  Beyölkerung  ein  gröCserer.  Ein  gröfserer  Teil  der 
Erzeugnisse  kann  also  innerhalb  geringer  Entfernung  abgesetzt  werden, 
so  dafs  die  bisherigen  Transportkosten  für  dieselben  vermindert  werden 
bezw.  ganz  wegfallen. 

Der  industrielle  Teil  der  Bevölkerung  des  deutschen  Reiches  ist 
über  die  einzelnen  Gegenden  außerordentlich  ungleichmäüsig  verteilt. 
Nach  den  Angaben  der  Statistik  des  deutschen  Reiches  0  entfielen 
im  Jahre  1882  auf  tausend  Erwerbsthätige  und  beruf  lose  Selb- 
ständige 


auf: 

Landwirtaohaft, 

Indiutrie  and  Bergbau, 

in  Ostpreufsen 

622,8 

171,8 

„  Westpreufsen 

580,6 

198,1 

„  Brandenburg 

447,9 

321,6 

„  Pommern 

510,7 

238,0 

„  Schlesien 

458,S 

342,9 

,,  Posen 

644,3 

171,1 

„  Prov.  Sachsen 

395,8 

382,6 

„  Schleswig-Holstein 

426,1 

302,1 

„  Hannover 

497,9 

292,2 

„  SVestfalen 

358,6 

470,8 

„  Hessen-Nassau 

410,4 

347,1 

„  Rheinland 

337,8 

460,6 

„  Bayern 

557,2 

234,9 

,,  Kgr.  Sachsen 

218,6 

554,6 

„  Württemberg 

486,6 

328,9 

„  Baden 

496,6 

309,6 

„  Hessen 

426,9 

349,7 

„  Oldenburg 

533,7 

274,6 

„  Elsafs-Lothringen 

424,9 

346,6 

^)  Statistik    dea    Deatschen   Reiches,   Neue   Folge,   Band  II,    Seite  40^. 
Herausgegeben  vom  Kaiserl.  Statistischen  Amt.    Berlin  1884. 


74 


—    76    — 
Hiemacb  kommt  in  diesen  Staaten  and  Provinzen 


id: 

1.  Posen                           1  Industriearbeiter  auf  8,8  ländliche  Arbeiter 

2.  Ostpreufsen                  1 

77 

j?      '^            ?? 

> 

3.  Weatpreulsen                1 

?? 

,.     2,9        „ 

> 

4.  Bayern                         1 

>? 

?>          2,3              ?y 

, 

5.  Pommern                      1 

y« 

V     2,1       „ 

, 

6.  Oldenburg                    1 

»• 

??          ^7^             ?? 

7.  HannoTer                      1 

?• 

y?       1  «7         ,, 

S.  Baden                          1 

7' 

%%     1,6        V 

9.  Schleswig-Holstein       1 

?• 

»      1»4        „ 

10.  Wiirttembei^               1 

?» 

„     1,4        ., 

11.  Brandenburg               1 

>• 

,•      1,8        •• 

12.  Schlesien                       1 

?> 

??      1,8        ». 

13.  Elsafs-Lothringen        1 

?> 

„     1,2        .. 

14.  Hessen                           1 

•  • 

»     1-8       » 

15.  Hessen-Nassau             l 

•  » 

,,      1.1        ,. 

16.  Prov.  Sachsen             1 

» 

„     1,0 

17.  Westfalen                    1 

«• 

,.     0,7        „ 

18.  Rheinland                     1 

»• 

..     (»,7 

, 

19.  Egr.  Sachsen               1 

•  « 

..     0.8»      ,, 

, 

Nach  derselben  statistischen 

Quelle  ^)  betrug  im  Jahre  1884 

die  luidwirtsohaftlich 

die  Zahl  d«r  Erwerbithitigen  in 

benntite  Flache: 

Landwirtsdwft: 

Indnctrie : 

in  Ostpreuisen            2  785  697  Hektar 

462  520 

127  574 

.  Westpreufsen          1  864  311 

•? 

289  992 

98  952 

..  Brandenburg           2  442  206 

1     4 

403  900 

291  929 

..  Pommern                 2  249  544 

•  « 

282  604 

131  651 

..  Posen                       1  872  299 

?? 

392  119 

104162 

..  Schlesien                  2  680  887 

»f 

768  302 

574  764 

..  ProT.  Sachsen         1  867  126 

>? 

364  728 

352  963 

..  Schleswig-Holstein  1  636  033 

77 

186  567 

131  664 

..  Hannover                 3  003  143 

?» 

411  885 

241684 

,.  West&len                1360  599 

•? 

271  764 

366  786 

,.  Hessen-Nassau           878  869 

•» 

241744 

204441 

.,  Khdnland                1  732  353 

?> 

647  186 

745  875 

.  Bayern                     4  788  493 

?y 

1  493  088 

629  4 

^19 

')  a.  ft.  O.  Seite  86  n.  37. 


7» 


i 


—     76 


die  landwirtechaftlich 

die  Zahl  der  Erw 

erbstUtigen 

benutzte  Fläche 

Landwirtschaft 

Induatrie 

in  Kgr.  Sachsen 

1  021  029  Hektar 

285  414 

724  513 

„  Württemberg 

1  279  457 

JJ 

389  110 

263  058 

j,  Baden 

880  089 

Jf 

328  091 

204  542 

yy  Hessen 

496  181 

f7 

156  296 

128  296 

„  Oldenburg 

552  819 

77 

71879 

36  983 

j,  Braunschweig    mil 

k 
i 

Anhalt,  Waldecl 

w 

und  Lippe 

547  236 

J> 

128  821 

121364 

,,  Elsafs-Lothringen 

949  199 

?> 

302  593 

246  829 

im  Deutschen  Reich 

37  256  552 

«« 

8120  518 

6  396  465 

Auf  100  Hektar  landwirtschaftlich  benutzter  Fläche  kommen  dem- 
nach an  den  Erwerbsthätigen : 

in  der  LandwirtBchaft  : 


in: 


in  der  Induotrie : 
4,6 
5,8 
5,6 
5,8 

6,e 

8,0 
8,0 
11,9 
13,1 
18,5 
20,5 
21,4 

22,1 

23,8 

23,2 

25,8 

26,0 

26,2 

43,0 

70,9 

17,1 

Diese  Zahlen  zeigen,  wie  aufserordentlich  ungleichmäfsig  die  in- 
dustrielle Bevölkerung  über  die  einzelneu  Staaten  und  Provinzen  des 


1.  Ostpreufsen 

16,6 

2.  Westpreufsen 

15,6 

3.  Posen 

20,9 

4.  Pommern 

12,6 

5.  Oldenburg 

13,0 

6.  Schleswig-Holstein 

11,8 

7.  Hannover 

13,7 

8.  Brandenburg 

16,6 

9.  Bayern 

31,1 

10.  Prov.  Sachsen 

19,6 

11.  Württemberg 

30,4 

12.  Schlesien 

28,6 

13.  Braunschweig  m.Anhalt9 

Lippe  u.  Waldeck 

23,6 

14.  Baden 

37,2 

15.  Hessen-Nassau 

27,6 

16.  Hessen 

31,6 

17.  Elsafs-Lothringen 

31,8 

18.  Westfalen 

19,9 

19.  Rheinland 

31,6 

20.  Kgr.  Sachsen 

27,9 

21.  Deutsches  Beich 

21,7 

76 


—     77     — 

deutschen  Reiches  verteilt  ist.  Es  liegt  auf  der  Hand,  wie  damit  gleich- 
seitig für  die  Landwirtschaft  die  Möglichkeit  aus  der  industriellen 
Beyölkerung  in  den  arbeitsreichen  Perioden  Arbeitskräfte  zn  erhalten 
eine  in  den  yerschiedenen  Teilen  des  Reiches  wesentlich  verschiedene 
ist.  — 

Bei  der  Hausindustrie  verhält  es  sich  mit  der  Möglichkeit, 
die  in   ihr  thätigen  Arbeitskräfte   zu  einem  Teil  des  Jahres   in  der 
Landwirtschaft  zu  beschäftigen,   ähnlich  wie  mit  der  eigentlichen  In- 
dustrie.    Allerdings  hat  die  heutige  Hausindustrie,   wenn  auch  nicht 
allein,   so  doch  zum  grofsen  Teil  ihren  Ursprung  in   einer  früheren 
Nebenbeschäftigung  des  Landvolkes  gehabt.  ^)    Zu  den  Zeiten   eines 
wenig   entwickelten  Verkehrs  und  der  fast  reinen  Naturalwirtschaft, 
war  jeder  landwirtschaftliche  Betrieb  zur  Erzeugung  einer  Menge  von 
Gütern    gezwungen,    deren   Herstellung   heute  bei  entwickelter  Yer- 
kehrswirtschaft  zu  einem  besonderen  Produktionszweig  geworden  ist. 
Die   Verfertigung   solcher  Güter    bot    willkommene  Arbeit   für   den 
Winter   und  sonst  arbeitsarme  Perioden  und   damit  ein  Mittel  zum 
Aoagleich  der  Arbeitsbedarfsschwankungen,   wie  man  es  heute  noch 
beim  Kleingrundbesitze  mit  dem  besten  Erfolg  angewendet  sieht.     Als 
die  Verkehrsverhältnisse  entwickeltere  wurden,  insbesondere  als  in  der 
lAndwirtschaft  das  Geldlohn  Verhältnis  und  die  Trennung  von  Unter- 
nehmern  und  reinen   Lohnarbeitern   sich   schärfer    ausbildete,    kam 
bei  dem  grölsten  Teil  der  ländlichen  Bevölkerung  diese  Thätigkeit  in 
Fort&II :  bei  einem  anderen  Teile  aber  verwandelte  sie  sich  in  ein  Ge- 
werbe, dessen  Zweck  es  war,  nicht  mehr  nur  für  den  eigenen  Bedarf, 
sondern  für  den  Markt  zu  arbeiten.    Dabei  geschieht  es  in  letzterem 
fast  ausnahmslos,   dafs   die  Landwirtschaft,   die  ursprünglich  Haupt- 
beschäftigung war,   verdrängt  wird.     Im  besten  Falle   bleibt   von  ihr 
noch  die  Bestellung  von  etwas  Garten-  und  KartofPelland  übrig.     Es 
ist  für  die  Hausindustrie  kennzeichnend,    dafs  bei  ihr  die  Arbeit  in 
der  eigenen  Häuslichkeit  des   sie  Betreibenden   verrichtet   wird:    im 
Gegensatz  zur  Industrie,   die   schon  wegen  der  Maschinenanwendung 
grober  gemeinsamer  Arbeitsräume  bedarf.     In  der  eigenen  Häuslich- 
keit vermag  sich   aber  Frau  und  £[ind  des  Hausindustriellen  zu  be- 
teiligen, ohne  von  einem  grofsen  Teil  der  Gefahren   bedroht  zu  sein, 
die  mit  der  Frauen-  und  Einderarbeit  in  der  eigentlichen  Industrie 
verbunden   sind.     Infolgedessen   wird   landwirtschaftliche  Lohnarbeit 


0  ^®^1«  ^®  Abhandlangen  über  Haasindustrie  u.  a.  von  Prof.   Stieda  in 
den  Schriften  des  Vereins  für  Sozialpolitik,  Band  XXXIX  vl  ff. 


77 


—     78     — 

von  den  Hausindustriellen  sowohl  wie  ihren  Familien  nur  dann  yer* 
richtet,  wenn  ihnen  die  Hausindustrie  durch  Störungen  im  Absatz  etc. 
keinen  genügenden  Erwerb  bietet.  Dieses  kann  aber  ebensogut  in 
tür  die  Landwirtschaft  arbeitsarmen  wie  arbeitsreichen  Perioden  der 
Fall  sein. 

Die  eigentliche  gewerbliche  Hausindustrie  vermag  also  wenig  zum 
Ausgleich  der  Schwankungen  im  Arbeitsbedarf  in  der  Landwirtschaft 
beizutragen.  Es  gibt  aber  gewisse  Thätigkeiten  mit  Haus- 
industrie ähnlichem  Charakter,  die  wohl  geeignet  sind  für 
die  arbeitsarmen  Perioden  eine  Beschäftigung  zu  gewähren,  ohne  da- 
bei die  landwirtschaftliche  Hauptbeschäftigung  zu  verdrängeo.  Die 
Hauptrolle  unter  denselben  spielt  die  Verarbeitung  des  Flachses 
bis  zur  fertigen  Leinwand.  Vor  noch  nicht  allzu  langer  Zeit  ver- 
fertigte fast  die  gesamte  ländliche  Bevölkerung  ihren  Bedarf  an  der- 
selben eigenhändig  in  der  Winterperiode.  Li  den  letzten  fünf  bis 
sechs  Jahrzehnten  aber  ist  in  der  Hauptsache  die  Herstellung  der 
Leinwand  auch  für  diesen  Teil  der  Bevölkerung  an  grofse  Webereien 
und  Leinwandfabriken  übergegangen.  Damit  ist  der  Landwirtschaft 
ein  wichtiges  Mittel  zum  Ausgleich  der  Arbeitsbedarfsschwankungeu 
verloren  gegangen :  das  zu  einer  Zeit,  in  welcher  durch  die  Steigerung 
der  Arbeitsintensität  diese  Schwankungen  immer  gröfser  wurden. 

Der  geemtete  Flachs  erfordert  bis  zur  Herstellung  der  fertigen 
Leinwand  eine  Sunune  von  Arbeit,  die  das  Vielfache  von  der  im 
Sommer  zu  seinem  Anbau  notwendigen  ist.  Die  Familie  des  ländlichen 
Arbeiter^  bedarf  in  jedem  Jahre  einer  nicht  unbedeutenden  Menge 
neuer  Leinwand.  Auf  welche  Weise  die  ländliche  Bevölkerung  früher  ^) 
im  nördlichen  Deutschland  sich  diesen  Bedarf  eigenhändig  verschafft  hat, 
darüber  findet  sich  eine  Schilderung  für  die  Provinz  Ponunern  in  den 
,, Mitteilungen  der  Gesellschaft  zur  Beförderung  des  Flachsbaues  in 
Preufsen-*  aus  dem  Jahre  1855.  Es  heifst  dort:  ,.In  den  Kreisen 
Stolp,  Schlawe  und  Rummelsburg  baut  jede  ländliche  Wirtschaft  den 
Flachs  für  den  Hausbedarf.  Die  Dominien  wenigstens  soviel,  wie  zu 
den  groben  Leinen  nötig  ist.  Letztere  säen  im  Durchschnitt  etwa 
3—6  Schefiel,  die  bäuerlichen  etwa  1 — 2  Scheffel  Lein  aus.  Aufserdem 
ist  hier  fafst  durchgängig  üblich,  dafs  jeder  Deputatist,  Tagelöhner 
und  Dienstbote  von  der  Brotherrschaft  Lein  ausgesät  erhält.*'  Als 
Ursache  für  Abänderung  dieses  Zustandes  ist  zweierlei  zu  bezeichnen. 

*)  Auch  heute  findet  man  in  einzelnen  Teilen  Norddeutschlands  noch  diesen 
Flachsbau;  jedoch  lange  nicht  in  der  Ausdehnung  wie  früher. 

78 


—     79    — 

Einmal  die  EmfUhrung  der  Maschiueuspinuerei  und  audei'ereeits  der 
gesteigerte  Yerbrauch  an  Baumwolle.  ^)  Nicht  die  Maschinenspionerei 
in  ihrer  Anwendung  beim  Flachs  ist  dabei  die  Hauptsache,  sondern 
der  Umstand,  dafs  die  Maschinenspinnerei  auch  andere  Stoffe  benutzt, 
welche  sonst  nur  mit  gröfseren  Kosten  wie  der  Flachs  verarbeitet 
werden  konnten.  Dies  ist  in  aufserordentlichem  Mafse  bei  der  Baum- 
Wollindustrie  der  Fall.  Der  Preis  der  BaumwoUgespinnste  ist  seit 
Erfindung  der  Spinnmaschine  so  billig  geworden,  dafs  derselbe  jet^ 
kaum  den  ehemaligen  Spinulohu  ausmacht.*)  Eine  Verwendung  von 
l^lachs  und  Baumwolle  im  Gemisch  ist  nur  bei  der  Maschinenspiunerei 
möglich.  Dadurch  wird  einerseits  das  Gewebe  bedeutend  haltbarer 
wie  Baumwolle  allein,  andererseits  aber  immer  noch  viel  billiger  wie 
reines  Handleinengespinst.  Die  Leinwandindustrie  mufs  also,  als 
Gewerbe  für  sich  betrieben,  rationeller  AVeise  zur  Maschinenspinnerei 
gänzlich  übergehen :  auch  dann,  wann  die  Zufuhr  au  Baumwolle  ver- 
teuert werden  sollte.  Am  häuslichen  Herd  aber,  auf  dem  platten 
Land  zur  Ausfüllung  der  sonst  arbeitsfreien  Zeit,  sollte  sich  die  Hand- 
spinnerei und  mit  ihr  die  gesamte  Bearbeitung  des  Flachses  behaupten. 
Zum  Verkauf  läfst  sich  hier  nicht  mit  Vorteil  spinnen ;  trotzdem  wird 
aber  für  einen  solchen  Haushalt  das  selbst  gesponnene  und  gewebte 
lieinen  billiger  zu  stehen  kommen  als  die  mit  Baumwolle  durch- 
schossene und  weifs  gebeizte  Kaufleinwand. ')  Nur  in  den  wenigsten 
Fällen  findet  man  noch,  dafs  der  Flachs  zum  eigenen  Gebrauch  in 
der  Landwirtschaft  selbst  gebaut  und  zur  Leinwand  verarbeitet  wird : 
meistens  übernehmen  Faktoreien  und  Fabriken  ganz  oder  teilweise  die 
bis  zur  Fertigstellung  der  Leinwand  notwendigen  Arbeiten.  Dadurch 
bleibt  dann  für  die  Landwirtschaft  nur  eine  Arbeitsbelastung  der 
Sommerperiode.  Die  Differenz  an  Arbeitsbedarf  wird  also  nicht  ver- 
mindert, sondern  vermehrt.  Durch  eine  Beibehaltung  bezw.  allgemeinere 
Einfulirung  der  Verhältnisse,  wie  sie  oben  für  den  Flachsbau  als  um 
die  Mitte  dieses  Jahrhunderts  in  Pommern  bestehend  geschildert 
wurden,  ist  gerade  für  die  landwirtschaftlichen  Betriebe  des  nördlichen 
Deutschlands  ein  wichtiges  Mittel  zum  Ausgleich  der  Arbeitsbedarfs- 
Schwankungen  gegeben;  das  dortige  feuchte  Küstenklima  sagt  näm- 
lich dem  Flachsbau  aulserordentlich  zu. 


')  Vergl.  A.  Rufin,  Der  Flachsbau  und  die  Flachsbereitung  in  Deutschland. 
Breslau  1853;  Seite  36  ff. 
•)  a.  8.  O. 
»)  a,  8.  O.  Seite  41. 

7» 


—     80     — 

Bei  kontraktlich  gebundenen  Tagelöhnern  ist  die  Einfuhrung  des 
Flachsbaues  zur  eigenen  Verarbeitung  des  Rohproduktes  eine  leichte: 
dadurch,  dafs  der  Unternehmer  die  Qewährung  eines  Stückes  Lein- 
landes  zu  einem  Teil  der  Naturallöhnung  macht,  ist  die  Schwierig- 
keit der  Rohmaterialienbeschaffung  gehoben.  Bei  freien,  nicht  grund- 
besitzenden Arbeitern  wird  diese  Beschaffung  hingegen  oft  nicht  so 
leicht  zu  erreichen  sein.  Auch  hier  wäre  der  beste  Ausweg,  dafs  der 
Unternehmer  den  yerheirateten  freien  Arbeitern,  die  im  Sommer 
regelmäfsig  in  seinem  Betriebe  thätig  waren,  ein  Stück  Leinland  gegen 
ein  Billiges  überliefse.  ^)  — 

Die  Arbeiten,  die  der  Flachsbau  im  Sommer  erfordert,  können 
aufser  der  Saat  durchweg  von  Frauen  und  Kindern  verrichtet  werden. 
Aufserdem  lassen  sie  sich  auf  Tage  verlegen,  die  im  Betrieb  des 
Unternehmers  nicht  zu  den  arbeitsreichsten  gehören.  Alle  übrigen 
Arbeiten  wie :  Rösten,  Riffeln,  Dörren,  Brechen,  Hecheln,  Spinnen  und 
Weben  können  in  der  Winterperiode  vollzogen  werden.  —  Bei  der 
Bearbeitung,  wie  der  ländliche  Arbeiter  sie  dem  Flachs  angedeihen  läfst« 
kann  man  pro  Morgen  eine  Ernte  von  200  Pfund  geschwungenen  Flachses 
annehmen.  ^)  Wird  einer  Arbeiterfamilie  eine  Leinaussaat  von  ein 
Sechstel  Moi^en  gewährt,')  so  ergibt  dies  also  einen  Ertrag  von  etwa 
30  Pfund  geschwungenen  Flachses.  Für  ein  Pfund  geschwungenen 
Flachs  beträgt  die  Arbeit  vom  Schwingen  bis  zum  fertigen  Gewebe 
ungefähr  sechs  Winterarbeitstage.*)  Folglich  erfordert  die  Verarbeitung 
der  Ernte  von  30  Pfund  Flachs  in  der  Winterperiode  180  Arbeits- 
tage. Würden  auf  einem  Gute  zehn  Tagelöhnerfamilien  gehalten, 
so  würde  durch  Einführung  des  Flachsbaues  in  dieser  Art  die  Differenz 
im  Arbeitsbedarf  zwischen  Sonmier  und  Winter  um  1800  Arbeitstage 
vermindert  werden  können. 

Rechnet  man  die  Unkosten,  die  dem  Unternehmer  aus  der  Ge- 
währung des  bearbeitenden  Leinlandes  erwachsen,  pro  Morgen  mit 
36  Mk./"^)  so  betragen  dieselben  pro  Familie  =  6  Mk.  und  für  zehn 
Familien  60  Mk.  In  ähnlicher  Weise  wie  durch  Verarbeitung  von 
Flachs  zur  Leinwand  ist  es  durch  die  Verarbeitung  von  Wolle  zu 
Gespinsten    dem    Arbeiter    möglich,    die    arbeitsarmen    Zeiten    der 


')  Dieses  ist  auch  heute  noch  vielfach  in  der  Provins  Brmndenbnrig^  üblich. 
*)  Mitteilungen  der  Qesellschsit  zur  Beförderung  des  Flachs-  and  Hanfbaues 
in  Preofsen.    Berlin  1855;  Seite  35. 

*)  Ver^l.  von  der  Oolts,  Ifandwirtsoh.  Taxationslehre  Seite  89. 

*)  TeiK^  A.  Rüfin,  Der  Flachsbau  u.  s.  w.  Seite  42. 

*)  VergL  von  der  Goltz,  Landwirtsdu  Tazationslehre  Seite  89. 

SO 


—    81    — 

Winteq>eriode  nutzbringend  auszufüllen.  Wie  dort  durch  die  Über- 
lassung Ton  Leinwand^  so  kann  hier  der  Unternehmer  dadurch  die 
Beschaffung  des  Rohmaterials  ermöglichen,  dafs  er  den  Arbeitern 
Weide  bezw.  Futter  für  Wollschafe  gewährt.  Auf  Gütern  mit  Schaf- 
haltung wird  sich  dies  leicht  in  der  Weise  gestalten  lassen,  dafs  die 
Schafe  der  Arbeiter  mit  der  Herde  des  Unternehmers  zusammen- 
gehalten werden.  Auf  Gütern  ohne  Schäferei  wird  hingegen  das 
Schafehalten  der  Arbeiter  für  den  Unternehmer  leicht  mancherlei 
Unannehmlichkeiten  und  Arger  im  Gefolge  haben.  Dasselbe  wird 
hier  nur  dann  überhaupt  möglich  sein,  wenn  das  Bindyieh  im  Sommer 
geweidet  wird  oder  sonst  irgendwie  sich  Flächen  finden,  welche  für 
Sommer  und  Herbst  den  Schafen  der  Arbeiter  Weide  gewähren. 

Die  Forstwirtschaft  ist  in  Bezug  auf  Verrichtung  der  in 
ihr  notwendigen  Arbeiten  nicht  so  an  die  Zeit  gebunden  wie  die 
Landwirtschaft.  Bei  letzterer  ist  für  die  Aussaat,  Kultur  und  Ernte 
der  Pflanzen  kein  grofser  zeitlicher  Spielraum  gegeben.  Im  Waldbau 
hingegen  behält  auch  auf  intensiver  Stufe  die  Arbeit  stets  einen  okku- 
patorischen  Charakter.*)  Die  Mehrzahl  der  in  ihr  notwendigen  Ver- 
richtungen ist  zeitlich  nach  dem  Belieben  des  Betriebsleiters  vor- 
nehmbar.  Von  der  im  ganzen  notwendigen  Arbeitssumme  lassen  sich 
die  Arbeiten  für:  Holzfällung,  Holzaufarbeitung  nebst  Stockrodung, 
Holztransport  sowie  ein  Teil  der  Wegearbeiten  und  Bestandespflege') 
zu  einer  Zeit  verrichten,  in  der  in  der  Landwirtschaft  Mangel  an 
Arbeit,  wohl  aber  Uberflufs  an  Arbeitern  ist. 

Aus  diesem  Grunde  ist  der  Waldbau  geeignet,  für  einen  Teil 
des  Jahres  eine  Erwerbsquelle  für  sonst  in  der  Landwirtschaft 
beschäftigte  Arbeiter  abzugeben.  Die  Arbeiten  des  Forstbaues 
und  der  Landwirtschaft  stehen  miteinander  in  naher  Verwandt- 
schaft; wird  der  ländliche  Arbeiter  zu  einem  Teil  des  Jahres  im 
Waldbau  beschäftigt,  so  ist  dies  der  inneren  Natur  der  Arbeit  nach 
kein  eigentlicher  Wechsel  seiner  Thätigkeit.  Es  geht  ihm  nicht 
die  Geschicklichkeit  verloren,  die  er  sich  in  landwirtschaftlicher 
Arbeit  erworben,  sondern  dieselbe  kommt  ihm  auch  hier  zu 
statten.      Eioe  gänzliche  Entfremdung   von  der  landwirtschaftlichen 


')  ^srgl*  dio  Abhaudlang  von  Lehr  über  „ForstpoUtik"  in  Loreyi  Htndbaoh 
der  ForstwiMenachaft.  II,  Seite  484.    Tübingen  1887. 

*)  YergL  die  betreffenden  Abhandlangen  in  Loreys  Handbuch  der  Forst- 
nissenschaft. 

9tMtiww8enachftftl.  Stadien.    V.  g.  >  6 

6 


—     82    — 

Thätigkeit  ist  deshalb  nicht  zu  befttrchteD,  weil  der  Waldbau  ständig 
nur  eine  geringere  Zahl  von  Arbeitern  beschäftigen  kann.  Bernhard 
fand  auf  dem  Wege  der  direkten  Auszählung  auf  100  Hektar  Hoch- 
wald einen  Arbeitsbedarf  von  1,2  ständigen  Arbeitern;^)  desgl.  Berg 
einen  solchen  von  2 — 3  ständigen  Arbeitern.  In  den  Staatswaldungen 
Badens  beträgt  der  Arbeitsbedarf  pro  100  Hektar  Hochwald  =  2,2^ 
in  Preufsen  2,o  ständige  Beschäftigte.*)  Nach  diesen  Angaben  dürfte 
man  sich  nicht  zu  weit  von  der  Wirklichkeit  entfernen,  wenn  man 
im  Durchschnitt  der  deutschen  Verhältnisse  den  Arbeitsbedarf  für 
100  Hektar  Hochwald  auf  etwa  jährlich  600  Arbeitstage  normiert. 
Diese  Annahme  stimmt  auch  mit  der  Angabe  überein,  die  dem  Verfasser 
von  einem  bekannten  Lehrer  der  Forstwissenschaft^)  gemacht  wurde : 
derselbe  irechnet  unter  mittleren  Verhältnissen  den  Arbeitsbedarf  für 
100  Hektar  Hochwald  zu  6 — 700  Arbeitstagen.  Auf  Grund  weiterer 
Angaben  aus  derselben  Quelle  dürfte  man  zu  der  Annahme  berechtigt 
sein,  dafs,  wofern  man  die  Winterperiode  vom  1.  Oktober  bis  1.  April 
rechnet,  dreiviertel  dieser  Gesamtarbeit  in  derselben  verrichtet  werden 
kann.  Demgemäfs  würde  der  Arbeitsbedarf  für  100  Hektar  Hoch- 
wald in  der  Sommerperiode  =  150,  in  der  Winterperiode  =  450 
Tage  betragen.  Es  wäre  also  möglich  im  Winter  300  Arbeitstage 
von  Arbeitern  verrichten  zu  lassen,  die  im  Sommer  in  der  Landwirt^ 
Schaft  thätig  sind.  —  Im  deutschen  Reiche  entfielen  1885  auf  die 
Forstfläche  =  13  900611,6  Hektar.*)  Hiervon  sind  über  12  000000 
Hektar  Hochwald.  Es  dürfte  deshalb  angängig  sein  für  die  gesamte 
Forstfläche  die  oben  als  für  Hochwaldbetrieb  gültigen  Arbeitsverhält- 
nisse gelten  zu  lassen. 

Im  Jahre  1886  nahm  in  den  einzelnen  Staaten  und  Provinzen  des 
deutschen  Heichea  ein:^) 


^)  Lorey.  flandbnch  der  FontwiBsenschaft  111,  423. 

»)  a.  8.  0. 

')  Herr  Professor  Neumeister-Tharand  hatte  die  Güte,  mir  die  erforderlichen 
Angaben  zu  machen,  wofür  ich  auch  an  dieser  Stelle  meinen  Dank  abzustatten 
mich  verpflichtet  fühle. 

^)  Yergl.  Monatshefte  zur  Statistik  des  Deutschen  Reiches.  Herausgegeben 
vom  Kaiserl.  Statistischen  Amt    Jahrgang  1885  I,  Seite  67. 

*)  a.  8.  0.  Seite  S8  u.  84. 


82 


—     83     — 


LandwirUchsfU. 

Fontwirtsdhaftl. 

Verhältnis 

benutzte  Flache. 

benatzie  Fläche. 

der  Fläche 

Tn: 

Hektar: 

Hektar: 

wie: 

Ostpreufsen 

2  785  697 

662  066 

4,2:  1 

Westprenfisen 

1  864  311 

534  848 

3,4:  1 

Biandenbiirg 

2  442  205 

1  294  660 

1,»:  1 

Ponunem 

2  249  544 

594  834 

3,7:  1 

Posen 

1  872  299 

583  909 

3,8  :  1 

Schlefnen 

2  680  887 

1  156  841 

2,3  :  1 

Sachsen  (ProT.) 

1867126 

616  841 

3,5  :  1 

Schleswig-Holstein 

1  636  033 

119  690 

13,6  :  1 

Hannorer 

3  003  143 

620  160 

4,8:  1 

Westfalen 

1  360  599 

566  143 

2,4:  1 

Hessen-Nassau 

878  869 

627  523 

1,4:  1 

Bheinland 

1  732  353 

830  864 

2,0  :  1 

Bayern 

4  788  493 

2  504  732 

1,9:  1 

Sachsen 

1  021  029 

409  119 

2,4:  1 

Württemberg 

1  279  457 

599  976 

2,1  :  l 

Baden 

880  089 

552  776 

1,5:  1 

Hessen 

496  181 

240  993 

2,0  :  1 

Brannschweig 

235  103 

109  895 

2,1  :  1 

Elsab-Lothringen 

949  199 

443  844 

2,1  :  1 

Oldenburg 

552  819 

58  900 

9,6  :  1 

Deutsches  Beich 

37  256  552 

13  900  611 

2,6:1 

Es  ist  oben  angenommen,  dafs  auf  100  Hektare  =»  400  Morgen 
Hochwald  in  der  Winterperiode  300  Arbeitstage  entfallen,  die  von 
im  Sommer  in  der  Landwirtschaft  beschäftigten  Arbeitern  geleistet 
werden  können ;  auf  einen  Morgen  Hochwald  entfallen  demnach  drei- 
viertel solcher  Arbeitstage.  Folglich  können  in  der  Sommerperiode  von 
Arbeitern,  die  im  Winter  im  Forstbau  Beschäftigung  finden,  geleistet 
werden 


m: 

1.  Hessen-Nassau 

auf  186  M.  landw.  benutz.  Fläche  -- 

=  100  Arbeitst. 

2.  Baden 

„    200 

n 

w 

100      „ 

3.  Bayern 

„    253 

r 

n 

100       „ 

4.  Brandenburg 

r.    253 

n 

n 

100      „ 

5.  Hessen 

„    266 

n 

n 

100      „ 

6.  Rheinland 

„    266 

w 

1* 

100      „ 

7.  Elsafs-Lothringen 

„    280 

8:i 

?? 

100       „ 

6» 

—     84     — 

8.  Braunschweig        auf  280  M.  landw.  benutz.  Fläche  =  100  Arbeitst. 

9.  Württemberg  „280  „  „  100      „ 

10.  Schlesien  „  307  „  „  100  „ 

11.  Königr.  Sachsen  „  320  „  „  100  „ 

12.  Westfalen  „  320  „  „  100  „ 

13.  Posen  „  440  „  „  100  „ 

14.  Westpreufsen  „  453  „  „  100  „ 
16.  Prov.  Sachsen  „  467  „  „  100  „ 

16.  Pommern  „    493  „  „  100  „ 

17.  Ostpreufsen  „    560  „  „  100  „ 

18.  Hannover  „   640  „  „  100  „ 

19.  Oldenburg  „  1267  „  „  100  „ 

20.  Schleswig-Holstein  „  1813  „  „  100  „ 

21.  Deutsches  Reich     „    340  „  „  100  „ 

Aus  diesen  Zahlen  ersieht  man,  wie  aufserordentlich  ungleich 
in  den  einzelnen  Staaten  und  Provinzen  der  Monarchie  die  Forstwirt- 
schaft als  Arbeitsquelle  für  im  Sommer  in  der  Landwirtschaft  be- 
schäftigte Arbeiter  in  Betracht  kommt. 

Neben  Industrie  und  Forstwirtschaft  ist  oben  der  eigene 
Grundbesitz  des  ländlichen  Arbeiters  als  eine  Quelle  von 
Beschäftigung  für  die  in  den  arbeitsreichen  Perioden  in  der  Landwirt- 
schaft als  Lohnarbeiter  Thätigen  während  der  arbeitsarmen  Zeiten 
erwähnt.  Der  Stand  der  grundbesitzenden  Tagelöhner  wird  von  Per- 
sonen gebildet,  die  ein  Haus  und  kleinen  Grundbesitz  ihr  eigen 
nennen:  welch  letzterer  aber  nicht  so  grofs  ist,  dafs  er  die  ganze 
Arbeitskraft  des  Besitzers  und  seiner  Familie  in  Anspruch  nimmt 
Für  diese  Gröfse  eine  für  alle  Fälle  gültige  Grenze  festzusetzen,  ist 
nicdit  angängig.  Denn  einmal  sind  die  natürlichen  und  wirtschaft- 
lichen Verhältnisse ,  unter  welchen  der  Kleingrundbesitz  sich  befindet, 
und  damit  auch  die  zu  seiner  Bewirtschaftung  notwendige  Summe  von 
Arbeit  zu  wechselnde  und  verschiedene;  andererseits  schwankt  auch 
die  Zahl  der  Arbeitskräfte  eines  Kleingrundstückes  aufserordentlich 
nach  der  Familienstärke  des  Besitzers.  Je  extensiver  die  Wirtschafts- 
weise und  je  gröfser  die  dem  Kleingrundbesitzer  zu  Gebote  stehende 
Summe  von  Arbeitskräften  ist,  desto  gröfser  kann  auch  das  Grund- 
stück sein,  ohne  die  Arbeitskraft  seines  Besitzers  ganz  in  Anspruch 
zu  nehmen. 

Im  ELleingrundbesitz  findet  allerdings  eine  Anhäufung  der  not- 
wendigen Arbeiten  in  ähnlicher  Weise  und  annähernd  zu  derselben 

84 


—     86     — 

Zeit  statt,  wie  in  den  Betrieben ,  in  denen  der  grandbesitzende  Ar- 
beiter als  Tagelöhner  zur  2ieit  des  hoben  Arbeitsbedarfes  thätig  sein 
soll.  Infolgedessen  scheint  es  so,  als  ob  eine  Beschäftigung  für  ihn 
nar  mit  Vemachlässignng  seiner  eigenen  Wirtschaft  möglich  wäre. 
Dem  ist  aber  nicht  so.  Zunächst  ist  im  Verhältnis  zur  Gröfse  eines 
Betriebes  die  ihm  zu  Gebote  stehende  Arbeitskraft  eine  aufserordent- 
lich  hohe.  Die  Arbeitsanhäufungen  werden  also  schon  an  und  fiir 
sich  in  riel  kürzerer  Zeit  zu  überwinden  sein.  Dann  kann  aber  auch 
im  Kleingrandbesitz  jeder  durch  Naturmomente  gegebene  Vorteil  riel 
nachdrücklicher  und  besser  ausgenützt  und  dadurch  eine  Menge  zeit- 
raubender Arbeiten  vermieden  werden.^)  Endlich  besteht  die  Ar- 
beitskraft lediglich  aus  Familienangehörigen,  die  an  der  Verrichtung 
der  Arbeit  das  denkbar  gröfste  Interesse  haben.  Insbesondere  kann 
jede  freie  Arbeitsstunde,  namentlich  you  Frauen  und  Kindern  riel 
besser  ausgenützt  werden.  Eine  hierdurch  veranlafste  gröbere  An* 
strengung,  sowie  unter  Umständen  eine  Zuhülfenahme  yon  XJberstunden 
wird  dieVerrichtung  der  Arbeiten  im  eigenen  Betrieb  beschleunigen.  Wenn 
also  auch  durch  die  Natur  gerade  für  die  Arbeiten  der  arbeitsreichsten  Pe- 
riode in  der  Landwirtschaft  zeitliche  Grenzen  für  ihre  Verrichtung  ge- 
zogen sind,  so  sind  dieselben  doch  nicht  so  eng,  als  dafs  nicht  der  grund- 
besitzende Arbeiter  ohne  Vernachlässigung  seines  eigenen  Betriebes  wäh- 
rend dieser  Zeit  Lohnarbeit  yerrichten  könnte.  Eine  andere  Frage  ist 
die,  ob  er  in  der  Winterperiode  in  seinem  Kleingrundbesitz  wird  ge- 
nügend Beschäftigung  finden  können ;  denn  auf  Lohnarbeit  wird  nur 
zu  einem  Teil  des  Winters  zurechnen  sein.  Eün  Teil  der  in  dem 
Eleingrundbesitz  vorhandenen  Arbeitskraft,  nämlich  Frauen  und  Kinder, 
wird  im  Winter  seine  Thätigkeit  im  Hauswesen  finden.  Im  übrigen 
besteht  zwischen  dem  Arbeitsbedarf  der  Winterperiode  im  EQein- 
grundbesitz  und  dem  im  Grofsgrundbesitz  ein  bedeutender  Unter- 
schied. Schon  im  allgemeinen  bietet  die  Landwirtschaft  ftir  eine 
weitgehende  Durchfuhrung  der  Arbeitsteilung  ein  ungünstiges  Feld. 
Am  allerwenigsten  eignet  sich  für  dieselbe  aber  der  Kleingrundbesitz. 
In  vielen  Stücken  zeigt  derselbe  vollkommen  das  Gepräge  der 
Naturalwirtschaft  und  dem  ist  es  zu  verdanken,  dafs  sich  in  ihm  der 
Arbeitsbedarf  der  Winterperiode  verhaltnismälsig  bedeutend  höher 
stellt  wie  in  gröIsercD  Betrieben.  In  letzteren  werden  z.  B.  die 
Reparaturen  an  Gtebäuden,  die  Verfertigung  und  Ausbesserung  von 
Geraten  von  besonderen  Personen   ausgeführt,    die  mit  dem  Teil  der 


^)  Z.  B.  in  der  Ernte  der  Halmfrüchte  nnd  Futterpflanzen. 

8& 


—     86     — 

Arbeit,  der  die  SchwankimgeD  in  der  Höhe  seines  Bedarfes  aofweist, 
nidits  zn  thnn  haben«  Im  Kleingnmdbesitz  hingegen  werden  der- 
gleichen Arbeiten  Ton  den  Personen  yerrichtet,  die  die  Arbeitskraft 
auch  ftr  die  eigentlichen  landwirtschaftlichen  Yeirichtungen  dar- 
stellen. In  der  Hauptsache  lassen  sich  nun  solche  Arbeiten  sehr 
wohl  auf  Perioden  im  Jahr  verlegen ,  wo  Mangel  an  Lohnarbeit  ist. 

Des  weiteren  ist  dem  gnindbesitzenden  Tagelöhner  möglich|  einen 
Teil  solcher  Perioden  mit  der  Anfertigung  Ton  Gegenstanden  for 
sein  und  seiner  Familie  persönlichen  Grebranch  auszufüllen.  Die 
dazu  notwendigen  Arbeiten  tragen  einen  hausindustrieShnlichen  Cha- 
rakter, denn  häufig  wird  ein  Teil  der  so  erzeugten  Gegenstände,  wie 
Reisigbesen,  Körbe,  Schwingen,  aus  Holz  yerfertigte  Schaufeln,  Holz- 
schuhe u.  s.  w.  auf  den  Märkten  der  nächstliegenden  Ortschaften  ver- 
kauft. Insbesondere  sei  auch  an  dieser  Stelle  die  bereits  erörterte 
Verarbeitung  des  Flachses  erwähnt. 

Beim  Kleingrundbesitzer  nimmt  diese  Arbeit  zur  Herstellung  der 
Gegenstände  für  den  persönlichen  Gebrauch  des  Unternehmers  und 
seiner  Familie  von  den  in  seinem  Betrieb  überhaupt  notwendigen 
Arbeitssummen  natürlich  eine  verhältnismärsig  viel  gröGsere  Quote  ein, 
als  dies  beim  Grofsgrundbesitz  der  Fall  sein  würde.  Es  ist  eine  durch 
die  Notwendigkeit  der  Beschäftigung  in  der  Winterperiode  begründete 
Erscheinung,  wenn  der  Kleingrundbesitzer  eine  grobe  Zahl  der 
Gegenstände  zum  persönlichen  Gebrauch  nicht  im  Tausche  erwirbt, 
sondern  selbst  herstellt.  — 

Für  die  Verteilung  des  landwirtschaftlich  benutzten 
Grund  und  Bodens  in  Eigentumsgröfsen  ist  bis  jetzt  für  die 
einzelnen  Staaten  und  Provinzen  des  deutschen  Reiches  leider  kein 
zahlenmäfsiger  Anhalt  Torhanden.  Bei  den  Erhebungen  für  die  land- 
wirtschaftliche Betriebsstatistik  am  5.  Juni  1882  hat  man  nämlich 
das  Land,  das  z.  B.  den  kontraktlich  gebundenen  Tagelöhnern  fast 
stets  als  ein  Teil  ihres  Naturallolmes  vom  Unternehmer  gewährt  wird, 
als  selbständigen  landwirtschaftlichen  Betrieb  gerechnet.^)  Es  li^gt 
auf  der  Hand,  wie  in  den  Teilen  Deutschlands,  in  welchen  diese 
Lohnform  allgemein  üblich  ist,  nach  diesen  Angaben  der  Kleingrund- 
besitz einen  bedeutend  gröfsem  Anteil  von  Grund  und  Boden  einzu- 
nehmen scheint,  als  dies  in  der  That  der  Fall  ist.  Trotzdem  also  die 
Erhebungen  der  landwirtschaftlichen  Betriebsstatistik  keinen  genauen 


')  Vergl.   Statistik    des   Deatschen   Reichs.     Hersusgegeben   yom   KaiterL 
SUtistisohen  Amt.    Neue  Folge.    Bd.  V.    Berlin  1886.  Seite  19  o.  21. 


86 


—     87     — 

Anhalt  für  die  Verteüuiig  der  landwirtschaftlich  benutzten  Fläche  in 
Bedtzgröfsen  gewähren  können ,  ist  im  folgenden  dennoch  versucht 
worden,  aus  den  Angaben  derselben  einigermafsen  eine  Übersicht  über 
den  Anteil  des  Kleingrundbesitzes  am  Grund  und  Boden  in  den 
einzelnen  Staaten  und  Provinzen  herzustellen.  Nach  dieser  Statistik 
entfallen  von  100  Hektar  landwirtschaftlich  benutzter  Fläche  auf  die 
Betriebe  der  Gröfsenklassen^) 


unter  1: 

Ton  1— 

Im  deutschen  Reich 

2,4 

25,6 

„  Ostpreufsn 

1,0 

9,8 

.f  Westpreulsen 

1,8 

9,1 

.,  Brandenburg 

1,» 

13,7 

,,  Pommern 

1,8 

10,1 

..  Posen 

1,4 

10,8 

,.  Schlesien 

1,9 

26,6 

,.  Provinz  Sachsen 

3,8 

19,8 

V  Schleswig-Holstein 

0,8 

10,6 

.;  Hannover 

2,9 

26,9 

„  Westfalen 

4,8 

33,1 

„  Hessen-Nassau 

4,4 

48,6 

,.  Rheinland 

6,6 

52,0 

,,  HohenzoUem 

1,» 

52,1 

,,  Bayern 

2,6 

35,6 

j.  Kgr.  Sachsen 

3^ 

25,7 

f,  Württembeig 

3,9 

61,9 

,j  Baden 

4,6 

62,8 

„  Hessen 

4,9 

64,4 

„  Oldenburg 

1,8 

29,0 

„  Braunschweig 

5,8 

21,8 

„  Elsafs-Lothringen 

5,0 

51,8 

10    100: 

iber  100  H«kUr: 

47,6 

24,4 

61,1 

38,6 

42,6 

47,1 

48,1 

36,8 

31,8 

57,4 

32,6 

66,8 

37,1 

34,6 

60,0 

27,0 

72,9 

16,4 

63,3 

6,9 

67,8 

4,8 

40,8 

6,7 

39,8 

2,7 

43,4 

2,6 

60,6 

2,8 

57,8 

14,1 

42,8 

2,0 

31,8 

1,8 

35,8 

4,9 

65,8 

8,4 

65,1 

17,9 

36,9 

7,8 

Von  den  Leitern  selbständiger  landwirtschaftlicher  Betriebe 
leisteten  nebenbei  überhaupt  Lohnarbeit  in  der  Landwirfschaft  =» 
866493  Personen;  davon  in  den  Gröfsenklassen  der  Betriebe 

bis  1  Hektar:  von  1—10  Hektar :    von  10— 100  H ektar 
Im  deutschen  Beich :       682  667  189  016  364  Personen. 

Für  landwirtschaftliche  Lohnarbeit  kommt  also  nur  der  Grund- 
besitz bis  zu  10  Hektar  Grobe  in  Betracht. 


>)  a.  I.  0.  S.  96  n.  27. 

ST 


n 


—     88    — 

Auf  solche  Betriebe  bis  zu  10  Hektar  Oröfse  entüetUen  lon  lOO 
H^ar  landwirtschaftlich  benutzter  Fläche: 

1.  im  deutschen  Reich      28  Hektar 

3.  in  Ostpreufsen             10,8  „ 

3.  „   Westpreufsen           10,4  „ 

4.  „   Pommern                 11,4  „ 

5.  „   Schleswig-Holstein   11,4  » 

6.  „    Posen                       12,2  „ 

7.  „    Brandenburg            15,6  „ 

8.  „    ProY.  Sachsen          23,0  „ 

9.  „   Braunschweig          27,o  „ 

10.  „  Schlesien  28,4        „ 

11.  „  Königr.  Sachsen  28,7        „ 

12.  „  Hannover  29,8 

13.  „  Oldenburg  30,8 

14.  „  Bayern  37,2 

15.  „  Westfalen  37,4         „ 

16.  „  Hessen-Nassau  53,o         „ 

17.  „  Hohenzollem  54,o         „ 

18.  „  Württemberg  55,8         „ 

19.  „  Elsafs-Lothringen  56,8 

20.  „  Rheinland  57,6 

21.  „  Hessen  59,8 

22.  „  Baden  66,9 
Diese  Zahlen  zeigen,  wie  aufserordentlich  schwankend  in  den 

einzelnen  Staaten  und  Provinzen  der  Anteil  an  der  landwirtschaftlich 
benutzten  Fläche  für  die  Betriebe  in  der  Gröfse  von  1—10  Hektar 
ist.  Wollte  man  aus  diesen  Zahlen  die  Verteilung  des  Grund  und 
Bodens  nach  Besitzgröfsen  ableiten,  so  müssten,  abgesehen  von  den 
Pachtungen,  diejenigen  Betriebe  abgerechnet  werden,  welche  durch 
die  Bebauung  eines  vom  Unternehmer  als  Teil  der  Naturallöhnung 
dem  Arbeiter  überlassenen  Grundstückes  entstehen.  Die  Zahl  solcher 
Setriebe  ist  verhältnismäfsig  hoch  im  nördlichen  Deutschland,  denn 
hier  prävaliert  die  Haltung  kontraktlich  gebundener  Tagelöhner. 
Folglich  mufs  bei  der  Verteilung  des  Grund  und  Bodens  nach  Besitz- 
gröfsen die  Zahl  der  Hektare,  welche  auf  solche  Bezitzungen  von 
0-T-lO  Hektar  Gröfse  entfallen,  eine  noch  geringere  sein,  als  dies 
schon  bei  der  Verteilung  nach  Betriebsgröfsen  der  Fall  ist  Im 
übrigen  Deutschland  hingegen  wird,  da  eine  Gewährung  von  Deputat- 
land gar  nicht  oder  nur  in  geringem  Mafse  stattfindet,  abgesehen  von 

88 


n 
n 
n 


—     89     — 

den  Pachtungen,  die  Yerteflung  des  Grund  und  Bodens  nach  Betriebs- 
grölsen  sich  mit  der  nach  Eigentumsgröfsen  annähernd  decken.  Die 
Reihenfolge  der  einzehien  Staaten  und  Provinzen  nach  der  Gröfse  des 
Anteils  der  Betriebe  bis  zu  10  Hektar  Gröfse  an  der  landwirtschaft- 
lichen Flache  ist  für  das  Königreich  Preufsen  annähernd  dieselbe,  wie 
bei  der  Verteilung  des  Grund  und  Bodens  nach  Eigentumsgröfsen, 
wofür  eine  Statistik  für  das  Jahr  1861  vorhanden  ist.  In  diesem 
Jahre  entfielen  nämlich  im  Königreich  Preufsen  auf  die  Quadratmeile 
Besitzungen  in  der  Gröfse^) 

bis  6 :   Yon  &— 30 :  von  30—800 :  von  800-  300 :  aber  600  Morgen : 


In  Pommern          30,4 

37 

42 

2,48 

4,66 

^  Prenfsen           36,3 

34,6 

69,8 

3,67 

3,66 

.   Posen                25,9 

60 

80,8 

1,80 

4 

„  Brandenbuig    51,8 

45 

60,7 

2,96 

3,08 

n  Schlesien         152 

140 

64,8 

1,68 

4,08 

„   Sachsen          143 

109 

71.8 

3,94 

2,89 

-  Westfalen       236 

170 

11,7 

3,68 

1,73 

^   Rheinland     1035 

388 

93,6 

3,18 

2,98 

Von  den  natürlichen  und  wirtschaftlichen  Verhältnissen  ist  es  bei 
sonst  gleichen  Verhältnissen  zweierlei,  was,  wie  erörtert  worden,  der 
Höhe  der  Di£Ferenz  an  Arbeitsbedarf  zwischen  Sommer  und  Winter 
im  Interesse  der  Erzielung  des  höchsten  Beinertrages  Grenzen 
zieht:  einmal  das  Verhältnis  der  Länge  von  Sommer  und 
Winter,  andererseits  das  Vorhandensein  einer  Arbeitsquelle, 
welche  während  der  Winterperiode  einem  Teil  der  im  Sommer  in  der 
Landwirtschaft  thätigen  Arbeiter  genügenden  Erwerb  bietet.  Es  ist 
ga^eigt  worden,  wie  mit  Steigerung  der  Arbeitsintensität  die  Differenz 
in  der  Höhe  des  Arbeitsbedarfes  zwischen  Sommer  und  Winter  steigt. 
Folglich  werden  die  Betriebe  bei  sonst  gleichen  Verhältnissen  im 
Stande  sein,  arbeitsintensiver  zu  wirtschaften  und  höhere  Erträge  zu 
erzielen,  denen  einmal  im  Sommer  viel  Arbeiter  zu  Gebote  stehen, 
die  im  Winter  aufserhalb  des  Betriebes  genügenden  Erwerb  finden, 
und  die  andererseits  einen  im  Verhältnis  zur  Winterperiode  langen 
Sommer  haben.  Wie  die  Gunst  des  einen  dieser  beiden  Verhältnisse 
die  Ungunst  des  anderen  paralysieren  kann,  liegt  auf  der  Hand. 

Im  deutschen  Reich  sind  beide  Verhältnisse  je  nach  den  ver- 
schiedenen Gegenden  aufserordentlich  wechselnd. 


')  Vergl.  Meitzen,   Boden  und  landwirtschaftliche  VerhältniMe  des  prenfs. 
Staates  nach  den  Üebieisumfangen  vor  1866.    Band  I,  Seite  516. 


89 


—    90    — 


In  Bezag  auf  Länge  der  Sommerperiode  sind  naturgemäfs 
die  nördlichen  Teile  der  Monarchie  am  ungünstigsten  daran;  in  den- 
selben ist  zum  Teil  die  Winterperiode  langer  wie  die  Sommerperiode, 
während  im  südlichen  Deutschland  mit  Ausnahme  gebirgiger  Gegenden 
das  Verhältnis  teilweise  umgekehrt  ist  und  im  allgemeinen  Durch- 
schnitt Deutschlands  beide  Perioden  gleich  lang  anzunehmen  sind.^) 
Soll  der  Nachteil ,  der  den  Gtegenden  Deutschlands  mit  kürzerer 
Sommerperiode  im  Vergleich  zu  denen  mit  längerer  mit  Rücksicht 
auf  die  Möglichkeit  der  Steigerung  der  Intensität  erwächst,  aufgehoben 
werden,  so  müfsten  den  Betrieben  dieser  Gegenden  in  der  Sommer- 
periode desto  mehr  Arbeitskräfte  zu  Gebote  stehen,  die  im  Winter 
aufserhalb  derselben  lohnende  Beschäftigung  fanden.  Den  Wald- 
bau, die  Industrie  und  den  Kleingrundbesitz  des  Ar- 
beiters, als  die  hauptsächlichsten  hierfür  in  Betracht  kommenden 
Erwerbsgelegenheiten  angenommen,  ergaben  sich  nach  den  voran- 
gegangenen Berechnungen  folgende  Verhältniszahlen: 

Es  entfielen  im  Durchschnitt  des  deutschen  Reiches: 

1.  auf  340  Morgen  landwirtschaftlich  benutzter  Fläche  100  Arbeits- 
tage, die  in  der  Sommerperiode  in  landwirtschaftlichen  Betrieben  von 
Arbeitern  verrichtet  werden  können,  die  im  Winter  im  Waldbau  Be- 
schäftigung finden; 

2.  auf  100  Hektar  landwirtschaftlich  benutzter  Fläche  =  17,i 
industrielle  Erwerbsthätige ; 

3.  auf  landwirtschaftliche  Betriebe  in  der  Gröfse  bis  zu  10  Hektar 
von  100  Hektar  landvmrtschaftlich  benutzter  Fläche  «=  28  Hektar. 

Ein  ungünstigeres  Verhältnis,  als  wie  es  diese  Zahlen  im  Durch- 
schnitt des  ganzen  Reiches  nachweisen,  zeigen: 

In  Bezug  auf: 

Industrie: 
Ostpreulsen 
Westpreufsen 
Posen 
Pommern 
Oldenburg 
Schleswig-Holstein 
Bbinnover 
Brandenburg 
Bayern 


Waldbau: 
Schleswig-Holstein 
Oldenburg 
Hannover 
Ostpreufsen 
Pommern 
Prov.  Sachsen 
Westpreuben 
Posen 


Kleingrundbesitz: 
Ostpreufsen 
Westpreufsen 
Pommern 
Schleswig-Holstein 
Posen 

Brandenburg 
Prov.  Sachsen 
Braunschweig. 


*)  Yergl.  von  der  Goltz,  Handbuch  der  landwirtsch.'  Betriebslehre  S.  S61. 


—    91     — 

Die  Möglichkeit,  im  Winter  landwirtscliaftliche  Arbeiter  aufser- 
halb  der  Betriebe ,  in  denen  sie  im  Sommer  thätig  sind,  zn  beschäf- 
tigen, ist  mit  Bezng  sowohl  anf  Waldbau,  wie  Industrie,  wie  Klein- 
gmndbesitz  eine  geringere  wie  im  Durchschnitt  des  deutschen 
Beiches: 

1.  in  Ostpreufsen, 

2.  in  Westpreufsen, 

3.  in  Pommern, 

4.  in  Posen, 

5.  in  Schleswig-Holstein. 

Diese  Provinzen  bilden  denjenigen  Teil  des  Beiches,  welcher 
wegen  seiner  nördlichen  Lage  einen  im  Verhältnis  zu  den  meisten 
übrigen  Staaten  und  Provinzen  sehr  kurzen  Sommer  hat.  Würden 
sämtliche  übrigen  wirtschaftlichen  und  natürlichen  Verhältnisse  auch 
dieselben  sein,  so  könnten  landwirtschaftliche  Betriebe  in  diesen  Pro- 
rinzen  mit  so  ungünstigen  klimatischen  und  ArbeiterrerhaltDiBsen  doch 
um  deswillen  nicht  in  der  Intensität  der  Bewirtschaftung  im  allge- 
meinen Schritt  halten,  weil  ihre  Unternehmer  im  Interesse  ihres  Bein- 
ertrages die  Differenz  im  Arbeitsbedarf  zwischen  Sommer  und  Winter 
nicht  so  hoch  steigen  lassen  dürfen,  wie  ihre  Genossen  in  Gegenden 
mit  langem  Sommer  und  günstigen  Arbeiteirerhaltnissen.  Daher  wird 
in  diesen  Teilen  des  Beiches  extensiver  gewirtschaftet  wie  im  allge- 
meinen sonst  in  Deutschland.') 

Eine  solche  extensivere  Benutzung  des  Ackerlandes  in  diesen 
Provinzen  erhellt  schon  daraus,  dals  in  denselben  von  der  landwirt- 
schaftlich benutzten  Fläche  ein  gröfserer  Teil  in  Ackerweide  liegt  als 
dies  sonst  im  Durchschnitt  des  deutschen  Beiches  der  Fall  ist.  *)  Es 
nimmt  nämlich  von  der  Gesamtfläche  des  Acker-  und  Gartenlandes 
die  Ackerweide  ein : ') 

im  deutschen  Beich        5,69<^/o 
in  Pommern  10,62o/« 

„    Ostpreufsen  8j94»/o 

„    Westpreufsen  8,78*/, 

„    Schleswig-Holstein  34,48%. 

0  £•  ist  zu  bemerken,  dafi  hierzu  jedoch  auch  noch  die  Unganst  mit  Be- 
ddrang  anf  andere  Verhältnisie  zwingt 

*)  Es  ist  allerdings  nicht  zu  übersehen,  dafs  zum  Teil  die  Notwendigkeit 
hierzn  dnreh  den  leichteren  Boden  dieser  Provinzen  gegeben  ist 

*)  VergL  Konatshefte  zur  Statistik  des  Deutschen  Reiches  I.  Jahrgang  1886, 
Sttte  75  n.  76. 

fl 


—    92    — 

Im  Interesse  der  Allgemeinheit  liegt  es  für  ein  Land  in  der  Lage 
Deutschlands  zweifellos,  dafs  auf  dem  Grund  und  Boden  desselben 
eine  möglichst  grofse  Menge  von  Nahrungsmitteln  erzeugt  werde. 
Wenn  es  überhaupt  schon  darauf  ankonmit,  die  Erwerbsquellen  eines 
Landes  möglichst  reichlich  fliefsen  zu  lassen,  so  gilt  dies  aus  bereits 
früher  erörterten  Gründen  in  besonders  hohem  Mafse  Yon  der  Land- 
wirtschaft ;  denn  der  Grund  und  Boden  ist  unvermehrbar  im  G^en- 
satze  zu  der  auf  ihm  lebenden  Beyölkerung.  Eine  extensivere  Be- 
wirtschaftung eines  grolsen  Teiles  des  einem  Volke  gehörigen  Bodens 
kann  im  Interesse  der  privaten  Unternehmer  vollkommen  am  Platze 
sein:  insofern  sich  nämlich  so  fUr  dieselben  bei  niedrigeren  Boh- 
erträgen  höhere  Beinerträge  ergeben  wie  bei  intensiverem  Betrieb. 
Im  Interesse  der  Allgemeinheit  hingegen  liegt  es,  dem  Grund  und 
Boden  durch  intensiveren  Betrieb  möglichst  hohe  Roherträge  abzu- 
gewinnen. Das  Interesse  der  Allgemeinheit  mit  dem  der  Privat- 
unternehmer mögUchst  in  Einklang  zu  bringen,  ist  Aufgabe  des 
Staates. 

In  diesem  Sinne  ist  die  Mafsregel  der  Kornzölle  aufzufassen. 
Durch  dieselbe  wird  der  inländischen  landwirtschaftlichen  Produktion 
der  Markt  zu  Preisen  gesichert,  welche  den  Einzelunternehmungen 
eine  Beibehaltung  der  Produktion  in  den  bisherigen  Grenzen  oder 
gar  eine  Steigerung  über  dieselben  gestattet.  Denn  die  Intensivität 
des  Betriebes  ist  unter  sonst  gleichbleibenden  Bedingungen  der  Pro- 
duktion an  eine  bestimmte  Höhe  der  Preise  gebunden.  Fallen  die 
letzteren  für  längere  2ieiträume,  so  mufs  notgedrungen  der  Betrieb 
ein  extensiverer  werden,  wofern  nicht  durch  Günstigerwerden  der 
Produktionsbedingungen  eine  billigere  Herstellung  der  Produkte  er- 
möglicht wird. 

Die  Komzölle  haben  im  Innern  des  Staates  vielleicht  in  ähn- 
licher Weise  Widerspruch  und  Unzufiriedenheit  mit  der  Eegiening 
hervorgerufen,  wie  dieses  bei  jeder  Erhöhung  der  Steuern  d.  h.  der 
Abgaben  aus  den  einzelnen  Privathaushaltungen  zur  Deckung  des 
Staatshaushaltsbedarfes  der  Fall  ist.  Als  Zweck  von  Steuererhöhungen 
ist  in  den  letzten  Zeiten  hauptsächlich  die  Erhöhung  der  Wehrkraft 
des  Staates  in  Betracht  gekommen.  Aus  diesem  Grunde  haben  beide 
Malsregeln  miteinander  viel  Ähnlichkeit.  Beider  Wirkung  —  Steige- 
rung resp.  Beibehaltung  der  bisherigen  Produktion  an  landwirt- 
schaftlichen Erzeugnissen  und  Steigerung  der  Wehrkraft  —  wird  erst 
zu  Tage  treten,  wenn  unser  Vaterland  bei  Beschaffung  seiner  not- 
wendigen Nahrungsmittel  ganz  auf  sich  selber  sollte  angewiesen  sein. 

92 


—     93     — 

Glaubt  sich  der  Staat  berechtigt ,  durch  ein  mittels  der  Kom- 
zoOe  künstlich  bewirktes  Hochhalten  der  Produktenpreise  die  bis- 
herige Intensität  der  Landwirtschaft  der  Allgemeinheit  zu  erhalten, 
80  durfte  es  vielleicht  ebenso  seine  Aufgabe  sein,  durch  Verbesserung 
der  Produktionsbedingungen,  wo  dies  angängig,  den  bisher  extensiven 
Betrieb  in  intensiveren  umzuwandeln.  Es  ist  des  öfteren  im  Verlauf 
dieser  Abhandlung  erörtert  worden,  wie  unter  sonst  gleichen  Bedin- 
gungen die  Betriebe  intensiver  wirtschaften  können,  welchen  bei  langer 
Sommerperiode  während  derselben  genügend  Arbeiter  zur  Verfügung 
stehen,  die  im  Winter  aufserhalb  des  Betriebes  in  einer  anderen  Thätig- 
keit  ihren  EWerb  finden.  Würde  es  gelingen,  durch  Gründung  oder 
Erofinung  solcher  Thätigkeit  den  Betrieben,  die  an  solchen  Arbeitern 
Mangel  haben,  deren  eine  genügende  Zahl  zuzuführen,  so  wäre  da- 
durch eine  Steigerung  der  Intensität  ermöglicht,  ohne  dafs  die  Preise 
der  Produkte  sich  zu  ändern  brauchten. 

Als  Quellen  von  Arbeit  für  im  Sommer  in  landwirtschaftlicher 
Lohnarbeit  Beschäftigte  während  des  Winters  sind  der  Waldbau, 
die  Industrie  und  der  Kleingrundbesitz  erörtert  worden. 
Beim  Waldbau  können  von  Seiten  des  Staates  neben  Anfersten  der 
jetzt  unbenutzt  liegenden  Flächen  nur  solche  Mafsregeln  in  Betracht 
kommen,  die  eine  Verteilung  der  in  demselben  notwendigen  Arbeit 
in  bereits  besprochener  Weise  bezwecken.  Von  der  Q^samtforst- 
flache  mit  13  900  611  Hektaren  sind  6  713171  Hektare  im  Privatbe- 
sitz. Mit  landwirtschaftlichen  Betrieben  sind  davon  jedoch  nur 
4  951 975  Hektar  verbunden.  Es  handelt  sich  also  darum ,  ob  in 
di^em  Teil  des  Privatforstbesitzes  sowie  in  den  staatlichen  Waldungen 
eine  entsprechende  Verteilung  der  Arbeit  stattfindet.  Der  Vorteil, 
der  durch  eine  solche  erreicht  wird,  kommt  der  Allgemeinheit  zu 
Gute:  demgemäfs  sollte  vor  allem  im  staatlichen  Forstbetriebe  eine 
solche  Verteilung  angestrebt  werden.  Es  ist  aber  auch  Aufgabe  des 
Staates,  in  allen  den  Fällen  einzugreifen,  wo  durch  die  mangelhafte 
Einsicht  des  Individuums  die  Interessen  der  Allgemeinheit  geschädigt 
werden.  Demnach  wäre  es  zum  mindesten  zweifelhaft,  ob  nicht  der 
Staat  berechtigt  ist,  auch  für  den  Privatforstbesitz,  der  nicht  mit  land- 
wirtschaftlichen Betrieben  verbunden  ist,  auf  eine  solche  Verteilung 
der  Arbeit  einzuwirken. 

Eine  Einführung  bezw.  Verstärkung  der  Industrie  in  Gegen- 
den, wo  dieselben  entweder  gar  nicht  oder  nur  in  geringem  Mafse 
vorhanden,  ist  bereits  des  öfteren  vom  Staate  angeregt  und  ins  Auge 
gefabt.   Abgesehen,  dafs  sich  dadurch  in  bereits  erörterter  Weise  für 

98 


—     94     — 

die  Landwirtschaft  die  Arbeitsverhältnisse  bessern  würden,  könnten 
durch  eine  Verstärkung  der  Industrie  in  industriearmen  Gegenden 
ein  grofser  Teil  der  Transportkosten  in  Wegfall  kommen^  den  jetzt 
die  Beförderung  der  landwirtschaftlichen  Produkte  vom  Erzeugungs- 
orte bis  zum  Konsumenten  verursacht ,  und  durch  welche  die  Land- 
wirtschaft des  nördlichen  Deutschlands  ungünstiger  produziert  wie  die 
in  Gegenden,  in  denen  eine  industrielle  Bevölkerung  in  nächster  Nähe 
diese  Erzeugnisse  konsumiert.^)  Allerdings  ist  die  Industrie  in^ihrer 
weiteren  Ausdehnung  nicht  nur  durch  den  vorhandenen  Markt  be- 
schränkt, sondern  sie  wird  auch  in  ihrem  Bestehen  durch  besondere 
lokale  Verhältnisse  begünstigt  oder  benachteiligt.  Es  sei  hier  nur  die 
Nähe  von  Kohlenlagern  envähnt,  die  in  ähnlicher  Weise  auf  die  Aus- 
dehnung der  Industrie  einwirken,  wie  die  Möglichkeit,  die  Rohstoffe 
mit  möglichst  geringen  Transportkosten  zu  beschaffen.  Darum  wird 
es  für  die  Industrie  selber  wohl  meistens  vorteilhafter  sein,  sich  dort 
niederzulassen,  wo  diese  Transportkosten  für  Bohstoffe  bezw.  Kohlen 
möglichst  geringe  sind.  Denn  der  nachherige  Transport  der  fertigen 
Industrieerzeugnisse  kommt  dem  Unternehmer  zweifellos  billiger  zu 
stehen.  Daraus  erklärt  sich  der  Mangel  an  Industrie  im  nördlichen 
Deutschland.  Dasselbe  ist  in  fast  allen  seinen  Teilen  arm  an  solchen 
für  industrieeile  Verarbeitung  geeigneten  Bohstoffen  bezw.  Kohlen. 
Inwieweit  bei  einzelnen  Zweigen  der  Industrie  trotzdem  eine  Gründung 
in  diesen  Gegenden  mögUch  ist,  darüber  sich  des  näheren  auszulassen, 
würde  den  Rahmen  dieser  Abhandlung  überschreiten.^) 

Als  dritte  Ursache  der  Ungunst  der  Arbeiterverhältnisse  im 
nördlichen  Deutschland  war  der  Mangel  eines  Standes  grundbe- 
sitzender Arbeiter  angeführt.  Der  freie  Boden  verkehr  wird  allein 
unmöglich  eine  Änderung  in  dieser  Beziehung  zum  bessern  bringen. 
In  Erkenntnis  dieses  Umstandes  sind  vom  Staate  in  den  letzten 
Jahren  Gesetze  erlassen  und  Einrichtungen  getroffen,  welche  die  Be- 
gründung solch  kleiner  Besitzungen  ermöglichen  bezw.  erleichtem 
sollen.  Das  leitende  Motiv  ist  dabei  zunächst  allerdings  sozialer  Natur 
gewesen.  Nirgends  anderswo  wie  in  Deutschland  ist  innerhalb  der 
ländlichen  Bevölkerung  ein  solch  schroffer  Gegensatz  zwischen  Be- 
sitzenden und  Besitzlosen  vorhanden  wie  in  den  nordöstlichen  Pro- 
vinzen.   Nach  einer  Annahme  Schmollers  stehen  hier  etliche   20  000 


>)  Yergl.  von  Grafs-Klanin,  Die  wirtschaftliche  BedeutuDg  der  Kornzölle 
und  die  Möglichkeit  ihrer  Herabsetzung.    Berlin  1891. 

')  Yergl.  hierüber  auch:  Ostpreufsens  Beruf  für  die  Industrie  v.  F.  Marcnowski. 
Königsberg  1872. 

94 


—    95    — 

grofse  Besitzer  1% — 2  Millionen  besitzloser  ländlicher  Arbeiter  gegen- 
über. Im  übrigen  Deutschland  ist  dieser  Unterschied  ja  zweifellos 
auch  Torhanden  :^)  aber  er  wird  durch  zahlreiche  Abstufungen  und  Über- 
gänge Tom  besitzlosen  Arbeiter  bis  zum  Groisgrundbesitzer  verwischt. 
Dieser  Unterschied  ist  in  der  Geschichte  des  nordösüichen  Deutsch- 
lands begründet.^  Auf  seine  Ursachen  und  Entwickelung  näher 
einzugehen,  gehört  nicht  hierher.  Friedrich  Wilhelm  I.,  Friedrich  der 
Grofse  und  seine  beiden  Nachfolger  haben  den  Bauernstand  zu 
schützen  gewufst.  Von  diesem  Bauernstände  *)  hat  sich  infolge  der 
preufSnschen  Agrargesetzgebung  am  Beginn  dieses  Jahrhunderts  unter 
der  Elntwickelung  eines  eigentlichen  Lohnverhältnisses  der  ländliche 
besitzlose  Arbeiterstand  abgezweigt.  Vorher  stützte  sich  die  ländliche 
Arbeitsverfassung  auf  die  Spann-  und  Handfrohndienste  eines  zahl- 
reichen Kleingrundbesitzes.  Das  Wesen  der  heutigen  modernen  Ar- 
beitSTerÜEissung  hingegen  beruht  auf  den  im  freien  Arbeitsvertrag  ge- 
dungenen Diensten  des  um  hunderttausende  vermehrten  Standes 
gänzlich  besitzloser  Arbeiter.^)  So  hat  sich  aus  der  Befreiung  und 
Festigung  des  Bauernstandes  die  heutige  ländliche  Arbeiterfrage  ent- 
wickelt :  und  mit  ihr  in  grölserem  Mafse  die  Nachteile,  die  sich  aus 
den  Schwankungen  im  Arbeitsbedarf  in  der  Landwirtschaft  ergeben. 
Nirgends  bei  den  bedeutenderen  älteren  landwirtschaftlichen  Schnft- 
stellen  findet  man  derselben  in  irgendwie  besonders  betonter  Weise 
Erwähnung  gethan.  Zum  Teil  mag  dies  dadurch  begründet  sein,  dafs 
bei  der  damals  allgemeinen  üblichen  extensiven  Wirtschaftsweise  die 
Schwankungen  im  Arbeitsbedarf  nicht  so  aufserordentliche  waren  wie 
heutzutage.  Von  der  gröfseren  Bedeutung  wird  aber  wohl  der  Um- 
stand gewesen  sein,  dafs  der  gesamte  Arbeiterstand  aus  Kleingrund- 
besitzem  ^)  sich  zusammensetzte.    Erwägt  man  femer,  wie  bei  den  da- 


*)  Vergl.  von  der  Qoltz,  „Geschichte  der  Landwirtschaft"  im  Handbuch  der 
gesamten  Landwirtschaft,  heranigegeben  von  Professor  Dr.  Frhr.  von  der  Goltz. 
Tfibingen  1890.    Band  I,  Seite  9. 

*)  a.  s.  O.  Seite  8. 

*)  Rede  von  Professor  Dr.  Sering  am  26.  Jan.  1899  in  der  landwirtschaftl. 
flochschale  za  Berlin  über:  „Arbeiterfrage  und  Kolonisation  in  den  östlichen 
Provinzen  Preufsens". 

*)  a.  s.  0. 

^)  Dafs  dabei  nicht  von  einem  unabhängigen  Besitz,  sondern  von  den  ver- 
schiedenen Formen  der  Erbpacht  u.  s.  w.  die  Bede  sein  kann,  ist  zum  richtigen 
Verständnis  des  damaligen  Arbeitsverhältnisses  besonders  hervorznheben.  Denn 
die  Bauern  hatten  eben  nur  unter  der  Bedingung  ihren  Hof  zur  Benutzung,  dafs 
sie  auf  dem  Gute  des  Grundherrn  die  Arbeit  verrichteten. 

95 


—    96     — 

maligen  Zeiten  der  Naturalwirtschaft  fiir  diese  in  der  Winterperiode 
sich  durch  Verfertigung  der  Güter  für  den  persönlichen  Gebrauch 
eine  zeitausfullendere  Beschäftigung  ergab  wie  heute,  so  erklärt  sich 
zur  Genüge  das  Stillschweigen  der  älteren  landwirtschaftlichen  Schrift- 
steUer  über  die  Schwankungen  im  Arbeitsbedarf  und  die  durch  die- 
selben bewirkten  Nachteile.  Einmal  nämlich  waren  diese  Schwan- 
kungen geringer  wie  heute,  und  andererseits  wurden  die  durch  die  sie 
bewirkten  Nachteile  durch  die  damalige  Form  der  Arbeitsyerfassung 
gemildert. 

Es  ist  erwähnt  worden,  wie  zunächst  aus  Gründen  sozialer  Natur 
der  Staat  die  Begründung  und  Vermehrung  des  Standes 
der  J^leingrundbesitzer  in  Angriff  genommen.  In  der  Masse 
der  halt-  iind  besitzlosen  ländlichen  Arbeiter  soll  ein  fester  Damm 
aufgerichtet  werden,  um  dadurch  den  fehlenden  Übergang  vom  besitz- 
losen Arbeiter  bis  zum  spannfahigen  Bauern  in  jenen  Gegenden  herzu- 
stellen. Den  besseren  Elementen  unter  den  ersteren  soll  die  Möglich- 
keit gegeben  werden,  sich  auf  eigenem  Grund  und  Boden  ansässig  zu 
machen.  Denn  die  Vermehrung  des  Einkommens  der  ländlichen 
Arbeiter  hat  als  letztes  und  höchstes  Ziel,  dieselben  selbst  zu  land- 
wirtschaftlichen Unternehmern  zu  machen.^)  Hierzu  bedarf  es  aufser 
staatlichem  Eingreifen  auch  der  Unterstützung  der  Grundbesitzer 
jener  Provinzen.  Soll  durch  die  Vermehrung  des  Standes  kleiner 
Grundbesitzer  sich  eine  Verbesserung  der  Arbeiterverhältnisse  ergeben, 
so  darf  die  Ansiedelung  derselben  sich  nicht  nur  auf  enge  bestimmte 
räumliche  Bezirke  wie  z.  B.  die  Moorkolonieen  erstrecken.  Vielmehr 
mufs  dieselbe  eine  über  die  ganzen  Provinzen  gleichmäfsig  verteilte 
sein :  schwächer  nur  dort,  wo  bereits  ein  solcher  Stand  von  Kleingrund- 
besitzern vorhanden  ist.  Es  ist  leider  nicht  zu  leugnen,  dafs  bei 
einem  grofsen  Teil  der  Grofsgrundbesitzer  noch  Vorurteile  mannig- 
facher Art  gegen  eine  solche  Ansiedelung  von  Kleingrundbesitzem 
vorhanden  sind;  Vorurteile  ähnlicher  Art,  wie  die  der  pommerschen 
Adligen,  welche  in  einer  Petition  an  Friedrich  den  Grofsen  sich 
äufserten:  „Ihr  Grundbesitz  würde  ihnen  zur  Hölle  werden,  wofern 
neben  demselben  ein  ausgedehnter  Kleingrundbesitz  bestände."  Aber 
es  steht  zu  hoffen,  dafs  die  wirtschaftlichen  Interessen  mächtiger  sind 
als  persönliche  Vorurteile :  bei  der  Durchführung  einer  Mafsregel  ins- 
besondere, die  in  sozialer  wie  wirtschaftlicher  Hinsicht  gleichmäfsig 
im  Interesse  der  Allgemeinheit  liegt. 

')  Vergl.  von  der  Gk>liz,  Ländliobe  Arbeiterfrage  n.  8.  w.    Seite  201. 

96 


Anlag«. 


Die  graphischen  Darstellnngen 


der 


Schw^ankimgen  im  Arbeitsbedarf 

für  fOnf  landwirtschaftiielie  Betariebe, 


aiaatowitMaMhafU.  Biodim.    V.  97  ' 

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Graphische  Darstellung  der  Schwan- 
kungen im  Handarbeitsbedarf  für  das 
Gut  St.  in  Holstein. 

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Die  Pankie  bedeuten  die  Summen  der  in 
dem  betreffenden  Monat  geleisteten  Hand- 
arbeitstagfe  (Mannertage).  Jeder  Punkt  bildet 
den  Schnittpunkt  zweier  Linien:  auf  der 
wagerechten  Linie  steht  die  Zahl  der  Arbeits- 
tage, rechts  neben  der  senkrechten  Linie  ist 
der  Monat  verzeichnet,  in  welchem  die  be- 
treffende Zahl  von  Arbeitstagen  geleistet 
wurde.  —  Die  Skala  dieser  Darstellung  läuft 
von  ISO— S86  Arbeitstagen  und  ist  von  6  zu 
6  abgestuft. 


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Graphische  Darstellung  der  Schwan- 
kungen im  Arbeitsbedarf  für  das 
Rittergut  Gr.  F.  in  Westpreussen. 

Zur  Erläuterung  dienen  die  schon  bei  der 
graphischen  Darstellung  I.  gegebenen  Er- 
klärungen. Die  Skala  dieser  Darstellung 
läuft  von  800—1660  Arbeitstagen  und  ist 
von  60  zu  60  abgestnfL 


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III. 

Graphische  Darstellnng  der  Schwan- 
kimgen   im  Arbeitahedarf    für    das 
O.  in  der  ProY.  Schlesien. 


Zar  Erlantenuig  diene  die  schon  bei 
der  graphiB<dien  Dantellnng  I.  gegebene  Er- 
kfinmg.  Die  Skala  dieser  Darstellang  läuft 
TOD  990—660  Arbeitstagen  und  ist  von  10 
zu  10  abgestuft. 


IV. 

Graphische  Darstellung  der  Schwan- 
kungen   im   Arbeitsbedarf  für   das 
Rittergnt  H.  in  der  ProY.  Westfalen. 

Zur  Erläuterung  diene  die  schon  bei 
der  graphischen  Darstellung  L  gegebene  Er- 
klärung. Doch  ist  zu  beachten,  dals  hier 
das  Jahr  nicht  in  die  zwölf  Monate,  sondern 
in  dreizehn  Abschnitte  zu  je  vier  Wochen 
geteilt  ist.  Die  Skala  dieser  Darstelluig 
läuft  von  dOO— 1860  Arbeitstagen  und  ist 
¥on  60—60  abgestuft. 


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Verlag  von  Uustar  Fiselier  in  Ji*na. 


Handwörterbuch  der  Staatswissenschaften. 

Henuigegeben  Ton 

Dr.  J.  Conrad,  Dr.  W.  Lexis. 

Professor  der  StaaUwisscnvctiaftea  Professor  der  Staatswiasenschaftcn 

zu  Ualla  a.  S.  au  Göttiugea. 

Dr.  L.  Elster,  »„     «^      w 

Pn.fetaor  der  StaaUwisscnatUaflen  DP.   tag.   L(Oenin;g:, 

SU  Breslau.  Professor  der  Uechte  su  Halle  a.  S. 

Erster  bis  Vierter  Band, 

Preis  brosch.  ä  18  Mark,  geh*  ü  20  Mark, 

Vollftindif  In  •  Bänden  im  Umfanfe  von  mindestens  350  Bogen  eross  Lexikon  8), 
welch«  bisXnde  1893  fertig  vorllesen  und  den  Preis  von  100  Mark  für  das  broschierte, 
112  Mark  für  das  ^bondene  Exemplar  nicht  Qberschreiten  sollen.   Nach  Voilendunip 

des  Werkes  tritt  ein  erhöhter  Ladenpreis  in  Kraft. 

Kin  derartigeg  Nachschlagewerk  bogitEt  weder  die  deataohc  noch  die  auslandischo  Littcratur. 

Daa  „Handwörterbuch"  gibt  eiue  DarsUlIung  dea  that»acl>li<lieii  Inhalts  der  wirf  chaftlicheu 
«nd  eogialen  Krgcheinungcn.  Ks  geht  weit  übt-r  dir  <ireMg>Mi  «'iiicr  le«iitflich  verwaltungarechtliohen 
Benacdlnngdcr  gegHDwurtigin  Deutx'hlniitl  hestohendcn  wirts^chaftlichcn  und  po/.ialen  Ordnurig  hinaus. 

Das  „Handwörterbuch''  bietet  die  gesamte  wirtächaftluhe  (kHft^gt'buug  aller  Kulturländer. 
«ine  detaillierte  Statistik,  die  Hauptergebnisae  der  parlanuntarischen  und  litt>TuriB(  lien  Diskugwiop 
and  eine  vollständige  bibliogTaphiaohp  l'ohfrsiLht. 

0F  AusfQlirliche  Probehefte  nnd  Prospekte  sind  unentgeltlich  durch  Jede 
Bachhandlang  Deutschlands  und  des  Auslandes  xu  beziehen. 


Sainnilung  natioRalökonomischer  und  statistischer  Abhandlungen 

des  staatswissenschaftlichen  Seminars  zu  Halle  a.  S. 
]ierausge<reben  von  Dr.  Johanne»  Conrad, 

Professor  iu  Halle. 


Unter  anderen  erschienen  bisher  fol;^ende  Hefte : 

Agrarstatistische  Untersuchungen  Ober  den  Einfluss  des  Zuckerrübenbaus  auf  die  Land- 

Ufld  Volkswirtschaft  unter  besonderer  Berücksichtigung  der  IVovinz  Sachsen  von  Dr.  G  U  S  t  a  V 

Humbert.  Preis:  2  Mk.  80  Pf.  —  Ueber  den  Einfluss  des  Ernteausfalis  auf  die  (k*treide- 
preise  während  der  Jahre  1846—1875  in  den  hauptsächlichsten  Ltindcrn  Eurji>as  vou 
Dr.  J.  H.  Kremp.  Mit  zwei  graphischen  Darstellungen.  Preis:  4  Mk.  —  Die  Grund- 
und  Einkorn  mensteuer  des  Grossherzogtunis  Sachsen -Weimar  von  Dr.  A.  BorSt.  Prci» : 
2  Mark.  —  Die  Entwickelung  der  LandwirtSCtiaft  auf  den  Goertz-Wnsborg'schen  Gutem 
in   der  Provinz  Hannover.     Auf  Grund   archivalischen  Materials    von    Dr.    Werner    Graf 

€oertz-Wrisberg.  Prei^.:  4  Mk.  —  Historische  Entwickelung  der  landwirtschaftlichen 
Verhältnisse  auf  den  reichsgräflich  freistandesherrlich  Schaffgotschischen  Güterkomplexen 
in  Preussisch-Schlesien  von  Dr.  Josef  Helsing,  prakt.  Landwirt.  Prüii<:  5  Mk.  —  Die 
Entwickelung  der  Viehzucht  in  Preussen  von  1816—1883.     Mit  besonderer  Kuck>icht  auf 

die    beiden    einheitlichen    Zählungen   1873    und   1883    für    das    gan/.e  Deutsche  Heicl)    Von 

Dr.  Emanuel   Hauser.    Preis  6  Mk.  —  Untersuchungen  über  den  gegenwärtigen  Stand 

der  Agrarstatistik  und  deren  Entwickelung  seit  dem  Jahre  1868,  unter  besonderer  Hcrilck- 
lichtigong  der  landwirtschaftlichen  Produktionsstatistik.  Von  Dr.  Traugott  Mueller. 
Generalsekretär  des  deutschen  Landwirtschaflsratcs.  Preis:  4  Mk.  —  Die  Entwickelung 
der  Landwirtschaft  auf  den  gräflich   Stolberg-Wernigerodischen   Domänen.    Beitrag   zur 

beschichte  der  Land^-irtschaft  auf  Grün  l  archivalischen  Materials.    Von   Dr.    Alexander 

Backhaus.  Preis  6  Mk.  —  Die  Hagelversicherungsfrage  in  Deutschland  von  Dr. 
Heinr.  Suclisland.  Bearbeitet  vom  theoretischen,  historischen  und  kritischen  Stand- 
puDkte.  Ein  Beitrag  zur  Kritik  und  Reform  des  deutschen  Ilagelversicherungswcsens. 
iVeis:  3  Mk. 


-1 


Staatswissenschaftliche  Studien. 


In  Verbindung  mit 

Prof.  Dr.Eheberjr  in  Erlangen^  Sektionschef  Prof.Dr.Ton  Inunftp^teniei^g  in  Wien, 
Geh.-Rat  Prof.  Cr.  Laspeyres  in  Giefsen,  Prof.  Dr.  Lexit  in  Göttingen,  Prof. 
Dr.  Carl  Menger  in  Wien,  Prof.  Dr.  J.  Nenmanii  in  Tübingen^  Prof.  Dr.  Paasche 
in  Harburg,  Prof.  Dr.  Philippovieh  ▼•  PhUippsberff  in  Freibnr^,  Prof.  Dr. 
Pierstorff  in  Jena,  Geh.-Rat  Prof.  Dr.  Roscner  in  Xeipiig,  Hoirat  Prof.  Dr. 
Schans  in  Würzburg,  Prof.  Dr.  Ton  Sehdnberp  in  Tübinffen,  Prof.  Dr.  Stieda 
in  Rostock,    Prof.  Dr,  Umpfenbach    in  Königsberg,  Gdi.^Rat  Prof.  Dr.  Ad. 

Wa^er  in  Berlin 

herausgegeben 

von 

Dr.  Ludwig  Elster, 

Prof#>ii«or  an  d«T  Univemitftt  Brealaa. 


5.  Band,  I.  Heft. 

Dr.  deorg  Meyer,  Cber  die  SehwaBJ^BBgen  iB  dem  Bedarr  an  laBd- 
arbelt  Ib  der  devtscheB  LaBdwirtscbaft  BBd  die  MSglicbkeit  Ihrer 
AisgleiehflBg. 


Jena, 

Verla/üT  von  Gustav  Fischer. 

1893. 


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i^ippert  4  Co.  (G  Patz'eche  Buchdr.),  Naumbnrg  a,'8. 


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staatswissenschaftliche  Studien. 


In  Verbindung  mit 

Prof.  Dr.Eheberff  in  Erlaogen,  Sektionscbef  Prof  J)r.Toii  InmuBpStemegg  in  Wien, 
Qeh.-Rat  Prof.  Dr.  Laspeyres  in  Giefsen^  Prof.  Dr.  Lexis  in  Göttingen,  Prof. 
Dr.  Carl  Mencer  in  Wien,  Prof.  Dr.  J.  NenmaBB  in  Tübingen^  Prof.  Dr.  PuMche 
in  Marburg.  Prof.  Dr.  Philippoyich  ▼•  Philippsberff  in  Freiborg,  Prof.  Dr. 
Pierstorir  in  Jena,  Geh.-Rat  Prof.  Dr.  Roselier  in  Leipzig,  Hofrat  Prof.  Dr. 
Schanc  in  Würzburg ,  Prof.  Dr.  von  Schdnberp^  in  Tübingen ,  Prof.  Dr.  Stleda 
in  Rostock,    Prof.  Dr.  Umpfenbach    in  Köni(y^berg,  Geh.-Rat  Prof.  Dr.  A<L 

Wag:ner  in  Berlin 

herauAgefi^eben 

von 

Dr.  Ludwig  Elster, 

Prof<>ii«or  an  d«T  UniTArnUftt  Breslan. 


5.  Band,  i.  HefL 

Dr.  Georg  Neyer,  [her  die  SehwaBl(BDgeD  in  dem  Bedarr  an  Hand- 
arbeit in  der  deutschen  Landwirtschaft  nnd  die  MSgliehkeit  ihrer 
Ansgieichang. 


Jena, 

Verlaiu:  von  Gnsstav  Fischer. 
.  1893.  - 

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J^irpert  A  Co.  (O   Patz'nche  Buchdr.),  Nauroburg  a  ti. 


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1 


Im  Verlage  von  OustaT  Fischer  in  Jena  erscheinen 

Staatswissenschaftliche  Studien. 

In  Verbindung  mit 

Prof.  Dr.  Eheberg  in  Erlangen,  Sektionschef  Prof.  Dr.  von  Inama-Stemegg  in  Wien, 
Ueh.-Hat  Prof.  l)r.  Laspeyres  in  Giefsen,  Prof.  Dr.  Lexis  in  Göttingen,  Prof. 
Dr.  Carl  Menger  in  Wien,  Prof.  Dr.  J.  Nenmann  in  Tübingen,  Prof.  Dr.  Paasche 
in  Marburg,  Prof.  Dr.  Philippovich  v.  Philippsberg  in  Freiburg,  Prof.  Dr. 
Pierstorff  in  Jena,  Geh.-Rat  Prof.  Dr.  Röscher  in  Leipzig,  Hofrat  Prof.  Dr. 
Schanz  in  Würzburg,  Prof.  Dr.  von  Schdnberg  in  Tübingen,  Prof.  Dr.  Stieda 
in  Rostock,  Prof.  Dr.   Umpfenbach  in    Königsberg,   Geh.-Rat  Prof.  Dr.  Ad. 

Wagner  in  Berlin 

herausgegeben  von 

Dr.  Ludwig  Elster, 

Professor  an  der  Uuiversitftt  Breslau. 

Die  „Staatswissenschaftlichen  Stadien'*  erscheinen  in  zwanglosen  Heften, 
die  eine  fortlaufende  Reihe  bilden.  Je  eine  entsprechende  Zahl  von  Heften  wird 
zu  einem  Bande  (in  ungefährer  Stärke  von  40  Bogen  mit  Titel  und  Inhaltsver- 
zeichnis) zusammengefafst.  Jedes  einzelne  Heft  der  Sammlung  ist  jedoch  dem 
Zw^ecke  des  Unternehmens  gemäfs  auch  für  sich  verkäuflich. 

Beiträge  für  die  Studien  sind  an  den  Herausgeber  derselben,  Herrn  Prof. 
Dr.  Elster  in  Breslau,  Victoriastrafse  14,  einzusenden. 

Die    bisher  erschienenen   Hefte   enthalten:  Dr.  Conrad  Schmidt:    Der 
natürliche  Arbeitslohn.    Preis:   2   Mark.    —  Dr.  Johannes  N.  Hansen:  Unter- 
suchungen über  den  Preis  des  Getreides  mit  besonderer  Rücksicht  auf  den  Nähr- 
stoffgehalt desselben.    Mit  3  lithographischen  Tafeln.  Preis:  2  Mark.  —  Dr.  jur. 
F,  Kral:    Geldwert    und  Preisbewegung   im  Deutschen   Reiche  1871 — 84.    Mit 
einer  Einleitung  über  die  Methode  der  statistischen   Erhebung  von  Geldmenge 
und  Geldbedarf  von  Prof.  Dr.  F.  X.   von   Neumann-Spallart.    Preis:  9  M. 
40  Pf.  —  Dr.  Ignaz  Gruber:  Die  Haushaltung  der  arbeitenden  Klassen.    Preis: 
8  M.  —  Dr.  Gustav  Karl  Metzler:  Statistische  Untersuchungen  über  den  Einflufs 
der    Getreidepreise     auf    die    Brotpreise   und   dieser    auf    die    Löhne.    Preis: 
1  M.  60  Pf.  —  Dr.  W.  Tesdorpf :  Gewinnung,   Verarbeitung  und  Handel  des 
Bernsteins  in  Preussen  von  der  Ordenszeit  bis  zur  Gegenwart.    Historisch-volks- 
wirtschaftliche Studie.    Mit  einer  graphischen  Darstellung.  Preis:    SM.  —  Otto 
Bechtle :  Die  Gewerkvereine  in  der  Schweiz.  Preis :  2  M.  —  Dr.  Karl  Leuschner : 
Die  landwirtschaftlichen  und  socialen  Verhältnisse  im  westlichen  Ungarn.    Unter 
besonderer  Berücksichtigung  des  Weifsenburger,  Tolnaer  und  Baranver  Comitats. 
Preis:  2  M.  50  Pf.  —  Dr.   A.  Dullo:    Gebiet,    Geschichte    und   Charakter   des 
Seehandels  der  gröfseren  deutschen  Ostseeplätze.    Preis:  3  Mark.  —  Dr.  Richard 
Bioeck:     Untersuchungen     über     die    Produktionskosten    der    Getreidekömer. 
Preis:  1  M.  80  Pf.    —  Otto   Trüdinger:  Die  Arbeiterwohnungsfrage  und  die 
Bestrebungen  zur  Lösung  derselben.  Preis:  4  Mark  50  Pf.  —  Dr.  C,  v.  Seelhorst: 
Der  Roggen  als  Wertmafs   für  landwirtschaftliche  Berechnungen.  Preis:  2  Mark. 
—   Dr.    Adolf  Heil:  Resultate  der    Einschätzungen  zur   Einkommensteuer    in 
Hessen,  Sachsen  und  Hamburg  in  Bezu<T  auf  die  Entwicklung  des  Mittelstandes. 
Preis:  2  Mark.  —  Otto  Koebner:  Die  Methode  der  letzten  französischen  Boden- 
bewertung.   Ein  Beitrag    zum  Katasterproblem.    Preis:   2   Mark.   —    Dr.  John 
Chr.  Schwab:   Die    Entwicklung   der    Vermögenssteuer    im    Staate  New- York. 
Preis:  2  Mark.  —  Dr.  Aug.  Köttgen:  Studien  über  Getreideverkehr  und  Getreide- 
preise in  Deutschland.    Preis:  2  Mark.  —  Dr.  Otto  Gerlach:  Ueber  die  Bedin- 
gungen wirtschaftlicher  Thätigkeit.    Kritische  Erörterungen  zu  den  Wertlehren 
von  Marx,  Knies,  Schäffle  und  Wieser.    Preis:  2  Mark  40  Pf.  —  Dr.  C.  Dtising: 
Das  Geschlechtsverhältnis  der  Geburten  in  Preufsen.    Preis:  1  Mark  80  Pf.  — 
Dr.  Karl  von  Lumm:  Die  Eatwickelung  des  Bankwesens  in  Elsafs-Lothringen 
seit  der  Annexion.    Preis:  5  Mark.  ^  Dr.  Carl  Copping  Plehn:  Das  Kreditwesen 
der  Staaten  und  Städte  der  nordamerikaQischen  Union  in  seiner  historischen  Ent- 
wicklung.   Preis:  2  Mark.  —  Dr.  Boris  Minzes:  Die  Nationalgüterveräufserung 
während  der  französischen  Revolution,  mit  besonderer  Berücksichtigung  des  De- 
partement Seine  und  Oise.    Preis:  4  Mark.  —  Dr.  Martin  Mohr:   Die  Finanz- 
verwaltung der  Grafschaft  Luxemburg  im  Beginn  des  14.  Jahrhunderts.    Preis: 
2  Mark.  —  Dr.  Arthur  Schott:  Die  französische  Wehrsteuer  nach  dem  Gesetz 
vom  15.  Juli  1889.  —  Dr.  Karl  August  Hückinghaus:  Die  Verstaatlichung  der 
Steinkohlenbergwerke.    —    Dr.   Ladislaus    von   Bortkewitsch :    Die    mittlere 
Lebensdauer.    Die  Methoden  ihrer  Bestimmung  und  ihr  Verhältnis  zur  Sterb- 
lichkeitsmessnng.    Preis:  3  Mark. 


Staatswissenschaftliche  Studien. 


In  Verbindung  mit 

Prof.Dr.BliebenmBrUiig6n,  Sektionschef  Prof  J)r.Ton  InmaßBrStmrmtgg  in  Wien, 
Geh.-Bat  Prof.  Cr.  Laspeyres  in  Qiefsen,  Prof.  Dr.  Lexis  in  OdtUngen,  Prof. 
Dr.  Carl  Mohmt  in  Wien,  Prof.  Dr.  J.  Nenmann  in  Tübingen,  Prof.  Dr.  Paasch« 
in  Ihrbm,  Prof.  Dr.  Philippoyich  ▼•  Philippsberr  in  Freibnrff,  Prof.  Dr. 
Pieratorlr  in  Jena,  GeL-Bat  Prof.  Dr.  Roecner  in  jLeipEig,  Homt  Prof .  Dr. 
Sebans  in  Wünbnrff,  Prof.  Dr.  von  Schöiiber|:  in  Tübingen,  Prof.  Dr.  Stieda 
in  Boetook,   Prof.  Dr.  Umpfenbach   in  Köni^berg,  6ä.-Rat  Prof.  Dr.  Ad. 

Wagner  in  Berlin 

herausgegeben 

von 

Dr.  Ludwig  Elster, 


PTOfcwot  an  dw  UhItm««  Bndui 


5.  Band,  2.  Heft. 


Dr.  Albert  Hahl,  Zir  (leschieht«  der  volkswirtsehaftlieheB  Ideei  in 
Bnglaid  gegei  Insgang  des  Mittelalters. 


>•   » 


Jena, 
Verlfikg  von  Grustav  Fischer. 

1893. 


0 


Zur  Geschichte 


der 


vfllkswkhaJtlichen  Ideen  in  England 


gegen  Ausgang  des  Mittelalters. 


Von 


Dr.  Albert  HahL 


Jena, 

Verlfikg  von  Gustav  Fischer. 

189S. 


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Den  teuren  Eltern 


in  Liebe  und  Dankbarkeit 


gewidmet 


Tom 


VerfiMMT. 


Inhaltsübersicht. 


Erstes  Kapitel.    Einleitung 1 

Zweites  Kapitel.    Die  benutzten  Quellschriften 6 

Drittes  Kapitel.    Die  Landwirtschaft 14 

Viertes  Kapitel.    Das  Gewerbe 26 

Fünftes  Kapitel.    Der  Handel 38 

Sechstes  Kapitel.    Schiffahrt,  Zollpolitik,  Kredit 89 

Siebentes  Kapitel.    Wertschätzung  des  Edelmetalls 44 

Adites  Kapitel    Freisgestaltung 47 

Neuntes  Kapitel.    Gemeinwirtschaft  und  Einzelwirtschaft 62 

Sdduls 69 


Die  Toriiegende  Arbeit  ging  ans  einer  Anregung  meines  hoch- 
rerehrten  Lehrers  Herrn  Hofrat  Professor  Dr.  Q.  Schanz  herror, 
welcher  anch  die  Yollendnng  derselben  ermöglichte,  indem  er  reich- 
haltiges Material  aas  seiner  Bibliothek  in  liebenswfirdiger  Weise  mr 
Yerf&gang  stellte  nnd  mit  gütigem  Bäte  fördmnd  nnd  enmligend 
zor  Seite  stand« 

Es  möge  mir  daher  rei^Snnt  sein,  an  dieser  SteDe  demselben 
meinen  tiefgefühltesten  Dank  ansznsprechen. 


Erstes  Kapitel. 

Einleitung. 


Wilhelm  Koscher  hat  in  seinem  Werke  „Zur  Geschichte  der 
englischen  Volkswirtschaftslehre^  1862  die  in  England  in  der  Zeit 
Ton  1516  bis  1714  vorherrschenden  wirtschaftlichen  Ideen  zur  Dar- 
fitellnng  gebracht.  Der  damit  verfolgte  Zweck  war,  verschiedene 
Anschauungen  in  der  allgemeinen  Geschichte  der  Yolkswirtschafts- 
leke  richtig  zu  stellen,  gemäfs  den  Ergebnissen  seiner  Forschung; 
er  gelangt  zu  drei  Folgerungen: 

1.  Unsere  weit  verbreitete  Gewohnheit,  die  ganze  Entwickelungs- 
periode  der  V olkswirtschaftBlehre ,  welche  den  Physiokraten  vorauf 
geht,  mit  dem  Namen  Merkantilsystem  zu  bezeichnen,  ist  eine  sehr 
nngeoügende ;  man  mufs  scheiden  ftlr  den  Kontinent  Merkantilsystem, 
für  England  „altere  englische  Schule". 

2.  Adam  Smith  ist  keineswegs  in  dem  Grade,  wie  man  gewöhn- 
lich annimmt,  der  Erfinder  der  von  ihm  ausgesprochenen  Wahrheiten. 

3.  Es  ist  der  Eindruck  ein  irreführender,  welchen  so  viele  Ge- 
schichten der  Nationalökonomie  zurücklassen,  als  wenn  bis  nach  Mitte 
des  18.  Jahrhunderts  die  Franzosen  und  Italiener  eine  Art  von  Allein- 
besitz oder  doch  Vorausbesitz  der  nationalökonomischen  Wissenschaft^en 
gehabt  hätten ;  seit  Cromwells  Zeiten,  ja  schon  unter  Elisabeth  kann 
England  in  ähnlicher  Weise  als  das  klassische  Land  der  Yolkswirt- 
fichaftslehre  betrachtet  werden,  wie  es  heute  dafür  gilt.  — 

Diese  letzt  gezogene  Konsequenz  nun  darf  kühnlich  noch  erweitert 
werden.  Schon  vor  Elisabeth,  unter  den  ersten  Tudors  bereits  haben 
eine  überraschende  Menge  von  Schriften  Betrachtungen  wirtschaftlicher 
oder  sozialpolitischer  Art  zum  Vorwurfe;  vereinzelt  sind  derlei  Er- 
wägungen aus  früherer  Zeit  noch  überliefert 

StaaiiwSaMiMehftftl.  Studini.  ^*  iai  ^ 

8 


—    2    — 

Von  geschlossenen,  übersiclitlicben  Darstellongen  ist  auf  diesem 
Gebiete  während  des  Mittelalters  and  noch  bis  in  die  neuere  Zeit 
berein  bekanntlich  nicht  die  Rede.  Der  Anlafs,  aus  welchem  Werke 
der  besprochenen  Art  herrorgingen  oder  Ratschläge  zum  allgemeinen 
Besten  gegeben  wurden,  war  immer  praktischer  Natur ;  selbst  ein  Ge- 
bilde wie  die  ütopia  entstand  im  Hinblick  auf  die  herrschenden  Mils- 
stande;  es  sind  meist  englische  Verhältnisse,  die  kritisiert  werden, 
ftr  welche  TJtopiens  Einrichtungen  ein  Gegenstück  bilden. 

Dem  Gesagten  entsprechend  darf  auch  das  Geltungsgebiet  der 
älteren  englischen  Schule  erweitert  werden  oder  es  darf  ihr  wenigstens 
eine  Yorläuferin  gegeben  werden. 

Aus  dem  Bisherigen  geht  nun  der  Zweck  vorliegender  Aband- 
lung  hervor:  sie  enthält  ein  Weiterschreiten  auf  dem  von  Röscher 
betretenen  Gebiete  in  der  Richtung  einer  Erweiterung  und  Ergänzung 
des  Stoffes.  Die  in  Rechnung  gezogene  Zeit  umfafst  die  Jahre  1436 
bis  1653. 

Die  Quellen,  aus  denen  geschöpft  wird,  sind  lediglich  Erzeugnisse 
litterarischer  Art ;  keine  Berücksichtigung  findet  der  vorhandene  Stoff 
an  gesetzlichen  Bestimmungen  wirtschaftlicher  Natur;  auf  einige  der 
hierüber  vorhandenen  Werke  ist  jedoch  im  Laufe  der  Abhandlung 
hingewiesen. 

Die  Beziehungen  zwischen  den  jeweils  herrschenden  Anschauungen 
und  den  vorkommenden  Ereignissen  auf  dem  Gebiete  der  hohen 
Politik  und  der  Volkswirtschaft  sind  innige  und  wechselseitige;  gar 
oft  geben  Betrachtungen  wirtschaftlicher  Art  den  Anlafs  zu  politischem 
Verhalten,  und  aus  politischen  Gestaltungen  andererseits  ergibt  sich 
ein  Anstols  zu  erneutem  wirtschaftlichen  Handeln  auf  bisher  noch 
nicht  betretenem  Gebiete,  wobei  die  wissenschaftliche  Erörterung  dann 
Hand  in  Hand  mit  der  That  zu  gehen  pflegt. 

Demgemäfs  dürfte  es  nicht  unentbehrlich  sein,  vorerst  noch  einea 
kurzen  Blick  auf  den  Gang  der  politischen  und  wirtschaftlichen  Ent- 
wickelung  in  England  von  1436  bis  1553  zu  werfen,  um  die  Ketten* 
reihe  der  Thatsachen  kennen  zu  lernen,  mit  deren  Fortlaufen  die  im 
Folgenden  hervorgehobenen  Ideen  verknüpft  sind. 

Es  ist  während  dieser  Zeit  das  Bild  der  englischen  Verhältnisse  kein 
erfreuliches.  Der  unter  Heinrich  V.  mit  so  glänzendem  Erfolge  wiederauf- 
genommene Krieg  in  Frankreich  hatte  mit  dem  Jahre  1429  eine  un- 
günstige Wendung  für  die  Engländer  erfahren ;  sie  wurden  von  der  Loircj 
zurückgedrängt,  ihr  bisheriger  Bundesgenosse,  der  Herzog  Philipp  von 
Burgund,  hatte  sich  im  Vertrage  zu  Arras,  abgeschlossen  am  21.  Sep- 


—     3    — 

tember  1436,  mit  Karl  VJLl.  ausgesöhnt ;  die  Hauptstütze  Englands,  der 
Hensog  von  Bedford,  war  kurz  Tor  diesem  Yertragsabschluss  gestorben; 
das  ungefähr  die  wichtigsten  Ereignisse  Tor  1436.  Das  Unglück  schritt 
mnanfhalteain  weiter,  eine  Stadt  nach  der  anderen  auf  dem  Festland 
offiiete  den  Franzosen  die  Thore,  eine  Provinz  nach  der  anderen 
wnrde  yon  dem  eroberten  Gebiet  abgetrennt.  Zuletzt  fiel  Bouen, 
Harfleur,  Cherbourg  und  damit  die  Normandie,  Bordeaux  und  am 
18.  August  1461  Bayonne;  es  waren  nunmehr  die  Engländer  in  ihren 
fesüandischen  Besitzungen  auf  Calais  beschränkt. 

Während  das  Volk,  so  lange  die  erfochtenen  Siege  als  Balsam 
für  seine  Wunden  wirkten,  alle  Lasten  des  endlosen  Krieges  ohne 
Manen  getragen  hatte,  ja  sogar  trotz  der  vielen  Opfer  Englands  selbst 
za  verhältnismäfsiger  Blüte  gekommen  war,  >)  gerade  in  Wirtschaft- 
licher  imd  kultureller  Beziehung,  riefen  die  erlittenen  Schläge  gar 
bald  den  Unwillen  des  Volkes  wach.  Man  verspürte  jetzt  die  wirt- 
schaftliche Not,  die  rasch  an  Ausbreitung  gewann.  Die  XJnzufirieden- 
lieit  mit  der  unföhigen  und  in  Frankreich  unthätigen  Regierung  wurde 
dadurch  gesteigert.  Bereits  auch  war  die  Feindschaft  zwischen  dem 
Herzog  Richard  von  York  und  der  Königin  Margarete  und  ihrem 
Gunstlioge  Suffolk  offen  am  Tage  liegend  und  äufserte  ihre  verderb- 
liclieD  Wirkungen.  Unter  der  Führung  eiaes  entschlossenen  Mannes 
namens  John  Cade  erhob  sich  die  Bevölkerung  Kents;  die  Auf- 
ständischen, welche  sich  „Die  Gemeinen  von  Kent"  nannten,  reichten 
Beschwerdeschriften  im  Parlamente  ein  und  bezeichneten  darin  die 
drückendsten  der  herrschenden  Mifsstände.  Der  Aufstand  wurde 
niedergeworfen,  allein  nun  kam  der  Streit  zwischen  den  Häusern  York 
und  Lancaster  zum  gewaltsamen  Ausbruche. 

Die  Folgen  dieses  verderblichen  Kampfes  waren  mannigfache: 
Die  AktionBfahigkeit  des  Reiches  nach  aufsen  hin  war  lahm  gelegt; 
dadurch  litt  nicht  nur  das  politische  Ansehen,  sondern  auch  der  Handel 
und  damit  der  Wohlstand  des  Volkes.  Zwar  unter  dem  thatkräftigen 
Eduard  lY.  fand  eine  Unternehmung  gegen  Frankreich  statt,  wenn 
schon  ohne  den  vorgesetzten  Erfolg ;  auch  der  Handel  erreichte  unter 
diesem  Könige  einen  Aufschwung;  er  arbeitete  selbst  als  Kaufmann 
und  fand  seine  Stütze  im  Bürgertum.  Eine  ai^dere  Folge  des  Kampfes 
war,  dafs  die  alten  angesehenen  Geschlechter  Englands  dahin  gemordet 
wurden;  ihre  Güter  gelangten  zur  Einziehung,  imi  an  Parteigenossen 
wieder  verschleudert  zu  werden.    Die  Bestellung  des  Bodens  litt  da- 


0  Macanlay,  The  History  of  England  Bd.  I  S.  19,  Tanohnitz  Edition. 

1* 
108 

8* 


—    4    — 

durch  bei  ohnedies  ungünstigen  Verhältnissen  für  die  Landwirtschaft, 
hervorgerufen  namentlich  durch  den  im  Krieg  vermehrten  Mangel  ai> 
Arbeitskräften* 

Endlich  gelang  es  Heinrich  VII.  den  Thron  zu  erobern  und  zu 
behaupten ;  die  einzelnen  sich  noch  erhebenden  Aufstände  wurden  mit 
Gewalt  gedämpft. 

Heinrich  VII.  mufs  als  ein  durchaus  umsichtiger  Begent  be- 
zeichnet werden.  Er  wufste  durch  weise  Fürsorge  für  den  Handel, 
namentlich  in  der  Richtung  von  Vertragsabschlüssen,  diesen  zu  beleben, 
durch  Sparsamkeit  geordnete  finanzielle  Zustände  wieder  herzustellen ; 
seine  politische  Stütze  fand  er  an  Spanien. 

Heinrich  VIQ. ,  ein  junger  Fürst  mit  glänzender  Begabung  und 
hochfliegenden  Plänen,  träumte  von  der  Erneuerung  der  alten  Herr- 
schaft Englands  auf  dem  Festlande;  selbst  nach  der  Kaiserkrone 
strebte  er.  Seine  Politik  war  jedoch  keine  beständige;  je  nach  der 
Leitung,  der  er  sich  hingab,  hielt  er  bald  zu  Karl  V.,  bald  zu  den 
französischen  Königen;  die  aufgewendeten  Opfer  waren  vergebens. 
Im  Innern  wurde  gewaltsam  die  Kirchenänderung  durchgeführt,  welche 
den  König  zum  Kirchenfürsten  des  Landes  erhob  und  die  Güter  der 
Kirche  in  seine  Gewalt  brachte. 

Auf  wirtschaftlichem  Gebiet  wurde,  was  den  Handel  anlangt, 
mit  Erfolg  auf  der  von  Heinrich  VII.  betretenen  Bahn  fortgeschritten ; 
durch  Abschlufs  von  Handelsverträgen  wurden  mancherlei  Vorteile 
erreicht,  namentlich  gegenüber  den  Niederlanden  ^)  und  Frankreich ;  *) 
die  immer  wieder  sich  erneuernden  Feindseligkeiten  freilich  lielsen 
oft  die  möglichen  guten  Erfolge  derartiger  Abmachungen  nicht  ein- 
treten. •) 

Anders  das  Bild  im  Ackerbau  und  Gewerbe,  wo  der  Notstand 
ein  allgemeiner  und  gewaltiger  war;  ständig  hatte  er  zugenommen, 
von  den  Tagen  John  Cades  an,  in  welchen  die  ersten  öffentlichen 
Klagen  gefuhrt  wurden,  war  der  Verfall  ununterbrochen  vorgeschritten 
und  gegen  Ende  der  Begierung  Heinrichs  VIII.  und  unter  seinem 
Nachfolger  Eduard  VI.  besonders  fühlbar  geworden. 

Thatsache  war,  dafs  seit  Beginn  des  16.  Jahrhunderts  die  Kömer- 
wirtschaft  zu  Gunsten  der  Feldgraswirtscbaft  und  der  Schafzucht  auf- 
gegeben wurde ;  der  Grofsgrundbesitzer  bemühte  sich  sein  Areal  ab- 

>)  Dr.  Georg  Sohanz :  Englisohe  Handelspolitik  gegen  Ende  des  MittelaiterB. 
Leipzig  1881,  Verlag  von  Danker  n.  Hamblot    Band  I  Seite  68,  86,  109. 
*)  Ebenda  Seite  809. 
*)  Ebenda  Seite  76. 

104 


—    6     — 

zurnnden  und  zu  yergröfsern;  jedes  Mittel,  selbst  Glewalt  war  dazu 
recht;  dadurch  wurden  tausende  von  Menschen  brotlos.  Die  Lage 
wäre  eine  allzu  schlimme  nicht  gewesen,  wenn  das  Gewerbe  Kraft  genug 
besessen  hätte,  das  firei  werdende  Arbeitsangebot  zu  befriedigen ;  allein 
dasselbe  befand  sieb,  soweit  es  über  den  Rahmen  des  Handwerks  sich 
Dicht  hinaushob,  in  ähnlicher  Notlage.  Der  Industrie  dagegen  war 
ein  Feld  der  Entfaltung  geboten,  durcb  den  Magnus  Intercursus,  ^) 
1496  mit  den  Niederlanden  abgeschlossen;  es  war  damit  wenigstens 
ein  günstiges  Absatzgebiet  für  Tucb  geschaffen. 

Diese  Bedrängung  des  kleinen  und  mittleren  Grundbesitzes  und 
des  Handwerks  erscheint  als  das  Ergebnis  des  Eingreifens  des  Elapitals 
in  die  wirtschaftliche  Produktion;  diese  Krisis  im  sozialen  Körper 
g^en  Ausgang  des  Mittelalters  mufste  überstanden  werden. 

Als  dritte  Folge  der  überhandnehmenden  kapitalistischen  Pro« 
doktionsweise  ergab  sich  ein  allgemeines  Sinken  des  Geldwertes  und  eine 
damit  eintretende  Teuerung ;  verschärft  wurde  diese  Bewegung  später 
noch  durch  Edelmetalleinfuhr  aus  Spanien,  mit  dem  England  in  regem 
Handelsyerkehr  stand.  Diese  grofsen  Vorgänge  im  wirtschaftlichen 
Leben  Tollzogen  sich,  wie  es  sich  verstehen  lälst,  nicht  in  Buhe;  ge- 
waltig war  die  Gährung  im  Volke;  zweimal  kam  die  Unzufriedenheit 
zum  offenen  Ausbruche:  ein  Aufstand  der  Bürger  Londons  richtete 
sich  1617  gegen  die  Fremden  in  dieser  Stadt,  denen  man  den  Verfall 
des  Handwerks  wegen  unbilliger  Konkurrenz  zuschrieb;  die  Empörung 
unter  Eduard  VI.  1649  darf  als  Agrarrevolution  bezeichnet  werden. 

Den  denkenden  Männern  gaben  die  geschilderten  Verhältnisse 
rdchlichen  Anlals  in  Wort  xmd  Schrift  nach  deren  Ursachen  zu  forschen 
und  Mittel  zur  Besserung  in  Vorschlag  zu  bringen. 

0  Schanz  a.  a.  O.  Seite  18. 


105 


Zweites  EapiteL 

Die  bonutztM  QueHsehriHBR. 


E«  darf  bei  BearteQmig  der  in  Frage  stehenden  Schriften  nicht 
Tergessen  werden,  daCs  die  theologisch -schohistische  Bichtnng  der 
Philasophie  nnd  der  Hnmanismos  zn  jener  Zeit  in  Fehde  lagen :  noch 
war  der  Si^  des  einen  oder  des  anderen  nicht  eDtschieden.  Scholastische 
Argumentation  nnd  antike  Betrachtungsweise  finden  sich  dement- 
sprechend, seltsam  oft,  rerqnickt. 

Das  Operieren  mit  Zahlen  ist  ein  schwerfalliges;  nicht  immer 
sind  die  behaupteten  Thatsachen  auch  nur  mit  annähernden  Zahlen« 
angaben  gestützt.  Die  aufgeführte  Begründung  greift  nicht  tief  genug, 
ist  oft  Terfehlt,  auch  wo  sie  nach  heutigem  Ermessen  leicht  wäre  zu 
finden  gewesen.  Dagegen  zeigt  sich  bereits  ein  richtiger  Einblick  in 
die  Wirkung  wirtschaftlicher  Mafsnahmen,  ihre  Wahl  ist  da  und  dort 
eine  glückliche,  so  da(s  man  an  eine  Verwirklichung  derselben 
denken  mag. 

Es  wird  sich  hernach  bestätigen,  inwiefern  diese  allgemeinen 
Gesichtspunkte  für  die  zu  Tage  geförderten  Ideen  Geltung  haben, 
zuvor  aber  eine  Besprechung  der  Schriften  selbst: 

L  The  Libell  of  Englishe  Policye  1436,  Verfasser  un- 
bekannt; Text  und  metrische  Übersetzung  von  Wilhelm  Hertzberg. 
Leipzig  1878. 

Die  politische  Lage  Englands  um  jene  Zeit  ist  bereits  gekenn- 
zeichnet. Als  deren  Folge  wurde  besonders  drückend  empfunden, 
dafs  der  Handel  nach  Flandern,  dem  Hauptabsatzmarkte  für  eng- 
lische BohstofTe,  namentlich  Wolle  unterbunden  war.  Inmitten  der  Not 
erhebt  sich  nun  ein  patriotisch  gesinnter  Mann  und  ruft  mit  Hinweis 
auf  die  natürlichen  Hilfsquellen  Englands  zu  erneuter  Thätigkeit  wach 
auf  einem  Gebiete,  das  längere  Zeit  hindurch  bereits  yemachlässigt 
sei.    Eines  nur,  so  wird  ausgeführt,  kann  dem  Vaterlande  Bettung 

106 


-     7     — 

in  seiner  Not  bringen,  das  ist  die  Herrschaft  über  den  Kanal.  Diesen 
zn  gewinnen  muTs  England  alle  Ejräfte  anspannen,  insbesondere  ist 
erforderlich  die  Errichtung  einer  staatlichen  Flotte;  beherrscht  Eng- 
land damit  den  Kanal,  so  hält  es  alle  Handel  treibenden  Nationen  in 
Schach ;  denn  alle  müssen  an  seinen  Küsten  vorüber,  alle  müssen  des- 
w^en  mit  England  Frieden  halten,  um  den  zu  ihrem  Gedeihen  not- 
wendigen Handel  ungestört  treiben  zu  können.  Besonders  aber  den 
Terbklsten  Flamändem,  diesen  ersten  Krämerseelen  der  Welt,  die  sich 
erst  ihre  Freundschaft  bezahlen  lielsen  und  schlieCslich  doch  abgefallen 
sind,  könne  auf  diese  Weise  der  grölste  Schaden  zugefügt  werden; 
sie  seien  in  erster  Linie  HandeLsTolk  und  für  ihre  Industrie  auf  Eng- 
lands Rohstoffe  angewiesen. 

Zur  Bekräftigung  der  Wahrheit  der  Yorgetragenen  Ausftihrungen 
werden  entsprechende  Daten  aus  der  yaterländischen  Oeschichte  angeführt. 
Das  in  kurzen  Zügen  Tendenz  und  Inhalt  des  Büchleins,  das  in 
eindringlichen  Worten   zu  den    Herzen  der  Engländer  redet.    Da- 
zwischen gestreut  in  die  AusfElhrung  findet  sich  manch  interessante 
Andeutung  zeitgemälser  ökonomischer  Anschauung.    Femer  darf  man 
das  Werk  eine  Hauptquelle  ffir  die  Kenntnis  der  Ausdehnung  des 
englischen  Handels  im  letzten  Jahrhundert  des  Mittelalters  in  räum- 
licher Beziehung  wie  für  die  Arten  der  gehandelten  Waaren  nennen. 
2.    On   Englands   Commercial    Policy   mit   dem    Motto 
Anglia   propter  tuas  naves   et  lanas  omnia  regna 
te  salutare    deberent,    zu    finden   in   Political   Poems    and 
Songs  relating  to  English  history  composed  during  the  period  firom 
the  accession   of  Edw.  DI.  to  that  of  Bic.  III.  Edited  by  Thomas 
Wright  London  1861,  Seite  282  bis  287.    Die  erste  Strophe  dieses 
Gedichtes,    das  aus  der  Zeit  Eduard  IV.  stammt,   ist  dem  Libell 
of  Englishe  Policye  entnommen.    Ohne  Zweifel  soll  damit   eine  Be- 
zugnahme   auf  dieses    für   jene    Zeit   bedeutende    litterarische    Er- 
zeugnis ausgesprochen  sein ;  eine  weitere  scheint  auch  noch  das  Motto 
za  enthalten :  Während  der  Libell  für  Handel  und  Schiffahrt  (naves) 
emtritt  mit  Rücksicht  auf  das  Gedeihen  des  Vaterlandes,   will  das 
Gedicht  die  produktive  und  soziale  Bedeutung  des  Gewerbes  für  Eng- 
land betonen,  unter  Hinweis  auf  vorhandene  Mängel   und  Hervor- 
hebung  der  bei  zweckentsprechender  Ausgestaltung  zu   erhofifenden 
Vorteile.    Das  Wort  naves  entbehrt  einer  Begründung  durch  den  In- 
halt des  Gedichtes,  während  die  so  gewonnene  Beziehung  zum  Libell 
es  selbst  um  so  wertvoller  erscheinen  läfst  als  eine,  wenn  auch  späteren 
Jahren  angehörende  Ergänzung  dieses  Werkes. 

107 


_    8     — 

3.  A  proper  dyalogue  betwene  a  Gentillman  and 
a  Husbandman  eche  complaynynge  to  otber  their  mise- 
rable calamite  trough  the  ambicion  of  the  clergye 
together  with  a  compeDdious  olde  treatyse,  sbewynge 
bowe  that  we  oaght  to  haye  te  Scripture  in  Englyshe. 
Written  by  a  Lollard  about  1450  A.  D.  Printed  by  Hans 
Luft  at  Marburg,  Hesse,  in  1630.  Edited  by  Edward  Arber,  London  1871. 
Der  eigentlicbe  Zweck  des  Werkes,  das  sich  als  Zwiegespräch 
zwischen  einem  Edebnann  und  einem  Bauersmann  darstellt,  ist  in  den 
einleitenden  Worten  klar  ausgedrückt:  ^) 

Awake  ye  gostely  persones,  awake,  awake 
Bothe  preste,  pope,  bissboppe  and  cardinall. 
Considre  wisely  what  wayes  that  ye  take 
Daungerously  beynge  lyke  to  have  a  fall. 
Eyery  where,  the  mischefe  of  you  all. 
Dazu  ist  zu  bemerken:   So  sehr  Heinrich  IV.  und  Y.  es  sich 
angelegen  sein  liefsen  auf  Betreiben  der  Geistb'chkeit  und  des  Adels 
die  Lollarden  zu  verfolgen,  ganz  und  gar  konnte  die  religiöse  Be- 
wegung doch  nicht  xinterdrückt  werden;   die  Lehren  eines  Wyclifife 
und  OldecasÜe   blieben  in   einem  Teile  des  Volkes  lebendig.    Die 
Schwachheit  der  Regierung  und  das  Emporkommen  des  Hikuses  York 
gestattete  den  Lollarden  wieder  kühner  aufzutreten. 

Als  die  Betrachtung  nun  eines  dieser  Lehre  zugethanen  Mannes 
ist  der  Dialog  anzusehen. 

Mit  der  völligen  Besiegung  Englands  auf  dem  Festlande  und 
dem  Beginne  der  inneren  Zerwürfiusse  hatte  auch  die  wirthschaft- 
liche  Not  eine  ziemliche  Höhe  erreicht;  nur  die  Geistlichkeit,  dank 
ihrer  unermefslichen  Besitzungen,  Beichtümer  und  Privilegien  schien 
vom  lastenden  Druck  unberührt  zu  bleiben.  Dies  erregte  vielfach 
das  Mifsvergnügen  des  Volkes,  zumal  nicht  immer  auf  dem  besten 
Wege  die  Geistlichkeit  in  den  Besitz  ihrer  Schätze  gelangt  sein 
mochte^)  und  wohl  auch  die  Benutzung  da  und  dort  dem  Ansehen 
des  geistlichen  Standes  wenig  entsprechend  war;  wenigstens  wird  im 
Zwiegespräch  dies  als  Thatsache  wiederholt  betont.  *) 

Die  in  Erwägung  kommenden  Ausführungen  gehen  nun  dahin: 
Die  wirtschaftliche  Notlage  in  England,  besonders  die  Teuerung  sei 
einzig  zurückzuführen  auf  den  bei  der  Geistlichkeit  vereinigten  Keich- 

1)  Seite  199. 

*)  Seite  184,  187. 

>)  s.  B.  Seite  184,  lß6. 

108 


—     9    — 

tum  an  Liegenschaften ;  dagegen  inttsse  Abhilfe  gewährt  werden :  Der 
Beichtom  des  Klerus  sei  zu  beschränken,  die  leitenden  Grundsätze 
in  der  Staatsyerwaltung  müfsten  andere  werden,  die  weltliche  Macht 
den  weltlichen  Herren,  die  Einmischung  der  Geistlichkeit  sei  gänzlich  Yon 
der  Hand  zu  weisen,  keine  geistlichen  Waffen  im  Kampfe  um  Weltliches. 

4.  Thomas  Morus,  Libellus  yere  aureusnec  minus 
salutaris  quam  festiyus  de  optimo  rei  publicae  statu 
deque  noTa  insula  Utopia  1516.^) 

Das  Werk  ist  bekannt ;  es  zerfallt  in  zwei  Teile,  der  erste  ist  eine 
Kritik  der  herrschenden  Zustände  in  England ;  der  zweite  enthält  den 
Aufbau  eines  Staatengebildes  beruhend  auf  vollständigem  Kommimismus 
und  dem  Grundsatze  der  Gleichheit  yerbunden  mit  Arbeitsorganisation ; 
die  in  Anwendung ,  gebrachte  Lebensphilosophie  ist  eine  eudaimo« 
nistische  (Röscher).  Die  Sprache  ist  edel  und  geschmackvoll,  die 
Erzählung  anmutig.  Der  Inhalt  hebt  sich  über  den  Bahmen  einer 
Besprechung  wirtschaftlicher  Fragen  hinaus  und  berührt  ebenso  das 
Gebiet  der  Philosophie  wie  des  Staatsrechts. 

5.  Rede  me  and  be  nott  wrothe,  for  I  saye  no  thinge 
but  trothe.  Written  by  William  Roy  and  Jerome  Bar- 
lowe,  English  Observant  Franciscan  Friars.  Printed  by 
John  Schott  at  Strassburg  in  1628.  Edited  by  Edward  Arber,London  187 1, 

Die  Verfolgungen  des  Kardinals  Wolsey  gegen  die  reformato- 
rischen Bestrebungen  in  England  vertrieben  zwei  Franziskaner,  William 
Boy  und  Jerome  Barlowe  aus  England ;  sie  flüchteten  nach  Deutsch« 
land  und  gelangten  schliefslich  nach  Strafsburg,  wo  die  neue  Lehre 
bereits  die  vollständige  Herrschaft  gewonnen  hatte.  Auf  die  Nach- 
richt nun  aus  England,  es  sei  auf  Befehl  des  Kardinals  im  Jahre 
1536  eine  Übersetzung  des  neuen  Testaments  öffentlich  verbrannt 
worden,  richteten  die  beiden  von  Strafsburg  aus  vorliegende  Satire 
gegen  Wolsey  und  dessen  Begiment.  Die  Worte  sind  in  ein  Zwie- 
gespräch gekleidet  zwischen  zwei  Dienerinnen  eines  Priesters,  welche 
ihren  Herrn  über  die  allenthalben  drohend  bevorstehende  Abschaf- 
fang  der  Messe  klagen  hören.  Die  Sprache  mufs  eine  sehr  scharfe 
genannt  werden;  es  mag  dahingestellt  bleiben,  ob  die  Ankündigung, 
die  reine  Wahrheit  zu  sagen,  stets  eingehalten  wird. 

Den  Hauptinhalt  der  Satire  bilden  Ausfälle  gegen  die  Lehre  der 
kathoUsdien  Kirche  überhaupt,  dann  besonders  gegen  das  Kirchen- 


')  Ich  dtiere  naoh  der  Hamburger  bei  J.  O.  Trautold  1759  ertohienenen 

Anigabe. 


109 


—     10    — 

regiment  in  England,  wobei  Wolsey  sehr  schlecht  tährt.  Daneben 
sind  die  sozialen  und  wirtschaftlichen  Schäden  betont,  die  aus  der- 
artigem Zustande  hervorgegangen :  Benachteiligung  des  Gemeinwesens 
durch  die  ausgebreiteten  Besitzungen  der  toten  Hand,  sowie  Gemein- 
gefährlichkeit der  Bettelorden  und  Klöster. 

6.  Ein  höchst  interessantes  Buch,  aus  der  gleichen  Zeit  etwa, 
ist  geschrieben  von  dem  Kaplane  König  Heinrichs  Vül.  England 
in  the  reign  of  king  Henry  the  Eighth.  A  Dialogue 
between  cardinal  Pole  and  Thomas  Lupset,  lecturer 
in  rhetoric  at  Oxford.  By  Thomas  Starkey  chaplain  to 
the  king.    Edited  by  J.  M.  Oowper  1871. 

Starkey  läfst  den  ihm  persönlich  nahe  stehenden  Kardinal  Sir 
Reginald  Pole,  seiner  Gesinnung  nach,  wie  aus  dem  "Werke  hervor- 
geht, ein  Mann  von  gemäfsigt  katholischer  Richtung,  im  Zwiegespräch 
mit  seinem  Freunde  Thomas  Lupset  die  vorhandenen  Mifsstände  in 
England  berühren  imd  nach  Heilmitteln  dafür  Umschau  halten.  Der 
vorliegende  Zwecke  eigentlich  berührenden  Darstellung  geht  eine 
Abhandlung  vorauf  über  das  Wesen  eines  Idealstaates;  bedeutend 
erscheint  diese  deshalb  besonders,  weil  sie  Vergleiche  mit  Monis 
Utopia  zuläfst.  Pole  bleibt  auf  den  vorhandenen  privatrechtlichen 
Grundlagen  stehen.  Den  staatsrechtlichen  Aufbau  denkt  er  sich  in 
freier,  republikanisch -demokratischer  Weise,  antike,  im  einzelnen 
römische  Vorbilder  vor  Augen  habend. 

Die  Erwägung  der  herrschenden  Mifsstände  ist  eine  mafsvoUe 
imd  wahrheitsgemäfse ;  die  Rettung  wird  in  der  genannten  staats- 
rechtlichen Grundlage  des  wirtschaftlichen  Gemeinwesens  imd  in  ge- 
mäfsigter  Arbeitsorganisation  erblickt. 

7.  Drei  volkswirtschaftliche  Denkschriften  aus 
der  Zeit  Heinrichs  VIII.  von  England,  zum  erstenmal 
herausgegeben  von  Reinhold  Pauli.    Göttingen  1878. 

a)  A  Treatise  concerninge  the  Staple  and  the  Conmiodities  of 
this  Realme.  Dazu  Clement  Armestrong's  Sermons  and  Declaracions 
agaynst  Popish  Ceremonies. 

b)  How  to  reforme  the  Realme  in  settyng  them  to  worke  and  to 
restore  Tillage.^) 

c)  How  the  Comen  People  may  be  set  to  worke  an  Order  of  a 
Comen  Welth. 


')  Über  die  Frage,  in  welche  Zeit  dieses  Memorandam  zu  setzen  ist,  vergl. 
G.  Schanz  Literarisches  Centralblatt  1879  Nr.  4  Seite  118. 

110 


—   11   — 

Bezüglich  des  Ideenganges  dieser  Schriften  darf  auf  das  bei 
Pauli  Gresagte  yerwiesen  werden.  Hervorgehoben  soll  sein^  dafii  sie 
sämtiich  für  Handelsbeschränkung  zu  Gunsten  des  Ackerbaues  und 
Gewerbes  eintreten. 

8.  Henry  Brinklow's  Complaynt  of  Koderyck  Mors, 
Bomtyme  a  gray  fryre,  unto  the  parliament  howse  of 
England  bis  natural  cuntry:  For  the  redresse  of  certen 
wicked  lawesy  evel  customs,  and  cruel  decreys.  (About 
1542.)  Edited  by  J.  M.  Cowper.  London.  Published  for  the  Early 
English  Text  Society  1874. 

Die  Ho&ungen,  welche  die  Anhänger  einer  kirchlichen  Be- 
fonnation  im  Sinne  etwa  Luthers  gehabt  hatten,  zurückgreifend  dabei 
auf  die  alte  Bewegung  der  Gemüter  aus  den  Tagen  Wycliffes,  waren 
mit  der  Errichtung  der  englischen  Staatsldrche  durch  Heinrich  YIII. 
scheinbar  vernichtet.  Es  kehrte  dieser  Fürst  seine  Verfolgungen  so- 
wohl gegen  die  Anhänger  des  Papismus,  wie  gegen  die  der  neuen 
Lehre.  Die  Letzteren  hatten  von  einer  in  ihrem  Sinne  durchge« 
führten  Reformation  nicht  nur  eine  Besserung  der  kirchlichen  Ver- 
hältnisse in  England  erwartet,  sondern  auch  auf  sozialem  und  wirt- 
schaftlichem Gebiete  glaubten  sie  damit  dauernd  Gutes  erzielen  zu 
können.  Sie  erstrebten  gemeinnützige  Verwendung  der  Reichtümer 
der  Kirche  und  Beeinflussung  der  Gemüter  im  Geiste  des  Eyangeliums 
in  der  Weise,  dafs  die  Nächstenliebe  beim  wirtschaftlichen  Handeln 
gegenüber  dem  Egoismus  stärker  zum  Zuge  kommen,  die  sittliche 
Kraft  des  Volkes  eine  Steigerung  erfahren  sollte. 

Zu  den  Männern,  welche  für  derartige  Ideale  geschwärmt  und 
gekämpft  hatten,  gehört  auch  Heinrich  Brinklow.  Zur  Zeit  der  Ab- 
fassung seiner  Weheklagen  über  England  stand  er  am  Abend  seines 
Lebens,  alle  seine  Pläne  waren  gescheitert:  auf  kirchlichem  Gebiete 
rnduldsamkeit  und  Verfolgung,  mindestens  eher  ein  Hinneigen  zum 
Katholizismus  als  zur  neuen  Lehre,  auf  sozialem  Gebiete  Not  und 
Massenelend,  daneben  Luxus  und  Ausschweifung  der  Wohlhabenden. 
Die  niedergelegten  Anschauungen  sind  düster,  es  spricht  ein  verbitterter 
Mann. 

I  meane  the  comynaltye  is  so  oppressed  and  overyocked  as  fewe 
reamys  imder  the  sonne  be,  by  wicked  laws,  cruel  tyrannes  which  be 
extorcionars,  and  oppresors  of  the  common  welth.  ^) 

We  remayne  also  and  contynue  styl  in  a  perpetual  bondage  and 
Spiritual  captivtye,*) 

^)  Seite  78. 

111 


--     12    — 

Lei  all  thing  be  reformed  and  sei  fortb  by  the  tocb  stone  irbich 
is  Godds  wordJ) 

In  dieser  Weise  läfst  sieb  Brinklow  gegen  Scblufs  seiner  Scbrift 
ans.  Die  bauptsäcblicbsten  wirtscbaftlicben  Mifsstände,  die  er  kenn- 
zeicbnet,  sind  die  brennenden  Tagesfragen  zur  Zeit  Heinricbs  YH!., 
welcbe  des  öfteren  scbon,  aber  vergebens  selbst  die  gesetzgebende 
G-ewalt  in  Thätigkeit  gebracht  hatten:  Die  Einhegungen,  die  Stei- 
gerung des  Pachtschillings,  daraus  hervorgehende  Teuerung,  hohe 
Eingangszölle  trotz  dieser,  verkehrte  Aufteilung  des  Kirchengutes  u.  a.  m. 

Von  demselben  YerÜEkSser  ist  noch  eine  Schrift  aus  dem  Jahre  1645 
vorhanden:  (erschienen  in  derselben  Sammlung  wie  a  Complaint) 
The  Lamentacyon  of  a  Christen  agaynst  the  Cytye  of 
London  for  some  certayne  greate  vyces  used  therin. 

Es  ist  Brinklow  ein  Dom  im  Auge,  dafs  die  Bürger  der  Stadt 
London  zur  papistischen  Partei  halten.  Er  legt  ihnen  die  Mängel 
besonders  in  der  Verwaltung  der  Stadt  klar  und  sieht  die  Ursachen 
derselben  in  dem  wenig  christlichen  Geist  der  Bewohner,  die  ihre 
Mitbrüder  in  Armut  in  den  StraJben  umkommen  lassen,  während  sie 
selbst  im  Reichtum  schwelgen;  an  dieser  Gesinnung  trage  vielfach 
der  Klerus  schuld ,  da  er  ein  schlechtes  Beispiel  gebe ;  sein  B.eichtam 
sei  im  Interesse  des  Volkes  zu  verwenden. 

9.  Ein  anderer  Mann  des  Evangeliums,  der  von  der  E^anzel  herab 
auf  die  bestehenden  mifslichen  Verhältnisse  hinweist  und  Besserung 
fordert,  ist  Sir  Hugh  Latimer. 

Er  hat  den  plötzlichen  Sieg  seiner  Lehre  unter  König  Eduard  VI. 
erlebt  und  will  nun  die  für  das  soziale  Zusammenleben  gehegten 
Ho&ungen  in  Erfüllung  gehen  sehen.  Seinen  diesbezüglichen  Ge- 
danken geben  seine  Beden  einen  bewegten  Ausdruck.  Es  kommen 
in  Betracht: 

Seven  Sermons  before  Edward  VI.  on  each  Friday 
in  Lent  1649  und 

Sermon    on   the   Ploughers   18.   January   1649.*) 

Latimer  ist  es  in  erster  Linie  um  Herleitung  der  Grundsätze 
einer  guten  Begierung  aus  der  heiligen  Schrift  zu  thun.  Bei  An- 
wendung des  Gefundenen  auf  die  Gegenwart  ist  dann  die  Kritik  der- 
selben selbstverständlich. 

10.  A  Supplication  of  the  Poore  Oommons  1646  in 


>)  Seite  74. 

^  Benatzt  nnd  die  Ausgaben  von  E.  Arber  London  1868  u.  1869. 

113 


—     13    — 

FoQr  Supplications  published  for  the  Early  English  Text  Society 
London  1871. 

Die  Supplikation  nimmt  Bezug  auf  eine  dem  Könige  früher  (1529) 
überreiclite  Supplication  for  the  beggars  und  geht  nochmals  ausfuhrlich 
anf  den  Inhalt  derselben  ein :  Der  Klerus  sei  die  Ursache  der  herrschen- 
den Armut  Der  König  habe  nun  aber  die  Macht  des  ESerus  gebrochen, 
dessen  Reichtum  an  sich  genommen.  Die  Notleidenden  indes  hätten 
Tei^ebens  gehofft,  derselbe  werde  ihnen  in  irgend  einer  Form  zuflielBen, 
üir  Loos  sei  im  Gegenteil  ein  schlimmeres  geworden,  indem  eine  neue 
Art  Ton  Peinigem  sich  erhob,  die  extorsioners.  Zum  Opfer  fielen 
den  Umtrieben  derselben  die  conmions,  d.  h.  die  ländlichen  Gemeinden, 
welche  sich  aus  der  Besiedelung  der  Herrenhöfe  mit  einer  Art  von 
Pächtern  ^)  herausgebildet  hätten.  Der  Kampf  tobe  am  heftigsten  da, 
wo  die  eingezogenen  Abbey  lands  in  die  Hände  von  Privaten  ge- 
kommen seien. 

An  Bedeutung  gewinnt  diese  ganze  Mitteilung  dadurch ,  dafs  die 
hierbei  Ton  Seiten  des  Grolsgrundbesitzes  eingehaltene  Taktik  ent- 
sprechend zergliedert  wird. 

11.  Derselben  Sammlung,  aus  dem  das  yorhergehende  Werk  stammt, 
ist  auch  entnommen : 

Certayne  causes  gathered  together  wherin  isshewed 
the  decay  of  England,  only  by  the  great  multitude  of 
shepe,  to  the  utter  decay  of  houshold  keping,  maynte- 
nance  of  men,  dearth  of  corne,  and  the  other  notable 
dyscommodityes  approyed  by  syxe  olde  proYerbes. 
1550—1653.  To  the  kynges  moste  honorable  Counsell  and  the  Lordes 
of  the  Parlyament  house. 

Den  Inhalt  der  kurzen  Abhandlung  gibt  die  langatmige  Über- 
schrift zu  erkennen ,  sie  enthält  eine  Aufzählung  all  der  schlimmen 
Folgen,  welche  das  bereits  herrschend  gewordene  System  der  Feld- 
graswirtschaft im  Gegensatz  zum  Körnerbau  mit  sich  gebracht  habe: 
Teuerung  allenthalben  und  für  jeden  Stand  fühlbar.  Der  Staat 
selbst  sei  in  Mitleidenschaft  gezogen,  die  Wehrkraft  gemindert,  der 
Wohlstand  verschwunden,  die  Bevölkerungszahl  zurückgegangen.   — 

Ilach  flüchtiger  Zeichnung  des  Ausgangspunktes  und  der  leiten- 
den Absicht  bei  den  einzelnen  Schriften  mögen  die  darin  geschilderten 
Thatsachen  wirtschaftlicher  Natur  und  die  hieran  geknüpften  Er- 
örterungen, unter  gewissen  Gesichtspunkten  geordnet,  selbst  sprechen. 

^)  S.  nächstes  Kapitel  um  Anfang. 

11$ 


Drittes   Kapitel. 

Landwirtschaft. 


Es  ist  mehrfach  bereits  angedeutet,  in  welch  mifslicher  Lage  sich 
die  Landwirtschaft  Englands  um  die  Wende  des  Mittelalters  befand; 
es  nahm  mit  Beginn  etwa  des  15.  Jahrhunderts  jene  Bewegung  der 
Umwandlung  der  Körnerwirtschaft  in  die  Feldgraswirtschaft  ihren 
Anfang,  die  mit  dem  heutigen  Tage  noch  nicht  zur  Ruhe  gekommen 
ist.  ^)  Ein  näheres  Eingehen  nun  auf  dieselbe  erfordert  einen  Biick- 
blick  auf  die  Besitzyerhältnisse  an  Grund  und  Boden  in  England  in 
deren  geschichtlicher  Entwickelung.  ^ 

Die  Sachsen  brachten  in  das  eroberte  Land  die  heimische  Ge- 
wohnheit  mit  sich,  soweit  sie  dasselbe  ii^  Besitz  nahmen.  Ein  Teil 
des  Ackers  unterlag  der  Bewirtschaftung  im  Verbände  der  Mark- 
genossen (folkland),  der  andere  Teil  dagegen  blieb  zunächst  öde  liegen. 
Aus  dem  folkland  wurde  mit  der  Christianisierung  ein  Besitztum 
für  die  Kirche  ausgeschieden  (bocland).  Innerhalb  des  den  Mark- 
genossen verbleibenden  Teiles  an  Grund  und  Boden  entwickelte 
sich  allmählich  das  FriTateigentum.  Entweder  nun  blieben  hierbei 
die  neuen  Grundeigentümer  gleichberechtigt  einander  gegenüber 
stehen,  jetzt  freemen ,  früher  markmen  in  the  yillage  Community  ge- 
nannt,  oder  aber  es  gewann  ein  einzelner  wirtschaftliches  und  mit 
der  Feudalisierung  des  Landes  seit  der  Dänenzeit  auch  politisches 
Übergewicht  9  es  bildete  sich  der  Fronhof  (the  manorial  group).   Die 


>)  Siehe  Allgemeine  Zeitung  Kr.  806/1891. 

")  W.  Gunnigham,  the  growÜi  of  Engliah  indostry  and  oommerce.  London 
1882  Seite  46  ff. 


lU 


—     15    — 

TOD  diesem  AbhäDgigen,  mit  dem  GattuDgsnamen  tenants  umfalst, 
gliederten  sich  in  free  tenants  ^  boors,  cotters  und  serfs,  je  nach  dem 
Mafse  der  Berechtigang  am  Boden  und  dem  Umfang  der  zustehenden 
persönlichen  Freiheit.  ^)  Die  Abhängigkeit  fand  in  der  Yeipflichtung 
ZOT  Dienstleistung  ihren  Ausdruck. 

ParaUel  dieser  Entwickelung  lief  eine  zweite:  es  erwuchs  ein 
freier  Besitz  durch  Kolonisation  des  öden  Landes. 

Die  geschilderten  Verhältnisse  wurden  durch  die  Eroberung  der 
liormannen  weiter  zunächst  nicht  berührt.  In  der  späteren  Nor- 
m&Dnenzeit  wurde  es  jedoch  üblich,  dafs  der  Lord,  der  Grundherr^ 
Ton  seinen  Grundholden  sich  eine  Beute  bezahlen  lieJB,  als  deren  Ent- 
gelt die  Befreiung  von  den  persönlichen  Dienstleistungen  folgte.  Die 
tenants  konnten  nunmehr  ihre  Arbeit  dem  Grund,  auf  dem  sie  safsen, 
widmen,  und  damit  entstand  eine  Menge  kleiner  und  mittlerer  bäuer- 
licher Existenzen. 

Innerhalb  des  Herrenhofes  darf  man  seitdem  ein  dreifaches  Ge- 
biet unterscheiden:  das  des  Lords,  das  der  Hintersassen  und  ein 
Gemeinland ,  im'  Eigentum  des  Lords  stehend ,  jedoch  belastet  mit 
Dienstbarkeiten  aller  Art  zu  gunsten  der  Hintersassen. 

Diese  letzteren  nun  sind  es  zunächst,  welche  von  der  um  sich 
greifenden  Bewegung  fortgerissen  wurden  und  verschwanden. 

Über  Ursache  und  Wirkung  dieses  Vorganges,  der  in  die  dar- 
zustellende 2ieit  fallt,  sowie  Anschauungen  über  Landwirtschaft 
überhaupt  im  folgenden  des  Näheren. 

A  Treatise  *)  berichtet  im  Eingange,  unter  König  Eduard  IV. 
sei  die  Zahl  der  Kaiifleute  stark  gewachsen;  die  produzierte  Wolle 
habe  nicht  mehr  hingereicht,  die  Nachfrage  zu  befriedigen ;  die  da- 
durch heryorgerufene  Wollpreissteigerung  habe  Veranlassung  zur 
Ausdehnung  der  Schafrucht  gegeben. 

A  proper  dyalogue  ®)  führt  aus ,  der  Klerus  besitze  unermefs- 
lichen  Beichtum  an  Grund  und  Boden,  die  Hälfte  des  Königreiches 
habe  er  an  sich  gebracht,  mit  unlauteren  Mitteln  oft;')  dieser  Zu- 
stand werde  unerträglich  durch  die  Art  der  Bewirtschaftung:  der 
Klerus  lege  die  Farmen  zusammen,  bilde  aus  zwei,  drei,  ja  sogar 
sechs  eine  einzige,  der  so  vereinigte  Boden  diene  der  Weide,  werde 
durch  Wälle  umschlossen ;  yiele  Familien  kämen  dadurch  ins  Elend, 


')   Gunningbam  a.  a.  0.  Seite  54  n.  66. 

*)  Seite  15.   Der  Kürze  halber  seien  die  einzeUien  Qaellschriften  künftighin 
nur  mit  den  Anfangsworten  des  Titels  genannt. 
•)  Seite  136,  189. 

116 


—     16     — 

allgemeine  Teuerung  sei  eingetreten.  Zwei  Mittel  gebe  ^^  um  Heilung 
zu  bringen.  Der  Klerus  müsse  expropriiert  werden;  das  sei  kein 
Raub  am  Kirchengut,  sondern  Rückgabe  mit  Unrecht  genommener 
Habe;  zum  anderen  dürften  Ijandschenkungen  an  den  Klerus  nicht 
mehr  gemacht  werden,  namentlich  nicht  letzwillige;  etwas  Derartiges 
sei  nicht  nur  ein  Frevel  gegen  die  Allgemeinheit,  sondern  auch  noch 
besonders  gegen  die  Erben.  ^) 

Aus  dieser  Darstellung  ist  ersichtlich,  dafs  die  Einhegungen 
und  die  Weidewirtschaft  bereits  um  1450  vorhanden  und  auch 
die  Folgen  des  wechselnden  wirtschaftlichen  Systems  empfindlich  zu 
verspüren  waren. 

Mit  dieser  quellenmäfsigen  Bestätigimg  der  Thatsache,  „dafs 
jedenfalls  schon  um  die  Mitte  des  15.  Jahrhunderts  die  Einhegungen 
stattfanden^,  welche  Ochenkowski  in  seinem  Werke  „Englands  wirt- 
schaftliche Entwickelung  gegen  Ausgang  des  Mittelalters^  ")  als  noch 
nicht  erbracht  bedauernd  vermifst , ')  findet  auch  die  von  Ochen- 
kowski ausgesprochene  Ansicht  eine  Bekräftigung  ^),  dafs  in  England 
das  Aufkommen  der  Weidewirtschaft  aus  dem  Druck  des  Arbeits- 
und Kapitalmangels  auf  Kosten  des  Ackerbaues  sich  erklärt,  die 
plötzliche  Wollpreissteigerung  als  tiefere  Ursache  für  diesen  Vor- 
gang nicht  zu  betrachten  sei;  „die  hohen  Wollpreise  konnten  ohne 
Zweifel  den  bereits  vorhandenen  Trieb  rege  halten  und  ihn  in  der 
angebahnten  Richtimg  sogar  bestärken;  sonst  aber  nichts  mehr". 
In  einer  Bestätigung  des  letzt  angeführten  Satzes  dürfte  nunmehr 
die  Bedeutung  der  Darstellung  in  a  treatise  zu  suchen  sein.  ^) 

Morus  schildert  mit  ergreifenden  Worten  das  Elend,  welches 
die  Umwälzimg  im  Gefolge  hatte:  •)  „die  vornehmste  Ursache  des 
öffentlichen  Elends  besteht  in  der  übermäfsigen  Anzahl  von  Edlen, 
die  sich  gleich  müssigen  Hornissen  von  ihres  Nächsten  Schweifs  und 
Arbeit  nähren  und  die  ihre  Ländereien  bebauen  lassen,  indem  sie, 
um  ihre  Einkünfte  zu  vermehren,  ihre  Pächter  bis  aufs  Blut  aus- 
saugen ;  eine  andere  Ökonomie  kennen  sie  nicht  ....  so  umzieht  ^ 
ein   habsüchtiger  Nimmersatt  mehrere  tausend  Morgen  Landes  mit 


*)  Seite  184. 

')  Verlag  von  Quatay  Fischer,  Jena  1879. 

*)  Seite  85  a.  a.  0. 

*)  Seite  88  a.  a.  0. 

*)  Vergleiche  mit  diesem  Ergebnis  die  Ansicht  Cnnninghams  Seite  SB6  a.  a.  O* 

•)  Seite  aOff. 

^  Seite  Sl. 

116 


—    17    — 

einer  einzigen  Bingmaiier;  rechtBcliaffene  Landleute  werden  aus  ihren 
HäuMiii  Terjagty  die  einen  durch  Betrag,  die  andern  dtir<^  Gewalt/ 
die  glücklichsten  dnrch  eine  Kettenreihe  Ton  Bedrückungen  und- 
Plackereien,  wodurch  de  gezwungen  werden  ihre  Besitztümer  zu  ver- 
kaufen  ....  ein  einziger  Schaf-  oder  Kuhhirt  genügt  jetzt,  um 
Landereien  abweiden  zu  lassen,  deren  Bestellung  früher  mehrere 
hundert  Arme  erheiBdite.^  — 

Die  Möglichkeit  der  Besserung  wird  Ton  der  Wiederh^-stellung 
des  früheren  Zustandes  abhängig  gemacht;  diese  soll  erfolgen  durch 
Zwang  g^en  die  Yomehmen  Zerstörer ;  „sie  sollen  die  Meierhöfe  und 
Dörfer,  wdche  sie  niedergerissen,  wieder  aufbauen  oder  wenigstens 
den  Boden  an  solche  abtreten,  die  über  den  Ruinen  wieder  aufbauen 
wollen.«  0 

Wirtschaftlich  wird  der  Ackerbau  als  in  erster  Linie  produktiv 
angesehen,  seine  Hauptbedeutung  ia  der  Ernährung  des  Volk^  durch 
ihn  erblickt.  Jedermann  in  Utopien  muis  den  Ackerbau  erlernen 
md  ausüben.  *)  Die  Menge  der  landwirtschaftlichen  Produktion  ist 
Torausbestimmt  nach  dem  jeweiligen  Bedarf,  jedoch  wird  auch  noch 
für  die  Zukunft ,  für  schlechte  Emtejahre  gearbeitet,  ^  und  schliefs- 
lich  in  beschränktem  Maise  für  den  Aufisenmarkt.  *) 

Man  sieht,  es  ist  Morus  weder  mit  dem  herrschenden  Pachtsystem, 
nodi  mit  der  Bewirtschaftungsart  zufrieden.    Dem  Grund  und  Boden 
gehört  nach  ihm  die  Arbeit  des  Eigentümers ;  das  Pachtsystem  führe 
zu  Willkürlichkeit  in  der  Preisfestsetzung  und  damit  zur  Teuerung; 
damit   sei  aber  die  natürliche  Produktionsweise  unterbunden.    Diese 
daaeht  Moms  die  K&nerwirtsdiaft  zu  sein ;  erst,  wenn  die  Kachfrage 
hienuM^  gedeckt  erscheine,  sei  die  Viehzucht  am  Platze,  ebenso  sehr 
dann  im  Interesse  der  unmittelbaren  Volksemährung  wie  des  Gewerbes, 
dem  sie  Häute  und  Wolle  liefere.    Auch  nach  dieser  Riditung  nu 
habe  das  herrschende  System  Terderblich  gewirkt.  *)    „Für  die  Ver- 
mehrung der  übrigen  Tiergattungen  ist  nicht  entsprediend  gesorgt 
worden.    Seit  der  Verminderung  der  Meierhölis  und  dem  Buin  des 
Ackerbaues  aber  sind  diese   dementsprechend  im  Preise  gestiegen, 
und  steht  infolge  dessen  eine  aUgemeiue  Kalamität  für  das  ganze 
Volk  drohend  bevor.*' 


>)  Seite  SS. 
*)  Seite  69. 
*)  Seite  68. 
«)  Seite  88. 
*)  Seite  92. 

StMtowliMiiacluilll.  Stadien.  T.  ...  S 

9 


—     18    — 

Die  Anschauungen  der  IJtopia  über  Landwirtschaft,  namentlich 
über  möglichst  grofse  Ausdehnung  der  Kömerproduktion  enthalt  auch 
a  Treatise  mit  unter  anderem  folgender  merkwürdigen  Begründung :  ^) 

„Es  muls  der  Eömerfiruchtbau  als  die  einzige  nach  Qottes  Wort 
erlaubte  Ausbeute  des  Bodens  angesehen  werden;  eine  andere  Art 
denselben  zu  benützen,  heifst  ihn  zur  Trägheit  verdammen,  wie  es 
eben  Ton  den  Gmndherren  geschieht.  Ein  derartiges  Gebahren  wider- 
streitet der  Ordnung  Gottes;  er  hat  in  seiner  Allmacht  von  yom- 
herein  bestimmt,  dafs  ein  gewisses  Mafs  von  Wollproduktion  in  Eng- 
land vorhanden  sein  soU,  *)  ein  Darüberhinausgehen  ist  nur  von  Un* 
glücL  Ein  Beweis  für  die  Bichtigkeit  dieser  Anschauung  ist  darin 
zu  erblicken,  dafs  die  Feinheit  der  englischen  Wolle  gerade  durch 
die  gewaltige  Ausdehnung  der  Schafzucht  nachgelassen  hat ;  die  Tiere 
kamen  oft  auf  nicht  zusagenden,  namentlich  zu  fetten  Boden,  Seuchen 
rissen  ein  und  dezimirten  die  Heerden^.  *) 

Aus  dieser  Anschauung  über  Leistungsfähigkeit  von  Grund  imd 
Boden  und  gestatteten  Umfang  der  landwirtschaftlichen  Produktion 
in  ihren  verschiedenen  Zweigen  spricht  ein  gutes  Stück  christlichen 
Fatalismus,  wie  er  dem  Mittelalter  eigen  ist  in  Vernachlässigung 
weltlicher  Dinge,  da  hierfür  von  höherer  Hand  eine  absolut  bindende 
Ordnung  vorgezeichnet  sei.  Die  weitere  Folgerung  aus  derartigen 
Ideen  ftihrt  zur  Verneinung  des  Fortschrittes  in  der  technischen 
Ausgestaltung  der  Produktion. 

Die  thatsächlichen  bestehenden  Verhaltnisse  mögen  im  vor* 
liegenden  Falle  den  Untergrund  für  die  ausgesprochene  Ansicht 
bilden.  Es  ist  eben  der  Landwirtschaft  und  gerade  dem  Ackerbau 
in  England  während  des  Mittelalters  nicht  gelungen  vorwärts  zu 
k(mimen,  ")  daher  dann,  entsprechend  dem  Geiste  der  Zeit,  die  Idee 
einer  von  Gott  der  Produktion  für  ewig  gesetzten  Schranke. 

Starkey  äuisert  sich  bei  Besprechung  der  herrschenden  Armut 
in  England  gleichfalls  über  die  Erscheinung  des  enclosing  lands,  je- 
doch nicht  in  einem  derartig  schroff  abweisenden  Tone,  wie  die  bis» 
her  vernommenen  Stimmen.  Er  meint,  ^)  an  und  fllr  sich  im  Inter^se 
der  Schafisucht  bedeuten  die  Einhegungen  nur  einen  Fortschritt,  des- 
gleichen vom  Standpunkt  der  Volksemährung  aus;  es  wird  viel 
mehr  Fleisch  gegen    sonst    erzeugt.     Zu    beklagen   dagegen   bleibt,. 

0  Seite  15. 

*)  Seite  S4,  86,  S8. 

*)  Yergl.  Ooheiikowiki  a.  a.  0. 

«)  Seite  67ff: 

118- 


—    19    — 

dafs  auch  der  fette  und  gute  Boden  mit  eingeschlossen  wird;  er  be« 
kommt  den  Schafen  nicht  gut  und  ist  dem  Pfluge  entzogen. 

Fesseln  für  den  Aufschwung  der  Landwirtschaft  Englands  sind, 
Ton  den  Einhegungen  abgesehen,  andere  genug  vorhanden.  Als 
solche  werden  vor  allem  bezeichnet  Gebundenheit  des  Bodens,  Grofs* 
gnmdbesitz,  Eingreifen  des  Kapitals  in  die  Wirtschaft. 

,,Ein  Hemmnis  für  eine  entsprechend  vorschreitende  Technik 
und  damit  für  erhöhte  Produktion  ist  die  Gebundenheit  des  Landes 
durch  die  zahlreichen  Fideikommisse.^)  Man  mag  den  Vorteil  derselben 
for  die  grofsen  Adelsfamilieu  anerkennen/  keioesfalls  ist  diese  Zu- 
sammenhaltnng  des  Besitzes  bei  den  kleineren  Leuten  am  Platze: 
der  Erbe,  sicher  ein  bestimmtes  Gut  zu  bekommen,  wird  sich  nicht 
besonders  anstrengen  etwas  zu  lernen,  vielmehr  des  öfteren  im  Hin- 
blick auf  das  Erbe  verschwenderisch  leben,  später  aber  ist  er  dann 
der  Arbeit  und  damit  dem  Fortschritt  abgeneigt.^ 

„Als  ein  XJbel  mufs  es  betrachtet  werden,  dau  der  Grund  sich 
in  der  Hand  weniger  und  reicher  Leute  vereinigt.  Die  Folge  ist 
eine  willkürliche  Steigerung  der  Pachtrente  und  damit  dann  auch  der 
Preise."*) 

„Zu  beklagen  bleibt,  dafs  das  Kapital  und  dadurch  oft  Leute 
den  landwirtschaftlichen  Betrieb  leiten,  die  von  der  ganzen  Sache 
nichts  verstehen,  dabei  sich  lediglich  vom  Streben  nach  gröfstmög- 
licher  Nutzung  in  ihrem  Handeln  bewegen  lassen;  die  mangelhafte 
Bestdlung  des  Bodens  liegt  in  dieser  Erscheinung  begründet."  *) 

Starkey  ist  hiemach  ein  scharfer  Beobachter  der  agrarischen 
Verhältnisse  seines  Vaterlandes.  Mit  der  neu  um  sich  greifenden 
Technik  ist  er,  mit  Vorbehalt  allerdings,  einverstanden,  dagegen  er- 
regen die  Eigentumsverhältnisse  an  Grund  und  Boden  und  die  damit 
zusammenhängende  Betriebsleitung  seine  Unzufriedenheit.  Gegen 
dieses  ungünstige  Hereindrängen  des  Kapitalismus  weifs  er  aber  ein 
treffliches  Mittel  in  Vorschlag  zu  bringen,  ftir  ihn  gleich  empfehlens- 
wert vom  Gesichtspunkt  der  Volksemährung  wie  der  dringend  ge- 
wünschten Vermehrung  aus,  er  weist  auf  die  innere  Kolonisation 
bin :  *)  Weithin  liege  das  Land  öde  und  brach ;  man  baue  Häuser 
darauf  und  gebe  den  Einziehenden  Feld  zum  Bestellen;  jährlich 
mögen  diese  dann  an  die  Eigentümer  kleine  Beuten  zahlen;  diese 


0  Seite  111  iL 
^  Seite  98  n.  99. 
0  Seite  160. 

11»  ^* 

9» 


—     20     ^. 

können    sich    damit   zufrieden   geben,   da  sie  ja  sonst  auch  keine 
Nutzung  von  dem  öden  Lande  haben. 

Auch  über  die  Stellung  der  Landwirtschaft  im  Geftige  des  volks- 
wirtschaftlichen  Betriebes  läfst  sich  Starkey  einmal  aus;  ')  er  ver- 
gleicht den  Staat  mit  dem  menschlichen  Körper,  der  Bauernstand 
bedeute  hieran  die  Füfse;  er  trage  und  erhalte  durch  seine  Thätig« 
keit  die  übrigen  Teile. 

Li  ähnlichem  Sinne  äu&ert  sich  How  to  reforme,  ')  dafs  gewinn- 
bringend für  ein  Gemeinwesen  nur  zwei  Beschäftigungsarten  sein 
könnten,  Landwirtschaft  und  Gewerbe;  erstere  bezwecke  die  Nahrungs- 
mittel zu  beschaffen ,  deshalb  müsse  sich  ihr  der  gröfsere  Teil  des 
Volkes  hingeben. 

Die  dem  Ackerbau  im  Hinblick  auf  die  Yolksemährung  bei- 
gelegte Wichtigkeit  fuhrt  in  How  the  comen  people  *)  zum  Verlangen 
besonderer  Sicherung  der  genügenden  Produktion  durch  Maisnahmen 
der  staatlichen  Verwaltung :  Höchstes  Streben  einer  Regierung  müsse 
es  sein,  den  Ackerbau  blühend  zu  sehen;  dieses  Ziel  sei  nun  gegen- 
wärtig auf  folgende  Weise  am  besten  zu  erreichen:  eine  besonders 
eingesetzte  Behörde  habe  die  Literessen  der  Landwirtschaft  zu  wahren ; 
sie  müTste  von  Dorf  zu  Dorf  ziehen  und  genau  nach  dem  Ma(se  des 
angebauten  und  nicht  angebauten  Bodens,  jetzt  und  früher,  forschen 
imd  dabei  erklären,  es  sei  nach  des  Königs  und  eines  hohen  Bates 
Willen  eine  entsprechende  Fläche  Feldes  zu  bestellen.  Der  Segen 
dieses  Unternehmens  würde  auch  auf  anderem  Gebiete  ungemein  grofs 
sein :  etwa  hunderttausend  Menschen  fanden  dadurch  mit  einem  Schlage 
Arbeit  und  Auskommen. 

Es  wird  damit  nichts  Geringeres  verlangt  als  eine  gewisse  Organi- 
sation des  Ackerbaues  auf  Grund  ungefährer  Bedarfsstatistik;  die 
früher  bebaut  gewesene  Fläche  wird  dabei  für  genügend  grois  erachtet, 
den  für  das  Liland  nötigen  Vorrat  her?orzubringen.  Empfehlens- 
wert sei  übrigens  ein  derartiges  Vorgehen  noch  besonders  Yom  Stand- 
punkt der  BeYölkenmgsfrage  aus.  Da  die  herrschende  Teuerung 
durchaus  auf  Bechnung  verminderter  Produktion  gesetzt  wird,  glaubt 
man  die  Menge  der  Arbeitslosen  in  der  unbedingt  nötig  werdenden 
Mehrproduktion,  welche  eine  Steigerung  der  Zahl  der  selbständigen 
Existenzen  bedinge,  unterbringen  zu  können. 


0  Seite  49. 
*)  Seite  61. 
*)  Seite  64. 


ISO 


—    21    — 

Die  ganze  Idee  entspringt  wohl  der  in  der  Zeit  der  Teuerung 
gemachten  Wahrnehmung  der  Isolierung  in  Bezug  auf  Nahrungsmittel- 
beschaffimgy  wie  sie  bei  unentwickelten  Verkehrsyerhältnissen,  namen1>- 
lich  im  Binnenlande,  sich  unliebsam  oft  bemerklich  machte.') 

Auf  eine  weitere  mitwirkende  Ursache  des  Zurückgehens  des 
ländlichen  Kleinbesitzes  ist  hinge¥äe8en  in  Rede  me :  ^)  Dieses  liege 
begründet  in  dem  enormen  Schaden,  den  die  Bettelorden  dem  Bauern 
zugefügten;  diese  saugten  das  Land  aus  und  seien  geradezu  zu  einer 
Plage  geworden ;  es  gehe  der  Spruch  im  Volke ,  der  Bauer  vermöge 
sich  keinen  Pfennig  zu  erwerben,  den  ihm  nicht  wieder  ein  Mönch 
wegbettele. 

Henry  Brinklow  betont  in  seinem  Complaint  lebhaft  die  schlechte 
Lage  der  Landwirtschaft:  ')  Mit  der  Durchführung  der  Kirchen- 
änderung  in  England  sind  die  Besitzungen  der  Geistlichkeit  an  Grund 
und  Boden  eingezogen  worden,  die  abbey  lands;  allgemein  erhoffte 
man  sich  durch  diese  Mafsregel  eine  Besserung  der  agrarischen  Ver- 
hältnisse ;  allein  dieselbe  ist  nicht  eingetreten,  im  Gegenteil :  die  Auf- 
ieQung  dieser  unermefslichen  Ländereien  wurde  vom  Könige  nach 
Gunst  und  Willkür  Torgenommen,  die  Grofsen  bereicherten  sich,  die 
Armen  gingen  leer  aus;  erstere  yermögen  nun  den  Pachtschilling 
beliebig  in  die  Höhe  zu  schrauben,  der  kleine  Mann  ist  der  Vemich- 
tong  anheimgegeben.  Eines  nur  kann  helfen :  der  König  mufs  den 
Ftohtschilling  auf  seinen  eigenen  Gütern  heruntersetzen  und  die 
übrigen  Grofsgrundbesitzer  zur  gleichen  Mafsnahme  zwingen ;  dadurch 
würde  nicht  nur  der  Landwirtschaft  geholfen,  sondern  auch  die  yer- 
derblichen  Folgen  der  allgemeinen  Teuerung  beseitigt. 

Erhöht  ^)  wird  der  Notstand  aber  noch  durch  die  Einhegungen, 
sei  es  nun  zum  Zwecke  der  Schafzucht  oder  gar  der  Jagd ;  mit  Vor- 
liebe wird  gerade  der  beste  Boden  dazu  benützt.  Das  Wild  richtet 
enormen  Schaden  auf  den  Feldern  an,  oft  geht  die  EUklfte  der  Ernte 
zu  Grunde.  Auch  hier  soll  der  König  mit  gutem  Beispiel  voran- 
gehen: er  halte  sein  Land  wenigstens  zur  Hälfte  offen,  seine  Sache 
sei  es  dann  ferner,  seine  Grofsen  durch  Zwang  zum  gleichen  Ver- 
fahren zu  veranlassen  . .  .  Die  übermäßige  Schafhaltung  ist  wirtschaft- 
lich nicht  gerechtfertigt,  beruht  lediglich  in  der  Habsucht  der  reichen 
Landlords;  das  Einschreiten  des  Gesetzes  ist  hier  am  Platze:  Niemand 


>)  Sieh  Sohanz  a.  a.  0.  I  Seite  681. 

^  Tefl  n  Seite  77  £f: 

")  Gap.  9.    Of  inhaDBing  of  rentyi  hj  landlordes  eto.  Seite  9. 

^  L  Oif».  Of  the  ineloMiig  of  parkyt,  forestyi,  chasyt-   Seite  16. 


131 


—    22     — 

sollte  mehr  Schafe  halten  dürfen  als  für  seinen  Ebiushalt  nötig  sind ; 
die  übrigen  sollten  eingezogen  werden,  halb  für  den  König,  halb  für 
den  Denunzianten.  ^) 

In  packender  Weise  schildert  ASapplication  for  the  pooreCommons 
die  mifsliche  Stellung,  in  welche  durch  den  Eigentumsübergang  von 
geistlicher  auf  weltliche  Hand  in  den  abbey  lands  die  commons  ver- 
setzt wurden,  besonders  infolge  einer  Taktik  ohne  jede  Kücksicht 
seitens  der  neuen  Herren. 

Die  B.ente*)  der  Lords  sei  höher  gestiegen  denn  je,  von  40 
Schillinge  fein  auf  40  Pfund.  Nicht  zufrieden  jedoch  mit  dieser  Be- 
drückung ihrer  Hintersassen  innerhalb  ihres  eigenen  Erbes  kauften 
die  Lords  vom  Könige  die  abbey  lands,  um  in  deren  Besitze  er- 
barmungslos und  ohne  Rücksichtnahme  auf  alt  ererbte  Verhältnisse 
gegen  die  Commons  Torzugehen.  Sie  zwängen  die  einzelnen  tenants 
ihre  Verträge  mit  den  aufgehobenen  Klöstern,  gutgeheifsen  durch 
das  Parlament,  herbeizubringen  und  wollten  glauben  machen,  durch 
den  Kaufabschlufs  mit  dem  Könige  seien  all  diese  Verträge  null 
und  nichtig  geworden.  Zu  neuen  Verträgen  seien  die  Herren  aller- 
dings bereit,  und  es  habe  der  einzelne  schliefslich  auch  weiter  keine 
Walil,  als  Annahme  des  Vertrages  oder  Entfernung  von  Haus  und 
Hof,  die  neuen  aufgezwungenen  Verträge*)  aber. lauteten  nicht  mehr 
wie  die  früheren  auf  zwei  oder  drei  Menschenalter,  sondern  nur  auf 
21  Jahre.  Der  König  möge  helfen,  wenn  ihm  am  Gedeihen  des 
Reiches  etwas  gelegen  sei. 

Diese  Klage  über  Rechtsverletzung  entspringt  offensichtlich  der 
Anschauung,  dass  der  tenant  mit  der  üblichen  Erbpacht  an  Grrund 
und  Boden  ein  Recht  gewonnen  habe,  zu  demselben  direkt  in  Be- 
ziehimg getreten  sei,  so  dafs  ein  Erlöschen  seines  Besitzrechtes  durch 
Eigentumsübergang  nicht  möglich  sei;  es  werden  wohl  die  Lords 
römische  Grundsätze  gegenüber  den  bestehenden,  auf  germanischen 
Ideen  aufgebauten  Verhältnissen  in  Anwendung  gebracht  haben. 
Doch  nicht  allein  das  verletzte  Rechtsgefühl  mag  den  Anlafs  zu  den 
geschilderten  Darlegungen  gegeben  haben,  sondern  ebensowohl  auch 
die  Einsicht  auf  wirtschaftlichem  Gebiet,  dafs  die  Einführung  eines 
Pachtsystems  mit  kurzen  Pachtzeiten  eine  Begünstigung  des  kapital- 
kräftigen Unternehmers  bedeute  und  den  Ruin  des  kleinen  Land- 
wirtes, der  der  überlegenen  Technik  jenes  nicht  zu  folgen  vermöge. 

*)  16.  Cap.  Of  lordet  which  are  shepardes.   Seite  87. 

*)  Seite  80  ff. 

>)  Vergl.  Starkey  a.  a.  O.  Seite  98.  Brinklow,  Gomplaint  S.  Kapitel  Seite  9. 

1S2 


—    23    — 

Tde  Thataache  der  Emhegungen  gibt  auch  Latimer  des  öfteren 
AnlaCs  zu  gewichtigen  Erörterungen  und  Mahnungen.  Er  fährt  die 
Einhegungen  zorück  auf  den  wirtschaftlichen  Eigennutz  der  reichen 
Gnmdherren;  diese  schätzten  ihren  eigenen  Gewinn  höher  als  die  all- 
gemeine  Wohlfahrt,  sonst  könnten  sie  ein  Gebahren  nicht  an  den 
Tag  legen,  das  zum  Schaden  des  Landes  den  Ackerbau  yerhindere. 
In  der  ersten  Predigt  Tor  König  Eduard  VI.  bespricht  er  besonders 
unter  Weheklagen  die  eingetretene  Verödung  des  Landes ;  ein  Schäfer 
und  sein  Hund  seien  allein  noch  vorhanden  da,  wo  früher  eine  grofse 
Zahl  Yon  Haushaltungen  und  Menschen  existierten.^) 

Ebenso  gibt  das  der  Zeit  nach  späteste  Zeugnis  der  in  Belang 
kommenden  Periode  einen  Überblick  über  die  Verwüstungen,  welche 
die  Umwälzung  auf  agrarischem  Gebiete  herbeigeführt:*) 

Die  übermäfsige  Schafhaltung  habe  die  Preissteigerung  bewirkt, 
-unter  welcher  der  Gewerbsmann  ebenso  leide  wie  der  König;  am 
schlimmsten  sei  es  auf  dem  Lande  bestellt.  Eünfzigtausend  Markt- 
flecken und  Dörfer  in  England  als  vorhanden  angenommen  und  seit  dem 
Begiemngsantritt  Heinrichs  Vil.  nur  den  Wegfall  eines  Pfluges  in 
jedem  gerechnet,  so  ergebe  dies,  da  ein  Pflug  sicher  für  sechs  Per- 
sonen Nahrung  schaffe,  eine  Verminderung  der  Einwohnerzahl  um 
300000  Personen;  diese  seien  zunächst  dem  Bettel  oder  dem  Ver- 
brechen und  schliefsUch  dem  sicheren  Untergang  zugeführt  worden. 

Aus  all  den  aufgeführten  Erwägungen  und  XJntersuchimgen  geht 
hervor,  dafs  dieselben  unmittelbar  der  Anschauung  des  Lebens  ent- 
springen; ihre  Hauptstärke  ist  deshalb  auch  die  Kritik  der  jeweils 
herrschenden  Zustände.  AUein  in  der  Ausübung  der  Kritik  liegt 
selbst  bereits  begründet,  dafs  nach  Verknüpfung  der  Thatsachen  ge- 
forscht wird  und  mit  der  Erkenntnis  derselben  bringt  schliefslich  die 
Umschau  nach  Abhilfe  die  Zusammenfassung  wirtschaftlicher  Vor- 
gänge und  Mafsnahmen  unter  allgemeine  Gesichtspunkte,  es  wird  in 
einer  Art  von  Lehrsatz  gesprochen.  Dies  in  Anwendung  auf  die 
obige  Darstellung  gebracht,  ergibt  sich,  dafs  überall  der  Einblick 
in  die  Produktivität  der  Landwirtschaft  vorhanden  ist,  und  zwar  ist 
die  Sprache  hier  in  einer  Weise  absolut,  dafs  jede  Annahme,  es 
kömite  in  einem  Lande  einmal  das  Gewerbe  die  erste,  die  Landwirt- 
schaft eine  mindere  Stelle  einnehmen,  abgeschnitten  wird.  Die  Be- 
gründung dieser  Anschauung  liegt  in  der  ängstlichen  Fürsorge  für 


0  Seite  40;  vergL  dun  Starkey  Seite  7S. 
■)  Gertayne  oaneee,  Seite  100  ff. 


12S 


—    24    — 

{QBmittelbäreVolksemähmiig  aus  den  Erzeugnissen  des  eigenen  Bodens 
und  in  der  damit  erhoffiben  VolksTermehmng.  Die  Kticksichtnahnie 
•auf  das  Gewerbe  spielt  erst  in  dritter  Linie  herein,  so  innig  auch 
.die  Verknüpfung  desselben  mit  der  Landwirtschaft  gedacht  wird. 

Die  Erwägungen  aber  der  Bedeutung  der  Landwirtschaft  und 
besonders  des  Ackerbaues  für  das  Staatsganze  führten  dazu,  auch  zu 
dem  Staate  als  dem  wirtschaftlich  und  politisch  mächtigsten  die  Zu- 
flucht zu  nehmen,  es  soll  das  Gesetz  Hilfe  schaffen ;  es  darf  hierbei 
allerdings  nicht  übersehen  werden,  dafs  in  einigen  der  Schriften  auch 
psychologisch  Yorgegangen  wird,  indem  hier  als  die  Wurzel  des  allge- 
meinen Verderbens  der  Egoismus,  der  Urgrund  des  wirtschaftlichen 
Handebis,  als  in  gefährlicher  Auswucherung  begriffen,  hingestellt  und 
von  einem  Zurücktreiben  desselben  das  beste  Ergebnis  erhofft  wird.  *) 

Die  gesetzlichen  Ma&nahmen  selbst,  die  zum  Vorschlag  gelangen, 
schreiten  von  den  einfachsten  Geboten  und  Verboten  einer  wirtschaft- 
lichen Gebahrung  bis  zur  Organisation  der  ganzen  landwirtschaflr 
•lichen  Arbeit,  wobei  der  nötige  Jahresbedarf  den  jeweiligen  Aus- 
:  schlag  geben  soll. 

In  letzter  Linie  erscheinen  all  die  voigefundenen  Aufserungen 
und  daj^ebotenen  Batschläge  zur  Herbeiführung  einer  Änderung, 
bewulst  und  unbewuCst  den  betreffenden  Autoren,  von  dem  Wunsche 
getragen,  der  herrorbrechenden  Macht  des  Kapitals  Einhalt  zu  ge- 
bieten zu  Gunsten  der  persönlichen  Arbeitskraft  Gemäfs  dem  Willen 
.Gottes  und  der  Ordnung  der  Katur  gebühre  dem  Felde  die  Arbeit 
.der  Hände  des'  Eigentümers. ") 


^)  VargL  nodi  Lattmer   Th«  fvrtte  Sermon  Seite  41^  Briiüdow,  Complaynt 
Seite  74. 

*)  Vergl.  oben  Seite  18. 


lU 


Viertes   Kapitel. 

Das  Gewerbe. 


Ochenkowski  bespricht  in  seinem  bereits  erwähnten  Werke  die 
auf  dem  Gebiete  des  Grewerbes  in  hervorragender  Weise  thätige 
Gesetzgebung  des  Mittelalters;  er  gelangt  dabei  zur  Folgerung,*)  in 
der  Gesetzgebung  verschwinde  die  wirtschaftliche  Seite  der  Förde- 
rung der  Industrie,  besonders  in  der  Richtung  des  Reichtumserwerbes, 
oder  trete  gänzlich  zurück.  Die  ordnenden  und  ethischen  Gesichts« 
punkte  ragten  dagegen  hervor.  Ausschlaggebend  für  den  Gesetzgeber 
|ei  die  Art  der  Verbindung  von  Kapital  und  Arbeit  gewesen,  das 
Übergewicht  in  der  gewerblichen  Produktion  habe  die  Handarbeit 
gehabt  'Erst  gegen  Ausgang  des  Mittelalters,  mit  dem  Ende  des 
15.  und  mit  dem  Beginn  des  16.  Jahrhunderts  schiebe  sich  das 
Kapital  in  bedeutendem  Mafse  als  selbständiger  Arbeitsfaktor  ein, 
es  komme  in  den  Gesetzen  des  Staates  dann  auch  die  Forderung 
nach  Ge^winn  bringenden  wirtschaftlichen  Ergebnis  des  Handwerks 
zum  Ausdruck. 

Diese  letzterwähnte  Tendenz  der  Gresetzgebung  findet  auch  in 
der  Litteratur  kräftigen  Widerhall ;  als  Aufgabe  des  Handwerks  wird 
es  erachtet  für  den  Einzelnen  eine  sichere  Grundlage  des  Daseins, 
für  die  AUgemeinheit  die  Mittel  zur  Bereicherung  zu  schaffen,  wobei 
aber  keineswegs  die  Betonung  der  sozialen  Seite  desselben  vernach- 
lässigt bleibt. 

Den  teilweisen  Umschwung  der  Meinungen  erklärt  folgender  ge- 
schichtliche Rückblick: 

Im  13.  und  14.  Jahrhundert  waren  die  Handwerker  in  jeder 
Stadt  in  Grilden  zusammengeschlossen,  welche  auf  doppeltem  Gebiete 


*)  Seite  92  ff. 

126 


—    26     — 

eingriffen,  auf  wirtschaftlichem  und  sozialem,  sie  überwachten  die 
Güte  der  Erzeugnisse  und  hafteten  für  die  Führung  der  Mitglieder. 
Die  Menge  der  Produkte  stand  im  strengen  Verhältnis  zum  örtlichen 
Bedarf. 

Durch  die  Thätigkeit  und  die  Bemühungen  der  drei  ersten  Eduarde 
blühte  der  Handel  empor,  und  damit  begann  die  Zersetzung  des  ge- 
schilderten Zustandes,  merklich  zuerst  hervortretend  gegen  Ende  des 
14.  Jahrhimderts. 

Zunächst  spalteten  sich  die  Handwerkergilden.  Der  eine  Teil 
widmete  sich  neben  der  Herstellimg  auch  noch  dem  Verschleifs  der 
Waren  und  der  Beschaffung  der  Rohstoffe,  um  sich  schliefslich 
darauf  zu  beschränken ;  der  andere  Teil  blieb  der  altgewohnten  Arbeit 
treu.  Beide  standen  anfangs  gleichberechtigt  nebeneinander  in  der- 
selben Gilde;  aber  die  innere  Trennung  gewann  bald  Ausdruck;  es 
bildeten  sich  die  Gilden  der  Handeltreibenden  (dealer)  imd  die  der 
eigentlichen  Gewerbsleute  (yeoman  oder  workeman).  Die  Trennung 
gewann  an  Schärfe  und  Umfang,  je  mehr  für  das  Mafs  der  Produktion 
der  grofse  Markt  mafsgebend  war,  d.  h.  mit  dem  zunehmenden  Handel. 
Der  Rückschlag  der  Bewegung  machte  sich  in  der  Preisgestaltung 
bemerkbar:  es  fielen  die  Preisfestsetzungen  und  bestimmte  sich  der 
Wert  der  Waren  im  Wege  des  freien  Wettbewerbes.  Das  Kapital 
der  Kaufleute,  flüssiger  als  die  Arbeit,  des  kleinen  Mannes  Kapital, 
begann  dem  Markte  sich  anzupassen,  die  damit  eintretende  Arbeits- 
teilung war  ausschlaggebend :  Der  frühere  kleine  Meister  sank  gegen- 
über dem  einst  gleichgestellten  Verschleifser  der  Ware  und  dessen 
angesammelten  Kapitale  zum  wirtschaftlich  Abhängigen  herab;  die 
soziale  und  ethische  Bedeutung  der  alten  Gilden  war  damit  zu  Grabe 
getragen. ') 

Diese  ganze  Bewegung  ist  in  der  in  Belang  kommenden  Zeit 
noch  nicht  zum  Abschlüsse  gediehen,  der  Todeskampf  der  yeoman- 
gilds  dauert  an.  Auf  der  einen  Seite  hat  die  neue  Gestaltung  der 
Produktion  soviel  an  Kraft  und  Eiuflufs  errungen,  dafs  die  Forderung 
jiach  gewinnbringendem  Ergebnis  im  Handwerk,  mit  Rücksicht  gerade 
auf  den  veränderten  Markt,  lauten  Ausdruck  nimmt,  auf  der  anderen 
Seite  erhebt  sich,  um  ersteres  zu  ermöglichen,  der  Ruf  nach  Schutz 
zur  SicheruDg  gegen  Vernichtung  durch  ausländische  Konkurrenz, 
gefördert  durch  das  Emporkommen  „der  wagenden  Kaufleute",  und 


*)  W.  Canning^ham,  The  growth  of  English  Indastry  and  Gommeroe.   Cam- 
bridge 1883  Seite  209  ff. 


126 


—    27    — 

daich  AnsbeutuDg  des  weniger  kräftigen  Meisters  durch  die  so  sehr 
gef&rchteten  Monopole  oder  besser  „Binge^  des  inländischen  Kapitales. 

Die  geschilderten  Verhältnisse  finden  eine  Beleuchtong  in  dem 
Gedichte  on  Ehiglands  commercial  policy. 

Ausschlaggebend  für  England  sei  die  Tuchfibbrikatiön ;  da  die 
umliegenden  Völker  insgesamt  ihren  Bedarf  an  Kleidung  in  England 
zn  decken  hatten ,  so  liege  es  im  Interesse  des  Landes ,  dafis  Wolle 
ent^  Güte  zur  Ausfuhr  nicht  gelange,  sondern  höchstens  minder- 
wertige dazu  bestimmt  würde.  Der  Orund  dieser  Forderung  sei 
folgender:  Wolle  schlechter  Qualität  gäbe  gleichfiEblls  wieder  nur 
solches  Tuch,  die  Kosten  und  Mühen  der  Herstellung  dagegen  seien 
die  gleichen  wie  bei  gutem,  für  ein  solches  werde  aber  fünfinal  so 
Tiel  bezahlt  wie  für  Tuch  schlechter  Art. ')  Ein  hoher  Preis  des 
Taches  sei  jedoch  gleich  wünschenswert  für  das  ganze  Land  wie  für 
den  armen  Handwerker  in  Wolle.  Letzterer  gerade  habe  stark  zu 
leiden  unter  einer  Übung,  welche  durch  Kaufleute  und  Tuchfabrikanten 
aufgekommen  sei:  man  biete  ihm  als  Lohn  statt  der  Barzahlung 
Waren  an,  wobei  die  Löhne  noch  stark  gedrückt  würden;  hier  sei 
ein  Gesetz  am  Platze,  welches  derartiges  yerbiete.  Abhilfe  wäre 
jedoch  sicher  geschafifen,  wenn  die  Unternehmer  für  Tuch  und  Wolle 
hohe  Preise  und  damit  die  Mittel  zur  Barauszahlung  des  Lohnes 
erhielten.  Der  Erfolg  wäre  ein  gewaltiger:  Mit  dem  Dahinschwinden 
der  Armut  würde  das  Land  eine  Sammelstätte  des  Reichtums  und 
einer  anwachsenden  Bevölkerung. 

Die  wirtschaftliche  Abhängigkeit  der  kleinen  Gewerbsleute  ist 
Q&di  dieser  Darstellung  eine  bereits  weit  Torgeschrittene;  Fabrikation 
ond  Handel  ruhen  auf  kapitalistischer  Grundlage,  die  Produktiyität 
des  Gewerbes  für  die  Gemeinsamkeit  ist  anerkannt,  so  dafs  der  im 
lande  erzeugte  Rohstoff  für  dasselbe  mit  Beschlag  belegt  wird, 
während  durch  Verbot  des  Trucksystems  für  den  abhängigen  Meister 
erentuell  Arbeiter  gesorgt  werden  soll. 

Eine  empfindlichere  Sprache  führen  die  einer  späteren  Zeit  an-* 
gehörenden  Schriften. 

A  Treatise  berichtet:  *)  Es  haben  die  Merchant  adTonturers 
fremde  Waren  in  das  Land  gebracht  und  damit  das  Handwerk  ver- 
nichtet, sowie  einen  groJben  G^dmangel  verursacht ;  der  ganze  Reich- 
ten des  Landes  besteht  darin,  dals  es  fOr  seine  Produkte  Geld  von 


')  AuHer  acht  gelsasen  ist  hierbei  freiUoh  der  Pnii  des  Bohitoffes. 
^  Seite  88  ff. 


117 


—    98    — 

'ftnderen  Ländern  erhSlt;  das  geht  soweit,  daCs  es  besser  ist,  sechs 
Pfennige  für  ein  Stück  im  Lande  Terfertigt  zu  bezahlen  als  yier 
Pfennige  für  ein  ?on  auswärts  bezogenes;  denn  was  hinausgeht,  ist 
für  England  verloren. 

Zur  Begründung  dieses  Ausspruches  wird  aufgeführt,  dafs  der 
bestehende  Zustand  eine  Verkennung  der  Aufgabe  des  Gewerbes  be- 
deute. Während  nämlich  dieses  seiner  Natur  nach  cBe  Bestinmiung 
in  sich  trage ,  Geld  zu  yerschaffen  und  in  Umlauf  zu  bringen ,  und 
um  seinem  Zwecke  in  der  wirtschaftlichen  Gemeinschaft  gerecht  zu 
werden,  an  die  Verarbeitung  der  Rohstoffe  und  Anfertigung  aller 
Gebrauchsgegenstände  gewiesen  sei,  erscheine  die  herrschende  Praxis 
als  das  gerade  Gegenteil  dieser  Forderung,  indem  durch  die  Waren- 
einfuhr lediglich  die  Fremden  verdienten,  nicht  aber  die  Engländer. 
Zur  Charakterisierung  der  Geschäftsgebahrnng  der  fremden  Kaufleute 
wird  erzählt,  dals  sie  in  England  alte  abgenutzte  Sachen  aufkauften, 
auf  dem  Festlande  neu  zustutzten  und  in  England  selbst  wieder  ftur 
teueres  Geld  absetzten,  woher  denn  Waren,  die  in  den  Hallen  für 
hundert  Pfand  auslägen,  in  Wirklichkeit  keine  hundert  Schillinge  an 
Wert  besäfsen.  ^)  Dieses  Übergewicht  der  ausländischen  Konkurrenz 
wird  lediglich  dem  Handel  zur  Last  geschrieben;  dem  Kaufinanne 
gegenüber  könne  der  Handwerker  sich  nicht  halten* 

Die  Rettung  wird  weniger  von  einer  Beschränkung  des  Handels, 
als  von  Mafsnahmen  technischer  Natur  erwartet ;  so  ist  ftur  die  Woll-  und 
Tuchindustrie  Herstellung  des  Tuches  aus  reiner  Wolle  gefordert  ^) 
sowie  Vorkehrungen  gegen  das  Strecken  der  Tücher ;  *)  bessere  Quali- 
tät der  Ware,  das  ist  der  offensichtliche  Gedanke  kann  eben  allein 
siegreiche  Aufnahme  des  Kampfes  mit  dem  Wettbewerb  des  Aus- 
landes ermöglichen.  Zur  Verwirklichung  dieses  Gedankens,  soll  die 
Beförderung  der  Barzahlung  das  unbedingt  nötige  E^apital  in  regem 
Flufs  erhalten.  «)  — 

Von  ähnlichen  Erwägungen  geleitet,  verbreiten  sich  die  folgenden, 
durch  Pauli  gesammelten  Schriften,  über  die  Verhältnisse  des  Gewerbes. 

How  to  reforme  ftihrt  aus: 

Das  ganze  Wohl  und  Wehe  des  Staates  hängt  von  der  Arbeits- 
leistung des  gemeinen  Volkes  ab,^)  dessen  HauptbeschäftigungsaTten 
Ackerbau  und  Gewerbe  sind.    Letzteres  erscheint  hierbei  als  der  das 


0  Seite  87. 
*)  Seite  4S. 
*)  Seite  4SL 
«)  Seite  ei. 


12B 


—    29    — 

Geld  sd&affende  Faktor.  ^)  Bei  der  gedrückten  Lage  des  Qewerbes 
Ueibt  za  dessen  Emporhebung  weiter  nichts  übrig,  und  zwar  um  dem 
imgünstigen  Emflnls  des  frden  Handels  zu  begegnen ,  als  Errichtung 
eines  Zentralstapels  fiir  Wolltücher,  wobei  der  Preis  derselben  nach 
dem  Stapelbuch  in  der  Höhe  wie  vor  124  Jahren  bestimmt  werden 
möge.  *)  Für  den  guten  Ruf  der  englischen  Waren  wird  eine  Yer- 
si^elung  der  zur  Ausfuhr  gelangenden  Ballen  für  nötig  erachtet, 
ssmentlich  um  das  in  den  Niederlanden  beliebte  Strecken  der  Tücher 
hintanzuhalten. 

Auch  die  Schutzidee  findet  Ausdruck  in  der  Schrift,  indem  Ver- 
bot der  Einfuhr  unnützer  Dinge ,  eventuell  Produktion  derselben  im 
InlaDde,  falls  der  Konsum  daran  festhalte,  verlangt  wird.')  Der 
Erfolg  trete  nicht  nur  in  der  Hebung  des  Handwerks  zu  Tage,  sondern 
auch  in  der  Ersparung  ganz  gewaltiger  Summen,  die  al^ährlich  ihren 
Weg  über  die  See  nehmen. 

Von  letzterer  Erwägung  aus  tritt  how  the  comen  people  mit 
Sesserungsvorschlägen  hervor: 

Es  gibt  eine  alte  Weissagung,  lautend,  England  werde  einmal 
einem  Paradiese  gleichen;  sicherlich  aber  geht  diese  nicht  eher  in 
Erfüllung^  als  bis  nicht  durch  ein  Gresetz  angeordnet  ist,  dafs  in 
jeder  Stadt  Handwerksbetrieb  vorhanden  sein  müsse.  *)  Dazu  gehört 
aber  dann  auch  Auflage  eines  Eingangszolls  auf  jede  fremde  Ware, 
die  in  irgend  einem  Teile  des  Landes  produziert  wird.  ^) 

Die  Begründung  des  Verlangens  wird  aus  folgender  Rechnung 
abgeleitet  : 

Wenn  alle  im  Lande  hervorgebrachte  Wolle  auch  darin  ver- 
arbeitet würde ,  so  darf  man ,  in  der  Erwägung ,  dafs  das  Produkt 
weit  mehr  wert  ist  als  der  Bohstoff,  sagen,  es  wäre  die  Hälfte  der 
jetzigen  Wollproduktion,  im  Lilande  verarbeitet,  von  gröiserem  Werte 
for  England  als  Wolle  und  Schafe  insgesamt,  die  zur  2ieit  vor- 
banden. 

Gegen  den  Handel  als  den  Feind  des  Gewerbes  wenden  sich 
auch  scharf  Clement  Armestrongs  Sermons : ') 

Man    darf  nicht  behaupten,  dafs  der  Gewinn  des  Kanals  dem 


■)  Seite  64,  66. 
<)8eit6  76ff: 
«)  StttB  66. 
»)  Seite  66. 
•)  Seite  48. 


la» 


—     30    — 

Beidie  wehe  gethan  hätte;  aber  ehe  England  denselben  beherrschte^ 
waren  Zeiten  des  Wohlstandes;  damals  gab  es  keinen  Mangel  im 
ganzen  Lande,  das  Handwerk  blühte,  wir  hatten  keine  Eanflente  . . . 
Mit  unserem  Handwerk  yerdienten  wir  nns  damals  Gold  nnd  Silber; 
der  Gewerbsmann  konnte  es  wieder  dem  Bauern  geben,  nnd  dieser 
dem  Grundherrn,  es  bestand  eine  geregelte  Zirkulation.  ^) 

Henry  BrinUow  fuhrt  aus:  *)  Nachdem  durch  die  gewaltige 
Preissteigerung  dem  Gewerbsmann  vielfach  die  Mittel  zum  Geschäfts- 
betriebe entzogen  und  er  so  dem  Untergänge  nahe  sei,  wäre  ein  Vor- 
schlag zur  Abhilfe,  einen  Teil  der  aus  den  eingezogenen  Einkünften 
der  Bischöfe  gewonnenen  Reichtümer  zur  Beschaffung  eines  Betriebs- 
kapitals zu  verwenden,  dieses  auf  die  Städte  und  Märkte  nach  der 
Zahl  der  darin  Beschäftigten  zu  verteilen  mit.  der  Bestimmung,  dafs 
jeder  von  diesen  nach  Bedarf  ein  Darlehen  zu  erhalten  habe,  das 
erste  Jahr  umsonst,  dann  zu  3  %  verzinslich.  Als  zweckentsprechend 
gelangt  hierbei  eine  Organisation  in  der  Weise  zur  Empfehlung,  dafs 
die  Industrie,  namentlich  die  Tuchbereitung,  auf  die  grofsen  Städte 
und  Märkte  beschränkt  werden  solle. 

Derselbe  Yorschlag  ist  von  Brinklow  in  the  Lamentacjon 
wiederholt.  ■) 

Starkey  erblickt  in  dem  VerCall  des  Gewerbes  ein  Kennzeichen 
für  den  allgemeinen  Niedergang,  ^)  wobei  er  aber  in  der  Begründung 
dieser  Thatsache  weit  schärfer  beobachtet  und  urteilt  als  die  vor- 
hergehenden. 

Trägheit  *)  und  Trunksucht  •)  der  gewerbetreibenden  Bevölkerung 
seien  ebensowohl  Ursache  als  der  Mangel  an  wirklichen  Gewerbe- 
kundigen, ^}  die  Ausfuhr  der  Bx)hstoffe  in  gleichem  Malse,  wie  die 
Einfiihr  von  Erzeugnissen  des  fremden  Gewerbes,  ^)  befördert  durch 
den  Luxus  und  die  Lebsucht  der  Reichen,  welche  mit  Vorliebe  den 
ausländischen  Artikeln  sich  zuwendeten. 

Als  Freund  und  Förderer  der  Yolksvermehrung  sucht  Starkey 


^)  Seite  44. 

')  Gomplaynt  22.  Cap.  A  godly  advyBement  how  to  bestowe  the  goodys  and 
landys  of  the  bisshops.  Seite  51. 
«)  Seite  116. 
«)  Seite  78. 
*)  Seite  76. 
•)  Seite  94. 
^  Seite  80. 
^  Seite  98  o.  80. 

180 


—    Sl    — 

den  Torzüglichsten  Wert  des  Gewerbes  auf  sozialem  Gebiete,  es  büdet 
für  ilm  ein  geeignetes  Gefals  zur  Au&ahme  und  Beschäftigung  der 
ann  und  müssig  herumlungernden  Menge. ') 

Der  Kritik  entspricht  dann  auch  die  gewollte  und  in  der  Durch- 
fohrung  als  möglich  erachtete  Änderung  des  Bestehenden:  Be- 
kämpfung ^  der  Trägheit  und  Trunksucht  durch  ängstliche  Über- 
wachung der  Masse  seitens  einer  besonderen,  hierzu  eigens  zu  schaffen- 
den Behörde;  der  Trägheit  gleich  zu  achten  sei  Beschäftigung  mit 
unnützen  Dingen  und  Anfertigung  Yon  Luxuswaren. 

Dem  Mangel  *)  an  tüchtigen  gewerbekundigen  Meistern  könne 
abgeholfen  werden  durch  die  sorgfaltigste  Erziehung;  die  Sorge  für 
die  Beschaffung  tüchtiger  Lehrmeister  und  Herstellung  gewerblicher 
Musteranstalten  obliege  dem  König. 

Mit  entschiedenen  Worten  fordert  Starkey  auch  Schutz  für  das 
Gewerbe  durch  Ausfuhrrerbote  bezüglich  der  Rohstoffe  und  Einfuhr- 
beschränkung ausländischer  Lidustrieartikel.  *)  Die  in  der  solideren 
Arbeit  und  feineren  Ausfuhrung  derselben  liegende  Konkurrenz  hofft 
er  in  einigen  Jahren  zu  überwinden ,  so  dafs  England  wirtschaftlich 
za  solchem  Vorrange  komme,  dals  die  Lidustrieyölker  des  Festlandes 
selbst  dessen  Produkte  sich  holteui  zum  Vorteil  des  Landes,  während 
bislang  durch  Ausfuhr  von  Wolle,  Zinn  und  Leder  lediglich  Kauf- 
mann und  König  gewonnen  hätten.  — 

Die  erste  Stelle  im  Erwerbsleben  nimmt  bei  den  Utopiem,  wie 
herrorgehoben ,  der  Ackerbau  ein;  allein  auch  dem  Qewerbe  wird 
eine  solche  Wichtigkeit  zugesprochen ,  dals  jeder  Utopier  gezwungen 
ist,  ein  solches  zu  erlernen  und  zu  betreiben.  ^)  Auch  hier  findet 
sich  wieder  durchaus  organisierte  Arbeit ;  für  den  Umfang  der  Pro- 
duktion ist  mafsgebend  der  voraus  berechnete  und  zur  Hervorbringung 
Terteilte  Bedarf;  das  geht  so  weit,  dals  etwaiger  Überschufs  durch 


0  Seite  172  ff. 

«)  Seite  162;  ferner  172,  174. 

")  Seite  172  n.  178.  Bezeichnend  für  die  Ansohauung  Starkeyi  sind  folgende 
Worte  (Seite  172): 

Concemyng  thys  mater  (marchandyse),  thys  ys  the  chefe  poynte:  that  the 
inarchtimtyi  cary  out  only  rach  thyngys  as  may  be  wel  lakkyd  wythin  our  owoe 
cantre,  wythoat  commyn  detryment  to  oor  natyon;  and  bryng  in  tadb.  thingys 
agiyn  m  we  have  nede  of  here  at  home,  and  at  by  the  dylygenoe  bf  our 
owne  men  oan  not  be  made.  Thys  thyng,  put  in  nse  and  in  executyon 
•shold  be  a  grete  groond  of  al  abondanoe  and  planty  eta 

0  Seite  09. 

181 


—    32     — 

ddoetierte  Arbeitseiiistellmig  oder  YemiiBdeniBg  der  täglichen  Arbeits* 
zeit  ausgeglichen  wird. ') 

In  der  Beurteilung  der  Bedeutung  eines  entwickelten  Gewerbes 
für  Eo^and  stimmt  Morus  mit  Starkey  übereiny  auch  er  hebt  mehr 
dessen  sozialen  und  ethischen  Wert  als  den  Nutzen  gewinnbringender 
Ausgestaltung  hervor.  „Man  schaffe  Manufakturen  in  Wolle  und 
anderen  Zweigen  der  Industrie,  um  jene  Menschenmasse  nützlich  zu 
beschäftigen,  deren  Elend  seither  Diebe  und  Vagabunden,  oder  was 
beinahe  dasselbe  ist,  Bediente  liefert"  *) 

Aus  zusanmienfiBissender  Betrachtung  des  Gesagten  geht  herror, 
in  Anlehnung  an  den  Eingang  des  Kapitels,  dafs  die  yerschiedenen 
Autoren  dem  Gewerbe  für  die  Allgemeinheit  eine  Bedeutung  in 
doppelter  Hinsicht  beilegten,  indem  sie  bald  dessen  Produktivität,  bald 
dessen  soziale  Wichtigkeit  betonten.  Eine  Verschmelzung  dieser 
beiden  Faktoren  und  Lösung  der  Frage  in  einem  glücklichen  Dualis- 
mus ist  nicht  versucht  oder  wenigstens  nur  leise  und  unbewuist  an- 
gedeutet Es  widerstrebt  das  auch  dem  Charakter  der  meisten  der 
Schriften,  indem  sie  eben,  nach  Art  in  die  Welt  gestreuter  Flug-  und 
Parteiblätter,  einseitig  gewisse  Mittel  und  Wege  betonen.  Starkey 
allerdings  geht  spekulativ  vor,  mehr  noch  als  Morus,  und  kommt  der 
Sache  nahe.  Er  gerade  verbreitet  sich  auch  mit  Glück  über  die 
Verhältnisse  des  englischen  Gewerbes  und  schreibt  umfassend,  da 
wo  andere  nur  gewisse  Teile  des  Organismus  herausgenommen  und 
als  krankhaft  beseitigt  wissen  wollen. ') 

Das  Mafs  der  vorhandenen  fiinsicht  auf  dem  Gebiete  des  Ge- 
werbes darf  jedoch  allseitig  als  nicht  gering  bezeichnet  werden: 
Organisation,  Technik,  Kapitalsbeschaffung,  Schutz  gegen  das  Kapital 
und  gegen  das  Ausland  sind  Worte,  die  in  ihrer  Bedeutung  bereits 
gewürdigt  und  besprochen  werden,  wenn  sie  auch  weit  entfernt  sind, 
das  Wahl-  und  Kamp^rogramm  verschiedener  sozialer  Gruppen  im 
Verbände  des  Staates  zu  bilden. 


*)  Seite  77. 
^  Seite  S4. 
0  VergL  Starkey  Seite  172  ff. 


ISS 


Fünftes  EapiteL 

Der  Handel. 


Der  Handel  bewegt  sich  in  der  Richtung  der  Torhandenen  Ver« 
kehrswege;  der  beste  derselben  ist  die  See.  Das  Ursprüngliche  für 
England  ist  demgemäfs  der  Aufsen-  und  Küstenhandel;  diesem  folgt 
die  Entwickelung  des  Güteraustausches  im  Innern. 

Dem  Binnenhandel  ist,  soweit  derselbe  nicht  mit  dem  Zwischen* 
bandel  zusammenfallt^  in  den  Quellschriften  eine  Beachtung  nicht  ge- 
schenkt; es  erscheint  eben  der  Aufsenhandel  als  wirtschaftlich  über« 
wiegend. 

Der  Idbell  tritt  mit  kräftigen  und  energischen  Worten  für  den 
Handel  ein;  von  einem  regen  und  erfolgreichen  Betriebe  desselben 
Terspricht  sich  der  Verfasser  ein  zweifaches:  einmal  Erwerbung  yon 
Reichtom  für  das  Land,  sodann  eine  Kräftigung  der  politischen 
Steüungy  ^)  hervorgehend  letzteres  aus  der  Lage  und  der  Gestaltung 
d»  Urproduktion  in  England  und  Ausnutzung  dieser  Konjunkturen 
durch  entsprechende  Thätigkeit  ,^st  der  Kaufmann  reich,  so  ist  ea 
das  ganze  Land,^*)  wird  in  dieser  Beziehung  gesagt,  und  weiter: 
Beherrschung  des  Meeres  und  damit  des  Handels  sichert  Frieden  und 
lSnflu£s  auswärts.^ 

>)  Seite  SB,  U,  W»  87. 

^  Seite  41. 

^  Vergi  z.  B.  die  Bingeagsstrophe  S.  95: 

The  trew  Prooeeee  of  Engüih  polioye 
Of  ntterward  to  keep  this  r^gn  in  rest 
Of  ovr  Müglutd,  tbat  bo  man  laaj  deiiye^ 
If er  say  ef  sotk  bat  it'  is  oea  the  beei» 
Ii  thii  thmty  who  aayth,  lonth  north  eet  and  weet 
Cherish  marchanndyes  keep  th'  amiraltee 
That  we  be  maytteres  of  the  narow  le^.' 
SeHe4ft. 


BlMlmlMWMiliiftL  StodiM.  T.  ^g^  ^ 


—    34    — 

Als  zur  Hebung  des  Handels  taugliche  Mittel  werden  genannt : 
Erwerbung  Yon  Friyflegien  im  Auslande  auf  dem  Yertragswege,  Be- 
schränkung der  Priyilegien  der  Fremden  im  Inlande,  insbesondere 
Anwendung  des  Fremdenrechts,  ^)  Errichtung  einer  eigenen  Handels- 
und  Kriegsflotte,  letztere  zur  Aufrechthaltang  der  Seepolizei  und  zur 
Wahrung  der  englischen  Interessen  im  fremden  Hafen.  *) 

Die  Ansichten  über  Tolkswirtschaftliche  Bedeutung  und  Nutzen 
des  Handels,  wie  sie  im  Libell  hervorgehoben  sind,  finden  sich  später 
keineswegs  mehr  in  derselben  günstigen  Sichtung  yertreten,  wobei 
insbesondere,  wie  bereits  einmal  ausgesprochen,  die  yon  Pauli  ge- 
sammelten Denkschriften  aus  der  Zeit  Heinrichs  Viü.  durch  ihre 
dem  Handel  mifsgünstige  Gesinnung  sich  auszeichnen.  In  erster 
Linie  lassen  dieselben  überhaupt  nur  den  Aufsenhandel  gelten,  der 
Zwischenhand  wird  die  Berechtigung  abgesprochen.  Die  Autoren 
werden  hierbei  von  der  Erwägung  geleitet,  es  führe  der  Zwischen- 
handel zu  einer  wirtschaftlich  ungesunden  Preissteigerung,  ungesund, 
weil  sie  dem  Oewerbsmann  die  Beschaffung  der  Bohstoffe  und  aller 
Welt  die  Erwerbung  des  Lebensunterhaltes  sehr  erschwere.  Aus- 
schlaggebend für  die  Verdammung  ist  schliefslich  die  Meinung  jener 
Zeit,  der  aus  dem  Zwischenhandel  heryorgehende  Gewinn,  ein  reiner 
Geldgewinn,  sei  durch  Wucher,  nicht  durch  redliche  Arbeit,  d.  i. 
die  der  Hände,  erworben. 

A  Treatise  sucht  die  Wahrheit  seiner  Ausführungen  durch  den 
Hinweis  auf  die  Entwickelung  des  Zwischenhandels  im  Wollgeschäft 
zu  erhärten : ")  Es  haben  die  Merchant  adyenturers  im  Wettbewerb 
mit  den  Stapelkaufleuten  den  Vorrang  gewonnen;  ihre  Zahl  mehrte 
sich  ungemein.  Es  entstand  damit  eine  starke  Nachfirage  nach  Wolle. 
Dadurch  yeranlafst  zogen  die  Zwischenhändler  auf  das  Land  hinaus 
und  kauften  die  WoUyorräte  auf,  um  sie  an  die  grofsen  Handels* 
häuser  wieder  abzuliefern;  sie  waren  mit  dem  blofsen  Geldgewinne 
zufrieden.  Das  ganze  G^bahren  hatte  aber  die  schlimmsten  Folgen : 
Die  Preise  schnellten  aufserordentlich  in  die  Höhe  und  dadurch 
wurde  dem  Ackerbau  der  Boden,  dem  Handwerk  der  Rohstoff  ent- 
zogen, es  kamen  die  Einhegungen  und  der  Niedergang  des  Gewerbes. 

How  to  reforme  sucht,  wie  schon  dargestellt,  das  Heil  in  der 
Errichtung  eines  Stapels:  Im  Interesse  billiger  Preise  ist  der  Zwischen- 
handel mit  Tuch  zu  hintertreiben,  die  einheimischen  Kaufleute  dürfen 

0  Seite  41. 
')  Seite  46,  64. 
•)  Seite  16  ff. 

184 


~    36    — 

in  diesem  Behufe  den  Fremden  nicht  mehr  gegenüber  treten,  sondern 
der  König  muls  befehlen,  dafs  die  Ausländer  direkt  im  königlichen 
Zentnüstapel  einkaufen.  Zur  Beseitigung  des  Zwischenhandels  mit 
Lebensmitteln  wird  den  Gemeinden  Einkauf  unmittelbar  beim  Pro* 
duzenten  an  das  Herz  gelegt. ') 

Der  Aufsenhandel  nun  erflihrt  entschieden  eine  ungerechte  Be- 
urteilung ;  die  Ausübung  eines  Druckes  auf  das  Gewerbe  zugegeben, 
80  steht  immerhin  die  Verdammung  des  Handels  damit  in  keinem 
Verhalliiis.  Zunächst  wird  schlechtweg  seine  ProduktiTität  geleugnet, 
die  Möglichkeit  eines  Nutzen  bringenden  Betriebes  zurückgeschraubt 
auf  den  einzigen  Fall  der  Ausfuhr  der  G-ewerbsprodukte  und  auch 
hier  nur  mit  der  Beschränkung  der  Bückfracht  auf  Edelmetall  zu- 
gestanden. In  gleicher  Weise  dürfen  nicht  die  vorzüglichsten  Hilfs- 
mittel kaufmannischen  Umsatzes,  die  YereinfSächungen  des  Geldver» 
kehrs,  gelten.  *)  In  Folge  dieser  Ideenrichtimg  wird  in  der  mög- 
lichsten Beschränkung  des  Handels  Bettung  gesucht.  Als  Beleg  nun 
eioige  der  Stellen: 

A  Treatise  stellt  yergangene  Zeit  und  Gegenwart  einander 
gegenüber: 

Als  die  Stapler  sich  in  Calais  zu  einer  Korporation  zusammen- 
schlössen, waren  sie  nicht  zahlreicher  iJs  eben  zum  Yerschleifs  der 
Wolle  hinreichte,  wie  sie  die  einzelnen  Farmer  in  England  erzeugten. 
FSr  die  bestimmte  Menge,  welche  alljährlich  nach  Calais  ausgeführt 
wurde,  brachten  die  Stapelkaufleute  haar  Geld  und  Barrenmetall  nach 
dem  Lande  zurück,  so  dafs  eine  Fülle  Geldes  zum  Segen  des  Reiches 
Torhanden  war.*) 

Dem  gegenüber  kam  im  Verkehr  mit  den  Niederländern  die 
Anweisung  und  Zahlung  mittels  Wechsel  in  Übung,  indem  z.  B. 
die  Stapler  imd  die  Merchant  adventurers  in  London  einander  in  die 
Hände  arbeiteten,  was  zur  Folge  hatte,  dafs  baar  Geld  nicht  mehr 
nach  England  kam.^) 

Zusammenfassend  wird  am  Schlüsse  der  Abhandlung  gesagt: 
Wenn  wir  recht  zusehen,  so  ist  London  schuld  an  all  dem  Unheil, 
das  über  England  hereingebrochen ;  hier  haben  sich  die  Kaufleute 
übermäfsig  yermehrt,  denen  gegenüber  der  Handwerker  sich  nicht 
halten  kann,  indem  jeder  nur  durch  Handel  zu  verdienen  sucht.    Es 

')  Seite  78. 

*)  Siehe  unten  Seite  48. 

*)  Seite  16. 

«)  Seite  84. 

8* 

10* 


—    36    — 

wurde  dadurch  der  Aufstand  erregt,  der  sich  gegen  die  Fremden 
richtete,  eigentlich  aher  gegen  unsere  Kauf  leute  hätte  gehen  sollen.  ^) 

Bittere  Worte  gebraucht  How  to  reforme :  *)  der  Lord ,  ehemals 
80  reich,  ist  yerarmt  und  zwar  durch  niemand  anderen  als  ein  paar 
armer  Leute  Kind,  denen  gestattet  wurde,  zu  handeln  und  zu  ver- 
kaufen;  diese  haben  allen  Reichtum  in  ihre  Taschen  gebracht.  Eng- 
land liegt  darnieder,  es  gibt  dagegen  kein  anderes  Heilmittel  als  Er- 
richtung eines  Wollstapels  in  London;  es  ist  besser,  eine  Menge 
▼on  Edelmetall  im  Lande  zu  haben  als  eine  Menge  Kaufleute  und 
Waren.  •) 

Bei  den  Utopiem  ist,  entsprechend  ihrem  Eechtszustande,  über« 
haupt  nur  ein  Aulsenhandel  möglich,  der  indes  nicht  viel  Beachtung 
erfahrt:  „das  Überflüssige  fährt  man  ins  Ausland;  der  siebente  Teil 
dieser  Wären  wird  unter  die  Armen  des  Landes  yerteilt,  in  welches 
man  jene  ausführt;  das  Übrige  wird  zu  mälsigen  Preisen  verkauft; 
durch  diesen  Handel  gewinnt  Utopien  nicht  allein  Gegenstände  des 
Bedürfnisses,  wie  z.  B.  Eisen,  sondern  auch  eine  beträchtliche  Menge 
Gold  und  Silber ;  ^)  durch  den  Handel  kommen  dort  wenige  Fremde 
zusammen;  denn  was  sollte  man.  Eisen  ausgenommen,  nach  Utopien 
einfuhren? 

Was  den  Ausfuhrhandel  betrifft  f  so  betreiben  die  Utopier  ihn 
selbst,  und  dabei  haben  sie  zwei  Zwecke:  zuerst  um  stets  zu  wissen, 
was  in  der  AuÜBcnwelt  vorgeht,  und  dann,  um  ihre  Schifiiahrt  aufrecht 
zu  erhalten  und  zu  vervollkommnen.  *) 

Auch  Starkey  erblickt  im  Handel,  wie  er  sich  thatsächlich  ab- 
wickelt, eine  wirtschafkliche  Gefahr;  er  erklärt  sich  das  Massenelend 
aus  dem  Druck,  den  der  Handel  auf  Gewerbe  und  Ackerbau  aus- 
übt,*) wobei  dessen  Entstehung  mit  der  Ausfuhr  von  BrOhstoffen  und 
der  Einfuhr  von  Waren  begründet  wird.  Zur  Ermöglichung  der 
Besserung  fordert  Starkey  eine  entsprechende  Regelung  des  Handels* 
betriebes;  hierzu  wird  in  Vorschlag  gebracht:  Aktivhandel  ^  --^  eng» 
lische  Reeder  soUen  den  Handel  vennittehi  — ,  polizeiliche  Begrenzung 


0  Seite  88. 

^  Seite  70. 

')  Vergl.  nooli  bei  Clement  Armettrong'i  Sermons,  Seite  47. 

«)  Seite  88. 

»)  Seite  118. 

^  Seite  80. 

")  Seite  174. 

1S6 


—    87    — 

der  dem  Handel  unterwoTfianen  Wbxvdl  ,  ^)  scharfe  Handhabung  des 
AremdemeGhtBi  nnd  addiefelich^  da  im  letzten  Grande  die  getadelten 
Angwtdise  im  Handel  auf  den  EgoiamuB  der  Eanfleute,  gefördert 
noch  dmch  eine  fibermäfsige  Anssahl  derselben,  also  starke  Eon- 
korrenz,  zurückgeluhrt  werden,  heischt  Starkey  Eindämmung  des 
HsndelB  durch  Verminderung  der  Zahl  der  Kaufleute.  *) 

Aufih  auf  dem  Gebiete  des  Handels  findet  sich  demnach  bei  dem 
gensnnten  Yerbaaer  unTerkennbar  das  Bestreben  zum  Ausdruck  ge- 
bracht, durch  eine  gcnvisse  Organisation  des  Erwerbszweiges  oder  hiear 
Tielleicht  besser  gesagt  durch  straffe  Gebundenheit  des  wirtschaften« 
den  Subjekts  die  grölstmögliche  Garantie  gegen  eine  Ausbeutung 
des  wirtschaftlich  Schwächeren  durch  den  Stärkeren  zu  geben.  Der 
Rückschlag  auf  die  mit  einer  derartigen  Malsnahme  bedrohte 
Kategorie  ökonomischen  Lebens  bleibt  hierbei  freilich  au&er  acht. 
Ob  die  Yorgeschlagenen  Mittel  auch  als  tauglich  erachtet  werden 
können,  den  gewollten  Erfolg  zu  gewinnen,  steht  aufserhalb  der  B^ 
tEachtong ;  es  würde  zu  weit  fiihren  darauf  einzugehen,  und  aulserdem 
ist  die  Beurteilung  dieser  Frage  hier  einfach ;  es  hindert  z.  B.  nach 
einer  Verminderung  der  Zahl  der  Eaufleute  die  Bleibenden  nichts 
dnrdi  Ausdehnung  der  Geschäfte  auf  der  Höhe  des  früheren  Gteamt- 
nmaatzes  zu  Terharren,  ja  diesen  zu  überbieten,  selbst  innerhalb  der 
Schranke  polizeilicher  Überwadiung. 

Aus  den  wenigen  angeführten  Stellen  spricht  unverkennbar  die 
Milssfeimmung  und  Abneigung  jener  Zeit  gegen  den  Handel  Da  der 
offensichtliGhe  Zer£all  von  Gewerbe  und  Ackerbau  tou  der  Meinung 
des  Tages  dem  Handel  zur  Last  gelegt  wurde,  und  zwar  deswegen, 
weil  er  den  yorhandenen  Wohlstand,  welcher  mit  dem  Edelmetall- 
bestande identifiziert  wurde,  aufsauge,  indem  er  die  frühere  Gepflogen* 
heit,  Edelmetall  in  Bückfracht  zu  nehmen,  verlassen  habe,  vielmehr 
Waoen  zur  Yesladung  für  den  Heimweg  gelangten,  durch  doppelten 
Umsatz  also  doppelter  Gewinn  ftlr  den  Kaufinann  hervorgehe,  so 
konnte  es  nicht  anders  kommen,  als  dafs  das  Yolk  zur  Verdammung 
des  Handels  getrieben  wurde. 

Es  bleibt  bedauernswert,  dafs  die  Theorie,  oder  für  jene  Zeit 
besser  die  Anschauung  des  Praktikers,  nicht  sofort  mit  der  geänderten 
nationalen  Arbeit  vorwärts  schritt,  vielmehr  allzulange  das  Heil  in 
der  Bückkehr  zu  den   alten  Verhältnissen  erblickte,   ein  Vorgang 


>)  Seite  156,  178. 
*)  Seite  97,  84,  80. 

XS7 


—     38    — 

allerdings  y  wie  er  in  ähnlicher  Lage  stets  in  der  Geschichte  sich 
wieder  zeigt  und  begründet  erscheint  in  der  Schwierigkeit  des  Über- 
ganges von  einem  Erwerbszweig  zum  anderen  gerade  für  die  Menge. 

Erst  in  der  Zeit  unter  Elisabeth,  mit  der  gewonnenen  Einsicht, 
es  sei  die  Bückkehr  zu  den  alten  agrarischen  Verhältnissen  unmög- 
lich, gelangte  man  zur  Überzeugung,  das  Heil  Englands  liege  nun- 
mehr in  der  Industrie  imd  dem  Handel,  und  schritt  zum  Wettbewerb 
mit  den  damals  herrschenden  Nationen,  ^)  wobei  es  aber  ein  Verdienst 
der  beiden  ersten  Tudors  bleibt,  mit  der  Organisation  der  eng- 
lischen Marine  begonnen  zu  haben. 

Zur  näheren  Erläuterung  der  Darstellung  möge  noch  ein  Wort 
Ochenkowski's  dienen,  welcher  sagt,")  mafisgebend  für  die  Anknüpfung 
von  Handelsbeziehungen  und  für  die  Verleihung  von  Handelsprivilegien 
seitens  der  englischen  Könige  seien  einmal  politische  und  sodann 
finanzielle  Rücksichtnahmen  gewesen,  das  kaufmännische  Moment  da- 
gegen gänzlich  in  den  Hintergrund  getreten.  Dieses  Qebahren  habe 
sich  auf  die  allgemeine  Anschauung  gestützt,  im  Handel  solle  man 
lediglich  den  Bestand  an  Edelmetall  wahren,  eine  Bereicherung  sei 
weder  möglich  noch  wünschenswert. 

Eine  merkwürdige  Erscheinung  bietet  dem  gegenüber  nur  der 
Libell,  der  mit  energischen  Worten  auf  den  Zusammenhang  des 
Nationalwohlstandes  mit  dem  Beichtum  des  Kaufmanns  hinweist.  — 

Im  Anschluls  an  die  Besprechung  der  über  den  Handel  yor- 
gefundenen  Stellen  empfiehlt  es  sich,  den  Einrichtungen  Aufmerksam 
keit  zu  schenken,  welche  in  inniger  Berührung  mit  demselben  stehen 
Schiffahrt,  Zollpolitik,  Kredit. 

Die  wenigen  der  Ausbeute  werten  Stellen  mögen  zusammen- 
gestellt werden. 


')  W.  Röscher,  Zar  Geschichte  der  englischen  Volkswirtschaftslehre  im  16. 
und  17.  Jahrh.   8.  Kapitel. 
*)  a.  a.  0.  Seite  185  ff. 


188 


Sechstes  KapiteL 

Schiffahrt,  Zollpolitik,  Kredit 


I.  Schiffahrt 

Die  YoTbedingnngen  f&r  das  Gedeihen  des  Handels  sind  Ver- 
kehrsstralsen  und  Transportmittel.  In  dieser  Bichtung  ist  die  Be- 
dentnng  der  See  und  einer  eigenen  Handels-  und  Kriegsflotte  für 
England  y  entsprechend  der  allgemeinen  Stellnngnahme  znm  Handel 
in  dem  der  Besprechimg  unterworfenen  Zeitraum,  nicht  immer  er- 
bont  worden. 

Nur  der  Libell  hat  die  Vorteile  der  Lage  Englands  klar  erfieJüst 
und  bringt  scharf  seine  Forderung  der  Herrschaft  auf  dem  Meere 
ond  des  damit  yerbundenen  schwunghaften  Handels  zum  Ausdruck, 
ßndiinglich  wird  auf  die  glänzenden  Beispiele  in  der  vaterländischen 
Greschichte  hingewiesen,  auf  die  Könige,  welche  zur  Ghröfse  und  zum 
Böhme  Englands  mächtige  Herrscher  zur  See  gewesen  waien :  Edgar, 
Eduard  lEE.  und  Heinrich  Y.  ^)  Die  Mahnung  geht  zur  Nachahmung 
ihres  Beispieles  und  damit  zur  Scha£fung  einer  starken  Ejiegsflotte 
tarn  Schatze  des  Handels  und  einer  zahlreichen  SLandelsflotte  zur 
Yeimittelung  des  Yerkehrs. 

Die  Anfange,  welche  Heinrich  Y.  mit  Errichtung  einer  staat- 
lichen Flotte  gemacht  hatte,  nahmen  in  der  Zeit  des  Bürgerkrieges 
keinerlei  Fortgang.  Erst  Heinrich  Vll.  und  sein  Nachfolger  gingen 
wieder  unternehmend  auf  diesem  Gebiete  vor,  ohne  jedoch  allseitige 
Billigung  und  Anerkennung  zu  finden. 


»)  Seite  81,  64. 

18» 


—    40    — 

How  to  reforme  veilaiigty  es  sollen  die  Fremden  za  dem  in 
London  za  errichtenden  Sti^iel  selbst  kommen,  nm  englisches  Tnch 
gegen  Edelmetalle  za  holen,  dem  eigenen  Kaofinoann  dagegen  die  Aob- 
fbhr  nicht  gestattet  sein.  ^) 

In  gleicher  Weise  preisen  Clement  Armestrongs  Sermons  die  Ter- 
gangenen  Zeiten  ab  glückliche,  weil  keine  Eanfleate  im  Lande  waren, 
yielmehr  die  Fremden  selbst  kommen  mausten,  am  den  Handel  zu 
betreiben.  *) 

Moras  erkennt,  wiewohl  dem  Ebndel  nicht  sonderlich  gewogen, 
den  Wert  der  Schiffiihrtskande  and  den  Besitz  einer  Flotte  für  ein 
Land  recht  wohl,  besonders  vom  Standpnnkte  der  Wehrkraft  aus. 
Wie  oben  erwähnt,  laust  er  seine  Utopier  den  Ansfohrhandel  eigent^ 
lieh  bloCs  treiben,  am  die  Schi£EEJirt  aufirecht  za  erhalten  and  za  yer- 
Tollkommnen. 

Starkey  betont  lebhaft  den  Wert  einer  Flotte  ftur  England,  eine 
erwünschte  Stärkung  der  DefensiTe  wie  Erwägungen  handelspolitischer 
Natur  lassen  sie  gleich  notwendig  für  ihn  erscheinen.  „Noch  nie- 
mals, sagt  er,  hat  England  so  wenig  erfahrene  Ei^itäne  gehabt  als 
jetzt;  den  Vergleich  mit  der  Vergangenheit  halten  wir  nicht  aas, 
unser  Land  ist  schwach  geworden.*^  *)  Auf  die  Forderung  des  AkÜT- 
bandels  durch  Starkey  ist  bereits  hingewiesen. 

Wie  hervorgehoben,  gingen  die  Tudors  wieder  mit  der  Schaffung 
einer  Flotte  yor;  Schritt  damit  hielten  Gesetze  über  Flotten» 
schütz. 

Heinrich  Vlil-  schien  anfänglich  die  Yon  seinem  Vater  betretene 
Sahn  verlassen  zu  wollen;  aber  der  Gang  der  politischen  Ereignisse, 
wie  das  Werk  der  Beformation  nötigten  ihn  zur  Aufstellung  einer 
bedeutenden  Verteidigongsmacht ;  von  da  ab  herrschte  wieder  Flotten« 
schütz.  D%n  Ausschlag  gab  1639  eine  Bill,  „the  mayntenaaoe  of  the 
navy^ ;  aus  Büeksichten  der  Wehrkraft  und  des  Handels  wie  der  Be- 
völkerungspolitik wird  die  Forderang  einer  starken  Flotte  aulgestellt. 
Der  Erfolg  war  ein  groDser,  unterstützt  namentUch  durch  £e  vorher- 
gegangene Organisation  der  Schiffismannschaft;  es  wurde  die  Gilde 
der  königlichen  Bemannung  mit  den  PrivatMiderschaften  der  Schiffs- 
mannschaft der  englischen  Eaufleute  verschmolzen.^) 


0  Seite  OS. 

*)  Seite  46£L 

•)  Seite  84. 

«)  Das  Nihere  siehe  Sohaiu  a.  a.  O.  Seite  861  ff. 

140 


—    41    — 

n.  ZoUpolitlk. 

Bezüglich  der  BehandluDg  der  Zollpolitik  ist  in  erster  Linie 
Büdcsicht  za  nehmen  darauf,  dais  der  Zoll  eine  Haupteinnahme  f&r 
die  Könige  hfldete;  das  Organ,  welches  die  Einnahmen  yermittelte, 
war  der  Stapel ;  es  hing  die  Erhebung  der  Zölle  mit  der  Einrichtung 
des  englischen  Handels  zusammen.  Femer  ist  nicht  zu  vergessen^ 
dab  man  sich  des  Zolles  bereits  als  einer  Waffe  im  intemationalem 
Verkehr  bediente.  In  dritter  Linie  lag  es  in  der  Hand  der  Könige, 
Ton  den  einmal  festgesetzten  Zöllen  —  natürlich  nicht  von  vertrag«* 
maCngen  Zolltarifen  —  durch  Lizenzen  zu  entbinden.  Durch  diese 
drei  angeführten  Punkte  wird  die  ganze  Zollgesetzgebung  beherrscht.^) 

Mit  dem  Aufkommen  der  Schutzidee  aber  fttr  die  Lidustrie, 
welche,  wie  oben  gezeigt,  die  Gemüter  lebhaft  bereits  beschäftigt,  ge- 
winnen ZoUmalsnahmen  eine  höhere  Bedeutung;  dem  entsprechend 
dann  auch  die  Vorschläge  in  den  Werken  jener  Zeit. 

How  to  reforme  Terlangt  für  die  Merchant  adventurers  dieselben 
Ausfuhrzölle  wie  für  die  fremden  Kaufleute;  die  leitenden  Oesichts- 
punkte  sind  bereits  hervorgehoben;^)  daneben  aber  wird  auch  die  dem 
Könige  dadurch  erwachsende  Einnahmequelle  wohl  gewürdigt,  vielleicht 
gerade  um  den  Vorschlag  empfehlenswert  zu  machen.') 

Erwähnt  ist  *)  femer  schon,  da£9  in  „How  the  comen  people^  ein 
Eingangszoll  für  jede  Ware  gefordert  wird,  die  in  irgend  einem 
Teile  des  Landes  produziert  wird. 

Die  Aufmerksamkeit,  welche  man  der  Lebensmittel-  und  Preis- 
politik schenkt,  veranlaüst  gleich&lls  Stellungnahme  zur  ZoUgebahrung. 
Starkey  fordert  eine  Abschaffung  aller  Einfuhrzölle  auf  Artikel,  die 
notwendigerweise  vom  Ausland  zu  beziehen  sind,  um  der  Bevölkerung 
zu  ihrem  Gedeihen  und  ihrer  Vermehrung  niedrige  Preise  zu  sichern.^) 

Henry  Brinklow  wendet  sich  gegen  jeden  Eingangszoll  :^  es  sind 
die  EingangszöUe  nur  eine  lästige  Bürde;  sie  waren  ausnahmsweise 
geschaffen  als  Einnahmequelle  in  der  Kriegszeit  und  zur  Ausrüstung 
gegen  die  Seeräuber,  nun  scheinen  sie  bleiben  zu  woUen;  sie  sind  ein 

Schaden  für  das  ganze  Land :  die  Preise  stiegen  dadurch  um  wenigstens  67o* 

*)  ^erg^  hiena  Sobanz  n.  Oohenkowtki  a.  a.  O.  unter  dieaem  Titel. 
*)  Oben  Seite  SB. 
•)  Seite  66. 
«)  Oben  Seite  29. 
•)  Seite  174. 

^  Complaynt»  Sl.  Oapitel  ,0f  the  inhansyng  of  the  castome,  which  is  agaymt 
the  common  welth*  Seite  49. 

141 


—    42     — 

ni.  Kredit. 

Es  ist  bekannt,  in  welcher  Art  die  kanonistische  Anschauung 
über  den  Zins  das  geschäftliche  Leben  im  Mittelalter  beherrschte. 
Nicht  nur  das  Zinsnehmen  Ton  einem  Darlehen  ist  für  sündhaft  erklart, 
sondern  es  wird  auch  jedes  Geschäft  verpönt,  welches  die  Stundung 
einer  Gegenleistung  gegen  eine  Leistung  mit  daraus  hervorgehen- 
dem ZinsengenuCs  in  sich  schliefst,  so  z.  B.  das  Wechselgeschäfli. 

Diese  AuftiGissung  von  der  Verwerflichkeit  des  Zinsnehmens  und 
der  zinstragenden  Kreditgeschäfte  spiegelt  sich  auch  in  unseren  Quell- 
schriften. 

G-egen  die  letzterwähnte  Art  des  Kreditierens  richtet  sich  der 
allgemeine  Unwille  noch  aus  einem  anderen  Grunde.  Es  ist  die  An- 
sicht, der  Reichtum  eines  Landes  entspreche  der  Menge  Edelmetall, 
die  in  dessen  Gebiet  umlaufe,  in  weiten  Kreisen  bereits  durchgedrungen. 
Man  betrachtet  nun  alle  derartigen  Geschäftsabwickelungen,  welche 
die  Edelmetallbewegung  in  das  Land  verhinderten,  als  schädlich  fiir 
dasselbe.  Diese  Anschauung  ist  um  so  erklärlicher,  als  man  eben  zu 
einer  Vergleichung  der  ein-  und  ausgefährten  Werte  noch  nicht  vor- 
geschritten war. 

Dem  Gesagten  steht  aber  in  der  Erwägung  gegenüber  die  That- 
sache,  dafs,  wie  überhaupt  das  Ende  des  Mittelalters  die  grö&te  Um- 
wälzung auf  allen  Gebieten  menschlichen  Denkens  und  Handelns 
bedeutet,  auch  die  kanonistische  Zinsenlehre  lebhaft  bereits  angefeindet 
ist;  in  Folge  dieses  Umstandes  ergibt  sich,  dais  die  Praxis  vieLGEich 
mit  derselben  sich  abgefunden  hat,  wenn  auch  die  Theorie  ihr  noch 
stark  huldigt. 

Dieser  Umschwung  läfst  sich  gleichfalls  aus  einzelnen  Stellen  ent- 
nehmen; es  wird  von  einer  Seite  die  Produktivität  des  Kredites  als 
Mittel  zur  Beschaffung  wirtschaftenden  Kapitals  klar  betont,  eine 
innere  Berechtigung  des  Zinses  damit  anerkannt. 

Durch  Zusanmienhalt  einzelner  Angaben  wird  man  mitten  in  den 
Kampf  der  Meinungen  versetzt. 

Mit  grofser  Erbitterung  spricht  der  YerfSasser  des  Libell  gegen 
die  Wechselkünste  der  Venetianer:^)  Sie  kaufen  unsere  BAuptprodukte, 
Wolle,  Zinn  und  Leder,  auf  Ejredit,  bringen  die  Waren  nach  Venedig 
und  setzen  sie  dort  um.  Mit  dem  Erlös  ziehen  sie  nach  Flandern, 
woselbst  sie  ihn  bei  den  Wechslern  deponieren.  Flandern  bezahlt 
England  mit  Wechseln,  dadurch  kommt  kein  Gt)ld  mehr  in  das  Land, 

')  Seite  89. 

142 


—    43    — 

sie  nehmen  infolgedessen  den  Wohlstand  mit  fort;  dahei  hat  aber 
En^and  noch  ein  Disagio  Ton  zwölf  Pfennigen  anf  das  Gtoldpfdnd  zu 
tragen.    Ein  derartiges  G^bahren  ist  nichts  anderes  als  Wucher. 

Ein  anderes  zweites  beliebtes  Vorgehen  der  Venetianer  ist:^)  sie 
kaufen  die  Wolle  zahlbar  in  einem  oder  zwei  Jahren  in  Calais;  in 
Brügge  schlagen  sie  die  erworbene  Wolle  gegen  Bar  los,  selbst  unter 
dem  Einkaufi^reiS;  den  Erlös  legen  sie  dann  auf  dem  Geldmarkt  ge- 
winnbringend an;  auch  das  sind  dem  Wucher  sehr  ähnliche  Geschäfte. 

A  T^eatise  tadelt  die  Merchant  adventurers  und  die  Stapelkauf- 
leate  heftig  wegen  der  gegenseitigen  Wechselgesch&fte.*) 

Das  Wollangebot  an  die  Niederlander  wurde  zur  Zeit  Königs 
Eduard  IV .  sehr  gesteigert ;  die  Niederländer  bezahlten  nunmehr  einen 
Teil  der  gekauften  Wolle  mit  Bargeld,  das  übrige  wiesen  sie  auf  die 
Markte  Yon  Antwerpen,  Bergen  op  Zoom  und  IdSddelburg  an ;  dabei 
wurde  das  Pfimd  Sterling  zu  S8  Schilling  flämisch  genommen,  wodurch 
f&r  den  englischen  Kaufmann  ein  Agio  von  8 — 12  Pfennigen  beim 
niederländischen  Pfund  entstand.  Die  Stapler  zogen  dann  Wechsel 
auf  die  Merchant  adventurers  in  London  und  verschifften  Waren 
nach  England.  —  Infolge  dieser  Übung  wird  der  Zufluls  an  Edelmetall 
nach  England  als  unterbunden  angenommen,  zum  grölsten  Schaden 
des  Landes. 

Hier  sind  weniger  die  rechtlichem  Boden  entspringenden  Bedenken 
der  Unerlaubtheit  der  Wechselgeschäfte  als  wucherisch  geltend  ge« 
macht  als  solche,  die  aus  rein  wirtschaftlichen  Erwägungen  hervorgehen« 

Der  Standpunkt  Henry  Brinklows  bezüglich  Sjreditgewährung  an 
das  Gewerbe  ist  bereits  gekennzeichnet.  *)  Während  die  Beformatoren  zum 
Teil  strenge  auf  der  kanonistischen  Anschauung  beharrten,  schliefst 
dch'Brinklow  der  neueren  Sichtung  unter  jenen  an,  welche  den  Zinsen- 
genuls  zugestanden. 

Ein  Weiterschreiten  in  der  zuletzt  angegebenen  Bichtung  ist  aus 
einem  Gresetze,  das  im  letzten  Parlamente  unter  Heinrich  YIII.  (1646) 
zu  Stande  kam,  zu  entnehmen,  wonach  Zinsenbezug  bis  zur  Höhe  von 
zehn  Prozent  gestattet  wurde ;  ein  neuer  Wucherbegriff  war  damit 
geschaffen.^) 

')  Seite  40. 

*)  Seite  34,  19,  90. 

*)  Complaynt  S9.  Ksp.  Seite  60. 

^  Yergl  SohAns  a.  s.  0.  Seite  661. 


148 


Siebentes  Kapitel. 

Wertschätzung  des  Edelmetalls. 


Mehrfach  bereits  ist  auf  die  Bedeutung  hingewiesen,  weldie  dem 
Edelmetall  als  Ausdruck  des  vorhandenen  Reichtums  beigelegt  wird; 
nicht  sowohl  als  ein  Tausch-Zahlungs-  und  Wertschätzungsmittel  gilt 
es,  sondern  gleichsam  als  der  kristallisierte  Niederschlag  des  durch 
die  Produktion  eines  Landes  gewonnenen  Wohlstandes,  es  erscheint  als 
die  sichtbare  Verkörperung  des  Reichtums  eines  Volkes. 

Diese  Anschauung  zieht  denn  auch  ihre  Folgen  nach  sich,  indem 
ausgesprochen  wird,  das  ganze  Trachten  des  Landes  müsse  dahin  gehen, 
da  es  Edelmetall  selbst  nicht  besitze,  von  ferne  her  für  seine  Er« 
Zeugnisse  sich  solches  zu  verschaffen;  daCsi  dasselbe  mit  gesteigerter 
Zunahme  im  Werte  sinken  könne,  seine  Eigenschaft  als  Ware,  wird 
in  keiner  Weise  geahnt. 

Andererseits  dagegen,  in  Berücksichtigung  der  Thatsache,  dab 
der  Besitz  dieses  wunderbaren  und  doch  verbalsten  Metalles  den  Aus« 
schlag  für  das  menschliche  Geschick  gebe,  wird  der  Versuch  gemadxt, 
ein  G-emeinwesen  au&ubauen,  das  sich  von  demselben  als  einer  üb^- 
flüssigen  und  lästigen  Bürde  frei  gemacht  hat.  Morus  lä&t  seine 
ütopier  die  Glückseligkeit  eines  derartigen  Zustandes  genielBen :  „Gkdd 
und  Silber^)  haben  in  diesem  Lande  nicht  mehr  Wert  als  die  Natnx 
ihnen  gegeben,  man  schätzt  dort  diese  beiden  Metalle  weit  niedriger 
als  das  Eisen,  welches  den  Menschen  ebenso  unentbehrlich  ist  als 
Wasser  und  Feuer.  Li  der  That  besitzt  weder  das  Gold  noch  das 
Silber  irgend  einen  Vorzug,  eine  Fähigkeit  für  die  Anwendung,  eine 
Eigentümlichkeit,  deren   Nicht- Vorhandensein   ein   natürlicher   oder 

')  Seite  90. 

144 


—    46    — 

mkrltaftiger  XTbelstand  wäre.  Nor  die  menscUiclie  Thorheit  hat  auf 
3ire  SettooLheit  ^en  sehr  hohen  Preis  gesetzt.  Die  Natur,  diese  vor- 
tieffliche  Matter,  hat  sie  als  unnütze  nnd  eitle-  Erzengnisse  tief  yergraben, 
während  sie  die  Luft,  das  Wasser,  die  Erde  und  alles,  was  gut  und 
wirklich  nützlich  ist,  bloisgelegt  hat.**  Es  befremdet')  die  Utopier, 
dab  das  Gteld,  seiner  Natur  nach  so  unnütz,  einen  so  beträchtlichen 
konsilichen  Wert  erhalten  hat,  daüs  man  es  sogar  mehr  als  den  Menschen 
lelbsl  schätzt,  obgleich  der  Mensch  ihm  jenen  Wert  gegeben  hat  und 
es  nach  seiner  Laune  zu  seinem  Gebrauch  yerwendet. 

Das  Befremden,  das  den  ütopiem  untergelegt  wird,  ist  Moms 
sigenes;  er  ahnt  tod  all  den  Eigenschaften,  welche  Gk>ld  und  Silber 
zur  Verwendung  als  Geld  geschickt  machen,  nur  eine  einzige,  die 
Seltenheit;  der  geschichtliche  Werdegang  des  Geldes  als  eines  Tausch- 
mittelB  ist  ihm  wie  seinen  Zeitgenossen  verborgen.  — 

Der  Libell  setzt  Oold  und  Wohlstand  einander  gleich.*) 

Dieselbe  Auf&ssung  bringt  „On  Englands  Oommerdal  Policy^ 
wieder;  der  Ideengang  ist  folgender: 

Die  vorhandenen  Silberminen  sollten  möglichst  stark  ausgebeutet, 
bei  jeder  Mine  aber  zugleich  eine  Münzstätte  errichtet  werden;  alles 
zu  Tage  geforderte  Metall  habe  der  sofortigen  Ausprägung  zu  unter- 
liegen. Die  dadurch  herbeigeführte  Mehrung  an  Metallbestand  und 
umlaufender  Münze  verbreite  unendlichen  Segen:  Der  Arbeiter  em- 
pfange seinen  Lohn  in  Bar,  das  bedeute  eine  derartige  Kräftigung 
seiner  TJnterhaltsmittel,  daJGs  die  zehnfache  Zahl  existieren  könnte; 
neben  dem  Arbeiter  würde  jedoch  jeder  Stand,  ganz  England  würde 
bereichert  werden. 

A  Treatise  behauptet:^)  Der  ganze  Beichtum  unseres  Landes 
besteht  darin,  für  unsere  Produkte  Gold  von  anderen  Ländern  zu 
erbalten. 

How  to  reforme  bezeichnet^)  es  als  erste  Pflicht  des  Königs, 
Gold  und  Silber  aus  anderen  Ländern  herbeizuschaffen,  da  England 
solches  nicht  hervorbringe. 

Clement  Armestrongs  Sermons  nennen  jene  Zeit  die  Blüte  Eng- 
lands, als  für  die  englischen  Erzeugnisse  Gold  und  Silber  aus  anderen 
ländem  eingeführt  wurden.^) 

>)  Seite  96. 

>)  Seite  89. 

^  Seite  82;  vergl.  dam  Seite  15. 

*)  Seite  61. 

*)  Seite  41 

14» 


—    46    — 

Ein  YorBchlagy  den  EdelmetaUbestand  Englands  zu  sichem  und 
zu  halten  geht  in  „how  to  refonne^  dahin,  sofort  alles  Edelmetall,  ge- 
münztes und  ungemünztes,  sowie  es  englischen  Boden  berühre,  in 
englisches  Geld  umzuprägen.^) 

Brinklow')  und  Starkey ')  eifern,  ergriffen  von  der  Überzeugung, 
jede  Edelmetallausfuhr  bedeute  eine  Verminderung  des  National- 
wohlstandes, gegen  die  Yerbringung  Ton  Annaten  nadi  Bom. 

Die  vorgeführten  Stellen  bestätigen  das  oben  Gesagte,  und  es 
waren  diese  Anschauungen  über  das  Wesen  und  den  Wert  des  Edel- 
metalls so  allgemein  herrschend,  daJs  seit  früher  Zeit  schon  die  Be- 
mühung der  Begierung  und  Gesetzgebung  auf  Sicherung  des  steten 
Zuflusses  desselben  gerichtet  waren.  ^) 


^)  Seite  71. 

0  OampUynt  16.  Kap.  Of  fint  frates  Seite  88. 

*)  Seite  900. 

«)  Yergl  Sohanz  a.  a.  O.  Seite  482ff. 


146 


Achtes  Kapitel. 

Preisgestaltung. 


Die  Ausgestaltiuig  des  Preises  wurde  im  Mittelalter  als  auf  durch- 
ans  irillkürlicheT  Festsetzung  beruhend  aufge&Ist,  namentUch  glaubte 
man,  gehe  derselbe  aus  Aufstellungen  beliebiger  Art  einzelner .  mäch- 
tiger Interessentengruppen  herror.  Es  läfst  sich  diese  Anschauung 
als  hellsehende  schon  aus  der  Thatsache  entnehmen,  dafs  man  allent- 
halben den  Preis  durch  Vorschrift  festlegen  wollte,  zumeist  aber  bei 
den  Lebensmitteln  zu  gunsten  der  Konsumenten  dies  yersuchte. 

Für  England  kommen  hier  besonders  in  Belang  die  Unter- 
nehmungen, die  Preise  der  Seefische  und  des  Fleisches  im  erwähnten 
Sisne  zu  stabilisieren,  femer  verdient  Erwähnung  die  1866  erlassene 
assissa  panis,  ^)  durch  welche  eine  bestimmte  Zeit  hindurch  mit  Er- 
folg eingegriffen  wurde. 

Es  mag  die  Meinung,  die  Höhe  des  Preises  ein  für  aUemal  fest- 
legen zu  können,  bei  der  Gebundenheit  der  mittelalterlichen  Verhält- 
nisse (lokal  beschränkter  Absatz  etc.)  etwas  für  sich  gehabt  haben, 
sicher  ist  jedoch,  dafs  alle  Preistarife  mit  dem  Ende  des  Mittelalters 
durch  die  Wucht  der  wirtschaftlichen  Thatsachen  über  den  Haufen 
gerannt  werden.  Wie  in  der  Einleitung  erwähnt,  darf  al9  eine  dritte, 
durch  die  kapitalistische  Produktionsweise  hervorgerufene  Erscheinung 
eiQ  allgemeines  Sinken  des  Geldwertes  und  d^üraus  heirorgehendes 
Steigen  aller  Preise  bezeichnet  werden.  Infolge  der  durch  lebhafteren 
Yerkehr  aufgetretenen  Konkurrenz  erwiesen  die  Preisnormierungen 
erst  recht  sich  als  nutzlos. 

In  der  in  modemer  Zeit  feststehenden  Richtung  suchte  man 


')  Schanz  a.  a.  0.  Seite  624,  680,  087. 

147 


—    48    — 

natürlich  den  Grund  der  alle  Welt  in  Staunen  und  Schrecken  yer- 
setzenden  Bewegung  nicht,  sondern  man  hielt  an  der  einmal  herr- 
schenden Anschauung  fest  und  yerlangte  Aufiiahme  des  Kampfes 
mit  aller  Macht  gegen  die  Willkür  und  den  Egoismus  der  Inter- 
essenkreise, welche  an  der  Preiserhöhung  die  Schuld  trügen.  Als 
bezeichnend  für  die  allgemeine  Stimmung  und  Ansicht  darf  hier  ein 
Wort  Heinrichs  Vill.  angeführt  werden. ')  Yitayll  being  a  necessary 
sustenaunce  for  the  bodye  shuld  not  be  esteemed  at  the  sellers 
libertie,  lest  he  shuld  abuse  his  merchaundise  and  enforce  men  for 
want  to  bye  at  his  pryce.  Es  ist  gar  nicht  uninteressant  die  dies- 
bezüglichen Meinungen  jener  Tage  zu  yemehmen  in  einer  Zeit,  in 
welcher  lebhaft  über  Willkür  in  der  Preisfestsetzung  und  Ausbeutung 
des  Publikums  seitens  mächtiger  Kartelle  und  Ringe  geklagt  wird, 
und  in  welcher,  in  bedrohlichem  Tone  oft,  der  £uf  nach  billigem 
Brote  durch  die  Stralsen  getragen  wird,  wobei  für  unsere  Zeit  als 
charakteristisch  noch  eine  Verwertung  derartiger  Gegensätze  auf 
politischem  Parteigebiete  hinzutritt 

Zur  Orientierung  nun  wenige  der  einschlägigen  Stellen,  wobei 
ala  von  allgemeinem  Werte  herrorgehoben  zu  werden  verdient,  dals 
bereits  in  „a  proper  dyalogue^  die  vorhandene  und  zunehmende  Teuerung 
eine  Erwähnung  findet,  vermeintlicher  Grund  und  Mittel  zur  Abhilfe 
zur  Besprechung  gelangen.  Diese  Nachricht  verbürgt,  dafs  die  Wir- 
kung der  kapitalistischen  Produktionsweise  für  die  Preisgestaltung 
weiter  zurückzuversetzen  ist  als  bisher  vielfach,  auch  von  Koscher,  *) 
aagenommen  wurde.  ^ 

Monis  kommt  in  der  Begründung  der  Ilrscheinuiig  der  Preissteige- 
rung in  einer  Bichtung  der  Wahrheit  ziemlich  nahe,  nur  &fst  er  den 
Begriff  des  wirtschaftlich  mächtig  gewordenen  Kapitals  zu  enge.    Et 


^)  Sohanz  a.  a.  O.  Seite  028. 
*)  Siehe  im  aagef&hrten  Werk  fl.  Kapitel 

*)  Die  betreffende  Stelle  lautet  Seite  180,  nadidem  die  Tbateaohe  der  Eii^ 
begangen  Erwähnung  gefanden: 

Thas  it  the  wealth  of  YÜIage  and  towse 

With  the  fame  of  honorable  renowse 

fUlen  in  to  myserable  poyerte. 

PlentnooB  hooiüioldes  hereby  ar  dek^rde 

Belefe  of  poor  people  is  awaye  st»yde 

AUmes  exyled  with  hoapitalyta. 

By  Boohe  meanee  all  thing  wazeth  dere 

Complaynte  of  sabiectes  cryenge  ferro  and  nere 

Opressed  with  greroni  calamyCe. 

148 


—    49    — 

sagt:')  Eine  Folge  des  verderblichen  Systems  der  Einhegungen  ist 
der  in  mehreren  Gegenden  sehr  hohe  Preis  der  Lebensmittel.  Dabei 
wird  als  weitere  Folge  der  veränderten  Produktionsweise  ausge- 
sprochen: es  gestalte  sich  der  Preis  des  Rohstoffes  für  den  Gewerbs- 
mann  unerschwinglich  hoch,  vor  allem  sei  dies  für  Wolle  bemerkbar, 
und  hier  gerade  deswegen,  „weil  *)  der  Wollhandel,  wenngleich  er 
kein  gesetzliches  Monopol  ist,  sich  in  der  That  ausschliefslich  in  den 
Händen  einiger  reicher  Aufkäufer  befindet,  die  nichts  zum  Verkaufe 
drängt  und  die  daher  nur  mit  den  gröfsten  Vorteilen  verkaufen'^. 

How  to  reforme  schiebt  der  Zwischenhand  das  Steigen  der 
Preise  zu.  Mittel  und  Wege,  sie  lahm  zu  legen,  sind  in  anderem  Zu- 
sammenhange bereits  dargestellt. 

Bei  Brinklow  ^  findet  die  allgemeine  Teuerung  ihren  Grund  in 
der  unmäfsigen  Steigerung  der  Pachtrente  in  den  letzten  Jahren. 
Offenkundig  besteht  die  Thatsache,  dafs  der  Pachtschilling  sehr  ge- 
stiegen ist,  und  ganz  besonders  bei  denen,  welchen  der  König  die 
Abbeylands  gegeben  hat ;  besser  hätten  die  Mönche  selbst  ihr  Land 
behalten;  ihnen  wäre  es  nie  eingefallen,  den  Preis  der  Pachtung  zu 
steigern.  Dieses  Höhergehen  liegt  in  den  Pachtverträgen  begründet, 
welche  man  früher  nicht  gekannt  hat.  Dieser  hohe  Pachtschilling 
wird  das  Königreich  zu  Grunde  richten,  er  macht  Kleider  und  Essen 
teuer  fiir  alle.  Bettung  bringt  nur  ein  Herabsetzen  desselben.  Die 
Wirkung  wäre  ein  wohlthätiger  Preissturz,  in  erster  Linie  im  Ge- 
werbsleben bemerkbar. 

In  beiden  vorgenannten  Werken  wird  angesichts  der  herrschen- 
den Teuerung  auch  eine  sachgemäfse  Zollpolitik  in  der  Bichtung 
freien  Eingangs  für  die  unentbehrlichen  Gebrauchs-  und  Genufsmittel 
nahe  gelegt.*) 

In  gleicher  Bahn,  wie  bei  Brinklow,  bewegen  sich  die  folgenden 
Ausführungen : 

Starkey  betont,  *)  es  sei  die  Steigerung  der  Pachtrente  der  Grund 
aller  Teuerung ;  mit  ihrer  Verminderung  würde  die  Masse  der  Armen 
Yerschwinden,  Reichtum  in  das  Land  einziehen. 

Latimer  ruft  den  Landlords  zu,  ^)  sie  bekämen   zu  viel  fiir  ihre 

')  Seite  S9. 

>)  Gomplaynt.  II.  Kapitel  >,0f  inhansing  of  rentys  by  land  lordes"  Seite  10. 
^  Yergl.  oben  Seite  41. 

*)  Seite  176:  Of  tfays  rote  spryngyth  al  darth  of  al  thyngys  wyoh  we  achold 
have  by  tbe  dylygenoe  and  labor  of  the  pepul. 

^)  £nte  Predigt  vor  Konig  Eduard  VI.  Seite  89. 


BUtttawitMnachaftL  Studien.   ^-149  ^ 

11 


—     50    — 

Besitzimgen ;  gegen  20  und  40  Pftmd  jShriich  in  frfiherer  Zeit,  sei 
Bente  auf  60  nnd  100  Pfbnd  gestiegen.  Daher  denn  znmeiBt  die 
imgehenerliche  nnd  Schrecken  erregende  Tenemng;  der  arme  Mann^ 
der  Ton  seiner  Hände  Arbeit  lebe  nnd  im  Schweilise  seines  Angesichts 
sich  abplage,  vermöge  nicht  mehr  fortzakommen,  jede  Art  yon  Lebens- 
mitteln sei  gesti^en. 

In  Certayne  canses^)  etc.  ist  im  Hinblick  anf  den  infolge  der 
Einhegongen  eingetretenen  Niedergang  des  GFetreidebanes  ansgesprochen, 
es  lasse  sich  die  Preissteigerung  recht  wohl  begreifen,  wenn  man  er- 
wäge, dafs  in  Oxfordshire  allein  seit  Heinrich  VJl.  40  Pflüge  ein- 
g^angen  seien.  Ein  Pflng  genüge,  nm  eine  Fläche  znr  Erzeugung  Ton 
30  Quarter  Getreide  umzuackern,  30  Quarter  aber  bedeute  einen 
Vorrat  für  300  Menschen  auf  ein  Jahr.  Der  Zug  der  Preisgestaltung 
für  die  Lebensmittel  infolge  der  überhandnehmenden  Schafzucht  lasse 
sich  in  sechs  Sätzen  aussprechen: 

The  more  shepe,  the  dearer  is  the  wolL 
The  more  shepe,  the  dearer  is  the  motten. 
The  more  shepe,  the  dearer  is  the  beffe. 
The  more  shepe,  the  dearer  is  the  come. 
The  more  shepe,  the  skanter  is  the  whit  meat. 
The  more  shepe,  the  fewer  egges  for  a  peny. 

Die  aus  der  Darstellung  zu  entnehmende  Begründung  der  Er- 
scheinung ergibt  sich  als  eine  mit  dem  Fortschreiten  der  Zeit  wechselnde. 
Die  Schuld  trage  Reichtum  und  Trägheit  des  ESerus,*)  ein  über- 
mächtiger Handel,  ein  selbstsüchtig  ausgebeuteter  Grossgrundbesitz.  Zu 
beachten  ist  hierbei,  dafs  als  belastet  immer  jene  soziale  Gruppe  er- 
scheint, deren  wirtschaftliche  Lage  gerade  als  eine  günstige  im  Auge 
des  Beschauenden  sich  darstellt,  eine  Erscheinung,  die  bei  mangelhafter 
Einsicht  des  Urteilenden  stets  wiederkehren  wird  und  auch  in  unseren 
Tagen  eine  Bestätigung  findet. 

Gegen  die  steigenden  Preise  wird  zunächst  mit  dem  in  England 
bereits  erprobten  Mittel  der  gesetzlichen  Preisfestsetzung*)  ge- 
kämpft. 

Da  dieses  jedoch  den  Erwartungen  vielfach  nicht  mehr  entsprochen 


>)  Seite  96  ff. 

*)  So  „a  proper  dymlogae,*  und  in  Bede  me,  Seite  60,  60  ff. 

')  Die  Qesetsgebong  wirkte  Tiel,  namentlich  bis  za  fleinrieh  VIL  im  Inter« 
ette  billiger  Brotpreite;  dann  aber  trat  ein  raeoher  tJmsehwnng  ein.  Schans  a.  a.  O. 
Seite  eSO. 


ISO 


—     51     — 

haty  kommt  man  in  GremSfsheit  der  Begründung  des  Vorganges  auf 
andere  G^enmittel.  Expropriation  des  Klerus,  Beschränkung  des 
Handels,  freiwillige  oder  erzwungene  Herabsetzung  des  Pachtschillings. 
In  letzer  Linie  erhofft  man  sich  Rettung  durch  Eindämmung  des 
wirtschaftlichen  Individualismus  durch  altruistische  Erwägungen,  so 
besonders  Brinklow  und  Latimer. 


1.1  ** 

11» 


Neuntes   Kapitel. 

Gemeinwirtschaft  und  Einzelwirtschaft. 


Nach  dem  bisherigen  Gang  der  Darstellung  darf  als  ein  Charakte- 
ristikum jener  Zeit  bezeichnet  werden,  dafs  man  in  keiner  Weise  der 
freien  und  unbegrenzten  Entfaltung  der  wirtschaftlichen  Kräfte  des 
Individuums  das  Wort  redete,  vielmehr  von  der  Beschränkung  des- 
selben das  Heil  der  Gesamtheit  erwartete.  Es  entspricht  diese  An- 
schauung ebensowohl  der  Betrachtung  und  Erwägung  des  tiberein- 
stimmend zugegebenen  ökonomischen  Notstandes,  als  auch  der  ethisch- 
religiös gefärbten  Auffassung  der  Richtung  und  des  Zweckes  menschlichen 
Daseins.  Die  Augustinische,  für  das  Mittelalter  hindurch  fast  allgemein 
ausschlaggebende  Lehre  von  dem  irdischen  und  himmlischen  Reiche 
und  deren  Verhältnis  zu  einander,  die  in  staatsrechtlicher  Beziehung 
manches  Unheil  gestiftet,  äufserte  ihre  Wirkung  auch  auf  wirtschaftlichem 
Gebiete.  Die  hier  aus  diesem  Boden  hervortreibenden  Ideen  gipfeln 
für  die  besprochene  Zeit  in  dem  bereits  angedeuteten  Gedanken: 
„Gemeinwohl  über  Einzelwohl!" 

Man  kann  mit  Recht  auch  für  unsere  Tage  diesen  Satz  als  gültig 
wieder  hinstellen  nach  einer  Periode,  die  von  schrankenloser  Gebahrung 
der  in  ewiger  Fehde  liegenden  wirtschaftenden  Subjekte  die  gedeih- 
lichste Entwickelung  abhängig  machte,  die  aber  in  der  Bedrückung 
des  Arbeiters,  des  wirtschaftlich  Schwächeren,  endigte.  Allein  der 
moderne  Sozialismus,  in  anbetracht  wieder  zunächst  des  Notstandes 
der  „Arbeiter^'  aller  Kategorien,  schöpft  die  Kraft  seines  Daseins  aus 
anderer  Geistesrichtung  als  der  zu  Ende  des  Mittelalters  Geltung 
heischende. 

In  erster  Linie  geben  Erwägungen  politischer  und  wirtschaftlicher 

152 


—    63    — 

NAtar  den  Anachlag.  Auf  diesen  beiden  Gebieten  leben  wir  unter 
dem  2ieichen  der  internationalen  Konkurrenz.  Der  wogende  Ejunpf 
erfordert  ein  starkes  und  innig  gefügtes  Gemeinwesen  nach  beiden 
Richtungen,  zu  welchem  ein  Staat  ohne  Schutz  für  den  schwachen 
Einzelnen  sich  nicht  zu  gestalten  yermag;  denn  die  bedrohliche 
Stellungnahme  einer  revolutionär  gesinnten  Masse  drückt  gleich  einer 
Fessel  jeden  Versuch  einer  energischen  Erwerbsbewegung  nieder, 
während  ein  organisch  gesundes  Staatsganze  einen  unerschöpflichen 
JBom  an  £raftentfialtung  und  Kampfesmitteln  darbietet.  Auf  dieser 
Grundlage  dann  verleihen  die  Begnügen  der  Sittlichkeit  und  Mensch- 
lichkeit dem  rechtlichen  Ausbau  ihr  Gepräge,  sie  haben  vielleicht 
gerade  in  letzterer  Zeit  über  manche  finanzielle  Bedenklichkeit  hinweg- 
geholfen und  Mifslichkeiten  der  tastenden  Praxis  duldsam  ertragen 
lassen.  Nun  hat  freilich  auch  die  Kirche  jeder  Konfession,  als  Trägerin 
der  Religion  und  Gesittung,  mit  Mahnruf  in  die  soziale  Bewegung 
einzugreifen  sich  berufen  gefühlt,  allein  die  Grundlage  der  Aus- 
führungen ihrer  erleuchteten  Geister  ist  keine  andere  als  die,  welche 
auch  die  des  dogmatischen  Gewandes  entkleidete  Ethik  darbietet; 
die  Worte  dieser  Männer  tragen  aber  in  der  Meinung  vieler  den 
Vorzug  der  Glaubwürdigkeit  in  sich  und  gewinnen  so  eine  nicht  zu 
uBterschätzende  Bedeutung  nach  pädagogischem  Gresichtspunkte. 

Rückkehrend  jedoch  in  die  Vergangenheit,  zunächst  noch  eine 
qoellenmäfsige  Bestätigung  des  aufgestellten  Satzes  „Gemeinwohl 
über  Einzelwobl",  und  im  Anschlüsse  daran  eine  Untersuchung  dar- 
über, in  welcher  Weise  man  sich  die  Grenzlinie  zwischen  beiden  ge- 
zogen dachte ,  und  schliefslich,  in  welcher  Weise  ein  Eingriff  der 
organisierten  Macht  zur  Grenzfestsetzung  für  angemessen  erachtet 
wurde. 

Starkey  gibt  den  Forderungen,  die  hier  gemacht  werden  können, 
bewegten  Ausdruck : ')  „Wir  müssen  unseren  Reichtum  entsprechend 
der  Würde  des  Menschen  verwenden.  Dabei  ist  zu  bedenken ,  dafs 
übermäfsige  Berücksichtigung  des  Privatinteresses  den  Untergang  des 
Gemeinwesens  und  .des  ganzen  Staates  bedeutet.  Leider  gibt  es 
I^ute,  die  also  handeln,  allerdings  auch  zu  ihrem  Verderben,  denn 
dem  Untergange  des  Staates  folgt  schliefslich  ihr  eigener.  Jedermann 
sollte  die  Worte  „öffentliche  Güter,  Gemeinwohl"  nicht  blofs  im 
Munde  fuhren,  sondern  auch  im  Herzen  bewegen ;  ihre  Verwirklichung 
sollte  das  Ziel  all  seiner  Gedanken  und  Bestrebungen  bilden." 

')  Seite  66. 

158 


—    64    — 

Es  bleibt  nötig  im  AubcUuIb  an  diese  Worte  zu  betonen,  dab 
Starkey  das  „common  welth^  entschieden  in  einem  doppelten  Sinne 
verstanden  hat,  indem  er  Stellung  sowohl  zum  Individuum  nimmt  als  auch 
zum  Staatsganzen,  der  organisierten  Gemeinschaft  aller  Individuen; 
beide  Male  meint  er  ein  fär  jedes  derselben  angemessenes  Durch- 
schnittswohlbefinden, eine  Auffassung,  welche  wir  auch  recht  gut  für 
unser  „Gemeinwohl'^  annehmen  können,  da  ja  beide  Gebiete,  Einzel* 
wohl  und  Gemeinwohl,  um  bildlich  zu  sprechen,  wie  konzentrisdia 
Kreise  gelagert  sind,  eines  das  andere  in  sich  schliefst.^) 

Monis  kommt  zur  Verdammung  der  sozialen  und  wirtschaftlichen 
Gliederung  überhaupt.  Er  spricht  als  Ergebnis  seiner  Betrachtung 
aus :  *)  Der  blühendste  Staat  ist  nichts  anderes,  als  eine  Verschwörung 
der  Reichsten,  die  unter  dem  stolzen  Namen  und  Aushängeschild  des 
Staates  thun,  was  sie  wollen  ...  sie  suchen  sich  den  Besitz  des 
mehr  oder  minder  schlecht  erworbenen  Vermög^ens  zu  sichern  und 
das  Elend  der  Armen  zu  ihrem  Vorteil  zu  müsbrauchen,  um  zu  mögr 
liehst  niedrigem  Preis  die  Arbeit  und  die  Anstrengungen  derselben 

zu  erkaufen. 

... 

Vor  solchem  Übel  sind  natürlich  die  Utopier  bewahrt;  für  sie 
sind  die  Begriffe  Gemeinwohl  und  Einzelwohl  gleichbedeutend;  wer 
eben  zufällig  nichts  an  notwendigem  Bedarf  hat,  dem  wird  sofort  ge- 
reicht, solange  Utopien  dazu  im  stände  ist:*)  „In  Utopien  dagegen, 
wo  alles  allen  gehört,  kann  niemand  an  irgend  etwas  Mangel  leiden, 
sobald  die  öffentlichen  Speicher  gefüllt  sind ;  denn  das  Staatsvermögen 
wird  in  diesem  Lande  nie  ungerecht  verteilt;  man  sieht  dort  weder 
Arme  noch  Bettler,  und  obgleich  niemand  etwas  sein  eigen  nennt, 
ist  dennoch  jeder  reich.  ^ 

In  Beantwortung  der  Frage  nun,  welche  Grenzlinie  als  eine  zu- 
treffende in  der  wirtschaftlichen  Haltung  erachtet  wurde,  um  eine 
für  den  Einzelnen  und  die  Allgemeinheit  günstige  Lebenshaltung 
herbeizuführen,  ist,  da  die  Voraussetzung  hierzu  einen  Gegensatz  wirt- 
schaftlicher und  sozialer  Erlassen  überhaupt  bildet,  diesen  vorher 
einige  Aufmerksamkeit  zuzuwenden. 


^)  Yergl.  s.  B.  Seite  66 :  —  A  veray  and  true  oommyn  wele  —  yi  no  thyng  elf 
bat  the  prosperoiue  and  most  perfaytstate  of  a  multytud  assemblyd  togyddur 
in  any  ountrey,  cyty  or  towne,  goyernyd  vertusely  in  cyyyle  lyfe  aooordyng  to  the 
natnre  and  dygnyte  of  man. 

*)  Seite  166. 

*)  Seite  163. 

154 


—    55    — 

James  Rogers^)  berichtet  für  die  Zeit  Ton  1295  bis  1400: 
Society  was  composed  of  yery  few  elements  in  the  period  before  us. 
Owmg  to  the  scanty  rate  of  production  cominented  on  above,  the 
greater  part  of  the  popidation  was  engaged  more  or  less  continously 
in  agricultural  pursuits.  Des  Daheren  ist  noch  zu  entnehmen^  dafs 
zwischen  dem  Landlord  und  seinen  Angehörigen  und  dem  freeholder 
eine  Menge  besitzloser  landwirtschaftlicher  Arbeiter  stand,  bezüglich 
welcher,  im  Zusammenhalt  mit  früher  Gesagtem,  eine  Herrorhebung 
Terdient,  dafs  die  gänzlich  besitzlosen,  unfreien  tenants  im  Laufe  der 
Zeit  persönlich  frei  wurden;*)  ausschlaggebend  für  ihre  Stellung  ist 
die  Lohngesetzgebung  seit  dem  Jahre  1348,  seit  der  grofsen  Pest, 
indem  die  Lohnbewegung  nach  oben  gesetzlich  gedrückt  wird. 

Ansätze  eines  Grewerbestandes  finden  sich  vor,  Tuch  und  Linnen 
namentlich  wurden  erzeugt.')  Bei  der  weitaus  übennegenden  land- 
wirtschaftlichen Produktion  jedoch  gab  der  Gewerbsmann  sogar  den 
Gelegenheitsarbeiter  für  gehäuftes  Bedürfnis  seitens  jener  ab.  ^) 

Der  Handel  erfreute  sich  einiger  Entwickelung,  befand  sich  aber 
zom  gröfsten  Teil  in  den  Händen  der  Fremden.  '^)  Die  EQagen  des 
Libell  über  die  Fremden  im  Lande  entsprechen  dem  Gesagten. 

Das  Verhältnis  hat  sich  nun  in  der  für  yorliegende  Arbeit  in 
Belang  konmienden  Zeit,  nach  dem  Ergebnis  der  Quellschriften,  ein 
wenig  yerschoben.  Obenan  steht  der  Grofsgrundbesitz ;  in  den  Boden 
teilen  sich  Adel  und  Geistlichkeit.  Die  freeholders  und  tenants  sind 
massenhAft  bereits  yerschwunden ;  das  Pachtsystem  greift  um  sich, 
der  bedrängte  Eigentümer  hat  sich  oft  in  einen  kapitalkräftigen 
Hchter  verwandelt.  Die  Masse  der  landwirtschaftlichen  Arbeiter 
folgt;  ihre  gedrückte  Lage,  trotz  der  persönlichen  Freiheit,  ist  ge- 
schildert; sie  suchen  ihre  Bettung  in  der  Arbeit,  welche  die  Städte 
zu  bieten  Termögen. 

Die  Lage  des  Gewerbes  ist  oben  gekennzeichnet.*) 

Li  hoher  Blüte  steht  der  Handel ;  der  Kaufmann  geniefst  durch 
die  Politik  der  Herrscher  mannigfache  Begünstigung. 

Auf  diese  Zweige  der  Produktion  verteilt  sich  in  sozialer  und 


')  A  History  of  sgricaltnre  und  prioes  in  Bngland,  Bd.  1  Seite  63. 
^  Maoanky,  the  hisiory  of  England  Bd.  I  Seite  91.  Tbuohnitz  Edition. 
*)  Bogen,  Bd.  I  Seite  146. 

0  Ebenda  Bd.  I  Seite  68.    Döring  the  harvett-time,  the   inhabitanta  of 
Üie  neighboiiriDg  towns  were  ocoopied  in  field  labonr. 

*)  Ebenda  Bd.  I.  Foreign  trade  and  oonmiercial  rontet. 
*)  Kap.  4,  S.  95  fg. 

16» 


—     56    — 

politischer  Gliederung  die  Masse  der  Bevölkerung :  Adel  und  Geist- 
lichkeit, Bürgertum,  neben  diesen  die  Menge  der  Arbeiter.  Die 
Wertschätzung  dieser  Klassen  war  keine  gleiche ,  wenn  es  auf  Be- 
urteilung ihrer  Leistungsfähigkeit  im  allgemeinen  Staatshaushalt  an- 
kam. Mehrfach  schon  ist  hervorgehoben,  dafs  und  inwieweit  hier 
Schranken  gewünscht  werden.  Die  physiokratische  Lehre  von  den 
drei  Erlassen  ist  in  ihren  Keimen  bereits  vorhanden.  Starkey  vor 
allem  äufsert  sich  in  dieser  Richtung  bestimmt :  *)  er  meint,  die  vor- 
handene Teuerung  könne  zum  Teil  auch  darauf  zurückgeführt  werden, 
dafs  von  den  im  Staate  lebenden  Menschen  so  wenige  eigentlich 
wirklich  zur  Produktion  etwas  beitrügen,  so  vor  allem  der  Klerus 
und  Adel  (a  great  many  are  unprofitabel);  es  zählten  aber  auch 
Bjiufleute  dazu,  welche  zum  Leben  an  und  für  sich  unnütze  Dinge 
einführten,  in  gleicher  Weise  Gewerbsleute,  welche  Luxuswaren  an- 
fertigten, ebenso  schliefslich  Schauspieler  und  Sänger. 

Aus  dem  Gesagten  erhellt,  dafs  man  für  die  Lebensführung  und 
Thätigkeit  des  Einzelnen  zunächst  eine  Schranke  in  dem  Verhältnis 
seiner  wirtschaftlichen  Kategorie  zum  Ganzen  suchte.  Eine  weitere 
Beengung  des  Individualismus  wird,  aus  tiefer  liegenden  Erwägungen 
noch,  zum  Gedeihen  des  Gemeinwohls  als  unumgänglich  notwendig 
erachtet.    Dafür  einige  Belege,  wieder  anknüpfend  an  das  Thema: 

A  proper  dyalogue  *)  bezeichnet  als  wünschenswertes  Ziel  für  das 
wirtschaftliche  Streben  die  Deckung  des  nötigen  Lebensbedarfes,  ohne 
dafs  hierbei  die  Arbeit  zur  Plage  werden  dürfe.  Christus  spreche 
das  Gebot  der  Liebe  aus:  Alles  was  du  willst,  dafs  man  dir  thue, 
das  thue  auch  den  anderen.  Wenn  dieses  Gebot  gehalten  würde,  so 
wäre  niemand  übermäfsig  belastet,  die  Sorge  für  den  Lebensbedarf 
fiele  hinweg.  Auf  Grundlage  eines  christlichen  Kommunismus  wird 
dem  Individualismus  hier  die  engende  Schranke  gezogen. 

Auch  Brinklow  ist  von  der  Anschauung  erfüllt,  dafs  der  Einzelne 
sich  in  der  Entfaltung  seiner  wirtschaftlichen  Thätigkeit  auf  das  zu 
beschränken  habe,  was  eben  für  seine  Lebenshaltung  hinreiche;  die 
Kapitalsaufspeicherung,  das  Reich-werden-wollen,  soll  verpönt  sein; 
gesetzliche  Bestimmungen  werden  für  wirkungsvoll  erachtet.  Es  darf 
hier  des  näheren,  ebenso  über  Latimers  Stellungnahme,  auf  die  frühere 
Darstellung  verwiesen  werden. 

Bei  Starkey*)  gibt  zunächst  die  Bevölkerungsfrage  für  die  Be- 

')  Seite  77  ff. 
*)  Seite  140  ff. 
')  Seite  46. 

156 


—    57     — 

handlang  den  Ausschlag.  Er  macht  das  Qedeihen  eines  Gemein- 
wesens in  erster  Linie  Ton  der  entsprechenden  Menge  der  Einwohner- 
schaft ahhängigy  nicht  zu  wenig  und  nicht  zu  yiel.  Nötig  dünkt  ihm 
femer  eine  yerhältnismäCaige  Verteilung  der  Yorhandenen  Menge 
unter  die  einzelnen  Berufiszweige.  ^)  Innerhalb  desselben  mag  der 
Einzelne  sich  frei  entfiBilten,  die  Grenze  reicht  für  ihn  so  weit,  als  er 
nicht  dem  Gemeinwohl  zu  nahe  tritt ;  alsdann  aber  müfste  das  Gesetz 
einschreiten;  das  „wann*'  freilich  bleibt  Thatfinge.  Starkey  läfst  in 
der  Ton  ihm  im  gewissen  Sinne  gewünschten  Organisation  der  Arbeit 
innerhalb  der  einmal  erwählten  oder  zugeteilten  Erwerbsart  der 
Einzelwirtschaft  freien  Spielraum  bis  zur  angezogenen  Grenze;  er 
mofs  es  thun,  da  er  auf  dem  Boden  des  Eigentumsrechtes  stehen 
bleibt. 

In  Utopien  sinkt  der  Einzelne  als  Unternehmer  zur  Null  herab ; 
das  gröüste  körperliche  und  geistige  Wohlbefinden  soll  lohnenden 
Ersatz  für  die  befohlene  Arbeit  bilden. 

Bei  dem  blofsen  Wunsche  nach  Ausgestaltung  der  wirtschaft- 
lichen Thätigkeit  indes  im  bezeichneten  Sinne  wird  nicht  stehen  ge- 
blieben. Der  Wunsch  soll  Yerwirklichung,  die  Ideen  sollen  Leben 
empfangen ;  dieses  zu  yerleihen  beruft  man  in  erster  Linie  den  Staat, 
es  werden  Mittel  und  Wege  der  Entfesselung  der  staatlichen  Gewalt 
zur  Erreichung  des  Zieles  erwogen  und  Torgezeichnet 

Der  LibeU  freilich,  und  das  ist  bemerkenswert,  enthält  keine  von 
all  den  ängstlichen  Erwägungen;  er  kennt  auch  die  wirtschaftliche 
Not  der  späteren  Zeit  noch  nicht  Die  Lage  ist  gedrückt^  die  Stim- 
mung in  England  getrübt,  allein  nicht  yerzweiflungSToll.  Von  einer 
frischen  nud  unternehmungslustigen  Politik  wird  der  beste  Erfolg 
erwartet. 

Wie  anders  Moms  und  Starkey  I  Sie  sprechen  ernstlich  vom 
Staate  als  einem  wirtschaftlichen  Polizei-Institut.  Das  Bestehende  in 
Kirche  und  Staat  unterliegt  einer  Beleuchtung  nach  wirthschaftlichem 
Gesichtspunkte  und  es  konunt  zur  yöUigen  oder  teilweisen  Verwerfung 
desselben.  Zur  Erzwingung  des  als  ökonomisch  für  nützlich  Er- 
achteten,  wird  der  Umsturz  des  yorhandenen  öffentlichen  und  privaten 
Rechtssystems  gefordert*)  Morus  yerläfst  den  Boden  selbst  des 
Eigentumsrechts ;  Starkey  hat  römische  Zustände  yor  Augen  fttr  die 
Ausgestaltung  der  gebietenden  und  yerwaltenden  Staatsgewalt    die 


0  Seite  88. 

")  Staik^  Sdta  1«,  181,  198. 

IST 


—     58 

republikanischen  Behörden  aber  formen  sich  unter  seiner  Hand  zu 
reinen  Wohlfahrtsausschüssen  um. 

Brinklow  geht  Ton  einem  ewigen  Gebot  Gottes  aus,  wonach  das 
staatliche  Gesetz  sich  zu  richten  habe,  widrigenfalls  es  nicht  gemein- 
verbindlich  sei. ')  Soweit  also  Mafsnahmen  wirtschaftlicher  Art  jenem 
nicht  entsprächen,  liege  der  Weg  der  Selbsthilfe  offen.  Wohin  die 
Annahme  einer  Ordnung  menschlicher  Verhältnisse  durch  göttliches 
Gebot  und  die  Forderung  dementsprechender  Gestaltung  der  Gesetze 
gerade  auf  staatspflegendem  Gebiete  zu  führen  vermag,  daftir  bietet 
Deutschlands  Geschichte  aus  dem  16.  Jahrhundert  den  sprechendsten 
Beweis. 

Soweit  dagegen  in  den  Quellschriften  das  Bestehende  in  der 
Verfassung  Anerkennung  findet,  wird  ein  anderes  Vorgehen  als  das 
gewohnte,  insofeme  ökonomische  Interessen  hereinspielen,  dringend 
gefordert;  so  Zuteilung  von  Arbeit  und  Verdienst,  Schutz* gegen  Aus- 
beutung, geordnete  Armenpflege  *)  durch  den  Staat  How  the  comen 
people  sagt  charakteristisch  hierfür:  Jedermann  mufs  Arbeit  haben 
Hurch  Gesetz,  dann  gibt  es  auch  keine  Bettler  und  Diebe  mehr  aus  Mangel 
an  Lebensmitteln,  es  würde  ein  allgemeiner  Aufschwung  erfolgen.  *) 

Die  staatliche  Gewalt  soll  nach  dem  Angeführten  zur  Eindämmung 
der  Macht  des  Individualismus  einen  doppelten  Weg  gehen,  sie  soll 
direkt  mit  Gebot  und  Verbot  dessen  Entfaltung  verhindern,  soweit 
aber  Mangel  an  Einsicht  oder  die  Gewalt  der  umstände  den  Staats- 
angehörigen unter  den  für  nötig  erachteten  Stand  der  Lebenshaltung 
diiicken,  mufs  eine  That  der  Unterstützung  emporhelfen.  Die  letztere 
Aufgabe  überlassen  einige  (besonders  Latimer)  der  freien  Gebahrung, 
die  aber  auf  Grundlage  des  Bewufstseins  der  religiösen  Zusammen- 
gehörigkeit mit  Sicherheit  erfolgt. 

Bemerkenswert  bleibt,  dafs  in  einem  Lande,  in  welchem  gewerb- 
liche und  kaufmännische  Vereinigungen  eine  hervorragende  Rolle 
spielten,  nachdem  die  Urteilskraft  doch  weit  bereits  auf  diesem  Ge- 
biete gediehen  war,  nirgends  von  der  Assoziation  als  einem  B.ettungs- 
mittel  die  Rede  ist.  Es  werden  im  Gegenteil  diese  Gilden,  wo  sie 
eine  Erwähnung  finden,  als  nicht  wünschenswert  bezeichnet,  so  in 
Clement  Armestrongs  Sermons.  ^) 

>)  Yergl.  ▲  Treatise  Seite  16, 17, 48,  femer  „How  the  comen  People<<  Seite  61. 
*)  Brinklow,  Complaynt.  S2.  Kap.  Seite  69. 
^  Seite  64. 
«)  Seite  46. 


168 


SchluTs. 


Die  vorgesetzte  Arbeit  ist  zum  Ende  gediehen.  Aus  den  be- 
sprochenen Schriften  wurde  der  Nachweis  erbracht,  dafs  eine  Ffille 
▼on  Ideen  auf  Yolkswirtschaftlichem  Gebiete  in  England  zu  Ausgang 
des  Mittelalters  zu  Tage  tritt  Die  versuchte  Ergänzung  zu  Boschers 
Werk  ist  damit  gegeben  und  so  das  Geltungsgebiet  der  von  ihm  so 
genannten  alteren  englischen  Schule  erweitert. 

Die  hervorgetretenen  Anschauungen  selbst  schreiten  von  der  ein- 
fuchsten Auffassung  und  Beurteilung  auf  Grund  einer  Beobachtung 
Torwarts  bis  zur  Beflexiony  die  immerhin  zu  dem  Ergebnis  kommt, 
dals  Massnahmen  wirtschaftlicher  Natur  nicht-  auf  ein  gewolltes  Ge- 
biet aUein  sich  beschränken,  sondern,  auf  alle  anderen  überspringend, 
ihre  Wirkungen  auch  dort  äulsert.  Das  Bewufstsein  der  Solidarität 
der  Interessen  aller  Angehörigen  eines  grofsen  Ganzen  gelangt  damit 
znm  Ausdruck,  wenngleich  freilich  noch  nicht  in  voller  Klarheit  dies 
ausgesprochen  wird. 

Man  muTs  jedoch  andererseits  betonen,  dab  die  Fertigkeit  in  der 
Beobachtung  menschlicher  Verhältnisse  in  wirtschaftlicher  Hinsicht 
noch  nicht  so  weit  gediehen  war,  um  die  Folgerungen  hieraus  scharf 
und  umÜBLSsend  ziehen  zu  können.  Es  mussten  erst  die  Kämpfe  des 
16.  und  17.  Jahrhunderts  durchgerungen  werden,  auf  wirtschaftlichem 
wie  auf  geistigem  Kampffelde,  bis  die  Meinungen  sich  so  weit  klärten, 
dafs  der  vorhandene  Stoff  an  gesammelter  Erfahrung  in  ökonomischen 
Dingen,  die  aufgespeicherten  Schätze  an  philosophischer  Betrachtung 
der  menschlichen  Daseinsbedingungen,  zur  einheitlichen,  geschlossenen 
Verarbeitung  gebracht  werden  konnten. 

In  den  vernommenen  Anschauungen  aber  über  Führung  des 
Streites  auf  dem  Tummelplatz  um  wirtschaftliches  Gut,  quellen  die 
ersten  Keime  der  Frucht  hervor,  die  wir  jetzt  ernten. 

Es  sind  diese  Ideen  der  goldene  Schimmer  der  heraufbrechenden 
neuen  Zeit. 


■  I  ■  tu  ■  I  ■ 
159 


I4pp«l  *  Oo.  (G.  9Ua?t»f  BMkdr.),  ItaMMb««».  S 


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Verlag  von  (j^astar  Fischer  in  Jena. 


HaRdwirterbucli  der  Staatswissenschaften. 

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Dr.  Julius  t.  Gans-Ludassy. 

Die  wirtschaftliche  Energie 

Erster  Teil: 

System  der  Ökonom  istischen  Methodologie. 


Preis:  IM  Mark. 


Terlag  tob  finstaT  Figcher  in  Jena. 

Dr.  Ludwig  Elster, 

ProfaMor  der  SCtAtiwisMiiMhallen  «a  der  UniTenitit  BreeUo. 

Die  Lebensversicherung  in  Deutschland. 

Ihre  Yolkswirtschaftliche  Bedentoig 
nnd  die  Notwendigkeit  ihrer  gesetzlichen  Regelung. 

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Dr.  jur.  Karl  von  Mangoldt. 

Aus  zwei  deutschen  Kleinstädten. 

Ein  Beitrag  zur  Arbeiterwolinungsfrage. 

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Dr.  Rudolf  Singer. 

Das  Recht  auf  Arbeit 

in  geschichtlioher  Darstellung. 

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Arzt  in  Berlin. 

Die  Arbeiterversicherung. 

Eine  sozial-bjgienische  Kritik.    Nach  einem  Referate,  gehalten  auf 
dem  Vni.  internationalen  Kongress  für  Hygiene  und  Demographie 

in  Budapest. 

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Zustand  und  Fortschritte 

der 

deutschen  Lebensversicherungsanstalten 

im  Jahre  1893. 

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Dieser  Jahrgang  ist  nicht  als  Sappiementheft  zu 
den  Jahrbfilchern  fdr  NationalOitonomle  erschienen. 


o 


Staatswissensehaftliche  StndieE 


In  Verbindung  mit 

Prof.  Dr.  Ehebenr  in  Erlangen,  Sektionachef  Prof  J>r.yon  Inama-Steniegg  in  Wien, 
Gek-Bat  Prof.  Dr.  Laflpeyres  in  GKefsen,  Prof.  Dr.  Lexis  in  Gottingen,  Prof. 
Dr.  Ciurl  Menger  in  Wien,  Prot  Dr.  J.  Nenmann  in  Tübingen,  Geh.-Rat  Prof.  Dr. 
Paasche  in  Marburg,  Prof.  Dr.  Philippovich  v.  Philippsberg  in  Wien,  Prof.  Dr. 
Pientorff  in  Jena,  Hofrat  Prof.  Dr.  Sohanc  in  Würzburg,  Prof.  Dr.  von  SehSn- 
berg  in  Tübingen,  Prof.  Dr.  Stieda  in  Rostock,  Gek-Sat  Prof.  Dr.  Umpfen* 
bach  in  Königsberg,  Geh.-Bat  Prof.  Dr.  Ad.  Wagner  in  Berlin 

herausgegeben 
Ton 

Dr.  Ludwig  Elster, 

Profaiior  «n  der  UniTersAt  Brwlftu. 


5.  Band,  3.  Heft. 

Dr.  Max  Gebaner,  Di«  sogeoannte  Lebensversicherang. 


■  ■»  ^e»   <■  I 


Jena, 

Verlag  von  Ghustav  Fischer. 

1895. 


o 


Die  sogenannte 


Lebensversicherung 


Wirtschaftliche  Studie 


Ton 


Max  ^bauer, 

Dr.  phil. 


4«» 


a 
Jena, 

Verlag  von  Gustav  Fischer. 

1895. 


3^-.<r//V 


; 


Seinem  hochverehrten  Lehrer 


Herrn  Professor  Dr.  L.  Elster 


in  aufrichtiger  Dankbarkeit. 


Vorwort. 


Seitdem  vor  nimmehr  fünfzehn  Jahren  Elster  seine  Schrift :  „Die 
LebensTersicherung  in  Deutschland"  (Jena,  1880)  geschrieben,  hat 
dieser  privat-  wie  volkswirtschaftlich  hochwichtige  Yersicherongszweig 
eine  einheitlich-monographische  Behandlung  —  speziell  vom  ökono- 
mischen Standpunkte  —  nicht  mehr  erfahren.  Die  einschlägige, 
übrigens  sehr  reichhaltige,  Litteratur  hielt  sich  entweder  in  spezi« 
£scb  juristischem  und  fachlich-technischem  Bereiche,  oder  beschäf- 
tigte sich  lediglich  mit  bestimmten  einzelnen  Fragen  aus  dem  weiten 
Gebiete  der  sogenannten  Lebensassekuranz;  oder  aber  endlich  sie 
brachte  die  letztere,  wie  Ad.  Wagner's  Abhandlung  über  das 
Versicherangswesen  (in  SchSnberg's  „Handbuch")  nur  im  Zusam- 
menhange mit  der  Versicherung  im  allgemeinen  zur  Darstellung; 
nicbt  ohne  gerade  damit  —  bei  der  engen  Umgrenzung,  welche  man 
dem  Assekuranz-Begriffe  geben  zu  müssen  glaubte  —  die  klare  Er- 
kenntnis ihrer  Besonderheiten  einigermafsen  zu  erschweren. 

Eine  erneute  eingehende  Besprechung  des  beregten  Gegenstandes 
ficbien  aber  aus  verschiedenen  Gründen  zweckmäfsig  und  lohnend. 
Üinmal  droht  neuerdings  —  namentlich  in  juristischen  Kreisen  — 
eine  Auffassung  der  Lebensassekuranz  (die  sogen.  Doppelvertrags- 


—  vni  - 

Theorie)  mehr  und  mehr  Boden  zu  gewinnen,  die,  so  bestechend  sie 
auch  sein  mag,  m.  E.  nicht  als  richtig  anerkannt  werden  darf. 
Sodann  sind  gerade  im  letzten  Decennium  seitens  der  deutschen 
Lebensversicherungs  •  Gesellschaften  ge?risse  beachtenswerte  Neue- 
rungen getroffen  worden,  über  deren  Durchführbarkeit  und  praktische 
Bedeutung  die  Meinungen  erheblich  auseinander  gehen,  und  welche 
daher  zu  einer  Beurteilung  von  gänzlich  unparteiischer  Seite  auf- 
fordern. Abgesehen  hiervon  gestattet  endlich  die  El  st  er 'sehe 
Arbeit  an  sich  nach  noch  mancherlei  Richtungen  eine  Erweiterung 
und  Ergänzung:  So  z.  E.  läfst  sie  die  Frage  nach  der  geschicht- 
lichen Entwicklung  der  Lebensassekuranz  offen ;  so  wendet  sie  ferner- 
hin das  Hauptaugenmerk  immer  den  praktischen  im  Lebensversiche- 
rungswesen  obwaltenden  Verhältnissen  zu,  während  sie  eine  Lebens- 
versicherungs-Theorie  gewissermafsen  nur  im  Keime  enthält.  Nun 
lag  mir  vor  allem  daran,  diesen  wertvollen  Keim  weiter  zu 
pflegen  und  auszubilden,  neben  der  praktischen  auch  einmal  die 
theoretische  Seite  des  Versicherungswesens  überhaupt  und  der  Lebens- 
assekuranz im  besondern  näher  zu  beleuchten. 

Mufste  nach  all'  dem  die  vorliegende  Studie  über  den  Rahmen 
des  Elster' sehen  Buches  in  mehrfacher  Beziehung  hinausgehen,  so 
ist  sie  in  andrer  Hinsicht  wieder  enger  als  dieses  gefafst  worden. 
Elster  sah  sich  seinerzeit  veranlafst,  Erörterungen  über  die  gesetz- 
liche Regelung  der  Lebensversicherung  einen  eigenen  Abschnitt  za 
widmen,  da  gerade  damals  die  Frage  einer  Reichs -Versicherungs* 
Gesetzgebung  aufs  lebhafteste  diskutiert  wurde.  Hier  hingegen 
konnte  diese  Frage  —  der  ganzen  Anlage  der  Abhandlung  ent* 
sprechend  —  nur  mehr  gelegentlich,  an  verschiedenen  als  geeignet 
erscheinenden  Stellen  berührt  werden.  — 

Dafs  ich  mich  bemüht  habe,  thunlichst  die  gesamte  unsem 
Gegenstand  betreffende  Litteratur  zu  berücksichtigen,  bedarf  wohl 
kaum  der  Hervorhebung.  Wenn  es  mir  aber  nicht  gelungen  ist, 
alles  vorhandene  Material  vollständig  zusammenzutragen,  so  bitte  ich 
dies  mit  dem  grofsen  Umfange  jenes  Materials  entschuldigen  zu 
wollen,  welches  zudem  in  den  verschiedensten  Jahrbüchern,  Archiven, 


-    IX    - 

ZdtaBgen  etc.  Tersireut  war.  H.  und  E«  Brämer's  erst  ganz 
kfiizlich  erschienenes  Werk  über  das  Versicherungswesen  (in  „Hand- 
und  Lehrbuch  der  Staats  Wissenschaften^ ,  hrsg.  von  K.  Franken- 
stein [Leipzig  1894]  )y  W.,  Bosch  er 's  Darstellung  desselben  im 
Y.  Bande  seines  „Systems  der  Volkswirtschaft"  (Stuttgart  1894), 
ebenso  Jahrgang  XVI  von  Ehrenzweig's  „Assecuranz- Jahrbuch" 
mofsten  aufser  Betracht  bleiben,  da  sich  bei  ihrer  Verö£fentlichung 
meine  Arbeit  bereits  unter  der  Presse  befand.  Ich  behalte 
mir  Yor,  speziell  auf  das  ersterwähnte  Buch  an  andrer  Stelle  (in 
den  „Jahrbüchern  für  Nationalökonomie  und  Statistik")  zurück- 
zukommen. Von  Karup's  „Handbuch  der  Lebensversicherung" 
war  leider  nur  die  zweite  Auflage  (Leipzig,  1874)  zu  erlangen ;  doch 
soll  die  dritte  Auflage  (ibid.,  1886),  wie  ich  erfahre,  nicht  viel  mehr 
denn  ein  einfacher  Abdruck  jener  zweiten  Auflage  sein. 

Sehr  erwünscht  wäre  es  mir  gewesen,  in  der  Einleitung,  die  sich 
mit  der  Theorie  der  Assekuranz  überhaupt  beschäftigt,  gleich  noch 
mit  anf  einen  Aufsatz  eingehen  zu  können,  welchen  im  Frühjahr 
nächsten  Jahres  die  „Tübinger  Zeitschrift"  bringen  wird:  Auf  Frhr. 
Otto  V.  Boenigk's  Abhandlung  über  „Begriff  und  Wesen  der  Ver- 
sicherung im  allgemeinen".  Dieser  Arbeit  hätte  ich  um  so  lieber 
einen  Platz  unter  den  zu  erwähnenden  Versicherungs-Theorieen  an- 
gewiesen, als  ihr  Verfasser  zunächst  an  dem  Auf-  und  Ausbau  des 
Ton  mir  im  Folgenden  darzustellenden  Systems  der  Versicherung  au& 
ei&igste  mitgearbeitet  hatte,  nachträglich  aber  zu  einer  abweichenden 
Auffassung  von  der  Natur  der  Assekuranz  gelangt  ist.  Indessen 
seine  Ausführungen  sind  gegenwärtig  nur  als  Manuskript  gedruckt 
und  entziehen  sich  daher  zur  Zeit  noch  der  öffentlichen  Erörterung. 
Vielleicht  bietet  sich  Gelegenheit,  eine  Besprechung  derselben 
späterhin  vorzunehmen.  — 

Zum  Schlufs  sei  es  mir  gestattet,  allen  denjenigen  meinen  ver- 
bindlichsten Dank  auszudrücken,  welche  mir  bei  meiner  Arbeit 
gütige  Unterstützung  zuteil  werden  liefsen :  So  in  erster  Linie  Herrn 
Prof.  Dr.  Elster,  dem  ich  die  Anregung  zu  und  mannigfache  För- 
derung bei  dieser  Studie  yerdanke;  so  femer  auch  den  Direktionen 


—    X    — 

der  deutschen  Lebeneversicherangs-Gesellschafteiiy  die  mir  (mit  ganz 
wenigen  Ausnahmen)  bereitwilligst  ihre  Statuten,  Prospektei  etc.  zur 
Verfügung  gestellt  und  auf  mancherlei' Anfragen  willkommenen  Auf- 
schlufs  erteilt  haben. 

Breslau,  im  Dezember  1894. 

Max  Gebauer. 


IrLhalt. 


Seite 
Vorwort V 

SmleitOBg.    über  Versicherungswesen  im  allgemeinen.    ...        1 

£rster  Teil.    Beiträge  zur  Entwicklungsgeschichte  der   soge- 
nannten Lebensversicherung. 

Vorbemerkung 33 

I.  Altertum 36 

IL  Mittelalter  und  neuere  Zeit  bis  zur  Begründung  der  Equitable 

(1761) 47 

ni.  Die  moderne  Lebensversicherung  seit  1761 66 

Zweiter  TeiL    Grundlagen,  Wesen  und  Bedeutung  der  Lebens- 
versicherung. 

Vorbemerkung 105 

L  Orundlagen  und  Wesen  der  sogenannten  Lebensassekuranz    112 
n.  Der  Begriff  der  Gefahr.    Lebensversicherung  und  Schadens- 

aasekuranz.    Lebensversichemngs-Theorieen 189 

HL  Die  wirtschaftliche  und  sociale  Bedeutung  der  Lebensver- 
sicherung  225 

Dritter  Teil.     Die   Fragen   der  Unanfechtbarkeit   der  Police, 
der  Kriegsversicherung  und  der  Abgelehnten. 

Vorbemerkung 235 

L  Die  Unanfechtbarkeit  der  Police 237 

n.  Die  Kriegsversicherung 266 

m.  Zur  Frage  der  Abgelehnten 290 

(Berichtigungen) 313 


Einleitung. 


Ober  Versicherungswesen  im  ailgemeinen. 

Alle  menschliclie  Willensthätigkeit,  in  so  verschiedenartigen 
Bichtungen  sie  sich  auch,  im  einzelnen  betrachtet,  bewegen  mag,  im 
grofsen  und  ganzen  verfolgt  sie  immer  ein  und  dasselbe,  gewisser- 
mafsen  doppelseitige  Ziel:  Verschaffung  von  Annehmlichkeit  und 
Nutzen,  Abwehr  und  Beseitigung  von  Schaden.  Dieses  der  Bück- 
sicht teils  auf  das  eigene  Wohl,  teils  aber  auch  auf  dasjenige  andrer, 
besonders  nahestehender  Personen  entsprungene  Motiv  ist  die  Bicht- 
schnur  im  Gebiete  unsrer  Handlungen,  beherrscht,  wenngleich  durch 
ethische  Erwägungen  nicht  unerheblich  gemildert,  unser  ganzes  Thun 
mi  Lassen.  Namentlich  das  ökonomische  Leben  ist  von  ihm  ab- 
hängig und  durchdrungen;  zahlreiche  wirtschaftliche  Akte  und  Ein- 
richtungen, als  deren  Bestimmung  es  erscheint,  entweder  Nutzen  und 
Vorteil  zu  gewähren,  oder  gegen  verschiedenartige  Schäden  sich  zu 
richten,  oder  endlich  beides  zugleich  zu  verfolgen,  bekunden  sein  all- 
umfassendes Wirken. 

Das  Versicherungswesen,  über  welches  hier  wenige  ein- 
leitende Worte  Platz  finden  mögen,  bildet  einen  nicht  geringen  Teil 
ehen  jener  wirtschaftlichen  Mafsnahmen.  Sein  Zweck,  schon  im 
Namen  ausgesprochen,  ist  die  Erlangung  einer  Sicherheit,  das  Sicher- 
stellen gegenüber  dem  möglichen  Eintritt  ökonomischer  Nachteile.  Eben 
merin  finden  wir  —  (nicht  in  Übereinstimmung  mit  den  bisher  ver- 
breiteten Theorieen,  ^))  —  den  Sinn  des  AUgemeinbegriflFs  „Versiche- 


')  Cf.  unten  S.  19  ff. 

•  ^'  161 

12 


StutiwineiuohaftL  Stadien.  Y.  ^^^  1 


—     2     — 

rung  begründet ;  eben  hierdurch  bestimmt  sich  die  Stellung  der  Asse* 
kuranz  in  der  Volkswirtschaft;  eben  hierdurch  endlich  lässt  sich  u.  E, 
allein  eine  logische  Beziehung  der  Aufgaben  des  Versicherungswesens 
zu  jenen  der  Nationalökonomie  überhaupt  auffinden  und  feststellen. 
Es  ist,  wie  ersichtlich ,  die  zweite  Seite  jenes  eingangs  bezeichneten 
Zieles  menschlichen  Strebens:  die  Femhaltung  und  Abwehr  von 
Schäden,  welchem  die  Assekuranz  sich  widmet,  —  nicht  zwar  als 
einzige  hierfür  in  Betracht  kommende  Mafsnahme,  ^)  aber  doch  als 
weitaus  die  wichtigste.  Das  Merkmal,  welches  sie  von  allen  ähnlichen 
Akten  unterscheidet  und  zu  ihrer  grofsen  wirtschaftlichen  Bedeutung 
gleichzeitig  einen  hohen  ethischen  Wert  hinzufügt,  ist  die  ökonomische 
Fürsorge  gegen  Nachteile,  deren  Eintritt  mehr  oder  minder  un- 
gewifs  ist  und  der  Zukunft  angehört.  Was  About,-)  bei  Be- 
trachtung einer  einzelnen  Unterart  der  Versicherung  durch  die  Be- 
merkung ausdrückt:  „Cette  assurance4ä,  ou  plutot  cette  pro- 
vidence  .  .  .'*  —  dies  kann  unbezweifelt  und  unterschiedslos  auf 
alle  und  jede  Versicherung  überhaupt  Anwendung  finden. 

Wir  haben  hiermit  Zweck  und  Aufgabe  der  Assekuranz  festzu- 
stellen versucht.  Aus  diesen  Betrachtungen  aber  erhellt  zu  gleicher 
Zeit  auch  ihre  Voraussetzung:  „Ohne  Gefahr*)  keine  Versicherung", 
ist  der  kurze  treffende  Ausdruck  für  dieselbe,  ist,  wie  Elster*) 
hervorhebt,  „der  Fundamentalsatz  für  das  gesamte  Assekuranzwesen." 
Nie  wird  von  Versicherung  die  Kede  sein  können,  wo  jenes  Moment 
der  Gefahr*)  nicht  vorhanden  ist:  Geht  z.  B.  die  Möglichkeit  eines 
Schadens  in  unvermeidliche  Gewissheit  über,  führt  der  sich  Ver- 
sichernde eine  Vermögensbeschränkung  mit  Wissen  und  Willen 
selbst  herbei,  wodurch  der  BegrifiF  (des  Nachteils  und  somit  auch) 
der  Gefahr  in  Wegfall  kommt,  dann  ist  für  eine  Assekuranz  kein 
Raum  mehr  vorhanden,  dann  würde  das  Eingehen  einer  solchen 
irrationell.«) ') 


*)  Es  sei  nur  an  den  Bettel  erinnert,  welcher  doch  ebenfalls  Vennögenaschäden 
zu  beseitioeu  sucht. 

*)  Abnut,  L'assurance,  (Paris,  1865)  S.  59. 

*)  Ohne  Gefahr  d.  h.  ohne  die  Mr>^lichkeit  des  Eintritts  eines  wirtschaftlichen 
Nachteils. 

*)  Elster,  Die  Lebensversicherung  in  Deutschland  (Jena,  1880)  S.  24. 

*)  Von  dem  Beprriffe  der  Crefahr,  welcher  die  Möglichkeit  (des  Eintritts) 
eines  Schadens  bezeichnet  (cf.  Anm.  3),  ist  wohl  zu  unterscheiden  der  Schaden 
selbst,  und  femer  das  denselben  verursachende  schädigende  Er- 
eignis.    Näheres  s.  Teil  II  dieser  Arbeit  sub  II. 

•)  Daher  ist  z.  B.   die  Zurücklegung  bestimmter,  nach   dem  Grade  der  all- 

162 


—    3    — 

Nach  YoraDSchickung  dieser  erläuternden  Bemerkungen  ergiebt 
sich  nunmelir  eine  Definition  der  Versicherung  von  selbst :  Wir 
möchten  dieselbe  als  den  Inbegriff  aller  ökonomischen 
Akte  und  Einrichtungen  bezeichnen,  welche  (und 
soweit  sie)  gegen  künftig  mögliche,  in  ihrem  Ein- 
tritt ungewisse,  Nachteile  Vorkehrung  treffen  sollen. 
U.  E.  dürfte  diese  Begriffsbestimmung  nicht  nur  der  für  uns  an 
dieser  Stelle  allein  in  Betracht  kommenden  wirtschaftlichen  Natur 
der  Assekuranz  gerecht  werden;  sie  erscheint  (was  allerdings  erst 
in  zweiter  Linie  Berücksichtigung  finden  darf)  yielmehr  auch  darum 
nicht  ohne  Vorteil,  weil  sie  zugleich  dem  allgemeinen  Sprachgebrauche 
Rechnung  trägt.  Überall  ist  auch  im  gewöhnlichen  Leben  von 
Sichern  und  Versichern  etc.  die  Rede,  wenn  Handlungen  in 
Fr^e  kommen,  welche  in  der  Zukunft  möglichen  Schäden  in  irgend 
einer  Weise  vorbeugen  sollen:  Man  konstruiert  „Sicherheitslampen" 
imd  „Sicherheitsventile^* ;  Truppen  „sichern^  ihren  Marsch,  ,,sichern^ 
ihren  Rückzug  bei  ungünstigem  Oefechtsverlauf ;  der  Gläubiger  »ver- 
sichert^  seine  Forderung  durch  Ffandnahme  in  der  fürsorglichen 
Absicht,  den  Vermögensnachteil,  den  eine  Insolvenz  des  Schuldners 
für  ihn  im  Gefolge  hätte,  durch  den  aus  dem  Verkaufe  des  Pfandes 
erzielten  Gewinn  auszugleichen;  auch  jeder  Unternehmer  nimmt  bei 
Berechnung  seines  Reingewinns  zur  Deckung  etwaiger  späterer  Aus- 
falle eine  „Assekuranzprämie^  vorweg;  und  insbesondre  geht  der 
Rheder  eine  „Selbstversicherung^^  in  der  Weise  ein,  das  er  einen 
Teil  jener  Einnahmen,  welche  die  ihren  Bestimmungsort  glücklich 
erreichenden  Fahrzeuge  ihm  gewähren,  zur  Deckung  des  durch  den 
Untergang  andrer  verursachten  Verlustes  zurücklegt.  Kurz:  man 
spricht  überall  in  Fällen  dieser  und  ähnlicher  Art  von  „Sicherheit^, 
^Versicherung"  und  „versichern"  nicht  anders,  als  da,  wo  es  sich  um 


mählichen  Abnutzung  der  Betriebsmittel  zu  bemessender,  Quoten  vom  Ertrage  eines 
Cntemehmens  zum  Zwecke  eventueller  Neuanschaffung  von  Betriebsmitteln  (Amorti- 
sation) keine  Versicherung;  denn  jene  allmähliche  Aufbrauchung  des  Kapitals  ist 
keine  eigentliche  Gefahr,  da  eine  solche  stets  zur  Voraussetzung  hat,  dass  sie  ver- 
mieden werden  kann.  Wohl  aber  ist  die  Amortisation,  wie  auch  im  weiteren  der 
Bettel,  der  Versicherung  koordiniert,  insofern  alle  drei  genannten  Mafsnahmen 
der  „Abwehr  und  Beseitigung  von  Schäden^  dienen. 

')  Cf.  Bunge,  Artikel  „Versicherung"  im  „Staatslexikon",  herausg.  von 
ßotteck  und  Welcker,  3.  Auflage  14.  Bd.,  (Leipzig,  1866)  S.  561;  femer 
Makowiczka,  Artikel  „Versicherungsanstalten"  im  „Deutschen  Staatswörter- 
buch", herausg.  von  Bluntschli  und  Brater,  11.  Bd.,  (Stuttgart  und  Leipzig» 
1870)  S.  3. 

168  ^ 

12'» 


—     4     — 

das  Nehmen  einer  ^Feaerversicherung"  oder  um  den  Beitritt  zu  einer 
sogenannten  „Lebensassekuranzgesellschaft"  handelt.  *)  Von  diesem 
im  Leben  herrschenden  Sprachgebrauch  aber  abzuweichen,  erscheint 
nicht  geboten.  — 

Indem  wir  daher  unter  dem  Allgemeinbegriff  ,,As8ekuranz''  Yom 
wirtschaftlichen  Standpunkte  *)  alles  das  zusammenfassen,  was  auch 
der  Sprachgebrauch  als  Sicherung  oder  Versicherung  bezeichnet,  — 
werden  wir  damit  vor  eine  weitere  Aufgabe  gestellt:  Wenn  auch 
GreCähr  die  einheitliche  Bedingung,  Schadensabwehr  das  gleichförmige 
2iiel  für  jede  Assekuranz  bildet,  so  ergiebt  doch  schon  die  Aufzählung 
einiger  weniger  Versicherungsfälle,  welche  wir  im  obigen  vornahmen, 
dass  die  Art  und  Weise,  wie  nun  im  einzelnen  der  bezeichnete  Zweck 
der  Sicherstellung  angestrebt  wird,  eine  essentiell  und  auch  graduell 
sehr  verschiedene  sein  kann.  Alle  diese  Fälle  zu  dem  gefundenen 
Allgemeinbegriffe  in  Beziehung  zu  bringen^  nach  Mafsgabe  der  höhern 
oder  geringem  Vollkommenheit,  mit  welcher  sie  die  wirtschaftliche 
Aufgabe  der  Assekuranz  zu  lösen  vermögen,  ihnen  in  einem  Systeme 
der  Versicherung,  welches  sich  danach  ergeben  muss,  die  entsprechende 
Stelle  anzuweisen,  wird  uns  im  folgenden  obliegen.  Wir  gehen  dabei, 
um  ein  möglichst  anschauliches  Bild  zu  gewinnen,  von  einem  Bei- 
spiele aus. 

Einer  der  am  häufigsten  vorkommenden,  im  Gebiete  der  Versiche- 
rung eine  hervorragend  wichtige  Rolle  spielenden  ökonomischen 
Schäden  ist  derjenige,  welchen  Feuer  an  dem  Gute  des  einzelnen 
und  dem  Vermögen  der  Nation  verursacht.  Ihm  wird  man  am  ein- 
fachsten dadurch  entgegenwirken,  dafs  man  schon  den  Ausbruch  eines 
Brandes  in  jeder  Weise  zu  verhüten  sich  bemüht,  etwa  indem  man 
Gebäude  aus  wenig  feuergefährlichem  Material  herstellt,  an  Beleuch- 
tungsapparaten besondre  Vorsichtsmafsregeln  anbringt  etc.  Diese 
erste  und  nächstliegende  Art  der  Versicherung  wollen  wir,  E.  Herr- 
mann's*)  Vorgange  folgend,  als  M  ei  düng  im  engern  Sinne  be- 
zeichnen;  im   engern  Sinne  deshalb,  weil   ein   weiteres   Präventions- 


*)  Cf.  hierzu  auch  S  c  h  a  u  b  e  ^  Die  wahre  Beschaffenheit  der  Versicherung  in 
der  Entstehungszeit  des  Versicherung-swesens,  (^Jahrbücher  für  Nationalökonomie 
und  Statistik",  3.  Folge,  5.  Bd.,  S.  40  ff.,  insbesondere  S.  47  ff.),  wo  darauf  hin- 
gewiesen wird,  dafs  die  Bedeutung  des  Ausdrucks  securitas  ,,allgemeinster  Art" 
ist,  speciell  in  mittelalterlichen  Schriftstücken  oftmals  Quittungen,  Kautionen,  Bürg- 
schaften, sicheres  Geleite  und  Greleitsbriefe  bezeichnete. 

•)  Von  ökonomisch  irrelevanten  Akten  abgesehen. 

•)  Em.  Herrmann,  Theorie  der  Versicherung,   2.  Aufl.   (Graz  1869.) 

164 


—    5    — 

moment  überhaupt  aller  und  jeder  Assekuranz  wesentlich  ist.  Alle 
Versicherung  nämlich  sucht  zu  „vermeiden^^^  dafs  der  sich  Versichernde 
Schaden^)  leidet;  die  Meidung  im  engeren  Sinne  aber  verfolgt 
dieses  Ziel  auf  dem  Wege,  dafs  sie  bereits  die  Schadensursache,  das 
schädigende  Ereignis^)  ausschliefst. 

Minder  einfach,  als  die  eben  besprochene  Mafsregel,  ist  eine  zweite, 
demselben  Zwecke  dienende,  welche  darin  besteht,  dafs  man  geeignete 
Einrichtungen  trifft,  um  das  trotz  der  Meidung  etwa  ausgebrochene 
Feuer  in  seinem  Wirken  und  Walten  möglichst  zu  beschränken,  es, 
sobald  es  entstanden  ist,  einzudämmen  und  zu  löschen,  kurz,  es  zu 
unterdrücken.  Auch  durch  Unterdrückung  trifft  man  somit  gegen 
in  Zukunft  mögliche  wirtschaftliche  Schäden  Vorkehrung,  auch  sie 
ist  eine  Art  der  Versicherung;  freilich  insofern  eine  weniger  yoU- 
kommene,  wie  die  Meidung,  als  sie  wenigstens  den  Eintritt  des 
schädigenden  Ereignisses  nicht  verhindert. 

Gegenüber  dem  Vorherrschen  ungünstiger  Umstände  werden  in- 
dessen sowohl  Repression  wie  Prävention  i.  e.  S.  sich  vielfach  noch 
als  völlig  ungenügend  erweisen,  Brandschäden  entsprechend  zu  be- 
gegnen. Lehrt  doch  die  tägliche  Erfahrung,  dafs  bei  aller  ange- 
wandten Vorsicht,  und  trotz  eines  ausgebildeten  Feuerlöschwesens 
fort  und  fort  eine  ganz  beträchtliche  Zahl  von  Gebäuden  ein  Baub  der 
Flammen  werden.  Man  würde  mit  Recht  die  Bedeutung  des  Ver- 
sicherungswesens für  die  Volkswirtschaft  als  eine  geringe  bezeichnen 
dürfen,  würden  in  allen  diesen  Fällen  die  vom  Schaden  Betroffenen 
den  Verlust  in  seiner  ganzen  Schwere  zu  tragen  haben.  Allein  dem 
ist  nicht  so;  der  erfindende  Menschengeist  hat  auch  hier  Mittel  und 
Wege  erdacht,  das  Aufserste  zu  verhüten ;  er  hat  eine  weitere  Asse- 
kuranzart geschaffen,  —  in  unserm  Beispiele  die  bekannte  „Feuer- 
versicherung'* (xofT^  «^OX'P')  ^9  deren  Wesen  dann  beruht,  dafs  Werte 
vorsorglich  bereitgestellt  werden,  welche  gegebenenfalls  an  Stelle  der 
verlorenen  zu  treten,  für  die  entstandenen  Vermögensschäden  ^) 
mehr  oder  minder  vollkommenen  Ersatz  zu  gewähren  bestimmt 
sind.  Offenbar  ist  erst  damit  das  Versicherungswesen  zur  Vollendung 
geführt,  so  zu  sagen  zu  einem  in  sich  abgeschlossenen  Ganzen  von 
wirtschaftlichen  Mafsnahmen  gestaltet  worden. 


»)  Cf.  S.  2,  Amn.  5. 

^  AUerdings  treffen  alle  wirtschaftlichen  Nachteile  wenigstens  in  letzter 
Linie  das  Vermögen,  und  insofern  richtet  sich  jede  ökonomisch  relevante 
Assekuranz  gegen  Vermögensschäden.  Ganz  unmittelbar  aber  ist  dies 
bei  Ersatzmafsnahmen  der  Fall. 

166 


—     6     — 

Wir  haben  bisher  die  yerschiedenen  Weisen  des  Eingreifens  der 
Assekuranz  gegenüber  einer  einzelnen  Gefahrsart ,  derjenigen  des 
Feuers,  darzulegen  gesucht.  Schon  die  oberflächlichste  Betrachtung 
dürfte  leicht  davon  überzeugen ,  dafs  auch  andern  Gefahren  gegen- 
über die  versichernde  Thätigkeit  immer  einen  dieser  bezeichneten 
Wege  wird  wählen  müssen.  Um  von  dem  Ersatz,  über  welchen 
weiter  unten  noch  eingehender  zu  handeln  sein  wird,  hier  zunächst 
einmal  abzusehen,  bieten  u.  a.  die  Anbringung  von  „Sicherheits^- 
yentilen,  die  Konstruktion  von  „Sicherheits^schlössern ,  die  Auf- 
bewahrung des  Geldes  in  diebes,,sicheren"  Schränken,  weitere  Bei- 
spiele der  Präventirversicherung ;  die  „Sicherung^  des  Rückzugs 
für  Truppen  bei  ungünstigem  Gefechtsverlaufe,  die  Vorrichtungen 
an  Maschinen,  durch  welche  deren  augenblickliches  Stillstehen  zu 
bewirken  ist,  das  in  Bereitschaft  Halten  von  Quittungen  ^)  und  dergl. 
mehr,  solche  der  Repression.  Kurz,  Meidung  i.  e.  S.,  Unterdrückung 
und  Ersatz,  bilden,  wenigstens  im  Wirtschaftsleben  unsrer  Tage,  all- 
gemein die  drei  Haupterscheinungsformen  des  Assekuranzwesens.  — 

Es  unterliegt  nun  wohl  keinem  Zweifel,  dafs  bei  der  Frage 
nach  dem  Grade  der  Vollkommenheit,  in  welchem  diese  Versiche- 
rungsarten ihren  allgemeinen  Zweck,  die  Erreichung  der  Sicherheit, 
die  Erhaltung  des  Vermögensbestandes  des  einzelnen  und  damit 
auch  der  gesamten  Nation  erfüllen ,  der  Meidung  entschieden  ein 
Vorzug  einzuräumen  sein  wird.  Denn  offenbar  mufs  unter  Vor- 
kehrungen, welche  wirtschaftlichen  Schäden  und  Störungen  begegnen 
sollen,  diejenige  als  die  beste  erkannt  werden,  welche  schon  deren 
Ursachen  gänzlich  ausschliefst.  Insofern  können  Unterdrückung  und 
Ersatz,  von  welchen  die  erstere  das  schädigende  Ereignis  doch  ein- 
treten und  zumeist  wenigstens  in  seinen  Anfängen  sich  bethätigen, 
der  letztere  aber  dasselbe  fürs  erste  sogar  in  vollem  Umfange  walten 
und  wirken  läfst,  in  einem  Versicherungssystem  erst  an  zweiter  und 
dritter  Stelle  in  Betracht  kommen.  Im  grofsen  und  ganzen  erscheint 
denn  wohl  auch  wirtschaftlich  die  Gestaltung  der  Präventions-  und 
Repressionsversicherung  zu  einem  Maximum,  und  somit  die  Beschrän- 
kung des  Ersatzes  auf  eine  mehr  subsidiäre  Wirksamkeit,  zweifels- 
ohne als  erstrebenswert.   Ausnahmslos  jedoch  ist  diese  Regel  keines- 


*)  Durch  das  in  Bereitschaft  Halten  von  Quittungen  vermeidet  man  den  Ein- 
tritt des  schädigenden  Ereignisses,  die  doppelte  Einforderung  eines  Schuldbetrages, 
loicht  Wohl  aber  wird  einer  solchen  Einforderung  jede  Wirksamkeit  benommen. 
(Ahnliches  gilt  für  Duplikate  von  Urkunden,  Maschinen  etc.) 


166 


~     7     — 

^egs.  Zunächst  kann  beispielsweise  grofse  Kostspieligkeit  der  Mafs- 
nahmeD  für  Meidung  und  Unterdrückung  es  bei  geringem  Wohl- 
stand richtiger  erscheinen  lassen,  einen  kleinem  Aufwand  für  Er- 
satzreiBichening  dem  grobem,  welchen  jene  Assekuranzarten  er- 
fordern  würden,  vorzuziehen.  ^)  Sodann  aber  wird  auch  die  Art  des 
schädigenden  Ereignisses  und  die  Beschaffenheit  des  Nachteils,  gegen 
welchen  man  sich  versichern  will,  wohl  zu  berücksichtigen  sein. 
Während  nämlich  bei  einzelnen  dieser  Schäden,  so  bei  den  durch 
Feuer  verursachten,  alle  drei  Versicherungsmodalitäten  neben  einander 
bestehen  können,  giebt  es  andre,  welche  eine  Meidung  (i.  e.  S.)  oder 
Unterdrückung  gegenwärtig  überhaupt  ausschliefsen,  wie  z.  B.  die 
durch  Hagelschlag  hervorgerufenen;  hier  wird  dann  der  Ersatz, 
insofern  er  allein  Abhülfe  zu  gewähren  vermag,  ausschliefslich  Be- 
achtung zu  finden  habcD.  — 

Wie  aber,  so  werden  wir  uns  nunmehr  fragen  müssen,  vollzieht 
sich  im  einzelnen  eben  jener  Ersatzprozefs ,  von  dem  wir  sprachen, 
und  dessen  Wesen  wir  ün  allgemeinen  schon  weiter  oben  feststellten ; 
wodurch  wird  das  Versicherungswesen  in  den  Stand  gesetzt,  jene 
Werte  zu  beschaffen,  die  sich  behufs  einer  Wiederausgleichung  des 
eingetretenen  oder  uDausbleiblichen  Vermögensschadens  als  erforder- 
lich darstellen?  Zwei  Wege  sind  es  vor  allem,  welche  als  zu  dem 
bezeichneten  Ziele  führend,  hier  in  Betracht  kommen. 

In  Anerkennung  wichtiger  Bedürfnisse  des  wirtschaftlichen 
Lebens  finden  wir  zunächst  vorwiegend  durch  die  Jurisprudenz  Asse- 
knranzinstitutionen  der  in  Frage  kommenden  Art  geschaffen.  Sie 
ermöglichen  es  Personen,  welche  aus  Schuld-  oder  Dienstverhält- 
mssen  etc,  Vermögensschäden  für  sich  fürchten,  von  ihren  Schuldnem, 
Bediensteten  u.  s.  w.  Vermögensobjekte  (oder  eine  Forderung  auf 
solche)  sich  auszubedingen,  zu  dem  Zwecke,  bei  Eintritt  eines  Ver- 
lustes den  AusJhU  durch  die  erhaltenen  Werte  ganz  oder  wenigstens 
teilweise  zu  decken.  So  dienen  die  verschiedenen  Arten  der  Pfand- 
bestellung und  die  Bürgschaft  dem  Gläubiger  zur  „Versicherung 
seiner  Forderung'^,  so  „garantiert"  die  Eautionslegung  der  Beamten 
dem  Staate  einen  Ersatz  für  Ausfälle,  welche  aus  dolus  oder  culpa 
der  erstem  ihm  möglicherweise  erwachsen  könnten;  so  endlich  ge- 
währleistet die  arrha  (das  Draufgeld)  besonders  bei  Kauf-  und  Miet- 


^)  Gf.  Adolf  Wagner,  Abschnitt  ^fVeraiehemngswesen"  in  Schönberg*s 
.Handbach  der  politiwhen  Ökonomie'',  3.  Auflage,  2.  Bd.  (Tübingen,  1871)  S.  951  ff.« 
insbesondre  1^.  953. 


167 


—     8    — 

Terträgen  dem  Verkäufer  oder  Vermieter  einen  (wenigstens  partiellen) 
Ersatz  für  denjenigen  Schaden,  den  ihm  ein  eventueller  Rücktritt  des 
andern  Kontrahenten  verursachen  würde.  Bei  Kichteintritt  des  be* 
fürchteten  Vermögensnachteils,  z.  B.  also  bei  vollständiger  Tilgung 
der  versicherten  Forderung  durch  Zahlungen  des  Schuldners,  ermchst 
alsdann  i.  d.  R.  dem  Versicherungsnehmer  die  Verpflichtung,  jene 
Werte,  die  er  zu  Assekuranzzwecken  vom  Versicherer  *)  erhalten  hat* 
zurückzuerstatten«  Keineswegs  jedoch  ist  dem  immer  so.  Der  Kapi- 
talist, welcher  sein  Kapital  ausleiht,  läfst  sich  vom  Darlehnsempfanger 
einen  Zins  zahlen ;  dieser  Zins  enthält  unter  andern  Bestandteilen 
eine  Assekuranzprämie,  dazu  bestimmt,  Ersatz  zu  gewähren,  falls  In- 
Solvenz  des  Schuldners  die  Rückgabe  des  Kapitals  verhindern  sollte. 
Aber  auch  wenn  jene  befürchtete  Insolvenz  mit  ihren  schädigenden 
Wirkungen  nie  eintritt,  behält  der  Kapitalist  seine  einmal  erhaltene 
Rente,  und  eine  Rückzahlung  der  Assekuranzprämie  findet  nicht 
statt.  Von  dieser  Verschiedenheit  abgesehen  gleicht  indes  auch  der 
letztre  Fall  vollkommen  jenen  oben  erörterten:  Wir  erblicken  hier 
eine  Art  der  Ersatzversicherung,  deren  Wesen  darin  besteht,  dafs 
der  Versicherungsnehmer  (Gläubiger,  Kapitalist  etc., 
der  zumeist  auch  der  Versicherte  sein  wird)  zum  Er- 
satz zu  verwendende  Werte  vom  Versicherer  (Schuld- 
ner etc.)  übernimmt.  Aus  der  Behandlung  dieser  Werte  bef 
Nichteintritt  des  Schadens  ergeben  sich  nur  weitere  Unterabtei- 
lungen. 

Die  zweite  Art  der  Beschaffung  von  Ersatzwerten,  deren  prak- 
tische Verwendbarkeit  und  Verwendung  wir  oben  andeuteten,  läfst 
gerade  den  entgegengesetzten  Weg  einschlagen.  Wurden,  vne  vrir 
sahen,  bei  dem  eben  bezeichneten,  ersten  in  Betracht  kommenden 
Systeme  vom  Versicherungsnehmer  Werte,  die  der  Versicherer  bei- 
brachte, in  Empfang  genommen ,  so  ist  es  bei  dem  zweiten  der 
erstere  welcher  solche  dem  Assekuradeur  hingiebt  Die 


*)  Bei  jeder  VersicherungSDiafsDahme  sind  theoretisch  drei  Personen  m  unter- 
scheiden :  Der  Versicherte,  welcher  siehergestellt  wird,  der  Versicherungs- 
nehmer, welcher  fiir  den  erstem  Sicherheit  zu  erlangen  sucht,  und  der  Ver- 
sicherer, welcher  diese  Sicherheit  gewährt.  Praktisch  fallen  ^nel^Msh  die  ersten 
beiden,  zuweilen  sogar  alle  drei  Personen  in  eine  einzige  zusammen,  in  welch^ 
letzterem  FaUe  wir  von  Eigen  Versicherung  sprechen:  So  sind  Unterdrückung  und 
besonders  Meidung  zum  gröfsten  Teile,  jedoch  nicht  immer  ( —  wir  erinnern  an  die 
Sequestration  — ),  solche  Eigenversicherungen,  während  bei  den  Ersatzassekuranzen 
die  Personen  des  Versicherten,  des  Versicherungsnehmers  und  des  Versicherers  ia 
der  Mehrzahl   der  Fälle  selbständig  in  die  Erscheinung  treten. 

168 


—    9     — 

Absicht,  welche  den  Versicherungsnehmer  hierbei  leitet,  ist  die,  durch 
jene  wirtschaftlichen  Werte  (irgend  welcher  Art)  den  Versicherer  in 
die  ökonomische  Lage  zu  versetzen,  für  Schäden,  welche  den 
Versicherten  treffen  könnten,  entsprechenden  Ersatz  beizubringen; 
sei  es  nun,  dafs  jene  erhaltenen  Werte  selbst  nutzbringend  angelegt 
nod  aufgespart  werden  sollen,  um  gegebenenfalls  zu  Assekuranzzwecken 
Verwendung  zu  finden,  sei  es  auch,  dafs  dieselben  den  Versicherer 
wirtschaftlich  derart  zu  fördern  bestimmt  sind,  dafs  in  seiner  öko- 
nomischen Macht  die  Deckung  eines  den  Versicherten  treffenden 
Schadens  mit  enthalten  ist.  Klarer  und  anschaulicher  wird  dieses 
Verfahren  werden,  wenn  wir  dasselbe  im  folgenden  an  verschiedenen 
Beispielen  etwas  eingehender  betrachten.  Diese  Untersuchungen 
werden  für  uns  um  so  wichtiger  sein,  als  sie  uns  gleichzeitig  das  Vor- 
handensein weiterer  Modifikationen  innerhalb  des  begrenzten  Ge- 
bietes der  Ersatzbeschaffung  durch  Hingabe  von  Werten 
werden  kennen  lehren,  je  nach  der  Behandlung,  welche  diese 
Werte  nun  durch  den  Versicherer  erfahren. 

In  der  bekannten  Feuerversicherung  (im  engern  Sinne),  deren 
schon  weiter  oben  Erwähnung  geschah,  finden  wir  die  Idee  einer 
Ersatzbeschaffung  auf  dem  beschriebenen  zweiten  Wege  zunächst  ver- 
wirklicht. UrsprüngHch  in  der  Art  entstanden,  dafs  mehrere  Ver- 
sicherung'^  Suchende  sich  zusammenschlössen,  um  den  durch  Brand 
ihnen  verursachten  (in  Geld  ausgedrückten)  Schaden  am  Ende  jedes 
Jahres  unter  sich  zu  verteilen ,  hat  die  Institution,  nachdem  lang- 
jährige Erfahrung  die  Höhe  der  den  einzelnen  hierbei  alljährlich 
treffenden  Quoten  feststellte  und  im  voraus  bestimmbar  machte,  die 
Schwerfälligkeit  der  alten  Form  abgelegt.  Man  erhebt  nunmehr  jene 
wahrscheinlich  zu  entrichtenden  jährlichen  Beiträge  von  vornherein 
als  sogenannte  Prämien,  und  läfst  etwaige  Überschüsse  dem  Ver- 
sicherer anheimfallen,  und  wie  gegen  Feuerschaden,  versichert  man 
sich  in  ganz  ähnlicher  Weise  und  auf  Grund  entsprechender  tech- 
nischer Grundlagen  auch  gegen  Hagelschlag,  gegen  Viehsterben,  gegen 
Unfall  und  Invalidität  etc.  Was  allen  diesen  Assekuranzen  eigen- 
tümlich erscheint  und  auf  ihr  innerstes  Wesen  selbst  sich  gründet, 
ist  die  Betonung,  welche  das  Schadensmoment  bei  ihnen  gefunden  hat. 
Nur  wenn  durch  das  schädigende  Ereignis  ein  Vermögensnachteil 
wirklich  zur  Entstehung  gelangt,  wird  gezahlt,  und  auch  die  Höhe 
der  Zahlung  findet  in  dem  Umfange  dieses  letzteren  ihre  ganz  be- 
stimmte Begrenzung.  So  ist  bei  der  Feuerversicherung  der  thatsäch- 
liche  Eintritt  eines  Brandschadens  Voraussetzung  für  die  Leistung 

169 


—     10    — 

des  Assekuradeurs,  und  je  nachdem  '  ^  ^^^  Vs  ^^^  Hauses,  oder  das 
ganze  Gebäude  ein  Raub  der  Flammen  wird,  kommt  die  Versiche- 
rungssumme zur  Hälfte,  oder  zu  einem  Drittel,  nur  im  letztgenannten 
Falle  aber  toII  und  ganz  zur  Aushändigung.  Gerade  mit  Bücksicht 
darauf  wollen  wir  diese  Art  der  Assekuranz  als  „Schadensversiche- 
rung  wxt'  i^oxfjv^  bezeichnen,  —  xar'  l^oxr^v  deshalb,  weil  bekanntlich 
alle  Versicherung  gegen  Schaden  sich  richtet,  somit  in  weiterm  Sinne 
SchadensTersicherung  ist. 

Wir  nahmen  nun  bei  den  soeben  genannten  Assekuranzen  eine 
Vereinigung  vieler  Versicherung-Suchenden  zur  Verfolgung  des  ge- 
meinsamen Zweckes  wahr;  und  man  kann  sagen,  dafs  gerade  dieses 
Associationsprinzip  es  war,  welches  jene  Unterarten  der  Ver- 
sicherung zu  der  hohen  Entwicklung  und  Ausbreitung  gefuhrt  hat, 
deren  sie  sich  heut  im  wirtschaftlichen  Leben  erfreuen.  Irren  würde 
man  jedoch,  wollte  man  (mit  Karup^)  u.  a.)  nun  das  Associations- 
prinzip als  wesentlich  auch  nur  für  Assekuranzen  dieser  Art,  ge- 
schweige denn  für  das  Assekuranzwesen  überhaupt  hinstellen.  Viel- 
mehr finden  sich,  wenngleich  weit  seltener,  auch  individuelle  Ver- 
sicherungsmafsnahmen,  welche  den  bezeichneten  wirtschaftlich,  insbe- 
sondre in  der  Auffassung  des  Schadenmoments,  vollkommen  gleichen. 
Auf  einen  solchen  Fall  macht  schon  T  h  ö  P)  in  seinem  Handelsrecht 
scharfsinnig  aufmerksam:  Es  handelt  sich  um  das  sogenannte  Prä- 
miengeschäft, ein  Handelsgeschäft,  bei  welchem  eine  Person  (A)  eine 
andre  (B)  beauftragt,  an  bestimmtem  zukünftigem  Termine  eine  be- 
stimmte Ware,  z.  B.  Getreide,  zu  liefern;  gleichzeitig  aber  bedingt  sie 
sich  das  Recht  aus,  eventuell  noch  an  jenem  Termine  von  dem  Vertrage 
zurücktreten  zu  dürfen,  wofür  sie  sich  andrerseits  von  vornherein 
bereit  erklärt,  B  eine  sogenannte  Prämie  über  den  Kaufpreis  hinaus 
zu  zahlen.  Der  Gedanke,  der  bei  Abschlufs  eines  solchen  Geschäfts 
den  Besteller  A  leitet,  ist  offenbar  der,  sich  durch  die  Berechtigung 
zum  Rücktritt  gegen  jenen  Vermögensschaden  zu  versichern,  welcher 
ihm  aus  einer  Differenz  zwischen  dem  für  die  Zeit  der  Lieferung  an- 
genommenen und  dem  zu  derselben  wirklich  vorhandenen  Kurswerte 
des  Getreides  erwachsen  müfste,  falls  er  gezwungen  wäre,  das  ent- 
wertete Getreide  anzunehmen;  sein  Rücktritt  überwälzt  den  eventuellen 
Vermögensschaden  auf  den  Lieferanten  B,  welchem  das  angeschaffte 


^)  W.  Karup,  Theoretisches  Handbach  der  Lebensversicherung,  neue  Aus- 
gabe (Leipzigs.  1874),   1.  Abteilung:,  S.  1. 

*)  Thöl,  Das  Handelsrecht,  1.  Bd..  6.  Aufl.,  (Leipzig,  1879]  §  288. 


170 


—   11   — 

Getreide  nunmehr  verbleibt,  und  der  darum  von  A  jene  Prämie  sich 
zahlen  läfst,  deren  Höhe  er  auf  Grund  von  Konjunkturen  seinerseits 
im  Toraus  bemifst.  A  hat  sich  somit  durch  Hingabe  einer  Prä- 
mie gegen  Yermögensschaden  versichert;  Versicherer  ist  B,  die  ver- 
sicherte Summe  —  bzw.  das  Äquivalent  derselben  —  die  Wertdifferenz 
zwischen  dem  berechneten  und  dem  wirklichen  Kurswerte  des  Ge- 
treides am  bestimmten  Termine;  ^gezahlt''  wird  diese  Summe  nur, 
wenn  der  Schaden  wirklich  eintritt  und  nur  in  Höhe  dieses  Schadens; 
andernfalls  lukriert  die  Prämie  der  Versicherer.  Mögen  immer  Kon- 
trakte dieser  oder  ähnlicher  Art,  —  u.  a.  z.  B.  auch  der  sogenannte 
G&rantievertrag  ^)  —  einen  aleatorischen  Charakter  tragen,  ihrem 
Zwecke,  ihrem  innersten  Wesen  nach  sind  und  bleiben  sie,  wenigstens 
vom  wirtschaftlichen  Standpunkte,  Assekuranzakte;  und  zwar  wie  er- 
sichtlich, Schadensversicheruugen  i.  e.  S. ;  hieran  kann  allein  ihre 
Unvollkommenheit,  welche  durch  das  Fehlen  des  ausgleichenden  und 
ergänzenden  Associationsprinzips  bedingt  wird,  eine  Änderung  nicht 
hervorrufen. 


*)  ^Durch  den  Garantievertrag  bezweckt  der  Garantierende  das  VermiSgens- 
untemehmen  eines  andern  in  der  Weise  zu  fordern,  dafs  er  das  Hisiko  desselben 
g&Dz  oder  innerhalb  bestimmter  Grenzen  auf  sich  nimmt,  und  zwar  unentgeltlich.*' 
(Lewis,  Lehrbuch  des  Versicherungsrechts,  Stuttgart  1889.)  Der  Staat  sichert  einer 
Aktiengesellschaft  für  den  Fall  der  Übernahme  eines  Bahnbaues  in  Gebieten, 
deren  Hereinziehung  in  den  Verkehr  ihm  erwünscht  ist,  für  einige  Zeit  einen 
bestimmten  Zinsertrag  zu;  ein  Gastwirt  sucht  eine  Künstlergesellschafl  zu  Vor- 
stellungen in  seinem  Etablissement,  von  denen  er  einen  starkem  Zuzug  von 
Gästen  erwartet,  dadurch  zu  bewegen,  dafs  er  ihnen  eine  festnormierte  Einnahme 
garantiert,  u.  dergl.  m.  Offenbar  liegt  auch  hierin  eine  Assekuranz,  in  unserm 
Beispiele  eine  Versicherung  für  die  Aktienunternehmer,  für  die  Künstlergesell- 
schaft. Versicherer  ist  der  Garantierende,  in  dem  einen  Falle  somit  der  Staat, 
und  in  dem  andern  der  Gastwirt,  welcher  es  überoimmt,  den  Vermögensschaden, 
den  ein  Mifslingen  des  Unternehmens  für  den  Unternehmer  herbeiführen  müfste, 
zu  ersetzen ;  er  also  hat  seinerseits  einzutreten  für  den  Fall,  dafs  das  schädigende 
Ereignis  eintrifft  und  wirkt,  und  bis  zu  dem  Umfange,  in  welchem  dies  statt- 
findet, ganz  wie  bei  jeder  Schadensversicherung  i.  e.  S.  Nun  erfolgt  zwar  die 
Risikoübemahme  nach  der  Definition  Lewis'  unentgeltlich;  indes  nur  schein- 
bar: Das  ganze  betreffende  Unternehmen  liegt  im  ökonomischen  Interesse  des 
Versicherers,  und  die  Aufwendungen  des  Versicherungsnehmers  zur  Eriüllimg 
dieses  Interesses  sind  die  Prämie,  welche  er  leistet;  nur  vom  streng  juristischen, 
nicht  auch  vom  wirtschaftlichen  Standpunkte  also  wird  man  die  Garantie  als 
anentgeltlich  gewährt  bezeichnen  dürfen,  weshalb  denn  auch  von  letzterem  aus 
lietrachtet  der  genannte  Vertrag  zweifelsohne  den  Charakter  einer  individuellen 
.Schadensassekuranz'*  aufweist.  —  Cf.  über  den  Garantie  vertrag  Stammler, 
im  „ArchiT  für  civilistische  Praxis",  LXIX,  S.  1  ff. 

171 


—     12    — 

Etwas  abweichend  hingegen  wird  ein  weiteres  Veraicherungs- 
Institut  beurteilt  werden  müssen ,  welches  im  praktischen  Leben 
allerdings  auch  zumeist  der  besprochenen  ,, Schadensassekuranz"  zu- 
geteilt und  mit  Feuer-,  Hagel-  etc.  Versicherung  auf  eine  Stufe  ge- 
stellt wird.  Wir  meinen  die  sogenannte  Lebensversicherung, 
deren  nähere  Betrachtung  Gegenstand  dieser  Arbeit  sein  soll.  Ihr 
Wesen  besteht,  wie  später  noch  eingehender  dargelegt  werden  wird, 
darin,  dafs  jemand  durch  regelmäfsige,  ebenfalls  als  Prämien  bezeich- 
nete Einzahlungen  in  Gemeinschaft  mit  andern  Personen  zur  Bildung 
eines  Fonds  mitwirkt,  welcher,  vermehrt  durch  Zins  und  Zinseszins, 
gerade  ausreicht,  um  jedem  der  Beteiligten  (bzw.  seinen  Angehörigen) 
beim  Tode  den  Bezug  eines  Kapitals  von  im  voraus  bestimmter  Höhe 
zuzusichern.  Nicht  also  um  die  Verteilung  eines  Vermögensschadens 
auf  viele  handelt  es  sich  bei  einer  derartigen  Assekuranz,  sondern 
tun  ein  Sparen,  welches  von  andern  Sparakten  nur  dadurch  sich 
unterscheidet,  dafs  es  auf  gemeinsame  Rechnung  erfolgt. 
Zweck  dieses  gemeinsamen  Vorgehens  ist  die  sichere  Er- 
reichung des  Sparziels,  ^)  an  welcher  der  einzelne  für  sich  allein 
insbesondre  durch  frühzeitigen  Tod  verhindert  werden  kann,  nicht 
dagegen  eine  Gesamtheit  von  Personen.  Denn  innerhalb  der  letzteren 
erscheint  das  allmähliche  Absterben  auf  Grund  gesammelter  und 
statistisch  verwerteter  Erfahrungen  nicht  mehr  als  unerwartet  und 
zufällig. ')  Mag  daher  eine  äufsere  Ähnlichkeit  der  sogenannten 
Lebensversicherung  mit  den  Schadensversicherungen  bestehen,  mag 
auch  die  geschichtliche  Entwicklung  der  erstem  derjenigen  dieser 
letztem  vielfach  parallel  gegangen  sein,  bei  dem  heutigen  Stande  der 
Dinge  wird  eine  genaue  Unterscheidung  sich  als  unabweislich  dar- 
stellen. Um  so  schärfer  noch  dürfte  dies  hervortreten,  wenn  wir  die 
Behandlung  des  Schadensmoments,  deren  Eigenart  wir  für  die  Schadens- 
versicherung weiter  oben  besonders  hervorhoben,  vergleichungshalber 
auch  für  die  „Lebensversichemng^^  näher  betrachten.  •)  Bei  den 
Schadensversicherungen  war  der  Eintritt  eines  schädigenden  Ereig- 
nisses (erste)  Bedingung  der  Zahlung  der  Versicherungssumme;   bei 


*)  Derselbe  Zweck  wird  aufserdem  noch  anpfestrebt  durch  die  Vorschrift 
pünktlicher  Einzahlung  der  Prämien  und  Verknüpfung  einer  diesbezüglichen 
Unterlassung  mit  verschiedenen  Nachteilen;  ferner  durch  Erschweruni?^  des  Aus- 
tritts aus  der  Gesellschaft,  indem  man  mit  einem  solchen  mannigfache  Verluste 
verbindet. 

')  Elster,  1.  c.  S.  23  if.,  insbesondere  S.  28  f.,  und  die  dort  Citierten. 

«)  Cf.  Elster,  1.  c.  S.  26  ff . 

172 


—     13     — 

der  „Lebensversicherung"  erblicken  wir  in  dem  Tode  des  Versiche- 
rungsnehmers, in  der  Erreichung  eines  bestimmten  höheren  Lebens- 
alters durch  den  Versicherten  u.  s.  w.  nur  Termine  der  Aushändi- 
gung derselben  seitens  des  Versicherers ;  und  wir  unterscheiden  dem- 
nach zwischen  „Lebensversicherung"  auf  den  Todes-  und  auf  den 
Lebensfall  (Alters-,  Aussteuer -Versicherung,  etc.);  *)  ob  aber  in  diesen 
Zeitpunkten  ein  Vermögensschaden,  dessen  eventuellen  Ein- 
tritt der  Versicherungsnehmer,  sei  es  für  die  Seinigen, 
sei  es  für  sich,  allerdings  fürchtete,  und  dessen  Mög- 
lichkeit ihn  zum  Abschlufs  der  Assekuranz  veranlafste, 
nun  wirklich  zur  Entstehung  gelaugt  ist,  oder  nicht,  erscheint  durch- 
aus gleichgültig.  Bei  der  Feuerversicherung  und  den  ihr  ähnlichen 
Assekuranzen  richtete  sich  femer  der  Betrag  der  auszuzahlenden 
Summe  nach  der  Höhe  des  Schadens;  bei  der  „Lebensversicherung^^ 
ist  es  einzig  und  allein  der  Wille  des  Versicherungsnehmers,  welcher 
diesen  Betrag  normiert,  und  eine  Quotierung  desselben  nach  Verhältnis 
des  Schadensumfangs  ist  gänzlich  ausgeschlossen.  Der  „Lebensver- 
sicherungsvertrag" charakterisiert  sich  also,  juristisch  betrachtet,  als 
abstraktes  Rechtsgeschäft,  gegenüber  der  kausalen  oder  materiellen 
Rechtsnatur  der  Schadensassekuranzverträge;  wirtschaftlich  aber,  um 
es  nochmals  hervorzuheben,  stellt  sich  diese  Versicherung  als  ein 
Sparakt  dar,  mit  der  wesentlichen  Modifikation,  dafs,  vornehmlich 
durch  Anwendung  des  Associationsprinzips,  die  Erreichung  des  Spar- 
ziels für  jeden  Fall  garantiert  wird.  Man  wird  daher  für  diese  Art 
der  Ersatzversicherung  durch  Hingabe  von  Werten  den  Ausdruck 
.Lebensassekuranz"  nur  mit  gewissen  Kautelen  anwenden  dürfen,  da 
diese  Benennung,  welche  eine  Versicherung  gegen  alle  irgendwie  Leben 
und  Gesundheit  betreffenden  Schäden  vermuten  läfst,  offenbar  eine 
viel  zu  weite  ist.  Eine  Lebensversicherung  ist  ebenso  auch  jede  Mei- 
duog  der  Lebensgefahr,  jedes  Unterdrücken  einer  das  Leben  bedrohen- 
den Krankheit,  endlich  auch  jede  Unfall-  und  Invaliditätsassekuranz, 
alles  Fälle,  welche  in  der  Praxis  als  „Lebensassekuranzen"  in  unserm 
Sinne  nicht  behandelt  werden.  ^)  Zutreffender  wäre  vielleicht  für  die 
letzteren  die  Zusammenfassung  unter  dem  Namen  „G-arantiesparwesen*^, 
doch  ist  an  eine  Änderung  der  allgemeinen  und  fest  eingebürgerten 
Bezeichnung  „Lebensversicherung"  schwerlich  zu  denken. 


')  Näheres   über  den   Charakter   der   Versicherung   auf  den   Lebensfall   s. 
Teil  II  dieser  Arbeit,  sub  11;  (Prämien-Rückgewähr  etc.) 
«)  Cf.  Elster,  1.  c,  S.  27 f. 


173 


—     14    — 

Erblicken  wir  nun  aber  in  dem  gemeinsamen  Sparen  einen 
Assekuranzakt,  —  wie  gesagt,  ist  es  ja  regelmäfsig  ein  möglieber 
Schaden  (cf.  oben  S.  3),  gegen  welchen  man  sich  durch  den  Bei- 
tritt zu  einer  „Lebensversicherung"  zu  versichern  wünscht,  —  so 
liegt  nahe,  auch  in  dem  einfachen  individuellen  Sparen  einen 
solchen  zu  sehen.  Wirklich  kann  eine  nähere  Betrachtung  der  Sache 
eine  derartige  Konsequenz  nur  als  richtig  bestätigen.  Auch  die  De- 
ponierung von  Sparpfennigen  bei  einer  Sparkasse,  oder  überhaupt  das 
individuelle  Zurücklegen  von  Einkommensteilen  erfolgt  zumeist  in  der 
Absicht,  gegen  eine  späterhin  etwa  eintretende  Verschlechterung  der 
Vermögenslage  Deckungsmittel  in  Bereitschaft  zu  halten.  Bei  der 
schon  früher  erwähnten  Zurücklegung  einer  „Assekuranzprämie"  seitens 
des  Unternehmers,  sowie  bei  der  ebenfalls  schon  genannten  „Selbst- 
versicherung'', Mafsnahmen,  welche  sich  als  ein  auf  bestimmte  Ge- 
bietsteile des  Vermögens  (das  Unternehmen  selbst)  beschränktes  Sparen 
charakterisieren,  tritt  der  Versicherungscharakter  schon  im  Namen 
hervor.  Wie  wir  daher  der  mit  Anwendung  des  Associationsprinzips 
betriebenen  Schadensversicherung  individuelle  Schadensassekuranzakte 
an  die  Seite  stellten,  so  müssen  wir  hier,  analog  vorgehend,  dem  ge- 
meinsamen Sparen  das  individuelle  koordinieren.  Dagegen  dürfte  der 
Einwand,  dafs  mit  dem  letzteren  nicht  selten  auch  ein  andrer  Zweck, 
etwa  die  VerschaflFung  eines  besondem  Vorteils,  angestrebt  werde, 
(was  übrigens  für  das  Eingehen  einer  „Lebensversicherung''  gleich- 
falls gilt)  kaum  ins  Gewicht  fallen.  Es  handelt  sich  in  solchen  Fällen 
inmierhin  mehr  um  Ausnahmen;  ganz  abgesehen  davon,  dafs  mit 
Rücksicht  auf  bestimmte  Vorteile  auch  das  Fehlen  eines  zu  deren 
Erreichung  erforderlichen  Kapitals  direkt  als  i!<achteil  empfunden 
werden  kann.  Sind  doch  die  beiden  Seiten  jenes  eingangs  dieser 
Zeilen  genannten  Zieles  menschlichen  Wollens  überhaupt  nicht  fest 
begrenzt,  gehen  vielmehr  vielfach  in  einander  über,  ohne  dafs  man 
anzugeben  vermöchte,  wo  die  eine  endet,  die  andre  beginnt.  ^) 

Das    ökonomisch   charakteristische   Merkmal  aller  Sparversiche- 


*)  Die  Wesenepfleichheit  von  Sparen  und  Versichern  anerkennt,  wenigstens 
indirekt,  A.  Wagner,  wenn  er  in  seinem  schon  citierten  Aufsatze  in  Schön- 
berg's  "Handbuch"  (S.  9ö8f.)  sa^t:  ,,Auch  die  eijrene  Ansammhing  eines  Kapi- 
tals aus  ersparten  Einkommeustheilen  im  Betrage  der  Vei-sicheninpsprämien  ist 
ökonomisch  derselbe  Prozess  (!),  wie  die  Erwcrlmnp  eines  Kapitals  durch  Ver- 
sicherung mittelst  Zahlung  yon  Prämien  gleicher  Höhe  (und  gleicher  Zahlangs-. 
bezw.  Rücklage termine)  in  der  Lebensversicherung.^ 

174 


—     15     — 

rung,  sowohl  der  individuellen,  wie  der  mit  Anwendung  des  Asso- 
ciationsprinzips  vorgenommenen,  bestand  nun  ofFensichtlich  darin,  dafs 
beigebrachte  Werte  aufgesammelt  und  meist  nutzbringend  angelegt 
Würden,  kurz,  in  einem  Prozefs  der  Kapitalbildung,  ünsre 
sogenannten  Lebensversicherungsinstitute  vermitteln  nun  aber  in 
ihrem  Betriebe  auch  einen  andern,  dem  ersteren  gerade  entgegen- 
gesetzten Prozefs  der  planmäfsigen  und  geregelten  Auflösung  fer- 
tiger Kapitalien  zu  Assekuranzzwecken :  Die  sogenannte  Eenten- 
versicherung.  Ihre  Bestimmung  ist  es,  einer  Person,  dem  Ver- 
sicherten, für  die  Dauer  ihres  Lebens  oder  auch  für  kürzere  Zeit, 
den  Bezug  einer  Rente,  und  zwar  i.  d.  R.  einer  hohem  Rente  zuzu- 
sichern, als  eine  anderweitige  Kapitalsanlage  an  Ertrag  zu  gewähren 
vermöchte.  Das  letztere  wird  eben  dadurch  ermöglicht,  dafs  in  den 
hohem  Interessen  nicht  nur  Zinsen  enthalten  sind,  sondern  der  eingezahlte 
Fonds  selbst  sich  auflöst.  Besonders  erscheint  die  Rentenassekuranz 
als  Altersversichemng ,  mit  der  Bedeutung,  dafs  einer  in  späteren 
Jahren  etwa  eintretenden  Erwerbsun-  oder  Minderfähigkeit  durch  den 
Bezug  einer  Pension  ihr  nachteiliger  Einflufs  auf  die  Vermögenslage 
des  Versicherten  benommen  werden  soll.  Ob  aber  dieser  befürch- 
tete Schaden  dann  wirklich  eintritt,  oder  nicht,  bleibt  für  die  Aus- 
zahlung der  Rente  indifferent;  genau  so  indifferent,  wie  bei  dem  ge- 
meinsamen Sparen,  mit  welchem  auch  auf  Gmnd  dieser  und  andrer 
Ähnlichkeiten  die  gemeinsame  Zerteilung  eines  Kapitals  in  Renten 
rielfach  identifiziert  wurde.  Mit  Unrecht  —  denn,  wie  ersichtlich, 
ist  die  Art  der  Verwendung  der  hingegebenen  Werte  (welche  wir 
unsrer  Einteilung  an  dieser  Stelle  zu  Grunde  legen)  bei  beiden  Asse- 
kuranzen durchaus  verschieden:  Beim  Sparwesen  galt  es,  aus  den- 
selben ein  Kapital  zu  bilden,  hier  sind  sie  bestimmt,  in  Gestalt  von 
Renten  wieder  zur  Verteilung  zu  gelangen.  Dafs  es  trotz  dieses 
Unterschieds  oftmals  ein  und  derselbe  Versicherer  ist,  welcher  beide 
Assekuranzakte  vermittelt,  darf  nicht  auffallen.  Finden  wir  doch 
im  Laufe  der  Geschichte  des  Versicherungswesens  Fälle  genug,  in 
denen  sogar  Schadens-  und  „Lebensversicherung^  durch  einen  und 
denselben  Assekuradeur  gewährt  wurden.  Um  wie  viel  mehr  wird 
dies  bei  Assekuranzarten  erklärlich,  die  sich,  wie  Spar-  und  Renten- 
wesen (insofern  Zins  und  Zinseszins,  Lebensdauer  und  Sterbens- 
wahrscheinlichkeit bei  beiden  in  gleicher  Weise  in  Frage  kommen) 
auf  denselben  mathematischen  und  technischen  Grundlagen,  nament- 
lich denselben  Erfahrungen  über  das  Absterben  einer  Gesamtheit  von 


176 


—     16    — 

Menschen,  aufbauen.  ^)  Wie  die  Zugrundelegung  dieser  Erfahrungen 
bei  der  sogen.  Lebensassekuranz  die  Erreichung  des  Sparziels  für 
den  einzelnen  von  seinem  früher  oder  später  erfolgenden  Ableben  un- 
abhängig machte,  so  schützt  sie  ihn  hier  vor  der  Möglichkeit  einer 
allzu  raschen  Aufbrauchung  seines  Stammvermögens ;  denn  indem  sich 
die  Höhe  des  zum  Bezug  einer  bestimmten  Kente  erforderlichen  Ka- 
pitals für  die  Gesamtheit,  deren  Absterbeordnung  feststeht,  annähernd 
genau  berechnen  läCst,  wird  der  Einflufs  der  Schwankungen  in  der 
individuellen  Lebensdauer  gänzlich  eliminiert.  Gleichzeitig  erhält 
dadurch  der  Versicherer  die  Gewifsheit,  dafs  das  empfangene  Kapital 
zur  Zahlung  der  von  ihm  gewährleisteten  Renten  ausreicht.  —  In 
diesem  Momente  beruht  der  hohe  Vorzug  der  gemeinschaftlichen 
Rentenversicherung  vor  der  individuellen,  welch'  letztere  (als  Leib- 
rentenvertrag) im  Mittelalter  häufiger  vorzukommen  pflegte,  heute 
aber  aufser  etwa  in  der  unvollkommenen  Form  des  Altenteils  mehr 
oder  minder  verschwunden  ist. 


Wir  beschliefsen  damit  die  Aufzählung  derjenigen  Mafsnahmen, 
welche  wir  als  unter  den  weiter  oben  festgestellten  Allgemeinbegriff 
der  Versicherung  gehörig  erkannten.  Wir  fanden,  dafs  diese  Mafs- 
nahmen zunächst  in  den  Angriffspunkten  für  die  Schadensbekäm- 
pfung differierten,  indem  sie  teils  gegen  den  Eintritt,  teils  gegen 
das  Wirken  des  schädigenden  Ereignisses,  teils  endlich  direkt  gegen 
die  Folge  des  Eintritts  und  Wirkens  desselben  sich  richteten. 
Demgemäfs  unterschieden  wir  die  drei  grofsen  Hauptkategorieen : 
Meidung,  Unterdrückung  und  Vorsorge  für  Ersatz.  Bei  der  Ersatz- 
Vorsorge  ergab  sodann  die  Art  der  Beschaffung  der  zum  Ersetzen 
bestimmten  Werte  eine  weitre  Zweiteilung,  je  nachdem  der  Versiche- 
rungsnehmer solche  vom  Versicherer  zur  Verfügung  erhielt  (z.  B. 
Pfand,    Kaution,    Bürgschaft    etc.),    oder    seinerseits    durch    Hin- 


*)  Es  erscheint  praktisch  von  Vorteil,  „Lebensassekuranz"-  und  Renten- 
wesen im  Betriebe  nicht  zu  trennen:  So  ist  es  z.  B.  nicht  ungebräuchlich,  eine 
Versicherung  auf  den  Todesfall  in  der  Art  einzugehen,  dafs  die  Zahlung  der 
Versicherungssumme  in  Form  von  Renten  erfolgen  soll;  man  spart  für  die 
Hinter))liebenen  ein  Kapital,  läfst  dasselbe  indes  dann  nicht  auf  einmal,  sondern 
successiv  als  Rente  in  die  Hände  der  letztem  gelangen.  Hier  wird  also  mit 
einem  anfänglichen  Spar-  ein  späterer  Xapitalauflösnngsprozess  nach  dem  Willen 
des  Versicherungsnehmers  eng  verknüpft.  Cf  auch  Teil  II  dieser  Arbeit,  Vor- 
bemerkung. 

176 


—     17     — 

gäbe  derselben  diesen  ökonomisch  in  den  Stand  setzte ,  für  einen 
möglicherweise  entstehenden  Vermögensschaden  einzutreten.  Die 
Behandlung,  welche  nun  die  übergebenen  wirtschaftlichen  Werte  bei 
dem  Versicherer  erfuhren,  nötigte  uns  fernerhin,  bei  der  Ersatzver- 
sichemng  durch  Hingabe  von  Werten  zwischen  Schadensversicherung 
im  i^oxjp^j  Sparversicherung  und  Rentenversicherung  zu  unter- 
scheiden; deren  jede  endlich,  je  nachdem  das  Prinzip  der  Asso- 
ciation auf  sie  Anwendung  gefunden  hatte  oder  nicht,  in  eine  ge- 
meinsame und  eine  individuelle  zerfiel.  Wir  lassen,  um  diese  Klassi- 
fikation, welche  wir  im  folgenden  festhalten  wollen,  übersichtlicher 
zu  machen  und  insbesondere  die  Stellung  der  sogenannten  Lebens- 
versicherung im  Assekuranzwesen  schärfer  hervorzuheben,  über 
unsere  EUnteilung  eine  Tabelle  folgen. 

(S.  die  Tabelle  auf  Seite  18.) 
Wir  haben  nun  in  unserem  Systeme,  wie  ersichtlich,  die  Meidung 
an  die  erste  Stelle  gerückt,  der  Unterdrückung  erst  den  zweiten,  der 
Ersatzvorsorge  den  dritten  Platz  eingeräumt :  keineswegs  ohne  Absicht, 
sondern  dem  allgemeinen  logischen  Bedürfnis  Folge  leistend,  die 
Seihe  der  Arten  eines  Allgemeinbegriffs  so  einzuordnen,  dafs  die  dem 
Sinne  des  letzteren  am  meisten  entsprechenden  zunächst  genannt 
werden  u.  s.  f.  Wir  haben  hierauf  schon  weiter  oben  aufmerksam  ge- 
macht und  begnügen  uns,  auf  das  dort  Gesagte  nochmals  hinzuweisen. 
Nor  betreffend  die  Ersatzassekuranzen  seien  hier  noch  wenige  Be- 
merkungen beigefügt.  Nicht  ohne  einen  Schein  von  Recht  näm- 
lich könnte  eingewendet  werden,  dieselben  trügen,  da  sie  den 
Nachteil  doch  zunächst  voll  und  ganz  zur  Entstehung  gelangen 
lie&en,  und  das  sonach  verringerte  Vermögen  des  einzelnen  und 
der  Nation  nur  durch  andere  bereitgehaltene  Werte  ergänzten, 
sEur  Erhaltung  des  jeweiligen  Vermögensbestandes  überhaupt  nicht 
bei;  es  bliebe  vielmehr  in  Wirklichkeit  das  Defizit,  wenn  auch  nicht 
für  das  vom  Schaden  betroffene  Individuum,  so  doch  zweifelsohne 
für  das  Nationalvermögen,  durch  den  „Ersatz"  ungedeckt,  da  er 
gewissermafsen  nur  auf  der  einen  Seite  zufügte,  was  er  auf  der 
anderen  weggenommen  hätte.  Dem  wäre  jedoch  keineswegs  bei- 
zapflichien.  Speziell  für  die  „Schadensversicherungen",  denen  gegen- 
über jener  genannte  Einwand  thatsächlich  erhoben  wurde,  hat 
Elster')  einer  Widerlegung  solcher  Anschauungen  mit  folgenden 
Worten  Ausdruck  verliehen :  „Die  Versicherung  bietet  mehr  (sc.  als 


»)  L.  c  S.  4. 

Steatnri— MBhfcfftl.  Stndten.    V.  177  2 

18 


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—     19     — 

einen  blofsen  Schein  des  Ersatzes),  da  sie,  wenn  auch  nicht  immer, 
so  doch  in  vielen  Fällen  einen  nicht  nur  scheinbaren,  sondern  wirk- 
lichen Ersatz  beschafft;  sie  ist  für  den  Einzelnen  eine  unablässig 
wirkende  Triebfeder,  jene  Opfer  zu  erübrigen,  welche  die  Prämie 
erheischt,  sie  ist  die  Ursache  einer  vermehrten  Produktion;  ohne 
diese  Anregung  würde  der  Fleifs,  wie  der  Trieb  zum  Sparen  nicht 
so  geweckt  werden,  mancherlei  Ausgaben  würde  man  sich  ge- 
statten, die  nunmehr  unterlassen  werden."  Was  aber  hiermit  für 
eine  specielle  Unterart  der  Ersatzassekuranz  hervorgehoben  ist, 
es  gilt  für  diese  ganz  allgemein:  zunächst  für  die  Versicherung 
durch  Übernahme  von  Werten,  welche  ja  dem  einzelnen  zweifels- 
ohne vollen  Ersatz  zu  gewähren  vermag,  gleichzeitig  aber,  indem 
sie  durch  den  drohenden  Verlust  der  hingegebenen  Werte  auch 
den  Versicherer  zur  Wirtschaftlichkeit  antreibt,  auf  die  Erhal- 
tung des  Nationalvermögens  günstig  wirkt;  ebenso,  wenngleich 
in  schwächerem  Grade,  für  die  Rentenversicherung,  durch  welche 
zwar  Kapitalien  zuletzt  aufgelöst  werden,  jedoch  nicht,  ohne  vor- 
her einer  voreiligen,  unwirtschaftlichen  Inangriffnahme  durch  den 
Versicherungsnehmer  entzogen,  und  im  allgemein  ökonomischen  In- 
teresse verwendet  worden  zu  sein ;  ganz  vornehmlich  aber  endlich  für 
das  Sparwesen,  welches  aus  oft  unmerklichen,  man  kann  sagen,  Ein- 
kommensabfällen neue  Kapitale  entstehen  läfst,  die,  zweckent- 
sprechend angelegt,  nicht  nur  Ersatz  schaffen,  sondern  direkt  und 
indirekt  zur  Hebung  des  Volkswohlstands  wesentlich  beitragen; 
insbesondere  die  Lebensassekuranz,  bei  welcher,  wie  überhaupt  bei 
allen  gemeinsamen  Ersatzversicherungsarten,  die  Anwendung  des 
Associationsprinzips  den  wirtschaftlichen  Erfolg,  verglichen  mit  dem- 
jenigen der  individuellen ,  bedeutend  verstärkt.  Wir  kommen  im ' 
Verlaufe  der  folgenden  Darlegungen  gerade  auf  die  privat-  und 
Tolkswirtschaftliche  Bedeutung  speziell  der  sogenannten  Lebens- 
Tersicherung  noch  eingehender  zu  sprechen. 


Bevor  wir  uns  aber  dieser  letzteren  ausschliefslich  zuwenden, 
and  damit  unserer  eigentlichen  Aufgabe  näher  treten,  gilt  es 
vorerst  noch  eine  notwendige  Ergänzung  unserer  allgemeinen  Be- 
trachtungen vorzunehmen.  Wir  erwähnten  gleich  anfangs  dieser 
Zeilen,  als  wir  den  Allgemeinbegriff  der  Versicherung  zu  ent- 
wickeln und  zu  erläutern  uns  bemühten,  dafs  unsere  Auffassung 
der  Assekuranz  den  z.  Zt.  über  dieselbe  herrschenden  Ansichten 
nicht  entspräche.    Es  sei  daher  gestattet,   zum  Schlufs  nun  noch 

18* 


—    20     — 

nachträglich  der  abweichenden  Meinungen  in  Kürze  zu  gedenken^ 
sie  zu  prüfen  und  zu  beurteilen. 

1.  Spricht  man  heutzutage  im  praktischen  Leben  von  Asse- 
kuranz ^  so  pflegt  man  darunter  im  grofsen  und  ganzen  nur  die- 
jenigen Versicherungsarten  zu  verstehen,  welche  wir  in  unserm 
Systeme  als  Ersatzversicherungen  durch  Hingabe  von  Werten  unter 
Anwendung  des  Associationsprinzips  bezeichneten,  und  zwar  ohne 
irgend  welchen  prinzipiellen  Unterschied  auch  zwischen  diesen  fest- 
zuhalten. Höchstens  wird  eine  rein  äufserliche  Einteilung  in  Sach- 
und  Personen-  (Real-  und  Personalversicherung)  vorgenommen,  je 
nachdem  Yermögensobjekte  einer  Person,  oder  Leben  und  Gesund- 
heit einer  solchen  für  die  Versicherung  in  Frage  kommen.  Invaliditäts- 
und Unfallversicherung,  welche  wir  aus  inneren  Gründen  den 
„Schadensassekuranzen^'  zurechnen  mufsten,  gelten  daher,  ebenso  wie 
das  ganze  Gebiet  des  Rentenwesens  einfach  als  „Lebensversicherung^, 
ohne  dafs  man  der  tiefen  inneren  Verschiedenheit  aller  dieser  Mafs- 
nahmen  sich  recht  eigentlich  bewufst  wird.  Die  Wissenschaft,  welche 
trotz  der  hohen  wirtschaftlichen  Bedeutung  des  Instituts,  verhält- 
nismäfsig  spät  dem  von  der  Praxis  geschaffenen  Assekuranzwesen 
ihre  Aufmerksamkeit  zuwandte ,  hat  sich  zunächst  damit  begnügt, 
für  diejenigen  Einrichtungen  eine  gemeinsame  Erklärung  zu  suchen, 
welche  das  Leben  ihr  unter  dem  gemeinsamen  Namen  „Versicherung" 
darbot.  Ereilich  sind  diese  Versuche  denn  auch  mehr  oder  minder 
erfolglos  geblieben.  Man  fand  als  einziges  gemeinsames  Merkmal 
der  Assekuranz  fast  ausschliefslich  die  Association,  die  dann  auch 
in  den  meisten  Definitionen  der  diesen  Gegenstand  behandelnden 
Schriftsteller  eine  bedeutende  Rolle  gespielt  hat.^)  Nicht  mit  Recht, 
wie  vornehmlich  Herr  mann  ^  und  Elster')  hervorgehoben  haben. 

^)  So  a.  a.  aach  bei  Kamp  (La,  1.  Abteilung,  S.  1),  welcher  Venicherang 
„im  national-ökonomischen  Sinne**  aU  „die  Art  des  Umsatses"  erklärt,  „welche 
auf  AsBooiation  und  Wahrscheinlichkeitsrechnung  basiert  ist  und  durch  einen 
Vertrag  abgeschlossen  wird  (Police  genannt),  durch  welchen  der  eine  Kontrahent 
(der  Versicherer)  gegen  eine  Vergütung,  die  Prämie  heilst,  dem  anderen  Kon- 
trahenten, dem  Versicherten,  einen  gewissen  Vorteil  oder  Vergütung,  die  man 
Versicherungssumme  nennt,  beim  Eintreten  einer  gewissen  Eventualität  zusichert". 
Man  erkennt  leicht,  dafs,  wenn  man  bei  dieser  Definition  von  dem  Moment  der 
Association  absieht,  auch  jeder  Spiel-  und  Wettvertrag,  bei  dem  ein  Einsatz  ge- 
macht wirdf  Versicherung  wäre,  die  Association  hiemach  also  ( —  insofern  Wahr- 
scheinlichkeiten auch  von  Spielenden  und  Wettenden  in  Betracht  gezogen  werden  — > 
für  die  Assekuranz  schliefslich  als  einziges,  wesentliches  Merkmal  übrig  bliebe. 

*)  Herrmann,  L  c,  S.  16. 

*)  Elster,  1.  c,  S.  e. 

180 


—  al- 
lst doch  die  Association  nichts  als  lediglich  eine  äufsere  Form, 
in  welcher  die  Versicherungsidee  sich  verwirklichte,  eine  Form, 
welche,  mag  sie  noch  so  YoUkommen  sein  und  zu  der  grofsartigen 
Entwicklung  der  Assekuranz  noch  soviel  beigetragen  haben,  doch 
einen  Schlufs  auf  das  Wesen  dieser  letzteren  (welches  eine  Be- 
griffsbestimmung doch  immer  erfassen  soll),  keinesfalls  zuläfst.  Zu- 
dem liefert  vor  allem  die  sogenannte  Selbstversicherung,  die,  „ein 
hochwichtiger  Faktor  der  Privatwirtschaft" ,  unter  allen  Umständen 
als  Assekuranz  aufgefafst  werden  mufs,  den  schlagendsten  Beweis 
dafür,  dafs  eine  Versicherung  auch  ohne  die  Assooiationsform  nicht 
nur  möglich  ist,  sondern  auch  thatsächlich  besteht. 

2.  Um  nun  diese  Unzuträglichkeiten  zu  vermeiden,  und  doch 
andrerseits  der  Auffassung  der  Praxis  gerecht  zu  werden ,  gab 
A.  Wagner*)  in  seiner  Darstellung  des  Versicherungswesens  für 
das  letztere  eine  andere  wissenschaftlich  mehr  vertiefte  Begriffs- 
bestimmung: „Versicherung  im  wirtschaftlichen  Sinne^'  ist  nach  ihm 
.^diejenige  wirtschaftliche  Einrichtung,  welche  die  nachteiligen  Folgen 
einzelner,  für  den  Betroffenen  zufälliger,  daher  auch  im  einzelnen 
Falle  ihres  Eintretens  unvorhergesehener  Ereignisse  für  das  Ver- 
mögen einer  Person  dadurch  beseitigt  oder  wenigstens  vermindert, 
dafs  sie  dieselben  auf  eine  Reihe  von  Fällen  verteilt,  in  denen  die 
gleiche  Gefahr  droht,  aber  nicht  wirklich  eintritt^^  Diese  Definition 
bietet  allerdings  gegenüber  der  früheren  oberflächlichen  Auffassung 
den  grofsen  Vorteil,  dafs  sie  die  Association  nicht  mehr  als 
wesentlich  sondern  nur  als  Mittel  zur  Herstellung  jener  genann- 
ten „Reihe  von  Fällen'^  erscheinen  läfst,  und  somit  auch  die 
Selbstversicherung  in  sich  mit  begreift.  Aber  gegen  dieselbe  mufs 
man  zunächst  doch  wieder  das  nämliche  einwenden,  was  gegen 
jene  erste  Ansicht  vorzubringen  war:  Sie  bezeichnet  lediglich 
eine  der  Formen,  welche  für  die  Assekuranz  zur  Verfügung  stehen, 
nicht  aber  trifft  sie  deren  Wesen,  deren  eigentlichen  Sinn.  Ver- 
sicherung kommt  von  versichern,  sichern,  ihr  Zweck  ist  Schaffung 
einer  Sicherheit,  in  deren  Erreichung  ihre  volkswirtschaftliche 
Bedeutung  beruht.  Hierin  ist  auch  das  Wesen  des  Instituts  zu 
erblicken,  nicht  aber  in  einer  „Schadensverteilung  auf  mehrere 
Fälle^',  welche,  wie  gesagt,  eben  nichts  als  einen  der  Wege  dar- 
stellt, die  zu  dem  anzustrebenden  Ziele  führen. 

Man  kann  daher  wohl  von  einem  Associations-,  von  einem  Kor- 


0  L.  c,  S.  948  ff. 

181 


—    22    — 

poratioDSwesen   etc.    sprechen,    indem   man   unter  diesen   Begriffen 
Arten  ökonomischer  Mechanismen  oder  Organisationsformen  versteht, 
mit  welchen  man  die   mannigfachsten  und  verschiedensten  Ziele  zu 
verfolgen  vermag.     Nicht  aber  wird  man   auch  das  Versicherungs- 
v^esen  lediglich  als  einen  solchen  Mechanismus  auffassen  dürfen.  Denn 
die  Versicherung  ist   nicht  wie  Association   oder  Korporation   nur 
ein  Instrument  zur  Durchführung  einer  Zwecksidee;  vielmehr   stellt 
sie  sich  selbst  gewissermafsen  als  Verkörperung  einer   solchen ,   als 
ein  Selbstzweck  dar,  der  dann  auf  ganz  verschiedene  Weise,   aber 
mit  wirtschaftlich  gleichem   oder    doch   nur  graduell  verschiedenem 
Erfolge    zu    erreichen  ist.     Der    Sprachgebrauch   unterstützt   diese 
Auffassung:    Ausdrücke,    wie,    ich    associiere    mich,    lassen    zwar, 
sofern  sie   überhaupt    gebräuchlich   oder   zulässig   sind,     ganz    all- 
gemein das  Vorhandensein  irgend  eines  anzustrebenden,   wirtschaft- 
lichen Zieles  vermuten,  geben  aber  über  die  Art  desselben  keinerlei 
Aufschlufs.  Die  Erklärung,  man  versichere  sich,  schliefst  dagegen  ohne 
weiteres  auch  schon  die  Bezeichnung  des  gewünschten  ökonomischen 
Erfolges  dieser  Handlung,  der  Erlangung  einer  Sicherheit  gegenüber 
dem  möglichen  Eintritt  eines  Schadens  ein,  und  läfst  höchstens  noch 
spezielleren  Fragen  nach  der  Beschaffenheit  dieses  letzteren  etc.  Raum. 
Wagner 's  Definition  wäre  somit  vollkommen  zii  billigen,  hätte  er 
etwa  das  „Schadenverteilungswesen^  durch  dieselbe  erfassen  wollen, 
für   den   Begriff   des   Versicherungswesens  indes  dürfte   ihr    schon 
aus  den  bezeichneten  prinzipiellen  Gründen  nicht  beizupflichten  sein. 
Aber  auch   abgesehen  hiervon    stehen    seiner   Auffassung   Be- 
denken   entgegen.     Indem    er    nämlich    eine    Gefahrengemeinschaft 
verschiedener  Personen  (Association),  und  zwar  mit  vollem  Recht, 
nicht  wesentlich   für  die  Assekuranz  hinstellt,   vielmehr  eine  solche 
auch  verschiedener  Risiken  der  ersteren   gleichachtet,  dann   aber 
einzig  und  allein  die  Selbstversicherung  in  sein  System  noch   mit 
einrechnet,    hat  er   die  Grenze  dieses  letzteren   u.   E.  zu   eng   ge- 
zogen.   Der  Unternehmer,   welcher  Jahr  für  Jahr  beim  Rechnuugs- 
abschluss   von    dem   erzielten   Reinertrage   eine   Quote  subtrahiert, 
um    sie    für    Zeiten    der    Krisen    und    des    Mifserfolgs   zurückzu- 
stellen, —  er  handelt  nicht  anders  als  der  Rheder,  welcher   in  Be- 
zug auf   seine  Fahrzeuge  eine   sogenannte   Selbstversicherung   ein- 
geht.   Auch  er  bildet  eine  Risikengemeinschaft,   wie  der  letztere, 
eine  Gefahrenassociation ;  nur  besteht  das  einzelne  Risiko  bei  ihm 
in  dem  Stande  des  ganzen  Unternehmens  selbst  während  jedes  Be- 
triebsjahres, nicht,  wie  bei  jenem,  in  einzelnen  Vermögensobjekten,. 

182 


—     23     — 

den  Schiffen.  Und  die  „entsprechende  Vereinigung  vieler  Fälle, 
in  denen  ökonomisch  nachteilige  Ereignisse  möglich  sind'^,  und 
unter  welchen  dann  „eine  Ausgleichung  der  einzelnen  günstigen 
und  ungünstigen  Fälle",  eine  zweckentsprechende  Übertragung  ein- 
treten soll,  —  sie  wird  hier  durch  eine  Zusammenfassung  der 
ünternehmensstände  während  einer  ganzen  Reihe  von  Betriebs- 
jahren hergestellt.  Ein  wesentlicher  Unterschied  aber  der  Asse- 
kuranz des  Unternehmers  von  der  Selbstversicherung  ist  u.  E.  in 
dem  letzteren  Momente  keinesfalls  zu  sehen.  Im  Grrunde  soll  es 
sich  doch  nur  immer  um  eine  Zusammenfassung  von  Risiken  handeln, 
wie  jedoch  dieselbe  erfolgt,  wird  nicht  vorgeschrieben,  ist  viel- 
mehr gleichgültig;  was  schon  der  Umstand  beweist,  dafs  Wagner 
selbst  eine  Gefahrengemeinschaft  verschiedener  Personen  der- 
jenigen verschiedener  Objekte  desselben  Eigentümers  ohne  weiteres 
gleichstellt.  Offenbar  ist  es  vielmehr  hier  wie  dort,  im  Prinzipe 
ein  und  derselbe  Mechanismus,  der,  zu  ein  und  demselben  Zwecke 
angewendet,  wesentlich  ein  und  dasselbe  wirtschaftliche  Resultat 
erzielt.  ^) 

Stellt  man  sich  nun  aber  vor,  an  Stelle  des  Standes  irgend  eines 
Unternehmens,  also  eines  Vermögensteiles,  trete  nunmehr  als  ein- 
zelnes Risiko  der  gesamte  Vermögensstand  einer  Person  während 
eines  beliebigen  Zeitabschnittes,  eines  Jahres  etwa,  an  Stelle  der 
Quote  des  Reinertrags  eine  erübrigte  Quote  des  Einkommens  des- 
selben Jahres  überhaupt,  so  ergibt  sich  ganz  von  selbst,  dafs  all- 
gemein alles  und  jedes  Sparen  in  der  Mehrzahl  der  Fälle  nichts  ist, 
als  ein  eventueller  Schadensverteilungsprozefs  der  bezeichneten  Art. 
Jahr  für  Jahr  ist  der  Vermögensbestand  des  einzelnen  ver- 
schiedenen Gefahren  ausgesetzt,  ohne  dafs  die  letzteren  nun  auch 
thatsächlich  immer  einzutreten  pflegten.  Man  legt  daher  in  den 
günstigen  Jahren,  welche  einen  Uberschufs  über  die  zur  Bestreitung 
des  notwendigen  Bedarfs  erforderlichen  Mittel  ergeben,  das  plus 
zurück,  in  der  vorsorglichen  Absicht,  bei  etwaigen  späteren  Aus- 
fällen daraus  Deckung  zu  beschaffen.  Wäre  somit  selbst  Wag- 
ner in  der  Hinsicht  beizupflichten,  dafs  das  Versicherungswesen 
als  Organisationsform   aufgefafst   werden  könnte,  woselbst  es  dann 

*)  Man  denke  an  die  ^tSelbstversicherung*^  bis  zu  */,o  des  VermögeD wertes 
der  Häuser,  welche  die  staatliche  Immobiliar- Feuerversicherung  (die  ihrerseits 
nur  '/lo  dieses  Wertes  zu  versichern  pflegt)  dem  einzelnen  überläfst  und  an- 
empfiehlt, wo  dann  ebenfalls  nur  eine Kisikengemeinschaft  durch  zeitliche  Zu- 
sammenfassung stattfindet. 

183 


—    24     — 

identisch  sein  müfste  mit  dem  Schadenverteilongswesen,  so  würde 
seine  Definition  immerhin  nicht  diejenigen  Institute  allein  treffen, 
welche  die  Praxis  heut  als  Assekuranzen  bezeichnet;  dies  aber  dürfte 
in  seiner  Absicht  nicht  gelegen  haben. 

Endlich  aber  ist  gegen  sein  System  der  Versicherung  (ebenso 
wie  gegen  die  zuerst  genannte  Auffassung  derselben)  einzuwenden, 
dafs  es  dem  thatsächlich  vorhandenen  principiellen  unterschiede 
zwischen  den  „  Schadens versichrrungen^  und  der  sogenannten  Lebens- 
versicherung keine  Rechnung  trägt.  Wir  haben  weiter  oben  dieser 
Differenz  schon  in  Kürze  Erwähnung  gethan;  unsere  späteren  Be- 
trachtungen werden  ihr  Vorhandensein  näher  beleuchten  und  ver- 
anschaulichen. 

3.  Es  ist  das  Verdienst  ThöTs/)  Laband's,*)  Hin- 
r  i  c  h  *  s  3)  und  E 1  s  t  e  r '  s ,  *)  auf  diesen  letzten  Punkt  zuerst  aufmerk- 
sam gemacht  zu  haben.  Juristische  Erwägungen,  welche  die  schon 
früher  angedeutete  verschiedene  Behandlung  des  Schadensmo- 
mentes bei  der  Feuerversicherung  etc.  einerseits  und  der  soge- 
nannten Lebensversicherung  andrerseits  betrafen,  gaben  zu  einer 
Unterscheidung  den  Anstofs.  Mannigfache  Abweichungen  auch  in 
wirtschaftlicher  Beziehung  zeigten  sich  bei  der  weiteren,  eingehenderen 
Vergleichung. 

4.  Vergeblich  waren  und  blieben  demgegenüber  die  Bestrebungen, 
beide  Institute  dennoch  dem  durch  die  Praxis  ausgebildeten  Oberbegriffe 
der  Assekuranz  zu  subordinieren.  Der  schon  1862  von  M  a  1  s  z  ^)  unter- 
nommene und  neuerdings  von  einer  ganzen  Reihe  von  Schriftstellern, 
sovonPredöhl,*)  fortgeführte  Versuch,  bei  der  „Lebensversicherung" 
2  Elemente  zu  scheiden,  sie  in  einen  Spar-  und  einen  Versicherungs- 
akt aufzulösen,  konnte,  wie  wir  später  "^  noch  sehen  werden,  in  dieser 


»)  Thöl,  1.  c,  S.  441  ff. 

')  Laband,  Die  juristische  Natur  der  Lebens-  und  Rentenversioherung,  in 
der  „Festgabe  zum  Doktorjubiläum  Thöl 's*',  Strafsburg,  1879. 

')  Hinrichs,  Die  Lebensversicherung,  ihre  wirtschaftliche  und  rechtliche 
Natur,  inGoldschmidt's  „Zeitschrift  für  das  gesamte  Handelsrecht*',  Bd.  20, 
S.  339  ff. 

*)  Elster,  1.  c,  S.  23 ff. 

^)  IC  a  1  s  z ,  Betrachtungen  über  einige  Fragen  des  Versichernngsrechts,  (Frank- 
furt a.  M.  1862.)    S.  2<  f. 

*)  P  r  e  d  ö  h  1 ,  Begriff  und  Wesen  des  Lebensversicherungs-Vertrages.  in  der 
„Zeitschrift  fiir  das  gesamte  Handelsrecht*',  22.  Bd.,  S.  441  fi. 

')  Teil  II  dieser  Arbeit,  sub  H. 

184 


—    26    — 

Hinsicht  ebenso  wenig  befriedigen,  wie  der  frühere  Vorschlag  E  n  d  e  - 
m  a  n  n '  s ,  ^)  das  Gefahrsmoment  für  die  Assekuranz  gänzlich  aufisugeben 
imd  ein  „gewisses  Ereignis^  an  dessen  Stelle  treten  zu  lassen.  Macht 
doch  offenbar  diese  letzte  Auffassung,  indem  sie  den  obersten  logi- 
schen Grundsatz  aller  und  jeder  Assekuranz  —  dafs  nämlich  ohne 
Grefahr  keine  Versicherung  bestehe  —  ohne  weiteres  preisgiebt,  den 
Begriff  derselben  überhaupt  illusorisch.  Ihr  zufolge  könnte  jedes 
«ntgeltliche  SummeuTersprechen ,  welches  irgend  welche  Zahlung 
Ton  dem  Eintritte  irgend  welchen  Ereignisses  abhängig  machte, 
jedes  Spiel,  bei  dem  ein  Geldbetrag  eingesetzt  würde,  als  eine 
Versicherung  aufgefasst  werden,  was  juristisch,  wie  auch  besonders 
wirtschaftlich,  gänzlich  unhaltbar  wäre.  Vielmehr  war  die  völlige 
Ausscheidung  der  sogenannten  Lebensversicherung  aus  dem  Asse- 
knranzgebiete,  wie  die  sub  3.  genannten  Schriftsteller  sie  denn  auch 
thatsächlich  vornehmen  zu  müssen  glaubten,  das  einzig  und  allein 
Mögliche,  —  sofern  man  sich  nicht  entschlofs,  dem  Ver- 
sicherungswesen überhaupt  eine  breitere  Grundlage 
zn  geben,  wozu  ökonomische  Erwägungen  mit  aller  Entschieden- 
heit hindrängten. 

5.  Abo  ut  war  der  erste,  welcher  in  seiner  Schrift  „L'Assurance"^ 
einen  Versuch  nach  letzterer  Richtung  unternahm.  ,yLa  plus 
helle  assurance,^^  fuhrt  er  daselbst  aus,  yyserait  celU  qui  empecherait 
Vincendie  de  divorer  les  maisons,  la  tempete  de  jeter  les  navires  ä  la 
eo/f,  Vindation  d' empörter  rkoÜes  ä  vülages,  la  nuüadie  de  ttier  le  baur- 
mr  et  les  boeufs  avant  leur  vieillesse.  Cette  assurance-lä,  ou  pltitöt  cette 
pratidence  terrestre,  c'est  le  progris  matiriel,  la  victoire  de  l'homme  sur 
ks  iUmenis  .  .  .  ''  So  gelangt  About  zur  Aufstellung  des  Be- 
griffs einer  Präventivversicherung,  in  die  er  auch,  das  Vorhanden- 
sein eines  allgemeinen  Momentes  der  Prävention  bei  allen  Ver- 
sicherungen überhaupt  übersehend,  ^)  die  Unterdrückung  einbe- 
greift. Ihr  stellt  er  als  „assurances  rSparatrices^  die  gemein- 
same Schadens-  und  die  sogenannte  Lebensversicherung,  freilich 
ohne  weitere  Unterscheidung,  gegenüber.  Im  allgemeinen  richtig 
charakterisiert  er  sodann  den  wirtschaftlichen  Wert  dieser  beiden 


')  Endemann,  Das  Wesen  des  Versicherungsgesohäfts  in  der  „Zeitschrift 
för  das  gesamte  Handelsrecht'*.  Bd.  9  u.  Bd.  10.  —  Aufs  engste  verwandt  mit 
dieser  Endemann'schen  Auffassung  ist  diejenige  Karup's  (cf.  S.  SO  dieser 
Arbeit,  Anm.  1). 

*)  (Paris  1866),  S.  59. 

*)  C£  ohen  S.  5. 

IS 


—    26    — 

Yersicheruugsarten,  wobei  er  den  „assurances  rSparatrices^  eine 
mehr  subsidiäre  Bedeutung  gegenüber  der  Präventiwersicherung 
beimifst:  y^Si  le  progrhs,^^  führt  er  im  Anschlufs  an  die  eben  citierte 
Stelle  aus,  „avait  fini  sa  tdche  et  du  son  dernier  mot^  nous  n'aurians 
plus  hesoin  des  assurances  rSparatrices :  tom  les  coups  du  destin  seraient 
par&  et  Ums  les  sinistres  privenus.^^ 

6.  Seine  mehr  gelegentlich  geäufserten  und  zu  einem  Systeme 
noch  nicht  zusammengefassten  Ansichten  über  das  Versicherungs- 
wesen haben  zu  weiteren  Forschungen  auf  diesem  Gebiete  die  Basis 
geliefert.  Vor  allem  hat  in  der  Folge  Em.  Herrmann  dieselben 
seiner  „Theorie  der  Versicherung"  *)  zu  Grunde  gelegt  und  durch 
ihren  Ausbau  wenigstens  indirekt  zur  Aufhellung  des  Wesens 
der  Assekuranz  nicht  unerheblich  beigetragen.  Auch  Herrmann 
geht  von  der  Erwägung  aus,  dafs  doch  in  Wirklichkeit  nicht  nur 
das,  was  in  der  Praxis  als  Assekuranz  bezeichnet  werde,  zur  öko- 
nomischen Verwirklichung  der  Versicherungsidee  diene.  „Es  wäre," 
sagt  er  wörtlich,  „eine  arge  Selbsttäuschung,  wollten  die  praktischen 
Assekuranzmänner  in  der  Meinung  verharren,  dafs  ihre  Geschäfte 
die  einzige  praktische  Ausführungsart  des  Prinzipes  der  Versicherung 
seien.  Gas,  was  man  gegenwärtig  Versicherung  nennt,  ist  nur  eine 
der  vollkommensten,  aber  auch  der  kompliziertesten  Versicherungs- 
arten." (S.  81.)  „Zur  Versicherung  dienen  die  verschiedenartigsten 
Sicherstellungs-  und  Reservefonds  der  Unternehmungen,  der  Metall- 
barschatz der  Banken,  die  Kautionen,  Pfänder,  Bürgschaften,  Re- 
servetruppen, Substitute  und  Aushilfsbeamten,  Aushilfsvorräte;  ja 
selbst  in  dem  Gebiete  der  Apparate  und  Maschinen  finden  sich  Ver- 
sicherungsvorrichtungen der  mannigfachsten  und  interessantesten 
Art,  wie  Versicherungshaken  bei  Uhren,  Versicherungsschlösser, 
Pendel  und  Schwungräder  u.  dgl.  mehr".    (S.  81.) 

Das  Gemeinsame  aller  dieser  Mafsnahmen  und  Einrichtungen 
untereinander  und  mit  den  modernen  Versicherungsinstituten  besteht 
nun  aber  für  Herr  mann  in  einem  andern  Momente  als  für  Ab  out. 
Während  diesen  bei  Festsetzung  seines  Assekuranzbegriffs  der 
gleiche  wirtschaftliche  Zweck:  Vorkehrung  gegen  möglichen  Schaden 
zu  treffen,  bestimmte,  findet  jener  das  wesentliche  Merkmal  der 
Versicherung  in  einer  der  Bealisierungsformen  dieses  Zwecks,  in  der 
„Kompensation  des  Zufalls' ^  Er  versteht  unter  letzterer  den  durch 
Ausgleich  herbeigeführten  Ersatz  des  durch  zufällige  Störung  Ver- 


>)  Cf.  oben  S.  4,  Anm.  3. 

1S6 


—     27     — 

nichteten^  aas  aufgesammelten  wirtschaftlichen  Kraftteilen  und  Über- 
schüssen, und  bezeichnet  daher  die  Assekuranz  auch  direkt  als 
„Schadenersatzgeschäft^^  *)  Ihr  stellt  er  die  übrigen  Arten  der  Ver- 
wirklichung jenes  ökonomischen  Zwecks,  Meidung  und  Unterdrückung, 
deren  Bedeutung  und  Unterschiede  er  richtig  und  scharf  hervorhebt, 
nur  als  Konkurrenten  gegenüber,  und  vereinigt  sie  mit  ersterer  unter 
einem  neuen  Oberbegriffe,  den  „Methoden  zur  Bewältigung  ungünstiger 
Umstände". 

Aber  gegen  seine  im  ganzen  klaren  und  an  zahlreichen  Bei- 
spielen erläuterten  Ausführungen  wäre  doch  mancherlei  einzu- 
wenden. Was  wir  schon  bei  Besprechung  der  Wagnerischen 
Theorie  nachzuweisen  uns  bemühten ,  dafs  es  nämlich  unzulässig 
sei,  das  Versicherungswesen  lediglich  als  eine  Organisationsform, 
als  einen  blofsen  Mechanismus  zu  bezeichnen,  —  dies  gilt  in 
vollem  Umfange  auch  für  die  Herrman naschen  Ausführungen. 
Die  letzteren  treffen  einzig  und  allein  das  Kompensations-  oder 
Ausgleichswesen,  wie  die  Wagnerischen  das  Schadenverteilungs- 
wesen erfafsten,  nicht  aber  gewähren  sie  über  den  Charakter  der 
Assekuranz  irgendwelchen  befriedigenden  Aufschlufs.  Und  wie  die- 
selben so  schon  im  Prinzipe  abzuweisen  sind,  so  geben  sie  auch  im 
einzelnen  mannigfachen  Bedenken  Spielraum.  Zu  wenig  berücksichtigt 
ist  vor  allem  das  für  den  Begriff  der  Versiclierung  so  wichtige  und  von 
ihm  logisch  unablösbare  Moment  der  Vorsorge  für  die  Zukunft,  daher 
denn  auch  der  Bettel  als  Assekuranz  bezeichnet  wird ;  gänzlich  unhalt- 
bar ferner  die  Auffassung  der  sogenannten  Lebensversicherung,  welche 
an  die  „Doppelvertragstheorie"  Malsz'  und  PredöhTs  erinnert, 
deren  Widerlegung  wir  für  eine  spätere  Stelle  vorbehalten  haben. 

Um  so  schiefer  aber  werden  die  Herrmann'  sehen  Deduktionen, 
als  er  innerhalb  des  von  ihm  geschilderten  Kompensationswesens 
die  modernen,  auf  Association  beruhenden  Versicherungsinstitute 
besonders  hervorhebt,  und  deren  charakteristisches  Merkmal  in  ihrer 
„Glücksspielnatur"  erblicken  zu  müssen  glaubt.   Eine  gewisse  äufsere 

')  Der  präcise  Schadensersatz  durch  Versicherung  wird  nach  Hermann 
vorgenommen,  „um  weitere  Nachteile  zu  verhüteni  welche  aus  dem 
Mangel  des  Vorhergegangenen  hervorgehen  könnten^  (S.  82).  U.  £.  trifft  dies 
keineswegs  immer  zu.  Man  ersetzt  einen  Schaden  vielfach  nicht  unmittelbar,  um 
dadurch  eine  Ursache  weiterer  Nachteile  auszuschliefsen,  sondern  in  erster  Linie, 
weil  er  an  und  fiir  sich  empfunden  wird,  wir  möchten  sagen,  um  seiner  selbst 
wUlen.  Besonders  gilt  dies  für  direkte  Vermögensschäden.  Die  Hermann 'sehe 
Auffassung  ist  z.  T.  auf  eine  Verwechslung  des  Schadens  mit  dem  schädigenden 
Ereignis  zurückzufuhren. 

187 


—     28    — 

•  •  

Ähnlichkeit  der  Technik  derselben,  besonders  der  „Schadensyer- 
sicherungen",  mit  derjenigen  mancher  Spiele ,  mag  wohl  zu  dieser 
auf  den  ersten  Blick  sicherlich  befremdenden  Ansicht  den  An- 
lafs  gegeben  haben.  Wie  beim  Spiel  mehrere  Personen  einem 
Bankhalter  Einsätze  übergeben ,  welche  dann  durch  das  zufällige 
Rollen  der  Kugel  etc.  einem  unter  ihnen,  dem  Gewinner,  samt  und 
sonders  zufallen,  so  solle  auch  bei  der  Assekuranz,  beispielsweise 
der  Feuerversicherung,  ein  ganz  ähnlicher  Vorgang  stattfinden: 
die  Versicherungsnehmer  gleichen  den  Spielern,  die  Prämien  den 
Einsätzen,  der  Versicherer  dem  Bankhalter,  dem  Rollen  der  Kugel 
der  Eintritt  eines  Brandschadens  bei  einem  der  Versicherungsnehmer, 
der  dann,  insofern  ihm  die  Beiträge  der  andern  zur  Deckung  des 
Schadens  zufallen,  als  Gewinner  gelten  müsse.  Hiergegen  aber  ist 
wieder,  wie  so  oft,  zu  bemerken,  dafs  eine  solche  Ähnlichkeit  in  der 
Form  zweier  Einrichtungen  keinesfalls  einen  Schlufs  auf  eine  Ähnlich- 
keit, geschweige  denn  eine  Gleichheit  beider  auch  in  ihrem  Wesen 
zuläfst,  dafs  vielmehr  bei  Beurteilung  dieses  letzteren  doch  in  erster 
Linie  auch  ihr  Zweck  und  ihr  Erfolg  Berücksichtigung  zu  finden 
haben.  Zweck  und  Erfolg  bei  Versicherung  einer-  und  Glücksspiel 
andrerseits  aber  sind,  wie  Herrmann  selbst  einschränkend  be- 
merkt, von  Grund  aus  verschieden :  Vorkehrung  gegen  das  Eintreten 
von  wirtschaftlichen  Schäden  bei  jener,  Bereicherung  durch  das 
Walten  des  Glücks  bei  diesem,  dort  Erhaltung  bestehender  Kapitalien, 
vorhandenen  Vermögens,  hier  zufälliger  Gewinn,  noch  öfter  jedoch 
empfindlicher  Verlust. 

Der  Herrm  an  naschen  Auffassung  der  Assekuranz  als  Glücks- 
spiel, gegen  welche  u.  a.  Knies ^)  und  Elster*)  sich  nach- 
drücklich gewendet  haben,  sind  denn  auch  nur  wenige  in  ihren  An- 
sichten gefolgt,  unter  ihnen  S  c  h  1  i  n  k  ,*)  welcher  den  Begriff  der  Ver- 
sicherung ähnlich  wie  Herrmann  erweitert,  derselben  aber,  sofern 
sie  von  den  speciell  als  Assekuranzanstalten  bezeichneten  Instituten 
betrieben  wird,  gleichfalls  eine  Glückspielnatur  zuschreibt ;  und  zwar 
in  der  Weise,  dafs  er  das  (organisierte)  Versicherungs-Spiel  als  ein 
Ausgleichsmittel  gegenüber  dem  Wirken  des  (unorganisierten)  „Spiels 
des  Schicksals^  darstellt.  Dieses  nämlich  bringe  dem  einzelnen  Ver- 
sicherten einen  Verlust,  jenes  einen  Gewinn  in  Höhe  des  Verlustes. 


*)  Knies,  Der  Credit,  d.  Hälfte,  (Berlin  1879),  S.  11. 
•)  L.  c,  S.  7  f. 

*)  Seh  link,  Die  Natur  der  Venicherung.    Wonbarg.    1887.    (Luraigiiral- 
Dissertation,)  S.  10  ff.,  S.  44  f. 

188 


—    29    — 

Aber  auch  seine  auf  solche  und  andre  Art  modifizierte  Theorie 
treffen  wesentlich  dieselben  Einwände,  welche  schon  gegen  die 
Herr  mann 'sehe  geltend  gemacht  wurden  und  deren  ünhaltbarkeit 
für  uns  erwiesen. 


Hiermit    schliefst    im    grofsen    und    ganzen    die    Eeihe    jener 
Theorieen,  welche  sich  mit  dem  Versicherungswesen  im  allgemeinen 
be&iÜsteny    ohne  dafs   nun   das  Wesen  der  Assekuranz   wirklich  er- 
klärt worden  wäre,  das  Problem  eine  allseitig  befriedigende  Lösung 
durch  dieselben  gefunden  hätte.    Eine  Beschränkung  des  Yersiche- 
rungsbegriffs    auf   diejenigen   Institute,    welche    man    im    modernen 
Verkehr  als  Versicherungsanstalten  am  häufigsten  bezeichnet,   stellte 
sich  aus    mehr  wie   einem   Grunde   als  unthunlich    heraus.     Insbe- 
sondre   setzten    einer   einheitlichen   Definition   der   Assekuranz   von 
diesem    Standpunkte    die    inneren    prinzipiellen    Verschiedenheiten 
zwischen    Schadens-    und    sogenannter    Lebens  Versicherung    unüber- 
windliche   Schwierigkeiten   entgegen.    Andrerseits    bot    die  Überein- 
stimmung   beider    in    vielen    wirtschaftlichen    Punkten,    unterstützt 
durch   den  gemeinsamen   Namen,  genügenden  Grund   zu   dem  Be- 
streben,  eine  vollständige  Trennung  nicht  eintreten  zu  lassen.    Der 
einzige  Ausweg,  zu  welchem  ökonomische  Momente  gleichzeitig  hin- 
drängten,  blieb  der,  die  durch  die  Praxis   eingebürgerte  Beschrän- 
kung des  Versicherungsbegriffs  aufzugeben  und  für  den  letztem  eine 
neue,  breitere  Basis  zu  entdecken.     Aber  diejenigen,   welche  Ver- 
suche nach  dieser  Richtung  unternahmen,  lösten  ihre  Aufgabe  doch 
nur  zum  Teil;   sie  fanden  einzelne  Hauptpunkte  für  die  begriffliche 
Erfassung  der  Assekuranz  richtig  heraus  und  setzten  dieselben  ins 
rechte  liicht,   unterliefsen  es  dann  aber,    gefesselt  durch  den  Ein- 
fluüs  der  Praids,  das  Wesen  der  Versicherung   genauer   zu    über- 
denken und  namentlich  das  weite  Gebiet  der  Ersatzvorsorge  näher 
zu  durchforschen.    Dieses  letztere  nachzuholen,    ein  System  zu  er- 
mitteln, welches  unter  Aufrechterhaltung  der  Ergebnisse  der  voran- 
gegangenen Untersuchungen  gleichzeitig  deren  Mängel  glücklich  ver- 
mied —  blieb  als  weiterhin  noch  zu  lösende  Aufgabe  bestehen.    Zu 
dieser   Lösung    ein    weniges    beizutragen,    waren   auch    unsere    Er- 
örterungen über  das  Assekuranzwesen  mit  bestimmt.     Ob  aber  das 
von  uns   gebildete  System  der  Versicherung  nun  als  abgeschlossen 
zu  betrachten  sei,   bleibe  dahingestellt.    Jedenfalls    dürfte   dasselbe 
seinen  Zweck  wenigstens   in    der  hier  vornehmlich   wichtigen  Hin- 

189 


—    30    ~ 

sioht  erfüllen,  dafs  es  die  Stellung  der  soger  annten  Lebens- 
yersicherung  in  der  Reihe  der  Ass  uranzen  scharf 
präcisiert. 

Nach  diesen  einleitenden  Bemwkungen  wenden  wir  uns  dem 
eigentlichen  9  schon  oben  mehrfach  erwähnten  Gegenstande  unsrer 
Betrachtung,  der  sogenannten  Lebensversicherung,  ausschliefslich  zu. 
Wir  beabsichtigen  eine  Darstellung  aller  speziell  für  dieselbe  in  Frage 
kommenden  Thatsachen,  G-rundsätze  und  Aufgaben  zu  geben. 

Wie  sich  überall  da,  wo  jetzt  bestehende,  kompliziertere  Ein- 
richtungen und  Mafsnahmen  geschildert  und  beurteilt  werden  sollen, 
der  Hinweis  auf  ihre  geschichtliche  Entwicklung  für  ein  richtiges 
Verständnis  als  notwendig  erweist,  wird  auch  hier  ein  historischer 
Rückblick  vorauszuschicken  sein.  An  diesen  wird  sich  eine  Be- 
sprechung der  in  der  Gegenwart  herrschenden,  modernen  Verhältnisse, 
sowie  eine  theoretische  Untersuchung  über  das  wirtschaftliche  Wesen 
der  „Lebensassekuranz''  anreihen.  Schliefslich  an  dritter  Stelle  sollen 
uns  einige  unsre  Listitution  betreffende  Fragen  beschäftigen,  welche 
bis  heute  eine  auch  nur  annähernd  übereinstimmende  Beantwortung 
noch  nicht  gefunden  haben. 

Dementsprechend  ergiebt  sich  folgende 

Einteilung. 

Erster  Teil. 

Beiträge  zur  Entwicklungsgeschichte  der  sogenannten  Lebensr 
Versicherung. 

Zweiter  Teil. 

Grundlagen,  Wesen  und  Bedeutung  der  „Lebensversicherung". 

Dritter  Teil. 

Die  (in  neuerer  Zeit  lebhaft  erörterten)  Fragen  der  „Unanfecht* 
barkeit  der  Police",  der  „Kriegsversicherung"  und  der  „Abgelehnten". 


190 


Erster  Teil. 


Beiträge  zur  Entwicklungsgeschichte  der 
sogenannten  Lebensversicherung. 


191 


Vorbemerkung. 


Das  Yersicherungsbedürfnis  als  Ausflufs  eines  in  jedem  ein- 
zelnen wirkenden  egoistischen  Motivs^)  ist  ein  individuelles  und 
Ton  Anfang  an  vorhandenes.  Erscheint  diese  Thatsache  für  die 
ganze  Beurteilung  des  Assekuranzwesens  überhaupt  von  Wichtig- 
keity  so  hat  sie  im  besonderen  auch  Bedeutung  für  eine  Geschichte 
desselben.  Ganz  von  selbst  führt  sie  zu  dem  Schlüsse,  dass,  da  es 
sich  bei  der  Versicherung  um  eine  durchgängig  fühlbare ,  ökono- 
miflche  Notwendigkeit  handelt,  auch  innerhalb  jeder  wirtschaftlichen 
Gemeinschaft,  selbst  auf  niederen  Kulturstufen,  dem  Versicherungs- 
gedanken in  mannigfacher  Hinsicht  Rechnung  getragen  werden 
mnlste.  Ja,  diese  Thatsache  rechtfertigt  die  Vermutung,  dafs  für 
die  Bildung  solcher  Gemeinschaften  selbst,  insbesondere  aber  für 
ihre  Entwicklung  zu  geordneten  Staatswesen,  jenes  Assekuranz- 
bedürfnis  immerhin  mit  ein  treibender  Faktor  gewesen  sein  mag. 

Es  ist  allerdings  selbstverständlich,  dafs  das  allzeit  und  überall 
Torhandene  Versicherungswesen  je  nach  den  wirtschaftlichen  Ver- 
hältnissen und  der  sittlichen  und  geistigen  Entwicklung  der  Völker 
im  einzelnen  eine  ganz  verschiedenartige  Gestaltung  erfahren  hat. 
Ganz  richtig  führt  Bunge  ^  aus,  dafs  die  Vorsorge  für  die  Zu- 
kunft, (wie  sie,  wie  wir  sahen,  gerade  in  der  Versicherung  sich 
aasspricht,)  auf  niederer  Kulturstufe  eine  nur  sehr  geringe  ist. 
Han  befiriedigt  hier  nur  die  notwendigsten  momentanen  Bedürf-^ 
nisse  —  Nahrung,  Kleidung.  Wohnung.  Weiter  ausschauende  Vor- 
kehrungen aber  werden  nicht  getroffen,   schon  deshalb   nicht,    weil 


*)  Cf.  oben  Einleitung,  S.  1  f. 

•)  Runge  im  »Staatfilexikon**  von  Rot t eck  und  Welcker,   3.  Auflage, 
(Leipzig,  1866,)  Artikel  „Versicherung",  14.  Bd.,  S.  ßoO. 

StaatiwiiMiucbaftL  Stadien.    Y.  ^93  3 

14 


—    34    — 

die  Unkenntnis  der  schädigenden  Naturereignisse  diese  letzteren  als 
etwas  übernatürliches,  unabwendbares  erscheinen  läfst;  ja,  alle  Un- 
glücksfälle überhaupt  werden  mit  der  Gottheit  in  Zusammenhang 
gebracht  und  vielfach  als  Zeichen  göttlichen  Zornes  aufgefafst. 
Man  sucht  sie  daher  fast  ausschliefslich  durch  Opfer  und  Bitten  ab- 
zuwenden, die  einmal  hereingebrochenen  aber  nimmt  man  als  Strafe 
der  Götter  hin,  gegen  welche  anzukämpfen  vergeblich  und  vermessen 
wäre.  So  dachten  und  denken  noch  heute  auf  tiefer  Kulturstufe 
stehende  Völkerschaften.  Aber  auch  vorgeschrittenere  verharrten 
noch  lange  Zeit  bei  diesen  fatalistischen  Ideen,  so  Griechen,  Römer, 
Araber ;  und  gerade  mit  aus  diesem  umstände  erklärt  es  sich,  warum 
auch  bei  ihnen  ein  verhältnismäfsig  nur  schwach  entwickeltes  Asse- 
kuranzwesen  sich  findet. 

Erst  eine  geschärftere  geistige  Einsicht,  eine  fortgeschrittenere 
Naturerkenntnis,  eine  höhere  religiöse  Anschauung,  lielsen  jenen 
mehr  oder  minder  ausgeprägten  Fatalismus  überwinden  und  an  die 
Stelle  einer  stumpfen  Besignation  gegenüber  jeglichem  Übel  den 
Gedanken  an  zweckmäfsige  Abwehr  desselben  treten.  Es  ver- 
stärkte sich  die  nie  ganz  aufser  Acht  gelassene  Meidung,  die  Unter- 
drückung erhielt  eine  weitere  Verbreitung,  und  mehr  und  mehr  ge- 
langten endlich  auch  umÜMsendere  Vorkehrungen  für  Ersatz  zur  Ein- 
führung und  durch  Anwendung  der  Associationsform  zur  Voll- 
endung. 

Dafs  die  Ersatzversicherung  danach  den  Schlufs  der  Entwick- 
lungsreihe bildete,  darf  nicht  als  zuf&llig  angesehen  werden,  erklärt 
sich  vielmehr  aus  allgemein  wirtschaftlichen  Gründen.  Einen  Beweis 
hierfür  bietet  gerade  die  sogenannte  Lebensversicherung,  deren 
Herausbildung  wir  im  ferneren,  soweit  als  möglich,  bis  zu  ihren  ver- 
schiedenen Quellen  zurück  verfolgen  wollen.  Ist  doch  das  Institut, 
wie  es  heute  vorliegt,  als  das  Produkt  vieler  Faktoren,  als  Resultat 
«ines  Jahrhunderte  dauernden  ökonomischen  Prozesses  anzusehen: 
Familie  und  Familiensinn^  Sparmöglichkeit  und  Trieb  zum  Sparen, 
das  Associationswesen  und  das  Rechnen  mit  Wahrscheinlichkeiten 
sind  die  wichtigsten  unter  jenen  zahlreichen  Elementen,  deren  plan- 
voll geleitetes  Zusammenwirken  nach  einer  langen  Zeit  der  Vor- 
entwicklung allmählich  die  moderne  „Lebensassekuranz''  entstehen 
liefs.>) 

*)  Im  folgenden  soll  überall  da,  wo  es  tich  um  unsere  heutige,  moderne 
„Lebens  Versicherung*', um  das  Garantiesparwesen  (of.  Einleitung,  8. 13) 
handelt,    dies   durch   Einfügung    des    Wortes   Lebensasseknranz    in 

194 


—    35     — 

Fast  jedes  einzelne  dieser  Elemente  setzt  nun  aber  für  sich 
allein  schon  eine  höhere  Stufe  des  Wirtschaftslebens;  einen  höheren 
Grad  der  Kultur  Yoraus.  Noch  im  Zustande  einfacher  Natural- 
wirtschaft ist  die  Vorsorge  fiir  die  Zukunft  gering,  allzu  schwach 
vor  allem,  um  sich  über  den  Tod  hinaus  zu  erstrecken.  Yomehm- 
lich  aber  fehlt  es  an  der  Möglichkeit  einer  Bereithaltung  von  Ersatz- 
werten, wie  die  Idee  der  Lebensversicherung  sie  erfordert,  da 
das  Nichtvorhandensein  geeigneter  Wertaufbewahrungsmittel  eine 
amÜELssendere  Kapitalbildung,  ein  Sparen  nicht  wohl  zuläfst.  Erst 
die  Greldwirtschaft,  welche  diesem  Mangel  abhilft,  welche  die  Macht 
des  Kapitals  erkennen  läfst  und  zur  Associationsbildung,  als  einem 
Mittel,  die  letztere  auszunützen,  unwillkürlich  hindrängt,  —  erst  die 
Geldwirtschaft  also  kann  den  Boden  liefern,  der  den  Vorbedingungen 
far  das  Entstehen  einer  Lebensassekuranz  entspricht. 

Thatsächlich  knüpft  deren  Entwicklung  denn  auch  überall  an 
diese  Epoche  der  Volkswirtschaft  an:  So  im  Altertum  bei  den 
Römern,   so  gleichfalls  im  Mittelalter  bei  den  Deutschen. 


Apostrophe,  oder  durch  VorsiifieUiiiig  des  Wörtohens  sogenannt  Aus- 
dmck  finden.  Das  Fehlen  dieser  Beifügongen  wird  demgegenüber  andeuten,  dafs 
Malsnahmen  nnd  Einrichtungen  hezeiohnet  werden  sollen,  welche  mit  jener 
enteren  der  Idee  nach  üehereinstimmungen  aufwiesen,  zu  ihrer 
Entwicklung  mitwirkten  eta,  dab  also  die  Lebensversicherang  in 
einem  weiteren  Sinne,  nicht  aber  in  ihrer  z.  Zt  ausgebildeten  Ghstalt  in 
Frage  kommt. 


195  8^ 


I. 
Altertum. 

Es  giebt  eine  grofse  Zahl  Yon  Yersicherungs-Schriftstellern, 
welche  das  Bestehen  yon  Lebensversicherungen  im  Altertum  über- 
haupt in  Abrede  gestellt  haben,  und  thatsächlich  scheint  vieles^ 
nicht  zum  wenigsten  das  schon  eingangs  erwähnte  Moment  eines  ge- 
wissen Fatalismus,  dem  man  sich  allgemein  hinzugeben  pflegte,  diese 
Annahme  zu  bestätigen ;  wenigstens  für  die  Jahrhunderte,  welche  der 
Ausbreitung  des  Christentums  vorausgiDgen.  Dennoch  ist  es  nicht 
uninteressant,  dafs,  vom  Erbgang  abgesehen,  auch  schon  in  der 
Yorchristlichen  Zeit  Institute  bestanden,  welche  mehr  oder  weni- 
ger ausschliefslich  der  Verwirklichung  jener  Idee  dienten,  die  noch 
heut  dem  Hauptfall  aller  „Lebensversicherung^',  der  Todesfall- 
assekuranz, zu  Grunde  liegt:  Der  Vorsorge  für  die  Hinterbliebenen 
nach  erfolgtem  Ableben  ihres  Ernährers.  So  vornehmlich  die  be- 
kannte römische  donatio  propter  nuptias.  Es  ist  dies  eine  Geld- 
summe, welche  altem  Herkommen  gemäfs  der  Mann  vor  der  Ehe 
seiner  künftigen  Ehefrau  gewissermafsen  als  Gegengeschenk  für  die 
einzubringende  Mitgift  zu  übergeben  pflegte,  zum  Zweck  eines  Bei- 
trags zu  den  Kosten  des  Haushalts  und  zur  Sicherung  des 
Unterhalts  für  Frau  und  Kinder  in  Zeiten,  wo  er  für 
dieselben  nicht  mehr  zu  sorgen  vermöchte,  und  ein  ganz 
ähnliches  Institut  findet  sich  bei  den  Galliern,  wie  Caesar  in 
seinen  Kommentaren  zum  Gallischen  Kriege^)  berichtet:  yfViriy^^ 
heifst  es  dort ,  „quantcts  pecunias  ab  uxoribus  dotis  nomine  acceperunt, 
tantas  ex  suis  bonis,  aesümatione  facta ,  cum  dotibus  communicant. 
Huius  omnis  pecuniae    coniundim  ratio  habetur  fructusque  servantur 

»)  VI,  19. 


—    37     — 

(die  ganze  Summe  wird  gemeinsam  verwaltet  und  die  Zinsen  werden 
aufgespart) ;  täer  earum  nUa  superavit,  ad  eum  pars  tUriusque  cum  fimc- 
tibus  superiorum  iemporum  pervenit  (dem  Überlebenden  fallen  Kapital 
und  Zinsen  zu). 

Indes  erst  die  römische  Kaiserzeit  mit  ihren  krassen  (regen- 
sätzen  zwischen  Reich  und  Arm,  mit  ihren  zur  Association  der 
schwachem  Elemente  unwillkürlich  drängenden  socialen  Kämpfen, 
zeigt  uns  wirtschaftliche  Gebilde,  deren  Zweck  und  Form  die  Frage 
nahe  legen,  ob  nicht  das  Bestehen  wenigstens  eines  Analogen  auch 
unsrer  heutigen  „Lebensversicherung''  schon  für  Rom  zuzugeben 
sei.  Wir  meinen  in  erster  Linie  die  „coUegia  tenuiorum'*,  ^)  Vereine 
von  Leuten  niedern  Standes  (selbst  von  Sklaven),  welche,  wie  das 
coUegium  cultorum  Dianae  et  Antinoi  zu  Lanuvium  (133  n.  Chr.), 
teils  den  Zweck  verfolgten,  ihren  Mitgliedern  ein  anständiges  Be- 
gräbnis zu  sichern,  teils  aber  auch  in  mannigfacher  Hinsicht  über 
dieses  Ziel  hinausgingen.  13  her  Einrichtung  und  Verwaltung  dieser 
Genossenschaften  gewähren  uns  die  erhaltenen  Statuten  des  eben 
genannten  Lanuvischen  Kollegs,*)  mit  denen  jene  der  übrigen  in  Be- 
tracht kommenden  Kollegien  wohl  im  wesentlichen  übereinstimmten, 
ein  anschauliches  und  interessantes  Bild.  Ihnen  zufolge  hatte  jeder 
welcher  in  die  Gesellschaft  einzutreten  wünschte,  zunächst  ein  ein- 
maliges Eintrittsgeld  (capitularium)  von  100  Sesterzen  (nebst  einer 
Amphora  guten  Weins)  zu  leisten,  aufserdem  einen  monatlichen 
Beitrag  von  fünf  Assen  zu  entrichten.  Das  derart  angesammelte 
£aipital,  durch  mildthätige  Zuwendungen^)  (sowie  durch  Straf- 
gelder) ab  und  zu  vermehrt,  diente  zur  Veranstaltung  gemeinsamer 
Festlichkeiten;  in  erster  Linie  aber  dazu,  beim  Tode  eines  Mit- 
glieds seinen  Hinterbliebenen  den  Bezug  einer  Summe  von  300 
Sesterzen  als  Begräbnisgeld  (funeraticium)  zu  gewährleisten.  Hier- 
bei  schuf  die  Association    einen  Ausgleich,  indem  bei   früherem 

*}  Gf.  hierzu  Merkel,  Artikel «  Gollegia''  im  „Handwörterbuch  der  Staats  wissen- 
tebafteu*',  herausgegeben  von  Conrad,  Elster,  Lezis  undLöning;  2.  ßand, 
(Jena,  1891.)  S.  845  ff.;  femer  Armin  Ehrenzweig  (— n— g.]»  Römische  Sterbe- 
kassen, Aufsatz  in  Adolf  Ehrenzweig's  „Assekuranz- Jahrbuch",  6.  Jahrgang, 
Wien,  1884»  S.  Iff;  endlich  E.  Armin  (Armin  Ehrenzweig?),  Die  Asse- 
kuranz bei  den  Bomem,  Aufsatz  in  der  „Deutschen  Versioherungs  -  Zeitung*, 
2S.  Jahrgang,  Nr.  94  sub.  c. 

')  Corpus  Inscriptionum  Latinarum,  XIV,  2112. 

*)  Cf.  die  uns  erhaltenen  Stataten  des  CoUegium  Aesculapi  et  Hygiae. 
(Orelli-Henzen,  Inscriptionum  Latinarum  selectarum  amplissima  collectio, 
1.  Bd.,  Nr.  2417.) 

1»7 


—    38    — 

Ableben  des  einen  Teils  der  Mitglieder  der  zu  ihrem  funeraticium 
noch  fehlende  Betrag  aus  dem  plus  ergänzt  wurde,  welches  die 
Zahlungen  andrer,  die  durchschnittliche  Lebenszeit  überdauernder, 
Genossen  ergaben.  Ein  Verabsäumen  der  monatlichen  Einzahlungen, 
sowie  frei¥n[Uige  Verkürzung  des  eignen  Lebens  durch  Selbstmord 
hoben  aber  jeden  Anspruch  auf  jene  gegenseitig  gewährte  Unter- 
stützung auf.  Das  funeraticium  unterlag  nicht  dem  Zugriff  der 
Gläubiger,  wie  ausdrücklich  hervorgehoben  wird.  Ergaben  die  ge- 
meinsamen Einzahlungen  Überschüsse,  so  wurden  dieselben  unter 
die  Mitglieder  als  Dividenden  verteilt.  ^)^ 

Wir  sehen,  überall  finden  sich  in  diesen  Bestimmungen  An- 
klänge an  unser  modernes  „Lebensversicherungswesen^,  Analoga  zu 
den  Einrichtungen  unsrer  heutigen  Gesellschafben  auf  Gegenseitig- 
keit. Vornehmlich  nur  die  Beschränkung  der  bei  einem  Todesfall  aus- 
zuzahlenden Summe  auf  einen  Betrag,  welcher  ausschliefslich  ausreichen 
sollte,  die  Begräbniskosten  zu  bestreiten,  begründete  eine  Verschieden- 
heit.^) Wenigstens  gilt  dies  für  das  Kolleg  von  Lanuvium,  während  in 
andern  Fällen  auch  dieser  Unterschied  in  Wegfall  gekommen  sein 
mag,  wie  insbesondere  Löning^)  und  Liebenam^)  nachgewiesen 
haben.  Diese  sind  der  Meinung,  dafs  eine  Beschränkung  der  col- 
legia  tenuiorum  auf  den  Begräbniszweck,  aus  mancherlei  hier  zu 
übergehenden  Gründen,   höchst   unwahrscheinlich,   vielmehr   anzu- 


^)  Eb  geht  dies  aas  deigenigen  Stellen  hervor,  wo  von  den  an  die  Beamten 
des  Kollegs  gezahlten  Remunerationen  die  Bede  ist.  Diese  bestanden  nämlioh 
darin,  dafs  jenen  ex  omnibus  divisionibus  grofsere  Quoten,  als  den  andern 
Mitgliedern  gewährt  wurden. 

*)  Das  in  L.  1  §  2  Dig.,  47,  22  enthaltene  Verbot,  zwei  oder  mehreren 
Kollegien  zugleich  anzugehören,  entsprang  nicht  dem  Assekuranzinteresse,  sonst 
hätten  die  Collegia  sich  selbst  gesichert.  Das  Gesetz  wünscht  vielmehr  (nach  If  at- 
thias),  entsprechend  der  damals  bestehenden  Einordnung  des  gesammten Kollegien- 
wesens in  den  Yerwaltungsorganismus,  „die  Zugehörigkeit  des  einzelnen  corporatus 
an  ein  bestimmtes  Verwaltungsressort  und  damit  auch  die  Jurisdiktionsverhält- 
nisse zu  regeln.**.  B.  Matthias,  Zur  Q-esohiohte  der  römischen  Zwangverbände, 
in  der  „Festschrift  zum  fünfzigjährigen  Doktozjubiläum  v.  Buchka 's**,  (Rostock, 
1891,)  S.  86  f. 

*)  Dafs  natürlich  auch  die  technischen  (Grundlagen  bei  jenen  Kollegien  denen 
unsrei'  modernen  „Lebensversicherungsanstalten**  an  Feinheit  bei  weitem  nicht 
gleichkamen,   sei  hier  nur  kurz  angedeutet.    Näheres  s.  weiter  unten,  S.  48 
Anm.  1. 

*)  Qeschichte  des  deutschen  Kirchenreohts,  1.  Bd.,  (StraTsburg,  1878,)  S.  204  f. 

^)  Zur  Geschichte  und  Oiganisation  des  römischen  Vereinswesens,  (Leipzig, 
1890,)  S.  40  f. 

198 


—    39     — 

nehmen  sei,  dafs  wir  in  ihnen  Unters tützungs-  und  Hilfsvereine  jeder 
Art  filr  die  nntem  Klassen  der  Bevölkerung,  Kassen  für  Unfall 
und  Sjrankheity  Gesellschaften  zur  Selbsthilfe  überhaupt  zu  er- 
blicken haben.  Als  solche  suchten  sie  die  socialen  Verhältnisse 
ihrer  Mitglieder  in  jeder  Hinsicht  zu  heben,  besonders  völliger  Ver- 
armung derselben  möglichst  zu  steuern,  und  durch  Veranstaltung 
gemeinsamer  Festlichkeiten  sie  das  Drückende  ihrer  Lage  vergessen 
zu  machen.  Der  Begräbniszweck  wurde  dabei  gleichzeitig  mit  ver- 
folgt oder  blieb  sogar  der  Hauptzweck  dieser  Vereine.  Häufig 
genug  mag  dann  auch  das  funeraticium  eine  gröfsere  Bedeutung  er- 
langt, und,  was  unstreitig  sehr  nahe  lag,  durch  entsprechende 
Erhöhung  zur  weitern  Unterstützung  der  Hinterbliebenen  eines 
verstorbenen  Mitglieds  Verwendung  gefunden  haben.  Ganz  rich- 
tig führt  Liebenam^)  aus,  dafs  „diese  Sterbekassen,  wenn  sie 
thatsächlich  Unterstützungsvereine  waren,  nicht  blofs  für  die  Männer, 
sondern  auch  für  deren  Familie  und  die  Witwe  eines  Genossen  ge- 
sorgt haben  werden'^;  und  so  fafst  er  denn  auch  konsequent  das 
foneraticium  im  allgemeinen  nicht  als  Begräbnisgeld,  sondern  als 
Versicherungssumme  schlechthin  auf.')*)  — 

Es  sind  jedoch  nicht  nur  die  collegia  tenuiorum  (und  die  Hand- 
werkervereine), ^)  deren  Einrichtungen  uns  an  die  moderne  „Lebens- 
assekuranz**  erinnern.  Zum  Teil  deutlicher  treten  vielmehr  Ähnlich- 
keiten mit  derselben  auch  in  den  Institutionen  eines  Kollegiums 
andrer  Art,  eines  Militärvereins,  zu  Tage,  der,  von  den  Hornisten 
der  Legio  m  Aug.  zu  Lambaese  in  Numidien  203  n.  Chr.  be- 
gründet, als  Beispiel  noch  weiterer  Genossenschaften  dieser  Art  gelten 


^)  L.  c,  S.  174. 

^  L.  c.»  S.  906,  Anm.  9  am  Ende. 

*)  AnfBer  von  den  bisher  geschilderten  Vereinen  worden,  wie  aus  Inschrift- 
steilen  hervorgeht,  auch  von  Handwerkerkollegien  Begräbnisgelder  gezahlt.  Ad 
fonns  aatem  Zosimi,  so  besagt  eine  derartige  Stelle,  et  titulo  contulerunt  colleg. 
&br.  ^CCCG,  während  eine  andere  lautet:  .  .  .  is  ad  qaem  sepultora  coli,  cen 
(onarionnin)  SCGC  contulit.  (Corp.  Inscr.  Lat.,  lil,  1604  und  8683.)  Zweifellos 
imd  aber  gerade  diese  Kollegien  allmählich  gleichfalls  dazu  gelangt,  über  das 
Begrabniageld  hinaus  für  die  Unterstützung  der  Hinterbliebenen  ihrer  verstor- 
benen Mitglieder  Sorge  zu  tragen,  ihnen  eine  Versioherungssnmme  schlechthin 
zu  zahlen.  Dies  erweist  eine  Inschrift  (Orelli-Henzen ,11,  4107),  nach  welcher 
ein  gewisser  C.  Turins  Lollianus,  Mitglied  des  corpus  mensorum  machina- 
riomiD,  aber  jährliche  Zinsen  des  nach  Bestreitung  der  Begräb- 
niskosten noch  verbleibenden  Kestes  (!)  des  funeraticium  testa- 
mentarisch verfügte  (!)• 

*)  Cf.  vorhergehende  Anmerkung. 

199 


—    40    — 

darl ')  Die  teilweise  erhaltenen  Statuten  dieses  Kollegiums  mögen 
ihres  hohen  Interesses  wegen  im  folgenden  wortlich  Platz  finden.*) 

Seamnari  n(omine)j  lautet  die  erste  Bestimmung,  (welcher  eine 
Widmung  an  den  Ejiiser  und  dessen  Söhne ,  sowie  ein  Mitglieder* 
Terzeichnis  yorangeht),  dabunt  col(legae)  qui  fac(tt)  fuer(in()  denaru» 
DCCL, 

Si  quij  heilst  es  sodann ,  d{€)  col{legis)  tram(are)  pro(fici9cetur)j 
cum  pr{amotu$)  s{U)  acc{ipiä)  viai{icufn)  prv(ce88U8)  m(tfes)  denarios  CC 
iq{ue8)  a(utem)  [X]  2). 

li[e]fn  vd{e)ranis  anulariutn  nom{ine)  denarii  D. 

Item  81  qui  ex  coll(egio)  amplio{re)  grad{u)  prof{ieiseäur),  accip(iet) 
denarios  Z>. 

Item,  si  qui  obitum  naturae  red{diderit),  acc(ipiet) 
her(e8)  ip3{iu8)  —  (besser  ipse)  —  sive  proc{urator\  dena- 
rios D. 

Item,  quod  abom(inaynur) ,  si  q(ui)  locu(m)  su[um^  amis{erU),  acci- 
piet  denarios  CCL, 

[I]t[e]m  qui  arc(a)  solut(t)  sunt  et  si  qtiis  de  tironib{us)  ab  hae  die 
satis  arcae  fec{erit)  accipiet  quitquit  dd)et(ur). 

Lexfact(a)XIkal(end(i8)  Sep{tembres)  [Plaut iano]  II et  Geta  II cos. 

[6]€[fn]tn[tt]».  Äntoninus,  Filinus.  Marcus. 

Diese  Worte  sind  nun  im  einzelnen  Yerschieden  interpretiert 
worden.  Insbesondere  stehen  sich  hierbei  die  Ansichten  von 
Liebenam*)  und  C  o  h  n  ^)  entgegen,  welch'  letzterer  auch  seine  Text- 
ergänzungen vielfach  von  den  obigen  abweichend  gestaltet.  Wir 
haben  der  Liebenam' sehen  Erklärung  den  Vorzug  gegeben,  welche 
u.  E.  yieles  für  sich  hat. 

Dieser  zufolge  handelt  der  erste  Satz  der  Inschrift  von  den 
durch  die  Mitglieder  zu  erbringenden  Leistungen:  er  spricht  von 
einem  scamnarium,  einer  Geldsumme,  deren  eigentümliche  Benennung 
nach  Bruns^)  yon  dem  sedere  in  scamnis  (Bänken)  coUegii  sich 

*)  Allerdings  scheint  die  Verbreitung  der  Militäryereine,  wenigstens  seit 
der  Zeit  der  Begründung  des  oben  genannten  Kollegiums,  infolge  kaiserlichen 
Verbots  eine  beschrankte  gewesen  zu  sein.  Cf.  darüber  u.  a.  Merkel,  l.  c, 
8.  861,  sub.  6. 

')  Corp.  Inso.  Lat.,  VIII  (Insc.  Africae  Latinae,  gesammelt  von  Wil- 
manns),  1,  2657. 

»)  L.  c,  S.  806  ff. 

*)  Cohn,  Zum  römischen  Vereinsrecht  (Berlin,  1878),  S.  127 ff. 

*)  Bruns,  Fontes  iuris  Bomani  antiqui  (Freiburg  i.  Br.,  1887),  S.  328, 
Anm.  3. 

soo 


—    41    — 

berschreibt.  Jedenfalls  ist  Yon  einem  Eintrittsgeld  die  Bede,  wie 
wir  ein  solches  schon  bei  den  coUegia  tenuiorum  kennen  lernten, 
und  anfser  welchem  yielleicht  noch  weitere  monatliche  Beiträge  zu 
zahlen  waren. 

Nach  so  Yorausgeschickter  Feststellung  der  Pflichten  der  Mit- 
glieder werden  im  weitern  die  Leistungen  genannt ,  welche  das 
coUegium  seinerseits  zn  prästieren  bereit  ist:  600  oder  300  Denare, 
je  nach  dem  Range,  soll  zunächst  als  Beisegeld  erhalten,  wer  aus  An- 
lafs  seiner  Beförderung  eine  Eahrt  übers  Meer  zu  unternehmen 
sich  gezwungen  sieht.  Welcher  Art  diese  aber  gewesen  sein  mag, 
welcher  Zweck  dabei  verfolgt  wurde,  ist  nicht  ersichtlich.  Als  ge- 
wirs  darf  nur  gelten,  dafs  bei  solcher  Sachlage  das  avancierte  Mit- 
glied in  dem  Verein  verblieb,  da  sonst  eine  spätere  Bestimmung,  die 
▼ierte,  Platz  gegriffen  hätte. 

Noch  dunkler  erscheint  der  Sinn  des  dritten  Satzes:  Danach 
sollen  —  soweit  besteht  kein  Zweifel  —  die  Veteranen  bei  ihrer 
Entlassung  500  Denare  als  anularium  (Ringgeld)  erhalten.  Was  es 
jedoch  hiermit  für  eine  Bewandtnis  habe,  ist  bestritten.  Momm- 
sen,^)  welcher  seinen  Vermutungen  eine  andere  Stelle  (Orelli- 
Henzen,  3.  Bd.,  6790)  zu  G-runde  legt,  wo  ebenfalls  von  einem  anu- 
larium, zahlbar  durch  den  Quästor  an  die  abgehenden  optiones  (Feld- 
webel) die  Rede  ist,  erklärt  den  Ausdruck  aus  der  schon  zur  Zeit 
des  Augustus  vorhandenen  Sitte,  den  verabschiedeten  Centurionen 
des  ersten  Manipels  den  Ritterrang  und  damit  das  Recht  der  An- 
legung des  Ritterrings  zu  verleihen.  Dieser  Brauch  soll  sich  nun 
spater  auf  alle  Centurionen  und  sogar  schliefslich  auf  die  optiones 
erstreckt  haben.  Henzen*)  dagegen  hält  wenigstens  das  letztere 
nicht  für  möglich,  nimmt  vielmehr  an,  nur  das  bei  den  Centurionen 
übliche  Wort  habe  später  auch  auf  die  optiones  Anwendung  ge- 
fiinden.  und  zwar  sei  damit  ein  Geschenk  bezeichnet  worden,  wel- 
ches die  Kameraden  dem  aus  dem  Dienste  Scheidenden  zu  geben 
pflegten.  Diese  Ansicht  hat  viel  für  sich  und  erklärt  auch  zwang- 
los die  weitere  Ausdehnung  dieser  Bezeichnung  auf  die  beim  Ab- 
schied allen  Veteranen  überhaupt  gezahlte  Summe.  Auf  unsre 
Stelle  angewendet,  liegt  es  am  nächsten,  sich  unter  dem  anularium 
eine  Altersunterstützung^  zu  denken,  welche  man  den  aus  dem  Kriegs- 


')  Siehe  die  Ansicht  Mommsen'B  und  Hensen'i  bei  Orelli-Henzen, 
L  c,  8790,  Anm.  8. 

*)  Altersantentütznngen  bezogen  übrigens  anch  von  Staats  wegen  alle 
Veteranen.    Die  Kittel  hierzu  lieferte  eine  L  J.  6  n.  Chr.  von  Augustas  ge- 

201 


—    42     — 

dienste  Austretenden  zu  prästieren  hatte.  Freilich  stellt  sich  deren 
Betrag  sowohl  an  sich,  als  auch  besonders  im  Verhältnis  zum  Ein- 
trittsgeld, auf  den  ersten  Blick  yielleicht  als  etwas  niedrig  dar.  und 
insofern  möchte  möglicherweise  jene  Ansicht  richtiger  erscheinen, 
welche  in  dem  Ringgeld  eine  Abfindungssumme  erblicken  will,  die 
man  in  Höhe  von  '/s  ^^^  scamnarium  dem  scheidenden  Mitgliede 
gewährt  habe.  Denn  dafs  mit  dem  Austritt  aus  dem  Soldaten- 
Stande  auch  die  Beziehungen  zu  dem  Kollegium  aufhörten ,  ist, 
wie  u.  a.  Cohn  bemerkt,  jedenfalls  anzunehmen.  Demgegenüber 
wäre  jedoch  darauf  hinzuweisen,  dafs  die  Summe  von  600  Denaren 
der  Maximalbetrag  war,  den  das  Kollegium  überhaupt  zahlte, 
aus  weiter  unten  angedeuteten  Gründen  auch  wohl  nur  zahlen 
konnte.  Die  Bezeichnung  dieses  Betrages  als  Abstandssumme 
würde  dazu  führen,  auch  alle  folgenden  Bestimmungen  konsequenter 
Weise  als  Abfindungen  betreffend  hinzustellen,  so  dafs  schliefslich 
die  Gewährung  eines  viaticum  (nach  Bestimmung  8)  als  einziger 
Zweck  des  Vereins  übrig  bliebe.  Damit  würde  aber  das  hohe  Ein- 
trittsgeld erst  recht  unerklärlich. 

Thatsächlich  von  einer  Abfindungssumme  dürfte  hingegen  in 
der  yierten  Bestimmung  die  Bede  sein.  600  Denare  waren  zahl- 
bar an  diejenigen  Vereinsmitglieder,  welche  aus  dem  Kollegium 
infolge  Yon  Beförderung  ausschieden,  vielleicht,  weil  sie  gleich- 
zeitig versetzt  wurden.  Jedenfalls  handelte  es  sich  hierbei  nicht, 
wie  Cohn  merkwürdigerweise  annimmt,  um  eine  Versicherung  gegen  (!) 
den  „glücklichen  (!)  Zufall^  des  Avancements. 

Am  meisten  Interesse  gerade  für  unser  Gebiet  bietet  die 
fünfte  jener  inschriftlichen  Bestimmungen.  Ihr  zufolge  „hat,  wenn 
jemand  eines  natürlichen  Todes  gestorben  ist,  sein  Erbe . .  500  Denare 
zu  erhalten^.  Als  deren  Zweck  wird  nun  aber  nicht  die  Deckung 
der  Begräbniskosten  bezeichnet  und  sollte  jedenfalls  auch  nicht  als 
solcher  genannt  werden,  da  ohnehin  bei  jeder  Legion  eine  besondere 
Begräbniskasse  bestand.^)  Jener  beim  Hinscheiden  eines  Vereins- 
mitglieds fallig  werdende  Betrag  scheint  vielmehr  durchaus  „nach 
Analogie  unserer  Lebensversicherung  den  Hinterbliebenen  zu  gute 
gekommen  zu  sein^,  somit  ganz  allgemein  eine  Versicherungssumme 
dargestellt  zu  haben.     Freilich    war  dieselbe    in  ihrer   Höhe    von 


stiftete Peosionska See,  das  aerarium  militare.   Ifarquardt,  Römisohe Staata- 
verwaltong,  8.  Bd.,  2.  Aafl.,  (Leipzig,  1884),  S.  806  f. 
^)  Vegetias,  2,  20.    Marquardt,  1.  a,  S.  668. 

tot 


—    43    — 

Tornherein  fest  bestimmt,  unterlag  nicht,  wie  heut,  wenigstens 
innerhalb  gewisser  Grenzen,  dem  freien  Ermessen  des  Versiehe- 
rongsnehmers.  Für  ihre  Auszahlung  jedoch  galten  wieder  dem 
modernen  „Lebensassekuranzwesen''  entsprechende  Grundsätze.  Ob 
die  Hinterlassenen  des  Geldes  bedurften  oder  nicht,  kam  nicht 
in  Betracht,  sie  erhielten  beim  Tode  des  Erblassers  ohne  weitres 
jene  SOO  Denare ;  auf  welche  sie  durch  dessen  Einzahlungen 
einen  festbegründeten  Anspruch  hatten.  Auch  war  das  Ableben 
des  Versicherungsnehmers  nicht  Bedingung,  sondern  nur  Termin 
fnr  die  Zahlung  der  Summe.  Wurde  nämlich  für  diesen  durch 
Absolvierung  seiner  zwanzigjährigen  Dienstpflicht  eine  weitere  Teil- 
nahme an  dem  Vereine,  wie  wir  sahen,  unmöglich,  dann  yerfielen 
seine  Ansprüche  keineswegs.  In  diesem  Falle  gewährte  man  ihm 
Tielmehr  bei  seinem  Austritt  eben  jenen  Betrag  als  Altersunter- 
stützung, welcher  bei  früherem  Ableben  seinen  Hinterbliebenen  zu 
gute  gekommen  wäre :  Ahnlich,  wie  heute  yiele  moderne  Anstalten 
die  „Lebensversicherungssumme''  entweder  beim  Tode  des  Ver- 
sicherungsnehmers, oder  aber  spätestens  bei  Erreichung  eines  be- 
stimmten Alters,  etwa  von  86  Jahren,  zu  zahlen  pflegen. 

Auffallen  könnte  auch  hier  nur  wieder  die  verhältnismäfsig 
niedrige  Bemessung  dieses  Betrages.  Dieselbe  findet  jedoch  ihre 
nächste  Erklärung  darin,  dafs  das  Kollegium,  bei  seinen  in  mancher 
Hinsicht  noch  überaus  schwachen  technischen  Gruüdlagen,^)  sehr 
Torsicfatig    zu    Werke    zu    gehen    gezwungen    war.      Insbesondere 


')  Die  wesentliohste  dieser  G^ndlagen  bildete  sowohl  hier,  als  auch  bei  den 
oollegia  tenaioram,  wie  bei  der  modernen  „Lebensyersicherung**,  das  Sparen 
auf  gemeinsame  Kechnnng.  Die  Anwendung  des  Associationsprinzips 
mit  seiner  ausgleichenden  Wirkung  lafst  erkennen,  dafs  man  mit  der  verschie- 
denen Dauer  der  einzelnen  Leben  wohl  schon  implioite  rechnete,  dafs  man  die 
Thatsache  eines  allmählichen  Absterbens  einer  gröfseren  Menschenmenge  auf 
Gmnd  allgemeiner  Erfahrungen  in  Berücksichtigung  zog.  Doch  fehlte  es  noch 
gänzlich  an  einer  exakten  Erfassung  und  Verwertung  dieser  und  ähnlicher 
Momente.  Auch  die  circa  200  n.  Chr.,  also  gerade  um  das  Jahr  der  Be- 
gründung des  Kollegiums  von  Lambaesis,  von  ülpian  aufgestellte  Übersicht 
aber  die  voraussichtliche  Lebensdauer  für  verschiedene  Altersklassen  (Dig.,  86, 
2,  68  pr.)  beruhte  wohl  nur  auf  annähernder  Schätzung.  (A&drer  Ansicht  ist 
Hildebrand,  in  seinen  „Jahrbüchern",  6.  Bd.,  8.  81  ff.,  insbes.  S.  90  ff.). 
Zadem  war  dieselbe  ausschliefslich  für  juristische  Zwecke,  erbreohtliche  Fragen 
(Überlastung  der  Erbschaften  mit  Legaten  in  Leibrentenform)  bestimmt,  nicht 
aber  durfte  man  dain  gelangt  seinf  auf  sie  allgemein  die  Versicherung  zu 
stützen.  Für  die  letztere  war  vielmehr  eine  rationelle  Verwendung  derartiger 
Hilfsmittel  einer  weit  späteren  Zeit  vorbehalten. 

SOS 


—    44    — 

aber  ist  zu  berücksichtigen ,  dafs  der  Verein  nicht  ansschliefslich 
Todesfallversicherang  gewährte,  sondern  gleichzeitig  auch  andre, 
z.  T.  den  SchadensTersicherungen  verwandte  Assekuranzzweige 
betrieb. 

Schon  aus  der  zweiten  seiner  Bestimmungen  war  dies  ersichtlich, 
klarer  noch  geht  es  aus  der  sechsten  hervor.  In  dieser  nämlich 
wird  von  dem  Ausscheiden  aus  dem  Verein  infolge  einer  vorzeitigen 
Dienstentlassung  gesprochen.  Nun  konnte  die  Ursache  einer  solchen 
nach  Dig.  49,  16,  13,  3  dreifacher  Art  sein:  Honesta,  nach  absol- 
vierter Dienstzeit,  causaria,  wegen  eingetretener  körperlicher  oder 
geistiger  Untauglichkeit,  und  ignominiosa.  Da  von  diesen  f&r  den 
vorliegenden  Fall  die  erstere  durch  die  dritte  Bestimmung,  die  letztere 
aber  durch  die  Wahrscheinlichkeit  ausgeschlossen  wird,  dafs,  hätte 
man  eine  missio  ignominiosa  im  Auge  gehabt,  die  nachzusuchende 
kaiserliche  G-enehmigung  der  Statuten  nicht  erteilt  worden  wäre,  so 
bleibt  nur  die  eine  Möglichkeit,  anzunehmen,  dafs  eine  Dienst- 
entlassung auf  Orund  von  Invalidität  hier  in  Betracht  komme. 
Die  in  dieser  statutarischen  Festsetzung  besprochene  Assekuranz 
würde  somit  eine  Unfall-,  und  Invaliditätsversicherung  darstellen^ 
das  Kollegium  überhaupt  aber  als  „ein  Verein  zu  gegenseitiger 
Unterstützung  in  jeder  Hinsicht,  als  eine  Art  Unfall-  und  Lebens- 
versicherung zugleich"  aufzufassen  sein. 

Der  letzte  Satz  der  Inschrift  enthält  dann  endlich  noch  eine 
Anordnung,  die  dem  Vermuten  nach  die  Rückzahlung  der  Beiträge 
für  den  Fall  freiwilligen  Austritts  aus  dem  Kollegium  in  Aussicht 
stellt,  sofern  nur  der  Austretende  den  Anforderungen  der  G-enossen- 
schaft  vollständig  nachgekommen  sei.  — 

Dies  wäre  etwa  das  Wesentlichste,  was  über  römisches  Lebens- 
versicherungswesen bisher  bekannt  wurde.  An  und  für  sich  ziemlich 
gering  erscheint  es  doch  noch  bedeutend  im  Vergleich  zu  dem,  was  auf 
dem  genannten  Gebiete  von  andern  Ländern  des  Altertums  überliefert 
ist.  Selbst  für  Hellas  wissen  wir  aus  vorrömischer  Zeit  nur,  dafs 
einzelne  Begräbnissocietäten  oder  vielmehr  Grabgenossenschaften  be- 
standen, zunächst  ansschliefslich  für  y€vvf{$ai,  später  auch  in  weiterer 
Ausdehnung.  Zweck  derselben  war  die  Bestattung  der  Mitglieder 
an  einem  gemeinsamen  Begräbnisplatz.  ^)  In  ähnlicher  Weise  pflegten 


^)  Hermann,  Lehrbneh  der  griechisohen  Antiquitäten,  S.  Bd.,  1.  Abteüongr 
(BeohtBaltertümer,  8.  Aufl.,  herausgegeben  von  Thalheim),  Freibarg  i  B. 
and  Tübingen,  isisi,  S.  96. 

104 


—     46    — 

anfserdem  auch  die  religiösen  Vereine  für  Beerdigung  ihrer  hinge- 
schiedenen Teilnehmer  Sorge  zu  tragen.  ^)  Dafs  indessen  bei  diesem 
Anlafs  fUr  die  Hinterbliebenen  der  Verstorbenen  irgend  welche 
Unterstützung,  selbst  irgend  welches  Begräbnisgeld  gegeben  wurde, 
oder  dafs  ein  d^artiger  Brauch  im  Laufe  der  Entwicklung  sich 
herausgebildet  hätte,  —  darüber  fehlt  uns  jegliche  Andeutung.  Da- 
gegen ist  es  sehr  wabrscheinlich,  dafs  nach  der  Unterwerfung  Griechen- 
lands unter  die  römische  Herrschaft  daselbst  mit  andern  Einrich- 
tongen  auch  die  römischen  coUegia  zur  Einführung  gelangten.  Bei- 
spielsweise hat  man  in  Philippi  vier  Marmortafeln  aufgefunden, 
welche  ein  Verzeichnis  einer  Anzahl  von  Oultores  Silvani  ent- 
halten. *)  Schon  die  Wahl  der  Schutzgottheit,  ^)  noch  mehr  aber  die 
bei  einem  Namen  stehende  Bemerkung:  item  viyus  XI  mortis  causae 
8ui  remisit,  lassen  mit  Jlommsen  *)  vermuten,  dafs  es  sich  hier  um 
eine  Art  Begräbnisyerein  handelte.  ^)  Welcher  Verbreitung  und  Be- 
deutung aber  diese  und  ähnliche  Kollegien  im  allgemeinen  auf 
griechischem  Boden  sich  zu  erfreuen  hatten,  bleibe  dahingestellt. 


Fassen  wir  abschliefsend  das  Ergebnis  unserer  Erörterungen 
über  die  Lebensyersicherung  im  Altertum  in  £ürze  zusammen! 

Dafs  die  Lebensassekuranz  den  Alten  durchaus  fremd  gewesen 
sei,  ist  —  dies  dürfte  aus  obigem  zunächst  hervorgehen  —  eine 
bedeutend  zu  weit  gehende  Annahme.  Wir  sahen  vielmehr,  wie  die 
Lebensversicherungsidee  schon  in  damaliger  Zeit,  wenigstens  im 
römischen  Beiche,  vielfach  Berücksichtigung  fand.  Schuf  man  doch 
zum  Zweck  ihrer  Verwirklichung  Einrichtungen,  welche  sogar  als 
Analogieen  unsres  modernen  „  Lebensassekuranzwesens  ^  gelten 
können  (S.  38  f.,  S.  39,  Anm.  5,  a.  E.,  S.  40  £f.).  Lides  läfst  sich 
andrerseits  nicht  in  Abrede  stellen,  dafs  selbst  diese  mit  Bücksicht 
auf  den  im  übrigen  hohen  Kulturzustand  eine  immerhin  geringe  Aus- 
bildung aufwiesen.   Durchweg  finden  wir  bei  ihnen  eine  noch  mangel- 


^)  Foucart,  Des  associations  religieuBes  chez  les  ürecs,  thiasest  eranes, 
orgeODB  (Paris,  1873),  S.  46,  117  £.  und  141. 

*)  Corp.  Inecr.  Lat.,  III,  1,  633. 

')  Gf.  Liebenam,  1.  o.,  S.  S98. 

*)  Corp.  Inscr.  Lat.,  1.  o.,  8.  122. 

*)  £ine  Art  Handwerkerkolleginm  (aus  dem  2.  oder  3.  Jahrhundert  n.  Chr.), 
eine  „Gesellschaft  der  Furpurfärber  zu  gegenseitiger  Unterstützung"  in 
Hierapolis  in  Grofsphrygien  {awiS^iov  rijs  n^ogSsiag  rmv  noQtpv^oßafjmv)  erwähnt 
Friedländer,  Sittengeschichte  Roms,  1.  Teil,  6.  Aufl.  (Leipzig,  1881),    S.  270. 

S06 


—    46    — 

hafte  Technik,  infolgedessen  eine  ängstliche  Begrenzung  der  zu  ver- 
folgenden Ziele  y  endlich  eine  strenge  Lokalisierung.  Dies  alles  be- 
gründete eine  innere  Schwäche  dieser  Institute,  welche  erklärt,  warum 
dieselben  zu  einer  weitem  Entfaltung  nicht  zu  gelangen  y ermochten. 
Nahezu  unmöglich  aber  erscheint  danach,  dafs  jene  Einrich- 
tungen über  die  Yölkerwanderung  hinaus  sich  könnten  erhalten  haben. 
Kriegerische  Zeiten  sind  der  Versicherung  niemals  günstig,  eine 
nicht  hoch  entwickelte  wird  ihnen  gändich  erliegen.  Um  wie 
yiel  weniger  hätten  jene  Anfange  einer  Assekuranz ,  von  denen  wir 
sprachen,  den  Stürmen  Stand  zu  halten  yermocht,  welche  Jahrhun- 
derte lang  die  ganze  damals  bekannte  Welt  in  Bewegung  setzten 
und  Beiche,  wie  das  römische,  zum  Sturze  brachten,  unter  den 
Trümmern  römischer  Kultur  wurde  das  römische  Kollegienwesen 
begraben,  keine  Spur  dayon  ist  in  das  Mittelalter  mit  hinüber- 
gegangen. Und  ganz  dasselbe  gilt  für  die  mit  jenem  in  engstem  Zu- 
sammenhang stehende  antike  Lebensyersicherung.  ^) 

0  Gf.  o.  a.  Merkel,  1.  o.,  S.  866. 


20« 


n. 

MittelaKer  und  neuere  Zeit  bis  zur  Begründung  der 

Equitabie  (I76i).') 

Gewissermaüseii  als  Träger  des  Lebensyersicherungsgedankens 
erscheinen  während  des  ganzen  Mittelalters  und  über  dasselbe  hinaus 
Torwiegend  die  Völker  germanischen  Stammes.  Es  waren  zwei 
Momente y  deren  Zusammenwirken  diese  Thatsache  herbeiführte: 
Einerseits  die  hohe  Bedeutung,  welche  die  Germanen  der  Familie 
beimafsen,  andrerseits  die  überaus  reiche  Qenossenschaftsbildung, 
die  unter  denselben  sich  entfaltete.  Wie  ihnen  jene  die  Fürsorge 
für  die  Angehörigen  nahe  legte,  so  bot  diese  die  Möglichkeit  wirk- 
samerer Versorgung.  Gerade  die  Genossenschaften,  deren  Zwecke, 
wie  Lamprecht ^)  gelegentlich  bemerkt,  „nach  völlig  gleicher 
Weise  in  der  Lebensfürsorge  für  ihre  Mitglieder  und  deren  Familie 
gipfelten'^,  erschienen  geeignet,  auch  den  Versicherungsgedanken  zu 
fördern  und  zu  yerwirklichen.    Dies  vornehmlich,  als  nach  Überwin- 


')  Über  diese  Epoche  der  Entwioklnxig  des  LebensverricheningswesenB  sind 
zn  yezgleichen:  Hakowiczka,  Artikel  „Verrieherungsaiistalten''  im  „deatschen 
Staatsworterbnch*',  herausgegeben  von  Blantsohli  andBrater,  (Statt|(art  and 
Leipzig,  1870,)  11.  Bd.,  S.  42  f.;  Grosse,  Die  Anfänge  des  Lebenyersioherungs- 
wesens,  in  JShrenzweig's  „Assekuranz-Jahrbaoh*',  YL  Jahrgang  (Wien,  1886), 
8.  Teil,  S.  8  ff.;  endlich  auch  Endemann,  Die  Entwicklung  des  Assekuranz- 
wesens, m  der' „Deutschen  yierteljahrsschrift^  1866,  Heft  4,  S.  97  ff. 

Endemann  ist  der  Ansicht,  dafs  die  Lebensversicherung  im  Mittelalter 
nur  hier  und  da  als  „vereinzeltes  Gheschaft"  vorzukommen  pflegte.  Im  übrigen 
luUt  er  dafür,  dafs  das  Versicherungswesen  überhaupt  sein  Wachstum  haupt- 
aachlich  dem  kanonischen  Zinsverbote,  zu  dessen  Umgehung  es  als  geeignet  er- 
schien, verdankt  habe.  Aber,  wie  wir  dieser  Meinung  schon  im  allgemeinen 
nicht  beizupflichten  vermögen,  so  am  wenigsten  für  die  Lebensversicherung,  zu- 
mal deren  gedeilüichere  Entwicklung  einer  Zeit  angehört,  in  welcher  das  kanos 
nische  Zinsverbot  den  Höhepunkt  seiner  Macht  schon  hinter  sich  hatte.  (Gf. 
übrigens  hierzu  Bezold,  Das  Versicherungswesen,  in  den  „Deutschen  Zeit-  und 
Streitfragen'*,  8.  Jahrgang,  Heft  89,  Berlin,  1874,  S.  14  ff.). 

*)  DeutMihe  Geschichte,  8.  Bd.,  (Berlin,  1898),  8.  96. 

107 


—    48     — 

düng  der  Naturalwirtschaft  das  Oeld  eine  Sicherung  der  Zukunft 
durch  Ersparnis  ermöglichte. 

Schon  früh  nennen  denn  auch  besonders  jene  freien,  alle  Seiten  des 
Lebens  erfassenden  Einungen,  welche  unter  dem  Namen  Gilden  0  be- 
kannt sind,  unter  andern  gegenseitig  Yon  ihren  Mitgliedern  zu  erbringen- 
den Hülfeleistungen  auch  die  Gewährung  zunächst  Yon  Begräbnisunter- 
stützungen:  So  die,  dem  11.  Jahrhundert  angehörenden  Gilden  von 
Abbotsbury  und  Exeter,^  so  diejenige  von  Cambridge.')  Ausdrücklich 
wird  in  deren  Statuten  bestimmt,  dafs  im  Falle  des  Todes  eioas 
Mitglieds  dasselbe  von  der  ganzen  Gilde  zu  Grabe  geleitet  werden 
solle,  und  dafs  die  Gesamtheit  einen  Teil  der  Kosten  zu  tragen  habe. 

Auch  als  später  das  Gildenwesen  sich  verzweigte,  als  nach  ver- 
schiedenen Hauptzwecken  verschiedene  Gildenarten  sich  sonderten, 
religiöse  und  weltliche,  unter  letzteren  Schutz-  und  Gewerbsgilden 
unterschieden  wurden,^)  blieb  neben  den  von  jenen  Eiuungen  vor- 
wiegend verfolgten  Zielen  auch  der  Versicherungszweck  jedenfalls  mit 
bestehen.^)  Insbesondere  zogen  die  seit  dem  14.  Jahrhundert  immer 
allgemeiner  sich  bildenden  Handwerkerzünfte  *)  und  ähnliche  Verbände 
denselben  ständig  in  den  Bereich  ihrer  Bestrebungen.  „Die  Zünfte, "" 
führt  Schönberg  aus,^  „waren  regelmäfsig  auch  religiöse,  gesellige 
und  sittliche  Verbindungen.  Jede  hatte  einen  Heiligen  als  Schutzpatron« 
verfolgte  kirchliche  und  wohlthätige  Zwecke,  versammelte  ihre  Mitglie- 
der zu  Gebet  und  Andacht,  unterhielt  oft  einen  eigenen  Altar  oder  doch 
eigene  Kerzen  in  der  Kirche  und  liefs  für  die  verstorbenen  Brüder 
Seelenmessen  singen.  Jede  vereinigte  ihre  Mitglieder  und  deren  Fami- 
lien auch  zu  geselligen  Festlichkeiten,  nicht  blofs  bei  eigentlichen  Zunft- 
anlässen (Aufnahme  neuer  Mitglieder  etc.),  sondern  auch  bei  anderen  Ge- 
legenheiten. Und  die  Zünfte  pflegten  auch  die  werkthätige  brüderliche 
Liebe  unter  den  Zunftgenossen,  sie  unterstützten  die  armen  und  kranken 


')  W  i  1  d  a ,  Das  GUdenwesen  im  Mittelalter,  (Halle,  1881) ;  G  i  e  r  k  e ,  ßeatsches 
Geaosaenschaftsreoht,  1.  Bd.  (Berlin,  1868),  S.  SSO  ff. 

«)  Grosae,  1.  c,  S.  18, 

»)  Wilda,  1.  c,  S.  48f.;  Grosse,  1.  c,  S.  12f. 

*)  Cf.  neben  Wilda  and  Gierke  auch  Nitzsoh,  Über  die  niederdeutschen 
GenoBwnschaften  des  IS.  und  13.  Jahrhonderts ,  in  den  „Monatsberichten  der 
PreoTs.  Akad.  der  Wiss.  zu  Berlin^  1880,  S.  4  ff.;  Lamprecht,  1.  c.,  S.  S7ff. 

*)  Cf.  hierzu  Gierke,  L  c,  S.  S28. 

«)  Gierke,  1.  c,  S.  S44  ff .  und  S.  868ff.;  Sohönbergr,  Abschnitt  „Ge- 
werbe**, in  seinem  „Handbuch  der  politischen  Ökonomie'',  8.  Aufl.,  8.  Band, 
(Tübingen,  1891),  S.  474  ff. 

')  L.  c,  S.  477. 

SOS 


—    49    — 

Genossen,  sorgten  für  Witwen  und  Waisen,  spendeten 
den  Verstorbenen  ein  ehrenvolles  Begräbnis  und  über- 
wachten das  moralische  Verhalten  ihrer  Mitglieder.''  ursprünglich 
scheinen  freilich  auch  die  zunftgenössischen  Unterstützungen  sich 
auf  Bewährung  der  Begräbniskosten  beschränkt  zu  haben;')  erst  all- 
mählich  ging  man  über  diese  hinaus  und  zu  einer  weiteren  Fürsorge 
fiir  die  Hinterbliebenen  verstorbener  Mitglieder  über.^ 

Um  so  wirksamer  aber  gestalteten  sich  diese  Bestrebungen,  je 
mehr  man  den  Versorgungszweck  aus  seiner  engen  Verbindung  mit 
andern  zu  verfolgenden  Zielen  löste,  durch  Schaffung  besonderer 
Witwen-  und  Sterbekassen  ^)  innerhalb  der  Genossenschaft  zu  einem 
selbständigen  machte.  Diese  Entwicklung  hat  dann  im  ferneren 
dahin  geführt,  dafs  als  Nachbildungen  der  zunftgenössischen  Institute 
allgemeine  entstanden,  an  denen  ohne  Rücksicht  auf  den  Beruf  alle 
Orts-  oder  Landesbewohfaer  teilnehmen  konnten.^)  Die  frühere 
Eorporations Versicherung,  bei  welcher  die  Genossen  „in  der 
einen  Verbindung  ihr  ganzes  Leben  zu  garantieren"  suchten,  wurde 
(am  einen  von  Röscher^)  gewählten  Ausdruck  anzuwenden)  zur 
Associationsassekuranz,  die  gegen  eine  „bestimmte"  Gefahr 
„Menschen  der  verschiedensten  Klassen"  sicherstellt. 

Dieser  Übergang  zum  Associationsprinzip  bedeutete  zweifellos 
einen  nicht  zu  unterschätzenden  Fortschritt,  ungeachtet  dafs  andrer- 
seits gerade  aus  ihm  jenen  Verbänden,  bei  der  Unfertigkeit  ihrer 
technischen  Grundlagen,  zunächst  mancherlei  Gefahren  und  ünzu- 
träglichkeiten  erwuchsen.  Da  man  nämlich  auch  bei  den  allgemeinen 
Sterbekassen  anfangs  noch  die  zur  Beerdigung  erforderlichen  Summen 
für  jeden  einzelnen  Todesfall  von  den  Überlebenden  durch  gleiche 
Beiträge  aufbringen  liefe,  so  mufste,  damit  diese  Beiträge  keine  zu 
hohen  wurden  und  die  Längstlebenden,  die  am  meisten  gezahlt 
hatten,  nidht  schliefslich  ohne  Unterstützung  blieben,  für  eine  fort- 


*)  Urkunde  der  Spinnwetter  in  Basel  (1248),  und  Ordnung  der  Krämer  in 
Fnnkfort  am  Main  (1659);  of.  über  beide  Wilda,  1.  o.,  S.  d35,  Anm.  3. 

*)In  bänerliohen  Kreisen  dienten  der  Fürsorge  for  die  hinterbleibende 
Ebefran  Torwiegend  die  individuellen  Mafsnahmen  des  Wittums  und  der 
Widerlag e.   Gf.  Dahn,  Deutsches  Beohtsbuoh,  (Nördlingen,  1877),  S*  fil6f. 

*)  Diesen  genossenschaftlichen  Kassen  der  Handwerker  an  die  Seite  zu  stellen 
tind  die  Knappschaftskassen  der  Bergleute,  welche  dieselben  Zwecke, 
wie  jene  verfolgten. 

^)  Cf.  Fleischhauer,  Die  Sterbekaasen-Yereine,  (Weimar,  1882),  S.  9. 

»)  System  der  Volkswirtschaft,  1.  Bd.,  14.  Aufl.,  (Stuttgart,  1879,)  §  287 
(S.  672). 

StutiwineBiehftia.  Stadien.    Y.  209  ^ 

15 


—    50    — 

dauernde  Ergänzung  der  mit  Tod  abgehenden  Mitglieder  Sorge  ge- 
tragen werden.  Dies  aber  verursachte  Schwierigkeiten,  mit  denen 
die  Sterbekassen  der  Korporationen,  insofern  hier  ein  Beitrittszwang 
vorhanden  war,  gar  nicht  zu  rechnen  gehabt  hatten.  Was  die  „Be- 
krutierung"  besonders  erschwerte,  war  der  umstand,  dafs  die  Ge- 
sellschaften infolge  des  älter  Werdens  der  Interessenten  ebenfalls 
älter  und  älter,  die  Sterbefälle  daher  zahlreicher  und  zahlreicher 
wurden,  womit  selbstredend  auch  die  Beitragsverpflichtungen  mehr 
und  mehr  zunahmen.  Das  Hinzutreten  weniger  neuer  Teilnehmer 
war  nicht  imstande,  die  Association  zu  verjüngen,  um  so  weniger, 
als  man,  um  das  beständige  Schwanken  der  Beiträge  bei  schwankender 
Mitgliederzahl  zu  vermeiden,  die  Einrichtung  getroffen  hatte,  stets 
nur  eine  bestimmte  Menge  von  Teilnehmern  aufzunehmen.  Die  übrigen, 
welche  sich  gemeldet  hatten,  wurden  als  „Exspektanten^'  vornotiert 
und  zur  Besetzung  der  durch  Tod  vakant  werdenden  Stellen  in  Aus- 
sicht genommen.  Bis  die  Reihe  des  Einrückens  aber  an  die  Anwärter 
gelangte,  waren  auch  sie  schon  wieder  älter  geworden,  so  dafs  die 
Gresellschaften  durch  jene  Mafsnahme  selbst  den  Zugang  jüngerer  Mit- 
glieder verhinderten.  Verschiedene  Auswege,  welche  man  betrat, 
um  air  diese  Übelstände  zu  vermeiden ,  wie  insbesondere  die  Be- 
stimmung, dafs  Mitglieder,  welche  schon  eine  gröfsere  Zahl  von  Bei- 
trägen geleistet  hatten,  beitragsfrei  sein  sollten,^)  erwiesen  sich  als 
nicht  zum  Ziele  führend.  Man  el'kannte  schliefslich,  dafs  ohne  irgend 
welchen  vorhandenen  Fonds  weder  der  Betrieb  von  Sterbe-,  noch 
insbesondere  von  Witwenkassen  möglich  sei  und  suchte  dem  teilweise 
in  der  Praxis  Rechnung  zu  tragen.  Teilweise,  denn  die  überwiegende 
Zahl  der  Gesellschaften  verblieb  bei  ihren  unhaltbaren  Einrichtungen, 
während  andere  sich  mit  der  Anlage  eines  Reservefonds  begnügten. 
Bei  denjenigen  Instituten  aber,  die  zu  durchaus  neuen,  rationellen 


')  Die  nicht  mehr  Betragenden  waren  meist  Personen  höhern  Alters,  unter 
denen  daher  eine  gröfsere  Sterblichkeit  herrschte.  Die  noch  nicht  von  den  Zah- 
lungen befreiten  Mitglieder  sollten  nun  allein,  und  zwar  ziemlich  oft  im  Jahre 
den  Sterbebeitrag  entrichten.  Die  Folge  war,  dafs  ihnen  diese  häufigen  Lei- 
stungen lästig  wurden,  und  ihren  Austritt  veranlafsten.  Zudem  schreckte  man  da- 
durch auch  andere  von  der  Teilnahme  ab,  —  Sehr  gefährlich  erwies  sich  den  Sterbe- 
kassen späterhin  auch  der  Umstand,  dafs  sie,  besonders  um  schnell  vollzählig  zu 
werden,  gestatteten,  auf  fremde  Personen  einzusetzen.  Dieser  Erlaubnis  bedienten 
sich  nämlich  vielfach  Spekulanten,  um  durch  Einschmuggeln  von  Kranken  und 
Gebrechlichen,  auf  deren  Leben  sie  sich  versicherten,  Gewinne  zu  erzielen«  Die 
Mortalität  in  der  Gesellschaft  mufste  dadurch  offenbar,  wenn  derartige  Speku- 
lationen einigermafsen  häufig  vorkamen,  in  bedenklicher  Weise  gesteigert  werden. 

210 


—     51     — 

Marsnahmen  übergingen,  wurden  zunächst  die  zufalligen  Beiträge 
abgeschafft  und  durch  regelmäfsig  zu  entrichtende,  nach  dem  Alter 
abgestufte,  ersetzt  Diese  flössen  in  die  gemeinsame  Kasse,  welcher 
mau  dann  die  nach  und  nach  fällig  werdenden  Sterbegelder  entnahm. 
Und  da  man  einsah,  dafs  die  Familie  des  Verstorbenen  meist  einer 
höheren  Unterstützung,  'als  eines  blofsen  Sterbegeldes  bedurfte,  so 
erhöhte  man  dementsprechend  die  bisher  üblichen  Unterstützungen. 
Ja  noch  mehr:  man  traf  die  weitere  Mafsregel,  den  Mitgliedern 
selbst  freizustellen,  durch  Zahlung  doppelter,  dreifacher  u.  s.  w. 
Beiträge ,  ein  Anrecht  auf  doppeltes ,  dreifaches  u.  s.  w.  Sterbegeld 
zu  erwerben.*) 

Mehr  und  mehr  trat  solcher  Art  sowohl  im  Betriebe  der 
Witwen-  wie  in  demjenigen  der  Sterbekassen  das  Bild  eines  ge- 
meinsamen Sparens  hervor.  Man  zahlte  Prämien  zu  einem 
gemeinsamen  Sparfonds,  der  dazu  diente,  den  Hinterbliebenen 
gewisse  jährliche  oder  einmalige  Bezüge  zu  sichern.  „Man  war 
zu  der  Erkenntnis  gelangt,"  sagt  Elster,  2)  „dafs  wenn  der 
Einzelne  allein  das  Aufsparen  der  sich  für  ihn  als  notwendig 
oder  wünschenswert  ergebenden  Summen  vornehmen  wolle,  er 
leicht  durch  einen  frühzeitigen  Tod  an  der  Erreichung  dieses  Zieles 
behindert  werden  könne,  aber  auch,  dafs  ein  langes  Leben  die 
Ansammlung  eines  gröfseren  Kapitals  bewirken  würde.  Man  er- 
kannte die  wirtschaftliche  Bedeutung  der  Association,  die  allein  es 
ermöglichte ,  die  Mifsstände ,  die  sich  aus  der  Unbestimmtheit  der 
Lebensdauer  der  Individuen  ergeben,  zu  beseitigen,  und  machte 
sich  dieselbe 'ZU  nutze,  indem  man  das  Sparen  auf  gemeinschaftliche 
Rechnung  erfolgen  liefs.'^  Allerdings  reicht  diese  moderner  „Lebens- 
versicherungstechnik'^  mehr  und  mehr  annähernde  Entwicklung, 
wenigstens  in  Deutschland,  gröfstenteils  in  einen  späteren  Zeitraum 
mit  hinüber.  Doch  empfahl  es  sich,  den  Hinweis  auf  dieselbe  vor- 
wegzunehmen, um  so  schon  an  dieser  Stelle  den  Einflufs  der  Witwen- 
und  Sterbekassen  auf  die  Herausbildung  der  sogenannten  Lebens- 
assekuranz anzudeuten.  Später  werden  wir  auf  die  genannten  In- 
stitute nochmals  zurückzukommen  haben;  hier  sei  es  gestattet,  uns 
zunächst  der  zweiten  Art  der  Lebensversicherung,  der  Assekuranz 
auf  den  Lebensfall,  kurz  zuzuwenden. 


^)  Runge,   im    „Staatslexikon^  von    Rotteck  und  Welcker,   Artikel 
nVenicherang'«,  3.  Auflage,  (Leipzig,  1866),  S.  662. 

*)  Elster,   ,|Die  Lebensversicherung  in  Deutschland^,  (Jena,  1880),  S.  29. 

211  4* 

15* 


—    52     — 

Was  wir  im  Mittelalter  an  Assekuranzmafsnahmen  auf  den 
Lebensfall  finden,  zeigt,  abgesehen  von  der  Fürsorge,  welche  die 
Terschiedenen  Genossenschaften  auch  in  dieser  Hinsicht  trafen,  zum 
Teil  einen  individuellen  Charakter.  Einer  gewissen  Beliebtheit  er- 
freute sich  hier  die  Rentenform,  während  die  TodesfalWersicherung 
schon  damals,  wie  vorwiegend  noch  heute,  dem  Versicherten  auch 
durch  Gewährung  von  Kapitalien  Unterstützung  zu  bieten  unter- 
nahm. So  sind  die  ältesten  Institute,  die  eine  Versicherung  für  die 
Dauer  des  eignen  Lebens  (besonders  Altersversorgungen)  ermög- 
lichten:   Bentenkauf,^)  Altenteil^)  und  Leibrente,*)    auB- 


*)  Cf.  Stobbe,  Zur  Geschichte  und  Theorie  des  Rentenkaofes,  in  der  „Zeit- 
schrift für  deutsches  Hecht'',  19.  Bd.,  (Tübingen,  1859),  S.  178  ff.;  Neu  mann, 
Geschichte  des  Wuchers  in  Deutschland,  (Halle,  1866),  S.  212 ff.;  Kunge,  Art. 
„Benten**  im  „Staatslexikon"  von  K otteck  und  Welcker,  12.  Bd.,  3.  Aufl. 
(Leipzig,  1865),  S.  481.  Über  den  Rentenkauf  als  Form  der  Anleihe  zu  Zwecken 
der  Staatsverwaltung  s.  Grosse,  1.  c,  S.  18  f. 

*)  Cf.  Bunge,  1.  c,  S.  482;  v.  Miaskowski,  Art.  „Altenteil,  Altenteila- 
vertrage**  im  „Handwörterbuch  der  Staatswissenschaften",  1.  Bd.,  S.  193  ff. 

*)  Cf.  Stobbe,  Beiträge  zur  Geschichte  des  deutschen  Rechts  (Braunschweig, 
1865),  S.  25  ff.;  Runge,  1.  c,  S.  483. 

Gewissermafsen  von  einem  Vorläufer  eines  eigentlichen  Leibrentenvertrages 
berichtet  schon  Kardinal  Henricus  k  Segusio,  genannt  Hostiensis(c. 
1255),  in  seiner  Aurea  Summa.  (Die  in  Betracht  kommende  Stelle  findet  sich 
in  der  uns  vorliegenden  Ausgabe  —  Coloniae,  1612  —  im  5.  Buche  [de  usuris], 
S.  1443;  der  betr.  Absatz  beginnt  mit  den  Worten:  In  aliis  autem  casibus  .  .  .). 
Wie  es  scheint  der  älteste  reine  Leibrentenvertrag  aber  wurde  1308  zwischen 
dem  Abt  von  St.  Denis  und  dem  Erzbischof  von  Bremen  abgeschlossen.  (Old- 
radi  Fontani  Laudensis  Consilia,  Lugduni,  1550,  consilium  207;  S.  80.  —  Eine 
Erklärung  beider  Verträge  s.  bei  Armin  Ehrenzweig,  Der  Abt  von  St. 
Denis;  zur  Geschichte  des  Leibrentenvertrages,  Aufsatz  in  Ehrenzweigs 
„Assekuranz-Jahrbuch*',  VII.  Jahrgang,  3.  Teil,  S.  3  ff.)  Die  Kanonisten  be- 
schäftigen sich  seitdem  viel  mit  der  Frage,  ob  Leibrentenverträge  erlaubt  wären. 
Wir  verweisen  beispielsweise  auf  den  Tractatus  de  oontractibus  des  Henricus 
deHassia  (f  1397),  in:  Joh.  Gerson,  Tractatus  diversi,  1484,  fol.  185  ff.),  wo 
(fol.  203)  ausgeführt  wird,  derartige  Kontrakte  (emptaones  reddituum  ad  vitas 
emptorum)  seien  zu  verbieten,  weil  die  Verkäufer  (Kapitalsempfänger)  durch  sie 
veranlafst  würden,  den  Tod  der  Käufer  (Rentenbezieher)  zu  wünschen. 

Allmählich  fand  auch  auf  das  Leibrentenwesen  das  Associationsprincip  An- 
wendung. Der  Übergang  zu  diesem  trat  zuerst  in  den  Leibrentenbanken  der 
Landesherm  und  Städte,  dann  —  seit  der  Zeit  der  Reformation  —  in  den  soge- 
nannten montes  pietatis  hervor,  von  denen  gleichfalls  Leibrentenbanken  eröffnet 
wurden.  Man  erkannte  in  der  Begründung  derartiger  Institute  ein  wirksames 
Mittel,  gewisse  für  den  Rentenkäufer  leicht  eintretende  Mifsliohkeiten  auszu- 
Bohliefsen,  obendrein  aber  dem  eignen  Kapitalbedürfnis  abzuhelfen.  (N  e  u  m  a  n  n , 
1.  c,  S,  397  ff.  und  S.  412  ff.,  insbes.  S.  419.)     Leibrenten-Emissionen  als  Form 

212 


.—    63    — 

schliefslich  RentenassekuranzeD.  Trotzdem  wir  nun  diese  bekannt'^ 
lieh  von  der  eigentlichen  ,,Lebensyer8icherang''  trennen  (cf.  Einleitung 
S.  15)y  erscheint  ihre  Erwähnung  in  einer  Oeschichte  der  letzteren 
dennoch  gebbten.  Gerade  in  der  Kentenassekuranz  finden  wir  — 
am  andres  fürs  erste  zu  übergehen  —  den  Gedanken  der  eignen 
Versorgung  zuerst  verwirklicht;  zudem  wird  dieselbe  noch  gegen» 
wärtig  Yon  unseren  ^^Lebensyersicherungsinstituten''  mit  betrieben. 

Wirkliche  Vorläufer  modemer  Versicherung  auf  den  Lebensfall 
aber  treffen  wir  erst  im  Beginne  der  neueren  Zeit,  im  16.  und  17. 
Jahrhundert,  zunächst,  wie  es  scheint,  in  Italien  an.  Johannes 
B  0  d  i  n  u  8  berichtet  hierüber  wörtlich  folgendes :  ^)  „ItcUi  quidem  montes 
fktaUB  vbiq}fe  fere  ad  tenuium  egestatem  et  ad  inopiam  subUvandam 
instüuerunt;  pottssimum  vero  in  civitatibm  Lacenstum,  Senensium  ac 
Florentinarum^  his  scilicet  legibus,  ut  cui  filia  nascitur,  in  aerarium  piäatis 
peeuniam  datalein  quam  volet,  eodem  inferat  momento,  nee  rq>etere  possit, 
ud  cum  fuetta  annum  XVIII  attigerit,  decuplam  peeuniam  maritus 
fuellae  dciis  nomine  ab  aerarii  Quaestoribus  o/ccipiat;  si  centum  aureos 
intulerity  miUe  ab  aerario  kUurus;  sin  puella  prius  mariatur  quam 
nubere  potuerü  (quod  ei  non  licet  ante  XVIII  annum)  iUata  pecunia 
aerario  cedit;  nisi  pairi  altera  agnata  sit,  quae  prioris  jure  fruatur.^^ 
Der  Sinn  dieser  Stelle  dürfte  folgender  sein:  Es  handelt  sich  um 
eine  Art  Austeuerversicherung,  welche  die  zum  Zweck  der  Darlehns- 
gewährung  an  arme  Ereditsuchende  begründeten  montes  pietatis  in 
Aussicht  stellten.    Diese   montes  bedurften  nämlich,  um  ihre  Auf- 


dff  Staatsanleihe  blieben  lange  in  Brauoh.  In  Holland  erfrenten  sie  sich  während 
der  zweiten  Hälfte  des  17.  Jahrhunderts  einer  grofsen  Beliebtheit.  In  Frank- 
reieh  erfolgten  Ausgaben  von  Leibrenten-Titehi  1693  und  1699,  im  yorigen  Jahr- 
hundert m  den  fünfziger  Jahren  and  insbesondere  während  des  nordamerika- 
Disehen  Freiheitskriegfes.  Hier,  wie  auch  in  Holland,  wurde  die  Regierung  durch  die- 
selben insofern  oft  schwer  geschädigt,  als  die  NichtberückBichtigung  der  zu  beachten- 
den Momente,  insbesondere  die  fehlende  oder  nur  geringe  Rücksichtnahme  auf  das 
Alter  der  Rentner,  den  Staat  überlastete,  während  zudem  noch  die  Spekulation 
nch  dieser  Anleihen  bemächtigte.  In  England  emittierte  man  Leibrenten  zum 
ersten  Male  im  Jahre  1786.  (Cf.  den  Aufsatz:  „Skizzen  zur  Geschichte  der 
Lebensversicherungs-Technik^,  im  lY.  Jahrgang  des  „Assekuranz-Jahrbuchs"  von 
Sbrenzweig,  S.  8 f.;  Grosse,  im  YL  Jahrgang  desselben  „Assekuranz-Jahr- 
bachs",  3.  Teil,  S.  90,  und:  Die  staatliche  Leibrentenversichernng  in  Frankreich 
wihrend  der  Revolution,  im  XIV.  Jahrgang,  8.  Teil,  S.  8  ff.)  Über  eine  öster« 
reiehitohe  Leibrenten-Negotiation  aus  dem  Jahre  1760  s.  Krünitz ,  „ökonomisch- 
teolmologische  Encyklopädie««,  71.  Teil  (Berlin  1796),  S.  181  ff. 

^)  De  repubUoa  libri  VI,  Frankfurt^  1691,  6.  Buch,  (in  der  hier  genannten 
Ausgabe  8.  1089  f). 

218 


—    54    — 

gaben  erfüllen  zu  können,  eines  grofsen  Grundkapitals,  für  dessen 
nicht  leichte  Beschaffung  immer  neue  Mittel  ersonnen  werden  mufsten. 
Zu  ihnen  nun  zählt  auch  jene  Aussteuerassekuranz.  Man  wollte  be- 
güterte Personen  bewegen,  Kapitalien  längere  Zeit  hindurch  ohne 
Zinsengenufs  dem  mons  zu  überlassen,  wogegen  man  ihnen  den  spätem 
Bezug  des  verzehnfachten  Betrages  versprach.^)  So  bildeten  sich 
infolge  des  Kapitalbedürfnisses  der  kirchlichen  Darlehnsbanken  Yer- 
sicherungseinrichtungen  auf  den  Lebensfall  heraus,  Einrichtungen, 
die  schon  auf  dem  Associationsprinzip  beruhten.  Alle  jene  Kapitals- 
einlagen, welche  man  machte,  vereinten  sich  in  der  Kasse  des  mons, 
vergröfserten  sich  durch  Verzinsung  und  wuchsen  so  zu  einem  Fonds 
heran,  der  nach  Verlauf  von  mindestens  achtzehn  Jahren  den  Be- 
teiligten eine  bestimmte  Versicherungssumme  gewährleistete.  Deren 
Betrag  richtete  sich  wesentlich  nach  der  Höhe  der  gezahlten  Mise, 
unterlag  also  der  freien  Festsetzung  des  Versicherungsnehmers. 
Koch  erinnerte  freilich  die  Bestimmung,  dafs  eine  Auszahlung  der 
in  Aussicht  gestellten  Summe  von  der  Bedingung  des  Eintritts  der 
Verheiratung  der  Tochter,  nicht  nur  —  wie  noch  neuerdings  —  von 
deren  am  Leben  Bleiben  abhängen  sollte,  an  eine  Art  Schadens- 
versicherung. Doch  widerspricht  auf  der  andern  Seite  das  Fehlen 
einer  eigentlichen  periodischen  Schadensverteilung,  die  Aufrecht- 
erhaltung der  aus  dem  Vertrage  sich  ergebenden  Ansprüche  für  den 
Fall  des  Vorhandenseins  einer  zweiten  Tochter ,  ebenso  dem  Wesen 
wahrer  Schadensassekuranz,  als  die  in  diesen  Kassen  sich  vollziehende 
ausgeprägte  Kapitalbildung,  sowie  die  freie  Bestimmbarkeit  der  Höhe 
der  Versicherungssumme  an  Listitutionen  modemer  „Lebensver- 
sicherung'^  denken  lassen.') 

Von  Italien  aus  gelangte  die  Kenntnis  und  Empfehlung  der- 
artiger Vorkehrungen  für  Lebensfallassekuranz  auch  nach  andern 
Ländern,  vornehmlich  nach  Deutschland.  Hier  trat  zuerst  Bert- 
hold Holzschuher')   (f  1582),  nach  ihm  Georg  Obrecht^) 

^)  Keumann,  1.  c,  S.  414. 

*)  Übrigens  sei  daran  erinnert,  dafs  im  16.  Jahrhundert  die  Zahl  der  £he- 
schliefsungen  wahrscheinlich  eine  relativ  höhere  war  als  heute. 

')  Cf.  über  Holz  schaher  u.  a.  Ehrenberg,  Ein  finanz-  und  socialpoli- 
tischee  Projekt  ans  dem  16.  Jahrhundert,  Abhandlung  in  der  „Zeitschrift  für  die 
gesamte  Staatswissenschaft*',  46.  Band,  (Tübingen,  1890),  S.  717 ff.;  Lippert  im 
„Handwörterbuch  der  Staats  Wissenschaften**,  4.  Bd.,  (Jena,  1899),  S.  486  f. 

^)  Cf.  über  Obrecht  u.  a.  Röscher,  Ghesohiehte  der  Nationalökononoik 
in  Deutschland,  (liünchen,  1874),  S.  161  ff.;  Lippert,  im  Handwörterbuch,  6.  Bd., 
(Jena,  1892),  S.  49  f. 

214 


—    56     — 

(f  1612)  für  die  jenen  za  Grunde  liegende  Idee  ein ,  beide  jedoch 
ohne  praktischen  Erfolg.  Ihr  Bemühen  ging  wesentlich  überein- 
stimmend dahin  y  die  Begründung  öffentlicher  Aussteuerkassen  in 
Anregung  zu  bringen,  mittels  deren  sowohl  der  um  sich  greifenden 
Verarmung  entgegengetreten ,  als  auch  besonders  eine  finanzielle 
Hilfsquelle  erschlossen  werden  sollte.^)  BeiObrecht  speziell  ^) findet 
der  Gedanke  einer  staatlichen  Kinderversorgung  mit  fiskalischer 
Tendenz  schon  im  ^^Discursus  bellico-politicus  .  .  .^'  (geschrieben 
1606)  gelegentlichen  Ausdruck.  Deutlicher  wird  derselbe  in  einer 
zweiten  Schrift  des  Verfassers  ausgeführt,  im:  ,,Politisch  Be- 
dencken  ynd  Discurs:  Von  Verbesserung  Land  vnd  Leut,  anrichtung 
gutter  Policey,  vnnd  fürnemlich  von  nutzlicher  erledigung  grosser 
aufsgaben,  und  billicher  Vermehrung  eines  jeden  Regenten  vnd  Ober- 
herren  Jährlichen  gefahllen  vnd  einkummen^^  (geschrieben  1606). 
Wörtlich  heiCst  es  dort  (S.  23  flf.):  „Defsgleichen  köntte  ein  Regent, 
in  seinem  gantzen  gepiett  auch  die  Ordnung  machen,  Wann  einem 
Vnderthonen  ein  Sohn  oder  Dochter  avff  diese  Welt  geboren  würde,  das 
als  dann  dem  Votier  in  seines  Herren  Cammer  ein  summ  Gelts  noch 
seinem  ißiUen  anzulegen  freystehn  vnd  das  solch  Gelt  so  lang  in  der 
Cammer,  ahn  einige  Zinsreichung^  angelegt  bleiben  soll,  bifs  der  Sohn  24. 
vnd  die  Dochter  18.  Jahr  Alt  ward.  Wann  nun  ein  Sohn  oder  Dochter 
jetz  bestimpt  vnd  benant  Alter  erreicht,  als  dann  soll  dem  Vatter,  so  er 
noch  in  leben,  oder  desselben  Sohn  oder  Dochter  das  angelegt  Haupt- 
gatt wider  erstattet,  vnd  darzu  weiters  gegeben  werden,  was  solch 
Hanptgutt  alle  Jahr  5  od.  4  Fl.  per  cento,  bifs  zu  desselben  ablösung 
bette  ertragen  mögen.  —  Im  fahll  aber  der  Sohn  oder  die  Dochter 
in  den  24.  oder  18.  Jahren  mit  tod  würden  abgehn,  als  dann  soll  das 
angelegt  Gelt  eines  Herren  Cammer  eigenthumblich  heimfallen  und 
Terbleiben:  es  were  dan  sach,  das  ein  solcher  Vatter  noch  mehr 
EheUche  Kinder  in  leben  bette,  oder  in  künfftigem  in  Ehelichen 
stand  bekeme,  die  an  der  abgestorbenen  Statt  tretten  könntten,  so 
soll  man  denselben,  wan  sie  obgemelt  Alter  erlangt,    solch  Gelt 


*)  Ein  in  manchen  Punkten  ähnlicher  Gedanke  findet  sich  bei  Leibniz 
(t  1716),  in  seinem  Aufsatz  über  Assekuranzen  (0.  Klopp,  die  Werke  von 
Leibniz,  6.  Bd.,  S.  281  ff.):  £s  wird  auch  hier  eine  Staatsassekuranz  empfohlen, 
freilich  nicht  ausgesprochen  zur  Verfolgung  von  Lebensversicherungszwecken, 
londem  ,,sonderlich  gegen  feuer-  und  wassersschaden,  auch  teurung  und  ander 
unglflok*'. 

")  Holzschuher's  Projekt  ist ,  auf  Grund  des  Hamburger  Stadtarchivs, 
dem  Wortlaut  nach  von  Ehrenberg,  1.  c,  veröffentlicht  worden. 

216 


—    56    — 

nicht  weniger  lieffiren ,  als  ob  es  in  jhrem  nammen  in  die  Gammer 
were  angelegt  worden.  —  Diese  Ordnung  würde  yielen  Kanffleatten, 
▼nd  anderen  seer  angenem  sein,  ynd  dahin  dienen,  das  ein  Ober* 
keil  wissen  möchte,  wann  jemand  in  seinem  gepiett  zur  Welt  ge- 
brocht were,  ^nd  das  eines  Herren  Cammer  solch  Oelt  ein  gntte 
zeit  hette  zugemessen,  vn  in  eventum  gar  zubehalten:  das  auch 
solch  Oelt  gleichsam  der  Eiteren  vnd  Kinder  spaarhaffen  were,  wann 
die  Kinder  obgenantte  Jahr  erlangten,  das  sie  bey  defs  Herrem 
Cammer  jhr  Ehesteuer  ynd  ynderhaltung  gewifs  finden  vn  empfangen 
möchten :  ob  schon  vnder  dessen  der  Vatter  banccarotta  gespielt,  md 
ins  verderben  gerahten  were.  Allein  müssen  die  Oberkeiten  die 
Tnfehlbare  gutta  anordnung  thun,  das  alles  Gelt,  welches  durch  difs 
mittel  jhnen  zukumpt,  in  ein  sunder  corpus  gethon,  ynd  den  Vnder- 
thonen  vmb  ein  billichen  Zins  auff  ynderpfand  aufsgeliehen  werde, 
damit  wann  sich  die  fähll  begeben,  sie  wissen  mögen,  woher  sie 
einem  jeden  sein  gepür  wider  zustellen  können.  Dann  sunst  würde  dieses 
mittel  weder  den  Oberkeiten  ^  noch  den  Ynderthonen  yiel  nutzen 
mögen.'^  —  und  wesentlich  derselbe  Gedanke  bildet  endlich  noch  an 
dritter  Stelle  den  Gegenstand  einer  besonderen  Schrift  des  genannten 
Verfassers,  mit  dem  Titel:  „Constitution  und  Ordnung  yon  einem 
hochnützlichen  Aerario  liberorum,  in  welches  yon  den  Eltern  aller- 
hand Summen  Gelts,  fürnemblich  ihren  neugeborenen  Kindern  und 
in  eventum  ihnen  selbs,  auch  der  Obrigkeit  und  gemeinen  Wolfahrt 
zum  Besten  angelegt  werden,  sampt  allerhand  Erklärungen  und 
2  Kinderrechnungen.''  — 

Wir  sehen,  Obrecht's  Pläne  sind  keineswegs  völlig  neu,  lehnen 
vielmehr  an  jene  oben  erwähnten  Mafsnahmen  der  italischen  „montes 
pietatis''  an*  Doch  läfst  sich  im  einzelnen  eine  Fortbildung  der 
durch  die  letzteren  verwirklichten  Idee  nicht  verkennen.  Eine  solche 
liegt  offensichtlich  darin  begründet,  dafs  die  von  Ohr  echt  empfoh- 
lenen Kassen  den  beschränkt  lokalen  Charakter  vollständig  ab- 
streiften ;  femer,  dafs  man  bei  ihnen  die  Bedingung  aufgab,  wonach 
die  Auszahlung  der  Versicherungssumme  Verheiratung  der  Tochter 
oder  des  Sohnes  voraussetzte.  Der  Anspruch  auf  das  garantierte 
Kapital  war  hier  im  grofsen  und  ganzen  unbedingt,  nur  abhängig 
davon,  dafs  der  Versicherte  den  Zeitpunkt  der  Zahlung  (das  24.  oder 
18.  Lebensjahr)  erlebte.  Trotz  alledem  sind  jene  Vorschläge,  wie  schon 
angedeutet,  in  Deutschland  nicht  zur  Ausfuhrung  gelangt  Die  folgen- 
den stürmischen  Zeiten,  besonders  die  Wirren  des  dreifsigjährigen 
Krieges,  liefsen  Assekuranz-Bestrebungen  wohl  überhaupt  nicht  auf- 

sie 


—    57    — 

kommen.  Erst  mit  der  Aufnahme  der  merkantilistischen  Politik 
gegen  Ende  des  17.  und  noch  mehr  im  Verlaufe  des  18.  Jahrhun- 
dertSy  mit  dem  dieser  eignen  Streben  nach  einer  möglichst  hohen 
BeTölkerungsziffer^  wandte  man  auch  dem  Lebensversicherungs- 
gedanken  wieder  gröfsere  Aufmerksamkeit  zu.  Man  erkannte  gerade 
in  der  Lebensversicherung  eine  Yortreffliche  Stütze  des  Familien- 
lebens, in  der  Aussteuerassekuranz  speziell  ein  Förderungsmittel 
für  den  Abschlufs  von  Ehen.  Die  Begründung  zahlreicher  Braut- 
kassen etc.  teils  durch  den  Staat  selbst,  teils  unter  Mitwirkung 
und  Unterstützung  desselben  war  hiervon  die  Folge.  Indes  reicht 
diese  Entwicklung  schon  in  die  nächste  Periode  hinüber,  wes- 
halb wir  ihre  eingehendere  Behandlung  für  eine  spätere  Stelle  vor- 
behalten. — 

Etwa  ein  halbes  Jahrhundert  seit  der  Veröffentlichung  der 
Obrecht' sehen  Projekte  war  vergangen,  als  —  diesmal  in  Frank- 
reich —  die  Idee  einer  Lebensversicherung  wieder  in  andrer  Form, 
in  G-estalt  einer  Bentenassekuranz,  auftauchte.  Allerdings  trat  auch 
bei  diesen  neuen  Einrichtungen,  den  vielgenannten  „Tontinen",^) 
der  Zweck  der  Hebung  der  Finanzen  anfangs  in  den  Vordergrund. 
Ihren  Namen  verdanken  die  Tontinen  Lorenzo  Tonti,^)  einem 
italienischen  Arzte,  den  Mazarin's  Regime  nach  Paris  geführt 
hatte.  Tonti  empfahl  dem  Kardinal  die  Begründung  eines  solchen 
Instituts  als  geeignete  Form  einer  Staatsanleihe,  doch  scheiterte  die 
Ansführung  des  Vorschlags  zunächst  am  Widerstände  des  Parlaments 
(1653).  Ein  Versuch,  mit  Übergebung  des  letzteren  eine  privilegierte 
Tontine  unter  dem  Namen  einer  „Königlichen  Bank"  zu  errichten 
(1656),  mifslang,  da  das  Pariser  Publikum  sich  gegen  Tonti 's 
Pläne  mifstrauisch  und  teilnahmlos  verhielt.  Erst  1689  trat  die 
erste  Staatstontine  in  Wirksamkeit. 


0  Cf.  über  die  Tontinen  Marperger,  Monte«  Pietatis  oder  Leih-,  Aasistenz- 
imd  Hilfisliäaser,  neue  Aufl.,  herausgegeben  yon  J.  H.  Ü-.  v.  Jnsti  (Leipzig  und 
Uhn,  1760),  S.  278  ff.;  Frh.  ▼.  Bielefeld,  Lehrbegriff  der  Staatskunst,  2.  Teil» 
(Breslau  nud  Leipzig,  1761),  S.  640  ff.;  Erünitz,  1.  c,  S.  218 ff.;  Bunge,  1.  c, 
S.  4S6ff.;  W.  Karup,  Theoretisches  Handbuch  der  Lebensyersioherung,  Neue 
Ausgabe,  (Leipzig,  1874),  1.  Abteilung,  S.  9  f.;  Q rosse,  L  &,  S.  19 f. 

über  einige  frühere  .  Tontinenyertrage  in  Italien  (oontractus  ubbiae)  s. 
Armin  Ehrenzweig,  Der  Abt  von  St^  Denis,  im  VII.  Jahrgang  von  Ehren- 
zweig's  „Assekuranz* Jahrbuch",  8.  Teil,  S.  14  ff.,  über  solche  in  Deutschland 
Stobbe,  Beitrage,  S.  84 f. 

")  GL  über  ihn  Grosse,  Lorenzo  Tonti,  in  Ehrenzweig's  „Assekuranz* 
Jahrbuch",  IX.  Jahrgang,  8.  Teil,  S.  18  ff. 

«17 


—    68     — 

Die  Technik  derselben  war  im  wesentlichen  folgende:  Gegen 
einmalige  Zahlung  von  300  livres  an  den  Staat  erwarb  jeder  Teil- 
nehmer den  Ansprach  auf  eine  jährlich  zu  gewährende  lebens- 
längliche Beute.  Deren  Höhe  war  aber  keine  ein  für  allemal  fest 
bestimmte.  Sie  ergab  sich  Jahr  für  Jahr  dadurch,  dafs  man  die 
aus  den  Einlagen  fliefsenden  Zinsen  durch  die  Anzahl  der  noch 
lebenden  Bentenbezieher  dividierte.  Zu  dem  Behufe  verteilte  man 
die  letzteren  nach  ihrem  Alter  in  14  Klassen,  welche  zusammen 
dem  Staate  14  Millionen  livres  einzahlen  sollten.  Hierfür  wurden 
jeder  Klasse  100000  livres  als  Gesamtsumme  der  Renten  jährlich 
zugesichert.  Das  ganze  Kapital  von  14  000  000  livres  verzinste  sich 
somit  mit  10  %,  einem  relativ  hohen  Zinsfufs,  der  um  so  mehr  auf- 
fallt, als  man  in  den  Interessen  das  Kapital  zu  amortisieren  jeden- 
falls nicht  beabsichtigte.^)  Doch  war  für  die  einzelnen  Klassen  der 
Zinsfufs  verschieden,  abgestuft  nach  dem  Alter,  in  welchem  die 
Rentner  im  Zeitpunkte  ihrer  Einzahlungen  standen:  die  jüngeren 
erhielten  eine  niedere,  die  älteren  eine  entsprechend  höhere  Rente.  ^ 
Nach  all'  dem  war  diese  Tontine  nichts  anderes,  als  eine  nach  dem 
Grundsatze  der  Association  betriebene  staatliche  Anstalt,  mit  dem 
Zwecke,  ihren  Mitgliedern  den  Bezug  von  Lebensrenten  zu  garan- 
tieren. Eigentlichen  Leibrenten  glichen  diese  Tontinen-Renten  in- 
sofern ,  als  beide  auf  Lebenszeit  des  Empfängers  gewährt  wurden, 
und  als  der  Betrag  der  Renten  denjenigen  der  gewöhnlich  zu 
erlangenden  Zinsen  überstieg.  Während  aber  bei  jenen  der  letzt- 
genannte Vorteil  sich  dadurch  ermöglichte,  dafs  man  in  den  In- 
teressen  gleichzeitig  das  Kapital  zurückzahlte,   wurde  derselbe  bei 


^)  Aus  den  Briefen  Tonti's  an  Golbert  (cf.  Grosse,  I.e.,  insb.  S.  19) 
geht  hervor,  dafs  nach  seinen  Plänen  eine  Rückzahlung  des  Kapitals  nicht  er- 
folgen sollte.  Auch  V.  Justi  (bei  Marperger,  dessen  Werk  er  herausgab, 
S.  278,  Anm.  u.  S.  269,  Anm.)  bemerkt,  dafs  die  Tontinenrenten  höhere,  als  ge- 
wöhnliche Interessen  (im  Gegensatz  zu  den  Leibrenten)  nicht  dargestellt^  hätten 
und  nach  „vernünftigen  Grundsätzen^  nicht  hätten  darstellen  können.  Ahnlich 
äufsert  sich  Bergius,  Folicey-  und  Gameral-Magazin,  6.  Bd.,  (Frankfurt  a.  M., 
1771),  S.  149. 

')  Die  Worte  des  königlichen  Edikts  vom  11.  November  1689  lauteten  (nach 
Krünitz,  L  c,  S.  214,  Anm.): 

,tCette  Tontine  consiste  en  1400  000  Livree  de  rentes  viag^es^  cansHMes 
8ur  un  pied  proparüonni  ä  Vage  des  rentiers,  de  qui  Von  a  vu  Vextrait  baptistaire, 
et  qui  8ont  divis^es  en  14  clcutseSf  et  dont  les  suwivants  hMtent  des  morts,  de 
Sorte,  que  le  demier,  qui  demeure  d^une  clmsej  regoit  seul  le  revenu  du  Capital 
des  rentes  de  la  dasse.^^ 

218 


—     59     — 

diesen  yornehmlich  durch  Akkrescenz  der  Rentenanteile  verstorbener 
Mitglieder  erreicht.  Von  dem  vorzeitigen  Tode  des  einzelnen  Ver- 
sicherten hatte  nicht,  wie  bei  der  Leibrente,  der  Versicherer,  (im 
vorliegenden  Falle  also  der  Staat)  einen  Vorteil,  sondern  zunächst 
die  Überlebenden  der  betreffenden  Altersklasse,  unter  welche  ja,  wie 
gesagt,  der  jährliche  Rentenbetrag  repartiert  wurde.^)  Die  Über- 
lebenden beerbten  gewissermafsen  die  durch  Tod  Ausgeschiedenen 
hinsichtlich  der  Versicherungssumme ;  die  Rente  des  einzelnen  wuchs, 
da  mit  jedem  Jahre  eine  Anzahl  Teilnehmer  starben,  von  Jahr  zu 
Jahr,  bis  schliefslich  der  Längstlebende  jeder  Klasse  den  gesamten 
auf  diese  entfallenden  Rentenkomplex  erhielt.  Die  Tontine,  welche 
übrigens  ihre  Abteilungen  nie  voll  sah,  hatte  sehr  langen  Bestand; 
ihre  13.  Klasse  erlosch  im  Jahre  1726. 

Von  Frankreich  aus  verbreitete  sich  das  Tontinenwesen  nach 
andern  Ländern.  Schon  1671  treffen  wir  eine  Staatstontine  in 
Amsterdam,  1692  eine  solche  in  England,  1698  eine  weitere  in 
Brandenburg,  endlich  1752  eine  vierte  im  Fürstentum  Gotha.  In 
Frankreich  selbst  entstanden  bis  1759  neun  neue  Institute'  dieser 
Art.*)  Auch  Private  unternahmen  es,  Tontinen  zu  errichten,  eben- 
falls zuerst  in  Frankreich,  wo  man  1759  die  Chambre  d'accumu- 
lation  de  capitaux  et  d'int^rets  compos6s  ins  Leben  rief,  aus  welcher 
später  die  vielgenannte  Caisse  Lafarge  hervorging.  Wir  kommen  auf 
letztere  weiter  unten  zurück,  wollen  hier  nur  noch  kurz  den  Einflufs 
hervorheben,  den  die  genannten  Einrichtungen  überhaupt  auf  die 
Entwicklung  der  eigentlichen   „Lebensassekuranz^   ausgeübt  haben. 

Wie  schon  erwähnt,  gewähren  die  Tontinen  Rentenversicherung  und 
gehören  daher  genau  genommen  nicht  in  das  Gebiet  der  „Lebensasse- 
kuranz''. Pflegt  man  doch  auch  gegenwärtig  die  in  modifizierter  Gestalt 
bestehenden  Tontinen,  die  sogenannten  Rentenanstalten,  den  „Lebens- 
versicherungsinstituten'' nicht  beizuzählen.    Aber  bereits  oben  wurde 

0  Die  Vererbung  der  Renten  erfolgte  nur  innerhalb  der  einzelnen  Klasseni 
nicht  über  diese  hinaus.  Es  ist  dies  aus  dem  Grunde  hervorzuhebeUi  weil  bei 
manchen  Tontinen  andere  Bestimmungen  galten,  wonach  weiterhin  auch  die 
Klassen  selbst  einander  beerbten.  Das  Unvorteilhafte  des  letztgenannten  Ver- 
fahrens schildert  Harperger,  1.  c,  S.  288  ff. 

*)  Über  die  Einrichtung  all'  dieser  Tontinen  of.  Krünitz,  1.  c,  S.  S16  ff. 
und  S.  288  ff.  Bemerkenswert  ist,  dafs  bei  der  Tontine  des  Fürstentums  Gotha 
for  die  Bentenbezieher,  trotz  gleicher  Einlagen,  der  Betrag  der  gewährten  Beuten 
ein  verschiedener  war.  Es  wurde  über  die  Höhe  der  dem  einzelnen  zufallenden 
Rente  innerhalb  jeder  Klasse  von  vornherein  durchs  Los  entschieden.  (K  r  ü  n  i  t  z , 
S.S961). 

219 


—    60    — 

darauf  hingewiesen,  und  dies  sei  nochmals  hervorgehoheui  dafs  doch 
„Lehens-^  und  Rentenasseknranz  heat  andrerseits  regelmäfsig  neben- 
einander betrieben  werden ;  eine  Erscheinung,  welche  sich  schon  aus 
dem  vielfach  gemeinsamen  Zwecke  beider  erklärt.  Insbesondere 
aber  ist  gerade  das  Tontinen-,  wie  überhaupt  das  ausgebildete  Renten- 
wesen für  das  Entstehen  der  modernen  „Lebensversicherung'*  von 
tiefgreifender  Bedeutung  gewesen:  Leibrentenanstalten  waren  die 
ersten  Institute,  auf  welche  die  Ergebnisse  der  Mortalitätsstatistik 
und  Wahrscheinlichkeitsrechnung,  zweier  für  jene  hochwichtiger 
Faktoren,  praktisch  angewandt  wurden.  Sie^  deren  Betrieb,  wie 
noch  gegenwärtig  derjenige  der  „Lebensassekuranz",  auf  dem  all- 
mählichen Absterben  der  Mitglieder  basierte,  dienten  als  Prüfstein 
für  die  Richtigkeit  und  Brauchbarkeit  der  empirisch  festgestellten 
Absterbeordnungen  und  der  mittels  derselben  berechneten  Lebens- 
und Sterbenswahrscheinlichkeiten.  Andrerseits  wieder  wurden  die  am 
Personalbestande  der  Leibrentengesellschaften  und  Tontinen  ge- 
machten und  gesammelten  Beobachtungen  bei  Begründung  der 
Sterblichkeitsstatistik  mit  zu  Grunde  gelegt.^) 


Wir  können  die  Geschichte  des  Lebensversicherungswesens  in 
älterer  Zeit  nicht  abschliefsen ,  ohne  zuvor  noch  in  Kürze  eines 
Brauches  zu  gedenken,  dem  man  sehr  mit  unrecht  den  Ausdruck 
Lebensversicherung  beilegte.  Wir  meinen  jene  Wett-Lebensasse- 
kuranz  (Gambling  assurance) ,  ^)  die  etwa  im  15.  und  16.  Jahr- 
hundert aufkam  und  welche  sich  in  ihrer  Entartung  als  so  schädlich 
erwies,  dafs  die  Regierungen  gegen  sie  vorzugehen  sich  genötigt 
sahen.  Ihren  Ursprung  hat  die  Wettversicherung,  wenn  man  hier 
überhaupt  von  Versicherung  noch  reden  darf,  von  einer  Gewohnheit 
genommen,  welche  an  sich  als  durchaus  berechtigt  und  nützlich  er- 
scheinen mulis.  Im  Anschlufs  nämlich  an  die  schon  früh  aufgekom- 
mene Versicherung  von  Schiffen  und  deren  Ladung  wurde  es  wohl 
—  ein  Gedanke,  der  sehr  nahe  liegen  mufste  —  usuell,  auch 
bezüglich    des   Lebens   der  Passagiere  Assekuranzmafsnahmen    zu 


^)  (Gerade  bei  Leibrentenvertragen  fand  schon  im  Hittelalter  oft  eine  genauere 
BeriickBiohtigung  der  voraassiohtUc^en  Lebensdauer  des  Rentenbenehers  statt; 
cf.  hierüber  Armin  Bhrenzweig,  1.  o.,  S.  11  ff. 

*)  Kamp,  1.  0.,  1.  Abteil.,  8.  7 f.;  Grosse  im  VL  Jahrgang  von  Shren- 
zweig's  „As8e]nlrans-Jahrbach^  8.  Teü,  S.  8  ff. 

SIC 


—    61    — 

treffen;^)  dies  sowohl  im  allgemeinen,  als  besonders  gegenüber  der  da- 
mals auf  Keisen  sehr  grofsen  Gefahr  einer  Gefangennahme  durch  tür- 
kische oder  maurische  Piraten.  Seit  dem  14.  Jahrhundert  betrieben 
die  Seeassekuranzkammern  und  Seeassekuranzmäkler  diese  „Reiseyer- 
Sicherung^,  indem  dieselben  jedem  Beisenden  oder  Pilger  gegen  Er- 
legung einer  einmaligen  Prämie  ein  eventuell  erforderliches  Löse- 
geld zu  zahlen  sich  Terpflichteten.  In  diesem  Institut  haben  wir 
nun  zweifelsohne  eine  Assekuranz  zu  erblicken ,  allerdings  keine 
Lebens-,  sondern  eine  Art  Schadensversicherung.  Nur  wenn  der 
Schaden,  die  Gefangennahme  und  damit  die  Notwendigkeit  der  Be- 
schaffung eines  Lösegeldes  eintrat,  wurde  gezahlt,  und  die  zu 
leistende  Versicherungssumme  richtete  sich  nach  der  Gröfse  dieses 
Nachteils,  nach  der  Höhe  des  geforderten  Lösegeldes. 

Im  Laufe  der  Zeit  trat  indessen  auch  der  Gesichtspunkt  des 
Schadens  mehr  und  mehr  zurück.  Es  wurde  üblich,  aus  Anlafs 
gröfserer  Beisen  eine  Summe  bei  einer  andern  Person  zu  deponieren, 
mit  der  allgemeinen  Bestimmung,  dafs  diese  den  hinterlegten  Betrag 
für  sich  behalten  dürfte,  falls  der  Deponent  nicht  zurückkehrte, 
hingegen  ihrerseits  zur  Zahlung  des  Drei-  oder  Vierfachen  ver- 
pflichtet sein  sollte,  wofern  die  Bückkehr  erfolgte.  Man  würde  ver- 
gebens sich  bemühen,  in  Verträgen  dieser  Art  Beziehungen  zum 
heutigen  „Lebensversicherungswesen^  auffinden  zu  wollen.  Von 
iäparen  insbesondere  war  hier  nicht  entfernt  die  Bede;  was  man 
that,  war  nichts  als  Wette.  Und  je  üblicher  Mafsnahmen  dieser 
imd  ähnlicher  Art  wurden,  desto  schärfer  und  klarer  trat  hervor, 
dafs  man  bei  ihnen  an  Versicherung  nicht  mehr  dachte,  vielmehr 
nur  die  Bereicherung  durch  das  Wirken  des  Zufalls  im  Sinne  hatte. 
Man  bedang  sich  nicht  nur  eine  Summe  aus,  falls  man  selbst  ge&hr- 
ToUe  Beisen  glücklich  überstehen  würde,  man  wettete  auch  auf  das 
Leben  andrer,  besonders  ausgezeichneter  Personen.  Der  sogenannte 
Versicherer  mufste  der  Gegenpartei  die  Leistung  eines  bestimm- 
ten Kapitals  versprechen,  wenn  beispielsweise  der  Kaiser,  der 
Papst  u.  s.  w.  innerhalb  eines  bestimmten  Zeitraums  stürbe;  ein 
Verfahren,  welches  Karup  nicht  ganz  mit  Unrecht  als  „demorali- 
sierend" bezeichnet. 


*)  Dieser  imd  ähnlicher  Art  waren  wohl  vonogsweise  jene  Lebens-Asse- 
koTsnEen,  anf  deren  Erwähnung  bei  Pegoletti  (c.  1880),  Uszano  (c.  1440) 
und  Straccha  (c.  156^,  Besold  in  seinem  „Yerficherungswesen^y  (Berlin, 
1874;  in  den  „Deutschen  Zeit-  und  Streitfragen*',  8.  Jhrg.,  Heft  89,  S.  21,  Anm. 
86)  hinweist. 

2S1 


—    62     — 

-^  «^  ** 

Bald  schritten   denn   auch  die  Regierungen  gegen  diese  XJbel- 

stände  ein.^)  Zuerst  verbot  eine  Ordonnanz  Philipp's  IL  vom 
Jahre  1570^  für  die  Niederlande  „die  Mifsbräuche,  Betrügereien, 
dolosen  Handlungen  und  Vergehungen,  die  bei  Gelegenheit  der 
Lebensyersicherungen  von  Personen,  der  Wetten  über  Reisen  und 
ähnlichen  Erfindungen  begangen  würden,  als  schädlich,  dem  Gemein- 
wohl entgegen  und  als  schlechtes  Beispiel  gebend".  Diesem  Vor- 
gehen der  spanischen  Niederlande  schlofs  sich  18  Jahre  später,  in 
dem  Civilstatut  von  1588,  Genua  ^)  an.  Das  fünfte  Buch  des  ge- 
nannten Gesetzes  (cap.  XVII),  welches  von  den  securitates,  den 
Versicherungen,  handelt,  enthält  in  dieser  Hinsicht  Bestimmungen, 
die  über  die  ganze  Art  und  Weise  der  Wettassekuranzen  ein  deut- 
liches Bild  geben: 

„Sine  licentia  Senatua,"  heifst  es  dort,  „non  possint  fieri  securi- 
tates, vadimonia^  seu  partita  super  vüa  Pontificis  ^  neque  super  vita 
ImperatoriSj  neque  super  vita  regum,  nee  cardinaUum  ^  neque  ducum, 
principumy  epücoporunit  neque  a/torum  dominarumy  aut  persanarum  eeclesid' 
ticarunij  seu  seculanum  in  dignitate  constitufarum" 

fjNon  possint  etiam  fieri  super  aequisiiione^  amissione,  seu  tnutcUione 
dominorumy  statuum^  regnarum,  provinciarum  ^  ducatuum^  civitatum^ 
terrarum  seu  locorum" 

„Non  possint  eimüitei*  fieri  super  fdici  seu  infelici  sttccessu  exer^ 
cituum,  classium,  seu  expeditionum,  neque  eorum  adventu^  neque  recessuj 
neque  super  expugnatione,  aut  defensione  aliqua}^ 

y.Non  possini  parüer  fieri  super  viatrimoniie  contrahendie  y  vei  non 
contrahendis ,  super  uxoribus  ducendis,  aut  non^  neque  super  partu  mu- 
lierumy  neque  navium  aut  alioruni  appulsu  aut  recessu,*' 


')  G  r  o  8  B  e  (I.  c,  S.  5)  schreibt  das  staatliche  Verbot  derartiger  Assekuranz  zwar 
keineswegs  ausschliefslich,  aber  doch  an  erster  Stelle  dem  Einflafs  des  recipierten 
römischen  Kechts  zu,  wonach  es  untersagt  gewesen  sei,  das  Leben  oines  freien  Mannes 
in  Geld  abzuschätzen.  (Grosse  nimmt  hierbei  wahrscheinlich  Bezug  auf  1  7  Dig.  de 
his  qui  effuderint  9,  3,  worin  ausgesprochen  wird,  bei  Körperverletzung  durch  herab- 
geworfene Gegenstände  habe  der  Verletzte  keinen  Anspruch  auf  Entschädigung 
wegen  erduldeter  Schmerzen  und  wegen  Entstellung,  nQuia  liberum  corpus  nuUam 
recipit  aestimationem*'.)  U.  E.  ist  dieser  Ansicht  aus  verschiedenen  Gründen  nicht 
beizupflichten.  Sicherlich  bildete  vielmehr  der  Mifsbrauch,  der  mit  dieser  soge- 
nannten Versicherung  getrieben  wurde,  die  alleinige  Ursache  jener  Verbote.  Dies 
erhellt  u.  a.  schon  aus  der  Fassung  der  oben  genannten  Ordonnanz  Philipp's  II. 

')  S.  Pardessus,  CoUection  de  lois  maritimes,  4.  Bd., (Paris,  1837),  S.  103  ff^ 
insbesondere  S.  116,  XXXII. 

^)  Pardessus,  L  c,  4.  Bd.,  S.  533  f. 

222 


—    63      — 

„A^n  possint  fieri  super  futura,  vel  non  fuiura  peste  aut  bello^  neque 
super  ekcUone  ducia  aut  magistratuum  rei  pvblicae :  et  demum  super  aliis 
qwbusvis  habentibus  speciem  seu  formam  vcuUmonii,  securitaiis,  seu  pariiti] 
sed  omma  inteUigantur  et  siiü  prohtbüa." 

Ofifenbar  wollte  man  durch  diese  Oenauigkeit  und  Speziali- 
sierung des  Verbots,  durch  dieses  Eingehen  auf  alle  einzelnen  Fälle 
und  Möglichkeiten ,  den  unter  dem  Namen  Lebensversicherung  be- 
triebenen Mifsbrauch  thunlichst  in  seinem  ganzen  umfange  treffen, 
dessen  Weite  gerade  hieraus  aufs  deutlichste  erhellt.  Und  gleich- 
zeitig suchte  man  damit  auch  Umgehungen  vorzubeugen,  welche  wohl 
vielfach  vorgekommen  sein  mögen.  —  In  demselben  Sinne  aber,  wie 
die  beiden  vorgenannten  Gesetze,  wirkten  sodann  die  Ordonnanz  von 
Amsterdam  von  1598  (Art.  24)^)  und  diejenigen  von  Rotter- 
dam von  1604  und  1635 ;  ^)  ferner  die  französische  Ordonnanz  be- 
treffend die  Marine ,  vom  August  des  Jahres  1681 ,  ^)  bei  welcher 
das  Verbot  in  dem  kurzen,  kategorischen  Satze  Ausdruck  findet: 
„Defendons  de  faire  aucune  assürance  sur  la  vie  des  personnes." 
Schliefslich  hat  in  England  eine  Parlamentsakte  vom  Jahre  1773 
sich  nochmals  ausdrücklich  gegen  jede  Wettassekuranz  auf  Leben 
gerichtet.  0 

Dem  Übel  selbst  wurde  damit  wohl  gesteuert,  und  die  Wett- 
versicherung  hörte  allmählich  auf.  Aber  ihre  schädlichen  Folgen 
wirkten  noch  lange  nach,  insbesondere  für  die  Lebensassekuranz, 
deren  Namen  dieser 'Br$LUch  odios  gemacht  hatte.  Mit  Mifstrauen 
blickten  Regierung  und  Publikum  seither  auf  alles,  dem  eine  solche 
Benennung  gegeben  wurde.  In  der  Art  haben  jene  an  und  für  sich 
zweifelsohne  berechtigten  Verbote,  direkt  und  indirekt,  „bis  in  die 
neuere  Zeit  hinein  das  Emporkommen  der  wissenschaftlichen  und 
moralischen  Lebensversicherung  in   mehreren  Ländern  gehemmt^. ^) 


Nach  dieser  unumgänglichen  Schilderung  vorübergehender  Yer- 
imingen  auf  dem  Assekuranzgebiete  wenden  wir  unsere  Aufmerk- 

')  Pardessus,  l.  c,  4.  Bd.,  S.  131. 

*)  PardesBus,  1.  c,  4.  Bd.,  S.  166,  X. 

*)  PardesBus,  1.  c,  4.  Bd.,  S.  871,  X. 

*)  Einen  interessanten  Fall  der  Wettassekuranz  in  England,  noch  aus  dem 
18.  Jahrhundert,  berichtet  Ferd.  Ang.  Müller,  Zur  Geschichte  des  Versiche- 
mngswesenB  in  England,  Aufsatz  in  Ehrenzweig's  „Assekuranz-Jahrbuch", 
IV.  Jahrgang,  (Wien,  1883),  S.  10  ff. 

*)  Kamp,  1.  c,  1.  Abteilung,  S.  8. 

223 


—    64    — 

samkeit  wieder  der  eigenüichen  LebensTernchening  la.    Die  bis- 
herige Betrachtung  f&hrte  ans  —  Tom  Altertum   ganz   abeesehen 
—  durch  einen  Zeitraum,  welcher  das  gesamte  Mittelalto-  und  einen 
nicht  unbedeutenden  Teil  der  neuem  Zeit,  bis  um  die  Mixte  des 
Torigen  Jahrhunderts,  umfafste.    Wir  sahen,  wie  innerhalb  dieses 
Zeitraums    der   Gedanke    der    Lebensassekuranz    in    immer   neuer 
Form    verwirklicht    wurde,     wie    derselbe    sich    mehr   und    mehr 
TeryoUkommnete  und   in    bestandigem    Fortschritt  schliefslich  eine 
Gestaltung   erfuhr,  die  z.  T.    schon   deutlich   den   Charakter   mo- 
demer  „LebensTersicherung"   wiedergab.    Aus  den  Unterstutzungs- 
einrichtungen  der  Genossenschaften,  Tornehmlich  der  Zünfte,  ent- 
standen als  Nachbildang  allgemeine  Sterbe-  und  Witwenkassen.  Deren 
Zweck,  anfangs  auf  Gewährung  von  Begräbnisgeld  beschrankt,  er- 
weiterte sich,  wie  derjenige  der  zunftgenössischen  ünterstutzungea.  (zu- 
erst in  Frankreich  und  England)  derart,  dafs  er  auch  eine  weitere 
Versorgung  Hinterbliebener  in  sich  begriff.    Indem  dann  die  Toten- 
laden mehr  und  mehr  den  Charakter  von  gemeinsamen  Sparinstituten 
annahmen,    boten  sie  die  Grundlage   ftir  die  'Herausbildung  einer 
Yersicherung  auf  den  Todesfall.    Daneben  aber  liefsen  die  Wechael- 
falle  des  Lebens  vielfach  das   Bedürfnis   entstehen,  auch  noch    in 
andrer  Richtung  Vorsorge  zu  treffen :    so    gegen  die  Folgen   ein- 
tretender Erwerbsunfähigkeit  im  Alter,  gegen  den  Mangel  der  zur  Aas- 
steuerbeschaffung erforderlichen  Kapitalien  u.  dergL  m.    Hier  ermög- 
lichten zunächst,  abgesehen  von  privatem  &|paren,  individuelle  Mafs- 
nahmen  (Leibrenten,  u.  s.  w.)  eine  Abhilfe.    Doch  ging  man  bald  auch 
auf  diesem  Gebiete  der  Lebensfallversicherung  dazu  über,  durch  An- 
wendung des  Associationsprinzips  zur  Realisierung  des  Versicherungs- 
gedankens gröfsere  Garantieen  zu  gewinnen;  um  so  mehr,  da  man 
in  den  Sterbekassen  geeignete  Vorbilder  erkannte.   Diesem  Bestreben 
kam  im  weiteren  das  Bedürfnis  der  Staaten  entgegen,  Kapitalien  zu 
sofortiger  Verfügung  zu  erhalten;   ebenso  die  bis  gegen  Ende  des 
18.  Jahrhunderts  fast  überall  herrschende,  das  Wirtschaftsleben  stark 
beeinflussende  merkantilistische  Politik«    Die  italienischen  Aussteaer- 
versicherungen,  die  Tontinen,  die  städtischen  Brautkassen,  u.  s.  w.  sind 
die  ersten  Beispiele  eigentlicher,  auf  Association  beruhender  Institute 
für  Versicherung  auf  den  Lebensfall.   Auch  Holzschuher's  und 
Obrecht's  Projekte  bewegten  sich,   wie  wir  sahen,  in  derselben 
Bichtung.    Aber  so  plan-  und   kunstvoll  wenigstens   einige  unter 
den  genannten  Assekuranzeinrichtungen  waren,  ein  Hangel  machte 
sich  doch  bei  allen,  insbesondere  bei  der  Todesfall  Versicherung,  be- 

224 


—     65    — 

merklich.  Man  rechnete  wohl  allgemein  mit  der  Thatsache  eines 
allmählichen  Absterbens  der  Menschen,  die  genauere  Art  dieses 
Absterbens  aber  fand  ungeachtet  der  wissenschaftlichen  Entdeckungen, 
welche  schon  im  17.;  Jahrhundert  auf  diesem  Gebiete  gemacht  wurden, 
in  der  Praxis  nur  geringe  Berücksichtigung.  Eine  planmäfsige  Yer- 
wertong  jener  Erkenntnisse  treffen  wir,  im  Zusammenhang  mit  einem 
nenen  Aufschwung  der  Mortalitätsstatisik ,  erst  am  Ende  des  hier 
geschilderten  Zeitraums,  um  die  Mitte  des  18.  Jahrhunderts,  an. 
Ihre  Folge  war  eine  durchgreifende  Umbildung  des  Lebensassekuranz- 
wesens: Aus  der  Mannigfaltigkeit  seiner  bisherigen  Gestaltungen 
heraus  entstand  jetzt  eine  einheitliche  Form  für  dasselbe  mit  ein- 
heitlichem, gemeinsamem  Namen.  Was  daneben  als  selbständiger 
Rest  der  früheren  Einrichtungen  verblieb,  ging  entweder  in  kurzem 
Yollstandig  unter  oder  verlor  mehr  und  mehr  an  Bedeutung. 


StuttwiMauduiftL  Studira.    V.  225  ^ 


ni. 
Die  moderne  ,,Leben8versicherung^^  seit  1761. 

Die  exakte  Orundlage,  auf  welcher,  wie  erwähnt,  das  Lebens- 
yersicherungsweseii  seit  der  Mitte  des  Yorigen  Jahrhunderts  ruht, 
erscheint  als  Ergebnis  des  Zusammenwirkens  langdauemder  wissen- 
schaftlicher Arbeiten.^)  Versuche  zweier  Zeitgenossen  Tonti's, 
Pascal's  und  Fermat's,  die  Gewinnchancen  beim  Würfelspiel 
mathematisch  zu  bestimmen  ( —  das  Hazardspiel  war  gerade  damals 
aus  Italien  nach  Frankreich  gebracht  worden  und  erregte  darum  all- 
gemeines Interesse  — )  führten  zuerst  zur  Aufstellung  der  Wahr- 
scheinlichkeitstheorie. Dieser,  welche  Huygens  (-{-  1696) 
als  erster  systematisierte,')  bediente  sich  J.  de  Witt,  um  unter 
Zugrundelegung  einer  Hypothese  über  die  Art  des  Absterbens,  auch 
Lebens-  und  Todeswahrscheinlichkeit  des  Menschen  darzustellen  und 
somit  rationelle  Prinzipien  zunächst  für  die  Bentenversicherung  zu 
gewinnen.  Die  Ergebnisse  seiner  Arbeit  sind  von  ihm  in  einer  1671 
erschienenen  Abhandlung  niedergelegt  worden,  haben  auch  ihrer  Zeit 
durch  Anwendung  auf  das  Leibrentenwesen  praktische  Bedeutung  er- 
langt. Indessen  krankten  seine  Berechnungen,  ebenso  wie  die  gleich- 
zeitigen   bevölkerungs-    und    sterblichkeitsstatistischen 


^)  Karup,  1.  c,  l.  Abteil.,  S.  10  £f.,  S.  16  f.,  S.  66  ff.  o.  S.  64  ff.  „Skizzen 
zur  Geschichte  der  Lebensversicherungstechnik",  Aufsatz  im  IV.  Jahrgang  von 
Ehrenzweig's  „Assekuranz- Jahrbuch",  S.  1  ff. 

*)  Um  die  die  weitere  Ausbildung  der  Wahrscheinlichkeitsrechnung  haben 
flieh  u.  a.  Jaa  Bernouilli  (f  1706),  de  Moivre  (f  1764),  Bayes  (c.  1750), 
Laplace  (f  1827),  Laoroix  (f  1B43),  Gauss  (f  1866),  Littrow  (f  1840)  und 
de  Courcy  verdient  gemacht.  Cf.  Kögler,  Zur  Geschichte  der  Wahrschein- 
lichkeitsrechnung, in  £hrenzweig's  „Assekuranz- Jahrbuch*',  YIL  Jahrgang, 
8.  Teil,  S.  20  ff. 

226 


—     67    — 

Unlersachungen  ^)  ^)  Qraunt's  und  Petty's  an  einem  be- 
deatenden  Übel :  der  Ungenauigkeit  des  zn  Grunde  gelegten  Materials. 

G raunt  und  Petty  basierten  ihre  Arbeiten  auf  die  Mortalitäts- 
verbältnisse  Londons  und  Dublins ,  wie  sie  sich  ihnen  in  den  für 
diese  Städte  erscheinenden  Totenzetteln  darboten.  Doch  fehlte  es 
zur  Ermittlung  genauer  Resultate  vor  allem  an  einer  Altersangabe 
der  verzeichneten  Verstorbenen.  So  weifs  Graunt  erfahrungs» 
märsig  nur,  dafs  von  100  Gehörnen  etwa  36  vor  dem  siebenten  Jahre 
abieben.  Seine  Angaben  über  das  weitere  Absterben  einer  be- 
stimmten Zahl  Geborener  im  Laufe  ihres  Alters  sind,  wenngleich  im 
ganzen  zutreffend,  doch  nur  Vermutungen. 

Schon  gröfsere  Sicherheit  bot  dagegen  jener  Stoff,  welcher  in 
den  Taufbüchern  der  evangelischen  Kirchen  und  den  städtischen 
Totenbüchern  Breslaus  aufgesammelt  war,  und  den  gegen  Ende  des 
17.  Jahrhunderts  ein  deutscher  Theologe,  Neu  mann,  gründlichen 
Forschungen  unterzog.  Neu  mann  stellte  die  Geburts-  und  Todes- 
Kalle,  von  denen  die  erwähnten  Register  in  den  Jahren  1687  bis  1691 
berichteten,  nebeneinander,  ordnete  die  letzteren  —  ihre  Anzahl  betrug 
5869  —  zudem  nach  Alter  und  Geschlecht,  und  konstatierte  auf  diesem 
Wege  ein  geringes  Übergewicht  der  Summe  der  Geborenen  über  jene 
der  Verstorbenen.  Seine  Untersuchungen  erregten  in  der  gelehrten 
Welt  jener  Zeit  ein  berechtigtes  Aufsehen.   Auch  die  Royal  Society 


')  Eine  Bevölkerungsstatistik  gab  es  schon  im  Altertam,  besonders  in 
Born.  (Hildebrand,  Die  amtliche  Bevölkerungsstatistik  im  alten  Rom,  in: 
Jahrbücher  für  Nationalökonomie  und  Statistik",  6.  Bd.,  Jena,  1866,  S.  81  ff. ; 
John,  Geschichte  der  SUtistik,  1.  Teil,  Stuttgart,  1884,  S.  17  £;  Eögler, 
Über  Lebensversicherung,  Frag  1885,  S.  21;  Meitzen,  Geschichte,  Theorie  und 
Technik  der  Statistik,  Berlin  1886,  S.  3  f.)  Im  Mittelalter  knüpfte  dieselbe 
zunächst  an  die  Kirchenbücher  an,  welche  Geburten,  Trauungen  und  Todesfälle 
innerhalb  ihrer  Gemeinden  registrierten.  Kirchliche  Notierungen,  denen  später 
attische  an  die  Seite  traten,  finden  sich  seit  dem  16.  Jhrdi.,  zuerst  1601  in 
Augsburg.  (Meitzen,  1.  c,  S.  14.)  Ländermaterial  erhielt  man  am  frühsten 
(1749)  in  Schweden.  (Knapp,  Theorie  des  Bevölkerungswechsels,  Braunschweig 
1874,  S.  73.)  —  Die  Sterblichkeitsstatistik,  ein  Zweig  der  Bevölkerungsstatistik, 
hat  sich,  insoweit  sie  auf  die  „Lebensversicherung"  Bezug  nimmt,  von  jener  mehr 
und  mehr  losgelöst.    (Meitzen,  1.  c,  S.  32  f.) 

*)  Cf.  zum  folgenden  Knapp,  1.  c,  S.  53 ff.  und  S.  121  ff.;  Graetzer, 
Edmund  Halley  und  Caspar  Neumann  (Breslau  1883];  John,  1.  c,  1.  Teil,  S. 
161  £;  Meitzen,  I.e.,  S.  Uff.  und  S.  191  ff.  Heranzuziehen  ist  auch  Karup, 
1.  c,  2.  Abteilung,  S.  96  ff.  über  Leben  und  Wirken  der  hier  zu  Erwähnenden 
findet  sich  gröfstenteils  Abhandlungen  (von  Lippert,  Elster  und  Lexis)  im 
„Handwörterbuch  der  Staatswissenschaften*'. 

227  ^* 

16* 


—     68     — 

of  London,  wahrscheinlich  durch  Leibniz  auf  dieselben  aufmerksam 
gemacht,  beschäftigte  sich  mit  ihnen,  indem  sie  das  von  Neu  mann 
selbst  ihr  zugestellte  Material  dem  bekannten  Mathematiker  Halley 
(-f-  1724)  zur  Verarbeitung  überwies.  In  ihm  bot  sich  Halley  die 
Grundlage  für  den  Aufbau  einer  allgemeinen  Absterbeordnung,  für 
Schaffung  der  ersten  der,  modemer  „Lebensyersicherung^  unentbehr- 
lichen, Mortalitätstabellen. 

Über  die  Methode,  welche  Halley  hierbei  befolgte,  stimmen 
die  Ansichten  nicht  vollkommen  überein.  Gewifs  ist,  dafs  er  ge- 
legentlich die  berechneten  Mittelzahlen  der  Verstorbenen  eines  be- 
stimmten Alters,  und  zwar  diejenigen  der  Alter  0 — 1  und  1 — 6,  mit 
der  durchschnittlichen  Geburtenziffer  in  Verbindung  bringt,  um  die 
Zahl  der  einjährigen  und  sechsjährigen  Überlebenden  aufzufinden. 
Während  aber  Knapp  ^)  annimmt,  dafs  Halley,  ohne  dieses  Ver- 
fahren festzuhalten,  seine  weiteren  Daten  „nur  schätzungsweise^ 
gegeben  habe,  wird  in  der  schon  genannten  Graetzer 'sehen  Schrift 
der  Standpunkt  vertreten,  wonach  jene  ganze  Tabelle,  aus  streng* 
mathematischen  Überlegungen  hervorgegangen,  den  „vollständigen 
Ausdruck  der  Thatsachen^  darstellt. ')  Ist  die  letztere  Meinung  die 
richtige,  so  erklärt  sich  auch  einfach,  warum  die  in  der  Tafel  an- 
gegebene Sterblichkeit  als  eine  zu  hohe  erscheint.  Der  Mathematiker 
mufste,  um  von  den  Zufälligkeiten  des  Breslauer  Materials  abzusehen, 
jenes  erwähnte  Übergewicht  der  Geburten  über  die  Todesfalle, 
welches  in  diesem  sich  zeigte,  aufser  acht  lassen.  Br  muCste  auf 
dem  Wege  der  Ausgleichung  eine  mittlere  Absterbeordnung  kon- 
struieren, bei  welcher  die  Zahl  der  jährlich  Sterbenden  derjenigen 
der  durchschnittlich  in  jedem  Jahre  Geborenen  gleichgesetzt  wurde. 
Da  nun  aber  in  Wirklichkeit  die  Bevölkerung  nie  stationär ,  ^ 
vielmehr  meist  in  Zunahme  begriffen  ist,  da  die  Zahl  der  jährlichen 
Geburten  jene  der  Sterbefälle  i.  d.  B.  übersteigt,  so  konnte  eine  Art 

^)  L.  0.,  8.  59  n.  8.  Ifi9. 

*)  Graetser  (1.  o.,  8.  76  fl.)  bezeiclmet  als  Vertreter  dieser  Ansicht  einen 
nicht  näher  genannten  Dozenten  der  Physik  an  einer  süddeutschen  Ümyersitat. 
Knapp 's  Entgegnung  in:  „Jahrbücher  für  Nationalökonomie  und  Statistik**,  N. 
F.,  6.  Bd.  (Jena,  1880),  S.  72  £  hat  die  hier  obwaltende  Dififerenz  der  Jleinungen 
u.  E.  zwar  gemildert,  doch  keineswegs  beseitigt. 

*)  Unter  „stationärer**  Bevölkerung  versteht  man  eine  solche,  „in  welcher 
(ieburts-  und  Sterbefälle  sich  regelmafsig  decken  und,  was  noch  mehr  ist,  min- 
destens für  eine  lange  Periode  stets  gleich  bleiben,  so  dafs  auch  die  verschie- 
denen Altersklassen  stets  gleich  besetzt  sind  und  in  jeder  jährlich  stets  die 
gleiche  Anzahl  abstirbt.**    (John    1.  c,  1.  Teil.  8.  208.) 

2S8 


—     69    — 

uDd  Weise  des  Absterbens,  wie  die  yon  Halley  berechnete,  nur  eine 
zu  rasche,  die  sich  ergebende  Mortalität  nur  eine  zu  bedeutende  sein. 

Indessen,  war  auch  die  Halley'  sehe  Tafel  danach  nicht  ganz 
zutreffend,  so  hat  sie  doch  ihrem  auf  yerschiedenen  Gebieten  hervor- 
ragend yerdienten  Erfinder  auch  in  der  „Lebensversicherungs- 
Wissenschaft^  einen  bleibenden  Buhm  gesichert.  Praktische  Ver- 
wertung fanden  seine  Berechnungen  für  den  Anfang  nicht.  Von 
den  Zeitgenossen  wenig  gewürdigt,  geriet  die  Tabelle  in  Vergessen- 
heit, bis  das  gesteigerte  Interesse,  welches  man  der  Sterblichkeits- 
statistik und  überhaupt  der  Bevölkerungskunde  im  folgenden  Jahr- 
hundert entgegenbrachte,  auf  sie  von  neuem  aufmerksam  werden  liefs. 

Der  erste,  der  nach  Halley  sich  wieder  mit  Untersuchungen 
über  unsem  Gegenstand  befafste,  war  der  Holländer  Kersseboom 
(f  1771).  Dieser  benutzte  zu  seinen  Studien  Aufzeichnungen  von 
Leibrentenanstalten,  und  verdient  wegen  Anwendung  einer  neuen, 
aber  erst  von  Deparcieux  für  die  Assekuranz  zu  rechter  Bedeu- 
tung erhobenen  Methode  des  Beobachtens  der  Absterbeordnung  be- 
sonders hervorgehoben  zu  werden.  Fast  gleichzeitig  machte  sein 
Landsmann  van  Struyk  in  einem  1740  erschienenen  Werke  über 
Leibrenten  zuerst  auf  die  verschiedene  Sterblichkeit  zwischen  Männern 
und  Frauen  aufmerksam.  In  Deutschland  gab  1741  Süfs milch 
seine  bekannte  Schrift:  „Betrachtungen  über  die  göttliche  Ordnung 
in  den  Veränderungen  des  menschlichen  Geschlechts  ..."  heraus, 
deren  zweiter  Auflage  (1761)  auch  eine  später  in  der  Praxis  benutzte, 
indes  unzuverlässige')  Sterblichkeitstafel  beigegeben  war.  Endlich 
bot  in  Schweden  ein  vom  Reichstag  1746  gefafster  Beschlufs  Ge- 
legenheit, das  Material  einer  Landesbevölkerung  den  Forschungen 
über  Mortalität  zu  Grunde  zu  legen.  Doch  erwies  sich  dieses  Unter- 
nehmen in  seinem  Ergebnis  insofern  ziemlich  wertlos,  als  der  mit 
demselben  Beauftragte,  Wargentin,  von  dem  von  seinen  Vor- 
gangem Kersseboom  und  Deparcieux  schon  betretenen  richtigen 
Wege  der  Sterblichkeitsberechnung  wieder  abwich.  Indem  er  nämlich 
die  aus  einer  Generation  Verstorbenen  mit  den  in  einem  Zeitraum 
Hingeschiedenen  verwechselte,  die  Summe  der  letzteren  in  derselben 
Weise,  wie  es  für  diejenige  der  ersteren  anging,  gleich  der  Zahl  der 
(in  demselben  Zeitraum)  Geborenen  setzte,  liefs  er  aufser  acht,  dafs 
die  Bevölkerung  nicht  stationär  ist ,  vielmehr ,  wie  schon  erwähnt, 
meist  beständig  zuninmit.    Einer  Totenziffer  von  tausend  würde  also 


^)  Cf.  die  folgende  Seite,  Anm.  1. 

tS9 


—     70     — 

bei  einem  Übergewicht  der  Geborenen  nicht  eine  gleiche ,  sondern 
eine  gröfsere  Geburtenziffer  gegenüberstehen.  Die  nach  Wargentin 
sich  ergebende  Mortalität  mufste  offenbar,  da  sie  den  Bevölkerungs- 
zuwachs nicht  berücksichtigte,  wie  die  von  Ha  Hey  berechnete,  zu 
hoch  ausfallen.^) 

Richtig   beurteilen  läfst   sich  die  Sterblichkeit   überhaupt   nur 
auf  Grund  einer  Absterbeordnung,  welche  von  allen  Voraussetzungen 
über  die  Bewegung  der  Bevölkerung  vollkommen  frei  ist.  K  er  sse- 
boom,  nach  ihm  im  ganzen  selbstäadig  D6parcieux,   —  beide 
haben,  wie  angedeutet,  diesen  Gedanken  schon  klar  erfafst.    Wäh- 
rend aber  jenen  bei  seinen  Untersuchungen  mehr  das  Interesse  an 
der  Bevölkerungskunde  leitete,   ist  der  letztere  wesentlich  Versiche- 
rungstheoretiker.   Dieser  Umstand,  sowie  die  theoretische  Präcisie- 
rung,^  welche  Deparcieux  den  gewonnenen  Resultaten  zu  geben 
weifs,  verleihen  ihm  speciell  in  der  Assekuranzgeschichte  die  höhere 
Bedeutung.    Im    übrigen    sind  die   Grundzüge   des  Verfahrens   bei 
Kersseboom  und  bei  Deparcieux  dieselben:    Beide  sind  sich 
bewufst,   ihr  Ziel  nur  durch  Verfolgung  einer  bestimmten  Gruppe 
Gleichaltriger  bis    zu   ihrem   allmählichen  Aussterben  erreichen  zu 
können.  Deparcieux  stützte  sich  hierbei  auf  Material  aus  Klöstern, 
mit  Vorliebe   aber   auf  solches   von   Tontinen.    Er  ermittelte    die 
Summen  der  in   diesen  vorhandenen  Mitglieder   eines   bestimmten 
Alters,    verfolgte   dieselben   bis   zu  ihrem  Ableben   und   vereinte, 
nachdem   er   dies   für  alle  Alter  gethan,  die  erhaltenen  Zahlen  in 
einer  einheitlichen  Tafel.    Seine  Forschungen  über  Sterblichkeit  und 
Lebensdauer,   deren  Ergebnisse  er  im  „Essai  sur  la  probabilite  de 
la  duree  de  la  vie  humaine^'   (1746)  niederlegte,  waren  nach  Ka- 
rup's^)  Urteil  „eben  so  gründlich  als  epochemachend^^  Doch  fand 
seine  Methode  anfangs  allerdings  keine  praktische  Verwertung,  wurde 


^)  Wargentin  gab  auch  zu  dem  über  hundert  Jahre  herrschend  geblie- 
benen litterarhistorischen  Irrtum  Anlafs,  es  habe  schon  Halley  seine  Absterbe- 
ordnung direkt  aus  der  Zahl  der  in  einem  bestimmten  Zeitraum  vorhandenen, 
nach  Altersklassen  verteilten,  Verstorbenen  hergeleitet.  Diese  Methode  der  Be- 
rechnung von  Sterblichkeitstafeln  wurde  daher  lange  Zeit  hindurch  als  Halley '- 
sehe  bezeichnet.  In  Wirklichkeit  hat  Halley,  wie  wir  sahen,  diesen  direkten 
Weg  nicht  gewählt,  sich  vielmehr  zur  Feststellung  seiner  Mortalitätstabelle,  wie 
es  scheint,  eines  Ausgleichungsverfahrens  bedient.  —  In  Wargentin 's  Irrtümer 
zeigt  sich  schon  Süfsmilch  in  der  zweiten  Auflage  seiner  weiter  oben  genannten 
Schrift  verwickelt. 

*)  Knapp,  1.  c,  S.  68  und  S.  71. 

3)  L.  c,  2.  Abteilung,  S.  108. 

280 


^     71     — 

yielmehr  erst  in  unserm  Jahrhundert  gebührend  gewürdigt.  Jetzt 
fahrten  Milne,  Finlaison  und  Morgan  dieselbe  in  England, 
Demon  ferrand  in  Frankreich,  und  Brune  in  Deutschland  ein.^) 
Auf  ihr  beruhen  alle  neuern  Sterblichkeitstafeln,  und  auch  die  offi- 
zielle Bevölkerungsstatistik  bedient  sich  heut  ausschliefslich  jenes 
„direkten"  oder  „verbesserten"  Verfahrens. 

Ein  Zeitgenosse  Deparcieux',  der  Engländer  Simpson, 
brachte  endlich  die  H  a  1 1  e  y'sche  Tafel  wieder  inErinnerung.  Auf  sie  ge- 
stützt, wies  er  in  öfifentlichen  Vorlesungen  auf  die  Möglichkeitdei  Auf- 
stellung einer  Prämientabelle  mit  stufenweise,  gemäfs  der  stufen- 
weise zunehmenden  Mortalität,  steigenden  Prämien  hin.  Aufserdemgab 
er  in  den  Jahren  1740  bis  1762  mehrere  Werke  über  Wahrscheinlich- 
keit und  über  Leibrenten  heraus.  Seine  Darstellungen  blieben  von 
dauerndem  Einäufs.  Durch  sie  veranlafst,  konstruierte  sein  Zeit- 
genosse Dodson^)  nach  (angeblich)  Ha  Hey 'scher  Methode  eine 
Prämientabelle  mit  steigender  Preisskala,  —  der  erste  Versuch,  der 
in  dieser  Richtung  unternommen  wurde.  Freilich  stellten  sich  da- ' 
nach,  infolge  der  Voraussetzung  einer  stationären  Bevölkerung,  die 
Tarifsätze  durchweg  zu  hoch,  für  Frauen  noch  höher,  als  für 
Männer.  Trotzdem  aber  wurde  mit  dieser  Prämientabelle  für  die 
Lebensversicherungstechnik  viel,  ja  alles  gewonnen.  Bedurfte  es 
auch  später  noch  mannigfacher  Verbesserungen,  um  das  Ungenaue 
und  Unzulängliche  der  einschlägigen  Berechnungen  abzustellen,^)  — 

0  Karup,  1.  c.,  2.  Abteil.,  8.  110. 

*)  Gf.  über  ihn  Grosse,  Biographieen  aus  der  Geschichte  der  Lebensver- 
ncherongs-Technik,  Aufsatz  in  Ehrenzweig's  „Assekuranz- Jahrbuch'',  YII. 
Jahrgang,  3.  Teil,  S.  &0  ff.,  insbes.  S.  54  fi. 

*)  Dafs  die  auf  die  „Lebensversicherung*'  Bezug  nehmende  Sterblichkeits- 
Btatistik  sich  allmählich  von  der  Bevölkerungsstatistik  losloste,  wurde  schon  oben 
erwähnt.  Man  überzeugte  sich,  sagt  Meitzen  (1.  c,  S.  33),  „dafs  die  Absterbe- 
Ordnung  einer  Bevölkerung  keinen  Anhalt  für  die  Lebenserwartung  der  beson- 
deren Berufs-  und  Altersklassen  zu  geben  vermag,  welche  ihr  Leben  versichern. 
Kan  suchte  deshalb  fortan  die  Skala  für  die  Tarife  aus  dem  anwachsenden  Mate- 
rial der  Gesellschaften  selbst  zu  gewinnen.**  Nachdem  schon  Kersseboom  und 
D^parcieux  ihre  Beobachtungen  am  Personalbestande  geschlossener  Gesell- 
ichaften  angestellt  hatten,  konstruierte  Davies  (1825)  eine  Mortalitätstabelle  auf 
Gnmd  der  Erfahrungen  der,  wie  wir  sehen  werden,  ersten  eigentlichen  „Lebens- 
TersiaherungsanBtalt*',  der  Equitable.  Bald  kam  dieses  Vorgehen  allgemein  in 
Brauch.  Wie  man  sich  aber  in  diesem  Punkte  bemühte,  das  Material  für  die 
Berechnung  der  Sterblichkeit  den  wirklich  obwaltenden  Verhältnissen  mehr  an- 
zapassen,  so  verwendete  man  allenthalben  grö&te  Sorgfalt  darauf,  die  Annähe- 
ningswerte,  welche  eine  Mortalitätstabelle  immer  nur  zvl  geben  vermag,  mög- 
lichst genau  zu  gestalten,  und  die  Ausgleichungsmethoden  zu  vervollkommnen. 

281 


—     72     — 

der  Weg  für  eine  rationelle  Ausbildung  des  Instituts  war  jetzt  Yor- 
gezeichnety  die  Entwicklung  des  letzteren  zu  heutiger  modemer 
Gestalt  war  ermöglicht. 

Im  folgenden  werden  wir  nun  darzulegen  haben,  auf  welche  Art 
diese  Entwicklung  sich  in  Wirklichkeit  vollzog. 


Ein  Einflufs  der  Ergebnisse  jener  eben  geschilderten  wissen- 
schaftlichen Forschungen  auf  die  Yersicherungspraxis  machte  sich 
keineswegs  sofort  bemerklich.  Am  frühsten  noch  bediente  sich  ihrer 
die  Rentenassekuranz  y  während  die  Lebensyersicherung  dieselben 
lange  Zeit  hindurch  unbeachtet  liefs.  Die  Mortalitätstabelle  des  be- 
rühmten Halley  fand  ja;  wie  wir  sahen,  im  Anfang  praktisch  so 
wenig  Anklang,  dafs  sie  für  ein  halbes  Jahrhundert  wieder  in  Ver- 
gessenheit geriet.  Dann  erst  rief  das  rege  Interesse,  mit  dem  man 
die  Untersuchungen  über  Bevölkerung  und  Sterblichkeit  von  neuem 
aufnahm,  eine  Änderung  der  bisherigen  Zustände  herbei.  Mittelbar 
durch  D  0  d  s  0  n '  s  Anregungen  ^)  entstand  nunmehr  in  Grofsbritan- 
nien  die  „Equitable  society  for  assurance  on  lives  and  survivorships", 
das  erste  auf  modernen  Prinzipien  beruhende  „Lebensversicherungs- 
institut''.  Englische  ünterthanen  haben  also  die  erste  Sterblichkeits- 
tafel konstruiert,  die  erste  Prämientabelle  aufgestellt,  und  die  erste 
auf  rationeller  Basis  aufgebaute  „Lebensassekuranzanstalt''  war  eine 
englische.  Mit  Recht  wird  daher  England  das  Mutterland  des 
„Lebensversicherungswesens"  in  heutiger  Form  genannt. 

Vor  Betrachtung  der  neuen  Zustände  ^  müssen  wir  jedoch  nach- 

In  England  haben  sich  in  dieser  Hinsicht  das  „Institute  of  Actnaries*',  in  Deutsch- 
land beispielsweise  Heym,  Fischer  und  Wittstein  Verdienste  erworben. 
(Karup,  1.  0.,  2.  Abteil.,  S.  111.)  Als  eine  praktische  Folge  jener  wissenschaft- 
lichen Bestrebungen  erscheint  auch  die  Anfertigung  einer  deutschen  Sterblioh- 
keitstafel  durch  das  „Kollegium  für  Lebensversicherungswissenschaft^  in  Berlin. 
Als  Hitarbeiter  an  diesem  wichtigen  Werk,  welches  1883  yerö£fentlicht  wurde, 
sind  Bremiker,  Busse,  Hopf,  Hülsse,  Kanner,  Langheinrioh, 
Lazarus,  Wiegand  und  ZU  Im  er  hervorzuheben.  (Gf.  Knapp,  Besprechung 
dieser  Tafeln  in:  „Jahrbücher  für  Nationalökonomie  und  Statistik",  n.  F ,  8.  Bd., 
Jena,  1884,  S.  101  ff.) 

^)  Grosse,  1.  c,  S.  66. 

*)  Über  die  Geschichte  der  Lebensassekuranz  in  diesem  letzten  Zeitraum 
und  die  Ausbreitung  des  modernisierten  Instituts  während  desselben  s.  besonders 
Karup,  1.  c,  1.  Abteilung,  S.  14 ff.;  ferner  die  in  jedem  Jahrgang  des  „ Asse- 
kuranz-J  ahrbuchs**  von  Ehrenzweig  gegebenen  übersichtlichen  Darstellungen 
über  das  Versicherungswesen  (v.  Adolf  Ehrenzweig);  in  der  geschichtlichen 
Übersicht  des  ersten  Jahrgangs  wird  auf  die  historische  Entwicklung  der  Assekuranz 

28i 


—     73     — 

triglich  noch  einiger  älterer  englischer  Anstalten  gedenken,  welche 
der  Zeit  ihrer  Begründung  nach  allerdings  schon  in  der  Geschichte 
der  Torigen  Periode  hätten  namentlich  hervorgehoben  werden  müssen. 
Aber  ihre  in  vielen  Punkten  bereits  verbesserte  Technik,  die  sie 
gewissermafsen  zu  Vorläufern  der  Equitable  machte,  ihre  zum  Teil 
bis  tief  in  unsere  Zeit  hineinreichende  Wirksamkeit  rechtfertigen  ihre 
eingehendere  Beschreibung  erst  an  dieser  Stelle.  Es  sind  sechs  In- 
stitute 9  welche  hier  in  Frage  kommen :  Zunächst  eine  im  Jahre 
1698  von  Dr.  theol.  William  Assheton  projektierte  und  von 
the  Mercer's  Company  in  London  eingerichtete  Anstalt,  welcher  ein 
Jahr  später  die  „Society  of  Assurances  for  Widows  and  Orphans^ 
folgte.  Von  diesen  beiden  Unternehmungen  beschäftigte  sich  die  erste 
mit  der  Gewährung  von  Witwenversorgung  und  Leibrenten.  Gegen 
Zahlung  einer  Mise  von  100  ^  durch  den  Ehemann  wurde  dessen 
Witwe  eine  Leibrente  von  30  £  garantiert.  Was  den  Gegenstand 
der  zweiten  Gesellschaft  bildete,  besagt  ihr  Name.  Beide  Anstalten 
hielten  sich  jedoch  nicht  lange,  sie  gingen  unter,  noch  bevor  die 
grofse  Beform  auf  dem  Yersicherungsgebiet  ins  Leben  trat.  Anders 
eine  dritte  derartige  Gesellschaft,  die  in  der  Geschichte  der  Lebensver- 
sicherung so  vielgenannte,  nicht  ganz  zutreffend  bisweilen  als  erstes 
eigentliches  „Lebensversicherungsunternehmen"  bezeichnete  Amicable. 
Die  Amicable  wurde  am  24.  Januar  des  Jahres  1705  in  London  von 
einem  Verein  begründet,  der  sich  die  Schaffung  einer  „ewigen 
Lebensversicherung"  ausdrücklich  zum  Ziel  gesetzt  hatte«  Durch 
Parlamentsakte  vom  25.  Juli  1706  erhielt*  sie  die  Rechte  einer  Kor- 
poration. Ihre  innern  Einrichtungen  waren  anfangs  sehr  unvoll- 
kommen. Die  Zahl  der  Mitglieder  war  eine  beschränkte,  sie  durfte 
2000  nicht  übersteigen;  alle  Versicherungsnehmer  im  Alter  von  12 
bis  45  Jahren  leisteten  gleiche  Beiträge,  nämlich  ein  Eintrittsgeld 
von  ^  £  15  sh.  und  eine  Jahresprämie  von  5  £\  Personen  vor- 
geschrittenen Alters,  Frauen  und  Leute,  deren  Lebensdauer  be- 
sonders verkürzenden  Einflüssen  zu  unterliegen  schien,  wie  kleinere 
Beamte  und  Bierwirte,  hatten  eine  höhere  Prämie  zu  entrichten. 
Sehr  seltsam  handhabte  man  die  Berechnung  der  Yersicherungs- 
samme:  Der  Betrag  derselben  war  nämlich  kein  von  vornherein 
bestimmter;    vielmehr    wurde    eine   gewisse    Quote    der   Ein- 


biB  ZQ  den  Jahren  1878  und  1879  eingegangen.  Eine  gedrängte  Darstellung  der 
in  Betracht  kommenden  Thataaohen giebt  endlich  A.  Wagner,  inSohönberg's 
«Handbach  der  politischen  Ökonomie«*,  (Tübingen,  1891,)  S.  1010  ff. 

S38 


—     74     — 

trittsgelder  und  Beitrage  am  Schlosse  eines  jeden  Jahres  unter 
die  Inhaber  der  während  desselben  gerade  fallig  werdenden  Policen 
gleichmäfsig  aufgeteilt.  Diese  ursprünglichen  Institutionen  erfuhren 
jedoch  im  Laufe  der  Zeit  mannigfache  Verbesserungen.  Schliefslich 
pafsten  sie  sich  den  mehr  und  mehr  zur  Geltung  gelangenden  mo- 
dernen Grundsätzen  yoUkommen  an,  die  Amicable  wurde  „Lebens* 
assekuranzanstalt"  im  heutigen  Sinne.  In  neuer  Gestalt  erhielt  sich 
das  Unternehmen  noch  bis  zum  Jahre  1866 ;  in  diesem  endlich  übertrug 
es  seine  durch  anderthalb  Jahrhunderte  durchgeführte  Thätigkeit 
einer  andern  Gesellschaft. 

Der  Begründung  der  Amicable  folgte  binnen  wenigen  Jahren 
die  dreier  weiterer  Anstalten,  zunächst  der  Union  1714,  sodann  1720 
bis  1721  der  Royal  Exchange  und  London  Assurance  Corporation. 
Die  beiden  letztgenannten  waren  ältere  Institute  für  Feuer-  und 
Seeversicherung,  die  aber  eben  jetzt  auch  den  Betrieb  der  Lebens- 
assekuranz sich  zur  Aufgabe  machten.  Der  Beitritt  zu  diesen  Ge- 
sellschaften legte  noch  gröfsere  Kosten  auf,  als  solches  bei  der  Ami- 
cable der  Fall  war:  London  Assurance  Corporation  forderte  bei- 
spielsweise selbst  bei  gewöhnlichem  „Risiko^  eine  Jahresprämie  von 
6  ^  5  sh.  für  eine  Versicherungssumme  von  100  £,  Doch  zeigte  sich 
bei  denselben  insofern  ein  Fortschritt,  als  die  Höhe  der  garantierten 
Versicherungssumme  von  Anfang  an  fest  normiert  war. 

Neben  diesen  gröfseren,  soliden  Lebensassekuranzanstalten  er- 
hielten sich  aber  in  England  auch  vielfach  noch  selbständige  Reste 
des  mittelalterlichen  Versicherungswesens.  Unter  dem  Namen  von 
„little  goes^  gründete  man  immer  neue  kleine  Kassen,  die  den  Toten- 
laden ähnlich  ihre  Geschäfte  betrieben,  unbekümmert  um  die  Er- 
gebnisse der  Wissenschaft,  gerade  darum  aber  vielfach  der  Gefahr 
des  Zusammenbruchs  preisgegeben.  Ihre  innere  Einrichtung  war 
im  wesentlichen  überall  die  gleiche.  Nach  E  a  r  u  p '  s  ^)  Darstellung 
sicherte  z.  B.  die  eine  dieser  Kassen  gegen  alle  zwei  Wochen  zu 
entrichtende  Prämien  in  Höhe  von  6  sh.  eine  Summe  von  200  £  auf 
den  Todesfall  zu ;  eine  andere  zahlte  120  £  gegen  den  gleichen  Bei- 
trag im  Vierteljahr ;  eine  dritte  gewährte  200  £  zum  Zweck  der  Aus- 
steuerbeschafiPung  gegen  einen  Quartalsbeitrag  von  2  sh.  Der  häufige 
Bankerott  solcher  kleinen  Versorgungsanstalten,  noch  mehr  das  Auf- 
tauchen einer  ganzen  Reihe  von  blofsen  Schwindeluntemehmungen, 
welche    den   Namen    der    Lebensversicherung    mifsbräuchlich    eich 


')  L.  c,  S.  15,  Anm. 

284 


—     75     — 

gleichfalls  beilegten,  mögen  anfangs  auch  dem  Emporkommen  der 
gröfseren  Yersicherangsinstitute  hinderlich  gewesen  sein.  Doch 
wirkte  hier  noch  ein  weiteres  Moment  mit,  ein  Umstand,  welcher,  so 
sehr  er  zonächst  die  Realisierung  der  Lebensyersicherungsidee  über- 
haupt gefordert  hatte,  doch  später  der  Entwicklung  des  privaten, 
eigentlichen  „Lebensassekuranzwesens''  hemmend  in  den  Weg  treten 
mufste.  Wir  meinen  die  merkantilistische  Politik  der  Zeit  mit  ihrer 
Bevormundung  des  gesamten  Wirtschaftslebens,  mit  ihrem  helfenden, 
die  eigne  Vorsorge  für  Versicherung  vielfach  erübrigenden  Ein- 
greifen ;  insbesondere  aber  das  mit  dem  Merkantilsjstem  eng  zusammen^ 
hängende  Bestreben  nach  einer  Bevölkerungszunahme,  die  Begünsti- 
gung von  Eheschliefsungen,  welche  in  Gestalt  der  Aussteuergewährung, 
der  Versorgung  von  Witwen  und  Waisen  durch  den  Staat  sich 
äufserte.  Für  ein  selbstthätiges  Sparen,  wie  es  die  „Lebens Ver- 
sicherungsinstitute'' und  auch  wohl  schon  deren  unmittelbare  Vor- 
läufer erforderten,  blieb  demgegenüber  wenig  Raum.  Es  fehlte 
dem  Volke  ebenso  sehr  an  Sinn  und  Verständnis  für  dasselbe,  als 
ihm  das  Bedürfnis  danach  fernlag.  Aus  alP  dem  erscheint  begreiflich, 
warum  sowohl  die  Amicable,  als  die  ihr  verwandten  Anstalten  im 
Anfang  keine  bedeutende  Ausdehnung  erreichten,  vielmehr  mit  der 
Zurückhaltung  des  Publikums  sehr  zu  kämpfen  hatten. 

Eine  allmähliche  Besserung  in  diesen  Verhältnissen  trat  ein,  als 
darch  Verwertung  der  wissenschaftlichen  Fortschritte  für  die  Lebens- 
assekuranz eine  sichere  Basis  gewonnen,  zudem  auch  mehr  und  mehr 
eine  Herabsetzung  der  Prämien  ermöglicht  wurde.  Den  eigentlichen 
Anfang  der  Reform  bezeichnet,  wie  schon  erwähnt,  die  Errichtung 
der  Equitable.  Zweiundachtzig  z.  T.  den  höheren  Ständen  ange- 
hörende Personen  entwarfen  1761  in  London  den  Plan  zu  dieser, 
auf  mathematisch  genauer  Grundlage  zu  begründenden  „Lebensver- 
sicherungsanstalt".  Der  Grundsatz,  von  dem  man  sich  bei  dem  neuen 
Unternehmen  leiten  liefs,  war  der  einer  vornehmlichen  Berück- 
sichtigung des  Wohles  der  Versicherten.  Die  Equitable  sollte,  wie 
schon  aus  ihrem  Namen  hervorging,  unparteiischer  sein  als  die 
älteren  Institute.  Lifolge  mannigfacher  Umtriebe,  welche  die  schon 
bestehenden  Unternehmungen  in  Befürchtung  einer  starken  Kon- 
kurrenz der  neuen  Gesellschaft  ins  Werk  zu  setzen  wufsten,  ver- 
zögerte sich  deren  Betriebseröffnung  einige  Jahre.  Erst  1765  konnte 
die  Anstalt  in  Form  eines  Gegenseitigkeitsinstituts  ihre  öffentliche 
Wirksamkeit  beginnen.  In  der  Zwischenzeit  war  man  bemüht  ge- 
wesen,  die  technischen  Grundlagen  noch  mehr  zu  vervollkommnen, 

286 


-     76     — 

man  hatte  u.  a.  eine  neue  Prämientabelle  mit  allgemein  ermäfsigten 
Preisen^  aber  unter  Berücksichtigung  der  Berufsgefahr  aufgestellt. 
Weitere  Fortschritte  folgten  später ,  besonders  auf  Grund  der  um- 
fassenden Arbeiten  Ton  Richard  Price.^)  Ihm  verdankte  die 
Equitable  zunächst  eine  Methode  zur  Ermittlung  des  jährlichen 
Reingewinns  (abzüglich  der  Prämienreserve) ,  und  eine  zweite  für 
die  Berechnung  ihres  jeweiligen  Standes.  Abgesehen  davon  liegen 
Price's  Verdienste  wesentlich  auf  statistischem  Gebiete.  Unter 
Berücksichtigung  der  englischen  Sterblichkeitsverhältnisse ,  wie  sie 
sich  ihm  in  den  Kirchspiellisten  von  Morthampton  darboten,  arbeitete 
er,  allerdings  noch  nach  (angeblich)  H  a  1 1  e  7 '  scher  Methode,  eine  Mor- 
talitätstabelle aus,  welche  im  Jahre  1780  veröffentlicht  wurde.  Da 
sich  hieraus  ergab,  dafs  die  bisher  von  der  Equitable  geforderten 
Prämien  noch  immer  viel  zu  hohe  waren,  konstruierte  Price  für 
die  Gesellschaft  auch  eine  neue  Prämientabelle,  welcher  er  seine 
eigne  Tafel  und  einen  Zinsfufs  von  3  %  zu  Grunde  legte.  Die 
danach  als  erforderlich  bezeichneten  Beiträge  erschienen  im  Ver- 
hältnis zu  den  früheren  so  gering,  dafs  man  dieselben  anfanglich  um  15  ^/^ 
erhöhen  zu  müssen  glaubte,  bis  der  trotz  der  niedrigen  Prämien- 
sätze erzielte  bedeutende  Gewinn  allmählich  wieder  zur  Beseitigung 
des  Zuschlags  führte.  Fort  und  fort  wuchsen  nun  die  Einnahmen 
der  Equitable.  Sie  vermochte  bald  ihren  älteren  Versicherungsnehmern 
eine  nicht  unbedeutende  Dividende  zu  gewähren,  deren  Betrag  sich 
gegen  Ende  des  Jahrhunderts  fär  die  vor  1772  aufgenommenen  Mitglieder 
auf  30  %  ^^^  zu  leistenden  Beiträge  belief.  Bemerkenswert  scheint, 
dafs  man  jene  Gewinnanteile  den  Versicherungsnehmern  nicht  sofort 
aushändigte,  sondern  um  dieselben  deren  Versicherungssummen  ver- 
gröfserte,  ein  noch  heute  in  England  übUches  Verfahren. 

Die  umsichtige  Leitung  war  es  übrigens  nicht  allein,  welche 
das  rasche  Emporblühen  der  Equitable,  besonders  um  die  Wende 
des  Jahrhunderts,  zur  Folge  hatte.  Es  kam  noch  ein  zweiter,  wich- 
tiger Faktor  hinzu:  der  gerade  in  jener  Zeit  sich  vollziehende  Um- 
schwung in  allen  wirtschaftlichen  Verhältnissen,  den  der  Einflufs 
der  physiokratisch-Smith' sehen  Lehren  überall,  zuerst  naturgemäfs 
in  England,  hervorrief.  Versuchten  wir  weiter  oben  darzulegen, 
wie  das  Merkantilsystem  der  freien  Entwicklung  des  privaten 
„Lebensversicherungswesens"    sich    ungünstig    erwies,    so    müssen 


^)  Gf.  über  Price  Lippert,  im  „Handwörterbuch  der  Staatswissensch&ften^, 
6.  Bd.,  S.  279  f. 

186 


—     77     — 

wir  nunmehr  vom  IndividuaUBmns  das  Gegenteil  behaupten.  Die 
durch  denselben  begründete  Reduktion  staatlichen  Eingreifens  und 
staatlicher  Unterstützung  auf  ein  Minimum,  die  Auflösung  der 
Zünfte,  der  alten  Träger  der  Assekuranz  —  dies  mufste  ebenso 
sehr  das  Bedürfnis  nach  selbständiger  Versicherung  hervortreten 
lassen,  wie  andrerseits  das  Walten  des  „laisser  faire,  laisser 
passer"  zur  Vereinigung  vieler  zum  Zwecke  der  Erreichung  gemein- 
samer Ziele  hindrängte.  Denn  so  wohlthätig  man  auch  die  neue 
ökonomische  Freiheit  empfand,  man  erkannte  doch  bald,  dafs  der 
einzelne  oft  viel  zu  schwach  sei,  sein  Interesse  allein  wahrzunehmen^ 
viel  zu  schwach  auch  besonders,  für  sich  den  verschiedenen 
Wechselfallen  des  menschlichen  Lebens  erfolgreich  die  Stirn  zu 
hieten.  Man  schlofs  sich  daher  zusammen,  wenn  es  galt,  ein 
hestimmtes,  ökonomisches  Bedürfnis  zu  befriedigen,  wozu  die  iso* 
lierten  Ejräfte  des  Individuums  nicht  ausreichten.  In  betreff  des 
Yersicherungsbedürfnisses  aber  boten  hierfür  die  schon  bestehen- 
den Gesellschaften  auf  Gegenseitigkeit  eine  vorzüglich  geeignete 
Form  dar.  Sie,  in  denen  das  Prinzip  der  freien  Association 
schon  verwirklicht  wurde ,  erschienen  berufen ,  die  durch  den  Um- 
schwnng  erledigte  Stelle  der  korporativen  und  staatlichen  Unter- 
stützungen fürder  einzunehmen.  So  war  es,  wie  Elster^)  mit 
Becht  bemerkt,  kein  Zufall,  dafs  „in  eben  die  Zeit,  in  der  die 
Lehre  von  der  Harmonie  der  Interessen  bei  ungehindertem  Walten, 
der  greisen  Naturgesetze  verkündet  wurde,  auch  die  weitere  Aus- 
breitung und  gedeihlichere  Entwickelung  des  Assekuranzwesens  fiel". 
Die  Erscheinung  hatte  vielmehr  ihre,  wie  wir  sahen,  einfache  und 
„natnrgemäfse  Begründung". 

Für  England  speziell  bewirkten  die  grofsen  Erfolge  der  Equi- 
table,  dafs  teils  noch  Ende  des  besprochenen,  teils  im  Beginn  des 
19.  Jahrhunderts  nach  ihrem  Muster  noch  weitere  „Lebensver- 
sicherungsinstitute" entstanden:  so  Pelikan  (1797),  London  Life^ 
Provident  und  Bock  (letztere  drei  1806).  Diese  hatten  sich 
alle  der  Gunst  des  Publikums,  welches  von  nun  an  die  Fort- 
schritte der  „Lebensversicherung"  mit  lebhafter  Teilnahme  ver- 
folgte, zu  erfreuen.  Von  Jahr  zu  Jahr  wurden  die  Zustände  besser, 
die  Zahl  der  Anstalten  vergröfserte  sich  mehr  und  mehr,  und 
neben  der  Form  der  Gegenseitigkeit  fand  auch  die  der  Aktien- 
gesellschaft  und  des  sogenannten  gemischten  Systems  Anwendung. 


^)  Die  LebensverBicherung  in  Deutschland,  S.  1  f. 

287 


—     78    — 

1830  zählte  Grofsbritannieii  schon  36  „LebenBYersicberungsgesell- 
Schäften")  unter  denen  die  Equitable  indessen  immer  noch  die  erste 
Stelle  einnahm.  Der  Grund  hierfür  lag  wohl,  abgesehen  von  der 
Yortreff liehen  Dirigierung  des  Instituts  (wir  erinnern  an  Babbage. 
W,  und  A.  M  0  r  g  a  n  y  Männer,  die  in  der  Yersicherungswelt  rühmlichst 
bekannt  sind),  in  den  hohen  Gewinnanteilen,  welche  die  Anstalt  ge- 
währte, und  die  ihr  immer  neue  Mitglieder  zuführten,  bis  man 
endlich,  im  Jahre  1816,  die  Zahl  der  letzteren  auf  6000  zu  be- 
schränken beschlofs.  —  Bald  erweiterte  sich  der  Geschäftskreis  der 
englischen  Anstalten  auch  weit  über  die  Grenzen  Grofs-Britanniens 
hinaus,  Frankreich,  Deutschland,  Amerika  und  andre  Länder 
wurden  in  das  englische  Yersicherungsgebiet  hineingezogen.  Dafs 
freilich  neben  den  solide  arbeitenden  Assekuranzgesellschaften  viel- 
fach auch  betrügerische  Unternehmungen  auftauchten,  darf  bei  der 
Ergiebigkeit  des  Geschäfts  nicht  verwundern.  Vielmehr  wird  diese 
Thatsache  um  so  erklärlicher,  als  die  gesetzlichen  Beschränkungen 
und  die  staatliche  Kontrolle  des  Versicherungswesens  sehr  mangel- 
haft waren,  namentlich  seitdem  man  (von  1825  an)  die  Tendenz  ver- 
folgte, möglichst  die  Begründung  von  Aktien-  und  andern  Handels- 
gesellschaften zu  erleichtem.  „Die  Glanz-,  aber  auch  die  tiefen 
Schattenseiten  des  Erwerbsgesichtspunktes^  —  sagt  A.  Wagner^) 
—  „sind  in  England  ....  besonders  deutlich  hervorgetreten :  rasche 
Ausdehnung  des  Geschäfts,  grofse  Anzahl  Versicherter  mit  erheblichen 
Beiträgen,  besonders  für  die  eigentliche  Kapitalversicherung  auf  den 
Todesfall  —  unterstützt  durch  den  britischen  Volksreichtum  und 
durch  die  Majoratsverhältnisse,  wo  es  auch  in  den  vornehmen  Klassen 
gilt,  die  jüngeren  Kinder  sicher  zu  stellen  — ,  grofse,  übertriebene^ 
weit  mehr  Übles  als  Gutes  schaffende,  mit  unreellen  Mitteln  ar- 
beitende Konkurrenz,  vielfaches  Eingehen,  Fusionieren,  Zusammen- 
bruch von  Gesellschaften.  Bis  Ende  1868  waren  z.  B.  366  Gesell- 
schaften errichtet,  davon  177  in  andere  Gesellschaften  angegangen, 
76  aufgelöst  worden,  113  bestanden  noch,  wovon  seitdem  eine  weitere 
Anzahl  verschwunden,  andere  wieder  neu  errichtet  sind."  Besondrer 
Beliebtheit  erfreute  sich  unter  den  Schwindelgesellschaften  das  Ver- 
fahren der  „  Amalgamierung",  d.  h.  der  Übergabe  des  Versicherungs- 
bestandes an  eine  andre  Anstalt,  wenn  die  ursprüngliche  sich  nicht 
mehr  zu  halten  vermochte.    Kamp')  gibt  hierfür  ein  interessantes 


*)  L.  c,  S.  1011. 
»)  L.  c,  S.  84  f. 

888 


—     79     — 

Beispiel  an:  „National  Assnrance  Investment^',  sagt  er,  ,yhörte  1861 
auf  nnd  yerkaufle  (!)  ihre  Versicherten  an  Waterloo;  diese  Gesell- 
schaft hörte  1862  auf  und  yerkaufte  ihre  Versicherten  an  British 
Nation;  diese  Gresellschaft  hörte  1865  auf  und  verkaufte  ihre  Ver- 
sicherten an  European !  Während  vier  Jahren  erlitten  somit  dieselben 
Policen  nicht  weniger  als  drei  Schiffbrüche,  bevor  sie  den  Hafen 
erreichten !''  Vergeblich  waren  im  Anfang  die  Versuche  der  Re- 
gierung, dem  Unwesen  zu  steuern :  Weder  die  1844  erlassene  Joint- 
Stock-Oompanies-Act;  welche  die  Einrichtung  eines  besondem  Kon- 
trollamts anordnete,  noch  einige  spätere  Mafsnahmen  waren  von 
durchgreifender  Wirkung.  Erst  die  1870  zum  G^etz  erhobene  soge- 
nannte Life -Assurance-Companies- Act  hat  endlich  eine  Besserung 
der  obwaltenden  Zustände  herbeigeführt. 

Im  Jahre  1891  —  es  sind  dies  die  neuesten  Zahlen,  welche  uns 
znr  Verfugung  standen  ^)  —  besafs  England  89  „Lebensversicherungs- 
geseUschaften'^  mit  einem  Versicherungsbestand  von  474068624  M 
(ca.  9  Milliarden  Mark).  Hierzu  kamen  noch  Bentenversicherungen 
im  Betrage  von  1023009  £,  Daneben  erzielte  die  zu  aufserordent- 
lich  hoher  Blüte  gelangte  Arbeiterassekuranz  eine  Bestandziffer  von 
90983  761  £j  wovon  der  grösste  Teil  auf  eine  einzige  Anstalt,  die  Pru- 
dential, entfiel ;  bei  dieser  allein  betrug  die  Zahl  der  in  Kraft  befind- 
lichen Policen  nahezu  10  Millionen.  — 

Von  Grofsbritannien  aus  verbreitete  sich,  besonders  seit  dem  Be- 
ginn unsres  Jahrhunderts,  das  moderne  „Lebensversicherungswesen'' 
über  die  wichtigsten  heutigen  Kulturstaaten,  indem  vornehmlich  die 
Ausdehnung  des  Geschäftskreises  der  englischen  Anstalten  auf  das 
Ausland  die  Bekanntschaft  der  Institution  sehr  bald  verallgemeinerte. 
Hit  der  Begründung  eigner  „Lebensversicherungsgesellschaften'' 
machten  Frankreich,  Deutschland  und  Nordamerika  den  Anfang;  ihr 
Beispiel  hat  dann  die  übrigen  in  Betracht  kommenden  Länder  nach 
sich  gezogen.  Wir  werden  im  folgenden  kurz  darzulegen  haben,  wie 
dies  im  einzelnen  vor  sich  ging,  müssen  aber  hierbei  eine  Schilderung 
deijenigen  Zustände  vorausschicken,  welche  bis  zur  Reform  in  dem 
Versicherungswesen  der  betreffenden  Staaten  obwalteten ;  u.  zw.  von  jener 
Zeit  an,  bei  weicher  unsre  Darstellung  weiter  oben  stehen  geblieben  war. 

')  Dieselben  sind  dem  XIV.  Jahrgang  des  ^^Assecuranz- Jahrbuchs"  von  Ehren- 
zweig  (3.  Teil,  S.  377)  entnommen.  (Der  neuerdings  erschienene  XV.  Jahrgang 
gestattet  über  den  Gesamt -Versicherungs- Bestand  der  englischen  Gesellschaften 
keinen  fiebern  Überblick.) 


239 


—    80    — 

Frankreich  war  bei  Schaffung  der  wissenachaftlichen  Grund« 
lage^  auf  welche  sich  der  Betrieb  modemer  y^LebensTersicherung'' 
stützt,  in  verdienstvollster  Weise  beteiligt  gewesen:  Die  Erfindung, 
sowie  groisenteils  die  weitere  Ausbildung  der  Wahrscheinlichkeitsrech- 
nung verdanken  wir  Franzosen,  und  ein  Franzose,  D6parcieuz,  war 
es  auch,  welcher  die  rationelle  Methode  für  Aufstellung  von  Mortalitäts- 
tabellen gebührend  zur  Geltung  brachte.  Dafs  man  hier  dennoch  die 
Ergebnisse  der  Theorie  erst  ziemlich  spät  in  die  Praxis  übersetzte, 
schreibt  Grosse,^)  wie  uns  scheint  mit  Becht,  dem  umstände  zu, 
„dafs  der  Geist  der  Masse,  soweit  er  sich  auf  dem  Gebiet  der  Lebens- 
versicherung überhaupt  bethätigte^  an  den  (gerade  in  Frankreich 
vielfach  bestehenden)  Tontinen  mit  ihren  fabelhaften  Versprechungen 
sein  Genügen  fand,  während  die  Staatsgewalt  lange  Zeit  hindurch 
im  Interesse  ihrer  auf  Leibrenten  geschlossenen  Anleihen  jedenfalls 
kein  Verlangen  fühlte,  die  eigentliche  Lebensversicherung  besonders 
zu  fördem'^^)  So  begegnet  uns  denn  erst  1787  eine  französische 
eigentliche  „Lebensversicherungsgesellschaft^',  zugleich  das  erste 
moderne  Assekuranzuntemehmen  dieser  Art  auf  dem  Kontinent. 
Es  war  die  Compagnie  royale  d'assurances,  welche,  begründet  im 
Anschlufs  an  eine  kurz  vorher  errichtete  Feuerversicherungsanstalt, 


*)  In  einem  Aufsatz:  .3^iträge  zur  Geschichte  der  Lebensveraicherang  in 
Frankreich  während  der  grofsen  Revolution."  in  Ehrenzweig's  ,^88ecuranz- 
Jahrbuch**,  XII.  Jahrgang  (Wien,  1891)  3.  Teil,  S.  3flf. 

*)  Erwähnt  sei  an  dieser  Stelle  das  Vorkommen  einer  —  wie  es  scheint  in- 
dividuellen —  Versicherung  auf  kurze  Zeit  (Lebensversicherung  auf  Zeit,  Kapital- 
versicherung für  den  Fall  des  Todes  innerhalb  bestimmter  Frist)  in  Frank- 
reich. Interessante  Notizen  darüber  finden  sich  bei  Frh.  v.  Bielefeld,  Lehr* 
begriff  der  Staatskunst,  2.  Teil  (Breslau  und  Leipzig,  1761),  S.  543  f.  und  bei 
Krünitz,  „ökonomisch  -  technologische  Encyklopädie",  2.  Teil  (Berlin,  1782) 
Artikel  „Assekuranz -Anstalten".  S.  571fr.,  insb.  S.  598  f.  Wer  eine  „öffentliche 
Bedienung**  käuflich  zu  erwerben  wünschte,  ging  bei  einer  andern  Person  gegen 
Jährlich  zu  zahlende  Prämien  eine  derartige  Assekuranz  auf  10,  15  oder  20  Jahre 
ein.  Der  Käufer  des  Amtes  wollte  mittels  dieser  Mafsnahme  seinen  Angehöxigen 
«in  Kapital  sicherstellen,  für  den  Fall,  dafs  er  stürbe,  ohne  zuvor  aus  den 
Amtseinkünften  den  für  Erlangung  jener  .Bedienung**  aufgewendeten  Kaufpreis 
sich  wieder  verschafft  zu  haben.  Dafs  solche,  von  v.  Bielefeld  und  von 
Krünitz  als  Lebensversicherungskohtrakte  bezeichnete  Verträge  gerade  in  Frank- 
reich vorgekommen  seien,  läfst  sich  aus  der  Bemerkung  des  ersteren  schliessen« 
„diese  Art  des  Handels**  sei  .,in  denen  Ländern  ziemlich  eingeführet,  wo  die 
grofsen  Ämter  feil  sind**.  Speziell  in  Frankreich  aber  war  seit  Ludwig  XII, 
(1498 — 1515)  die  Kreierung  käuflicher  Ämter  „zur  wahren  Kunst**  entwickelt. 
(Grosse,  im  VI.  Jahrgang  des  Ehrenzweig'  sehen  „  Assecnranz-Jahrbuchs**, 
2.  TeU,  S.  19.) 

240 


—  Sl- 
am 3.  November  des  genannten  Jahres  durch  Erlafs  des  Staatsrats 
Lndwig's  XYI.  autorisiert  wurde.  Dieselbe  war  eine  Aktiengesell- 
schafty  beruhte  auf  durchaus  solider  Basis  und  zeigte  in  ihrer  ganzen 
Struktur  eine  Nachbildung  der  englischen  Einrichtungen.  Indes  trotz 
aller  Vorzüge,  ja,  selbst  ungeachtet  eines  Monopols,  welches  die  Re- 
gierung dem  Unternehmen,  um  es  konkurrenzfähig  zu  machen,  auf 
15  Jahre  yerlieh,  gelang  es  demselben  nicht,  festen  Boden  zu  ge- 
winnen. Es  ging  nach  kurzem  Bestehen  —  schon  im  Jahre  1792 
—  wieder  unter.  OfiPenbar  waren  die  Stürme  der  Bevolution,  welche 
die  Compagnie,  namentlich  infolge  der  engen  Beziehungen  ihrer 
Kapitalien  zu  den  Staatsfinanzen,  sehr  hart  treffen  mufsten,  die 
hauptsächliche  Ursache  für  deren  baldige  Auflösung:  keineswegs 
aber  die  einzige. 

ünbeeinflufst  nämlich  durch  die  im  ganzen  nicht  ermutigen- 
den Erfahrungen,  welche  man  mit  den  Tontinen  noch  in  den  letz- 
ten Jahren  gemacht  hatte  —  alle  im  Zeitraum  von  16S9 — 1769 
errichteten  mufsten  1770  wieder  aufgehoben  werden  ^)  —  fand  die 
Tontinen-Idee  doch  immer  wieder  von  neuem  Anklang  im  Publikum. 
„Die  mehr  der  Phantasie,  als  dem  rechnenden  Verstände  zusagenden^ 
Bentenversicherungen  dieser  Art  mit  ihren  weitausschauenden  Ver- 
sprechungen und  Vorspiegelungen  besagten  dem  Volke  besser,  als 
die  Torsichtig  arbeitenden  „Lebensassekuranzinstitute".  Als  daher  im 
Jahre  17SS  von  einem  gewissen  Faucheres  die  Erlaubnis  zur 
Wiedereröffnung  einer  jener  1770  geschlossenen  Tontinen,  der  weiter 
oben  (S.  59)  erwähnten  Chambre  d'accumulation  de  capitaux  et  d'intS- 
rets  compos^s ,  Ton  der  Regierung  erbeten  wurde ,  entstand  der 
Compagnie  royale  eine  nicht  zu  unterschätzende  und  yon  ihr  wohl 
erkannte  Gefahr.  Vergebens  versuchte  sie,  im  Hinweis  auf  ihr 
Privileg,  die  staatliche  Genehmigung  des  Unternehmens  zu  verhin- 
dern. Man  berief  sich  auf  die  unterschiede  zwischen  den  von  der 
Tontine  zu  erbringenden  Leistungen  und  jenen  einer  „Lebensver- 
sicherungsanstalt^,  und  erteilte  die  nachgesuchte  Erlaubnis.  Es 
nützte  auch  wenig,  dafs  die  Königliche  Lebensassekuranzgesell- 
schaft nun  unverweilt  gleichfalls  eine  Tontinenabteilung  ihrem  Ge- 
schäftsbetriebe beifügte.  Die  Aussichten,  welche  die  neue  Kasse 
nach  den  Projekten  Faucheres'  und  insbesondere  des  von  ihm 
mit  herangezogenen  Lafarge  gewährte,  waren  zu  verlockend,  ala 


')  Cf.  Grosse,  in  Ehrenzweig's  „Assekuranz-Jahrbuch**,  VI.  Jahrgangs 
2.  Teil,  S.  20. 

Btafttswiasenieluifa.  Stadien.    V.  241  ^ 

17 


—     82    — 

dafs  dieselbe  —  mochte  ihre  Grundlage  auch  eine  unsichere  sein  — 
den  Beifall  der  Masse  nicht  hätte  finden  sollen. 

Nach  einem  der  Verfieissung  gebenden  Versammlung  im  Jahre 
1790  unterbreiteten  Plane  sollten  yon  den  Teilnehmern  an  dem  be- 
zeichneten unternehmen  einmal  zu  erbringende  oder  in  zehn  jähr- 
lichen Raten  zu  zahlende  Beiträge  in  Höhe  von  90  francs  geleistet 
werden,  über  welche  Bescheinigungen  ausgegeben  würden.  Zehn 
Jahre  lang  wollte  man  diese  Einzahlungen  aufsparen  und  nutzbringend 
anlegen,  Tom  elften  Jahre  an  jedoch  die  Zinsen  des  Kapitals  all- 
mählich, in  Portionen  von  je  46  fr.  geteilt,  zur  Auszahlung  gelangen 
lassen,  soweit  eben  jene  Portionen  ausreichten.  Welche  Inhaber 
yon  Bescheinigungen  hierbei  zuerst  Berücksichtigung  zu  finden  hätten, 
sollte  das  Los  entscheiden.  Die  übrigen  beabsichtigte  man  warten 
zu  lassen,  bis  neue  Zinsen  und  die  Anteile  verstorbener  Teilnehmer 
auch  ihnen  den  Bezug  einer  Anfangsrente  von  45  fr.  ermöglichen 
würden.  Erst  von  diesem  Momente  an  wurde  eine  allmähliche 
Steigerung  des  Bentenbetrags  bis  höchstens  3000  fr.  in  Aussicht 
genommen.  Was  über  3000  fr.  hinausging,  sollte  dem  Staate  an- 
heimfallen, die  Anlage  der  Fonds  in  Staatsschuldscheinen  erfolgen. 
Der  Pariser  Stadtverwaltung  war  die  Oberaufsicht  über  das  Institut, 
Lafarge  die  Leitung  desselben  zugedacht.  Der  Plan  wurde  in  der 
Versammlung  von  Mirabeauu.  a.  befürwortet,  trotzdem  aber,  ins- 
besondere durch  das  Abraten  Robespierre's,  abgelehnt.  Man 
mufste  sich  darauf  beschränken,  das  unternehmen  als  Privatanstalt 
unter  dem  Namen  Caisse  d'epargne  et  de  bienfaisance  aufzuthon, 
wobei  man  die  zu  Gunsten  des  Staates  im  ersten  Entwurf  noch  in 
Aussicht  genommene  Beschränkung  der  Renten  auf  3000  fr.  fallen 
liefs.  Während  weniger  Jahre  hatte  Caisse  Lafarge  (wie  man  das 
Institut  gewöhnlich  bezeichnet)  eine  Q-esamtprämie  von  ca.  66  Milli- 
onen francs  eingenommen.  Aber  die  Operationen  der  auf  schwan- 
kender Basis  ruhenden  Kasse  begannen  bald  einen  so  verdächtigen 
Charakter  zu  zeigen ,  dafs  die  Begierung  1809  eine  Untersuchung 
gegen  dieselbe  einleitete.  Deren  höchst  ungünstige  Ergebnisse  hatten 
ein  kaiserliches  Dekret  zur  Folge,  welches  die  Auflösung  der  Anstalt 
befahl  und  eine  Kommission  einsetzte,  um  wenigstens  den  noch  vor- 
handenen Geldbestand  ordnungsmäfsig  unter  die  Mitglieder  zu  ver- 
teilen. Doch  erhielten  die  letzteren  nur  eine  geringe  Quote  ihrer 
Einlagen  zurück.  Aufserdem  wurde  verfügt,  dafs  fürderhin  kein 
Unternehmen  nach  der  Art  der  Tontinen  ohne  staatliche  Autorisation 
mehr  errichtet  werden  dürfte,   die  schon  bestehenden  aber  —   es 

249 


—     83     — 

hatten  sich  deren  nach  dem  Vorgehen  der  Caisse  Lafarge  noch 
andre  etabliert  —  diese  AntorisatioD  nachträglich  einzuholen  hätten. 
Dem  Tontinenwesen  war  damit  vorgebeugt^ ')  indessen  hat  sich  wohl 
das  Mifstraueu,  welches  durch  diese  Mafsnahmeo  in  weiten  Kreisen  be- 
stärkt wurde,  auch  dem  Emporkommen  der  eigentlichen,  den  Tontinen 
in  manchen  Punkten  ähnlichen  ,,LebeDsassekuranzinstitute"  hemmend 
in  den  Weg  gestellt.  Jedenfalls  verging  eine  verhaltDismärsig  lange 
Zeit,  bevor  in  Frankreich  wieder  an  die  Errichtuug  eines  solchen 
gedacht  werden  konnte. 

Erst  im  Jahre  1819  erhielt  ein  dahin  zielendes  Projekt  die  Kon- 
zession der  Behörden,  nachdem  vorher  der  Staatsrat  sich  über  das- 
selbe günstig  ausgesprochen  hatte.  Es  war  die  Compagnie  d'assurances 
gen^rales  sur  la  vie,  welcher  durch  königliche  Ordonnanz  vom 
29.  Dezember  1819  diese  Autorisation  zu  teil  wurde,  und  die  bald 
darauf  ihren  Geschäftsbetrieb  eröffnete.  Schon  im  nächsten  Jahre 
warde  noch  eine  zweite  Anstalt,  Koyale,  die  später  den  Namen 
Nationale  annahm^  genehmigt,  und  neun  Jahre  nachher  folgte  dieser 
eine  dritte,  rXJnion.  Während  des  Zeitraums  von  1841  —  1866  schritt 
man  zur  Gründung  von  sechs  weiteren  „Lebensversicherungsanstalten'^, 
welche,  wie  die  älteren,  sämtlich  Aktiengesellschaften  waren.  Es 
blieb  jedoch  auch  jetzt  noch  für  die  ganze  Entwicklung  der  „Lebens- 
versicherung^^ in  Frankreich  von  höchst  ungünstiger  Wirkung,  dals 
es  im  Publikum  an  Interesse  fUr  dieselbe  fehlte,  dafs  gewisse  Vor^ 
urteile  besonders  der  Kapitalversicherung  auf  den  Todesfall  entgegen- 
standen, während  die  Begierung  noch  obendrein  das  Aufkommen  der 
Anstalten  durch  die  säumige  Art  der  Konzessionserteilung  zu  hemmen 
pflegte.  Mehr  Anklang  und  Verbreitung  fand  auch  in  Frankreich 
das  moderne  „Lebensassekuranzwesen^^  erst  in  der  neuesten  Zeit. 
Das  Vorgehen  der  Kaiserin  Eugenie,  welche  ihr  Leben  zu  wohl- 
thätigen  Zwecken  1864  versichern  liefs,  und  die  Errichtung  einer 
besondem  Abteilung  der  Gesellschaft  le  Monde  für  Todesfallversiche- 
rangen  zu  Gunsten  des  Papstes,  durch  welche  der  E^erus  für  das 
Institut  gewonnen  wurde,  mögen  hierauf  nicht  ohne  Einflufs  geblieben 
sein.     Teilweise   hat   der   Staat   selbst  Versichererfunktionen    über- 


*)  Die  noch  bestehenden  Tontinen  gingen  bald  unter;  1816  tauchten  dann 
Internehmen  dieser  Art  nochmals  auf,  erreichten  eine  Blütezeit  nach  1833,  um 
schliefslich  um  die  Mitte  des  Jahrhunderts  wiederum  in  Verfall  zu  geraten.  Cf. 
Ronge.  Artikel  „Renten"  im  ..Staatslexikon"  von  Rotteck  und  Welcker, 
12.  Bd.,  3.  Ana.,  S.  486. 

17* 


—    84    — 

nommen  uud  Kassen  für  ^yLebensversicherung^^  begründet,  doch  ohne 
mit  denselben  gute  Erfolge  zu  erzielen. 

Im  Jahre  1892  betrug  der  Yersicherungsbestand  bei  den  fran- 
zösischen Anstalten  über  3392  Millionen  francs,  abgesehen  von  der 
(sich  besondrer  Vorliebe  erfreuenden)  Bentenversicherung,  ^welche  sich 
auf  50  Millionen  francs  belief.  ^) 

In  Deutschland  war  während  der  Dauer  des  Yorigen  Jahr- 
hunderts der  allgemeine  Grundgedanke  der  Lebensversicherung,  ins- 
besondre die  Versorgung  Ton  Witwen  und  Waisen,  keineswegs  ver- 
nachlässigt worden.  Indes  zu  modernen  Einrichtungen  kam  es,  trotz 
mannigfacher  Hinweise  von  gelehrter  Seite,  damals  nicht.  Dieses 
passive  Verhalten  der  deutschen  Lande  gegenüber  den  assekuranz- 
wissenschaftlichen Fortschritten  findet  seine  Erklärung,  zum  grofsen 
Teil  wenigstens,  wieder  in  dem  Vorherrschen  der  merkantilistischen 
Politik,  die  sich  hier  naturgemäfs  länger  als  in  England  erhielt  (vergl. 
S.  76,  a.  E.).  Überall,  wo  das  Merkantilsystem  zur  Durchführung 
gelangt  war,  hielt  man,  wie  schon  weiter  oben  erwähnt,  vornehmlich 
auch  ein  Wachstum  der  Bevölkerung  für  wünschenswert.  Ganz  be- 
sonders aber  war  dies  in  Deutschland  und  zumal  in  Norddeutschland 
der  Fall,  welches  die  Stürme  der  grofsen  Kriege  im  17.  und  auch  im 
vorigen  Jahrhundert  vielfach  wirklich  entvölkert  hatten.  Kein  Wun- 
der, wenn  gerade  hier  der  Staat  aufs  sorgfältigste  darauf  Bedacht 
nahm,  möglichst  alle  Hindemisse  aus  dem  Wege  zu  räumen,  welche 
dieser  seiner  Politik  zuwiderliefen,  wenn  er  Eheschliefsungen  begün- 
stigte und  Umstände,  die  von  derselben  hätten  abhalten  können,  so- 
weit es  irgend  anging,  beseitigte.  Daher  seine  Fürsorge  für  Aus- 
steuerladen, daher  die  Begründung  zahlreicher  Witwen-  und  Waisen- 
kassen durch  denselben.  Denn  die  Sorge  für  das  Wohl  der  Angehörigen 
im  Falle  etwaigen  frühen  Todes  ihres  Ernährers,  und  zumal  das  Bei- 
spiel wirklichen  Elends  solcher  Hinterbliebenen,  hätten  Grund  genug 
bieten  können,  eine  Verheiratung  zu  unterlassen.  Rief  aber  die  Re- 
gierung, d.  h.  der  Landesherr,  nicht  selbst  derartige  Kassen  ins  Leben, 
so  suchte  er  wenigstens  ihre  Errichtung  von  andrer  Seite  möglichst 
zu  fördern,  unterstützte  Unternehmen  dieser  Art  vielfach  durch 
Geldmittel  und  übte,  nach  dem  Muster  der  eignen  Anstalten,  strenge 
Kontrolle  über  dieselben  aus.    So  fand  das  Versicherungsbedürfrds 

*)  Cf.  Ehrenzweig's  „Assecuranz-Jahrbuch'*,  XV.  Jahrgfang  (Wien,  1894) 
3.  TeU,  S.  339. 

244 


—     85     — 

des  Volkes  mehr  oder  minder  durch  staatliche  und  auch  private 
Wohlthätigkeit  seine  Befriedigung,  der  Gedanke  eignen,  aus- 
schliefslich  selbstthätigen  Sparens,  wie  es  das  moderne  „Lebens- 
versicherungswesen'' voraussetzt,  lag  ihm  im  allgemeinen  femer. 
Wo  er  aber  im  einzelnen  auftauchte,  genügte  zu  seiner  Bethätigung 
die  Beihilfe  zu  den  von  fremder  Hand  gebotenen  Unterstützungen 
oder  der  Beitritt  zu  den  vorhandenen  unvollkommenen  Instituten. 
Die  staatswissenschaftlichen  Schriften  jener  Zeit  bezeugen  durchaus 
den  tiefgehenden  Einflufs,  den  die  Begierungskunst,  wie  allenthalben^ 
auch  auf  dem  Gebiete  des  Assekuranzwesens  ausübte.  So  schreibt 
schon  J.  H.  Gottlob  v.  Justiin  seinen  „Grundsätzen  der  Folicey- 
wissenschaft^'  ^)  wörtlich :  „Endlich  mufs  man  auch  vor  die  Witben 
in  allen  Ständen  Vorsorge  tragen.  Je  weniger  arme  Persohnen  in 
dem  Staate  vorhanden  sind,  je  weniger  Überlästigkeit  und  Verfall 
hat  der  Nahrungsstand  zu  befurchten ;  und  man  siebet  nicht,  warum 
nicht  eine  allgemeine  Witben -Casse  im  Lande  errichtet  werden 
könte  .  . .  etc.  etc.'^  Das  Projekt  einer  solchen  Kasse  sollte  so- 
dann, wie  V.  Justi  richtig  erkennt  „auf  gründlichen  Ausrechnungen, 
auf  vorsichtigen  Anschlägen  und  auf  der  Anzahl  Menschen,  die  jähr- 
lich zu  sterben  pflegen,  beruhen'^  Noch  deutlicher  spricht  sich 
Günther  Heinrich  v.  Berg  in  seinem  „Handbuch  des  teutschen 
Policeyrechts'^^  aus:  Auch  ihm  erscheinen  Anstalten  zur  Sicher- 
stellung und  Erleichterung  des  Unterhalts  der  Witwen  und  Waisen 
vorzügliche  Hilfsmittel  gegen  Verarmung,  welche,  wie  er  sagt,  „daher 
die  Staatspolicey  zu  begünstigen  allerdings  verpflichtet  ist'^  Die 
Art  der  Errichtung  solcher  Kassen  schildert  er  als  verschieden: 
Teils  haben  dieselben  ihren  Ursprung  der  Anordnung  und  „Erey- 
gebigkeit^'  des  Landesherm,  teils  der  Vereinigung  von  Privat- 
personen zu  danken.  In  letzterem  Falle  könne  wieder  staatliche 
Garantie  übernommen  werden,  oder  es  sei  nur  die  landesherrliche 
Genehmigung  erforderlich.    Bei  den  von  der  Regierung  selbst  be- 


>)  Gottingen,  1756,  S.  186. 

*)  8.  Teil,  Hannover,  1800,  S.  208  ff.  ~  Gf.  über  Witwen-  und  Waisenkassen 
•nTserdem  noch  n.  a.  Marperger,  Hontes  Pietatis  oder  Leih-,  Assistenz-  and 
Hfil&häoser,  neue  Auflage,  Leipzig  und  Ulm,  1760,  S.  214 ff.;  v.  Jus  ti,  ebendaselbst, 
S.  581  fil,  S.  684  ff.  Femer  „Leipziger  Sammlungen",  15.  Bd.  (Leipzig,  1761), 
Karsten,  Theorie  von  Witwenkaasen,  (Halle,  1784.).  Endlich  Kritter,  Von 
gwecht  eingerichteten  und  dauerhaften  Waisenkaasen,  in:  „Leipziger  Magazin  für 
reue  und  angewandte  Mathematik^,  2.  Stück,  1786.  Interessant  ist  allenthalben 
der  Hinweis  auf  die  Notwendigkeit  rationeller  technischer  Grundlagen  für  diese 
Institute. 

846 


1 


—    86     — 

gründeten  Anstalten  werde  die  Kasse  vom  Landesherm  mit  einem 
bestimmten  Fonds  errichtet,  die  Landstände  können  zn  Beiträgen 
aufgefordert  werden,  milde  Stiftungen  von  Privatpersonen  fliefsen 
ihnen  öfters  zu.  Solche  Institute  seien  meist  nur  für  gewisse 
Klassen  von  Staatsbürgern  bestimmt  ( —  für  Professoren,  Beamte, 
Prediger  — ),  welche  eventuell  auch  ihrerseits  noch,  allerdings  un« 
verhältnismäfsig  niedrige,  Zuschüsse  zu  zahlen  hätten:  so  bei  der 
Qöttinger  Professoren -Witwen-Kasse.  Anders  stehe  es  mit  denPrivat- 
kasseu,  welche,  von  Privatpersonen  ins  Leben  gerufen,  durch  Einlagen 
und  Beiträge  der  Teilnehmer  die  Mittel  für  ihre  Wirksamkeit  empfangen. 
„Hier,''  sagt  v.  Berg,  „wo  kein  gewisser  Fonds  zur  Grundlage  dient,'' 
mufs  „das  Verhältnis  der  Beyträge  und  der  wahrscheinlich  nothwen- 
digen  Ausgaben  aufs  sorgfältigste  berechnet  werden."  Die  Staatspolizei 
habe  diesen  Punkt  aufs  genauste  zu  beachten,  sei  überhaupt  zur 
Beaufsichtigung  verpflichtet,  besonders  dann,  wenn  „die  Errichtung 
der  Anstalt  nicht  blos  unter  wenigen  Bürgern,  sondern  öffentlich  und 
mit  allgemeiner  Aufforderung  der  Mitbürger  zur  Theilnahme  ge- 
schehen sei".  Es  könne  nämlich  bei  Privatkassen  die  Beschränkung 
auf  bestimmte  Personen  wegfallen  und  eine  allgemeine  Beteiligung 
an  denselben  freigestellt  werden. 

V.  Berg' s  Ausführungen  sind  im  ganzen  zutreffend  und  genau.  Sie 
heben  das  Charakteristische  jenerVersorgungskassen,  auch  ihre  teilweise 
Beschränkung  auf  gewisse  Stände  und  Orte,  ^)  deutlich  hervor.  Hinzuzu- 
fügen wären  nur  noch  einige  Bemerkungen  über  ihre  Technik,  die  aller- 
dings vielfach  als  eine  mangelhafte  sich  darstellt,  besonders  bei  den  von 
Privaten  begründeten  Anstalten.  Man  brachte  nämlich  die  für  jede 
Witwe  ausgesetztePension  jährlich  durch  Bepartition  auf  oder  verteilte 
die  an  bestimmtem  Termin  und  in  gleicher  Höhe  von  den  Teil- 
nehmern erhobenen  Beiträge  Jahr  für  Jahr  gleichmäfsig  unter  die 
zu  versorgenden  Witwen  und  Waisen.  Die  Regel  bildete  indes, 
dafs  ein  Fonds  vorhanden  war  oder  gemeinsam  erspart  wurde,  dessen 
Zinsen  dann  zur  Repartition  gelangten.  In  diesem  wie  im  vorher- 
gehenden Falle  differierten  die  jedesmal  ausgezahlten  Versicherungs- 
summen in  ihrem  Betrage.     Sie  mufsten  mit  zunehmender  Zahl  der 


^)  Es  entstanden  aber  auch  Witwenkassen  für  das  Gebiet  ganzer  Terri- 
torien: So  z.  B.  die  Herzoglich- Würtembergisohe  allgemeine  freiwillige  Witwen- 
nnd  Waysen-Casse  (cf.  über  dieselbe  v.  Justi  bei  Karp erger,  1.  a,  S.  684fil), 
die  dänische  neue  Witwen-Casse,  die  meoklenbarg-sohwerinische,  and  die  olden- 
bnrgische  Witwen-Casse.  Diese  Institute  zeichneten  sich  durch  ihre  verbesserte 
Technik  vielfach  aus. 

246 


—     87     — 

Witwen  immer  geringer  werden.  Eine  Fixierung  der  Höhe  der  Jahres- 
renten erfolgte  nach  Makowiczka^)  zuerst  dnrch  die  Witwenkasse 
ftir  die  preofsischen  Civilstaatsdiener  und  jene  ftir  die  hildesheimschen 
Beamten. 

An  diese  Witwen-  und  Waisenkassen  reihten  sich  zahlreiche 
Trauerpfenniggesellschaften  (Sterbekassen,  Denkthalergesellschaften) 
an.  Braut-  (Heirats-,  Jungfern-) ,  hier  und  da  auch  Junggesellen- 
kassen, nach  ähnlichen  Prinzipien ,  wie  jene,  eingerichtet,  dienten 
daneben  der  Versicherung  auf  den  Lebensfall.  ^)  Der  Beitritt  zu 
solchen  Instituten  war  i.  d.  R.  allen  Ständen  freigestellt.  Doch  er- 
scheiot  natürlich,  dafs,  insofern  für  Militär-  und  Beamtenkreise 
Tielfach  anderweitig  gesorgt  wurde,  hier  mehr  die  bürgerliche, 
später  auch  die  bäuerliche  Bevölkerung  den  Versicherungsbestand 
zu  bilden  pflegte.  Ja,  es  findet  sich  sogar  eine  offene  Bevor- 
zugung des  bürgerlichen  Standes.  So  bestimmt  die  Jungfemkasse 
in  Quedlinburg^)  aus  der  Mitte  des  vorigen  Jahrhunderts  in  ihren 
Statuten  wörtlich:  „Da  diese  Kasse  zum  Besten  der  Bürgerschaft 
abzwecket:  so  sollen  jährlich  nicht  mehr  als  vier  Soldaten -Hoch- 
zeiten gutgethan,  die  übrigen  aber  mit  der  Aussteuer  ins  folgende 
Jahr  verwiesen  werden.^  Auch  die  Denkthalergesellschaften  und  ähn- 
lichen Anstalten  unterstanden  staatlicher  Beeinflussung,  besonders  nach- 
dem mancherlei  in  ihrem  Betriebe  hervortretende  Übelstände  die  Auf- 
merksamkeit der  Regierung  auf  sie  gelenkt  hatten  ^).  Sie  bedurften  be- 
hördlicher Genehmigung  und  erholten  sich  in  verschiedenen  Angelegen- 


')  li.  c,  S.  44. 

*)  OL  über  all'  diese  verschiedenen  Kassen  Karperger,  1.  c,  S.  184  ff.^ 
und  ebendaselbst  v.  Jnsti,  S.  499  ff.  Hannoversohes  Kagarin,  6.  Jahrgang, 
(Hannover.  1769),  S.  998  ff.,  997  ff.,  1009  ff.  und  1026  ff. ;  22.  Jahrgang,  (Hannover, 
1785),  8.  693  ff.,  987  ff.,  1669  ff.  und  1575  ff.  Schlözer,  „Statsanzeigen",  6.  Bd., 
S8.  Heft,  (Göttingen,  1782),  S.  825  ff.,  und  18.  £d.,  (Gottingen,  1789),  S.  77  ff., 
104  ff,  185  f.  und  261  f,  „Leipziger  Magazin  für  die  Mathematik^,  herans^egeben 
TOQ  Bernonlli  und  Hindenbnrg,  1.  Stück,  (1786),  S.  7  ff.  „Annalen  der 
Braonachweig-Lünebargischen  Charlande**,  herausgegeben  von  Jacobi  nnd 
Kraut,  2.  Jahrgang,  1.  Stück,  (Hannover,  1787),  8.  102 ff.;  2.  Stück,  8.  86  ff.; 
8.  Stack,  (1788),  S.  128  ff.  Krünitz,  „ökonomisch-technologische  Encyklopädie", 
178.  Teil,  (Berlin,  1840),  Artikel  „Sterbecasse^  S.  140  ff.  Fleischhauer,  Die 
Sterbecassen-Yereine,  (Weimar,  1882),  S.  2  ff. 

*)  8.  über  diese  Kasse  das  „Journal  yon  und  für  Deutschland'^,  heraut- 
gsgsben  von  Goekingk,  1784,  4.  Stück,  S.  416. 

*)  £inschränkende  Verordnungen  gegen  die  Sterbekassen  wurden  1779  im 
Henogtum  Braunsohweig,  1781  in  Preufsen,  1789  im  Ghur-Braunschweigischen. 
und  in  Bremen  erlassen. 

S47 


—    88     — 

faeiten  Kat  bei  der  Obrigkeit.  Jene  schon  genannte  Quedlinborger  Kasse 
z.  B.  erbat  und  erhielt,  als  sie  bemerkte,  dafs  ihre  bisherigen  An- 
ordnungen nicht  haltbar  wären,  eine  Abänderung  derselben  von  der 
Regierung.  In  der  letzten  Hälfte  des  vorigen  Jahrhunderts  erfreuten 
sich  diese  Anstalten  einer  allgemeinen  Beliebtheit,  besonders  in 
Norddeutschland,  wo  allein  in  der  Stadt  Berlin  während  der  Jahre 
1776 — 1777  elf  bedeutendere  neben  noch  etlichen  kleinen  Sterbe- 
kassen bestanden.  Ihre  Technik  liefs  jedoch  i.  d.  B.  sehr  viel  zu 
wünschen  übrig  —  wir  verweisen  auf  das  über  sie  weiter  oben 
(S.  49  f.)  Gesagte  —  rationelle  Grundlagen  waren  ihnen  zumeist 
fremd.  Eine  Ausnahme  bildeten  u.  a.  die  allgemeine  Yersorgungs- 
anstalt  in  Hamburg  (errichtet  1778)^)  und  die  Zellische  Spaarcasse 
für  Sterbefalle  (gegründet  1785),*)  welche  mehr  den  Charakter 
gemeinsamer  Sparinstitute  aufwiesen,  und  von  denen  speziell  die 
erstere,  ähnlich  wie  in  England  die  Amicable,  als  Vorläufer  modemer 
„Lebensversicherungseinrichtungen "  bezeichnet  werden  darf.  Im 
grofsen  und  ganzen  aber  hat  sich  das  Sterbekassenwesen  in  Deutsch- 
land wenig  bewährt.  Von  seinen  Mängeln  überzeugt,  eiferten  viele 
denkende  Männer,   so  u.  a.  Eritter")  mit  Schärfe  gegen  dasselbe 

')  Diese  Anstalt  hatte  aufser  der  BescbafiTung  von  Sterbegeldern  auch  die 
Gewähr  von  Leibrenteui  Witwen-  und  Waisenversorgungen,  u.  dergl.  m.  zum 
ZieL  Sie  vereinte  nach  dem  Bericht  des  ^Historisch -politischen  Magazins'' 
(2.  Jahrgang,  8.  Bd.,  Hamburg  1788,  Seite  295  ff.  und  878  ff.,  insbes.  802)  „nicht 
nur  alle  und  jede  bis  dahin  bekannt  gewesene  Versorgüngsarten  in  einem  vorhin 
unbekannten  gemeinschaftlichen  Zusammenhange**,  sondern  verband  „mit  denselben 
annoch  überdiefs  mehrere  ganz  neue,  wenigstens  bisher  in  Deutschland  nirgends 
vorhandene  Gelegenheiten,  sich  und  andere  zu  versorgen".  Der  Eintritt  in 
das  Institut  stand  sowohl  Einheimischen,  als  Fremden  offen,  eine  lokale  Be- 
grenzung also  fand  nicht  statt.  Seine  Technik  war  eine  rationelle.  Alter,  Ge- 
sundheitszustand und  Beruf  der  Mitglieder  wurden,  ähnlich  wie  bei  einer  mo- 
dernen „Lebensversicherungsgesellschaft",  in  Bücksicht  gezogen.  Der  Plan  zu 
dem  Unternehmen,  von  Oeder  entworfen,  basierte  auf  „den  Grundsätzen  der 
grÖfsesten  Mathematiker**  und  auf  „einer  mehrjährigen  sorgHUtigen  Sammlung, 
Prüfung  und  Yergleichung  aller  bisher  hierüber  bekannt  gewordenen  Er&h- 
rungen**.  Doch  bewegte  sich  der  (sehr  niedrig  angesetzte)  Betrag  der  Versicherungs- 
summe innerhalb  enger  Grenzen :  Er  belief  sich,  nach  dem  Belieben  des  Versiche- 
rungsnehmers, von  10  Beiohsthalem  Banco  (und  darunter)  bis  zu  höchstens  400 
Beichsthalem.  Gf. auch  Krünitz  („Encyklopädie**,  71. Teil,  Berlin,  1796,  8. 162  ff.), 
der  wörtlich  die  Ausfuhrungen  des  „Historisch-politischen  Magazins**  wiedergiebt. 

*)  Näheres  über  diese  Kasse  s.  in:  „Annalen  der  Braunschweig-Lünebnr- 
gisohen  Churlande**,  1.  Jahrgang,  2.  Stück,  (Hannover,  1787),  S.  65  ff. 

*)  In:  „Leipziger  Magazin  für  die  Mathematik**  und  „Annalen  der  Braun« 
schweig-Lüneburgischen  Churlande.**    (S.  Seite  87,  Anm.  2.). 

248 


—    89     — 

und  setzten  alle  Sorgfalt  daran,  dieser  Überzeugung  auch  in  weiteren 
Kreisen  Eingang  zu  verschafifen.  Blieb  das  Publikum  den  Trauer- 
pfennig- und  ähnlichen  Gesellchaften  trotzdem  geneigt,  so  hatte  dies 
z.  T.  seinen  Grund  in  der  Hoffnung  auf  einen  aus  ihnen  event.  zu  er- 
zielenden Gewinn.  Wenigstens  wird  auf  diesen  Punkt  wiederholt 
aufmerksam  gemacht,  so  bei  Schlözer,^)  wo  ein  gegen  die  ge- 
nannten Kassen  gerichteter  Aufsatz  mit  den  bezeichnenden  Worten 
schliefst:  „Aber  ich  sehe  schon,  dafs  die  Gewinnsucht  es  nicht  er- 
lauben wird,  den  Vemunftgründen  und  Erfarungen  Gehör  zu  geben. 
Es  heifst  auch  hier:  Mundus  Yult  decipi  ergo  decipiatur."  ')  —  Noch 
in  unsem  Tagen  bestehen  Sterbekassen,  mit  den  technischen  Fehlern 
der  früheren,  sowie  in  derselben  örtlichen  Beschränkung ;  noch  heute 
ist  daher  die  Gefahr  ihres  Zusammenbruchs  eine  sehr  grofse. 

Seit  dem  Jahre  1776  fanden  auch  die  Tontinen  in  Deutschland 
Eingang,  ohne  indes  eine  weitere  Verbreitung  daselbst  zu  gewinnen. 
Das  erste  unternehmen  dieser  Art,  eine  Tontinen-Lotterie  in  Ham- 
burg, wurde  schon  nach  halbjährigem  Bestehen  wieder  aufgelöst.  Bessern 
Portgang  hatte  eine  unmittelbar  darauf  begründete  zweite  Hamburger 
Tontinen-Lotterie,  sowie  zwei  in  Nürnberg  1777  und  1783  errichtete, 
„bisher  ungewöhnliche^,  aber  auf  nicht  rationeller  Basis  beruhende 
Tontinen.^)  Die  heute  noch  thätigen  Institute  dieser  Art,  gewöhnlich 
fientenanstalten  genannt,  basieren  wohl  auf  demselben  Grundgedanken, 
wie  die  früheren,  sind  aber  technisch  in  vielen  Punkten  wesentlich 
yerbessert.  Es  sind  auf  Gegenseitigkeit  begründete  Unternehmungen, 
deren  Zweck  es  ist ,  ihren  Mitgliedern  eine  von  Jahr  zu  Jahr  stei- 
gende Rente  zu  gewähren.  Alle  zu  gleicher  Zeit  aufgenommenen 
Teilnehmer  bilden  eine  Jahresgesellschaft,  welche  nach  dem  Alter 
der  ihr  Zugehörenden  wieder  in  Altersklassen  zerfällt.  Innerhalb 
dieser  findet  eine  Vererbung  der  Beuten  der  verstorbenen  Mit- 
glieder statt;  doch  darf  i.  d.  R.  die  Höhe  der  bezogenen  Rente 
einen  festgesetzten  Maximalbetrag  nicht  übersteigen.  Haben  alle 
einer  Altersklasse  angehörenden  Teilnehmer  den  letzteren  erreicht, 
80  faUt  das  hierüber  Hinausgehende  der  nächsten  Altersklasse 
zu  u.  s.  f.  Natürlich  kommen  dann  im  einzelnen  viele  Modi- 
fikationen der  hier  angegebenen  Berechnungweise  vor.  Die  älteste 
deutsche  Rentenanstalt  war  die  Wiener  Versorgungsanstalt  (1826), 

')  Schlözer,  „Stats- Anzeigen'',  6.  Bd.,  23.  Heft,  S.  826  ff. 
')  Cf.  über   die  Lebensvenioherangs- Verhältnisse  in  Deutschland  während 
des  geschilderten  Zeitraums  auch  Makowiozka,  1.  o.,  S.  48. 

*)  S.  über  diese  Tontinen  Krünitz,  „Encyklopädie",  71.  Teil,  S.  808  ff. 

249 


—    90    — 

ihr  folgten  zunächst  die  Stuttgarter  Renten*  und  die  Badische 
Yersorgungsanstalt  (1833  und  1836).  An  diese  habe  sich  dann 
im  Laufe  der  Zeit  noch  weitere  Benten-Unternehmungen  ange- 
reiht.^) — 

Bezeichneten  wir  nun  aber  den  Einflufs  der  bisher  besprochenenVer- 
Sicherungs-Institute  als  einen  die  Einführung  des  eigentlichen  „Lebens- 
assekuranzwesens'* in  Deutschiandy —  wenigstens  unmittelbar  ^  —  hem- 
menden, so  liegt  die  Frage  nahe,  wann  und  wie  jene  Einführung  dem- 
gegenüber sich  schliefslich  doch  vollzog.  Drei  Umstände  waren  esu.  E., 
welche  hierauf  zu  Beginn  dieses  Jahrhunderts  vornehmlich  hin- 
wirkten :  Einmal  der  fortwährende  Zusammenbruch  einer  nicht  uner- 
heblichen Anzahl  von  Sterbe-  und  ähnlichen  Kassen ,  dann  die  Ver- 
drängung des  Merkantilsystems  durch  die  physiokratisch  Smith'- 
schen  Lehren,  endlich  nicht  zum  wenigsten  die  Begründung  von 
Filialen  seitens  englischer  Anstalten  auf  dem  Kontinent  überhaupt 
und  insbesondere  gerade  in  Deutschland.  Hauptsächlich  auf  diese 
englischen  Unternehmungen  bezogen  sich  denn  wohl  auch  die  die 
Lebensversicherung  betreffenden  Bestimmungen  des  preufsischen  Land- 
rechts, das  im  Jahre  1794  in  Kraft  trat,  also  lange  bevor  die  erste 
deutsche,  geschweige  denn  die  erste  preufsische  „Lebensassekuranz- 
gesellschaft'* errichtet  wurde.  Namentlich  war  es  Hamburg,  welches 
des  engen  kommerziellen  Verkehrs  wegen,  in  dem  es  mit  Grofsbritannien 
stand,  auch  von  dessen  weitverzweigten  und  vortrefflichen  Assekuranz- 
einrichtungen zuerst  eingehendere  Kenntnis  erlangte.  So  kann  es  nicht 
verwundem,  dafs  wir  gerade  hier  zum  ersten  Male  für  deutsches  Gebiet 
den  Plan  zur  Begründung  einer  eignen  „Lebensversicherungsanstalt**  ge- 
fafst  und  realisiert  sehen.  Leider  aber  unterlag  dieser  erste  Versuch, 
der  von  B  e  n  e  k  e ,  einem  auch  als  Versicherungs- Schriftsteller  genann- 
ten Manne,  ausging,  der  Ungunst  der  Verhältnisse.  Sein  im  Jahre  1806 
auf  Aktien  gegründetes  Listitut  sah  sich,  da  die  kriegerischen  Un- 
ruhen eine  gedeihliche  Entwicklung  desselben  hemmten,  schon  nach 
acht  Jahren  genötigt,  die  Annahme  neuer  Mitglieder  abzulehnen. 
Bald  darauf  löste  es  sich  gänzlich  auf.  Ein  neues  Projekt,  mit  der 
Elberfelder  Feuerversicherungsbank  auch  den  Betrieb  der  „Lebens- 


^)  Cf.  Bunge,  Artikel  „Renten*'  im  „Staatslexikon*'  von  Rotteok  und 
Welcker,  3.  Auflage,  (Leipzig,  1865),  12.  Bd.,  S.  486.  —  Diese  Rentenanstalten 
betreiben  z.  T.  gleichzeitig  auch  die  eigentliche  „Lebensassekuranz**. 

*)  Unmittelbar  deshalb,  weil,  wir  sahen,  diese  Institute  für  die  Fortent- 
wicklung der  Lebensversicherung  überhaupt  allerdings  gerade  einen 
wesentlichen  Faktor  darstellten. 

260 


—    91     — 

TeTsicherong'*  zü  yerbinden,  gelangte  infolge  der  allgemeinen  geistigen 
und  wirtschaftlichen  Abspannung  gar  nicht  zur  Ausführung. 

Erst  dem  Jahre  1827  verdanken  wir  die  Errichtung  einer  deut- 
schen „Lebensassekuranzanstalf,  die,  durch  eine  mehrjährige,  ein- 
schtSYolle  Arbeit  Yorbereitet,  sich  als  fähig  erwies,  die  Indifferenz 
des  Publikums  zu  überwinden,  in  demselben  Boden  zu  fassen  und 
nach  allen  Seiten  sich  mächtig  auszubreiten.  Es  war  Ernst  Wil- 
helm Arnoldi  (1778—1841),  der  Stifter  des  Gothaer  Peuerver- 
sicherungsuntemehmens,  welcher  die  schon  lange  gehegte  Idee,  auch 
eine  „Lebensversicherungsbank  für  Deutschland^  auf  Gegenseitigkeit 
zn  begründen,  anregte  und  mit  Unterstützung  noch  einiger  andrer 
aasgezeichneter  Männer  kurz  darauf  gemäfs  seinen  Plänen  ver- 
wirklichte. Als  Gnmdlage  diente  der  Anstalt  die  Sterblichkeits- 
tafel der  Equitable  von  Babbage,  indessen  mit  wesentlichen 
Modifikationen  und  Vereinfachungen  für  die  höheren  Lebens- 
alter. Der  angenommene  Zinsfufs  betrug  3  %.  Die  Bank  gewährte 
nur  Kapitalversicherung  auf  den  Todesfall,  sowie  solche  auf  be- 
stimmte Zeit,  und  liefs  als  Versicherungsnehmer  ausschliefslich  in 
Deutschland  wohnhafte  Personen  im  Alter  von  15 — 60  Jahren  zu. 
Die  Versicherungssumme  war  eine  beschränkte,  ihr  Betrag  durfte 
an&ngs  5000  Thlr.  nicht  überschreiten,  andrerseits  aber  auch  nicht 
nnter  500  Thlr.  herabsinken.  Späterhin  haben  diese  Bestimmungen 
mannigfache  und  erhebliche  Erweiterungen  erfahren.  Im  Jahre  18S8 
erhielt  die  Bank  die  landesherrliche  Genehmigung,  1829  war  sie  im- 
stande, ihre  Thätigkeit  zu  beginnen.  Trotz  der  vielfach  noch  ob- 
waltenden Unkenntnis  des  Publikums  über  das  Wesen  der  neuen 
Institution y  ungeachtet  auch  verschiedentlicher  Anfeindungen,  fand 
das  unternehmen  doch  wegen  seines  offenkundig  gemeinnützigen 
Charakters  gleich  anfangs  verhältnismäfsig  bedeutenden  Anklang. 
Der  rühmlich  bekannte  Name  des  Begründers,  von  dessen  Tüchtig- 
keit schon  die  Fortschritte  der  wenige  Jahre  zuvor  errichteten 
Feuerversicherungsbank  Kunde  gaben,  sowie  die  Unzufriedenheit 
mit  den  englischen  Assekuranzunternehmungen,  die  sich  ihren 
deutschen  Versicherten  gegenüber  wenig  loyal  erwiesen,  mögen  hierzu 
gleichfalls  nicht  unwesentlich  beigetragen  haben.  Zur  Zeit  der  Be- 
triebsero&ung  zählte  das  Institut  schon  794  Versicherte  mit  einer 
Versicherungssumme  von  1390000  Thlr.  Die  Auflösung  einer  in 
Gielsen  auf  Gegenseitigkeit  begründeten  Gesellschaft,  welche  ihre 
Mitglieder  der  Gothaer  Bank  überwies,  vermehrte  zwei  Jahre  später 
deren  Personalbestand  mit  einem  Schlage   um  ein  Erhebliches.    In- 

351 


—    92    — 

folge  höchst  solider  Geschäftsführung  und  umsichtiger  Leitung  stieg 
dann  die  Wirksamkeit  der  Anstalt  während  der  Folgezeit  mehr 
und  mehr.  Nicht  nur  die  Zahl  der  Versicherungsnehmer ,  sondern 
auch  das  Versicherungsgebiet  vergröfserte  sich;  kurz,  dem  Unter- 
nehmen gelaug  es,  wie  es  zeitlich  das  erste  war,  welches  in 
Deutschland  Fortgang  hatte,  so  auch  an  Ansehen  und  Beliebt- 
heit allen  spätem  yoraus  zu  bleiben.  Auch  die  neuste  Zeit  hat 
hieran  kaum  etwas  geändert.  Koch  nach  den  Berichten  fiir  1893 
belief  sich  der  Bestand  der  Bank  auf  98062  Policen  und  653269  800 
Mark  an  versicherter  Summe,  umfafste  also  über  Vio  ^^^  ^  ^^^ 
deutschen  Anstalten  überhaupt  abgeschlossenen  Versicherungen,  resp. 
ca.  Ve  ^^f  ^  Betracht  kommenden  assekurierten  Beträge.^) 

Dem  Vorgange  der  LebensTersicherungs-Bank  für  Deutschland 
zu  Gotha  folgten  bald  weitere  Gesellschaften  im  Gebiete  des 
deutschen  Bundes,  sowie  in  der  deutschen  Schweiz.  Schon  im  Jahre 
1828,  also  noch  vor  der  Betriebseröffnung  der  Gothaer,  wurde  ein 
zweites  derartiges  Unternehmen  durch  die  Bemühungen  des  E[auf- 
manus  Vermehren  zu  Lübeck  ins  Leben  gerufen.  Dieses  war 
auf  Aktien  gegründet,  und  zwar  nach  der  sogenannten  „gemischten^ 
Form,  d.  h.  mit  Gewinnbeteiligung  der  Mitglieder  auf  Lebenszeit 
gemäfs  einer  gewissen  Quotierungsziffer.  Das  Anlagekapital  betrug 
1275000  Mk.  Courant.  Die  Lübecker  Bank  zog  in  den  Bereich 
ihrer  Thätigkeit  nicht  nur  Kapitalversicherungen  auf  den  Todes-^ 
sondern  auch  solche  auf  den  Lebensfall,  und  Leibrenten.  Die 
Grenzen  für  die  Versicherungssummen  waren  von  ihr  bedeutend 
weiter  festgesetzt,  als  von  der  Gothaer,  indem  hier  30000  Mk. 
Courant  das  Maximum  bildeten.  Die  zu  leistenden  Prämien  über- 
stiegen für  die  Alter  unter  40  Jahren  die  von  Gotha  geforderten, 
blieben  dagegen  für  die  höhern  Altersklassen  im  Betrage  hinter 
den  letzteren  zurück.  —  Seitdem  ist  die  Anzahl  der  deutschen 
„Lebensversicherungsinstitute^  beständig  angewachsen ;  eine  ganze 
Beihe  von  Gegenseitigkeits-  und  Aktiengesellschaften  ist  den  beiden 
ältesten  Unternehmungen  allmählich  an  die  Seite  getreten.  Interessant 
unter  ihnen  erscheint  die  Hannoversche  Lebensversicherungs- Anstalt, 
insofern  dieselbe  anfangs  mit  zunehmendem  Alter  der  Versiche- 
rungsnehmer   steigende    Prämien     eingeführt    hatte.      Mannigfache 

')  Cf.  hierzu  Emminghaus,  Geschichte  der  Lebens versicherungsbank  für 
Deutschland  zu  Gotha  (Weimar,  1877);  femer  die  „Beitrage  zur  Assekuranz- 
Geschichte"  inEhrenzweig's  ,,Assecurauz-J uhrbuch'*,  I,  Jahrgang  (Wien,  1880) 
S.  2ff. 

252 


—    93    — 

praktische  Küdoichten  Teranlafsten  sie  aber^  späterhin  gleich- 
falls die  aUgemem  gebränchlicfaen  festen  BeitragszaUungen  anzn- 
nehmen.  —  Auch  der  übrigen  auf  deutschem  Boden  entstandenen 
Unternehmungen  im  einzehien  zu  gedenken,  würde  allzusehr  auf- 
halten. Hervorgehoben  sei  nur,  dafs  Osterreich  —  wofern  man 
Ton  der  bereits  1834  zu  Triest  gegründeten  Assicurazioni  Generali 
absiebt  —  seine  erste  Anstalt  1840  erhielt:  Die  wechselseitige 
Kapital-  und  Bentenyersicherung  zu  Wien.  Für  die  deutsche 
Schweiz  war  die  schweizerische  Bentenanstalt  in  Zürich,  die  nach 
dem  Grundsatz  der  Gegenseitigkeit  im  Jahre  1867  begründet  wurde, 
das  erste  „Lebensyersicherungsinstitut^^  — 

über  die  Entwicklung  des  deutschen  „Lebensassekuranzwesens'' 
innerhalb  der  Grenzen  des  heutigen  Deutschen  Beichs 
im  Zeiträume  von  1829 — 1893  möge  die  folgende  Tabelle,  welche 
sich  an  die  alljährlich  erscheinenden  E  m  min  gh  aus 'sehen  Berichte^) 
auschlielst,  Aufschlufs  gewähren.  Zu  derselben  dürfte  zur  nähern 
Erläuterung  nur  wenig  hinzuzufügen  sein.  Zu  beachten  wäre,  dafs 
sie  im  ganzen  ausschliefslich  die  Kapitalyersicherung  auf  den  Todes- 
M  in  Rücksicht  zieht ;  femer,  dafs  die  Zahl  der  an  der  Versicherung 
teilnehmenden  Personen  yerschiedentlich,  speziell  neuerdings,  derjenigen 
der  Torhandenen  Policen  gleichgesetzt  wurde,  was,  insofern  ein  Ver- 
sicherungsnehmer auch  im  Besitze  mehrerer  Policen  sein  kann,  nicht 
ganz  genau  ist.  Endlich  enthält  der  Versicherungsbestand  in  sich 
auch  die  bei  den  deutschen  Gesellschaften  aufgenommenen  Aus- 
länder, wogegen  Deutsche,  welche  bei  fremden  Anstalten  Versicherung 
Dahmen,  nicht  mit  eingerechnet  werden  konnten.  Trotz  alledem  giebt 
diese  statistische  Übersicht  im  grofsen  und  ganzen  ein  ziemlich  an- 
schauliches Büd  der  einschlägigen  Verhältnisse.  Sie  ermöglicht  u.  a. 
auch  eine  Erkenntnis  jener  störenden  Einwirkungen,  welche  die  Innern 
rmi  änfsem  Unruhen  des  Jahrhunderts  (so  die  Jahre  1848,  1866, 
1870/71),  sowie  die  grofse  wirtschaftliche  Erisis  der  siebziger  Jahre 
auf  das  „Lebensyersicherungswesen^'  in  den  Gebieten  des  heutigen 
Deutschlands  ausgeübt  haben;  (cf.  die  Kolumne  über  Beinzuwachs). 

Erwähnung  finde  noch,  dais  die  deutsche  „Lebensassekuranz'* 
stets  ein  solides  Gepräge  zeigte,  wenngleich  freilich  auch  hier,  wohl 
zum  Teil  mit  infolge  der  allmählichen  Heryordrängimg  des  Erwerbs- 

*)  Über  „Zustand  und  Fortschritte  der  deutschen  Lebensvendcherungs-An- 
stalten"  früher  im  „firemer  Handelsblatt^S  seit  1884  in  den  Snpplementheften  zu: 
««Jahrbücher  för  Nationalökonomie  und  Statistik**,  seit  1894  selbständig  (im  Ver- 
lage von  G-.  Fischer  in  Jena). 

1(8 


—    94    —  . 

Tabelle  betrefTend  die  Entwicklung  dee  deutschen  Lebene- 
vereicherungswesene  im  Gebiete  des  heutigen  Deutschen  Reichs. 


Eeinzuwacha 

Zahl  der 

An- 
stalten. 

Versicherungs-  Bestand 
am  Ende  des  Jahres. 

Auf 
100000 

Ein- 
wohner 
kommen 
Versiche- 
rungs- 
nehmer. 

im  Laufe  der 

einzelnen  Jahre 

(resp.  Durch- 

Jahr. 

Personen 

resp. 
Policen. 

Ver- 
sicherungs- 
summe 

Durch- 
schnitt 

pro 
Person 

schnitts -Rein- 

Zuwachs  in 
Quinquennien) 
in  %  des  Be- 
standes in  Geld 
am  Anfange  de« 

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Jahres. 

1829 

2 

1448 

8077200 

5578 

i«3o 

2 

2072 

II  768  190 

5680 

7 

45.70 

X835 

4 

9274 

43  701  639 

4712 

30 

32.39 

i84o 

6 

19852 

83  320  333 

4197 

60 

13.88 

1S45 

7 

28463 

115  372  872 

4053 

83 

6,73 

1846 

9 

30277 

121  656861 

4018 

545 

1847 

9 

31904 

128054570 

4014 

5.26 

1848 

10 

32557 

130975  262 

4023 

2,28 

1849 

10 

34  734 

136  641  640 

3934 

4.33 

i85o 

10 

36955 

142  807  010 

3864 

104 

4.51 

1855 

17 

54  333 

198  693  645 

3657 

150 

6.85 

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19 

88507 

315655473 

3566 

234 

9.71 

1865 

22 

200627 

623001  195 

3105 

505 

14.58 

1866 

«3 

221  246 

676620813 

3058 

8,61 

1867 

25 

256201 

763  255  467 

2979 

12,80 

1868 

26 

294845 

860  740  683 

2919 

12,77 

1869 

28 

338189 

972  567  180 

2876 

12,99 

i87o 

28 

348  930 

1007  725  017 

2888 

855 

3.61 

1871 

28 

367  665 

1  074  352  764 

2922 

6,61 

1873 

29 

398863 

I  195  145  307 

2996 

11.24 

1873 

3« 

437  427 

1  337  818  734 

3058 

",94 

1874 

36 

476248 

1  482  399  520 

3113 

10,81 

2875 

37 

508519 

I  622  672  300 

3191 

1190 

946 

1876 

36 

531  364 

1  753  074  039 

3299 

8,04 

1877 

35 

542416 

I  845  544  814 

3402 

5.27 

1878 

35 

556834 

1930909547 

3468 

4.63 

1879 

36 

574  370 

2024404442 

3525 

4.84 

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36 

595  626 

2  129  333  381 

3575 

1316 

5.18 

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34 

710930 

2808238312 

3950 

1518 

5.69 

X890 

37 

864126 

3662217977 

4238 

1748 

5.45 

1891 

38 

898660 

3871768798 

4308 

5.72 

1892 

3S 

939  462 

4  104  753  429 

4369 

6|02 

1893 

40 

1 021  346 

4331897090 

4241 

5.52 

264 


—    96    — 

gesxchtspiuiktes  durch  die  Aktiengesellschaften,  Agentenunwesen,  über- 
mafsige  Eeklame  und  allerlei  KonkurrenzmanöTer  zuweilen  ihren 
schädlichen  EinfluTs  geltend  machten.  Für  die  im  aUgemeinen  aber 
bewährte  Tüchtigkeit  der  deutschen  Gesellschaften  liefert  den  besten 
Beweis  die  Seltenheit  von  Bankzusammenbrüchen,  deren  Anzahl  im 
Vergleich  zu  der  gewaltigen  Menge  der  Bankerotte  englischer  „Lebens- 
rersicherungsunternehmungen"  kaum  ins  Gewicht  fallt. 

In  neuster  Zeit  —  nach  den  Yorliegenden  Berichten  für  das 
Jahr  1893  —  existieren  im  Deutschen  Reiche  40  grofse  Versicherungs- 
aostalten  mit  einem  Bestand  von  1021346  Policen  (Personen)  und 
4331897090  Mk.  an  versicherter  Summe.  Darunter  befinden  sich 
19  Gresellschaften  auf  Gegenseitigkeit,  21  sind  auf  Aktien  begründet. 
Wie  sich  der  Bestand  an  Versicherungsnehmern  und  Yersicherungs- 
kapitalien  auf  die  einzelnen  Institute  verteilt,  von  welcher  Qualität  der- 
selbe  ist  (Kolumne  6  u.  7),  erklärt  die  folgende  Übersicht,  aus  welcher 
auch  !Name  und  Alter  der  in  Frage  kommenden  Anstalten  erhellt. 

(Siehe  die  Tabelle  auf  Seite  96  und  97.) 

Dem  Berufe  nach  gehören  die  bei  den  deutschen  Gesellschaften 
betefligten  Versicherungsnehmer  vornehmlich  den  Beamten-  und  den 
gelehrten  Kreisen  an,  nächstdem  den  untern  Mittelständen.  Die  kleinen 
Leute  suchen  insbesondre  Friedrich  Wilhelm  und  Victoria  heranzu- 
zieheD,  ähnlich,  wie  in  England  die  Prudential.  Speziell  für  die  Arbeiter- 
beyölkerung  sind  neuerdings  auch  durch  die  Reichsgesetzgebung  An- 
stalten geschaffen,  die  neben  Kranken-,  Unfall-  und  Invaliditätsver- 
sicherung Altersunterstützung  an  die  Arbeiter  gewähren.  — 

Immer  noch  stehen  die  Deutschland  angehörenden  Institute 
m  Daher  Beziehung  zu  denjenigen  von  Deutsch  •  Osterreich  und 
der  deutschen  Schweiz,  insofern  auch  noch  heute  das  Feld  ihrer 
Arbeit  vielfach  ein  gemeinsames  ist.  Die  Assekuranzgesellschaften 
des  einen  Staates  sind  in  dem  Gebiete  des  andern  mit  thätig,  und 
umgekehrt.  Österreich  besafs  zusammen  mit  Ungarn  —  welches 
es  erklärlicherweise  sehr  bald  mit  dem  „Lebensversicherungswesen" 
gleichfalls  bekannt  machte,  und  woselbst  die  1858  errichtete  allge« 
meine  Assekurranzgesellschaft  in  Pest  das  erste  „Lebensversicherungs- 
imtemehmen"  war  —  Ende  1892  neunzehn  „Lebensversicherungs- 
anstalten"  (9  gegenseitige  und  10  Aktiengesellschaften)  mit  578297 
Policen  und  1689654363  Kronen  versicherter  Sunmien,  nicht  ge- 
rechnet 3337314  Kronen  Beuten.^)    In  der  Schweiz  bestanden  in 

*)  Ehrenzweig's  .,As^ecuranz-Jahrbuch<^  XV.  Jahrf^.,  3.  Teil,  S.  112,  120, 
123,  124  und  122. 

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—    96     — 


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StafttswitaenichAftl.  Stadien.    V.  257 


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—    98    — 

demselben  Jahre  sieben  Anstalten,  von  denen  drei  auf  Aktien,  vier 
auf  G^enseitigkeit  begründet  waren,  und  welche  zusammen  einen 
Yersicherungsbestand  von  ca.  186  Mill.  Francs  aufwiesen.  ^) 


Aufser  nach  Frankreich  und  Deutschland  verbreitete  Grofs- 
britannien  das  „Lebensversicherungswesen^  noch  nach  andern  Staaten 
des  Kontinents.  Englische  Agenturen  machten  auch  Holland  und 
Skandinavien  mit  demselben  bekannt  und  englische ünternehmuD- 
gen  entfalteten  hier  ihre  Thätigkeit,  bis  diese  Länder,  Holland  schon 
seit  dem  Beginn  des  19.  Jahrhunderts,  gleichfalls  eigne  Assekuranz- 
anstalten errichteten.  Für  Holland  sind  gegenwärtig  der  1862  be- 
gründete Kosmos  und  die  achtzehn  Jahre  später  ins  Leben  gerufene 
Algemeene  Maatschappij  van  Levensverzekering  en  Lijfrente  die 
wichtigsten  Unternehmen  dieser  Art.  *)  Namentlich  wurde  durch  die 
letztere  für  die  holländische  Assekuranz  eine  „neueAra^  eingeleitet^ 
indem  durch  das  Vorangehen  dieser  Anstalt  auch  das  Ausland  der 
holländischen  „Lebensversicherung'^  erschlossen  wurde.  In  Nor- 
wegen, wo  das  erste  einheimische  Institut  1847  errichtet  wurde,  be- 
stehen z.  Z.  vier  „Lebensassekuranzgesellschaften'',  Kristiania,  Idun^ 
Hygea  und  Brage,  mit  einem  Yersicherungsbestand  von  zusammen 
46492485  Kronen.')  Bedeutender  erscheint  auf  diesem  Gebiete 
Schweden,  das  seine  erste  Anstalt,  die  Ränte-  och  Kapital- 
Försäkringsanstalt  1850  erhielt,  an  welche  sich  dann  1856  Scandia 
und  1866  Svea  anreihten.  Heute  besitzt  Schweden  elf  eigne  , ^Lebens- 
Versicherungsunternehmen",  bei  denen  Ende  des  Jahres  1892  in 
Summa  328039  359  Kronen  versichert  waren.  ^)  In  Dänemark  er- 
folgte die  Begründung  einer  einheimischen  „Lebensassekuranz"  i.  J. 
1842  durch  den  Staat,  dessen  Leitung  auch  gegenwärtig  noch  ein 
Institut,  die  Lebensversicherungs-  und  Yersorgungsanstalt,  untersteht. 
Doch  ist,  wie  es  scheint,  zur  Zeit  eine  private  Unternehmung,  die 
Hafnia,  wenn  auch  nicht  die  gröfste,  so  doch  die  wichtigste  unter  den 
dänischen  Gesellschaften,  Ihr  Yersicherungsbestand  bezifferte  sich 
neuerdings  auf  37  Millionen  Kronen.  ^)  — 

Rufsland  erhielt  schon  im  Jahre  1836  eine  eigne  „Lebens- 
versicherungsanstalt", die  Bussische  in   St.  Petersburg.    Da  jedoch 


*)  „Asseciiranz-Jahrbuch",  1.  c,  S.  354. 
■)  „Ass.-Jahrbuch",  1.  c,  S.  456. 
»)  „Ass.-Jahrbuch",  1.  c,  S.  438. 
*)  „A88.-Jahrbuch",  1.  c,  S.  436. 
»)  „Afls.-Jahrbuch",  1.  c,  S.  438. 

258 


—    99    — 

die  StaatsTerwaltung  derselben  anfangs  ein  Monopol  verlieb,  fand 
fofs  erste  eine  weitere  Verbreitung  unsres  Assekuranzzweiges  eben- 
daselbst nicht  statt.  Ein  Versuch  der  Kegierung,  im  Jahre  1843 
for  das  Königreich  Polen  ein  staatliches  Versicherungsuntemehmen 
ins  Leben  zu  rufen^  hatte  geringen  Erfolg,  und  1870  übergab  dieses 
Institut  seinen  gesamten  Bestand  an  ,,  Lebensversicherungen"  an  die 
inzwischen  begründete  St.  Petersburger  Gesellschaft.  Ende  1892 
bestanden  in  Bufsland  fünf^)  „Lebensassekuranzgesellschaften"  mit 
zusammen  166  774838  Kübeln  versicherten  Kapitals  und  116416 
Aubeln  Henten.  *)  — 

Li  den  Ländern  mit  romanischer  Bevölkerung  verbreitete  Frank- 
reich die  „Lebensversicherung"^  ebenfalls  auf  dem  gewöhnlichen  Wege, 
daifl  französische  Gesellschaften  dieselben  in  das  Gebiet  ihrer  Thätig- 
keit  hineinzuziehen  bestrebt  waren,  daselbst  Filialen  und  Agenturen 
errichteten.  So  wurden  Belgien,  Spanien,  Portugal  und 
Italien  von  Frankreich  aus  mit  dieser  Einrichtung  bekannt.  Unter 
ihnen  begründete  eine  eigne  Anstalt  Zunächst,  und  zwar  schon  sehr 
früh,  Italien:  die  sogenannte  Mailänder  Gesellschaft  vom  Jahre 
1826.  In  Belgien  besitzt  z.  Z.  die  Itoyale  Beige,  welche  1863  er- 
richtet wurde,  die  tüchtigste  Leitung  und  relativ  gute  Aussichten  für 
die  Zukunft.  Daneben  verdient  die  Compagnie  Beige  d'assurances 
gen^rales  hervorgehoben  zu  werden.  Im  übrigen  ist  in  Belgien,  wie 
in  den  andern  der  genannten  Länder,  woselbst  im  Laufe  des  Jahr- 
hnnderts  ebenfalls  eigne  „Lebensversicherungsuntemehmungen^^  ins 
Leben  traten,  die  französische  und  englische  Konkurrenz  noch  aufser- 
ordenüich  einflulsreich ;  wie  denn  überhaupt  die  englischen,  und  später 
ihnen  folgend  die  nordamerikanischen  Institute  nie  aufgehört  haben, 
auf  dem  Kontinent  mit  den  einheimischen  Anstalten  einen  lebhaften 
Wettbewerb  zu  unterhalten. 


Nordamerika  war,  infolge  seines  beständigen  Verkehrs  mit 
Grofsbritannien,  schon  sehr  früh  mit  den  Einrichtungen  moderner 
.^Lebensversicherung'^  bekannt  geworden.  Doch  entstand  trotz  des 
regen  und  aufs  Praktische  bedachten  amerikanischen  Geschäftsgeistes 
ein  eignes  „Lebensversicherungsinstitut''  in  der  neuen  Welt  nicht  vor 
1830.  Der  Grund  lag  wohl  darin,  dafs  man  in  den  erst  seit  1783 
als  selbständig   anerkannten    Unionsstaaten  zunächst  mit   wichtigen 

^)  Genauer  sechs ;  doch  konnte  die  im  Juli  1892  eröffnete  Sabotliwost  mit  ihren 

Qeachaftsergebnissen  noch  nicht  in  Rechnung  gezogen  werden. 

•)  ,^.-Jahrbuch",  1.  c,  S.  421. 

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259  ' 

18* 


—     100    — 

politischen  Mafsnahmen  beschäftigt,  ein  geordnetes  wirtschaftliches 
Leben  immer  noch  in  der  Entwicklung  begriffen  war.  So  blieb  denn 
auch  die  erste  (im  Jahre  1830  begründete)  amerikanische  ^^Lebens- 
Tersichemngsanstalt'^  die  nicht  sehr  ausgedehnte,  aber  äufserst  solide 
New-York  Life  Insurance  and  Trust  Company,  noch  12  Jahre  lang 
allein  thätig,  ohne  auch  im  Anfang  nennenswerten  Anklang  zu  finden. 
Seit  1842  indes  wurden  neben  ihr  eine  Reihe  weiterer  Gesellschaften 
ins  Leben  gerufen,  sowohl  im  Staate  New-York,  als  in  den  andern 
ünionsstaaten.  Alle  diese  Institute  beruhten  auf  dem  Grundsätze  der 
Gegenseitigkeit.  Die  erste  Aktiengesellschaft  entstand  1850,  die 
United  States  Life  Insurance  Company  in  New-York.  Mit  ihr  be- 
ginnt, wie  Earup  herrorhebt,  „ein  neuer  Abschnitt  in  der  Geschidite 
des  nordamerikanischen  Versicherungswesens^^  Der  spekulatiTC  Sinn 
der  Nordamerikaner  bemächtigte  sich  nämlich  sofort  der  sich  neu 
darbietenden  Erwerbsquelle,  und  während  man  bisher  für  die  „Lebens- 
assekuranz^'  nur  Gegenseitigkeitsanstalten  gekannt  hatte,  wurden  Ton 
jetzt  an  £Btst  ebenso  ausschliefslich  Aktiengesellschaften  begründet. 
Schwindeluntemehmen  schössen  infolge  der  Ausbreitung  der  Ver- 
sicherung als  Erwerbsgeschäft  in  Menge  empor,  in  noch  gröfserer 
Zahl  als  in  England.  Hiergegen  sahen  sich  nun  die  Regienmgen 
der  Einzelstaaten  doch  zum  Einschreiten  genötigt.  Sie  schufen  eine 
weitgehende  Versicherungsgesetzgebung ,  welche  durch  drakonische 
Strenge  den  eingerissenen  Mifsständen  entschieden  Einhalt  gebot^ 
wenngleich  sie  unter  den  wirtschaftlichen  und  sittlichen  Zuständen 
jenes  Landes  vollkommene  Abhilfe  nicht  zu  gewähren  vermochte.  Die 
Ausbreitung  des  soliden  Versicherungswesens  ist  durch  dieselbe,  wie 
man  hätte  denken  können,  ernstlich  nicht  gehemmt  worden,  vielmehr 
hat  sich  die  „Lebensassekuranz*^  in  Nordamerika,  namentlich  nach 
Beendigung  des  grofsen  Bürgerkrieges,  in  geradezu  erstaunlicher  und 
grofsartiger  Weise  entfaltet.  Von  der  Bedeutung  des  amerikanischen 
„Lebensversicherungswesens"  kann  man  sich  eine  Vorstellung  machen, 
wenn  man  bedenkt,  dafs  schon  1866  bei  den  55  Anstalten  der  Union 
ein  mehr  als  5  mal  so  grofser  Betrag  versichert  war,  als  bei  den 
deutschen  Instituten.  Ende  1892  erreichte  der  Versicherungsbestand 
aller  Anstalten  die  Ziffer  von  4187670509  Dollars  (etwa  16V,  Mil- 
liarden Mark  *))  übertraf  sonach  selbst  denjenigen  der  englischen  Gesell- 
schaften wohl  nahezu  um  das  Doppelte.  — 

Dafs  von  dem  nördlichen  Amerika  aus  die  „Lebensversicherung" 


*)  .,Ass.-Jahrbuch'*.  1.  c  S.  473. 

260 


—     101     — 

auch  bald  nach  dem  südlichen  den  Weg  fand,  bedarf  kaum 
einer  Hervorhebung.  Und  ebenso  nimmt  es  nicht  wunder,  dafs 
der  nie  ruhende  englische  Geschäftsgeist  für  deren  Verbreitung  auch 
in  Ostindien,  in  den  Kap-Kolonieen  und  in  Australien 
sorgte.  In  dem  letztgenannten  Erdteil  gehörte  die  1859  begründete 
Victoria  zu  den  ersten  der  dort  errichteten  „Lebensassekuranz- 
institute*^  Interessant  ist,  und  finde  zum  Schluis  noch  Erwähnung, 
dafs,  wie  Karup^)  erzählt,  um  die  Mitte  des  Jahrhunderts  sogar 
die  Hindus  eine  Anstalt  dieser  Art  ins  Leben  riefen,  wobei  ihnen  die 
englischen  Gesellschaften  in  Ostindien  als  Muster  dienten. 


So  hat  denn  die  moderne  „Lebensversicherung^'  von  Grofs- 
britannien  beginnend,  allmählich  eine  ungeahnte  Ausdehnung  ge- 
wonnen; alte  wie  neue  Welt  haben,  in  Anerkennung  der  unbestreit- 
baren wirtschaftlichen  Vorteile  der  Einrichtung,  ihre  Förderung  sich 
angelegen  sein  lassen.  Und  wie  ihre  Macht  und  ihr  Ansehen  nach 
aulsen  wuchsen,  so  festigte  und  verbesserte  sie  sich  im  Innern.  Es 
ist  das  GroGsartige  der  Assekuranz,  und  spezieU  der  „Lebensver- 
sichenmg'^  dafs  sie  trotz  der  erreichten  Resultate  niemals  einen 
Stillstand  eintreten  liefs^  vielmehr  stets  bemüht  blieb,  jeden  Fort- 
schritt, wo  immer  möglich,  sich  zu  nutze  zu  machen.  Die  theo- 
retisch-praktische Kenntnis  des  „Lebensassekuranzwesens^^  hat  sich 
zu  einem  besondem  Zweige  der  Wissenschaft  ausgebildet,  über 
welchen  eine  umfassende  Litteratur  vorliegt.^)  Die  Bekanntschaft 
der  Institution  unter  dem  Publikum  vermitteln  eine  Menge  von 
Zeitschriften.  Versicherer -Vereine,  ^)  so  in  Deutschland  der  1869 
gegründete  „Verein  deutscher  Lebensversicherungsgesellschaften'', 
verfolgen  allenthalben  den  Zweck,  gemeinsam  [an  der  Vervollkomm- 
nung dieser  wichtigen  Versicherungsart  weiter  zu  arbeiten.  Ja,  in 
England,  Schottland,  Nordamerika,  neuerdings  auch  in  Frankreich,  ^) 
bestehen  sogar  Institute,  welche  es  sich  zur  Aufgabe  machen,  den- 
jenigen die  nötige  wissenschaftliche  Vorbereitung  zu  geben,   die  sich 


*)  L.  c,  S.  39. 

•)  Cf.  über  diese  Litteratur  bis  zum  Jahre  1868  Karup,  1.  c,  S.  66  ff.,  S.  64  ff. 
und  S.  76  ff. 

')  S.  hierüber  einen  Aufsatz  von  Kautsch  (Zur  Geschichte  der  Versicherer- 
vereine) im  „ Assecuranz-Jahrbuch"  von  Ehrenzweig,  X.  Jahrgang,  3.  Teil,  S.  43  ff. 

*)  Cf.  über  das  „Institut  des  Actuaires  frangais"  Ehrenzweig's  „Assecuranz- 
Jahrbuch",  XII.  Jahrgang,  3.  Teil,  S.  302,  XIII.  Jahrgang,  3.  Teil,  S.  293,  XIV.  Jahr- 
gang, 3.  Teil,  S.  335,  XV.  Jahrgang,  3.  Teil,  S.  335. 

261 


—    102    — 

Assekaranzuntemehmungen  widmen  wollen.  Das  ,Jn8titate  of  Aetna- 
ries"^  in  London,  welches  im  Jahre  1847  von  den  henrorragendsten 
Versicherungs-Theoretikern  und  -Technikern  ins  Leben  gerufen  wurde, 
hat  in  dieser  Hinsicht  hohe  Bedeutung  erlangt  und  sehr  anerkennens- 
werte Ergebnisse  erzielt')  Auch  die  Staatsregierungen  haben  der 
„Lebensversicherung''  eine  mehr  oder  minder  eingehende  Aufmerk- 
samkeit zugewandt  und  Mifsstände,  welche  sich  hier  nnd  da  zeigten, 
zu  beseitigen  versucht.  Die  Aufgaben  des  Staates  auf  unserm 
Gebiet  sind  aber  noch  nicht  tiberall  in  befriedigender  Weise  gelöst. 
Speziell  fehlt  es  in  Deutschland  noch  immer  an  einer  besondem  ein- 
heitlichen Versicherungsgesetzgebung,  die  schon  Jahre  lang  von  inter- 
essierter Seite  gefordert  wird,  und  welche  die  Reichsverfassung  aus- 
drücklich in  Aussicht  stellt.  — 

Wir  werden  auf  das  Verhältnis  des  Staates  zur  Versicherungs- 
f  rage  noch  wiederholt  im  Laufe  dieser  Abhandlung  zurückzukommen 
haben.  Unsre  Haupt-Obliegenheit  jedoch  mufs  zunächst  darin  be- 
stehen, die  Grundzüge  der  heutigen,  modernen  „Lebensassekuranz'% 
welche  wir  auch  schon  in  den  geschichtlichen,  und  insbesondre  in 
den  einleitenden  Betrachtungen  streiften,  schärfer  hervorzuheben, 
zu  zeigen,  wie  der  „Lebensversicherungsbetrieb''  gehandhabt  vdrd, 
in  welchen  Formen  die  Einrichtung  auftritt,  endlich  welchen  Einflnfs 
dieselbe  auf  ökonomischem  Gebiete  ausübt.  Diese  Erörterungen 
sollen  im  wesentlichen  den  Inhalt  des  nun  folgenden  Abschnitts 
unsrer  Darstellung  bilden.  — 


^)  Cf.  hierüber  Karup,  1.  c,  S.  42  f.;  femer  einen  Aufsatz  von  Lazarus 
im  Ehrenzweigschen  „Assekuranz -Ja]irbach%  X.  Jahrgang,  2.  TeU,  S.  3ff. : 
„Institute  of  Actuaries  Text  Book". 

')  Ein  „Verein  von  Technikern  und  praktischen  Versicherungsmännem",  aber 
„ohne  Fakultät  und  Examinatori  um"  (Karup,  1.  c,  S.  43),  wurde  in  dem  „KoUe- 
f^um  für  Lebensversicherungswissenschaft",  auch  für  Deutschland  1868  zu  Beriin 
begründet.  Derselbe  war  jedoch  nicht  von  Bestand,  er  stellte,  ohne  ofißzieU  sich 
aufzulösen,  allmählich  seine  Sitzungen  ein.  Lnmerhin  ist  es  nicht  ansgeschloaseii, 
dafs  im  Laufe  der  Zeit  das  Kollegium,  vielleicht  unter  Abänderung  seiner  früheren 
Statuten,  seine  Thätigkeit  von  neuem  au&iimmt.  Um  das  deutsche  „Lebensver- 
sicherungswesen" hat  sich  dasselbe  durch  Anfertigung  einer  besondem  deutschen 
Sterblichkeitstafel  ein  hohes  Verdienst  erworben.  (Cf  S.  71  dieser  Abhandlang, 
Anm.  3.) 


262 


Zweiter  Teil. 


Grundlagen,  Wesen  und  Bedeutung  der 

Lebensversicherung. 


Vorbemerkung. 


In  der  ökonomischen  Produktion  der  Gegenwart  wirken  be- 
kanntennafsen  drei  Faktoren  zusammen :  Natur,  Kapital  und  mensch- 
liche Arbeitskraft.  Welchem  unter  diesen  Faktoren  für  die  Volks- 
und  PriYatwirtschaft  zur  Zeit  die  relativ  höchste  Wichtigkeit  bei- 
zumessen sei,  ist  eine  schwer  zu  entscheidende  Frage.  Denn  das 
Fehlen  eines  jeden  von  ihnen  müfste  auch  die  Wirksamkeit  der 
andern  entweder  überhaupt  verhindern,  oder  zum  mindesten  er- 
heblich beschränken.  So  erscheint  menschliche  Thätigkeit,  körper- 
liche wie  geistige,  immer  erforderlich,  um  einerseits  die  Geschenke 
der  Natur,  andrerseits  die  Kraft  des  Kapitals  erst  recht  eigent- 
lich nutzbar  zu  machen.  Sie  ist  und  bleibt  unerläfslich  fQr  den 
Prozefs  der  Werterzeugung,  unentbehrlich  zur  Deckung  des  Güter- 
bedarfs. 

Der  fort  und  fort  neue  Werte  schaffenden  menschlichen  Thätig- 
keit  setzt  nun  vor  allem  der  Tod  ein  Ziel.  In  der  Volkswirtschaft 
freilich  ist  bei  unsern  Bevölkerungsverhältnissen  der  Wegfall  einer 
einzelnen  Arbeitskraft  unmittelbar  wenig  von  Belang;  andre  sind 
Torhanden,  welche  die  freigewordene  Stelle  wieder  ausfüllen.  Nicht 
80  in  der  Einzelwirtschaft:  Hier  kann  die  im  Ableben  sich  voll- 
ziehende Auflösung  namentlich  der  obersten  Arbeitskraft  leicht  den 
Ruin  vieler  herbeiführen,  die  Existenz  aller  derer  in  Frage  stellen, 
welche,  wie  die  Familienmitglieder,  zu  dem  Verstorbenen  in  engern 
Beziehungen  standen.  Diese  Möglichkeit  bedeutet  dann  aber  gleich- 
zeitig auch  wieder  eine  Gefahr  für  die  Gesamtheit,  indem  letztrer 

265 


—    106     — 

eventuell  die  weitere  Erhaltung  der  mittellos  gewordenen  Hinter- 
bliebenen zur  Last  fallen  würde.  Sowohl  privat-,  wie  selbst  rolks- 
wirtschaftlich  also  stellt  der  Tod  —  als  Ursache  möglicher  öko- 
nomischer Nachteile  —  (generell)  ein  schädigendes  Ereignis ')  dar, 
gegen  dessen  vermögensstörende  Wirkung  man  sich  zu  schützen  wird 
bemüht  sein  müssen. 

Ein  Mittel  hierzu  bieten  nun  in  unsem  Tagen  vor  allem  die  so- 
genannten Lebensversicherungsinstitute.  Diese  ermöglichen 
es,  wie  schon  früher  erwähnt,  dem  einzelnen  nicht  nur,  durch  Spar- 
einlagen auf  Bildung  eines  Kapitals  hinzuwirken;  sie  gestatten  ihm 
auch,  vorher  die  Höhe  anzugeben,  in  welcher  das  letztere  gewünscht 
wird,  und  garantieren  die  sichere  Erreichung  des  erstrebten  Sparziels. 
Hierbei  ist  Zweck  des  Sparens,  einen  Ausgleich  herbeizufahren, 
dem  Versicherten")  in  Gestalt  eines  Kapitals  die  (in  Zukunft  aus- 
fallenden) Werte  zu  ersetzen,  welche  bisher  durch  den  Verstorbenen 
regelmäfsig  für  ihn  beschafft  wurden.')  Dieser  Zweck  tritt  unter 
allen  Modifikationen,  in  welchen  die  Versicherung  abgeschlossen 
werden  kann  —  es  haben  sich  aus  praktischen  Bedürfhissen  mehrfache 
herausgebildet  *)  —  gleichmäfsig  hervor.  Gewöhnlich  sichern  die  An- 
stalten —  die  einfachste  Form  der  Assekuranz  zu  Gunsten  Dritter 


»)  Cf.  Einleitung,  S.  2,  Anm.  5. 

')  Wie  bei  jeder  Assekuranz  kommen  auch  bei  der  ,, Lebensversicherung''  die 
bekannten  drei  Personen  in  Betracht :  Versicherungsnehmer  (unrichtig  vielfach  als 
Versicherter  bezeichnet),  Versicherer  und  Versicherter  (Beg^nnsügter).  Cf.  hierüber 
Einleitung,  S.  8,  Anm.  1. 

*)  Näheres  s.  weiter  unten,  Teil  II,  sub  II. 

*)  Jonas  (Studien  und  Vorschläge  auf  dem  Gebiete  des  Lebensversicherungs- 
Geschäftes;  Berlin,  1883,  s.  S.  9  f.)  bezeichnet  die  Zahl  dieser  Hodifikationen  ge- 
legentlich als  eine  „auffallend  geringe"  —  gering  namentlich  mit  Bezug  auf  den 
„natürlichen  Sparsamkeitstrieb  des  produktiven  Menschen",  der  eine  Verwendbar- 
keit der  Ersparnisse  zu  jeder  Zeit  und  zu  jedem  beliebigen  Zwecke  erheische  —  und 
wünscht  daher  eine  entsprechende  Reform  des  „Lebensversicherungswesens".  Seine 
Auffassung  scheint  uns  nicht  zutreffend.  Die  sogenannte  Lebensassekuranz  würde 
u.  E.  an  ökonomischer  Bedeutung  verlieren,  würden  die  bei  ihr  angelegten  Spar- 
•  Pfennige,  wie  bei  der  Sparkasse,  in  jedem  Momente  wieder  erhoben  und  anderweitig 
verbraucht  werden  können.  Die  zwar  „specifizierten**,  jedoch  eben  besonders 
wichtigen  Ziele,  welche  der  Sparende  gerade  mit  der  „Lebensversicherung^ 
verfolgt,  und  deren  Erreichung  diese  mit  allen  Mitteln  zu  sichern  sucht,  sie  würden 
unter  derartigen  Verhältnissen  nur  zu  häufig  thatsächlich  unerreicht  bleiben.  Zu 
fordern  ist  nur,  dals  in  Bedürfnisfallen  der  Übergang  von  einer  Versicherungs- 
Form  oder  Modifikation  zur  andern  nicht  seitens  der  Anstalten  mit  allzu  erheb- 
liehen Schwierigkeiten  verknüpft  wird. 

266 


—    107    — 

—  die  Zahlung  einer  fest  normierten  Samme,  der  Yersicherungs- 
summe  y  im  Zeitponkt  des  erfolgten  Ablebens  des  Versicherungs- 
nehmers  zu  O^Kapitalyersicherung  auf  den  Todesfall'^); 
man  gestattet  aber  auch,  die  Assekuranz  auf  fremdes  Leben  abzu- 
schliefsen,  sich  oder  andern  die  Zahlung  einer  Summe  auszubedingen 
fiir  den  Fall  des  Todes  eines  Dritten ,  an  dessen  Nicht-Yersterben 
der  zu  Versichernde  nachweislich  interessiert  ist;0  man  gewährt 
ferner  Versicherung  nicht  nur  auf  ein  einzelnes,  sondern  auch 
auf  zwei  (oder  mehrere)  verbundene  Leben;  letzteres  wieder 
entweder  in  der  Art,  dafs  das  gewünschte  Kapital  nur  fällig  wird, 
wofern  der  im  voraus  designierte  Begünstigte  nicht  vor  dem  Ver- 
sicherungsnehmer hinscheidet  (,,  einseitige  Ü  her  leb  ens  Ver- 
sicherung'0;  oder  so,  dafs  dasselbe  der  letztüberlebenden  unter 
zwei  Personen  zu  gute  kommt  Oyg^g^i^seitige  Versicherung 
auf  zwei  verbundene  Leben^');  oder  endlich  in  der  Form,  daCs 
es  erst  nach  dem  Tode  beider  zur  Aushändigung  gelangt  (,yVer- 
sicherung  auf  den  letzten  Todesfall  zweier  Leben'*).^) 
Erhöht  wird  die  Zahl  dieser  Modifikationen  noch,  wofern  man  hin- 
zurechnet, dafs  bei  jeder  derselben  die  Spareinlagen  in  verschiedener 
Weise  gemacht  werden  können :  In  Gestalt  einer  einmaligen  Kapital- 
eiDzahlung  („Mise^O^  oder  einer  für  die  gesamte  Versicherungsdauer 
gleichbleibenden  „Jahresprämie'',  oder  (was  allerdings  seltener  vor- 
kommen wird)  einer  solchen,  welche  an  Höhe  von  Jahr  zu  Jahr  ab- 
oder  zunimmt;  auch  Versicherungen  mit  sogenannter  abgekürzter 
Prämienzahlung  kommen  vor,  wobei  die  Prämienaufhör  entweder 
nach  Verlauf  einer  bestimmten  Reihe  von  Jahren,  oder  nach  Er- 
reichung eines  bestimmten  Alters  des  Versicherungsnehmers-,  oder 
mit  Eintritt  von  Livalidität  erfolgen  soll.  Endlich  ist  man  dem  ver- 
schiedenen Bedür&is  der  Assekuranz-Suchenden  noch  dadurch  ent- 
gegengekommen, dafs  man  sich  verpflichtete,  die  Versicherungssumme 
nicht  ausschlieCslich  in  Kapitalsform ,  sondern  auf  Wunsch  auch  in 
Gestalt  von  Beuten  zur  Auszahlung  zu  bringen. 

Das  bisher  Gesagte  galt  nun  allein  für  die  Versicherung 
auf  den  Todesfall.  Zweifelsohne  bildet  auch  die  Gewährung 
eines  Kapitals  oder  einer  Beute  an  den  Versicherten  im  Falle  des 
Ablebens  des  Versicherungsnehmers  die  Hauptaufgabe  der  so- 


*)  Über  die  „Vereicherung  auf  fremdes  Leben"  s.  Lewis,  Lehrbuch 
des  Venicherungsrechts  (Stuttgart,  1889)  S.  316  ff. 
*)  Cf.  die  Tabelle  auf  Seite  18,  Sparwesen,  a,  A. 

267 


—     108    — 

genannten  Lebensassekuranz ;  die  Todesfallyersicherung  erscheint  in 
gewissem  Sinne  als  Typus  der  ganzen  Institution.^)  Immerhin  er- 
schöpft dieselbe  keineswegs  den  Wirkungskreis  der  letztereoti.  Das 
Wesen  der  ,yLebensTersicherung^<  besteht  ja,  wie  erst  kürzlich  herror- 
gehoben  wurde,  lediglich  darin,  auf  Grund  noch  näher  zu  beschrei- 
bender Technik  gegen  Einzahlung  von  Spareinlagen  die  Gewährung 
eines  seiner  Höhe  nach  im  voraus  bestimmten  Kapitals  an  den  Ver- 
sicherten zu  garantieren.  Der  Tod  des  Versicherungsnehmers  kommt 
nur  als  Termin  ftir  die  Auszahlung  jenes  Kapitals  in  Betracht ,  als 
ein  Termin,  an  dessen  Stelle  man  ebensowohl  jeden  beliebigen  andern 
zu  setzen  vermag.  Und  da  es  die  Wechseliälle  des  Lebens  an  den 
verschiedensten  Zeitpunkten  erwünscht  erscheinen  lassen,  ein  Kapital 
zur  VerfÜgimg  zu  erhalten,  hat  man  thatsächlich  noch  weitere  solche 
Auszahlungstermine  anerkannt.  Man  zahlt  die  Versicherungssumme 
z.  E.  im  Zeitpunkt,  da  ein  Eand  grofsjährig  wird,  oder  sich  in  der 
Regel  selbständig  zu  machen  sucht  („Kinder Versorgung^'),  da 
sich  Söhne  oder  Töchter  zu  verheiraten  pflegen  („Aussteuer- 
versicherung''), da  der  dienstfähige  Mann  in  die  Armee 
eintritt  („Militärdienstversicherung'O»  oder  endlich  bei  Er- 
reichung jedes  beliebigen,  namentlich  aber  eines  höheren  Lebensalters 
(„Versicherung  auf  einen  beliebig  bestimmten  Zeit- 
punkt'' und  „Altersversorgung".)*)  So  finden  wir  neben  der 
Versicherung  auf  den  Todes- jene  auf  den  Lebens  fall,  deren 
Technik  derjenigen  der  ersteren  völlig  gleicht  und  sich  nur  dadurch 
von  derselben  unterscheidet,  dafs  hier  der  erwähnte  Termin  einen 
dies  incertus  an  darstellt,  dort')  nur  einen  dies  incertus  quando. 
Während  daher  bei  der  Versicherung  für  den  Fall  des  Ablebens  das 
gewünschte  Kapital  unbedingt  zur  Auszahlung  gelangen  mufs,  ist  bei 
der  Lebensfallversicherung  diese  Aushändigung  insofern  in  Frage 
gestellt,  als  ein  Versterben  des  Versicherten  vor  Eintritt  des 
Zahlungstermins  den  Assekuradeur  seiner  Verpflichtung  zur  Leistung 
der  Versicherungssumme  enthebt.  Die  bereits  erlegten  Prämien 
fedlen  alsdann  dem  Versicherer  anheim,  irgendwelche  Rückvergütung 
auf  dieselben  findet  nicht  statt.  Hierg^en  hat  sich  aber  in  neuster 
Zeit  eine  gewisse  Reaktion  geltend  gemacht,  welche^  wohl  mit  infolge 


^)  Cf.  Schoenfeld,  Des  assurances  sar  la  vie  (Bruxelles,  1886)  S.  9:    «Ld 
type  de  rassurance  est  celle  en  cas  de  d^ces''. 

•)  Cf.  die  Tabelle  auf  Seite  18,  Spalte  „Sparwesen",  a,  B. 
*)  Wenigstens  in  der  überwiegenden  Mehrzahl  der  Fälle. 

268 


—    109    — 

des  Konkarrenzkampfes  zwischen  den  einzelnen  Unternehmungen, 
Systeme  gebräuchlich  werden  liefs,  wonach  im  Falle  yorfrühen 
Todes  des  Versicherten  jene  Prämien  doch  wenigstens  teilweise  an 
den  Yersicherangsnehmer  zurückbezahlt,  oder  für  ihn  nutzbringend 
Terwendet  werden.  ^) 

Schon  bei  der  Todesfallassekuranz  bemerkten  wir,  dafs  es  frei- 
staDd,  statt  des  Kapitals  für  den  Versicherten  eine  Rente  auszu- 
bedingen.  Bei  der  LebensfalWersicherung  ist  die  gleiche  Möglichkeit 
geboten;  und  gerade  hier  wird  von  derselben  häufiger  Gebrauch  ge- 
macht. Namentlich  pflegen  „aufgeschobene  Leibrenten^', 
d.  h.  solche,  die  erst  von  einem  bestimmten  spätem  Zeitpunkte  an 
laufen  sollen ,  zu  Zwecken  der  Altersversicherung  ausersehen  .  zu 
▼erden.  ^)  Ahnliche  Ziele  verfolgen  aber  auch  die  „sofort  begin- 
nenden Lebens-^',  sowie  die  „Tontinenrenten^^  Daneben 
treffen  wir  zuweilen  noch  sogenannte  „limitierte  (temporäre) 
Renten^'  an,  welche,  sie  mögen  nun  sofort  oder  erst  später  beginnen, 
bis  zur  Erreichung  eines  bestimmten  Lebensalters  oder  bis  zum  Tode 
einer  bestimmten  andern  Person  gezahlt  werden.  Alle  diese  Ver- 
sicherungen in  Form  von  Renten,  welche  man  als  Kentenasse- 
knranzen  den  Kapitalversicherungen  gegenüberzustellen  pflegt, 
nnterscbeiden  sich  von  diesen  in  folgendem  Punkte:  Auch  sie  bilden 
zwar  zunächst  Kapital,  das  gebildete  aber  lösen  und  zehren  sie  auf; 
die  letzteren  hingegen  bringen  es  in  einer  Sunmie  zur  Auszahlung  an 
die  Versicherten,  welche  dasselbe  dann  nutzbringend  verwerten,  soweit 
als  möglich,  ohne  es  in  seinem  Bestände  anzugreifen.  Wir  haben 
bereits  in  unsem  einleitenden  Betrachtungen  dieses  Unterschiedes  ge- 
dacht, und  daraufhin  theoretisch  die  Rentenassekuranz  aus  dem 
Bahmen  des  eigentlichen  „Lebensversicherungswesens''  ausschliefsen 
zu  müssen  geglaubt;  indessen  hoben  wir  zu  gleicher  Zeit  hervor, 
dafs  für  die  Praxis  allerdings  eine  derartige  Ausschliefsung  nicht  als 
wünschenswert  erschiene.  ^)  Ja,  in  einer  Beziehung  wird  der  Betrieb 
von  Renten-  und  Kapitalassekuranz  durch  ein  und  dieselbe  Anstalt 
sich  sogar  als  notwendig  erweisen ;  insofern  nämlich,  als  er  zwischen 
Gewinn  und  Verlust  aus  vorfrühem  Ableben  der  Versicherungsnehmer 
einen  gewissen  Ausgleich  herbeiführt.     „Lorsqu'une  Cömpagnie,^^  sagt 


')  Näheres  s.  Teil  H  dieser  Arbeit,  sub  II. 

*)  Hierzu,  sowie  zu  dem  Folgenden  cf.  wieder  die  Tabelle  auf  S.  18,  Spalt« 
-Sparwesen",  a,  und  „Rentenwesen",  a. 
')  S.  Einleitung,  S.  15  f. 

269 


—     110     — 

in  dieser  Hinsicht  treffend  About,^)  „vend  mille  capitaux  contre  des 
revenus  viagers, . . .  eile  a  soin  d'acheter  de  l'atäre  main  mille  capitaux  de 
m6me  valeur  contre  des  rentes  viagires.  11  est  ä  peu  pris  sür  que  si  le 
choUra  tuait  demain  cent  personnes  dans  notre  clientele,  il  y  en  aurait 
cinquante  dont  tums  hiriterions  et  cinquante  dont  les  enfants  viendraient 
chercher  un  liMtage  diez  nous.  Nos  risques  sont  balanceSj  nons  ne  pou- 
vorn  rien  perdre.  Et  comme  tous  les  calculs,  dans  Vun  et  Vautre  cos, 
sont  tournis  ä  notre  avantage,  je  vom  diclare  loyalement  que,  quoi 
qu'il  arrive,  nous  serons  en  gainJ^  Wir  kommen  auf  die  bisher  be- 
sprochenen Unterarten  der  ,,Lebensassekuranz^^  im  Laufe  unsrer 
Erörterungen  noch  wiederholt  zurück.  *)  — 

Manche  Anstalten  ziehen  aufser  den  yerschiedenen  Zweigen  der 
Todesfall-,  Lebensfall-  und  Rentenversicherung  auch  noch  die  so- 
genannte Versicherung  auf  kurze  Zeit')  und  die  Unfall- 
assekuranz in  den  Bereich  ihrer  Thätigkeit.  Das  Wesen  der 
ersteren  besteht  darin,  dafs  dem  Versicherungsnehmer  eine  Summe 
dann  versprochen  wird,  wenn  sein  Tod  während  eines  bestimmt  be- 
grenzten Zeitraums  erfolgen  sollte,  widrigenfaUs  der  Versicherer  die 
Prämie  ,Jukriert''.  Die  Unfallversicherung  dagegen  gewährt  über- 
haupt nicht  einen  von  vornherein  bestimmten  Betrag,  sondern  Ersatz 
des  Vermögensnachteils  (Verdienstausfalles,  etc.)»  welcher  einer  Person 
aus  einem  ihre  Erwerbsthätigkeit  störenden  Unglück  erwächst:  Ahn- 
lich wie  die  Feuerversicherung  denjenigen  Schaden  ausgleicht,  den 
Brand  an  Hab  und  Gut  des  Versicherten  verursacht  hat  Beide 
Versicherungsarten  gehören,  wie  schon  früher  angedeutet,^)  ihrem 
Wesen  nach  nicht  zur  sogenannten  Lebensversicherung.  Es  erscheint 
daher  ebenso  erklärlich  als  erwünscht,  dafs  man  dieselben  in  neuerer 
Zeit  aus  dem  engem  Mechanismus  der  letzteren  mehr  und  mehr  aus- 
scheidet. 

Ein  weiteres  Eingehen  auf  diesen  Punkt  wird  zweckmäfsig  für 
eine  spätere  Gelegenheit  aufgespart.  Vorerst  wenden  wir  uns  einer 
näherliegenden  Frage  zu:  Wie  ermöglichen  es  nun  die  „Lebens- 
assekuranzanstalten^%   jedem  Beitretenden,   der   beispielsweise    1000 


^)  Ab  out,  L'assurance  (Paris,  1865)  S.  95  f.;  cf.  hierzu  auch  ibidem,  S.  137. 

•)  Cf.  über  diese  Einteilungen  aufser  den  S.  18  Anm.  1  Genannten  u.  a. 
etwa  noch  Schoenfeld,  1.  c,  S.  9fif. 

')  Über  eine  Kombination  der  Versicherung  auf  kurze  Zeit  und  der  Asse- 
kuranz auf  den  Lebensfall,  die  sogenannte  abgekürzte  Lebensversic  h  er  u  ng» 
6.  Teil  II  dieser  Arbeit,  sub  II. 

*)  Cf.  Einleitung,  S.  9,  13,  18,  20. 

270 


—  111  — 

seinen  Hinterbleibenden  hinterlassen  will,  die  Auszahlung  dieser 
Summe  garantieren  zu  können,  auch  wenn  derselbe  so  früh  ver- 
sterben sollte,  dafs  seine  Einzahlungen  bei  weitem  noch  jenen  Betrag 
nicht  erreichten?  Ein  Blick  auf  die  technischen  Grundlagen  der  so- 
genannten Lebensversicherung  wird  hierüber  den  gewünschten  Auf- 
schlufs  geben. 


271 


I. 

Grundlagen  und  Wesen  der  sogenannten 

Lebensassekuranz. ') 

Die  Erfahrang  hat  gelehrt,  dafs  der  Tod,  dessen  EHntritt  für 
das  Indiyiduiim  sich  jeder  Berechnung  entzieht,  innerhalb  einer 
Vielheit  von  Menschen,  innerhalb  einer  Bevölkerang  z.  B.,  eine  ge- 
wisse Regelmäfsigkeit  innehält.  Der  Sterblichkeitsverlauf  in  einer 
solchen  Vielheit  bleibt  durch  lange  Zeit  wesentlich  der  gleiche;  er 
ändert  sich  nur  allmählich  mit  Änderungen  in  den  kulturellen  Ver- 
hältnissen. Diese  Regelmäfsigkeit  ermöglicht  es,  auf  die  einmal  fest- 
gestellte Absterbeordnung  einer  gegebenen  Zahl  von  Personen  eines 
bestimmten  Alters  Jahrzehnte  lang  für  jede  annähernd  unter  denselben 
Bedingungen  lebende  Menge  Grleichaltriger  allgemein  richtige  und 
zuverlässige  Rechnungen  zu  basieren.  Für  die  TodesfaHrersicherung, 
der  es,  wie  wir  sehen  werden,  viel  darauf  , ankommt,  die  zeitliche 
Verteilung  der  im  Personalversicherungsbestande  eintretenden  Sterbe- 
falle zu  kennen,   ist  daher  die  Ermittlung  von  Absterbeordnungen, 


*)  ITher  die  matlipmatist'h-teohnischen  (irundlafjfeD  der  sogenannten  Lebens- 
versicherung cf.  u.  a.  K  i  n  k  e  I  i  n ,  Die  Elemente  der  Lebensversicherungsrechnung, 
im  ..Jahresbericht  der  Gewerbeschule  zu  Basel-*  für  1868  69  (Basel,  1869);  Reu- 
ling,  Studien  aus  dem  (lebiete  des  Lebensversicherungsrechts,  in  der  „ZeitsclirÜt 
für  das  gesamte  Handelsrecht",  15.  Bd.  (Erlangen,  1870)  S.  64ff.;  Karup,  Theo- 
retisches Handbuch  der  Lebensversicherung,  neue  Ausgabe  (Leipzig,  1874)  3.  Ab- 
teilung; Gallus,  Die  Grundlagen  des  gesamten  Versicherungswesens  (Leipzig, 
1874);  Elster,  Die  Lebensversicherung  in  Deutschland  (Jena,  1880)  S.  46  ff.; 
Rietzsch,  Die  (Trundlagen  der  Lebens-,  Aussteuer- und  Altersrenten- Versicherung 
(Dresden,  1883},  aus  dem  Programm  des  <Tymnasiums  zum  heiligen  Krenz; 
Emminghaus,  Art.  „Lebensversicherung"  (sub  4):  im  „Handwörterbuch  der 
Staatswissenschaften",  lirsg.  von  Conrad.  Elster,  Lexis  und  L o e n i n g 
IV.  Bd.  (Jena,  1892)  S.  991  ff.,  insbesondre  S.  997  ff. 

272 


—    113    — 

die  Aufstellung  sogenannter  Sterblichkeitstafeln  ^  yon  hohem  prak- 
tischen Werte. 

Das  Verdienst,  die  erste  Mortalitätstabelle  berechnet  zu  haben, 
gebohrt,  wie  wir  in  der  vorausgeschickten  historischen  Übersicht 
hervorhoben y  dem  englischen  Mathematiker  Halley.  Seine  Tafel 
hat  indes  heutzutage  nur  mehr  eine  geschichtliche  Bedeutung ;  man  kon- 
strnierte  im  Laufe  der  Zeit  andre,  verbesserte,  Sterblichkeitstabellen. 
(Cf.  hierüber  Teil  I  dieser  Arbeit,  8.  66  S.).^)  In  der  Gegenwart 
finden  seitens  der  deutschen  „Lebensversicherungsinstitute''  nach 
Emminghaus^)  die  verbesserte  Equitable-Sterbetafel  von  Bab- 
bage,  die  Tafel  der  siebzehn  englischen  Gresellschaften,  die  deutsche 
Sterbetafel,  •)  die  Brune'sche  Tafel,  die  Tafel  von  D6parcieux, 
die  „True  Northampton  Table",  die  Brune- Fi  seherische  Tafel  und 
die  sächsische  Tafel  von  H  e  y  m  praktische  Verwendung.  Während  unter 
diesen  eine,  die  letztgenannte,  auf  Beobachtungen  an  einer  Bevölkerung 
—  derjenigen  des  Königreichs  Sachsen  —  beruht,  sind  die  übrigen,  wie 
überhaupt  alle  seitens  der  Anstalten  benutzten  neueren  Mortalitäts- 
tabellen, nach  Beobachtungen  an  geschlossenen  Gesellschaften  berechnet. 

Aus  der  Sterblichkeitstafel  ersieht  man,  wie  eine  bestimmte 
Gruppe  Gleichaltriger  allmählich  ab-  und  ausstirbt,  wie  viele  der 
anfangs  beobachteten  Personen  in  jedem  folgenden  Jahre  noch  leben, 
wie  lange  es  dauert,  bis  auch  die  letzte  unter  ihnen  vom  Tode  be- 
troffen wird.  In  einfachster  Form  braucht  eine  derartige  Tafel  nur 
zwei  Kolumnen  zu  umfassen,  deren  eine  die  Altersjahre  der  Reihe 
nach  aufzählt,  und  deren  andre  die  zu  diesen  gehörigen  Zahlen  der 
Lebenden  angiebt.  Was  etwa  aufserdem  in  einer  Mortalitätstabelle 
enthalten  sein  mag,  bezweckt  nur  die  bequemere  Handhabung  der- 
selben, läfst  sich  indessen  leicht  aus  den  zuerst  genannten  Daten  be- 
rechnen. *)  Als  Beispiel  diene  eine  Sterbetafel  von  erweiterter  Form, 
und  zwar  die  häufig  benutzte  Tafel  der  siebzehn  englischen  Gesell- 
schaften. (S.  S.  114).  — 

*)  Zur  Ergänzung  des  dort  Erwähnten,  sowie  der  Ausführungen  Kampfs 
über  die  Sterbetafeln  (1.  c,  2.  Abteil.,  S.  96 £F.)  vergl.  Roghe,  Geschichte  und 
Kritik  der  Sterblichkeitsmessung  bei  Versicherungsanstalten,  im  Supplementheft 
XVlil.  der  „Jahrbücher  für  Nationalökonomie  und  Statistik^'  (Jena,  1891). 

»)  Im  „Handwörterbuch«,  1.  c,  IV.  Bd.  S.  998. 

*)  S.  über  diese  die  kurzen  Notizen  auf  S.  71  dieser  Arbeit,  Anm.  3,  a.  £.; 
Käheres  bei  Roghe,  1.  c,  S.  85  ff. 

*)  Beiläufig  sei  erwähnt,  dass  man  verschiedentlich,  grösserer  Übersichtlichkeit 
wegen,  Absterbeordnungen  auch  graphisch,  im  Diagramm,  zur  Darstellung  ge- 
bracht hat. 

StsAiswin«nschAftl.  Studien.  Y.  ano  ^ 

19 


—    114    — 


StMtHchkeiMalU. 


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1       Einjabrii^ 
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etc. 

etc. 

Alter. 

etc. 

etc. 

'« 

1      1.   • 

Alter. 

lo 

100  000 

006  760«) 

:    99324*) 

48,36 

. 

1 

II 

99324 

006786 

99321 

47.68 

56 

62094 

,    023  126 

97687 

16.22 

12 

98650 

006812 

1      99  3i9 

'  47.01 

57 

60658 

,    024679 

97532 

1  15.59 

13 

97978 

006848 

1      99315 

46,33 

58 

59  161 

026386 

97361 

'  14,97 

14 

97307 

006896 

99310 

45.64 

59 

57600 

028246 

97175 

14.37 

>5 

96636 

006943 

99306 

44,96 

60 

55  973 

030  336 

;     96966 

I3i77 

16 

95965 

,        007003 

99300 

44,27 

61 

54275 

1    032612 

.     96739 

13.18 

17 

95293 

,        007063 

99294 

43.58 

62 

52505 

'    035  120 

1     96488 

'  12,61 

18 

94620 

007  134 

99287 

42,88 

63 

50661 

037840 

96216 

'  12,05 

19 

93945 

007206 

99279 

42,19 

64 

48744 

040826 

.      95  917 

1  11.51 

ao 

93268 

007  291 

99271 

41,49 

65 

46754 

044082 

1      95  592 

;  10.97 

21 

92588 

007377 

99262 

40,79 

66 

44693 

047614 

I      95  239 

'  10,46 

22 

91  905         007  464 

99254 

40,09 

67 

42565 

051474 

94853 

9.96 

23 

91  219 

007564 

99244 

39,39 

68 

40374 

055630 

94  437 

947 

24 

90529 

007666 

99233 

38,68 

69 

38128 

060087 

'      93991 

9,00 

25 

89835 

007770 

99223 

37,98 

70 

35837 

064933 

93507 

8.54 

26 

89137 

007887 

99211 

37.27 

7« 

33  5  »o 

070  158 

92984 

8,10 

27 

88434 

008006 

99199 

36,56 

72 

3»  «59 

075805 

92420 

7>67 

28 

87726 

008139 

99186 

35,86 

73 

28797 

081883 

91  812 

•    7.26 

39 

87012 

008275 

99173 

35»«5 

74 

26439 

088468 

91153 

6,86 

30 

86293 

008425 

99158 

34,43 

75 

24  100 

095560 

90444 

648 

31 

85565 

008578 

99142 

33,72 

.      76 

21797 

103  179 

89682 

6,11 

32 

84831 

008747 

99125 

33.01 

77 

19548 

III  469 

88853 

5.76 

33 

84089 

008919 

99108 

32,30 

78 

17369 

120444 

87956 

542 

34 

83339 

009096 

99090 

31,58  1 

79 

15277 

130065 

86994 

5.09 

3S 

82581 

009288 

99071 

30.87 

80 

13290 

140406 

85959 

4.78 

36 

81  814 

009485 

99052 

30,15 

81 

II  424 

151  436 

84856 

448 

37 

81038 

009687 

99031 

29,44 

82 

9694 

163  194 

83681 

4.18 

38 

80253 

009906 

99009 

28.72  1 

83 

8112 

175912 

82409 

3.90 

39 

79458 

010  131 

98987 

28,00  ■ 

84 

6685 

189679 

81032 

3.63 

40 

78653 

010  362 

98964 

27,28 

85 

5417 

205095 

79490 

3,36 

41 

77838 

010  612 

98939 

26,56 

86 

4306 

222480 

77752 

3,10 

4« 

77012 

010894 

98911 

25,84 

87 

3348 

242234 

75  777 

2,84 

43 

76173 

oii  251 

98875 

25,12 

88 

2537 

265  274 

73473 

2.59 

44 

75  3«6 

Oll  697 

98830 

24,40 

'      89 

1864 

292  382 

70762 

2,3$ 

45 

74  435 

012212 

98779 

23,69 

90 

1319 

323  730 

67627 

2,11 

46 

73526 

012  839 

98716 

22.97  1 

•      91 

892 

360987 

63901 

1,89 

47 

72582 

ÜI3  516 

98648 

22,27 

92 

570 

405  263 

59474 

1,67 

48 

71  601 

014260 

98574 

21,56 

93 

339 

457  227 

54277 

M7 

49 

70580 

015  061 

98494 

20,87 

94 

184 

516304 

48370 

1,28 

50 

69517 

Ol  5  939 

98406 

20,18 

95 

89 

584270 

41573 

1.12 

51 

68409 

016898 

98310 

19,50 

96 

37 

648649 

35135 

0.99 

52 

67253 

017947 

98205 

18,82 

97 

13 

692308 

30769 

0,89 

53 

66046 

019093 

98091 

18,16 

98 

4 

0,750000 

25000 

0,75 

54 

64785 

020313 

97969 

17,50 

99 

I 

1,000000 

00000 

0,50 

55 

63469 

021664 

97834 

16,86  1 

100 

0 

*■"* 

"^" 

a*B^B 

«)  l^  —  ^.^1 «  *a ;  d.  h. :  Die  Zahl  der  zu  Beginn  eines  Jahres  Lebenden  (z.  E.  l^  =  lOOOOÖ) 
vermindert  um  die  Zahl  der  eben  dieses  Jahr  Überlebenden  {l^^x  =  99324)  ist  gleich  der  Zaid 
der  in  demselben  Jahre  Verstorbenen  {t^  =  100000  —  99324  =  676). 

■)  Die  Zahlen  006760  ff.  und  99324  ff.  bedeuten  Dezimalstellen.  Man  lese  0,006760  bzw. 
0,99824  XL,  8.  f. 


—     115    — 

Denken  wir  uns  nun,  eine  Person  vom  Alter  a  hege  den  Wunsch^ 
für  den  Fall  ihres  Ablebens  ein  bestimmtes  Kapital,  Xy  zu  hinter- 
lassen; dieselbe  sei  auch  in  der  Lage,  kleine  Einkommensteile  zu  er- 
übrigen und  sie  zur  Bildung  jenes  E^apitals  zu  verwenden:  Bei  der 
Unbestimmtheit  ihrer  Lebensdauer  läge  immer  die  Gefahr  vor,  dafa 
der  Tod  sie  hinwegrafft,  bevor  die  Summe  der  Spareinlagen  den 
gewünschten  Betrag  von  x  erreichte.  Andrerseits  wäre  die  Möglich- 
keit vorhanden,  dafs  ein  unerwartet  langes  Leben  die  Bildung  eines 
überflüssig  groüsen  Kapitals  zur  Folge  hätte. 

Die  Technik  der  „Lebensassekuranz^^  vermeidet  sowohl  die  eine,, 
wie  die  andre  Unzuträglichkeit ;  dies  dadurch,  dafs  sie  sich  nicht  auf 
die  isolierte  Sparkraft  des  einzelnen  stützt,  vielmehr  das  auf  gemein- 
same Bechnung  erfolgende  Zurücklegen  von  Einkommensteilen  be- 
stimmter Höhe  seitens  einer  Gesamtheit  zum  Ausgangspunkte  nimmt 
Eine  ^Lebensversicherungsanstalt^  würde,  sofern  jene  oben  erwähnte 
o-jährige  Person  sich  an  sie  wendete,  dieselbe  zunächst  mit  andera 
Versicherung -Suchenden  desselben  Alters  associieren;  und  würde,, 
wenn  möglich,  solange  mit  der  Bildung  der  Association  fortfahren,, 
bis  etwa  die  Zahl  der  solcher  Art  vereinten  Versicherungsnehmer  der- 
jenigen gleichkäme,  welche  die  ihrem  Betriebe  zu  Grunde  gelegte 
Sterbetafel  für  o-jährige  Personen  angiebt.  Es  sei  die  letztgenannte  Zahl 
der  Lebenden  des  Alters  a  durch  den  Buchstaben  la  auf^gedrückt. 
Hatte  nun  die  Association  den  genannten  Umfang  erreicht,  d.  h.  wäre 
die  Zahl  der  Versicherungsnehmer  =:  U  geworden,  so  supponierte  die 
Anstalt  für 's  erste,  es  wünsche  jede  der  la  Personen  bei  ihrem  Ableben 
die  Auszahlung  eines  gleichen  Kapitals,  und  zwar  eines  Ejipitals  in  Höhe 
von  1.  —  Unter  dieser  und  der  weitern  Voraussetzung,  dafs  alle  Sterb- 
fallsummen erst  am  Ende  jedes  Bechnungsjahres  fallig  werden,  ist 
es  dann  ein  leichtes,  an  der  Hand  der  Absterbeordnung  auszurechnen^ 
wie  viel  in  summa  Jahr  für  Jahr  an  versterbende  Mitglieder  der  Asso- 
ciation, bezw.  an  deren  JBünterbliebene  wird  zur  Auszahlung  gelangen 
müssen. 

Bezeichnen  wir  die  Zahl  derer,  welche  (nach  der  Mortalitätstabelle) 
Ton  den  h  anfangs  vorhandenen  Versicherungsnehmern  das  nächste 
Jahr  erleben,  mit  la^h  derer,  die  das  zweite  Jahr  erreichen,  mit  /a+st 
etc.,  so  sind  nach  einander  —  bis  zum  Hinscheiden  des  Längstüber- 
lebenden —  (la — la+i)i  (ia+i — ^a+a),  (^«+1 — la+9)  u.  s.  w.  Mark  seitens 
der  Assekuranzanstalt   zu  entrichten.^)     Hierbei  darf  jedoch  nicht 


*)  Die  Auadrücke  {l^  —  ^,^1)1  ('«j-i— -^«+2)'  ^  ®-  ^-  l>®deuten  ja,  wie  leicht 

19* 


—     116    — 

übersehen  werden,  dafs  all'  diese  Leistungen  zu  verschiedenen  Zeiten 
zu  erfolgen  haben :  (l^  —  /o+i)  Mark  werden  schon  am  Ende  des  ersten 
Jahres  fällig,  (/«+ i—^o+s)  Mark  dagegen  erst  am  Ende  des  zweiten  u.  s.  f. 
Eine  einheitliche  Beurteilung  des  Wertes  der  genannten  Beträge  er- 
fordert daher  ihre  Beziehung  auf  einen  gemeinsamen  Zeitpunkt,  die 
Gegenwart.  Ist  es  doch  klar,  dafs  ein  sofort  (oder  binnen  kurzer  Frist) 
auszuhändigendes  Kapital  k,  einen  gröfsem  Wert  für  Schuldner  und 
Gläubiger  repräsentiert,  als  ein  andres  von  gleicher  Höhe,  aber  mit 
(weiter)  hinausgeschobenem  Zahlungstermin ;  es  differieren  die  Werte 
dieser  Kapitale  um  den  Zinsertrag  der  Zwischenzeit,  welcher  im 
letzteren  Falle  dem  Schuldner  zu  gute  kommt,  im  ersteren  ihm  entgeht. 
Um  nun  für  jene  nach  und  nach  vom  Versicherer  zu  erlegenden  Sterb- 
fallsummen den  „gegenwärtigen  Wert^^  zu  finden,  ist  erforderlich,  die- 
selben unter  Zugrundelegung  des  rechnungsmäfsigen  ZinsfuCses  zu 
„diskontieren^^  Das  Diskontieren  erfolgt  bekanntlich  dadurch,  dafs 
man  die  zu  reduzierenden  Summen  mit  steigenden  Potenzen  des  „Ab- 
zinsungsfaktors^'  multpliziert.^)  Bezeichnen  wir  diesen  mit  2,  so  er- 
giebt  sich  als  gegenwärtiger  Wert  der  Gesamtleistung  der  „Lebens- 
versicherungsbank'^  an  die  /«  Versicherungsnehmer: 

Den  Ausgaben  eines  jeden  Unternehmens  müssen  nun  aber,   so- 


ersichtlich,  die  Zahlen  der  Jahr  für  Jahr  Versterbenden,  fiir  deren  jeden  nach  An- 
nahme ein  Kapital  von  i,  also  von  etwa  1  Mark,  zu  erlegen  ist. 

^)  Eine  einfache  Betrachtung   führt   zu   diesem  Ergebnis:  Nelunen    wir   an. 
ein  Kapital  k  stünde  zu  4%  auf  Zinseszins,  so  würden 

aus  100  Mk.  dieses  Kapitals  in  1  Jahre  104     3ik. 

1  1  fU        ^  „AuAsinsungs- 

»»  ■*■      M  91  fi  »»     >»         I»  x,vr«   „    \        fnktor**,  Q. 

k  k  104 

Das  Kapital  Xc.1,04  Mk.  ist  also  durch  Zinszuwachs  während  eines  Jahres  ent- 
standen aus  k  Mk. ;  anders  ausgedrückt:  Der  gegenwärtige  Wert  eines  nach 
einem  Jahre  auszuzahlenden  Kapitals  in  Höhe  von  k  .  1,04  Mk.  ist  k  Mk. ;  um 
zu   diesen   k  Mk.  zu   gelangen ,   mufsten  wir   offenbar  k  .  1,04   durch   den  ,,Auf- 

zinsungsfaktor'*  dividieren,  resp.  es  mit  dessen  reciprokem  Werte  y7ü  niultipli2äeren ; 

diesen  letzteren  nennen  wir  nun  „Abzinsungsfaktor"  r.  —  Am  Ende  des  zweiten 
Jahres  wird  aus  z  .  1,04  Mk. :  z  .  1,04'  Mk.;  z  ist  also  auch  der  gegenwärtige 
Wert  eines  erst  nach  zwei  Jahren  auszuzahlenden  Kapitals  im  Werte  von 
k .  1,04*  Mk. ;  hier  finden  wir  k  dadurch,  dafs  wir  das  zu  diskontierende  Kapital  mit 

i'TüT  niultiplizieren.    Ein  nach  drei  Jahren  zahlbares  Kapital  wird  analog  mit  der 

dritten  Potenz,  ein  nach  n  Jahren  fälligen  mit  der  nten  Potenz  des  Abzinsungsfak- 
tors  zu  multiplizieren  sein,  um  den  gegenwärtigen  Wert  desselben  zu  ermitteln. 

276 


—    117    — 

I 

fem  dasselbe  solid  sein  soll,  die  Einnahmen  mindestens  entsprechen. 
Zahlt  die  Sank  jene  eben  berechnete  Summe  aus,  so  mufs  sie,  um 
bestehen  zu  können,  eine  zum  wenigsten  ebenso  grofse  einnehmen: 
Leistung  und  Gegenleistung  müssen  sich  das  Grieichgewicht  halten. 
Es  giebt  also  der  berechnete  Wert  der  Bankzahlungen  gleichzeitig 
die  Höhe  der  von  den  la  Versicherungsnehmern  insgesamt  zu  erbringen- 
den Beiträge  an.  Diese  sind  nunmehr  nur  noch  durch  die  Zahl  der 
Associerten  zu  dividieren,  um  den  notwendigen  Betrag  der  Einzel- 
leistung, der  „einmaligen  Prämie'^  („Mise'')  zu  finden.  Letztere,  P  ^), 
beläuft  sich  somit  auf 

r—  -  --       -  -  1,) 

Eine  solche  einmalige  Prämie  dürfte  indessen  in  der  Praxis 
seltener  gezahlt  werden.  Nicht  immer  wird  der  Versicherungsnehmer 
eine  Summe  von  der  bezeichneten  Höhe  zu  sofortiger  Verfugung  haben. 
Die  Versicherung  würde  daher  in  vielen  Fällen  unterbleiben  müssen, 
böte  sich  nicht  die  Möglichkeit,  an  Stelle  des  einmaUgen  Beitrags  eine 
periodische  Leistung  kleinerer  Beträge  zu  setzen,  deren  Ersparung 
vom  Einkommen  keine  erheblichen  Schwierigkeiten  bereitet.  Von 
dieser  Möglichkeit  macht  die  „Lebensversicherung'',  hiermit  einem  un- 
abweisbaren, wirtschaftlichen  Bedürfnis  entsprechend,  Qebrauch,  indem 
sie  statt  der  Leistung  einer  Mise  die  Beibringung  lebenslänglich  zu 
entrichtender  „Jahresprämien"  zuläfst.  Zu  deren  Berechnung  liefert 
nun  wiederum  die  Sterblichkeitstafel  die  erforderliche  Handhabe. 
Zahlt  nämlich  jeder  der  la  Versicherungsnehmer  bis  zum  Tode  von 
Jahr  zu  Jahr  einen  bestimmten  Beitrag  p,  dann  erhält  die  Ver- 
sicherungsanstalt am  Anfang  des  ersten  Jahres  eine  Summe  von  lap 
Mark.  Den  Beginn  des  zweiten  Jahres  erleben  noch  /a+i  Personen, 
deren  jede  wieder  p  Mark  erbringt;  zusammen  machen  also  die  Neu- 
zahluDgen  Za+i  .p  Mark  aus,  eine  Summe,  die  den  gegenwärtigen  Wert 
von  It^i  .p  .2  repräsentiert.  Ahnlich  würde  der  Wert  der  im  dritten 
Jahre  zu  entrichtenden  Prämien  la^%  .z^.p,  sein,  u. s. w.   Die  Gesamt- 


*)  Da88  air  diese  Beiträge  P  vom  Versicherer  verzinslich  angelegt  werden 
müssen,  um  zur  Bestreitung  der  Bankausgaben  auszureichen,  ])edarf  kaum  beson- 
drer Erwähnung.  Denn  dieselben  wurden  nicht  nach  dem  durch  einfache  Sum- 
roierung  der  Sterbfallsummen  sich  ergebenden  Nominalwert  der  Bank-Gesamt- 
leistung bestimmt,  sondern  nach  deren  durch  Diskontierung  ermitteltem  gegen- 
wartigen Wert.  Sonach  wurde  vorausgesetzt,  dass  die  Sterbfallsummen  einem  auf 
Zinseszins  gestellten  Fonds  (P./«)  entnommen  werden. 

277 


—     118    — 

eiDnahmen  der  Bank,   diskontiert  auf  die  Gegenwart,  bezifferten  sicli 
sonach  auf 

(ia  .  p  +  /a+i  .  P  .  «  +  Wa  •  P  •  ^*  +  •  •  •  •)  Mk. 
Setzt  man  diesen  Betrag  dem  gegenwärtigen  Werte  der  gesamten 
Bankausgaben  gleich,  so  erhält  man: 

?a  .  P  +  ?a+l  .  i?  .  2;  +  io+a  .  i?  .  2?*  +  .  .  .  =  (la—la+l)   «?  + 

woraus  sich  ergiebt: 


lg  +  ^O+l    •     ^    +   ^O-l-a   ^*  + 


oder,  unter  Berücksichtigung  von  Formel  1): 

P    l 

p  ^_f_^i« .     2.) 

Zu  demselben  Eesultat  führt  übrigens  auch  die  folgende  Be- 
trachtung : 

Gesetzt,  es  würde  von  jedem  der  lg  Versicherungsnehmer  eine 
Jahresprämie  von  1  gezahlt :  Dann  betrüge  der  diskontierte  Wert  der 
gesamten  Bankeinnahmen 

lg  +  Igj^x  .  ^  4"  ^«+8 .  2:^  4"  •••'=*  ^  5 
als  Durchschnittsleistung  des  einzelnen  Versicherungsnehmers  ergäbe 

k 
sich  hieraus  der  Betrag  von  ,  =  Pi.    Um  aber  eine  Versicherungs- 

summe  von  1  im  Todesfall  zu  erhalten,  bedarf  es,  wie  wir  oben  sahen, 
seitens  des  einzelnen  nicht  einer  Durchschnittsleistung  in  Höhe  von 
P^,  sondern  von  P.  Somit  wird  auch  die  jährlich  von  ihm  zu  er- 
hebende Prämie  (p)  sich  nicht  auf  1  belaufen,  sondern  zu  1  in  dem- 
selben Verhältnis  stehen,  wie  P  zu  P^.    Mathematisch  ausgedrückt: 

^:l  =  P:Pi; 
sonach  p  =  -^- ; 

und,    da    Fy=j-=     ^a+Ul-g+^a+a.^^4-       ''' 

P.h 

v)  —    !_ ^ 

la  "f"  ^o-f-l  •  ^  "|~  la-\-%  .  21*  4"   •  •  •  • 

Von  einer  weitern  Vereinfachung  dieser,  sowie  auch  der  erst- 
erwähnten Formel  (der  Formel  für  P),  kann  füglich  abgesehen  werden; 
für  den  vorliegenden  Zweck  genügt  es,  ganz  allgemein  den  Gang  der 

278 


—     119     — 

SechnnDg  angedeutet  zu  haben.  Wir  ersahen  aus  dieser  Rechnung, 
um  es  nochmals  herrorzuheben^  dals  die  Erlegung  einer  Jahresprämie 
Ton  p  ausreicht^  um  einer  jeden  Ton  2«  an  der  Versicherung  teil- 
nehmenden Personen  (resp.  deren  Hinterbliebenen)  im  Augenblicke 
ihres  erfolgten  Ablebens  den  Bezug  eines  E^apitals  ziuächst  in 
Höhe  Yon  1  zu  ermöglichen.  Sollen  an  Versicherungssumme  nicht 
1  Mk.y  sondern  x  Mk.  zur  Auszahlung  gelangen,  dann  wird,  um 
diesen  rrmal  grölseren  Betrag  zu  decken,  offenbar  auch  eine  xmsX 
gröfsere  Leistung  erforderlich  sein,  und  jeder  Versicherungsnehmer 
somit  nicht  p,  sondern  x  .  p  Mk.  jährlich  zu  entrichten  haben. 

Sowie  man  mm  mit  Hülfe  der  Sterbetafel  die  jährliche  Prämie 
for  den  Fall  zu  berechnen  yermochte,  dab  der  Tod  den  Zeitpunkt 
der  Fälligkeit  der  Versicherungssumme  bildet,  so  wird  man  analog 
verfahren  müssen,  wenn  an  dessen  Stelle  ein  beliebiger  andrer  Zahlungs- 
termin festgesetzt  ist.  Überall  wird  davon  auszugehen  sein,  dafs  der 
Gesamtwert  der  yon  den  Versicherungsnehmern  zu  erlegenden  Prämien 
demjenigen  der  vom  Versicherer  zu  erbringenden  Leistungen  gleich- 
kommen soll.  In  derselben  Weise,  wie  für  die  einfache  Todesfall- 
asaekuranz,  gilt  dieser  Grundsatz  für  die  Versicherung  auf  den  Lebens- 
fall und  für  die  Leibrentenversicherung. 

Eine  Modifikation  der  bezeichneten  Berechnungsweise  erheischen 
dagegen  die  Versicherungen  auf  verbundene  Leben.  Bei  den  letzteren 
nämlich  hängt  die  Auszahlung  der  einen  gewünschten  Versicherungs- 
summe, bezw.  der  einen  Beute,  nicht  wie  beispielsweise  bei  der  ein- 
fachen Todesfallassekuranz,  von  dem  Hinscheiden  auch  nur  eines 
Versicherungsnehmers  ab.  Vielmehr  ist  für  diese  Auszahlung  die  Art 
des  Absterbens  zweier  (oder  mehrerer)  in  derselben  Assekuranz 
geeinten  Personen  mafsgebend.  Die  Absterbeordnuug,  wie  wir  sie 
oben  kennen  lernten,  gibt  aber  über  das  Verhältnis  der  Sterblichkeit 
zwischen  verbundenen  Leben  unmittelbar  keinerlei  Aufschluf&  Wir 
sind  daher  hier  auf  eine  indirekte  Methode  der  Bechnung  angewiesen, 
eine  Methode,  welche  im  Gegensatz  zu  der  ersterwähnten  nicht  eine 
Gesamtheit  von  Versicherungsnehmern,  sondern  die  einzelne 
Versicherung  zum  Ausgangspunkte  wählt ;  und  welche  gleichzeitig 
die  einzelnen  Jahre  der  Versicherungsdauer  vorzugsweise  in  Berück- 
sichtigung zi<^ht. 

Für  jeaes  Jahr  des  Bestehens  einer  Assekuranz  ist  es  nun 
für  den  Versicherer  ungewifs,  ob  er  das  versicherte  Kapital,  bezw, 
die  versicherte  Beute,  wird  zu  erlegen  haben.  Es  hängt  letzteres  davon 
ab,  ob  innerhalb  dieses  Zeitraums  eines  der  verbundenen  Leben  er- 

279 


—     120    — 

lischt  %  bezw.  o  b  beide  im  Tode  ihr  Ende  erreichen  *),  oder  nicht  *) 
Mit  dieser  ÜDgewifsbeit  ändert  sich  aber  für  den  Assekuradeur  auch 
die  Bedeutung  jener  Zahlungen,  indem  eine  mit  Bestimmtheit  zu 
leistende  Summe  einen  andern,  und  zwar  einen  höheren  Wert  für 
den  Schuldner  und  den  Empfangsberechtigten')  besitzt,  als  eine  im 
übrigen  gleiche,  deren  Aushändigung  jedoch  nur  unter  einer  Bedingung 
zu  erfolgen  hat.  Der  Wert  der  letzteren  vermindert  sich  um  so  mehr, 
eine  je  geringere  Wahrscheinlichkeit  dafür  besteht,  dafs  das  bedingende 
Ereignis  wirklich  eintritt. 

Ein  Beispiel,  welches  wir  Kamp*)  entnehmen,  wird  dies  veran- 
schaulichen :  Es  sei  die  Auszahlung  eines  Kapitals  von  100  Mk.  dem- 
jenigen versprochen  worden,  welcher  aus  einer  Urne  mit  1  weifsen 
und  19  schwarzen  Kugeln  gerade  die  weifse  zieht.  Die  Wahrschein- 
lichkeit des  letzteren  Ereignisses  ist  ^.  ^)     Würden  alle  Kugeln  zu- 


*»  So  bei  derUberlebena-KapitalversicheruDg  und  Uberlebens-Rentenassekuranz. 

*)  So  bei  der  Versicherung  auf  den  letzten  Todesfall  zweier  Leben. 

')  Bei  Verbindungsrenten  (d.  h.  Renten,  welche  an  zwei  oder  mehrere  Per- 
sonen gezahlt  werden  bis  zum  Tode  der  zuerst  oder  der  zuletzt  sterbenden  unter  ihnen). 

*)  Auch  für  die  in  der  Assekuranz  geeinten  Personen  also  (und  ähnlich  übri- 
gens, nur  dem  Grade  nach  verschieden,  selbst  für  den  einzelnen  Versicherungs- 
nehmer) ist  im  Hinblick  auf  jedes  Jahr  der  Versicherungsdauer  der 
Bezug  der  Versicherungssumme  ungewifs;  ebenso  ungewifs,  wie  für  den  Ver- 
sicherer deren  Aushändigung.  Auch  lür  die  Versicherungsnehmer  repräsentiert 
sonach  das  versicherte  Kapital  nicht  Jahr  für  Jahr  denselben  Wert.  Ja  bei  der 
gegenseitigen  Überlebens  Versicherung  bleibt  sogar  für  die  ganze  Zeit  des  Be- 
stehens der  Assekuranz  unsicher,  welchem  der  zwei  verbundenen  Versicherungs- 
nehmer die  Versicherungssumme  ihrerzeit  zu  gute  kommen  werde;  das  Erhalten 
des  letzteren  erscheint  für  den  einzelnen  von  ihnen  bedingt  durch  das  Er- 
fordernis des  früheren  Ablebens  des  andern.  Indessen  ändert  dies  nichts  an  dem 
„Lebensversicherungs-Charakter**  dieser  Assekuranzart:  Für  jede  Todesfallver- 
sicherung auf  verbundene  Leben  als  £  i  n  h  e  i  t ,  als  G  a  n  z  e  s  betrachtet,  stellt  sich 
nämlich  die  Auszahlung  des  versicherten  Betrages  ebenso  als  unbedingt  dar, 
wie  für  die  Todesfallassekuranz  eines  einzelnen.  Ebensowenig  wie  bei  dieser,  hat 
daher  hier  der  Assekuradeur  mit  der  Möglichkeit  zu  rechnen,  dafs  etwa  (wie  bei 
einer  Schadensversicherung,  cf  Einleitung,  S.  9  f.)  diese  Auszahlung  event.  auch 
unterbleiben  könnte.  (Nur  die  einseitige  ("^bcrlebensversicherung  bildet  in  ge- 
wissem Sinne  eine  Ausnahme ;  s.  darüber  weiter  unten).  —  Ahnliches,  wie  für  die 
Kapitalversicherung,  gilt  dann  auch  für  die  Rentenassekuranz  auf  verbundene  Leben. 

*)  Karup,  1.  c,  2.  Abteilung,  S.  87. 

')  Wahrscheinlichkeit  in  mathematischem  Sinne  bedeutet  den  Grad  der 
Möglichkeit  des  Eintreffens  eines  bestimmten  Ereignisses,  bemessen  nach  dem 
"Verhältnis  der  für  dieses  Eintreffen  „günstigen"  zu  den  für  Eintreffen  oder  Aus- 
bleiben des  Geschehnisses  überhaupt  in  Frage  kommenden,  sogenannten  „mög- 
lichen Chancen**.    Die  mathematische  Wahrscheinlichkeit  wird  daher  durch  einen 

280 


—     121    — 

gleich  gezogen,  so  wäre  die  weifse  darunter,  der  Gewinn  von  100  Mk. 
absolut  sicher.     Da  somit  sämtliche    20  Fälle   zusammengenommen 


(echten)  Bmch  ausgedrückt,  dessen  Nenner  die  Zahl  jener  eben  erwähnten  mög- 
lichen, und  dessen  Zähler  diejenige  der  günstigen  Chancen  angiebt.  Man  fragt 
z.  B.  nach  der  Wahrscheinlichkeit,  mit  einem  AVürfel  eine  Eins  zu  werfen:  Die 
6  Flächen  des  Würfels  enthalten  eine  verschiedene  Anzahl  von  Augen,  von  1 
Auge  auf  der  einen  bis  zu  6  Augen  auf  der  entgegengesetzten  Seite;  das  Vor- 
handensein einer  mit  1  Auge  versehenen  Seitenfläche  repräsentiert  für  den  Wurf 
Eins  eine  günstige  Chance;  demgegenüber  kommen  für  jeden  Wurf  überhaupt,  ent- 
sprechend dem  Vorhandensein  von  6  verschiedenen  Flächen,  6  Chancen  in  Frage : 
Man  kann  ebensowohl  1,  als  2,  3,  4,  5  oder  6  Augen  werfen.  (Der  Einflufs, 
welchen  andre  Momente  —  Lage  des  Würfels  im  Würfelbecher,  Beschaffenheit 
der  Tischplatte,  auf  welcher  gewürfelt  wird,  etc.  —  auf  das  Eintreffen  des  Ereig- 
nisses, gerade  eine  Eins,  oder  eine  Zwei,  etc.,  zu  werfen,  ausüben,  ist  vollkommen 
anberechenbar,  und  kann,  da  er  erfahrungsgemäfs  verschwindend  gering  erscheint, 
anfser  acht  bleiben.)  Das  in  unserm  Falle  obwaltende  Verhältnis  zwischen  den 
günstigen  und  den  möglichen  Chancen,  sonach  die  Wahrscheinlichkeit,  eine  Eins 
m  werfen,  beziffert  sich  mithin  auf  ^  (oder,  was  dasselbe  ist,  auf  0,166667). 
So  erscheint  auch  nicht  zufällig,  wenn  erfahrungsgemäfs  unter  6  Würfen  durch- 
schnittlich einmal  der  Wurf  Eins  vorkommt. 

Während  in  dem  soeben  angeführten  (und  ebenso  in  dem  im  Text  erwähnten) 
Beispiel  schon  gewisse  Vemunflgi'ünde  zur  Aufstellung  der  Wahrscheinlichkeit 
fuhren  („rationelle"  Wahrscheinlichkeit),  sind  wir  in  andern  Fällen  lediglich  auf 
Empirie  und  Experiment  angewiesen  („empirische"  Wahrscheinlichkeit).  Wir  beo- 
bachten z.  B.,  dafs  von  100  Streichhölzern  einer  bestimmten  Art  bei  mehrmaligen 
Versuchen  immer  annähernd  die  gleiche  Zahl,  etwa  95,  durch  Streichen  an  einer 
Reibfläche  sich  entzünden,  während  5  versagen;  dann  sind  wir  bis  zu  einem 
gewissen  Grade  berechtigt,  anzunehmen,  dafs  unter  solchen  100  Fällen  das  Ver- 
hältnis der  für  das  Entzünden  eines  Streichholzes  günstigen  zu  den  möglichen 
Chancen  annähernd  richtig  zu  Tage  trete ;  und  wir  dürfen  erwarten,  ein  ähnliches 
Resultat,  wie  das  beobachtete,  auch  für  später  Versuche  zu  erhalten.  Daher  würden 
wir  allgemein  die  Wahrscheinlichkeit  für  ein  Streichholz  der  betreffenden  Art,  sich 

j     ,  „  .,                    A  ..   j            -     95  („günstige  Fälle") 
durch  Reibung  zu  entzünden,  aöf-jnn)     "••"^-  r~^l 


100  („mögliche",  genauer:  „beobachtete"  Fälle) 
und  die  „entgegengesetzte"  zu  versagen,   auf  r^  angegeben. 

Schon  aus  diesen  wenigen  Beispielen  erhellt  übrigens,  dafs  die  Zahl  der 
möglichen  Fälle  (Chancen)  sich  durch  Addition  der  günstigen  und  ungünstigen 
KUe  (Chancen)  ergiebt.     (Z.  E.  100  =  95  -|-  5).     Bezeichnen   wir  erstere  mit  g, 

letztere  mit  «,  so  drückt  der  Bruch  — ^ —  die  gesuchte  Wahrscheinlichkeit  aus. 

Je  vorteühafter  das  Verhältnis  der  günstigen  Fälle  (oder  Chancen)  zu  den 
möglichen,  je  gröfser  der  Zähler  des  Wahrscheinlichkeitsbruches  im  Vergleich 
zum  Nenner,  je  gröfser  somit  der  Bruch  selbst  ist,  desto  bedeutender  muss  auch 
die  Wahrscheinlichkeit  sein,  welche  er  angiebt.    Ist  für  irgend  ein  Geschehnis  die 

281 


—    12»     — 

einen  Wert  Ton  100  Mk.  repräsentieren,  so  ist  klar,  daCs  1  Fall, 
und  so  anch  der  eine  günstige,  einen  solchen  Ton  nnr  ^  jenes  Be- 
trages, also  Ton  ^  •  100  «»  5  ML  darstellt.  Man  findet  daher  den 
Wert  eines  nur  für  den  Fall  des  Eintritts  eines  bestimmten  Ereig- 
nisses iallig  werdenden  Kapitals,  indem  man  dasselbe  mit  der  Wahr« 
scheinlichkeit  des  Zatreffens  jenes  Ereignisses  multipliziert.  Das  Pro- 
dukt heifst  die  „mathematische  Hoffnung  (Erwartung)^',  oder  der 
„Geldwert  der  mathematischen  Wahrscheinlichkeit". 

Auch  die  Auszahlungen  bezw.  Verpflichtungen  des  Versicherers 
nun,  von  denen  wir  sprachen,  haben  für  jedes  einzelne  Jahr  der  Ver- 
sicherungsdauer den  Charakter  solcher  mathematischer  Erwartungen; 
und  zwar  Ton  Erwartungen,  deren  Wert  sich  nach  der  Wahrschein- 
lichkeit bemifst,  mit  welcher  zu  gewärtigen  steht,  dafs  die  eine  oder 
die  andre  der  in  der  Assekuranz  yerbundenen  Personen,  bezw.  dafs 
beide  in  dem  betreffenden  Jahre  hinscheiden  oder  am  Leben  bleiben. 
Diese  Wahrscheinlichkeit  ist  aber  ihrerseits  wieder  eine  zusammen- 
gesetzte; sie  hängt  Yon  der  Sterbens-  oder  Lebenswahrscheinlichkeit 
jeder  der  zwei  (oder  mehreren)  yerbondenen  Personen  ab.  Um  sie 
zu  ermitteln,  muCs  man  den  hierüber  bestehenden  mathematischen 
Grundsätzen  zufolge  die  verschiedenen  Einzelwahrscheinlichkeiten 
multiplizieren.^)  Sind  dann  auf  diesem  Wege  die  in  Frage  kommenden 

Zahl  der  günstigen  Chancen  derjenigen  der  möglichen  gleich,  somit  der  Wahr- 
scheinlichkeitsbruch 'S  1,  so  tritt  dieses  Geschehnis  mit  Gewifsheit  ein ;  amgekehrt, 
ist  der  Wert  des  Bruches  =s  0,  dann  erscheint  das  Eintreffen  des  in  Rücksicht 
gezogenen  Ereignisses  unmöglich. 

Cf.  über  die  Wahrscheinlichkeitsrechnung  Real ing,  L  c,  S.  83 ff.,  Karup 
1.  c,  2.  Abteü.,  S.  80ff.,  Gallus,  1.  c,  S.  18 ff. 

^)  Die  Richtigkeit  dieses  Vorgehens  erklärt  folgende  einlache  Betrachtung 
(Kamp,  1.  c,  S.  86):  Man  stelle  sich  zwei  Urnen  vor,  A  und  B;  in  jeder  der- 
selben seien  drei  Kugeln,  eine  weifse  und  zwei  schwarze;  gefragt  wird  nach  der 
Wahrscheinlichkeit,  mit  welcher  zu  erwarten  stehe,  dafs  jemand  aus  beiden  Urnen 
zugleich  die  weisse  Kugel  zieht.  Bezeichnen  wir  die  Kugeln  in  der  Urne  A  mit 
a,  b,  c,  jene  in  der  Urne  B  mit  a,  ßy  y^  wovon  a  und  a  die  weifsen  sein  sollen; 
so  stellen  sich  folgende  Fälle  als  mr>glich  dar:  Man  wird  gleichzeitig  ziehen 
können 


A 

B 

A 

B 

A 

B 

1.  (a 

«) 

4.  (a 

ß) 

7.  (a 

/) 

2.  (b 

«) 

5.  (b 

ß) 

8.  (b 

r) 

3.  (c 

«) 

6.  (c 

P) 

9.  (c 

r) 

Unter  diesen  9  möglichen  Fällen  ist  aber  nur  einer,  der  erste  (a  a)  gunstig; 
die  Wahrscheinlichkeit,    dals    gerade   dieser   und   kein   andrer  Fall   eintritt,    ist 

somit  -  .  Zu  demselben  Resultate  wären  wir  indes  gelangt^  wenn  wir  die  beiden  Wahr- 


282 


—    123    — 

Oesamtwahrscheinlichkeiten  gefunden»  so  bedarf  es  nur  mehr  noch  einer 
Multiplikation  derselben  mit  dem  Geldwert  der  Bankleistungen,  femer 
einer  Addition  und  Diskontierung  der  daraus  resultierenden  Produkte, 
um  den  gegenwärtigen  Wert  der  vom  Versicherer  an  die  yerbundenen 
Leben  zu  machenden  Zahlungen  angeben  zu  können. 

Wenden  wir  uns  einem  praktischen  Falle  zu! 

Wir  nehmen  an,  zwei  Personen  von  verschiedenem  Alter,  a  und  b, 
hätten  den  Wunsch,  solange  sie  beide  lebten,  jährlich  eine  vorschüs- 
sige  Yerbindungsrente  im  Betrage  von  1  zu  erhalten :  ^)  Dann  würde 
die  erstmalige  Zahlung  dieser  Rente  sofort  nach  Abschlufs  des  Ver- 
trages, und  zwar  mit  Gewifsheit,  zu  erfolgen  haben.  Anders  lägen 
die  Verhältnisse  schon  am  Beginne  des  zweiten  Jahres  der  Versiehe* 
rungsdauer:  Hier  wäre  die  Leistung  des  Versicherers  von  der  Be« 
dingung  abhängig,  dafs  beide  Versicherte  noch  am  Leben  sind.  Nun 
zeigt  uns  die  Sterblichkeitstafel,  dafs  von  la  bei  Beginn  des  Jahres 
Lebenden  vom  Alter  a  den  Anfang  des  nächsten  Jahres  nur  la^i, 
erreichen;  für  die  Wahrscheinlichkeit,  dafs  eine  a- jährige  Person  a-\-l 
Jahr  alt  wird,  stehen  la  beobachteten  (möglichen)  Fällen  /«4.1  günstige 
gegenüber,  jene   Wahrscheinlichkeit   selbst   belauft   sich  sonach   auf 

Y^.    Analog  berechnet  sich  dieselbe  Wahrscheinlichkeit  für  eine  b* 

jährige  Person  auf  — 1 — ,  und  die  zusanmiengesetzte,  dafs  beide  Rentner, 
sowohl  der  a-,  wie  der  fr-jährige,   das  folgende  Jahr  noch  erleben,  auf 


scheiclichkeiten  des  Ziehens  der  weifsen  Kugel  für  jede  Urne,  welche  -n  betragen,  mit 

o 

einander  multipliziert  hatten :  0  •  g-  =  0 •    Und  ganz  erklärlich :  Jede  der  mögliehen 

Chancen  des  einen  der  beiden  Ereignisse  kann  mit  jeder  möglichen  Chance  des 
andern  zusammentreffen;  die  möglichen  Chancen  des  Zusammentreffens  beider 
Ereignisse  stellen  sich  also  in  dem  Produkte  der  für  jedes  einzelne  Ereignis  mög- 
hchen  Chancen  dar;  ebenso  verhält  es  sich  mit  den  günstigen  Chancen,  und  daher 
in  gleicher  Weise  schliefslich  mit  der  Wahrscheinlichkeit,  welche  ja  nur  die  Pro- 
portion der  letzteren  zu  den  ersteren  angiebt. 

*)  Wir  wählen  hier  eine  Rentenversichenmg  als  Beispiel  —  für  welche  ja 
dieselben  mathematischen  Grundlagen  gelten,  wie  fnr  die  Kapitalassekuranz  — 
weil  deren  Berechnimg  im  vorliegenden  Falle  anschaulicher  erscheint,  als  die- 
jenige einer  Kapitalversichernng  auf  zwei  verbundene  Leben.  Zudem  dürfte  es 
bei  den  engen  Beziehungen,  welche  zwischen  „Lebens**-  und  Rentenassekuranz 
obwalten,  im  allgemeinen  nicht  ohne  Interesse  sein,  auch  einmal  die  für  die  letztere 
übliche  Berechmmgsweise  an  einem  speziellen  Falle  zu  veranschaulichen. 

283 

i 


—    124    — 

a+i .  _6+i     Y\ir  das  zweitnächste  Jahr  stellt  sich  diese  letztere  Wahr- 


scheinlic  hkeit,    wie  eine    einfache  Betrachtung   zeigt,    auf 


^•4-8   Ih-2 


la  h   ' 

für    das    dritte   auf  -~  •  -J^-    u.  s.  w.   f.      Die    „LebensTersiche- 

la  Ib 

rungsanstalt"  würde  somit  zu  zahlen  haben:  Sofort  bei  Beginn 
des  ersten  Jahres  -/  *  /   (Oewifsheit !).    1,   bei  Beginn    des    zweiten 

f'a    «6 

-^-  '  -y-^  •  1,  am  Anfange  des  dritten   V^^  •  "/* '  ^>  ^*  s.  f.    Addiert 

la  Ib  la  <6 

man  diese  einzelnen  successiy  zu  erbringenden  Leistungen  und  dis- 
kontiert dieselben,  so  ergiebt  sich  deren  gegenwärtiger  Gesamtwert, 
welchem  die  (zunächst  einmalige)  Leistung  der  Versicherungsnehmer 
(P ),  wie  wir  wissen,  gleichzusetzen  ist.     Wir  erhalten  also : 

p,  =  >••  f*  •  1  + '";"  •  V'  •  1  •  '^  +  V'  •  V'- 1  •«*+  •  •  •  • ; 

la    Ib  U  'b  la  Ib 

,         p    la    '    h-\-la-^\   lh^\    •    2'  -f-  /a  :  2'    h-^  2    •   Z^  -{-,..   ,    ^  . 

la  •  ^6 

Ist  der  gewünschte  Betrag  der  Yerbindungsrente  nicht  i,  sondern 
X,  so  wird  auch  der  Wert  von  P,  entsprechend  der  x  mal  gröfsem  Ver- 
bindlichkeit der  Bank  eine  entsprechende  Erhöhung  zu  erfahren  haben. 

Die  wenigen  Beispiele  aus  dem  Gebiete  der  Versicherungsrechnung, 
welche  wir  vorführten,  würden  etwa  ausreichen,  um  einen  Einblick 
in  die  letztere  wenigstens  insoweit  zu  ermöglichen,  als  ein  solcher  für 
den  vorliegenden  Zweck,  für  die  Erkenntnis  des  wirtschaftlichen 
Wesens  der  sogenannten  Lebensassekuranz,  unbedingt  erforderlich  er- 
scheint. Immerhin  bedürfen  unsre  bisherigen  Ausführungen  noch 
nach  verschiedenen  Richtungen  hin  einer  Ergänzung  und  Vervollstän- 
digung. Fürs  erste  gingen  wir,  als  wir  die  Methode  der  Prämienbe- 
rechnung klarzulegen  versuchten,  immer  von  gewissen  Voraussetzungen 
aus.')  Insbesondre  nahmen  wir  an,  dafs  sämtliche  Versicherungs- 
nehmer in  einem  und  demselben  Alter,  a,  ständen,  dafs  ihre  Zahl  der- 
jenigen gleich  wäre  und  (anfänglich)  gleich  bliebe,  welche  die  Sterbe- 
tafel für  o-jährige  Personen  angiebt;  endlich,  dafs  alle  das  gleiche  Ka- 
pital 1  oder  X  gebildet  zu  sehen  wünschten.  Betrachten  wir  demgegen- 
über den  Personalbestand  eines  Versicherungsunternehmens,  wie  er 


')  Cf.  zum  Folgenden  etwa  Kinkelin,  1.  c,  S.  löflf.,  iind  ßietzseh,  1.  c. 
S.  V,  sub  7. 

284 


—     125     — 

im  praktischen  Leben  yorkommt,  so  scheint  in  ihm  auch  nicht  eine 
dieser  Voraussetzungen  verwirklicht.  Ein  solcher  Yersicherungsbe- 
stand  umfafst  Tielmehr  eine  stets  wechselnde,  i.d.K  zunehmende  Zahl 
Terschiedenaltriger  Versicherungsnehmer,  die  zudem  inbetreff  der  Höhe 
der  versicherten  Beträge  in  ihren  Wollen  keineswegs  übereinstimmen, 
und  mit  Bezug  auf  diese  Abweichungen  der  thatsächlichen  von  den 
oben  angenommenen  Verhältnissen  erhebt  sich  nun  die  Frage,  ob  die- 
selben wesentliche  seien ;  genauer,  ob  sie  die  oben  dargestellten  Grund- 
formen und  Grundprinzipien  der  „Lebensversicherungs-Bechnung^'  und 
-Technik  zu  alterieren  vermögen,  oder  aber  als  unerheblich  aufser 
Acht  gelassen  werden  dürfen. 

Was  zunächst  den  Punkt  anlangt,  dafs  die  Zahl  der  in  den  Per- 
sonalbestand aufzunehmenden  Versicherung-Suchenden  nicht  genau  den 
in  der  Sterbetafel  genannten  Ziffern  angepafst  wird,  so  mufs  hier  auf 
eine  Thatsache  hingewiesen  werden,  deren  nähere  Besprechung  wir 
uns  für  eine  spätere  Stelle  vorbehalten :  Auf  die  Thatsache  nämlich, 
dafs  der  Prozentsatz  der  Sterblichkeit,  wie  ihn  die  Mortalitätstabellen 
angeben,  nicht  nur  immer  in  Personengruppen  von  einer  ganz  be- 
stimmten Stärke  wiederkehrt,  sondern  in  annähernd  gleicher  Weise 
^ich  überhaupt  in  jeder  beliebigen  Association  geltend  macht;  wofern 
nur  die  Lebensbedingungen  der  in  einer  solchen  Vereinten  denjenigen 
ähneln,  unter  welchen  die  für  die  Sterbetafel  beobachtete  Gruppe 
ihrerzeit  gestanden  hat.  Ist  daher  auf  Grund  der  Daten  der  Morta- 
litätstabelle der  Versicherungsbeitrag  (P  oder  p)  für  den  einzelnen 
Versicherungsnehmer  berechnet,  dann  können  in  den  Personalbestand 
beliebig  viele  Versicherung-Suchende  gegen  die  Verpflichtung  zur 
Zahlung  des  nämlichen  Beitrags  eingereiht  werden.  Der  Versicherer 
hat  aber  ein  Interesse  daran,  die  Association  zu  einer  thunlichst  aus- 
gedehnten zu  gestalten,  weil,  wie  wir  sehen  werden,  deren  gröfsrer 
Umfang  für  das  Zutreffen  des  erwarteten  Sterblichkeitsverlaufs  ent- 
sprechend gröfsere  Garantieen  bietet. 

Wenn  dann  zweitens,  und  zwar  Jahr  für  Jahr  von  neuem,  Personen 
verschiedenen  Alters  in  den  Versicherungsbestand  Aufnahme  finden, 
80  rechtfertigt  sich  dies  dadurch,  dafs  die  Verschiedenaltrigen  auch 
verschieden  bemessene  Beiträge  zu  entrichten  haben:  Für  die  a-Jäh- 
rigen  wird  bei  der  Prämienberechnung  von  einer  Association  von  Ig , 
für  die  o-f-l -Jährigen  hingegen  von  einer  solchen  von  ?a+i  Personen 
aasgegangen,  u.  s.  f.  Man  könnte  sich  vorstellen,  dafs  die  Ge- 
samtheiten der  a-Jährigen,  der  o-j-l-Jährigen,  der  i-Jährigen,  etc. 
überhaupt  jede  für  sich  organisiert  würden,   vollständig  getrennt  ihre 

285 


—    126     — 

Prämien  zahlten,  und  entsprechend  aus  getrennten  Kassen  ihre  Ver. 
Sicherungssummen  bezögen.  Aber  welcher  Grund  spricht  dagegen^ 
wenn  —  wie  es  thatsächlich  geschieht  —  diese  ursprünglich  ge- 
trennt gedachten  Associationen  ihre  ordnungsmäfsig  berechneten  Bei- 
träge in  eine  gemeinsame  Kasse  niederlegen,  und  so  zu  einer  einzigen 
Association  verschmelzen?  Ein  solcher  Orund  wäre  offenbar  nur  vor- 
handen, wofern  eine  der  solcher  Art  zusammengefassten  Altersklassen 
gewisse  Mängel  aufwiese  und  dadurch  etwa  die  gemeinsame  Kasse 
mit  ungewöhnlichen  Unkosten  bedrohte;  namentlich  also,  wenn  die- 
selbe nicht  denjenigen  Umfang  besäfse,  welcher  ein  Zutreffen  der  in 
der  Sterbetafel  gemachten  Angaben  ausreichend  verbürgte.  Gegen 
die  Eiinschliessung  solcher  zu  schwachen  Associationen  in  den  all- 
gemeinen Bestand  trifft  man  jedoch  in  der  Praxis  Vorsorge,  indem 
man  an  Personen,  deren  Assekuranzbedürfnis  entweder,  wegen  ihrer 
Jugend ,  noch  zu  gering,  oder  aber,  wegen  ihres  hohen  Alters,  nur 
gegen  aufserordentlich  bedeutende  Kosten^)  zu  befriedigen  ist,  be« 
stimmungsgemäfs  Versicherung  nicht  gewährt.  I.  d.  R.  finden  nur  Ver- 
sicherung-Suchende  im  Alter  von  mindestens  15  und  höchstens  60 
Jahren  Berücksichtigung.^ 

Es  wäre  endlich  noch  der  dritten  der  oben  erwähnten  Verschie- 
denheiten zu  gedenken  und  der  Umstand  zu  erörtern,  dafs  Versiche- 
rungssummen nicht  gleicher,  sondern  verschiedener  Höhe  seitens  der 
einzelnen  Versicherungsnehmer  verlangt  zu  werden  pflegen.  Wir 
kommen  jedoch  auf  diesen  Punkt  zweckmäfsig  erst  weiter  unten  ein* 
gehend  zu  sprechen.  Nur  so  viel  sei  schon  hier  bemerkt:  Mag  man 
auch  aus  praktischen  Bedürfnissen  von  der  Forderung  einer  absoluten 
Gleichheit  der  versicherten  Beträge  absehen,  jedenfalls  müssen  doch 
immer  für  deren  Höhe  bestimmte — und  nicht  allzu  weite —  Grenzen 
innegehalten,  mit  andern  Worten,  es  mufs  eine  wenigstens  approximative 
Gleichheit  derselben  angestrebt  werden.  Dafs  femer  für  die  innerhalb 
solcher  Schranken  differierenden  Versicherungskapitalien  noch  ent- 
sprechend verschieden  hohe  Prämien  zu  leisten  sind,  bedarf  wohl  kaum 
der  besondem  Erwähnung.  Auch  dieser  dritte  Punkt  erweist  sich, 
wie  die  beiden  erstgenannten,  fär  den  Aufbau  der  „Lebensversiche- 
rungstechnik^    als     belanglos.    Wir  werden    daher  in  Zukunft,    so« 


^)  Je  weniger  Lebensjahre  eine  (neu  zu  bildende)  Association  Gleichaltariger 
zusammen  noch  zu  verleben  hat,   desto   höher  wird  natürlich   der   gegenwärtige 
Wert  der  vom  Versicherer  an  sie  zu  erbringenden  Leistungen,  desto  höher  danach 
auch  die  von  dem  einzelnen  Versicherungsnehmer  zu  erhebende*  Priimie. 
")  SL  Emminghaui,  im  ,,Handwörterbttch^,  L  c,  IV.  Bd.  S.  1006. 

286 


—     127     — 

weit  dies  der  Yereinfiachuiig  wegen  erforderlich  erscheint,  an 
dem  Beispiel  der  geschlossenen  Yersicherongsassociation,  mit  einer 
den  Daten  der  Sterbetafel  genau  entsprechenden  Zahl  von  Mitgliedern 
gleichen  Alters,  sowie  an  der  Voraussetzung  absoluter  Gleichheit  der 
Yersicherongssummen  festhalten  dürfen,  ohne  befürchten  zu  müssen, 
hiermit  von  der  Wirklichkeit  wesentlich  abzuweichen. 


Fassen  wir  nunmehr  das  Ergebnis  unsrer  bisherigen  mathematischen 
Betrachtungen  in  Kürze  zusammen :  Wir  bemerken  zunächst  bei  der 
einfachen  Kapitalversicherung  auf  den  Todesfall  einen  ausgeprägten 
Prozeis  der  Kapitalbildung.  Eine  Menge  von  Personen  gleichen 
Alters  (la)  treten  in  Verbindung ;  sie  alle  wollen  bei  ihrem  Ableben 
ein  Kapital  Ton  bestimmter  Höhe  (x)  an  ihre  Hinterbliebenen  ausbe- 
zahlt wissen ;  ein  Fonds  ^)  erweist  sich  als  erforderlich,  welcher  mit 
Zins  und  Zinseszins  gerade  ausreicht,  um  fiir  jene  successiv  Abster- 
benden das  gewünschte  Kapital  zu  bescha£fen.  Diesen  Fonds  bilden 
die  Versicherungsnehmer  selbst;  entweder  sie  verteilen  den  Wert 
desselben  zu  gleichen  Teilen  unter  sich,  und  steuern  sämtlich 
diesen  Teil  sogleich  als  Mise  (P)  bei,  oder  sie  bringen  ihn  durch 
Jahresbeiträge  auf,  welche  sie  in  gleicher  (resp.  bei  verschiedenen 
Yersicherongssummen  in  diesen  entsprechender)  Höhe  bis  zu  ihrem 
Ableben  entrichten  *);  die  Sterblichkeitstafel  reguliert  diese  Leistungen. 
Es  wird  also  gespart,  gemeinsam  gespart  für  einen  ge- 
meinsamen Fonds,  welcher  gerade  genügt,  um  jedem 
der  Sparendenden  Bezug  einer  bestimmten  Summe  bei 
seinem  Tode  ( — oder  bei  der  Lebensfallversicherung 
zn  einem  beliebigen  andern  Zeitpunkte — )zu  garantieren. 

Einen  scheinbar  abweichenden  Charakter  zeigen  nur  die  Ver- 
sicherungen verbundener  Leben.  Vergebens  suchen  wir  in  der  Art 
und  Weise  der  für  diese  Assekuranzen  anzustellenden  Rechnung  irgend 

')  ('«  — ^a+O-'^+CWl ~W«)*'  +  *  •••»"•  ^®*^-  »Wa  —  ^a+l)«  +••••! 
wofern  die  verlangte  Versicherongssunune  nicht  1,  sondern  x  beträgt.    Cf.  S.  116  f. 

*)  Während  im  ersteren  Falle  der  erforderliche  Fonds  sofort  fertiggestellt  ist 
und  nur  noch  der  Yerzinsimg  bedarf,  um  seinen  Zwecken  genügen  zu  können, 
erscheint  derselbe,  wofern  Jahresbeiträge  gezahlt  werden,  solange  in  der  Ent- 
wicklung begriffen,  bis  auch  der  längstüberlebende  der  l^  Versicherungsnehmer 
seine  Prämie  p  zum  letzten  Male  beigesteuert  hat.  Das  Büd  fortwährender  Ver- 
änderong  des  Fonds,  welches  sich  solcher  Art  darbietet,  wird  noch  durch  den 
Umstand  verstärkt,  dafs  letzterem  ja  auf  der  andern  Seite  längst  vor  erlangter 
Vollständigkeit  Jahr  für  Jahr  schon  eine  bestimmte  Anzahl  von  Sterbfallsummen 
entQommen  werden. 

2S7 


—     128    — 

welche  Hindeutimg  darauf,  dafs  auch  bei  ihnen  die  Bildung  einer 
Association  sich  vollzöge,  ein  gemeinsames  Vorgehen  vieler  zur  Er- 
reichung eines  gemeinsamen  Zweckes  stattfände.  Und  doch  ist  dem 
so,  ist  überhaupt  die  Grundidee  der  BerechnuDgsweise  hier  ganz  die 
nämliche,  wie  bei  den  Versicherungen  auf  einzelne  Leben;  nur  dafs 
bei  letzteren  die  Faktoren  der  Lebens-  oder  Sterbenswahrscheinlichkeiten 
der  einzelnen  Versicherungsnehmer  vollständig  in  die  Eechnung  ver- 
woben sind,  nicht,  wie  bei  den  Assekuranzen  verbundener  Leben  als 
äufserlich  hervorstechende  Elemente  derselben  erkennbar  werden.  So 
könnte  man  beispielsweise  bei  der  einfachen  Todesfallversicherung, 
statt,  wie  es  oben  geschah,  von  einer  Gesamtheit  von  la  Personen  auszu- 
gehen, auch  die  Sterbenswahrscheinlichkeit  eines  a-jährigen  Versiche- 
rungsnehmers für  jedes  Jahr  feststellen,  und  danach  die  Höhe  der 
von  ihm  zu  fordernden  Prämie  bemessen.  Die  demgemäfs  auf  ver- 
schiedenem Wege  ermittelten  Prämienwerte  müfsten  und  würden  sich, 
wie  leicht  nachzuweisen,  vollkommen  gleichen.^)    Trotzdem  wäre  na- 


*)  Ginge  man  wieder  von  dem  Fall  aus,  ein  a -jähriger  Versicherungsnehmer 
wünschte  bei  seinem  Ableben  ein  Kapitel  von  1  zu  hinterlassen,  so  liefse  sich  der 
Wert  der  vom  Assekuradeur  an  ihn  zu  erbringenden  Leistung  —  obwohl  ja 
letztere  mit  Gewifsheit  zu  erfolgen  hat  —  in  Form  einer  mathematischen  Er- 
wartung ausdrücken;  einer  Erwartung,  welche  von  der  Sterbenswahrscheinlich- 
keit (1)  des  Versicherungsnehmers  abhinge.  Dessen  Ableben  könnte  nun  ent- 
weder im  1.,  oder  im  2.,  3.,  4.,  5.,  etc.  Jahre  des  Bestehens  der  Assekuranz  er- 
folgen. Die  gesuchte  Sterbenswahrscheinlichkeit  würde  daher  eine  alter- 
native sein. 

Nun  berechnet  man  solche  alternative  Wahrscheinlichkeiten  in  der  Weise, 
dafs  man  die  für  dieselben  in  Betracht  kommenden  Einzel- Wahrscheinlichkeiten 
addiert.  Es  seien  z.  B.  in  einer  Urne  10  Kugeln,  4  weisse,  3  schwarze,  2  rote 
und  1  grüne;  gefragt  wird  nach  der  alternativen  Wahrscheinlichkeit,  aus  der 
Urne  entweder  eine  weifse    oder  eine  schwarze  Kugel  zu  ziehen.    Möglich  sind 

alsdann  10,  günstig  4-j-3  =  7  Fälle;  die  gesuchte  Wahrscheinlichkeit  wäre  somit 

7 
^7^'-    Zu  demselben  Resultate  hätte  man  aber  offenbar  auch  durch  Addition  der 

Einzel- Wahrscheinlichkeiten ,    welche    für    das   Ziehen    einer    weifsen   und   einer 

4        3        7 

schwarzen  Kugel  bestehen,  gelangen  können :  ^  /f  +  ttt  =  i >»• 

Die  Wahrscheinlichkeit   für   eine   a -jährige  Person,   im  nächsten  Jahre  su 

sterben,    beträgt         .  —-,  jene,  im  zweitnächsten  Jahre  abzuleben  --"tL — ^i_ 

u.  8.  f.;    somit    die    alternative  Wahrscheinlichkeit,  innerhalb  jener  B«ihe    von 
Jahren,  welche  ein  Kenschenleben  ausfüllt,  überhaupt  mit  Tod  abzugehen 

l        -r        I  T-  —  1  L—  Aj. 

288 


—     129     — 

türlich  durch  eine  derart  veränderte  Bechnungsweise  die  Notwendig- 
keit einer  Associationsbildung  für  die  einfache  Assekuranz  auf  den 
Todes&ll  keineswegs  beseitigt.  Mag  man  nämlich  die  Wahrschein- 
lichkeit, im  künftigen  Jahre  zu  sterben,  für  eine  bestimmte  Person  auf 
6nmd  noch  so  genauer  Beobachtungen  ermitteln;  man  ersieht  aus 
ihr  doch  immer  nur,  in  welchem  Grade  das  Verscheiden  des  betrefiPen- 
den  IndiTiduums  als  möglich  erscheint.  Ob  nun  aber  diese,  wenn 
auch  noch  so  grofse  Möglichkeit,  oder  aber  die  entgegengesetzte  des 
Überlebens  sich  yerwirklicht ,  bleibt  im  einzelnen  Falle  durchaus  un- 
gewifs.  Praktische  Bedeutung  gewinnt  die  Kenntnis  einer  Wahr- 
scheinlichkeit erst  bei  Zusammenfassung  einer  Gesamtheit  von  Fällen, 
innerhalb  deren  das  wahrscheinliche  Ereignis  —  entsprechend 
dem  Verhältnis  der  für  sein  ZutrefiPen  günstigen  und  möglichen 
Chancen  —  mit  einer  gewissen  Begelmässigkeit  wirklich  eintritt; 
innerhalb  deren  es  für  einen  annähernd  konstanten  Prozentsatz  der 
zQsammengefafsten  Fälle  mit  ziemlicher  Sicherheit  zu  erwarten  ist.^) 
Wie  schon  erwähnt,  wird  jene  Konstanz  dann  um  so  zuverlässiger, 


Der  „erwartungsmäfsige"  Wert  der  Leistung  der  Versicherers  an  jenen 
a- jährigen  Versicherungsnehmer  beliefe  sich  somit  auf 

oder  ausmultipliziert,  auf 

I  •  *  n  f  .  X  T" . . . . 

g  g 

£b  bedarf  nunmehr  nur  noch  der  Diskontierung  dieser  einzelnen^  für  das 
Ende  jedes  Versichemngsjahres  geltenden  Erwattungswerte ,  um  den  „gegen- 
wärtigen** Gesamtwert  der  Verbindlichkeit  des  Versicherers,  welchem  die  ein- 
malige Prämie  (JP)  des  Versicherungsnehmers  gleichzusetzen  ist,  zu  ermitteln.  Es 
ist  danach 

'«  'o 

also  gleich  dem  in  Formel  1.)  (S.  Hl)  berechneten  Betrage. 

*)  So  beträgt  z.  E.  die  Wahrscheinlichkeit,  aus  einer  Urne  mit  19  schwarzen 

und  einer  weifsen  Kugel  gerade  die  weifse  zu  ziehen,  ^.    Dieser  Wahrscheinlichkeit 

entspricht  dann  die  Erwartung,  dafs  unter  20  Fällen,  in  denen  die  Ziehung  er- 
folgt, etwa  1  Mal,  unter  40  Fällen  etwa  2  Mal,  unter  100  Fällen  etwa  6  Mal  die 
weiise  Kugel  thatsächlich  wird  gezogen  werden. 

StaatawisMiuchaftt.  Studien.  Y.  ngg  ^ 

20 


—    130    ^ 

emen  je  bedeutenderen  üm£ang  die  Ghesamtheit  annimmt^  an  wdcher 
sie  in  Erscheinung  treten  soll.  ^) 

Der  Einfluf^  den  die  Gröfse  einer  Association  auf  die 
Beständigkeit  eines  empirisch  ermittelten  Sterblichkeits- 
Prozentsatzes  ausübt,  läfst  sich  zweckentsprechend  an  der  Hand 
einiger  Betrachtungen  Teranschaulichen,  welche  G-allus  in  seinen 
schon  citierten  „Grundlagen  des  gesamten  Versicherungswesens^ 
(S.  46  ff.)  angestellt  hat.  Diese  Betrachtungen  nehmen  zwar  speziell 
auf  die  Feuerversicherung  Bezug,  doch  erscheinen  dieselben  auch  auf 
die  sogenannte  Lebensyersicherung  ohne  weiteres  ausdehnbar,  da  ja 
für  diese  gerade  das  Associationselement  yon  analoger  Bedeutung  ist 
wie  für  die  Schadensassekuranzen.  Gallus  geht  dayon  aus,  es  wäre 
eine  Yersicherungsgemeinschaft  yon  vier  Gefährsobjekten  begründet 
worden,  für  deren  jedes  die  Wahrscheinlichkeit,  yon  dem  schädigenden 
Ereignis  zerstört  zu  werden,  \  betrüge.  Für  unsem  Zweck  modifiziert 
würde  die  Annahme  die  sein,  es  hätte  sich  eine  Association  yon  yier 
Personen  gebildet,  deren  Lebensbedingungen  etwa  derart  ungünstige 
wären,  dafs  für  sie  erfahrungsgemäfs  eine  (einjährige)  Sterbens- 
wahrscheinlichkeit yon  4  bestände.  Alsdann  könnte  innerhalb  dieser 
Personen-Gesamtheit  die  Verteilung  der  Sterbe-  und  Uberlebensfalle 
in  fünffach  yerschiedener  VT'eise  erfolgen:    Entweder 

es  sterben  4  und  bleiben  somit  am  Leben  0  Versicherungs- 
nehmer, 
Oder    „„o„         „  „„„1  „ 

n  n         ^      n  n  n         n  n      ^  « 


1  ^ 

■■■»  n  n        n  n      ^  n 

n  n  n         n  n       ^  n 


oder  endlich  ^         ^       0 


Unter  diesen  Kombinationen  ist  an  und  für  sich  jede  möglich, 


^)  Den  oben  geäufserten  G-edanken  giebt  Kinkel  in,  1.  c,  S.  15,  mit  folgen- 
den Worten  Ausdruck :  „Für  einzelne  Personen  ist  der  Zeitpunkt  des  Todes  nach 
menschlichen  Begriffen  durchaus  unbestimmt.  Anders  aber  ist  es,  wenn  die  Zahl 
der  Versicherten  eine  gröfsere  ist.  Wenn  zwar  auch  da  noch  der  Sterbemoment 
für  den  einzelnen  ungewifs  bleibt,  so  ist  es  doch  möglich,  an  der  Hand  der 
>Iortalitätstafel  annähernd  die  Zahl  der  Todesfälle  für  die  verschiedenen  Alters- 
klassen in  den  kommenden  Jahren  anzugebdh.  Abweichungen  der  wirklichen 
Todesfalle  von  den  vorausgesehenen  werden  immerhin  noch  vorkommen,  werden 
aber  um  so  geringer  sein  und  der  Gesamtheit  gegenüber  um  so  weniger  ins  Ge- 
wicht fallen,  je  gröfser  die  Zahl  der  versicherten  Personen  ist ... .  Es  liegt  da- 
her im  natürlich^en  Interesse  des  Versicherers,  zunächst  möglichst  viele  Ver- 
sicherungsverträge   abzuschliefsen ,    um   gegen    ungünstige   Ereignisse    geschützt 


zu  sein^. 


290 


—     131     — 

o&De  dass  jedoch  auch  der  Grad  ihrer  Möglichkeit,  ihre  Wahrschein- 
lichkeit,  die  nämliche  wäre.  Diese  erscheint  als  eine  zusammen- 
gesetzte, als  abhängig  von  deijenigen  der  einzelnen  Ereignisse, 
deren  Zusammentreffen  die  Bildung  einer  jeden  Kombination  be- 
dingt. So  ist  für  die  erste  Kombination  (4.  0.)  die  Wahrscheinlich- 
keit ihres  Eintritts,  welche  sich  offenbar  nach  jener  richtet,  mit 
welcher  alle  vier  Personen  sterben ,  | .  ^ .  ^ .  ^  ==  ^^.  Bei  der 
zweiten  Kombination  (3.  1.)  stürben  3  Personen,  eine  aber  bliebe  am 
Leben ;  für  die  letztere  käme  mithin  nicht  die  Sterbenswahrscheinlich- 
keit  \,  sondern  die  Überlebenswahrscheinlichkeit  1 — ^t=J^)  in 
Betracht.  Der  Grad  der  Möglichkeit  der  ganzen  Kombination  be- 
rechnete sich  somit  auf  i  •  i  •  i  •  f.  Nun  ist  hier  aber  noch  ein 
weiterer  Faktor  in  Rücksicht  zu  ziehen :  Bisher  blieb  gänzlich  dahin- 
gestellt, welche  von  den  vier  Personen,  die  wir  mit  A,  B,  C,  D  be- 
zeichnen wollen,  vom  Tode  verschont  wird;  es  erscheint  ebensowohl 
mögtich,  dafs  A,  als  dafs  B,  C  oder  D  überlebt ;  kurz,  es  lassen  sich 
innerhalb  der  zweiten  Kombination  wiederum  vier  Variationen  unter- 
scheiden. Dies  kann  nun  auf  die  Wahrscheinlichkeit  der  ersteren 
nicht  ohne  Einflufs  sein.  Schon  eine  einfache  Überlegung  erweist, 
daJs  jene  einen  höheren  Wert  darstellen  mufs,  wenn  es,  wie  in  unserm 
Falle,  nicht  darauf  ankommt,  ob  nun  A,  oder  ob  B,  oder  C,  oder  D 
am  Leben  bleibt,  als  wenn  die  spezielle  Bedingung  beigefügt  wird, 
es  müsse  beispielsweise  gerade  A  dem  Tode  entgehen.  Wir  tragen 
diesem  umstände  Rechnung,  indem  wir  die  oben  ermittelte  Wahr- 
scheinlichkeit noch  mit  der  Anzahl  der  möglichen  Variationen  (4) 
multiplizieren.*)  —  In  ähnlicher  Weise  ergeben  sich  dann  auch  die 


')  Die  Überlebenswahrscheinlichkeit  ist  der  Wahrscheinlichkeit,  zu  sterben, 

entgegengesetzt.    Beide  ergänzen  einander  —  wie  dies  bei  allen  ,,entgegengesetz- 

1       3 
tcn"  Wahrscheinlichkeiten  (s.  S.  120,  Anm.  6)  der  Fall  ist  —  zu  Eins :  j  -}-  j=  1. 

Und  ganz  natürlich :  Die  alternative  Wahrscheinlichkeit  (cf.  S.  128,  Anm.  1)  dafür, 
dafs  ein  beliebiges  Ereignis  eintritt,  oder  nicht,  dafs  also  eine  Person  im  nächsten 
Jahre  ablebt,  oder  nicht  (d.  h.  überlebt),  mufs  ja,  da  es  ein  Drittes  nicht  giebt, 
stets  eine  Gewifsheit  bedeuten. 

*)  Mathematisch  betrachtet  ist  die  danach  resultierende  Wahrscheinlichkeit 
der  zweiten  Kombination  eine  alternative :  Die  Kombination  kann  eintreten  ent- 
weder in  der  Form  (Variation),  dafs  A  ü])erlebt,  und  B  C  D  sterben,  oder  in  der 
Crestalt,  dafs  B,  oder  G,  oder  D  am  Leben  bleiben,  und  demgcmäfs  A  C  D,  A  B  D, 
oder  ABC  verscheiden.  Die  (alternative)  Wahrscheinlichkeit  nun,  dafs  die  be- 
treffende Kombination  sich  überhaupt  in  einer  beliebigen  jener  4  verschiedenen 
Variationen  einstellt,  ist  somit  gleich  der  Summe  derjenigen  Wahrscheinlichkeiten, 

291  ^ 

20* 

i 

I 


—    132    — 

Wahrscheinlichkeiten  der  andern  Kombinationen ,  welche  wir  im  fol- 
genden zum  Zweck  der  Vergleichung  übersichtlich  zusammenstellen: 

Kombinationen        Wahrscheinlichkeiten  derselben 


(4 

0) 

iiii    -T^Z 

(3 

1) 

iiiJ  .4-^ 

(2 

2) 

ii.i-i.6  =  M 

(1 

3) 

\.hi.hi-m 

(0 

4) 

iii-i  -^ 

Ein  Blick  auf  diese  Zahlen  genügt,  um  uns  zu  überzeugen,  daCs 
unter  den  erwähnten   fünf  Kombinationen  eine ,  die  vierte,  eine  bei 

weitem  grössere   Wahrscheinlichkeit   für  sich  hat,   als    jede  andre. 

^_  __  ^__  •» 

Die  in  ihr  zu  Tage  tretende  Verteilung  der  Sterbe-  und  Überlebens- 
falle  ist  offensichtlich  diejenige,  welche  der  beobachteten  Sterbens- 
wahrscheinlichkeit ^  entspricht,  nach  dieser  sich  erwarten  liefs. 

Würden  nicht  4,  sondern  8  Personen  der  oben  angenommenen 
Qualität  die  Association  gebildet  haben,  so  ergäben  sich  9  yerschie- 
den  wahrscheinliche  Kombinationen: 

Kombinationen  Wahrscheinlichkeiten  derselben 

1  (Nenner  65  536).  *) 
24 
252 
1512 
5670 
13608 
20412  (!) 
17496 
6561. 

In  einer  Gesamtheit  von  12  Personen  ferner  gestalteten  sich  die 
Verhältnisse,  wie  folgt: 


(8 

0) 

(7 

1) 

(6 

2) 

(5 

3) 

(4 

4) 

(3 

5) 

(2 

6) 

(1 

7) 

(0 

8) 

welche  für  das  Zutroffen  jeder   einzelnen  Variation   bestehen.    Da  nun  letztere 

1113 

Wahrscheinlichkeiten  unter  sich  gleich  (offenbar  alle  =  .  .  .  .  :r  •  v^  sind,  so  Ter- 

4     4     4     4 

mag  man  zu  demselben  Ergebnis  auch  durch  Multiplikation  einer  dieser  Wahr- 
scheinlichkeiten mit  4  zu  gelangen. 

*)  Die  Wahrscheinlichkeit  der  Kombination  (8.  0.)  wäre  also   ^j^i  jcße  der 

Kombination  (7. 1.)  ^rrop.  u.  s.  f.    Der  für  alle  zu  vergleichenden  Wahrscheinlich- 

keiten  gemeinsame  Nenner  (65536;  wird  zur  Erleichterung  der  Übersicht  nur  ein- 
mal angegeben. 

292 


—     133    — 


Kombinationen 

Wahrscheinlichkeiten  derselben 

(12 

0) 

1  (Nenner  16777216). 

(11 

1) 

36 

(10 

2) 

594 

(9 

3) 

5940 

(8 

4) 

40095 

(7 

5) 

192456 

(6 

6) 

673  596 

(6 

7) 

1 732 104 

(4 

8) 

3  247  695 

(3 

9) 

4330260  (!) 

(2 

10) 

3  897  234 

(1 

11) 

2 125  764 

(0 

12) 

531441 

Auch  in  diesen  gröfseren  Associationen  also  behaupten  wiederum 
unter  allen  denkbaren  Yerteilungsweisen  der  Fälle  des  Yersterbens 
und  am  Leben  Bleibens  diejenigen  den  höchsten  Grad  der  Möglich- 
iäij  welche  gemäfs  der  zu  Grunde  gelegten  Sterbenswahrscheinlich- 
keit als  die  „erwartungsmäfsigen"  erscheinen:  (2.  6.)  bezw.  (3.  9,). 
Setzte  man  die  Berechnung  in  der  angedeuteten  Art  auch  noch  so 
weit  forty  indem  man  für  dieselbe  von  immer  stärkeren  Personen-Ge- 
samtheiten ausginge,  überall  müfste  die  erwähnte  Erscheinung  sich 
^ederholen.  Es  fragt  sich  aber  —  und  damit  gelangen  wir  zu  dem 
eigentlichen  Gegenstand  unsrer  Untersuchung  —  wie  jene  relativ 
gröfsten  Wahrscheinlichkeiten,  welche  für  das  Eintreffen  des  ,,erwar- 
tungsmäfsigen''  Sterblichkeitsprozentsatzes  bestehen,  sich  zu  einander 
verhalten ;  ob  dieselben  mit  wachsendem  Umfang  der  Association  zu- 
nehmen, oder  aber  sich  gleichbleiben,  oder  endlich  sogar  in  Abnahme 
begriffen  sind. 

Hier  zeigt  nun  ein  Vergleich  der  Brüche  ^,  Htü,  iWWA 
oder,  was  dasselbe  ist, 

iWMVg,  iWiWi^,  iWAm, 

daCs  —  wider  Erwarten  —  bei  steigender  Zahl  der  Associierten  die 
Wahrscheinlichkeit  für  das  Zutreffen  gerade  der  „erwartungsmäfsigen^ 
Kombination  sich  verhältnismäfsig  verringert.  Man  würde  sich  somit 
zu  der  Meinung  für  berechtigt  halten  können,  es  sei  eine  grofse  Associa- 
tion nicht,  wie  wir  früher  angaben,  erstrebenswert,  sondern  im  Gegen- 
teil im  Interesse  der  Betriebstechnik  zu  vermeiden.  Scheint  doch 
eine  solche  Ansicht  durch  unsere  obigen  Ausführungen  selbst  mathe- 

293 


—     134    — 

matisch  gestützt  zu  werden.  Dennoch  wäre  sie  yerfehlt  Eine  Be- 
trachtung der  extremen  Fälle,  d.  h.  jener  Kombinationen,  welche  Ton 
der  „erwartungsmäfsigen'«  am  weitesten  abstehen,  wird  dies  erkennbar 
machen. 

Die  Wahrscheinlichkeiten  dafür,  dafs  von  4  Personen  in  be- 
stimmtem Zeiträume  4,  Ton  8  Personen  8,  u.  s.  w.  sterben,  erweisen 
sich  als  j^s,  ifrl^u»  tjtVtjit'i  j^ne,  dafs  4,  8, 12  Personen  am  Leben 
bleiben,  als  ^,  ^^^,  jiHHhf  '«sp.  als  #/VWÄ,  AWVWV, 
iHMIlft*  ^ü:  sehen :  Auch  die  Aussicht  auf  Eintritt  dieser  extremen 
Fälle,  auf  erheblichere  Abweichungen  von  der  „erwartimgsmäfsigen" 
Sterblichkeit,  nimmt  mit  wachsender  Zahl  der  zu  einer  Gesamtheit 
yerbundenen  Personen  ab.  Ja,  dieselbe  verringert  sich  —  yerglichen 
mit  der  Wahrscheinlichkeit  der  erwartungsmäfsigen  Kombination  — 
in  auffallend  rascher  Weise. 

Daraus  folgt  aber,  dafs  der  Möglichkeitsgrad  für  die  mittlere 
Gruppe  Yon  Kombinationen,  welche  aus  der  „erwartungsmäfsigen^  und 
den  dieser  benachbarten  besteht,  beständig  in  Zunahme  begriffen  sein 
mufs.^)  Thatsächlich  ist  z.  E.  die  (alternatiTe)  Wahrscheinlichkeit 
für  das  Eintreffen  der  drei  zusammengefafsten  mittelsten  Kombina- 
tionen bei  einer  Gesamtheit  von  8  Personen  gröfser,  als  jene  für  die 
„erwartungsmäfsige"  Kombination  bei  einer  von  4  Personen  gebildeten 
Association.  Bei  einer  solchen  von  12  Personen  würde  zwar  die  alter- 
native Wahrscheinlichkeit  für  die  drei  im  Zentrum  stehenden  Kom- 
binationen ebenfalls  noch  geringer  sein,  als  diejenige  für  dieselbe 
Gruppe  beim  Bestände  8;  da  ja  mit  wachsendem  Umfang  der  Per- 
sonengesamtheit alle  einzelnen  Kombinationen  —  wir  wiesen  dies 
speziell  nur  für  die  erwartungsmäfsigen  und  die  extremen  nach  —  an 
Wahrscheinlichkeit  einbüfsen.  Nehmen  wir  aber  die  zwei  näcbst- 
benachbarten  noch  hinzu,  fassen  also  die  fünf  mittelsten  als  Ganzes 
auf,  so  wächst  deren  Gesamt-Wahrscheinlichkeit  gegenüber  der  für 
die  zentrale  Gruppe  (von  drei)  beim  Bestand  8  berechneten  wiederum 
um  ein  Bedeutendes.  Kaum  der  Erwähnung  bedarf,  dafs  dann  in 
demselben  Mafse,  in  welchem  der  Möglichkeitsgrad  der  mittleren 
Kombinationengruppen  steigt,  derjenige  aller  übrigen  sich  yermindert.^) 


^)  Der  Spielraum  für  die  einzelnen  innerhalb  einer  Personen-Gesamtheit 
möglichen  Kombinationen  ist  ja  ein  begrenzter.  Da  nämlich  entweder  diese,  oder 
jene,  in  jedem  Falle  aber  eine  von  ihnen  eintreten  mufs.  so  konmit  ihrer  Summe 
(der  alternativen  Wahrscheinlichkeit  dalür,  dafs  entweder  die  erste,  oder  die  zweite 
Kombination,  etc.  zutrefl'en  werde)  stets  der  Wert  1  zu. 

*)  Uf.  vorige  Anmerkung. 

294 


—     136    — 

Wir  sehen  dayon  ab,  ffir  die  letztgenaimteD,  wenngleich  höchst 
irichtigen  Thatsachen  hier  noch  spezielle  Berechnungen  yorzafuhren^) 
und  beschränken  uns  darauf,  nur  deren  Hauptergebnis  zur  Yeran- 
schanlichung  der  ersteren  ziffemmäfsig  mitzuteilen.  Danach  ist  bei 
einer  Gesamtheit  von  8  Personen  11  gegen  3  oder  22  gegen  6  (genau 
13188096  gegen  3  689  120)  zu  wetten,  dafs  entweder  die  ,,erwartungs- 
mäfsige^  Kombination,  oder  eine  der  beiden  benachbarten  eintreten 
werde,  und  keine  der  6  andern ;  hingegen  bestehen  bei  einer  Association 
Ton  12  Personen  sogar  66  (genau  16  333067)  Chancen  für  das  analoge 
Ereignis  des  Zutreffens  gerade  der  „erwartungsmäfsigen''  oder  aber 
einer  der  4  benachbarten  Kombinationen,  gegenüber  6  (genau  1 444 169), 
welche  für  den  Eintritt  irgend  welcher  der  8  übrigen  sprechen.  — 
Würden  an  Stelle  der  bisher  in  Betracht  gezogenen  Gesamtheiten 
Ton  8  oder  12  Associierten  solche  von  60,  100  und  mehr  Personen 
gebildet,  so  müfsten  an  ihnen  die  schon  an  unsem  Beispielen  be- 
merkbaren Erscheinungen  noch  weit  deutlicher  zu  Tage  treten.  Überall 
niüfste  mit  wachsender  Zahl  der  Associierten  auch 
diejenige  der  Chancen  dafür,  dafs  der  „erwartungs- 
mäfsige"  oder  ein  an  diesen  annähernder  Prozentsatz 
der  Sterblichkeit  sich  einstellen  werde,  erheblich  zu- 
nehmen, die  Konstanz  dieses  Prozentsatzes  sich  sonach 
ständig  vervollkommnen.  Dagegen  würde  die  Wahrscheinlich- 
keit  speziell  der  extremen  Verteilungsweisen  der  Sterbe-  und  Uber- 
lebensfalle  sich  rapide  verringern,  schliefslich  bei  bedeutendem  um- 
fange der  Personen-Gesamtheit  nahezu  gleich  0  werden.^) 


Ergiebt  sich  nun  aus  den  vorangeschickten  Betrachtungen  die  Not- 
wendigkeit des  Vorhandenseins  einer  Association  für  die  praktische 
Durchführung  aUer  Zweige  der  sogenannten  Leb'ensassekuranz;  er- 
weist es  sich  als  forderlich,  eine  möglichst  grofse  Zahl  von  Personen 
zn  den  Zwecken  gemeinsamen  Sparens  zu  vereinen ;  so  liegt  die  Frage 
nahe:  Wie  bildet  sich  eine  solche  Assekuranz-Gemeinschaft,  aufweiche 
Art  werden  die  verschiedenen,  nur  in  der  Absicht,  sich  ein  Kapital 


^)  Der  Gang,  welchen  diese  Berechnungen  zu  nehmen  hätten,  ist  aus  den 
jroraiugeschickten  Angaben  über  die  Wahrscheinlichkeitsrechnung  sehr  leicht  er- 
sichilich.    Cf.  im  übrigen  Gallus,  1.  c,  S.  53 ff. 

■)  Abschliefsend  sei  bemerkt,  Üafs  sich  in  all'  den  oben  abgeleiteten  Resul- 
taten eine  Gesetzmäfsigkeit  ausspricht,  das  von  Jacob  Bernouilli  entdeckte 
sogenannte  „Gesetz  der  grofsen  Zahlen'*. 

295 


—    136    — 

(oder  eine  Bente)  zu  sichern,  übereinstimmenden  Personen  zu  einer 
Spargesellschaft  zusammengeführt?  Es  mag  jedoch  an  dieser  Stelle 
die  vorläufige  Erinnerung  an  die  genannte  Frage  genügen.  Bevor  wir 
sie  beantworten,  erscheint  es  zur  weitem  Vervollständigung  unsrer 
Erörterungen  über  die  mathematischen  Grundlagen  unerläfslich,  die 
Aufmerksamkeit  noch  kurz  auf  einen  andern  Gegenstand  zu  lenken. 
Und  zwar  gilt  es,  einmal  innerhalb  einer  als  schon  bestehend  voraus- 
gesetzten Gesamtheit  von  Versicherungsnehmern  den  „Lebensassekuranz- 
Prozefs"  vom  Beginn  bis  zum  Abschlufs  beobachtend  zu  verfolgen, 
zuzusehen,  welche  Momente  auf  denselben  von  Einflufs  sind,  endlich, 
welche  Abweichungen  von  seinem  normalen  Verlaufe  durch  Besonder- 
heiten der  Versicherungspraxis  veranlafst  werden. 

Wir  gehen,  wie  früher,  von  der  Annahme  aus,  /«  Personen  eines 
bestimmten  Alters  a  wünschten  bei  ihrem  Tode  ein  Kapital  in  Höhe 
von  1  zu  hinterlassen.  Der  Versicherer  trägt  diesem  Wunsche  Rech- 
nung und  übernimmt  die  Verpflichtung  zur  successiven  Leistung  ent- 
sprechender Stcrbfallsummen ,  deren  gegenwärtiger  Wert  berechnet 
und  in  der  oben  beschriebenen  Weise  auf  die  /«  Versicherungsnehmer 
in  Gestalt  von  periodisch  zu  entrichtenden,  gleichmäfsigen  Prämien 
aufgeteilt  wird.  Bezeichnen  wir  die  Höhe  der  Jahresprämie  wieder 
mit  p,  so  ist  am  Beginn  des  ersten  Versicherungsjahres  infolge  der 
sofortigen  Einzahlungen  der  Spareinlagen  eine  Summe  von  /«  •  p  Mark 
vorhanden.  Diese  darf  nicht  als  totes  Kapital  liegen  bleiben,  sie  mufs 
eine  sichere,  zinsbringende  Anlage  finden.  Durch  die  Verzinsung  ver- 
gröfsert  sich  das  anfangs  vorhandene  Kapital  la .  p,  es  wächst  im 
Laufe  des  Jahres  auf  la  *p  -  q  Mark ^)  an.  Am  Ende  dieses  Zeit- 
raums aber  werden,  wie  wir  voraussetzen,  die  Versicherungssummen 
^^^8  •  Qa  —  ^o-f i)  •  ly  oder  kurz  ta  Mark  müssen  von  dem  Betrage 
la^p  >  q  subtrahiert  werden.  Somit  verbleibt  ein  Rest  {D^y  welcher 
(/«  .  p  .  9  —  ta)  Mark  ausmacht.  Am  Anfang  des  zweiten  Jahres 
erfolgen  seitens  der  überlebenden  Versicherungsnehmer  Neuein- 
zahlungen von  Prämien,  in  Höhe  von  zusammen  /a+i  •  p  Mark.  Man 
schlägt  dieselben  zu  dem  aus  dem  ersten  Jahre  übernommenen  Be- 
trag (Jta.p ,  q  —  ta)  hinzu  und  stellt  das  sich  danach  ergebende  Ge- 
samtkapital {h'P  *q  —  ^a  +  ^«-f  1  •  P)  weiterhin  auf  Zinsen.  Es  wer- 
den aus  demselben  im  Laufe  des  zweiten  Jahres  {la»p  -  q  —  ^a -f" 
/a+i  •  p)  •  9  Mark.  Wiederum  gelangen  alsdann  die  Sterbfallsummen  — 
für  die  Ende  des  zweiten  Jahres  Verstorbenen  —  in  Höhe  von  ^a+i  Mark 


')  über  den  ,,Aufzinsungsfaktor^  q  8.  S.  116  Anmerkung  1. 

296 


—     137     — 

zur  Anszahlnng;  und  wiederum  bleibt  ein  Best  (Pa-^i),  welcher  sich 
hier  auf 

oder  (Da  +  io+i  •  P)  •  ?  —  ^a+i 
Mark  beziffert.  —  In  der  nämlichen  Weise  geht  der  erwähnte  Prozefs 
auch  weiterhin  von  statten.  Das  durch  Abzug  der  Versicherungs- 
summen im  Vorjahre  verminderte,  durch  die  Beiträge  der  Überlebenden 
bei  Beginn  der  folgenden  Betriebsperiode  vermehrte  Kapital  wird  für 
die  Dauer  der  letzteren  verzinslich  angelegt.  Es  wächst  dadurch  nach 
Mafsgabe  des  Zinsfufses,  vermindert  sich  aber  andrerseits  von  neuem 
durch  die  an  die  Versicherten  zahlbar  werdenden  Beträge.  Es  bleibt 
ein  Rest,  welcher,  verbunden  mit  den  Einzahlungen  des  nächsten  Jahres, 
wiederum  auf  Zinsen  gestellt  wird,  u.  s.  w.  f. 

Dieser  jedesmalige  Best  nun  bildet  die  bekannte  Prämien- 
reserve (auch  Deckungskapital  oderBeservefonds  genannt), 
über  deren  Natur  viellach  unklare  Vorstellungen  herrschen.  &ehen 
wir  aber  von  dem  aus,  was  wir  oben  als  wirtschaftliches  Wesen  der 
sogenannten  Lebensversicherung  erkannten;  fassen  wir  dieselbe  als 
eine  auf  gemeinsamem  Sparen  beruhende  Einrichtung  auf;  dann  wird 
es  auch  keinem  Zweifel  unterliegen,  welchen  Charakter  die  Prämien- 
reserve an  sich  trägt:  Wir  haben  in  ihr  offenbar  einen  Teil  jenes 
früher  erwähnten,  durch  die  jährlichen  Beiträge  der  Spareinleger  be- 
ständig in  Bildung  begriffenen  Sparfonds ^)  zu  erblicken;  und  zwar 
denjenigen  Teil  desselben ,  welcher  verbleibt,  wofern  man  von  den 
bereits  beigesteuerten  Prämien  und  deren  Zinserträgnissen  die  be« 
stimmungsgemäfs  gezahlten  Sterbfallsummen  in  Abzug  bringt.  Im 
Reservefonds  repräsentiert  sich  Jahr  für  Jahr  das  von  den  Ver- 
sicherungsnehmern gemeinschaftlich  bislang  erzielte  Sparresultat,  soweit 
dieses  seinen  Zwecken  noch  nicht  gedient  hat,  soweit  es  daher  für 
erst  künftige  Bedürfnisse  Deckung  bietet.  Hieraus  erhellt  die  eminente 
praktische  Bedeutung,  welche  der  Prämienreserve  im  „Lebensasse- 
kuranzbetriebe" zukommt.  Wird  sie  angegriffen,  entnimmt  man  ihr 
irgendwelche  nicht  rechnungsmäfsigen  Beträge,  so  ist  damit  der  zur 
Bestreitung  der  zahlbar  werdenden  Versicherungssummen  erforderliche 
Fonds  zu  klein  geworden,  er  reicht  zur  Erfüllung  seiner  Aufgaben 
nicht  mehr  aus.  Ein  Scheitern  des  ganzen  „Lebensversicherungs- 
untemehmens"  wäre  die  unvermeidliche  Folge  einer  irrationellen  In- 
anspruchnahme des  Deckungskapitals.  , 


*)  S.  Seite  127  dieser  Arbeit;  auch  ebendort  Anm.  2. 

297 


—    138    — 

Als  gemeinschaftliche  Ersparnis  stellt  die  Prämienreserve,  wirt- 
schaftlich betrachtet;  ein  gemeinsames  G-uthaben  der  Ver- 
sicherungsnehmer dar.  Inwiefern  diese  ihre  ökonomische  Natur  aach 
rechtlich  zur  Geltung  gelangt,  wird  an  späterer  Stelle  gelegentlich  Er- 
wähnung finden.  ^)  Hier  sei  gestattet,  noch  spezieller  auf  die  Erscheinungen 
einzugehen,  welche  der  Gang  der  Entwicklung  des  Reservefonds'  dar- 
bietet. Es  sollen  einmal  die  Beträge,  welche  derselbe  für  die  einzelnen 
Jahre  der  Dauer  des  gesamten  Sparprozesses  erreicht,  neben  einander 
gestellt  und  dann  einerseits  unter  sich,  andrerseits  mit  den  Bruch- 
teilen yerglichen  werden,  die  von  ihnen  jedesmal  auf  den  Kopf  der 
Überlebenden  entfallen.  Wir  führen  zu  dem  Behufs  im  Auszug  eine 
von  Adan  aufgestellte,  neuerdings  von  Heck  er  in  seiner  Arbeit 
über:  „Die  rechtliche  Natur  der  Främienreserve  bei  der  Lebens- 
versicherung^^) mitgeteilte  Tabelle  vor.  In  dieser  wird  von  der 
Voraussetzung  ausgegangen,  es  hätte  sich  eine  Association  von  63  469 
gleichaltrigen,  und  zwar  55-jährigen,  Personen  gebildet,  deren  jede  beim 
Tode  ein  Kapital  von  100  zu  erhalten  wünschte  und  daher  —  bei 
einem  Zinsfufs  von  4  %  —  jährliche  Beiträge  in  Höhe  von  4,5026  Mark 
entrichtete.  Die  zu  Grunde  gelegte  Sterblichkeitstafel  ist  diejenige 
der  siebzehn  englischen  Gesellschaften.  Der  Vereinfachung  halber 
wird  auch  hier,  wie  in  unsem  obigen  Besprechungen  angenonunen, 
dafs  die  Versicherungssummen  stets  erst  am  Ende  des  Jahres  auszu- 
händigen seien. 

(S.  die  Tabelle  auf  Seite  139.) 

Eine  Betrachtung  der  in  dieser  Übersicht  gegebenen  Zahlen 
erweist  zweierlei:  Die  Prämienreserve,  welche  am  Schlufs  des  ersten 
Jahres  einen  Wert  von  159  706  Mark  darstellt,  wächst  im  Laufe  Ton 
anderthalb  Decennien  allmählich  bis  zum  Betrage  von  1394487  Mark 
an.  Nachdem  sie  diesen  erreicht,  sinkt  sie  fort  und  fort  in  ihrer  Höhe 
und  schmilzt  Ende  des  44.  Jahres  der  Versicherungsdauer,  welches 
nur  noch  einer  der  ursprünglich  vorhandenen  Spareinleger  erlebt,  bis 
auf  91  Mark  zusammen ;  eine  Summe,  die,  vermehrt  um  die  Prämie 
dieses  Letztlebendeu  und  die  entsprechenden  Zinsen  gerade  ausreicht, 


*)  Of.  ö.  169  Aum.  5;  S.  170f..  ins])C9(mdcre  S.  171  Anm.  1;  Abschnitt  II 
dieses  IL  Teils  der  Abhandlunjr  gegen  Ende  (Besprechung  der  Labandschen 
Theorie);  hierzu  endlich  noch  S.  149  Anm.  2. 

«)  „Zeitschriil   für    das    gesammte  Handelsrecht/*    37.  Bd.     (Stuttgart,  1890) 
S.  369  if.,   insbesondre  S.  437.     Cf.  zum  Folgenden  auch   Bischoff,   Die   recht- 
liche Bedeutung  der  Prämienrescrvc  eines  Lebensversicherungs-Betriebes  (Bremen 
1891)  S.  21  ff.  ' 

298 


—    139    — 


Auszug  aus  der  Adan'schen  Tabelle. 


1. 

2. 

3. 

4. 

5. 

Von  der  Pramien- 

Zahl 

Zahl  der 

Prümien- 

reserve  entfallen  auf 

Alter 

der 

jährlichen 

den  Kopf  der 

Lebenden 

Sterbefälle 

reserve. 

Überlebenden  (der 
ö6-etc. -Jährigen) 

55 

63469 

1375 

159706 

2,57 

5^ 

62094 

1436 

313260 

5,17 

57 

60658 

H97 

460134 

7.78 

5« 

59161 

1561 

599  472 

10,41 

59 

57600 

1627 

730475 

13.05 

6o 

55  973 

1698 

852000 

i5»7o 

6i 

54275 

1770 

963  230 

18,35 

62 

52505 

1844 

I  063  223 

20,99 

63 

50661 

1917 

I  151  284 

23,62 

64 

48744 

1990 

I  226  591 

26,23 

65 

46754 

2061 

1288491 

28,83 

66 

44693 

2128 

I  336516 

31  »40 

67 

42565 

2191 

I  370  198 

33,94 

68 

40374 

2246 

1  389466 

36,44 

69 

38128 

2291 

I  394  487 

38,91 

70 

35  837 

2327 

I  385  379 

41,34 

71 

33510 

2351 

1362  611 

43,73 

72 

31  "59 

2362 

I  326  825 

46,07 

73 

28797 

2358 

I  278  946 

48,37 

74 

26439 

2339 

I  220010 

50,62 

75 

24100 

2303 

I  151  363 

52,82 

76 

21797 

2249 

I  074  586 

54,97 

77 

19548 

2179 

991  206 

57,06 

78 

17369 

2092 

902988 

59,10 

79 

15277 

1987 

811939 

61,09 

80 

13290 

1866 

720  050 

63,02 

81 

II 424 

1730 

629348 

64,91 

82 

9694 

1582 

541  716 

66,77 

83 

8  112 

1427 

458671 

68,60 

«4 

6685 

1268 

381  522 

7043 

85 

5417 

IUI 

310976 

72,22 

86 

4306 

958 

247  761 

74,00 

87 

3348 

811 

192  249 

75.78 

88 

2537 

673 

144519 

77,53 

89 

1864 

545 

104528 

79,25 

90 

1319 

427 

72185 

80,93 

91 

892 

322 

47050 

82,55 

92 

570 

231 

28501 

84,08 

93 

339 

155 

15729 

85,50 

94 

184 

95 

7720 

86,74 

95 

89 

52 

3246 

87,80 

96 

37 

24 

I  150 

88,46 

97 

13 

9 

357 

89,25 

98 

4 

3 

91 

91,00 

99 

I 

I 

299 


-     140    — 

um  auch  ihm,  der  Ende  des  46.  Jahres  des  Sparprozesses  stirbt,  das 
gewünschte  Kapital  100  bereit  zu  stellen. 

Anders  die  Qaote,  welche  von  der  Gesamtreserve  rechnerisch 
auf  den  einzelnen  Versicherungsnehmer  entfallt  (Spalte  5  der  Tabelle). 
Bei  dieser,  welche  oft  gleichfalls  als  Prämienreserve,  richtiger  in- 
dessen als  Beserveanteil  oder  auch  wohl  als  Einzelreserve 
bezeichnet  wird,  findet  sich  die  Erscheinung  einer  anfanglichen  Wert- 
steigerung und  spätem  Wertabnahme  nicht.  Ausgehend  vielmehr  von 
dem  geringen  Betrage  von  2,67  Mark  wächst  die  Einzelreserve  be- 
ständig und  erreicht  schliefslich  im  Beginn  des  46.  Jahres  der  Yer- 
sicherungsdauer  die  Summe  von  91  Mark,  am  Ende  desselben  die 
Höhe  der  Versicherungssumme. 

Versuchen  wir  nun,  zunächst  die  eben  dargelegte  Entwicklung 
der  Totalreserve  zu  erklären,  so  müssen  wir  uns  vergegenwärtigen, 
dafs  auf  die  Bildung  der  letzteren  vier  Momente  von  bestimmendem 
Einflufs  sind:  Erstens  die  Zahl  der  Associierten,  bezw.  der  Überleben- 
den unter  ihnen;  zweitens  diejenige  der  Ende  jedes  Jahres  Sterbenden; 
drittens  der  Betrag  der  einzelnen  Jahresprämien ;  imd  endlich  viertens 
die  Höhe  des  Zinsfufses.^)    Da  jedoch  dieser  nach  Annahme  während 

*)  Den  Einflufs  der  Höhe  des  Zinsfufses  auf  die  jälirlichc  Prämie  und  auf 
die  Prämienreserve  zeigt  eine  Tabelle,  die  wir  Elster  (Die  Lebensversicherung 
in  Deutschland,  Jena,  1880,  S.  53)  entnehmen.  Dieselbe  stellt  —  für  eine  Asso- 
ciation von  40000  Personen  —  die  Veränderungen  dar,  welche  eine  Erhöhung 
des  Diskonts  von  3  bis  allmählich  ö^/q  in  Jahresprämien  und  Deckungskapitalien 
hervorruft.  (Die  von  jedem  der  40000  Versicherungsnehmer  gewünschte  Sterb- 
Tallsumme  beträgt  5000  Mark,  das  Beitrittsalter  31  Jahre,  die  zu  Grunde  gelegte 
Mortalitätstabelle  ist  die  der  siebzehn  englischen  Gesellschaften.) 


Prozentsatz 
des 

Jährliche  Prämie 
(netto). 

Prämien-Reserve. 

Zinsfufses. 

J^ 

Ji 

3 

3  832  360 

61317740 

S'k 

3610098 

57  807  970 

4 

3  410  240 

54  498  000 

4V2 

3  230  700 

51385540 

5 

3  069  540 

48  461  820 

Diese  Übersicht  ergiebt,  dafs  sowohl  die  jährlichen  Beiträge,  als  auch  der 
Aeservefonds  mit  steigendem^Zinsfufs  im  Betrage  zurückgehen.  3Iit  gutem  Grunde : 
Je  gröfsere  Erträgnisse  die  verzinsliche  Anlage  abwirft,  je  mehr  im  Laufe  der 
Jahre  an  Zinseszinsen  eingeht,  desto  weniger  braucht  zur  Deckung  der  Ausgaben 
von  den  Spareinlegern  selbst  beigebracht  und  zurückgestellt  zu  werden.  — 

In  Deutschland  hatten  die  „Lebensversicherungsuntemehmungen"  bislang 
unter  einer  fortwährenden  Abnahme  des  zu  erzielenden  Durchschnitts-Zinsfufses 


300 


—     141     — 

der  ganzen  Versicherungsdauer  der  nämliche  bleibt,  stets  in  derselben 
Weise  seine  Wirkung  geltend  macht,  so  wird  es  auf  ihn  bei  Yer« 
gleichung  der  einzelnen  Summen,  welche  der  Reservefonds  zu  verschie- 
denen Zeiten  repräsentiert  —  an  und  für  sich  —  nicht  ankommen.  Ebenso 
trägt  die  Berücksichtigung  der  Zahl  der  in  jedem  Jahre  Überleben* 
den  und  Hinscheidenden  zur  Erhellung  des  anfänglichen  Anwachsens 
der  Prämienreserve  gar  nichts  bei.  Denn  die  Zahl  der  Lebenden,  und 
somit  die  Summe  der  neuen  Einlagen,  vermindert  sich  fort  und  fort ; 
jene  der  Sterbenden  aber,  und  mit  ihr  der  Betrag  der  auszuhändi- 
genden Sterbefallsummen,  wird  während  der  ersten  —  in  unserm  Bei- 
spiel der  ersten  18  —  Jahre  gröfser  und  gröfser.  Danach  könnte 
man  eher  vermuten,  dafs  das  Deckungskapital  von  vornherein  schon 
beständig  abnähme,  nicht  aber  würde  ersichtlich,  wie  dasselbe  gerade 
in  dieser  Periode  —  in  den  ersten  anderthalb  Decennien  —  sich  zu 
vergröfsern  vermöchte. 

Die  Ursache  der  letztgenannten  Erscheinung  mufs  a.onach 
in  der  Beschaffenheit  der  Jahresprämie  p  gesucht  werden.  Aus 
dem  Früheren  wissen  wir,  dafs  dieser  Wert  p  der  von  den  einzelnen 
Versicherungsnehmern  jährlich  zu  entrichtenden  Beiträge  durch 
alle  Jahre  des  Bestehens  der  Assekuranz  der  gleiche  bleibt.  Hin- 
gegen zeigt  eine  Betrachtung  der  Mortalitätstabelle,  dafs  die  Sterb- 
lichkeit und  die  von  dieser  abhängige  Menge  der  auszuzah- 
lenden Versicherungssummen,  zu  deren  Deckung  jenes  p  bestimmt 
ist,  keineswegs  ebenfalls  Jahr  für  Jahr  dieselbe  ist,  vielmehr  im  all- 
gemeinen fortwährend  zuninomt.  Da  nun  die  dem  Versicherer  aus 
der  Mortalität  erwachsenden  Kosten  in  jeder  Betriebsperiode  volle 
Deckung  finden  müssen,  und,  wie  wir  sahen,  auch  thatsächlich  voll 
gedeckt  werden;  da  man  femer  dieser  Deckung  immer  einen  imd 
denselben  Betrag  p  zu  Grunde  legt,  der  selbst  in  den  spätem  Jahren 
der  Versicherungsdauer,  in  welchen  die  Sterblichkeit  eine  immer  be- 
deutendere, die  Zahl  der  Beitragsleistungen  zudem  eine  immer  ge- 
ringere wird,  vollkonmien  ausreicht:  so  ergiebt  sich,  dafs  im  Beginn 
des  Sparprozesses  jenes  p  einen  Uberschufs  enthalten,  dafs  dasselbe 
anfangUch  gröfser  sein  mufs,  als  es  die  Mortalität  erfordern  würde.  ^) 


2U  leiden.  Von  1877  an  ist  hier  der  Diskont  gesunken^  und  scwar  von  5,03  •/©  im 
Jahre  1876  aUmäMieh  bis  auf  4,21<>/o  im  Jahre  1890.  Erst  1891  hat  derselbe  eine  weitere 
Minderung  nicht  mehr  erfahren,  1892  ist  er  sogar  wieder  bis  auf  4,24%  gestiegen, 
1893  aber  bereits  wieder  um  0,01%  gefallen.  Cf.  den  Jahresbericht  von  Em- 
minghaus  für  1893  (Teil  L  dieser  Arbeit,  S.  93!)  Jena,  1894,  S.  70  f. 

^)  Gf.  hierzu,  sowie  zu  den  folgenden  Ausführungen,   die  schon  weiter  oben 

301 


—    U2     — 

Dieser  allen  Prämien  zu  entnehmende  Überschnfs  (einschließlich 
der  Zinserträge)  bildet  nun  im  ersten  Yersicherungsjahre,  in  welchem 
er,  weil  hier  die  geringste  Sterblichkeit  herrscht,  den  gröfsten  Wert 
erreicht,  den  ersten  Prämienreserve-Posten ;  es  ist  das  jenes  (/«./?.  ? — ^a)> 
dessen  Höhe  wir  in  unserm  Beispiele  (S.  139)  auf  169  706  Mark  be- 
rechnet fanden.^)  Im  zweiten  Jahre  wird  zwar  infolge  Anwachsens 
der  Mortalität  der  in  den  einzelnen  p  verborgene  Mehrbetrag  nie- 
driger ;  und  gleichzeitig  verkleinert  sich  durch  die  Abnahme  der  Zahl 
der  Beitrag  Leistenden  der  erzielbare  Qesamt-Überschufs.^)  Immer- 
hin bewirkt  natürlich  auch  dieses  an  und  ftlr  sich  geringere  plus,  zum 
Beste  des  Vorjahres  geschlagen,  eine  weitere  Erhöhung  des  Reserve- 
fonds'. Fort  und  fort  geht  dann  im  Laufe  der  nächsten  Betriebs- 
Perioden  der  Uberschufs  in  seiner  absoluten  Höhe  zurück.  Das 
Deckungskapital  indessen  steigt  fernerhin,  da  ihm  beständig  noch 
neue,  wenngleich  stetig  kleiner  werdende,  Summen  zufliefsen.  —  Ein-' 
mal  aber  kommt  der  Zeitpunkt,  da  jener  Uberschufs  überhaupt  ver- 
schwindet, da  derselbe  =  0  wird,  bezw.  bereits  unter  0  herabsinkt, 
sich  in  ein  Deficit  verwandelt.  Jetzt  reicht  die  Prämie  p  zur  Be» 
streitung  des  Jahresbedarfs  nicht  mehr  aus;  war  dieselbe  anfanglich 
im  Vergleich  zur  Sterblichkeit  zu  hoch  bemessen,  so  ist  das  Verhält- 
nis nunmehr  ein  umgekehrtes.  Um  die  laufenden  Ausgaben  decken 
zu  können,  bleibt  nichts  übrig,  als  den  aufgesparten  Betrag  des  frü- 
her zu  viel  Erhobenen  anzugreifen,  das  an  den  Jahresprämien  Feh- 
lende ans  der  Prämienreserve  zu  ergänzen.  Einige  Zeit  noch  ver- 
mögen die  Zinserträgnisse  des  zur  grofsen  Sunune  angewachsenen 
Deckungskapitals  allein  das  für's  erste  geringe  Deficit  der  jährlichen 


erwähnte  Adan-Hecker' sehe  Tabelle,  inabesondre  Spalte  IV,  V,  VI  und  VIH ; 
auch  Karup,  1.  c,  3.  Abteil.,  S.  134 f. 

')  Die  gleichbleibende,  von  den  55 -jährigen  Versicherungsnehmern  zu  ent- 
richtende Jahresprämie  belief  sich  in  diesem  Beispiel  auf  4,5026  Mark.  Für  das 
erste  Versicherungsjahr  wäre  jedoch  die  Einzahlung  von  2,0631  Mark  ausreichend 
gewesen,  um  die  Ende  desselben  fallig  werdenden  Sterbfallsummen  (1375 .  100)  zu 
bestreiten:  63469.2,0831.1,04  (Verzinsung!)  =-137500,76.  Die  Differenz  von 
(-|-  2,4195)  Mark  ergiebt,  multipliziert  mit  der  Zahl  der  überhaupt  beigesteuerten 
Prämien  (63469)  einen  Gesamt-lJberschufs  von  153  563  Mark;  eine  Summe,  welche, 
vermehrt  um  den  Zinsertrag  —  bei  dem  angenommenen  Zinsfufs  von  4®/o  um  6143 
Mark  —  der  Prämienreserve  des  ersten  Jahres  gleich  ist  (153  563  -|-  6143»»  159  706). 

^  Der  in  der  einzelnen  Prämie  enthaltene  Uberschufs  beträgt  in  unserm,  in 
der  vorigen  Anmerkung  angezogenen,  Beispiel  für  das  zweite  Jahr  der  Ver- 
sichemngsdauer  nur  2,2789  Mark  gegen  2,4195  Mark  im  Vorjahre;  der  G-esamt- 
Uberschufs  nur  141506  gegen  vordem  153563  Mark. 

302 


—    143     — 

Beiträge  auszugleichen,  ja,  indem  sie  dieses  übertreffen,  sogar  eine 
fernere  Steigerung  des  Reservefonds'  herbeizuführen.  ^)  Dann  aber 
wächst  der  Fehlbetrag,  immer  gröfsere  Summen  sind  zu  seiner  Be- 
nchtigung  heranzuziehen,  immer  stärker  mufs  die  Prämienreserve  in 
Anspruch  genommen  werden.  Schneller  und  schneller  sinkt  dieselbe, 
bis  schliefslich  gegen  Ende  des  Sparprozesses  die  rasche  Abnahme 
der  Zahl  der  Lebenden  wieder  eine  Verringerung  des  jährlichen  Ge- 
samtdeficits  bewirkt')  und  damit  auch  den  Rückgang  des  Deckungs- 
kapitals, wenngleich  nicht  aufhält,  so  doch  einigermafsen  verlangsamt 
Im  Beginn  des  letzten  Jahres  der  Yersicherungsdauer  ist,  wie  schon 
erwähnt,  nur  noch  gerade  soviel  in  Reserve,  als  genügt,  um,  vermehrt 
durch  den  Beitrag  des  Längstüberlebenden  und  die  Erträgnisse  der 
Verzinsung,  die  Zahlung  auch  der  letzten  Versicherungssumme  zu  er- 
möglichen. Damit  ist  dann  der  Zweck  des  gemeinsamen  Sparens  er- 
füllt, die  gemeinschaftliche  Kasse  geleert. 

Nach  diesen  Erörterungen  erscheint  es  verständlich,  dafs  Hopf) 
die  Prämienreserve  als  „anticipierte  Prämie^  bezeichnet,  und  dafs 
Langheinrich ^)  sie  als  „Betrag  der  über  das  bisherige  Risiko 
binausgezahlten  Prämien-Anteile  nebst  Zinsen  und  Zinseszinsen"  de- 
finiert  Denn  enthielte  der  Jahresbeitrag  des  einzelnen  Versicherungs- 


^)  So  yerwandelt  sich  in  unserm  schon  mehrfach  verwendeten  Beispiele  der  in 
der  Prämie  anfänglich  vorhandene  Uberschnfs  bereits  im  12.  Jahre  des  Spar- 
Prozesses  in  ein  Deficit.  Trotzdem  steigt  die  Prämienreserve  —  eben  infolge  der 
Verzinsung  —  wie  ans  der  A da n 'sehen  Tabelle  (S.  139)  erhellt,  bis  (incl.)  zum 
15.  Jahre  der  Versicherungsdauer. 

■)  Das  Gesamt-Deficit  ist,  wie  der  Gesamt-Uberschufs,  das  Produkt  aus  der 
Zahl  der  im  Anfang  jedes  Jahres  Lebenden  und  der  DifTerenz  zwischen  der 
gleichbleibenden  Jahresprämie  und  einem  genau  die  Ausgaben  der  betreffenden 
Betriebsperiode  deckenden  Beitrag.  Diese  Differenz,  anfangs  positiv,  wird  nach 
einer  gewissen  Zeit  negativ,  und  vergröfsert  sich  alsdann  beständig. 
In  dem  mehrfach  erwähnten  Beispiel  einer  Spargesellschaft  von  55 -jährigen  Per- 
sonen beträgt  sie  im  12.  Jahre  des  Sparprozepses  ( — 0,0756)  Mark,  und  wächst 
dann  stetig  bis  zu  ( —  91,6512)  Mark  an.  Die  Steigerung  dieses  Faktors  vermag 
jedoch  Dicht  auf  die  Dauer  die  Abnahme  des  andern  (der  Zahl  der  Lebenden) 
za paralysieren.  DasProdukt,  das  Gesamtdeficit,  wird  daher  nur  einige 
Jahre  (in  unserm  Falle  13  Jahre)  lang  gröfser,  und  nimmt  von  da  an 
fort  und  fort  ab. 

')  Gutachten  zu  §  12  des  Ja cobi 'sehen  Gesetzentwurfes  I;  in:  „Beiträge 
zur  Gesetzgebung  über  das  Versicherungswesen...."  von  Jacobi.  (11.  Ergän- 
zimgsheft  zur  Zeitschrift  des  König].  Preufsischen  Statistischen  Bureaus,  Jahr- 
gang 1869)  Berlin,  1869,  S.  41  ff.,  insbesondre  S.  41. 

*)  Citiert  bei  Kamp,  1.  c,  3.  Abteil.  S.  135. 

303 


—     144    — 

nehmers  nicht  anfänglich  ein  Zuviel  gegenüber  dem  Jahresbedarf, 
welches  zur  Bestreitung  künftiger  Ausgaben  zurück^^elegt  werden 
müCste,  so  würde  der  Ilxistenz  eines  Deckungskapitals  jegliche  Grund- 
lage fehlen.  Da&  man  aber  allgemein  die  gleichbleibende  jährlidie 
Prämie  an  Stelle  eines  genau  die  Kosten  jeder  Betriebsperiode  decken- 
den Beitrags  eingeführt  hat,  beruht  auf  wirtschaftlichen  Gründen. 
Ohne  diese  Einrichtung  käme  man  in  die  mifsliche  Lage,  von  dem 
Spareinleger,  den  man  zur  Zeit  der  Vollkraft  des  Lebens  niedrige 
Prämien  entrichten  liefs,  im  späteren  Alter,  bei  abnehmender  £r- 
werbsfiLhigkeit,  um  so  höhere  Beiträge  erheben  zu  müssen;  ja,  der 
Letztlebende  würde  schliefslich  den  vollen  Betrag  seiner  (diskontierten) 
Versicherungssumme  als  Jahresprämie  einzuzahlen  haben.  DaCs  ein 
derartiges  Verfahren  ein  äufserst  unzweckmäfsiges  wäre,  sogar  die 
„Lebensassekuranz^  praktisch  zur  Unmöglichkeit  machen  möchte,  liegt 
auf  der  Hand. 

Wir  fafsten  bisher  ausschliefslich  den  Entwicklungsgang  der  Ge- 
samtreserve ins  Auge.  Es  erübrigt,  nunmehr  mit  wenigen  Worten 
auch  noch  auf  denjenigen  des  Beserveanteils  einzugehen.  Die  übliche 
Bezeichnung  auch  des  letzteren  als  Prämienreserve  könnte  fürs  erste 
zu  der  irrtümlichen  Ansicht  Veranlassung  geben,  dafs  derselbe  gleich- 
falls, wie  das  Deckungskapital,  anfanglich  zunehmen  und  später  wieder 
im  Betrage  zurückgehen  müsse.  Dafs  dem,  wie  wir  sahen,  nicht  so 
ist,  dafs  vielmehr  ein  beständiges  Steigen  der  Einzelreserve  statt- 
findet, liegt  eben  daran,  dafs  es  sich  bei  ihr,  trotz  der  oft  gleichen 
Benennung,  nicht  um  etwas  der  Totalreserve  irgendwie  Entsprechendes, 
sondern  um  einen  lediglich  rechnungsmälsigen  Anteilswert  handelt; 
um  einen  Wert,  der  sich  einfach  auf  dem  Wege  der  Division  des 
Beservefonds'  durch  die  Zahl  der  in  jedem  Jahre  Überlebenden  er- 
mitteln läfst.^)  Solange  nun  das  Deckungskapital  anwächst,  ist  die 
Zunahme  der  Einzelreserve,  da  ja  die  Zahl  der  Lebenden  sich  stetig 
verringert,  offenbar  selbstverständlich.  Später  beginnt  zwar  das  erstere 
allmählich  zu  sinken,  gleichzeitig  sterben  aber  auch  fernerhin  mehr 
und  mehr  Versicherungsnehmer  ab.    Der  Nenner  des  unechten  Bruches, 


^)  So  z.  B.  beziffert  sich  der  Reserveanteil  am  Ende  des  ersten  Yersicherunga- 
Jahres  (ÄJ  auf  ,— %  oder,  da  i>^  =  L  .p.^— f„  (cf.  S.  136),  auf  ^--~'^~    *♦ 

Ende  des  zweiten  Jahres  ist  der  Reserveanteil  ^^±.\  = — i ~\ 

U.  8.   W.   f. 

304 


—    146     — 

welcher  die  Quotenhöhe  angiebt,  wird  also  kleiner,  und  kleiner  um 
einen  Betrag  geringer,  demgegenüber  die  Abnahme  des  Zählers  noch 
zu  unbedeutend  ist,  um  eine  Herabminderung  des  gesamten  Bruch- 
wertes zu  bewirken.  Letztrer  wird  somit  gröfser  und  gröfser,  der 
Eeserveanteil  erfahrt  eine  weitere  Steigerung,  bis  derselbe  schliefslich 
am  Ende  der  Yersicherungsdauer  für  den  Längstüber- 
lebenden —  und  nur  für  diesen  —  die  Höhe  der  ver- 
sicherten Summe  erreicht. 

Sehr  gut  hat  Karup^)  das  allmähliche  Anwachsen  der  Einzel- 
resenre  erklärt,  indem  er  dieselbe  als  zur  Deckung  jenes  Betrages 
bestimmt  bezeichnete,  um  welchen  der  gegenwärtige  Wert  der  zu 
zahlenden  Versicherungssumme  höher  sei,  als  deijenige  aller  künftigen 
Prämienzahlungen  des  einzelnen  Yersicherungsnehmers.  Beim  Ab- 
schlufs  der  Assekuranz  hielten  sich  beide  Werte  das  Gleichgewicht, 
späterhin  aber  andre  sich  ihr  Verhältnis.  Je  näher  der  Zahlungstermin 
für  den  Versicherer  heranrücke,  desto  grölser  werde  der  Wert  der 
von  ihm '  zu  erbringenden  Leistung ;  während  gleichzeitig  seine  For- 
derung an  den  Spareinleger  mit  der  Anzahl  der  noch  boYorstehenden 
Prämien-Entrichtungstermine  sich  stetig  verringere.  Es  entstehe  eine 
Dififerenz  zwischen  Schuld  und  Anspruch  des  Assekuradeurs,  welche 
TOD  Jahr  zu  Jahr  zunehme  und  schliefslich,  im  Momente  des  Todes 
des  letzten  Versicherungsnehmers,  genau  die  Höhe  der  Versicherungs- 
snmme  erreiche.  Natürlich  mufs  bei  Feststellung  der  erwähnten  gegen- 
wärtigen Werte  die  gänzlich  unbestimmbare  individuelle  Lebensdauer 
des  einzelnen  Spareinlegers  durch  seine  (jedesmal)  durchschnittliche, 
oder  „mittlere",  ersetzt  werden,  die  sich  ergiebt,  wofern  man  —  ge- 
stützt auf  die  Angaben  der  Sterblichkeitstafel  —  aus  der  Summe  der 
von  allen  Versicherungsnehmern  eines  beliebigen  Alters  zu  durch- 
lebenden Jahre   das   arithmetische  Mittel    zieht.*)  *)     Demzufolge  re- 

*)  L.  c,  3.  Abteü.,  S.  137  f. 

*)  Über  die  „mittlere  Lebensdauer"  cf.  Karup,  1.  c,  2.  Abteilung,  S.  93 f. 

*)  Für  die  praktische  Berechnung  des  Reserveanteils  macht  Karup  (1.  c, 
S.  138 ff.)  auf  die  Thatsache  aufmerksam,  dafs  „die  einmalige  Nettoprämie  einer 
Versicherung  für  jedes  Beitrittsalter  gerade  den  gegenwärtigen  Wert  der  zu 
zahlenden  Versicherungssumme"  decke;  und  dafs  man  den  gegenwärtigen  Wert 
der  künftigen  (jährlichen)  Prämienleistungen  des  Versicherungsnehmers  einfach 
ermittle,  indem  man  den  Betrag  einer  einzelnen  derartigen  Leistimg  mit  dem 
gegenwärtigen  Gesamtwert  einer  periodischen  Zahlung  von  1,  mit  andern  Worten, 
mit  demjenigen  einer  (vorschüssigen)  Leibrente  in  Höhe  von  1  multipliziere. 

Diese  Ausführungen  werden  nur  verständlich,  wofern  man  von  den  Schwan- 
kungen in  der  inviduellen  Lebensdauer  der  Spareinleger  absieht   und   an  deren 

8tmatfwiMenicli»ftL    Studien.    V.  oqr  ^^ 

21 


—    146    — 

präsentiert  dann  auch  die  ständig  steigende  Differenz  zwischen  dem 
Betrage  der  Fordening  und  der  Verpflichtung  des  VersidiererB,  und 


Stelle  die  durchiichnittUche  oder  mittlere  in  Rücksicht  zieht.  Denn  lediglich  imier 
dieser  Voraussetzung  entspricht  die  einmalige  Prämie  durchgangig  dem  (sonst 
unberechenbaren)  gegenwärtigen  Wert  der  einzelnen  Versicherungssumme,  und  EUst 
sieh  ein  gegenwärtiger  Wert  künftiger  Leibrentenzahlungen  für  den  einzelnen  Ver- 
sicherungsnehmer feststellen.  Auffallen  könnte  auf  den  ersten  Blick,  dafsKarnp 
dessen  ungeachtet  zunächst  schon  den  Wert  P  nicht  unter  Zugrandelegnng  der 
durchschnittlichen  Lebensdauer,  sondern  auf  dem  gewöhnlichen,  auch  von  ans 
weiter  oben  (S.  116  u.  117)  eingeschlagenen  Wege  ermittelt.  Bei  näherer  Betrachtong 
indessen  leuchtet  ein,  dafs  dieser  Wert  offenbar  der  nämliche  sein  muls,  gleich- 
viel welche  Art  der  Berechnung  man  wählen  mag:  All'  die  Faktoren,  Ton 
welchen  der  Betrag  des  von  sämtlichen  Spareinlegem  in  gleicher  Höhe  za  ent- 
richtenden P  abhängt,  die  Menge  der  Versicherungsnehmer,  der  Zinsfnls,  die 
Zahl  der  in  summa  durchlebten  Jahre,  bleiben  bei  beiden  £rmittlungsmethoden 
unverändert;  nur  dafs,  wofern  man  die  durchschnittliche  Lebensdauer  anstatt  der 
individuellen  einfuhrt,  die  in  der  letzteren  vorhandenen  Unterschiede  sich  gegenseitig 
ausgleichen.  (Gunz  Ahnliches  gilt  dann  auch  für  die  Berechnung  der  Leibrente).  — 
Bezeichnet  man  nun  die  einmalige  Nettoprämie,  welche  ein  (a-f-x) -jähriger 
Spareinleger  bei  seiner  Aufnahme  in  die  Spargesellschaft  zu  entrichten  hätte,  mit 
P^j_^  den  Wert  der  Leibrente  1  für  denselben  (a-f-x) -jährigen  mit  L^  ■  j.  die 
gleichbleibende  Jahresprämie  eines  a -jährig  in  die  Association  au%enommenen  Ver- 
sicherungsnehmers mit  p«.  so  wäre  die  Einzelreserve  {R^i^  des  letzteren  nach 
X- Jahren  (d.  h.  am  Ende  des  xten  oder,  was  dasselbe  ist,  am  Beginn  des  (x-f-l)ten 
Jahres  der  Versicherungsdauer). 

Dafs  der  auf  Gbund  dieser  Formel  festgestellte  Beser^'eanteil  mit  dem  von 
uns  durch  Aufteilung  der  Gesamtreserve  ermittelten  übereinstimmt,  wird  nur  für 
den  Beginn  und  das  Ende  der  Versicherungsdauer,  wie  oben  angedeutet,  sofort 
ersichtlich,  läiüst  sich  aber  auch  für  jeden  andern  Zeitpunkt  durch  praktische 
Rechnung  sehr  einfach  nachweisen.  So  beziffert  sich  z.  B.  unter  Zugrundelegung 
eines  Zinsfufses  von  3,5^/o.  der  Tafel  der  siebzehn  englischen  Gesellschaften,  und  einer 
Jahresprämie  von  1,796  der  Reserveanteil  eines  mit  30  Jahren  eingetretenen  Ver- 
sicherungsnehmers am  Ende  des  ersten  Versicherungsjahres  für  eine  Versicherungs- 
summe von  100  nach  Karup  ( —  heranzuziehen  dessen  ,JEandbuch",  3.  Abteil., 
S.  71,  Kolumne  8  und  S.  84,  Kolumne  1  —)  auf 

Pi— p .  A  =  35,357  — 1,796  .  19,116  =  1,02466  (gekürzt  1,025), 
und  nach  der  von  uns  gewählten  Berechnungsweise  auf 

(^10  •  P  •  5  —  <w) :  ti  ==  87704,74712  :  85565  =  1,02501  (gek.  1,025). 

Kaum  der  besondem  Hervorhebung  bedarf,  dafs  sich  in  der  Kar u paschen 
Gleichung  der  Betrag  P^a.x  ft^ch  durch  den  gegenwärtigen  Wert  der  von  einem 
(a -j- x) -jährigen  insgesamt  zu  leistenden  jährlichen  Prämien  ersetzen  lafst. 
Man  erhält  dann,  da  P^.^«l?^^.,.La^^  (—dem  gegenwärtigen  Werte  der  Ver- 
sicherungssumme), 

5a+*  =  ^Pa  +  x  —PJ  ^a  +  x 

Dies  ist  die  Formel,  welche  Emminghaus  (im  „Handwörterbuch",  1.  c.» 
S.  1002)  für  die  Berechnung  der  Einzelreserve  angiebt. 

306 


—    147     — 

i 

ebenso  der  zu  ihrer  Ergänzung  erforderliche  Seserveanteil,  lediglif^h 
einen  Durchschnittswert.  Die  Einzelreserve  ist,  wie  schon  be- 
merkt, nur  eine  Rechnungsgröfse,  keineswegs  aber  ein  Yermögens- 
bestandteil,  dem  eine  selbständige  Existenz  im  „Lebensversicherungs- 
betriebe"  zuzuerkennen  wäre.') 


^)  Einer  weit  verbreiteten  Ansicht,  der  sogenannten  „Doppelvertrags-Theorie", 
zufolge  soll  der  Reserveanteil  allerdings  das  Sparresultat  des  einzelnen 
Versicherungsnehmers  anzeigen,  ein  Sparguthaben  des  letzteren  dar- 
stellen. In  dem  Jahresbeitrag  eines  jeden  Spareinlegers  sollen  zwei  Bestandteile 
enthalten  sein,  von  denen  der  eine  lediglich  Sparzwecken  diene;  aus  diesen  sich 
im  Laufe  der  Zeit  summierenden  Sparbeitragen  setze  sich  dann  die  Einzelreserve 
zusammen ;  dagegen  sei  der  zweite  Prämienbestandteil  eigentlicher  „Versicherungs- 
beitrag^*, d.  h.  dazu  bestimmt,  die  Sparguthaben  der  aus  der  Versicherungs- 
association  vorfrüh  mit  Tod  abgehenden  Versicherungsnehmer  auf  die  Höhe  des 
erstrebten  Sparziels  zu  bringen,  sie  zum  Betrage  der  versicherten  Summe  zu  ergänzen. 

Nun  ist  freilich  —  ein  Punkt,  auf  welchen  besonders  Heck  er  (1.  c, 
S.  393)  ao&aerksam  macht  —  zuzugeben,  dafs  rechnerisch  die  Einzelreserve 
gleich  hoch  ausfällt,  ob  man  Ende  jedes  Jahres  die  vorhandenen  Gesamtüber- 
schüsse auf  die  einzelnen  noch  laufenden  Versicherungen  ausschlägt;  oder  ob 
man  mit  den  Anhängern  der  eben  genannten  Theorie  die  Reserveanteile  derart 
ennittelt,  dafs  jeder  Jahresbeitrag  in  zwei  Teile  zerlegt,  und  der  eine  derselben 
ds  Einzelreserve  zurückgestellt,  der  andre  zu  Versicherungszwecken  aufgebraucht 
wird.  Dies  erhellt  u.  a.  daraus,  dafs  die  Formel,  welche  Fr.  Fick,  ein  Ver- 
treter der  hier  zu  besprechenden  Lehrmeinung,  für  die  Berechnung  des  Reserve- 
ant«ils  au&tellt,  mit  der  unsrigen  (cf.  S.  144.  Anm.  1.)  übereinstimmt.  Unter  An- 
wendung der  schon  früher  eingeführten  Bezeichnungen  lautet  die  Fick 'sehe  Formel: 


■^a+x 


•Bfl  +  x-l +1^  —  00+* 


wobei  0  diejenige  Leistung  des  einzelnen  Spareinlegers  ausdrückt,  welche  dem 
Betrage  der  jährlich  fällig  werdenden  Versicherungssummen  genau  entsprechen 
würde  (cf.  S.  141  f.  dieser  Arbeit,  insbes.  S.  142,  Anm.  1).    Da  sonach: 


t. 


9' 


so  beträgt  die  Einzelreserve  Ende  des  ersten  Yenicherungsjahres  nach  Fick 

erweitert  man  Zähler  und  Nenner  des  auf  der  rechten  Seite  der  Gleichung  be- 
ündlichen  Bruches  mit  l   .  q,  so  ergiebt  sich : 


ht:i 


'«•9* 

\  *_   .  VI 


307 

21* 


—    148    -- 

Dem  steht  nicht  entgegen,  dafs  dieselbe  praktisch-technisch  eine 
primäre  Bolle   spielt.    Anstatt  nämlich,  wie  es  unsrerseits  geschah, 


B-  = 


i'-t,)-- 


a  • 


'a        'a 


-    . —  ;  oder 


Da 

(Cf.  Fick.  Der  juristische  Chamlcter  des  Lebensversichcrongsvertra^es, 
Zürich.  1884;   citiert  bei  Heck  er,  1.  c,  S.  379  u.  insbesondre  S.  392.) 

Diese  mathematische  Gleichwertigfkeit  beider  Berechnungsweisen  der  Einsei- 
reseri'e  begründet  jedoch  keineswepi  eine  solche  auch  in  dogmatischer  Hinsicht. 
(Cf.  Hecker.  1.  c,  S.  384  ff.).  Die  Doppelvertragstheorie  verschiebt  den  wahren 
Zusammenhang  der  Dinge.  Sie  berücksichtigt  z.  £.  nicht  die  übliche  Art  der 
Pramienermittlung,  die  lediglich  auf  den  gegenwärtigen  Wert  aller  nach  und 
nach  iällig  werdenden  Versicherungssummen  Bezug  nimmt,  und  welche  nichti« 
enthält,  was  auf  eine  Zweiteilung  des  Jahresbeitrags  auch  nur  entfernt  hindeutet4». 
Sie  ist  mit  einem  Worte  eine  zwar  geistreiche,  aber  den  Thatsachen  nicht  ent- 
sprechende, überdies  entbehrliche,  mathematische  Konstruktion,  welcher, 
wie  später  zu  zeigen  sein  wird,  namentlich  auch  schwere,  aus  dem  Begriff  der 
„Gefahr"  herzuleitende  Bedenken  entgegenstehen.  — 

Dafs  —  bei  sachgemäfser  Betrachtung  —  der  Reserveanteil  nicht  als 
Sparresultat  des  einzelnen  Versicherungsnehmers  angesehen  werden  darf,  gr^ht 
aus  der  Thatsache  hervor,  dafs  derselbe  stets  Bestandteile  von  Einzahlungen 
bereits  verstorbener  Spareinleger  enthält,  im  spätem  Verlauf  der  Assekuranz- 
Prozesses  sieh  sogar  ausschliefslich  aus  solchen  zusammensetzt.  So  genügte  es 
bekanntlich  im  ersten  Jahre  der  Versicherungsdauer,  wenn  jeder  der  l^  Versiche- 
rungsnehmer einen  Betrag  o^  (nach  der  Adan-Hecker 'sehen Tabelle 2,0631  Mk. ; 
s.  oben  S.  142,  Anm.  1)  entrichtete,  um  das  Jahresobligo  des  Assekuradeurs  zu 
decken,  um  t^  Mark  an  versicherten  Summen  aufzubringen.  Da  statt  dessen  von 
jedem  Spareinleger  ein  Beitrag  von  p  geleistet  wird,  so  restieren  Ende  des  Jahres 
unter  Einbeziehung  der  Zinsen  l^  (p  —  o^)  q  Mark,  welche,  dividiert  durch  die 
Zahl  der  Überlebenden,  die  (erste)  Einzelre<«er\^e  ergeben: 


•■(-..'•,) 


*a-fl  *o-»-l  *«-|-l  *«+! 

Der  Resen'eanteil  berechnet  sich  sonach  nicht  nur  nach  den  in  den  Jahres- 
beiträgen von  /^_^j  Ve^sicherung^nelmlern  enthaltenen  Ul)erschüs8en ;  er  ist  nicht 
durch  die  Sparthätigkeit  der  Überlebenden,  denen  er  doch  ausschliefslich  zugute 

308 


—     149     — 

zunächst  den  Reservefonds  und  von  diesem  ausgehend  die  Reserve- 
anteile  zu  ermitteln,  stellt  der  „Lebensversicherer'^  —  unter  Zugrunde- 
legung des  soeben  yorgefiihrten  Gedankenganges  —  immer  zuerst  die 
letzteren  fest^),  aus  deren  Summierung  sich  ihm  der  erstere  not- 
wendig ergiebt.  Dieser  umgekehrte  Weg  der  Berechnung  des  Deckungs- 
kapitals erscheint  aus  praktischen  Gründen;  wegen  der  thatsächlich 
obwaltenden  Verschiedenheit  im  Betrage  der  gewünschten  Yersiche- 
Tungssummen  (s.  S.  125  f.),  geboten.  Bilden  aber  auch  die  Einzelreserven 
im  Vergleich  zur  Gesamtreserve  danach  ein  zeitliches  prius,  so  stellt 
doch  diese  ihrerseits  gegenüber  jenen  das  logische  prius  dar ;  weil  eben 
die  Reserveanteile,  als  Durchschnittswerte,  nur  in  ihrer  Zusammen- 
fassmig,  d.  h.  in  ihrer  Vereinigung  zu  einer  Totalreserve  etwas  be- 
deuten können.  So  ist  denn  auch,  wofern  es  sich  um  die  Erfassung 
der  wirtschaftlichen  Natur  der  „Lebensversicherung^  handelt,  das 
Deckungskapital  allein  in  Betracht  zu  ziehen.  Die  Einzelreserve  er- 
scheint, abgesehen  von  ihrer  Brauchbarkeit  für  die  Berechnung  des 
Reservefonds',  nur  noch  insofern  wichtig,  als  sich  nach  ihr  die  Höhe 
der  Vergütung  bemifst,  welche  man  einem  aus  der  Spargesellschaft 
vorzeitig  austretenden  Versicherungsnehmer  meistens  gewährt.^)    Sie 


kommt,  allein  erzielt.  Vielmehr  gelangen  in  demselben  die  von  sämtlichen  l^ 
anfanglich  vorhandenen  Spareinlegern  zuviel  erhobenen  Beträge  (rechnerisch)  zur 
Aüfteilnng,  diejenigen  auch  der  t^  unterdes  Verschiedenen  mit  inbegriffen. 

Nun  .wird,  wie  wir  sahen,  späterhin  p  kleiner  als  o;  d.  h.  die  Jahresprämie 
reicht  zur  Deckung  des  Jahresobligo  nicht  mehr  aus.  Während  der  einzelne  Sparein- 
leger anfangs  zuviel  beisteuerte,  entrichtet  er  später  zu  wenig ;  und  er  holt  an  einem 
hestimmten  Zeitpunkte  die  Mehrzahlungen  der  ersten  Jahre  wieder  ein.  Wäre 
er  alsdann  auf  seine  eigenen  Überschüsse  oder  Ersparnisse  angewiesen,  so  exi- 
stierte nunmehr  für  ihn  kein  Reserveanteil  mehr.  Nur  dadurch,  dafs  er  als 
IT)€rlebender  auch  an  den  Überschüssen  bereits  hingeschiedener  Spareinleger 
partizipiert,  ist  es  erklärlich,  dafs  für  ihn  auch  weiterhin  eine  Einzelreserve,  und 
zwar  in  stetig  steigendem  Betrage,  notiert  wird. 

Cf.  Hecker,  1.  c,  S.  383 f. 

*)  Diese  Feststellung  hat  wegen  der  Schwankungen  des  Zinsfufses  Jahr  für 
Jahr  von  neuem  zu  erfolgen. 

■)  Die  vielumstrittene  Frage,  ob  dem  Versicherungsnehmer  ein  Recht  auf 
Bolche  Vergütung,  mit  andern  Worten  ein  Anspruch  auf  den  Reserveanteil  zu- 
stehe, wird  im  allgemeinen  zu  verneinen  sein.  Indes  pflegen  gegenwärtig  weit- 
aus  die  meisten  „Lebensversicherungsuntemehmungen"  bei  vorzeitigem  Erlöschen 
des  Versicherungsvertrages  —  abgesehen  etwa  von  den  Fällen  des  dolus  —  dem 
austretenden  Spareinleger  (wenigstens  wofern  dessen  Assekuranz  bereite  2,  3,  oder 
5  Jahre  bestand)  die  Erstattung  eines  Teils  der  für  ihn  notierten  Einzelreserve, 
i.  d.  R.  mindestens  .dreier  Vierteile  derselben,  ausdrücklich  zuzusichern;  sie 
pflegen,  wie  man  dies  technisch  bezeichnet,  die  Police  (d.  h.  das  Abschlufs  und 

309 


—    150    — 

findet  beim  „BückkauP  und  bei  „Beleihungen  der  Police",^)  Berück- 
sichtigung, gestattet  jedoch  auf  das  Wesen  der  sogenannten  Lebens- 
assekuranz keinerlei  Eückschluls. 


Wir  könnten  damit  unsre  Erörterungen  über  das  Deckungs- 
kapital als  abgeschlossen  betrachten,  hätte  man  bei  Berechnung  des- 
selben thatsächlich  immer  jene  Bahnen  innegehalten,  die  wir  soeben 
als  die  allein  richtigen  erkannten.  Dies  ist  nun  aber  keineswegs  der 
Fall  gewesen.    Vielmehr  wurde  verschiedentlich,  z.  T.  aus  Gründen 

Inhalt  des  Assekuranz- Vertrages  beurkundende  Schriftstück)  zu  einem  bestimmten 
Preise  zurückzukaufen. 

Ein  solches  Vorgehen  ist  vom  wirtschaftlich-praktischen  Standpunkte  als 
zweckmäfsig  anzuerkennen: 

Dafür,  dafs  überhaupt  gewisse  Rückzahlungen  an  den  die  Versicherung  auf- 
gebenden Versicherungsnehmer  erfolgen,  sprechen  gewisse  Billigkeitserwägungen: 
Der  Assekuradeur  ist  an  und  für  sich  in  der  Lage,  solche  Rückzahhmgen,  durch- 
schnittlich in  Höhe  des  Keserveanteils,  zu  machen,  ohne  sich  damit  selbst  zu 
schädigen.  Denn  gegenüber  dem  ausgetretenen  Spareinleger  trägt  derselbe  fürder 
kein  Obligo  mehr,  das  Deckimgskapital  wird  im  Interesse  des  ersteren  niemals  in 
Anspruch  genommen.  Andrerseits  würde  die  Aushändigung  der  vollen  Einzel- 
reserve einer  verfrühten  Aufgabe  der  Assekuranz  Vorschub  leisten,  und  dadurch  eben- 
sowohl ein  gewisses,  nachteiliges.  Fluktuieren  im  Versicherungsbestande  bewirken, 
als  auch  die  sichere  Erreichung  des  Sparziels  —  den  mit  allen  Mitteln  verfolgten 
Hauptzweck  der  „Lebensassekuranz"  —  oftmals  vereiteln.  Der  Abzug  gewisser  Be- 
träge, durch  welchen  ein  vorzeitiger  Austritt  des  Spareinlegers  mit  gröfsem  Ver- 
lusten verbunden  wird,  dürfte  darauf  hinwirken,  das  Aufgeben  noch  laufender 
Versicherungen  auf  Fälle  zu  beschränken,  in  denen  ein  Rücktritt  vom  Vertrage 
ökonomisch  als  wirklich  erforderhch,  oder  aber  eine  Fortsetzung  der  Assekuranz, 
etwa  wegen  Vorversterbens  des  Versicherten,  als  zwecklos  erscheint. 

*)  Die  „Lebensversicherungs-Institute"  geben  gegen  Verpfändung  der  Police 
Darlehen  bis  zur  Höhe  des  für  die  letztere  festgesetzten  Rückkaufpreises.  (Über 
den  „Rückkaufspreis"  cf.  die  vorige  Anmerkung).  Ferner  erklären  sie  sich  i. 
d.  R.  damit  einverstanden,  auf  Wunsch  des  Versicherungsnehmers  die  jeweilig 
vorhandene  Einzelreserv^e  in  ihrem  vollen  Betrage  (nicht  nur  im  Betrage  des 
Rückkaufpreises)  als  Mise  anzusehen,  und  —  unter  Verzicht  auf  weitere  Beitrags- 
leistungen —  eine  dieser  Anzahlung  entsprechende  Versicherungssumme  zu 
zahlen.  Durch  Mafsnahmen  dieser  Art  wird  wiederum  einem  vorzeitigen  Auf- 
geben der  Assekuranz  zweckmäfsig  vorgebeugt.  Es  bietet  sich  dem  Spareinleger 
in  ihnen  die  Möglichkeit  dar.  eine  durch  ungünstige  Umstände  bewirkte,  indes 
vorübergehende  Unfähigkeit  zur  Weiterentrichtung  der  Prämien  zu  beheben  und 
die  andernfalls  nicht  fortzuführende  Versicherung  über  die  Zeit  der  Kalamität 
hinaus  aufrechtzuhalten.  Bei  andauernd  verschlechterter  w^irtschaftlicher  Lage 
aber  wird  infolge  jener  loyalen  Festsetzungen  die  bisherige  Sparthätigkeit  des  Ver- 
sicherungsnehmers wenigstens  nicht  jedes  Erfolges  beraubt. 

310 


~     151    — 

der  Spekulation,  teilweise  mit  Kücksicht  auf  scheinbar  unumgängliche 
praktische  Erfordernisse,  der  Versuch  gemacht,  eine  andre,  von  der 
geschilderten  abweichende  Behandlung  dieses  Fonds  eintreten  zu 
lassen. 

Spekulationssucht  war  es  zunächst,  welche  namentlich  in  Eng- 
land (woselbst,  wie  früher  gezeigt  wurde,  zeitweise  eine  grofse  An- 
zahl schwindelhafter  Unternehmungen  auftauchte,)  eine  Methode  der 
Ermittlung  der  Prämienreserve  gebräuchlich  werden  liefs,  die  allen 
Grundsätzen  einer  soliden  Geschäftsverwaltung  widersprach.  Diese 
Methode  zielte  im  grofsen  und  ganzen  dahin  ab,  das  Deckungs- 
kapital zu  Terkürzen,  die  Verkürzung  jedoch  in  den  Bilanzen  ge- 
schickt zu  verheimlichen.  Zu  dem  Zwecke  legte  man  den  ein- 
schlägigen Berechnungen  nicht  den  bekannten  Wert  p,  sondern  einen 
etwas  gröfseren  zu  Grunde,  wie  ihn  in  geeigneter  Weise  der  um  die 
sogenannte  „Zuschlagprämie"  erhöhte  Jahresbeitrag  darbot.  Es 
erheben  nämlich  alle  Versicherungsinstitute  aufser  der  jährlichen 
Spareinlage  im  Werte  von  p  noch  einen  weitem  Betrag  Vj  der 
lediglich  zur  Bestreitung  der  mehr  oder  minder  bedeutenden  Ver- 
waltungskosten bestimmt  ist.  Zusammen  mit  der  Spareinlage,  welche 
man  als  „Nettoprämie"  bezeichnet,  bildet  dieses  v  die  „Tarif-"  oder 
„Bnittoprämie'^  (p-^v),^)  Indem  nun  die  englischen  Gesellschaften, 
irrationeller  Weise,  an  Stelle  der  Netto-  die  Bruttoprämie  zur 
Feststellung  des  Reservefonds'  verwendeten,  erreichten  sie  freilich 
zunächst,   was  sie  wünschten:   Ein  unverhältnismäfsig  grofser  Teil 

*)  Die  Höhe  des  Zuschlags  t;  zur  Nettoprämie  ist  sehr  verschieden  und  von 
mannigfachen  Faktoren  abhängig;  nicht  zum  wenigsten  steht  sie  imter  dem  Ein- 
flösse der  Konkurrenz. 

Wie  bei  aUen  Unternehmungen  überhaupt  nimmt  der  Verwaltungsaufwand, 
und  damit  selbstredend  auch  der  Betrag  der  Zusohlagprämie,  mit  zunehmendem 
Oeschäftsumfang  zwar  absolut  zu,  vermindert  sich  aber  relativ,  so  dafs  ein  mög- 
lichst grofser  Yersicherungsbestand  auch  nach  dieser  Richtung  wieder  sich  als 
wünschenswert  darstellt. 

Nach  Gallus  betragen  die  Zuschläge  bei  den  deutschen  Anstalten  16  bis 
^Vs^/o  d^r  Nettoprämie  (Grallus,  1.  c,  S.  43f^);  indes  scheint  dies  für  heutige 
Verhaltnisse  zu  hoch  gegrififen ;  den  bereits  früher  (Teil  I,  S.  93)  citierten  Berich- 
ten von  Emminghaus  zufolge  belief  sich  jener  Verwaltungsaufwand  (incl.  Tan- 
tiemen der  Verwaltungsrats-  und  Direktionsmitglieder,  sowie  vereinnahmter 
PoUcengebühren)  während  der  Jahre  1883  his  1893  im  Durchschnitt  der  Reihe 
nach  auf 

1893 
10,99 
Prozent  der  Jahreseinnahmen. 


1883 

1884 

1885 

1886 

1887 

1888 

1889 

1890 

1891 

1892 

11,65 

"i53 

11,00 

10,75 

10,02 

10,48 

9,89 

9,87 

10,30 

10,65 

311 


—    162     — 

der  künftig  zu  befriedigenden  Yeraicherangsansprüche  erschien  durch 
noch  zu  erwartende  Einnahmen  gedeckt;  und  es  genügte  somit,  ein 
entsprechend  niedriges  Deckungskapital  zurückzustellen ;  der  Betrag 
aber,  um  welchen  dieses  hinter  dem  eigentlich  rechnungsmäfsigen 
zurückblieby  konnte  als  augenblicklicher  Gewinn  verteilt,  bezw.  zur 
Bestreitung  von  mancherlei  ungewöhnlichen  Ausgaben  verwendet 
werden.  Natürlich  war  indes  dieser  Gewinn  ein  nur  scheinbarer. 
In  Wirklichkeit  wiesen  die  Mittel  der  Unternehmung  ein  Deficit  auf, 
welches,  wenngleich  man  es  anfangs  wohl  noch  durch  die  vom  Zu- 
gang neuer  Versicherungen  zu  erhoffenden  Mehreinkünfte  zu  ver- 
schleiern vermochte,  nach  kürzerer  oder  längerer  Zeit  unausbleiblich 
zu  einem  Zusammenbruch  führen  mufste.  ^) 

Zum  Glück  hat  diese  Art  der  schwindelhaften  Reserveberech- 
nung in  Deutschland  kaum  ESingang  gefunden,  wie  denn  überhaupt 
auf  dem  Kontinente  die  ganze  Entwicklung  der  sogenannten  Lebens- 
versicherung bekanntlich  eine  weit  solidere  war,  denn  in  GroCsbri- 
tannien.  Ganz  frei  von  Irrungen  ist  jedoch  auch  der  deutsche  Asse- 
kuranzbetrieb nicht  geblieben.  Vor  allem  war  es  biet  eine  Theorie 
der  Ermittlung  des  Deckungskapitals,  welche,  gestützt  durch  eine 
richtige  mathematische  Formulierung,  eine  überaus  weite  Verbreitung 
fand:  Wir  meinen  die  Theorie  Zillmer's. ^ 

Zillmer  suchte  durch  seine  Lehre  einem  praktischen  Bedürf- 
nisse der  „Lebensversicherungsgesellschaften*^  entgegenzukommen;  er 
wünschte  dem  begründeten  Streben  derselben  nach  Zusammenführung 
eines  thunlichst  ausgedehnten  Versicherungsbestandes  die  Wege  zu 
ebnen.  Die  Unternehmungen  liefsen  nämlich  die  Heranziehung  des 
Publikums  zur  Assekuranz  seit  jeher  durch  Agenten  besorgen;  durch 
Leute,  welche  die  Aufgabe  hatten,  versicherungsbedürftige  Personen  auf- 
zusuchen und  sie  durch  Schilderung  der  Vorteile  der  Assekuranz,  be- 
sonders einer  solchen  bei  der  empfohlenen  Bank,  zum  Versicherungs- 
abschlufs  zu   bewegen.    Für   diese   seine   Bemühungen  erhielt  das 


*)  Cf.  hierzu  Ksrup,  1.  c,  3.  Abteilung,  S.  168;  Geyer,  Die  Lebensver- 
sicherung in  Deutschland  und  ihre  gesetzliche  Regelung  (Leipzig,  1878)  S.  31  £. 

*)  Zillmer,  Die  rationelle  Deckung  der  AbschluTskosten  in  der  Lebens- 
▼ersicherung,  Aufsatz  im  „Assccuranz-Jahrbuch*'  von  Ebrenzweig,  II.  Jahr- 
gang (Wien,  1881)  S.  139ff.;  Karup,  1.  c,  3.  Abteil.,  S.  158ff.;  Geyer,  L  c, 
S.  34ff.;  Elster,  Die  Lebensversicherung  in  Deutschland  (Jena,  1880)  S.  56ff.; 
Heym,  Die  Zillmer'sche  Theorie  der  Reserveberechnung  und  die  zukünftige  Yer- 
sicherungsgesetzgebnng,  Aufsatz  in  „Jahrbücher  für  Nationalökonomie  und  Stati- 
stik«, N.  F.,  6.  Bd.  (Jena,  1882)  S.  207  ff. 

312 


—     153     — 

Agentarpersonal  anfanglich  nur  eine  kleine,  indessen  fortlaufende, 
ProYision,  —  gewöhnlich  etwa  6  ®/o  der  durch  den  Aufgenommenen  zu 
entrichtenden  Bruttoprämie,  —  welche  leicht  aus  dem  Zuschlag  für 
Verwaltungskosten  mit  bestritten  werden  konnte.  Später  aber  be- 
wirkte die  zunehmende  Konkurrenz  zwischen  der  wachsenden  Zahl 
der  Gesellschaften,  dafs  die  Belohnung  für  die  Agententhätigkeit 
eine  ständige  Steigerung  erfuhr.  Neben  die  auch  fernerhin  fort- 
bestehende jjnkassoprovision"  von  einigen  Prozenten  des  Jahresbei- 
trages *)  trat  jetzt  bei  Abschlufs  der  Versicherung  selbst  eine  weitere, 
einmalige  Gratifikation  in  Höhe  von  1,  IV«,  2,  ja  2V2  %  ^^^  Ver- 
sicherungssumme.  Dadurch  erwuchsen  den  Unternehmungen  neue, 
bedeutende  Ausgaben,  zu  deren  Bestreitung  die  Yerwaltungszuschläge 
nicht  mehr  ausreichten.  Man  benötigte  andrer  Mittel,  die  „Abschlufs- 
provisionen''  sofort  und  ohne  Vermögensgefuhrdung  zu  beschaffen, 
und  wufste  nicht  recht,  woher  solche  zu  entnehmen  wären.  Nun 
ifar  es  Zillmer's  Absicht,  diesem  Ubelstande  abzuhelfen,  eine 
rationelle  Art  der  Deckung  der  auch  von  ihm  als  notwendig  aner- 
kannten Provisionsausgaben  aufzufinden. 

Ausgehend  von  dem  richtigen  Gedanken^  dafs  alle  Kosten  der 
Versicherung,  und  so  auch  die  eben  erwähnten,  von  den  Versiche- 
rungsnehmern selbst  getragen  werden  müfsten,  empfahl  er,  von  jedem 
Spareinleger  einen  besondern  jährlichen  Zuschlag  zur  Nettoprämie,')  a, 
zu  erheben.  Die  Höhe  dieses  Zuschlags  sollte  sich  aus  derjenigen 
der  Provision  in  ähnlicher  Weise  bestimmen,  wie  sich  die  jährliche 
Prämie  aus  der  einmaligen  ergiebt.  Der  Betrag  a  konnte  danach 
nicht  hoch  ausfallen,  von  den  Versicherungsnehmern  kaum  em- 
pfanden werden. 

Von  der  ersten  durch  jeden  Spareinleger  entrichteten,  um  a  ver- 
gröiserten  Jahresprämie  p  +  a  meinte  jetzt  Zillmer  die  gesamte 
auf  die  betreffende  Assekuranz  entfallende  Abschlufsprovision  sofort 
in  Abzug  bringen  zu  dürfen.  Freilich  mufste  bei  solchem  Verfahren 
die  thatsächlich  zurückstellbare  Prämien-  (und  Einzel-)  Reserve  hinter 
der  rechnungsmäfsigen  zurückbleiben;  konnten  bei  niederem  Alter 
der  Versicherungsnehmer  deren  Reserveanteile  anfänglich  sogar  =  0 
oder  selbst  negativ  werden ;  indem  alsdann,  da  p  -{-  a  doch  offenbar 
kleiner  war,  als  beim  Beitritt  in  höheren  Jahren,  die  Provisionskosten 


*)  Z.  Zeit  belauft  sich  der  Betrag  dieser  Inkassoprovision  bei  den  deutschen 
Gesellschaften  auf  2  bis  Ifijo  der  Prämie. 

')  Abgesehen  von  den  allgemeinen  Zuschlägen  far  Verwaltungskosten  (v.). 

813 


—    164    — 

von  jener  Summe  gerade  nur  oder  noch  nicht  einmal  soviel  übrig 
liefsen,  als  man  zur  Deckung  des  Jahresobligo  bedurfte.^)  Doch 
schilderte  Zillmer  ein  solches  Deficit  als  ganz  unbedenklich.  £r 
verwies  darauf,  dafs  die  gröfsere  Prämie  der  folgenden  Jahre  es 
allmählich  decke ;  dafs  dieser  im  Beginne  unvermeidliche  Fehlbetrag 
durch  die  fortgesetzte  Zahlung  des  mathematisch  festgestellten  Zu- 
schlags a  späterhin  mehr  und  mehr  beseitigt  werde.  Wirklich  ist 
letzteres  unbedingt  richtig,  damit  aber  freilich  die  Oefahrlosigkeit 
der  Zillmer 'sehen  Methode  der  Prämienberechnung,  wie  wir  gleich 
sehen  werden,  noch  keineswegs  aufser  Frage  gestellt. 

Zuvörderst  seien  einige  ziffermäfsige  der  schon  citierten  Schrift 
von  Geyer  (S.  42)  entnommene  Angaben  vorausgeschickt,  die  einen 
Vergleich  zwischen  dem  rationell  berechneten  Beserveanteil  und  der 
Einzelreserve  nach  Zillmer  ermöglichen: 

Beitrittsalter  30  Jahre;  Zinsfufs  3.5^/o;  Vorsicherungssumme  zahlbar  nach  voll- 
endetem 90.   Lebensjahre .   also  nach   einer   Versicherungsdauer  Ton  60  Jahren ; 

ProTisionskoäten  1^1^;  Versicherungssumme  1000  JK, 


Nach  einer 

Einzclreserve 

1 

Einzelreaervo 

Versiche- 
rungsdauer 
von 

nach 

rationeller 

Berechnung 

nach 
Zillmer 

Differenz 
Ji 

5  Jahren 

54.35 

44,89 

9,46 

IG           f, 

117,08 

108,25 

8,83 

20         ,, 

269,53 

262,23 

7,30 

30 

44^35 

436,77 

5»58 

40 

614,16 

610,30 

3.86 

50        „ 

764,21 

761,85 

a,36 

55 

841,65 

839.56 

1.59 

60 

1000,00 

1000,00 

Diese  Übersicht  bestätigt  unsre  obigen  Ausführungen.    Die  in 
Gemäfsheit  der  Zillmer' sehen  Theorie  ermittelte  Reserve  erscheint 


')  Zillmer  hat  sich  zwar  seinerseits  sehr  entschieden  gegen  die  Entstehung 
negativer  Reser\'en  ausgesprochen ;  er  hat  behauptet,  sein  Name  dürfe  der  Methode 
nicht  mehr  beigelegt  werden,  wofern  die  Abschlufsprovision  eine  gewisse  Grenze 
übersteige,  die  Reserveanteile  negative  Werte  annähmen.  Indessen  ist,  wie  H  e  y  m 
(I.  c,  S.  222 ff.)  und  Elster  (1.  c,  S.  57)  hervorgehoben  haben,  mathematisch  ein 
Grund  für  solche  Einschränkung  nicht  zu  finden.  Der  Ausschlufs  negativer  Re- 
serven ist  nicht  integrierender  Bestandteil  der  Theorie,  ihr  Auftreten  vielmehr  nur 
eine  einfiache  Konsequenz,  eine  „notwendige  Folge**  der  letzteren. 

314 


—    156    — 

f&r  den  Anfang  zu  klein.  Jedoch  ist  das  Deficit  kein  danemdes. 
Es  wird  durch  die  entsprechende  Erhöhung  des  Prämienbetrags  nach 
und  nach  ausgeglichen  und  schliefslich,  aber  freilich  erst  beim 
Tode  des  längstüberleb  enden  Versicherungsnehmers^) 
gänzlich  beseitigt.  Sonach  ist  es  der  äufserste  Moment,  in 
welchem  das  nach  Zillmer' scher  Art  festgestellte  Deckungskapitel 
das  ordnungsmäfsig  berechnete  erreicht.  Und  schon  hieraus  erhellt 
ein  übelstand  der  besprochenen  Methode:  Sie  Terschärft  offensicht- 
lich die  Gefahren  der  Übersterblichkeit.  Mehr  denn  je  ist  nunmehr 
alles  daran  gelegen,  dafs  der  Yersicherungsprozefs  einen  normalen 
Verlauf  nimmt,  nicht  durch  ein  rasches  Absterben  einer  gröfseren 
Anzahl  Ton  Spareinlegern  vorzeitig  unterbrochen  wird.  Denn  würden 
Tiele  Versicherungsnehmer  wider  Erwarten  früh  yerscheiden,  so 
bliebe  die  Reservedifferenz  andauernd  „auf  der  gröfsten  Spannweite'^, 
die  finanzieUe  Lage  der  Gesellschaften  verschlechterte  sich  merk- 
lich. Ja,  neubegründete  Unternehmungen  könnten  durch  solche 
Übersterblichkeit  auf  der  Stelle  zahlungsunfähig  gemacht  werden. 
Dies  um  so  mehr,  als  gerade  bei  ihnen  die  Bemühung,  sich  thun- 
liehst  bald  einen  ausgedehnteren  Versicherungsbestand  zu  schaffen, 
leicht  zur  Gewähr  sehr  hoher  Provisionen  führt  und  sonach  das  Entstehen 
negativer  Anfangsreserven  begünstigt.  Nun  liegt  gleichzeitig  bei 
jüngeren  Instituten  die  Gefahr  eines  willkürlichen  Rücktritts  der 
Versicherungsnehmer  vom  Vertrage  besonders  nahe,  indem  der  Über- 
eifer der  Agenten  hier  vielfach  zum  Abschlufs  von  Versicherungen 
drängt,  welche  aus  mannigfachen  Gründen  in  kurzem  wieder  aufge- 
geben werden.^  Die  solchen  Assekuranzen  entsprechenden,  noch 
negativen  Reserven  müssen  dann  immer  auf  eigene  Kosten  der  Unter- 
nehmungen in  Wegfall  kommen.  Und  so  erwachsen  diesen  gleich 
an&ngs  mehr  oder  minder  bedeutende  Verluste,  welche  eventuell 
dahin  mitzuwirken  geeignet  sind,  ihre  Existenzgrundlagen  von  vorn- 
herein zu  untergraben. 

Schlimmer  indes  — ,  als  die  möglichen  materiellen  Nachteile  der 
Zillmer 'sehen  Theorie,  sind  andre,  welche  mehr  auf  moralischem 
Gebiete  liegen.  Aus  dem  Wesen  der  Prämienreserve,  aus  ihrem 
Charakter  als  wirtschaftliches  Guthaben  der  Spareinleger,  ergiebt 
sich  das  Erfordernis  gröfster  Solidität  und  peinlichster  Genauigkeit 

')  Cf.  S.  146  dieser  Arbeit. 

*)  Gl  hierzu  Geyer,  1.  c,  S.  64;  und  A.  Ehrenzweigr,  Orgaxdsations« 
Fragen,  Aufsatz  in  Ehrenzwei g's  „ Assecuranz-Jahrbuch^ ,  V.  Jahrgang  (Wien, 
1884)  S.  60  ff.,  insbesondre  S.  68. 

315 


—    156    — 

bei  Verwaltang  derselben.  Der  Versicherongsnehmer,  bemerkt 
Elster,  >)  ^hat  ein  natürliches  Recht  zu  yerlangen,  dafs  das  von 
ihm  an  der  Prämie  zuviel  Gezahlte,  jene  im  voraus  geleisteten  Ein- 
zahlungen einen  Yertrauensfonds  bilden,  der  reserviert  und  gehütet 
und  nicht  lediglich  nach  dem  Gutdünken  der  Gesellschaft  verwendet 
werden  darf."  Dem  entspricht  nun  die  durch  die  Zillmer'sche 
Methode  üblich  gewordene  laxe  Behandlung  des  Reservefonds'  mit 
nichtem.  Vielmehr  involviert  erstere  ein  „Princip  der  Willkür''  für 
die  Gestaltung  des  Deckungskapitals,  welches  um  so  mehr  zu  be- 
kämpfen ist,  als  seiner  ausgedehnteren  Verwertung  keinerlei  bestimmte 
Schranken  gezogen  werden  können.  Bereits  werden  neben  der  Ab- 
schlufsprovision  auch  die  Prefs-Beklame-Eosten  nach  der  von  Zill- 
mer  bezeichneten  Art  bestritten.*)  und  nichts  steht  im  Wege,  dafs 
auch  beliebige  andre  im  Konkurrenzkampf  forderlich  scheinende 
Ausgaben  in  der  nämlichen  Weise  ihre  Deckung  finden.  Dies  mufs 
dann  aber  wiederum  dazu  beitragen,  die  gegenseitige  Konkurrenz 
der  Gesellschaften  zu  einer  zuchtlosen  zu  gestalten,  das  „Lebens- 
versicherungswesen" mehr  und  mehr  dem  Walten  der  Spekulation 
preiszugeben. 

Es  erweist  sich  daher  als  dringend  geboten,  der  ferneren  Ver- 
wendung der  Zillm  er 'sehen  Theorie  in  der  Versicherungspraxis 
thuulichst  entgegenzuarbeiten.  Freilich  mit  einem  Schlage  dürften 
sich  fundamentale  Änderungen  hier  schwerlich  bewerkstelligen  lassen. 
Insbesondre  auch  würde  ein  plötzliches  scharfes  Eingreifen  der  Ge- 
setzgebung, ein  gesetzliches  Verbot  der  Methode,  verbunden  mit  der 
Vorschrift  des  Nachweises  einer  vollen  rechnungsmäfsigen  Prämien- 
reserve, seinen  Zweck  nur  unter  Zugrunderichtung  einer  gröfsem 
Zahl  der  bestehenden  Gesellschaften  zu  erreichen  vermögen.  Bessern 
Erfolg  verspräche  die  Mafsnahme,  dafs  man  die  „Lebensversicherungs- 
institute^'  zu  einer  klaren  Darlegung  derjenigen  Grundsätze  und 
Grundlagen  verpflichtete,  gemäfs  denen  sie  das  Deckungskapital  zu 
berechnen  wünschten;  wobei  dann  namentlich  auch  die  Höhe  jener 
Tilgungsrate  a  für  die  Abschlufsprovisionen,  sowie  der  Betrag  der 
Nettoprämie  und  des  allgemeinen  Verwaltungszuschlags  getrennt  er- 
sichtlich  werden  müfste.  ^)    Der  rege  Wettbewerb,   welcher   durch 

»)  L.  c,  S.  59. 

•)  Cf.  Heym,  1.  c,  S.  225f. 

')  In  Preufsen  ist  neuerdings  durch  ministerielle  Anordnung  nach  der  ge- 
nannten Richtung  wenigstens  einiges  gethan  worden,  indem  man  den  „Leben»- 
yersicherungsgesellschaften"  eine  einheitliche  und  mehr  übersichtliche  Recbnuxigs» 

316 


—     157     — 

eine  derartige  Pablizität  zwischen  den  Unternehmungen  wach- 
gerafen  würde,  dürfte  für  sich  allein  bald  zu  einer  Herabsetzung  der 
Abschlufsprovisionen  führen,  ja  selbst  auf  eine  Beseitigung  der  jetzt  so 
üblichen  Art^und  Weise  der  Prämien-  und  Keserveberechnung  all- 
mählich hinwirken.  Schäden,  welche  nach  aufsen  hervortreten,  heilen 
regelmäfsig  leichter  als  andre,  die  im  Innern  des  Organismus  ver- 
borgen bleiben. 

Die  Reformen  aber,  welche  durch  die  empfohlene  Mafsregel  im 
^jLebensversicherungsbetriebe^'  angeregt  werden  sollen,  hätten  u.  E. 
vom  Gebiete  des  Agentenwesens  ihren  Ausgang  zu  nehmen. 
Denn  die  Abschlufsprovisionen  und  die  Zillm  er 'sehe  Theorie  der 
Deckung  derselben  dienen  ja,  wie  wir  sahen,  gerade  diesem  unmittel- 
bar, sind  mit  demselben  aufs  allerengste  verbunden.  Nun  wird  man 
zwar  aus  dieser  Thatsache  nicht  ähnlich  wie  Geyer  ^)  die  Forderung 
herleiten  dürfen,  dafs  die  Anstellung  und  Aussendung  von  Agenten 
künftig  überhaupt  unterbleiben  müsse.  Denn  noch  ist,  wenigstens 
in  Deutschland, ')  die  Kenntnis  der  „Lebensassekuranz''  und  die 
Erkenntnis  ihres  ökonomischen  Wertes  nicht  derart  dem  Volke  zu 
eigen  geworden,  dafs  man  für  ihre  Verbreitung  der  Dienste  der  Agen- 
turen und  Reklamen,  trotz  mancher  mit  ihnen  verbundener  Übel- 
Btande,  vollständig  zu  entraten  vermöchte.  Wohl  aber  scheint  wenig- 
stCDS  eine  Einschränkung  in  der  Zahl  der  Agenten,  über- 
haupt eine  Vereinfachung  und  Verbilligung  in  der  Ein- 

legang  yorgeschrieben  hat.  Immerhin  entsprechen  die  in  Betracht  kommenden 
Yerfügangen  (vom  2.  Februar  1891,  8.  März  1892,  und  6.  November  1893)  noch 
keineswegs  vollkommen  den  oben  aufgestellten  Forderungen,  während  sie  andrer- 
aeits  die  Anstalten  im  Interesse  der  Landeskunde  mit  statistischen  Arbeiten  be- 
lasten, die  für  eine  Beau&ichtigung  derselben  denn  doch  wohl  entbehrlich  wären. 
{Cf.  den  Jahres-Bericht  von  Emminghaus  für  1893,  S.  11  ff.) 

')  L.  c.  S.  64.  Geyer  geht  überhaupt  in  seinen  Ansichten  öfters  zu  weit. 
So  stellt  er  (ibidem,  Anm.  1)  die  Behauptung  auf,  das  Agentenunwesen  geföhrde 
aach  die  Sicherheit  der  Gesellschaften,  insofern  es  die  Qualität  des  Versicherungs- 
bestandes höchst  ungünstig  beeinflusse.  Zutreffend  weist  demgegenüber  Elster 
(1.  c.,  S.  63  ff.)  darauf  hin,  dafs  die  Au&ahme  einer  Person  in  die  Versicherungs- 
association  doch  nicht  allein  in  das  Belieben  des  Agenten  gestellt  sei,  yielmehr 
ein  von  der  Anstalt  selbst  berufener  Vertrauensarzt  vorher  noch  die  Ge- 
Bundheitsverhältnisse  jedes  sich  zur  Versicherung  Meldenden  genauer  Prüfung  zu 
unterziehen  habe;  dafs  aber  die  Beschaffenheit  unsres  Arztestandes*  die  Möglich- 
keit einer  Bestechung  oder  Beeinflussung  seiner  Vertreter,  hier  einer  Bestechung 
durch  die  Agenten,  vollkommen  ausschliefse. 

•)  Anders  z.  T.  in  England.  Cf.  Schoenfeld,  Des  ascurances  sur  la  vie 
(Bruxelles,  1886)  S.  27,  Anm.  1. 

317 


—    158    — 

richtung  des  gesamten Versicherungs-Aufsendienstes 
mit  seinen  Subdirektionen,  Generalagenturen,  Inspektoraten,  Beise- 
und  Stabilagenturen  am  Platze  und  praktisch  recht  wohl  durchführ- 
bar.^)    Weniger  auf  die  Quantität  als  auf  die  Qualität  des  Agenten- 


^)  Nach  dieser  Richtung  sind  selbst  von  fachmännischer  Seite  Vorschläge 
gemacht  worden.  In  einem  1884  erschienenen  Aufsatz:  „Organisations-Fragen" 
(cf.  S.  1Ö6,  Anm.  2  dieser  Arbeit)  weist  A.  Ehrenzweig  darauf  hin,  dafs  zu- 
nächst die  Reiseacquisitoren  im  Versicherungsdienst  recht  wohl  entbehrt  und 
zweckmäfsig  durch  gut  zu  instruierende,  von  Inspektoren  geleitete,  Stabil-Agen- 
ten  (ortsansässige  Kaufleute  etc.)  ersetzt  werden  könnten.  Der  Reiseagent  sei 
einer  Versicherungsgesellschaft  nur  für  den  Anfang  von  wirklichem  Nutzen,  so- 
lange es  gelte,  deren  Namen  bekannt  zu  machen  und  möglichst  schnell  einen 
gröfsern  Personalbestand  zu  bilden.  Späterhin  indes,  da  der  Grund  gelegt  sei, 
da  schon  jede  von  der  Anstalt  prompt  gezahlte  Versicherungssumme  acquisitorisch 
wirke,  liefse  sich  der  zumeist  mit  der  „Storno-Schwindsucht''  behafteten  Geschäfte 
dieser  „Pro visionäre"  recht  wohl  entraten. 

Desgleichen  stellten  die  höchst  kostspieligen  Generalagenturen  einen  voll- 
kommen überflüssigen  Ausgabeposten  her.  Auch  die  Generalagentschaft  dürfe 
eine  gewisse  ßerechtigimg  nur  bei  Eröffnung  der  Operationen  einer  Unterneh- 
mung für  sich  in  Anspruch  nehmen,  indem  sie.  wenn  in  Händen  einer  renomierten 
Firma,  der  ersteren  ihren  Kredit  leihe.  Eine  weitere  Beibehaltung  derselben  ge- 
währe indessen  geringen  oder  keinen  Vorteil,  da  in  letzter  Linie  doch  die  Direk- 
tionssendbot^n  für  den  kaufinännischen  Generalagenten  organisieren  und  acqui- 
rieren  müfsten.  Es  erscheine  somit  angemessener,  die  Generalagentur  späterhin  in 
eigener  Regie  zu  führen  und  sie  schliefslich  durch  Schaffung  einer  gröfsern  Zahl 
von  auskömmlich  dotierten  Distriktinspektoraten  zu  ersetzen«  über  welche  in  ihrer 
Gesamtheit  etwa  ein  General-Inspektor  zu  stellen  wäre.  Denn  die  provinzielle 
Gliederung  der  Verwaltung  sei  eine  Tradition,  welche  einer  tiefem  Begründung 
ermangle.  Der  stabilisierte  Distriktsinspektor  habe  ein  kleineres  Gebiet  zu  über- 
wachen, welches  er  um  so  ergiebiger  zu  gestalten  vermöge.  Indem  er  unmittel- 
bar der  obersten  Geschäftsleitung  unterstehe,  besitze  er  eine  gröfsere  Autorität 
den  Agenten  gegenüber.  Endlich  werde  durch  ihn  die  Direktion  besser  infor- 
miert, als  wenn  sie  ihre  Kenntnis  aus  den  zuweilen  getrübten  Quellen  der 
Provinzialhauptstadt  schöpfe. 

Bei  Umgestaltung  der  Organisation  des  Aufsendienstes  im  vorgeschlagenen 
Sinne,  meint  Ehrenzweig,  würde  dann  auch  von  selbst  die  Abschlufsprovision 
in  Fortfall  kommen.  Denn  diese,  so  recht  eigentlich  für  den  Reiseacquisitor  er- 
funden, werde  mit  demselben  wieder  verschwinden,  da  der  Stabil- Agent  seinerseits 
sich  erfahrungsgemäfs  mit  einem  weit  geringem  —  namentlich  über  eine  ganze 
Reihe  von  Jahren  zu  verteilenden  —  Betrage  begnüge.  Er  sei  um  so  bescheidener, 
als  der  wirkliche  Inspektor  mit  ihm  und  ^r  ihn  arbeite,  eine  kleinere  Vergütung 
somit  der  halben  Arbeit  entspreche.  Der  Inspektor  freilich  koste  als  Angestellter 
der  Gesellschaft  nicht  wenig  an  Gehalt  und  Reisespesen,  doch  würden  ja  die 
Auslagen  für  die  Generalagentur  erspart  und  fanden,  an  die  Inspektionsbeamten 
abgeführt,  eine  „produktivere  Verwendung".  — 

318 


159    — 


personale  wird  künftig  seitens  der  Unternehmungen  das  Hauptgewicht 
zu  legen  sein.^)    Hierdurch  wäre  keineswegs  nur  den  Interessen  des 


Ehrenzwei  g's  Wünsche  haben  sich  in  Deutschland  zu  einem  Teile  bereits  ver- 
wirklicht, insofern  gröfsere  Gesellschaften  den  Thätigkeitsbereich  ihrer  Agenturen 
verkleinerten,  in  einer  und  derselben  Provinz  mehrere  (zumeist  in  eigner  Regie  ge- 
führte) Generalagenturen  einrichteten,  ja  sogar  schon  vereinzelt  Bezirksinspektorate 
schufen.  Doch  fehlt  es  noch  gänzlich  an  der  von  Ehrenzweig  befürworteten 
Dezentralisation  und  Vereinfachung  des  Aufsendienstes.  Manche  Unternehmungen 
fassen  die  Generalagenturen  mehrerer  Provinzen  unter  besondern  Subdirektionen 
zusammen.  Alle  aber  halten  an  den  Generalagenturen  selbst  fest,  welche  im  all- 
gemeinen doch  nicht  viel  mehr  als  Repräsentanzen  und  Sammelstellen  darstellen. 
Gerade  durch  sie  verteuert  sich  indessen  die  Verwaltung  nicht  unerheblich.  Von 
einer  Abschlufsprovision  von  20®/oo  entfallen  auf  den  Reiseagenten  nur  etwa  ö^/o© 
dagegen  15  ^/oo  auf  den  Generalagenten,  der  freilich  seinerseits  die  Hälfte  oder 
mehr  des  Erhaltenen  an  die  von  ihm  angestellten  Stabilagenten  abgiebt.  Aufser- 
dem  wird  an  die  Generalagentur  ein  Dritteil  der  Inkassoprovision  abgeführt;  (die 
übrigen  zwei  Dritteile  erhält  der  Stabilagent.).  Es  wiegt  also  gerade  die  Aus- 
p:&be  für  den  Generalagenten  sehr  schwer  im  Budget  der  Gesellschaften,  ohne 
dafs  dieser  nun  eine  der  hohen  Belohnung  irgendwie  entsprechende  aufserordent- 
liche  Thätigkeit  zu  entfalten  hätte.  Sicher  ist  anzunehmen,  dafs  das  Resultat 
der  Acquisitionsbemühungen  das  nämliche  bliebe,  oder  sogar  eine  Verbesserung 
erführe,  wofern  man  an  die  Stelle  des  Generalagenten  nur  etwa  2  bis  3  allseitig 
geschulte  (s.  oben  den  Text !)  Inspektoren  setzte ;  die  dann  neben  dem  im  ganzen 
geringen  Bureaudienst  auch  teilweise  die  Aufgaben  der  früheren  Reiseagenten 
mit  zu  übernehmen  hätten.  Die  Inspektoren,  nicht  mehr  der  Generalagentur 
sondern  unmittelbar  der  Direktion  unterstellt,  würden  im  allgemeinen  mit  einem 
grofsem  Interesse  arbeiten;  um  so  mehr,  wenn  man  ihnen  —  für  den  Anfang  — 
an  Stelle  der  früheren  5  etwa  ß^/oo  der  Abschlufsprovision  gewährte.  Da  sich  nun 
letztere  im  ganzen  durch  den  Fortfall  der  Anteile  der  Generalagentur  um  14  bis 
15 ^/oQ  verringerte  —  die  Stabilagenten  könnten  durch  Überlassung  der  vollen 
Inkassoprovision  (statt  vordem  zweier  Dritteile  derselben)  abgefunden  werden  — 
während  die  in  der  Prämie  enthaltene  Tilgungsrate  a  die  nämliche,  für  20 ^/oo 
Provision  ausreichende,  verbliebe:  so  würde  in  Zukunft  die  Deckung  der  Pro- 
yisionskosten  in  einer  weit  kürzeren  Zeit  erfolgen  können,  denn  bisher.  Hier- 
durch aber  wären  dann  einmal  die  Gefahren  der  Zillmer 'sehen  Methode  auf 
ein  Minimum  herabgemindert;  und  ferner  würde  ein  Weg  zur  Abschaffung  der 
Provisionen  überhaupt  und  zur  Einführung  eines  festen  Gehalts  für  die  Inspek- 
toren (s.  oben  den  Text!)  eröffnet.  In  den  nach  Bestreitung  der  Abschlufsge- 
bühren  noch  weiter  fortzuzahlenden  Tilgungsraten  a  böte  sich  ein  Kapital,  welches 
zur  Bildtmg  eines  Fixums  für  die  Gesellschaftsbeamten  solange  mit  verwendet 
werden  könnte,  bis  hierzu  mit  steigender  Zahl  der  bereits  ohne  Provisionszahlung 
angenommenen  Versicherungsnehmer  deren  Beiträge  für  sich  allein  genügen 
würden.    (Cf.  den  Text,  sowie  Anm.  1  auf  S.  160.) 

*)  Beachtung  verdient  der  Gedanke  an  Begründung  einer  besondem  Asse- 
kuranz-Akademie, welche,  auf  eigne  Kosten  der  Versicherungsanstalten  unterhalten, 

319 


—     160    — 

Fublikams  gedient,  aoch  die  Anstalten  selbst  zögen  aus  solchem 
Verfahren  vielfachen  Nutzen.  Wir  übergehen,  dafs  manche  Thür 
sich  dem  gebildeten  und  kenntnisreichen  Agenten  öffnen  würde,  die 
sich  dem  ungebildeten,  obschon  yielleicht  redegewandteren,  ver- 
schliefst; dafs  über  den  ersteren  nicht  so  genau  Eontrolle  gefuhrt 
zu  werden  brauchte,  als  über  den  zwar  übereifrigen,  indes  weniger 
zuverlässigen  ungescbulten  Acquisitor;  dafs  namentlich  die  Vor- 
schrift eines  bestimmt  zu  leistenden,  vielfach  zu  hoch  gegriffenen  Pen« 
sums,  welche  leicht  zu  ungenauer  Arbeit  und  zu  unredlichem  Vor- 
gehen Veranlassung  giebt,  in  Wegfall  kommen  könnte,  wofern  ein 
höherer  Bildung  entsprechendes  stärkeres  Pflichtgefühl  den  äu&eren 
Zwang  ersetzte.  Als  das  Wichtigste  erscheint,  dafs  der  wohlunter- 
richtete, anständige  Agent  nicht  ausschliefslich  dem  eigenen  Erwerb, 
vielmehr  in  erster  Linie  auch  der  guten  Sache,  der  Idee,  die  er  ver- 
tritt, sein  Interesse  entgegenbringt;  dafs  er,  wie  für  das  „Lebens- 
versicherungswesen^'  überhaupt,  auch  für  die  speziellen  Vorzüge  der 
Gesellschaft,  für  welche  er  thätig  ist,  ein  Verständnis  besitzt  und 
darum  enger  und  dauernder  an  diese  sich  anschliefst,  um  seinen 
Eifer  wachzuhalten,  wird  es  nicht  immer  erst  der  hohen  Abschlufs- 
provisionen  bedürfen.  Neben  einem  auskömmlichen,  festen  Gehalt 
—  zu  dessen  Bildung  (nach  Beseitigung  der  Provisionen)  Jahr  für 
Jahr  die  in  der  Prämie  jedes  Spareinlegers  enthaltenen  Zuschlage  a 
zu  verwenden  wären  ^)  —  würde  eine  entsprechende  Gewinnbeteili- 
gung ausreichen,  seine  Ansprüche  in  pekuniärer  Hinsicht  zu  befrie- 
digen. Damit  wäre  dann  einer  übermäfsigen  Steigerung  der  Agentor- 
kosten  am  nachhaltigsten  vorgebeugt,  namentlich  aber  die  unzulässige 
vorzeitige  Inangriffnahme  des  Deckungskapitals  zur  Bestreitung  dieser 
Kosten  überflüssig  gemacht. 


Neben  der  Prämienreserve  finden  sich  in  den  Bilanzen  der 
„Lebensversicherungsgesellschaften''  übrigens  noch  andre  als  ,yRe- 
serven''  bezeichnete  Fonds. *)   So  zunächst  diePrämienübertrags- 

die  theoretisch-praktischo  Ausbildung  des  für  den  Anfsendienst  bestimmten  Per- 
sonals zu  leiten  hätte.    Cf.  A.  Ehrenzweig,  1.  c,  S.  63  f, 

^)  Aufserdem  kämen  für  diesen  Zweck  in  Betracht:  Ersparnisse  an  den  all- 
gemeinen Yerwaltungskosten,  in  der  Übergangszeit  auch  diejenigen  in  den  Prä- 
mien firfiher  aufgenommener  Versicherungsnehmer  mit  gezahlten  Tügungsraten  a. 
welche  nach  (beschleunigter)  Deckung  der  (erheblich  verringerten)  Abschlofs- 
Provisionen  frei  verfugbar  würden.    (Cf.  8.  158,  Anm.  1  am  Ende). 

*)  Cf.  über  diese  Reserven  —  deren  Terminologie,   beiläufig  bemerkt,  ein« 

320 


—     161     — 

Beserve,  welche  ihre  Entstehang  dem  Umstände  verdankt ,  dafs 
Abschlüsse  neuer  Versicherungen  nicht  blos  am  1.  Januar,  vielmehr 
an  den  verschiedensten  Zeitpunkten  des  Kalenderjahres  zu  erfolgen 
pflegen ;  und  dafs  infolgedessen  bei  Berechnung  des  Deckungskapitals 
nicht  nur  ganze  Versicherungsjahre,  sondern  auch  Bruchteile  von 
solchen  in  Frage  kommen,  um  nun  im  Bechnungsabschlufs  eine 
dem  Kalenderjahr  entsprechende  Prämienreserve  notieren  zu  können, 
begründet  man  für  jede  nicht  gleich  im  Beginn  des  letzteren  einge- 
gangene Assekuranz  die  Fiktion,  es  sei  vom  Versicherungsnehmer 
vorerst  noch  keine  volle,  sondern  eine  ratierliche,  lediglich  bis  zum 
31.  Dezember  reichende  Prämie  entrichtet  worden.  Da  diese  An- 
nahme mit  der  Wirklichkeit  nicht  übereinstimmt,  der  Spareinleger 
vielmehr  seinen  Beitrag  regelmäfsig  sogleich  für  ein  ganzes  Jahr  zu 
leisten  hat,  so  müssen  dann  alle  in  die  nächste  Versicherungsperiode 
übergreifenden  Baten  seiner  Prämie  zur  Ergänzung  des  Reserve- 
fonds als  „Prämienübertrag^'  zurückgestellt  werden.  ^)  Weil  man 
aber  bei  dessen  Ermittelung  nicht  die  Netto-,  sondern  die  Tarif- 
prämie in  Bücksicht  zieht,  bildet  sich  gleichzeitig  auch  eine  Ver- 
waltungskosten-Beserve  für  die  noch  nicht  zurückgelegten 
Bruchteile  des  Versicherungsjahres. 

An  zweiter  Stelle  wäre  der  Schädenreserve  Erwähnung  zu 
thun,  welche  zur  Bereitstellung  zwar  bereits  fallig  gewordener,  indes 
aas  irgend  welchen  Gründen  —  etwa  wegen  Ausbleibens  der  erforder- 
lichen Nachweise  —  noch  nicht  zur  Auszahlung  gelangter  Versiche- 
rungssummen bestimmt  ist. 

Daneben  dienen  drittens  die  Sicherheitsreserve,  die 
Eapitalreserve,  sowie  auch  der  G-arantiefonds,  dem  Aus* 
gleich  möglicher  Verluste,  wie  sie  den  Gesellschaften  aus  einem  un- 
günstigen Sterblichkeitsverlaufe  oder  einer  Abweichung  des  thatsäch- 
lich  erzielten  Zinsfnfses  vom  angenommenen  ab  und  zu  erwachsen. 


schwankende  ist  —  G.  Conrad,  Die  Garantiemittel  und  Kechnungsgrundlagen 
der  Lebensversichemngsgesellschaften;  Aufsatz  in  Ehrenzwei g's  „Assecuranz- 
Jahrbueh".  III.  Jahrgang  (Wien,  1882)  S.  191  ff.;  Heck  er,  1.  c,  S.  371  ff. 
Emminghaus  im  „Handwörterbuch",  lY.  Bd.,  S.  1003 f. 

^)  Altere,  beständig  fortschreitende  „Lebensversicherungsanstalten"  bedürfen 
«iner  umständlichen  Berechnung  des  Främienübertrags  nicht.  Bei  ihnen  kann 
denelbe,  da  sieh  die  Termine  der  Beitragsleistungen  hier  annähernd  gleichmäfsig 
überdas  ganze  Jahr  verteilen,  einfach  der  Hälfte  der  Jahresprämien-£innahme  gleich- 
gesetzt werden.  Kurz  erwähnt  sei  auch,  dafs  in  England  ein  von  dem  unsrigen 
abweichendes  Verfahren  der  Feststellung  des  Främienübertrags  gebräuchlich  ist. 
StutowiaMniohftftl.  Stadien.  Y.  ^gi  ^^ 

22 


—     162    — 

Teilweise  die  nämliche  Aufgabe  hat  endlich^  weDDSchon  nur  yoräber- 
gehend,  die  GewinnreserTe  zu  erfüllen.  Diese umfafst rechnungs- 
mälsige  Überschüsse,  welche  an  und  für  sich  Jahr  für  Jahr  zur  Ver- 
teilung gelangen  könnten,  die  man  aber  zuvor  noch  längere  Zeit  — 
i.  d.  R.  zwei  bis  fünf  Jahre  hindurch  —  aufbewahrt;  einesteils,  um, 
wie  erwähnt,  mancherlei  nachträglich  etwa  zu  Tage  tretende  Ver- 
pflichtungen aus  ihnen  zu  bestreiten ;  andernteils,  um  in  der  Höhe  der 
Gewinne  eine  gewisse  Regelmälsigkeit  herbeizuführen. 

Näher  verwandt  mit  dem  Deckungskapital  ist  nun  unter  den  eben 
genannten  Beserven  lediglich  der  Prämienübertrag.  Nur  dieser  er- 
scheint, wie  der  Beservefonds,  endgültig  dazu  bestimmt,  durch  die 
Bedürfiusse  der  Zukunft  aufgezehrt  zu  werden.  Der  sogenannten 
Schädenreserve  kommt,  wenigstens  versicherungstechnisch,  überhaupt 
nur  geringe  Bedeutung  zu.  Die  übrigen  Fonds  aber  charakteriaieren 
sich  sämtlich  mehr  oder  minder  als  Sicherheitsreserven,  als  Beserven 
im  eigentlichen  oder  engeren  Sinne  des  Worts:  Sie  sollen  subsidiär 
eintreten,  wofern  infolge  aufserordentlicher  Geschehnisse  die  ordnungs- 
mäfsig  zur  Verfügung  stehenden  Beträge  nicht  ausreichen. 


Nach  erledigter  Besprechung  des  „Lebensassekuranz-Prozesses^. 
nach  Darlegung  der  für  den  Entwicklungsgang  des  gemeinsamen  Spar- 
fonds' geltenden  Grundsätze,  erübrigt  nunmehr,  auf  einen  Punkt 
zurückzugreifen,  dessen  Erörterung  wir  ausschliefslich  aus  Bücksichten 
der  Darstellung  bislang  verschoben.  Weiter  oben  wurde  der  grofsen 
Bedeutung  der  Association  für  das  „Lebensversicherungswesen"  und 
namentlich  des  Umfangs  der  Association  für  die  Sicherheit  des  Zu- 
treffens  der  Versicherung8>Grundrechnungen  gedacht.  Nicht  aber 
konnte  im  Anschlufs  hieran  darauf  näher  eingegangen  werden,  auf 
welche  Art  denn  eine  solche  Versicherungs-Association  entstehe,  wer 
berufen  und  geeignet  sei,  die  verschiedenen  Versicherungs-Bedürftigeu 
zu  einer  Spargesellschaft  zu  vereinen;  und  femer  welchen  Anforde- 
rungen ein  „Lebensversicherungs-Personalbestand"  hinsichtlich  seiner 
Zusammensetzung,  zu  genügen,  welche  Gesichtspunkte  man  daher  nach 
letzterer  Bichtung  bei  seiner  Bildung  zu  beachten  habe.  Diese  Fragen 
bedürfen  jetzt  nachträglich  noch  genauerer  Beantwortung.  — 

Eine  Untersuchung  zunächst  darüber,  wer  zur  Schaffung  von 
Associationen  berufen  und  befähigt  sei,  mufs  nun  in  letzter  Linie  mit 
einer  andern  nahezu  zusammenfallen ;   einer  solchen  nämlich  über  die 

322 


—     163    — 

fiir  den  „Lebensversicheraiigsbetrieb^  überhaupt  zweckmäfsigen  Unter- 
nehmnngsf  ormen.  Und  gerade  insofern  bietet  dieselbe  besonderes  In- 
teresse.^) Über  das  Thema:  „Die  wirtschaftlichen  Unternehmungsformen 
in  ihrer  Anwendbarkeit  auf  das  Versicherungswesen^  (im  allgemeinen) 
liegt  ein  Monographie  (Inaugural-Dissertation) ^)  Yon  Becker-Lau- 
rich  vor.  In  dieser  wird  ausgeführt,  es  eigneten  sich  unter  den  zur 
Zeit  bekannten  derartigen  Formen  für  den  Assekuranzbetrieb  nur 
zwei  oder  drei;  nämlich  diejenigen  des  Gegenseitigkeits- 
Vereins  und  der  Aktiengesellschaft,  schliefslich  auch  wohl 
der  Eonmianditgesellschaft  auf  Aktien.  Sie  allein  besäfsen  die  für 
eine  gedeihliche  Entwicklung  von  Yersicherungsinstituten  unerläfslichen 
Eigenschaften :  Grröfsere  Kapitalkraft,  thunlichste  Unabhängigkeit  von 
Leben  oder  Tod  der  physischen  Personen  der  Unternehmer,  geringere 
Spekulationsfahigkeit  infolge  einer  vielseitigen  Beteiligung  an  der  Ge- 
schäftsleitang  u.  dergl.  m.  Sowohl  der  Kommandit-  und  stillen  Ge- 
sellschaft, als  auch  der  offenen  Handelsgesellschaft  fehlten  die  zwei 
letztgenannten,  dem  Unternehmen  eines  einzelnen  Privaten  überhaupt 
alle  aufgezählten  Erfordernisse.  Diese  Untemehmungsformen  seien 
daher  trotz  mancher  ihnen  innewohnender  Vorzüge ')  gerade  im  Ge- 
biete des  Versicherungswesens  nicht  am  Platze.^)  Neben  dem  pri- 
vaten Betrieb  käme  dann   noch  der  öffentliche  in  Betracht  —  d.  h. 


')  AJb  selbstverständlich  erscheint,  dafs  es  der  Versicherer  ist,  welcher 
for  die  Zusammenfühnrng  eines  Personal- Versicherungsbestandes  Sorge  zu  tragen 
hat  Aach  wurde  im  Voraufgegangenen  bereits  erwähnt,  dafs  dieser  sich  zur 
Lösung  der  genannten  Aufgabe  der  Vermittlung  Ton  Agenten  zu  bedienen 
pflegt  Der  Ausübung  der  Versicherer-Thätigkeit  im  allgemeinen  —  wie  auch 
speziell  der  Bildung  von  Versicherungs-Associationen  —  wird  sich  indes  in  der 
Praxis  höchst  selten  eine  einzelne  physische  Person  auf  eigene  Rechnung  widmen. 
Der  Betrieb  modemer  Associations-Assekuranz  bildet,  man  kann  sagen  niemals, 
ein  Objekt  der  Einzel-,  fast  immer  viehnehr  ein  solches  der  Kollektiv-Unter- 
nehmung (im  weitesten  Sinne  des  Worts),  welch'  letztere  dann  aber  ihrerseits 
wieder  in  mannigfach  verschiedenen  Formen  möghch  ist. 

2)  Jena,  1883. 

*)  Z.  £.  die  Einzeluntemehmung  und  die  offene  Handelsgesellschaft  trotz  des 
lebhaften  Anteils,  welchen  bei  ihnen  der  einzelne  Unternehmer  bezw.  Gesell- 
schafter am  Fortgang  des  Geschäfts  nimmt,  und  trotz  der  unbegrenzten  Haft- 
pflicht. 

*)  Ähnliches  gilt  auch  von  der  durch  Gesetz  vom  20.  April  1892  geschaffenen 
.Gesellschaft  mit  beschränkter  Haftung" ;  es  fehlt  bei  dieser  mangels  des  Erforder- 
nisses einer  Bilanzveröffentlichung,  sowie  infolge  der  mit  geringeren  Kaut^len 
umgebenen  Geschäftsleitung  an  einer  ausreichend  sicheren  Beschränkung  spekulativen 
Vorgehens. 

U* 
323 

22* 


—    164    — 

die  Übernahme  der  Versicherung  durch  den  Staat,  bezw.  die  grolsen 
räumlichen  Selbstverwaltungskörper,  —  welcher  im  ganzen  ebenso 
gut  durchführbar  sei,  als  der  prirate,  und  sich  auch  aus  mancherlei 
Gründen  empfehle. 

Lassen  wir  die  Frage  des  öffentlichen  Betriebs  hier  zunächst  ein- 
mal ganz  aulser  Acht  —  wir  werden  uns  später  mit  derselben  spe- 
zieller zu  beschäftigen  haben  —  und  berücksichtigen  wir,  wie  es  gerade 
für  den  Bereich  der  sogenannten  Lebensversicherung  z.  Zt.  den  that- 
sächlichen  Vorhältnissen  entspricht,  nur  die  private  Unternehmung,  so 
wird  man  den  Ausführungen  Becker-Laurich's  beistimmen  müs- 
sen. Die  entgegengesetzte,  u.  a.  von  6  a  1 1  u  s  ^)  vertretene  Anschauung, 
dafs  auf  die  Unternehmungsform  überhaupt  nichts  ankomme,  viel- 
mehr —  Solidität  der  Verwaltung  und  Richtigkeit  der  Grundlagen 
vorausgesetzt  —  auch  für  die  Versicherung  jede  beliebige  Betriebsart 
als  qualifiziert  erachtet  werden  dürfe,  ist  jedenfalls  eine  zu  weit  gehende. 
Denn  bilden  auch  solide  Geschäftsführung  und  richtige  Geschäfts- 
basierung  die  erste  und  allgemeine  Bedingung  für  das  G^eihen  aller 
und  jeder  wirtschaftlichen  Unternehmung,  so  wird  man  über  ihnen 
doch  keineswegs  der  besondem  Erfordernisse  vergessen  dürfen,  welche 
für  das  Emporblühen  nun  gerade  eines  Versicherungs-,  in  unserm  Falle 
eines  „Lebensversicherun^sinstitutes^  bestehen.  Für  Becker-Lau- 
rich's  Ansicht  spricht  aber  noch  ein  weiteres,  ein  geschichtliches 
Moment:  Seitdem  eine  „Lebensversicherung^  im  heutigen,  modernen 
Sinne  sich  herausbildete,  seit  ungefähr  der  Mitte  des  vorigen  Jahr- 
hunderts also,  hat  man  für  ihren  Betrieb  immer  und  immer  nur  ent- 
weder die  Form  des  Gegenseitigkeitsvereins  oder  der  Aktiengesdl- 
srhaft  in  Verwendung  gebracht;  offenbar  ein  Zeichen  dafür,  dafs  man 
von  deren  praktischen  Vorzügen  seit  jeher  tiberzeugt  war  und  tiber- 
zeugt geblieben  ist. 

Von  diesen  beiden  Unternehmungsarten  ist  nun  die  genossen- 
schaftliche, oder  ,.auf  Gegenseitigkeit^  beruhende,  die  ältere.  Meh- 
rere Assekuranz-Bedürftige  schliefsen  sich  zusammen,  tragen  gemein- 
sam die  ersten  Kosten  der  Organisation  bezw.  entleihen  zu  deren 
Deckung  ein  (Gründungs-)Kapital  und  suchen  andre  Versicherung  zu 
nehmen  gewillte  Personen  an  sich  heranzuziehen ;  alsdann  bilden  alle 
durch  Einzahlung  von  Prämien,  welche  nach  Mafsgabe  der  Sterbe- 
tafel berechnet  werden,  den  gemebsamen  Sparfonds.  Reichen  diese 
Beiträge    zur   Bestreitung   der  jährlich   fallig   werdenden   Sterbfiül- 


M  (truntilapen,  S.  78. 

334 


—    165    — 

srnnmen  nicht  aus,  so  sind  die  Mitglieder  des  Vereins  zu  entsprechen- 
den NachschlufsleistuDgen  verpflichtet.  Andrerseits  wird,  falls  sich 
die  Prämien  gegenüber  dem  erforderlichen  Sparfonds  als  zu  hohe  er- 
weisen, falls  dieselben  auch  mehr  ergeben,  als  zur  Amortisation  des 
Grnndungskapitals  und  zur  Zurückstellung  von  Reserven  erforderlich 
erscheint,  der  überschufs  unter  die  Genossen  als  „Dividende^^  ver- 
teilt.^)   Es  begründen  sonach  die  Association,  die  Spargesellschaft, 


^)  Bei  Beantwortung  der  Frage  nach  einem  rationellen  Mafsstabe  für  diese 
Verteilung,  sowohl  für  diejenige  eines  Überschusses,  als  eines  Deficits,  wird  man 
KU  berücksichtigen  haben,  dafs  beide  sich  aus  yerschiedenen  Quellen  herschreiben. 
Bei  der  einfachen  Kapitalversicherung  auf  den  Todesfall  kommen  vornehmlich 
drei  derartige  Quellen  in  Betracht:  Die  Verwaltungskosten.  die  Verzinsung  des 
Kesenrefonds'  und  der  Sterblichkeitsverlauf.  Gewinn  und  Verlust  aus  den  Ver- 
waltungskosten würden  einfach  nach  Mafsgabe  der  gezahlten  Verwaltungskosten- 
Zuschläge  zu  verteilen  sein.  Ein  Zinsgewinn  aus  dem  Reservefonds  femer  müfste 
denen  zugewendet  werden,  welche  den  letzteren  gebildet  haben.  Da  jedoch,  wie 
wir  früher  sahen,  die  Framienreserve  auch  Reste  der  Zahltmgen  schon  verstor- 
bener Versicherungsnehmer  enthält,  welche  zur  Gewinn-  und  Verlustrepartition 
nicht  mehr  zuzuziehen  sind,  so  empßehlt  sich  die  Verteilung  unter  die  lebenden 
Spareinleger  nach  der  von  dem  gemeinsamen  Guthaben  auf  sie  entfallenden  Rech- 
nongs-Quote,  d.  h.  nach  ihrem  Reserveanteil.  Gewinn  und  Verlust  aus  unter- 
bezw.  überwartungsmäfsiger  Sterblichkeit  endlich  wären  an  und  fär  sich  auf  die- 
jenigen Altersklassen  zu  repartieren,  innerhalb  deren  eine  solche  übcr\i'iegend 
zu  Tage  trat.  Ein  derartiger  Verteilungsmodus  würde  jedoch,  wie  Em  min  g- 
haus  (im  .Handwörterbuch**,  IV.Bd.,  S.  1009)  richtig  bemerkt,  „so  verwickelt"  aus- 
fallen, dafs  er  n'^'c^^  ^^^  Publikimi  zumeist  nicht  verstanden,  und  daher  auch  nicht 
gewürdigt  werden"  könnte.  Praktischer  erscheiht  das  von  der  Gothaer  Bank 
i.  J.  1883  (fakultativ)  eingeführte  „gemischte"  Repartitions-System ,  wonach  der 
Zinsgewinn  in  Gemäfsheit  der  Reserveanteile,  jeder  andre  aber  nach  der  Höhe 
der  Jahresprämie  verteilt  wird.  Werden  dadurch  allerdings  die  jüngeren  Alters- 
klassen, innerhalb  deren  erfahrungsgemäfs  Mindersterblichkeit  sich  vornehmlich 
geltend  macht,  gegenüber  den  älteren  momentan  benachteiligt,  so  korrigiert  sich 
dies  doch  im  Laufe  der  Zeit  insofern,  als  die  vorerst  im  Gewinn  verkürzten 
Spareinleger  späterhin  auch  ihrerseits  an  den  durch  den  neuen  Zugang  erzielten 
Überschüssen  partizipieren.  Auch  entspricht  die  gleichmäfsige  Heranziehung  aller 
Altersklassen  zu  einem  gemeinschaftlichen  plus  und  minus  mehr  dem  Gedanken 
der  Verschmelzung  derselben  zu  einer  einzigen  grofscn  Association  (cf  S.  125  f.). 

Andre  Gegenseitigkeitsgesellschaften  berücksichtigen  bei  ihren  Gewinn- 
(und  Verlust-)  Verteilungs-Methoden  ausschliefslich  die  Simime  der  vom  einzelnen 
Venicherungsnehmer  eingezahlten  Prämien,  oder  die  Höhe  seines  Reserveanteils. 
Wieder  andre  beschränken  sich  darauf,  den  Betrag  der  gezahlten  Jahresprämie 
zum  alleinigen  Mafstabe  der  Repartition  zu  nehmen.  Zuweilen  wird  bei  letzterem 
System  die  Dividendenberechtigung  selbst  über  die  Dauer  der  Versicherung  hinaus 
ausgedehnt:  Es  bewahren  nämlich  manche  Anstalten  die  Überschüsse  jedes  Jahres 
erst  eine  bestimmte  Zeit  hindurch  auf  und   verteilen   dann    immer  zunächst    den 

325 


—     166    — 

die  einzelnen  Spareinleger  selbst  durch  ihren,  auf  gegenseitigen  Ver- 
trägen beruhenden  Zusammenschlufs ;  sie  sind  selbst  die  Unternehmer, 
sind,  wie  man  zu  sagen  pflegt,  Versicherungsnehmer  und  Versicherer 
zugleich. 

Wesentlich  anders  gestaltet  sich  scheinbar  die  Sachlage,  wofern 
eine  Aktiengesellschaft  den  Betrieb  der  „Lebensassekuranz"  übernimmt. 
Die  Bildung  einer  solchen  Gresellschaft  vollzieht  sich  bekanntlich  in 
der  Weise,  dafs  kapitalkräftige  Personen  durch  Einlegen  fest  nor- 
mierter Summen  ein  Vermögen  zusammenbringen,  welches  zur  Ver- 
folgung der  (meist  gewerblichen)  Gesellschaftszwecke  zu  dienen  be- 
stimmt ist.  Über  die  einzelnen  gleichmäfsig  zu  bemessenden  Einlagen 
werden  Scheine  („Aktien")  ausgegeben,  welche  entweder  auf  den  In- 
haber oder  auf  Namen,  bei  „Lebensversicherungsuntemehmungen^ 
regelmäfsig  nur  auf  Namen,  gestellt  werden.  Die  volle  Erlegung  der 
in  diesen  Scheinen  genannten  Beträge  wurde  aber  früher  nicht  ge- 
fordert, vielmehr  eine  teilweise  Baareinzahlung  als  genügend  erachtet ; 
der  Best  wurde  durch  Wechsel  garantiert.  Hingegen  enthält  das 
„Reichsgesetz  betreffend  die  Kommanditgesellschaften  auf  Aktien  und 


am  längsten  aufbewahrten  Teil;  indem  dann  aber  für  jede  geleistete  jährliche 
Prämienzahlung  Dividende  zuerkannt  wird,  müssen  für  die  letzten  Prämien- 
leistungcn  nach  Ablauf  der  Assekuranz  noch  Promessen  gewährt  werden.  Unbe- 
dingt zu  verwerfen  sind  auch  die  letztgenannten  Verteilungsarten  nicht;  sie 
haben,  um  andres  zu  übergehen,  den  Vorzug,  dafs  sie  die  Vermögensverwaltung 
der  (fcsellschaft  vereinfachen.     (Cf.  (iallus,  1.  c,  S.  110.) 

Für  die  Zuscheidung  der  Gewinnanteile  —  die  Nachschufserhebung 
bedarf  in  dieser  Hinsicht  keiner  besondem  Erörterung  —  kommen  namentlich 
zwei  Svsteme  in  Betracht:  Nach  dem  einen,  in  Deutschland  üblichen,  vemündert 
man  die  für  das  nächste  Jahr  zu  entrichtende  Prämie  um  den  für  das  Vorjahr 
in  Rechnung  kommenden  Dividendenbetrag ;  nach  dem  andern,  in  England  besonders 
gebräuchlichen,  sogenannten  „Bonus-System"  wird  jede  Jahresdividende  zu  einer 
Erhöhung  der  ursprünglich  gewünschten  Versicherungssunmie  verwendet,  ü.  E. 
ist  der  ersteren  Methode  ein  Vorzug  insofern  einzuräumen,  als  die  Bestimmung 
der  Höhe  der  Versicherungssumme  zweckmäfsig  dem  einzelnen  tiberlassen  bleibt. 
eine  Vergröfserung  derselben  ohne  dessen  Willen  wohl  unterbleiben  kann.  Weit 
mehr  wird  dem  Versicherungsnehmer  damit  gedient,  dafs  man  ihm  das  Auf- 
bringen der  Spareinlagen  erleichtert,  wozu  die  Anrechnung  der  Divende  auf  den 
Jahresbeitrag  besonders  geeignet  erscheint:  zumal  wenn  letztere  (wie  z.  E.  beim 
j.gemi9cliten  Verteilungssystem" ,  bei  der  Uewinnbeteiligung  nach  Mafsgabe  des 
Reserveanteils)  durch  ihr  Steigen  von  Jahr  zu  Jahr  eine  Entlastung  gerade  der 
höheren,  weniger  leistungsfähigen  Alter  bewirkt.  Eine  solche  indirekte  Verbilligung 
der  Prämien  beugt  namentlich  einer  vorzeitigen  Aufgabe  der  Versicherung  infolge 
von  Unfähigkeit,  den  Beitrag  zu  entrichten,  vor.  und  ermöglicht  es  andrerseits, 
auch  weniger  bemittelte  Volksschichten  zur  Assekuranz  heranzuziehen. 

326 


—     167     — 

die  Aktiengesellschaften  yom  18.  Juli  1884'^  die  Yorsclirift  der  vollen 
Leistung  des  Nominalbetrages  der  auszugebenden  Aktien.^)  —  Ein 
Vorstand,  die  Direktion,  führt  —  neben  der  Generalyersammlung  der 
Aktionäre  —  als  Organ  der  Gesellschaft  deren  Geschäfte,  stets  über- 
wacht von  einem  yerantwortlichen  Aufsichtsrat.  Der  erzielte  Kein- 
gewinn  kommt,  soweit  nicht  anderweitige  Bestimmungen  über  den- 
selben getroffen  sind,  soweit  nicht  den  Gesellschaftsorganen  oder  bei 
YersicheruDgs-Aktiengesellschaften  auch  den  Yersicherungsnehmeru  ^) 
vertragsmäfsig  eine  Gewinnbeteiligung  zusteht,  vollständig  den  Ak- 
tionären zu  gute.  Andrerseits  aber  haftet  entsprechend  für  alle  sich 
einstellenden  Deficite  einzig  und  allein  das  Aktienkapital. 

Speziell  für  ein  „Lebensversicherungsinstitut  auf  Aktien" 
wird  nun  die  Hauptaufgabe  darin  bestehen,  die  erforderliche  Association 
zu  bilden,  VersicheruDg-Suchende  in  ausreichender  Menge  zu  einer 
Spargesellschaft  zu  vereinen.  Ist  eine  solche  einmal  begründet,  so  voll- 
zieht sich  innerhalb  derselben  der  Sparprozefs  wesentlich  in  der  näm- 
lichen Weise,  wie  wenn  diese  Spargesellschaft  selbständig  ins  Leben 
getreten,  von  dem  Aktienuntemehmen  unabhängig  wäre.  Die  normalen 
laufenden  Ausgaben  werden  durch  die  Versicherungsnehmer  allein 
gedeckt;  ausschliefslich  aus  ihren  Beiträgen  bildet  sich  der  gemein- 
same Sparfonds.  Das  Aktienkapital  hat  demgegenüber  nur  sub- 
sidiäre Funktionen  zu  erfüllen:  Einmal  dient  es  zur  Bestreitung 
der  Organisationskosten ;  der  danach  verbleibende  Best  desselben  aber 
wird  (incl.  der  in  Wechseln  garantierten  Summen)  als  Sicherheits- 
fonds, als  Beserve,  zurückgestellt.  Als  solche  tritt  es  nur  dann  ein, 
wenn  die  Einzahlungen  der  Versicherungsnehmer,  —  die  übrigens 
zum  Zweck  der  Sicherung  eines  Aktionärgewinns  einen  geringfügigen 
Aufschlag  zu  enthalten  pflegen  —  zur  Bestreitung  der  an  die  Ver- 
sicherten zu  erbringenden  Leistungen  nicht  ausreichen.')    Denn  eine 


^)  ,  Handelsgesetzbuch«,  Artikel  215  c  Ziffer  3. 

Für  die  bereits  bestehenden  deutschen  „Lebendversicherungsgesellschaften 
&uf  Aktien"  gelten,  da  sie  fast  durchgängig  vor  firlafs  der  Aktiennovelle  von 
1884  begründet  sind,  deren  Bestimmungen  über  den  Betrag  der  zu  fordernden 
Baareinzahlong,  wie  auch  der  £inlage  selbst,  noch  nicht:  Bei  ihnen  schwankt 
die  Höhe  der  Einlagen  im  allgemeinen  zwischen  1500  und  3000  Mark,  diejenige 
der  Baareinzahlungen  beziffert  sich  zumeist  nur  auf  20%  des  Nominalwertes  der 
Aktien.  Letzteres  ist  insofern  von  Vorteil,  als  eine  volle  Beibringung  des  Aktien- 
Nominalbetrages  das  Auffinden  einer  sichern  Anlage  für  das  Aktienkapital  er- 
schweren mufs  und  leicht  zu  Spekulationen  mit  demselben  Anlafs  giebt. 

■)  Darüber  weiter  unten! 

*)  „Diejenigen  Aktiengesellschaften",  sagt  Ehrenberg,  „welche  Assekuranz- 

327 


^     168     — 

Nachschufspilicht  der  Spareiuleger,  wie  sie  bei  den  Gegenseiiigkeits- 
anstalten  besteht,  ist  bei  der  Aktiengesellschaft  grundsätzlich  aus- 
geschlossen. Gerade  in  diesem  Fehlen  jeglicher  Nachschafererpflichtung« 
in  der  Anwendung  des  „Systems  der  festen  Prämien"  gegenüber  dem« 
jenigen  der  „veränderlichen  (durch  Vornahme  einer  Verlustrepartition 
sich  gegebenenfalls  erhöhenden)  Beiträge"  liegt  der  herrorstechendste 
Unterschied  zwischen  der  von  einer  Aktiengesellschaft  gewährten  und 
der  auf  Gegenseitigkeit  beruhenden  Assekuranz.  Im  Vergleich  zu 
ihm  tritt  alles,  was  man  hier  sonst  noch  an  wirtschaftlich  relcTanten 
Verschiedenheiten  zu  nennen  pflegt,  zunächst  mehr  in  den  Hinter- 
grund, wofern  sich  nicht  derartige  Verschiedenheiten  überhaupt  als 
irrtümlich  prätendierte  erweisen.  Letzteres  gilt  vor  allem  mit  Bezug 
auf  jene  Behauptung,  wonach  der  Versicherung  auf  Aktien  das  Vor- 
walten der  Erwerbstendenz  und  des  Spekulationsmomentes  ein  ganz 
besondres,  von  der  Assekuranz  auf  Gegenseitigkeit  erheblich  ab- 
weichendes Gepräge  geben  soll.  Mit  B.echt  hat  schon  Elster^)  dem- 
gegenüber darauf  aufinerksam  gemacht,  dafs  „die  Gegenseitigkeits- 
anstalten das  Geschäft  nicht  minder  gewerbmäfsig  imd  nicht  minder 
spekulativ  betreiben",  als  die  Aktiengesellschaften;  nur  etwa,  dafs, 
mit Becker-Laurichzu  reden,  bei ersteren  der  „erhoffte  Profit  blos 
ein  negativer  (Ersparnis)  sein  soll". 

Indessen  auch  die  ersterwähnte  Verschiedenheit  ist  lediglich  eine 
äufsere;  sie  ist  nicht  mafsgebend  füi  die  Erklärung  des  wirtschaft- 
lichen Wesens,  für  die  Theorie  der  sogenannten  Lebensversicherung. 
Hau  darf  keinesfalls  annehmen,  dafs  diese  letztere  nun  etwa  einen 
gänzlich  veränderten  ökonomischen  Charakter  aufvriese,  je  nachdem 
sie  von  einer  Aktienunternehmung  oder  aber  von  einem  Gegenseitigkeits- 
vereine betrieben  wird.  Denn  das  allein  wesentliche  Merkmal  der 
„Lebensassekuranz",  welches  wir  als  in  der  Vornahme  gemeinschaft- 
licher Sparakte  bestehend  erkannten,  es  findet  sich  in  dem  einen  wie 
in  dem  andern  Falle.  Unterschiedslos  bildet,  wie  schon  bemerkt, 
bei  beiden  Betriebsformen  die  Association  der  Versicherungsnehmer 
aus  eigenen  Mitteln  jenen  Fonds,  welcher  zur  Deckung  der  Sterbfall- 


geschäfte betreiben,  unterscheiden  sich  wirtschaftlich  sehr  wesentlich  (!)  von 
allen  anderen  Aktiengesellschaften.  Das  Grundkapital  ist  hier  nicht  Betriebs- 
fonds,  sondern  Garantiefonds, ^    (Ehrenberg,   Versicherungsrecht,    1.    Bd.. 

[Dritt«  Abteilung,  vierter  Teil,  erster  Band  von  „Systematisches  Handbuch  der 
deutschen  Rechtswissenschaft",    herausgegeben  von  Bin  ding],   Leipzig,    1893 
S.  89). 

»)  L.  c,  S.  36. 

328 


—     169     — 

sammen  unter  normalen  Verhältnissen  erforderlich  erscheint.  Die 
vereinten  Versicherungsnehmer  sind ,  wirtschaftstheoretisch 
betrachtet,  wie  A.  Wagner^)  betont,  auch  bei  der  Aktiengesellschaft 
die  eigentlichen  Versicherer.  Oder,  mit  Makowiczka^) 
zu  reden:  „Jede  Versicherung,  auch  wenn  sie  einen  gewerbsmäfsigen 
Charakter  hat  (d.  h.  in  Form  der  Aktiengesellschaft  betrieben  wird), 
beruht  auf  Gegenseitigkeit.  Ohne  Annahme  des  Gegenseitigkeits- 
prindps  läfst  sich  eine  Versicherung  nicht  durchführen,  ja  nicht  einmal 
denken  .  .  .'' 

Wenn  nun  trotzdem  vereinzelt,  so  u.  a.  von  Gallus,  eine  Auf- 
fassung Tertreten  wird,  welche  der  Assekuranz  auf  Aktien  (der  eigent- 
lichen „Versicherung")  jene  auf  Gegenseitigkeit(die  „Verlust- Verteilung") 
als  etwas  von  Grund  aus  Verschiedenes  gegenüberstellt^),  so  beruht 
das  in  letzter  Linie  immer  auf  einer  Verwechselung  des  wirtschaft- 
lichen Wesens  der  Assekuranz,  hier  speziell  der  „Lebensyersicherung", 
mit  der  juristischen  Natur  der  auf  dieselbe  abzielenden  Verträge.  Für 
diese  aber,  wie  überhaupt  für  die  Gestaltung  der  einschlägigen  Rechts- 
verhältnisse ist  die  Betriebsform  allerdings  von  entscheidender  Be- 
deutung. Zunächst  untersteht  ein  „Lebensversicherungsinstitut  auf 
Gegenseitigkeit"  meistens  als  Genossenschaft  besondrer  Art  den  all- 
gemeinen Regeln  des  bürgerlichen  Rechts^),  während  auf  die  Asse- 
kuranz-Aktienuntemehmung  die  speziellen  Normen  des  Handelsrechts 
Anwendung  finden;  die  Übernahme  der  Versicherung  seitens  einer 
Aktiengesellschaft  ist  Handelsgeschäft.  Während  femer  der  Gegen- 
seitigkeitsverein  eine,  nur  in  gewissen  Hinsichten  korporationsähnliche, 
Societät  darstellt^),  qualifiziert  sich  die  Aktiengesellschaft  stets  als 

*)  Abschnitt  „Versichernngswesen**  in  Schön berg'a  „Handbuch  der  politi- 
schen Ökonomie",  3.  Aufl.,  2.  Bd.  (Tübingen,  1891)  S.  960  f.  und  S.  972. 

')  Artikel  „Versicherungsanstalten"  im  „Deutschen  Staatswörterbuch", 
herausgegeben  von  Bluntschli  und  Brater.  11.  Bd.  (Stuttgart  und  Leipzig, 
1870)  S.  6. 

■)  L.  c,  S.  89 f.  Cf.  hierzu  Lewis,  Lehrbuch  des  Versicherungsrechts 
(Stattgart,  1889)  S.  144  f. 

*)  Versicherungsanstalten  auf  Gegenseitigkeit  können  nach  deutschem  Recht 
in  Form  der  „eingetragenen  Genossenschaft"  (Reichsgesetz,  betreffend  die  Er- 
werbs- und  Wirtschaftsgenossenschaften,  yom  1.  Mai  1889)  oder  der  „(eingeschrie- 
benen) Hilfskasse"  begründet  werden.  Regelmäfsig  jedoch  wird  für  dieselben 
eine  Vereinsform  gewählt,  welche  in  Deutschland  noch  beinahe  gänzlich  einer 
besondem  gesetzlichen  Regelung  ermangelt:  diejenige  „der  Versicherungs- 
gesellschaft auf  Gegenseitigkeit  im  engeren  und  technischen 
Sinne  des  Wortes".    Cf.  Lewis,  1.  c,  8.  147  und   Ehrenberg,  1.  c,  S.  91. 

*)  Vom  Standpunkte   des   gemeinen  Rechts  betrachtet   gehören    die  Ver- 

329 


—     170    — 

juristische  Person  ^) ;  bei  jenem  handelt  es  sich  für  den  Yersicherungs- 
abschlufs  um  einen  Qesellschafts-,  bei  dieser  hingegen,  wie  später  zu 
begründen  sein  wird,  um  einen  eigentümlich    gearteten   Depositen- 


sicherungsgesellscbafton  auf  GegcDseitigkeit  reprolmäfsifir  za  der  grofBen  Zahl  jener 
Verbände,  welche  einen  gesellschaftlichen  Charakter  tragen,  dabei  aber 
doch  in  manchen  Beziehungen  den  Korporationon  gleichen,  „korporative  Ele- 
mente'* aufweisen.  (Cf.  Dernburg,  Pandekten,  1.  Bd.,  2.  Aufl.,  Berlin,  188H. 
S.  142  f.)  Societates  im  strengen  Sinne  des  römischen  Hechts  sind  diese  Vereine 
schon  deshalb  nicht,  weil  ihr  Bestehen  nicht  von  der  Individualität  der  Gesell- 
schafter abhängt;  (cf.  hierzu  De rn bürg,  1.  c,  8.  139 fT.,  und  „fintscheidungeii 
des  Keichs-Oberhandcl8gerichtr%  18.  Bd.,  Stuttgart  1876,  S.  404);  Korporationen 
aber  nicht,  weil  für  die  ü esellschaftsschulden  die  Genossen  (Ver- 
sicherungsnehmer) als  solche  persönlich  haften  (Laband,  Zur  Lehre 
von  der  Versicherungsgesellschaft  auf  Gegenseitigkeit,  ein  Rechtsgntachten  in 
der  ,,Zeitschrifl  fiir  das  gesamte  Handelsrecht**,  24.  Bd.,  Stuttgart,  1879,  S.  66  ff., 
insbes.  8.  70).  und  umgekehrt  das  Gesellschafts  vermögen,  der  Sparfond$. 
—  im  Einklang  mit  der  wirtschaftlichen  Natur  der  „Lebensassekuranz*'  —  als 
gemeinschaftliches  Vermögen,  als  ungeteiltes  Gut  der  Genossen 
erscheint.  Subjekte  der  Vermögensrechte  bleiben  bei  Versicherungsgesellschaften 
auf  Gegenseitigkeit  die  Gesellschafter  selbst,  denen  auch  alle  Vermögensnutzungen 
zufliefsen;  und  nicht  ist  die  Anstalt  ihrerseits  die  Trägerin  dieser  Rechte,  das 
einheitliche  Kechtssubjckt.  Sonach  fehlt  es  der  letzteren  an  dem  privatrechtlich 
entscheidenden  Merkmal  der  juristischen  Persönlichkeit.  (Cf.  Laband,  Beiträge 
zur  Dogmatik  der  Handelsgesellschaflen,  §  1.  Gesellschaft  und  juristische  Person: 
Aufsatz  in  der  ,.Zeitschrift  für  das  gesamte  Handelsrecht",  30.  Bd.,  Stuttgart  1885. 
S.  469  ff.,  insbesondre  S.  496  ff.)  Dafs  die  Gegenseitigkeits-Gesellschaften  eine 
korporationsähnliche  Organisation  besitzen,  dafs  sie  einen  Namen  fuhren,  einen 
eigenen  Wohnsitz  und  Gerichtsstand  haben,  dafs  sie  endlich  fähig  sind,  als  Ein- 
heit zu  klagen  und  verklagt  zu  werden,  —  dies  alles  ändert  an  ihrem  (iesell- 
schafts-Charakter  ebenso  wenig,  als  der  Umstand,  dafs  ihnen  seitens  des  Staate^ 
zumeist  ,,die  Hechte  einer  juristischen  Person"  oder  „einer  Korporation"  verliehen 
werden;  mit  dem  Ausdruck  Korporationsrechte  werden  eben  hier  lediglich  ^Be- 
fugnisse oder  Kechtssätze  bezeichnet,  die  nur  äufserliche  Geschäftsformen  be- 
treffen", die  jedoch  „bei  societätsartigcn  Verbänden  ebenfalls  zulässig  sind,  so 
dafs  aus  der  Verleihung  von  Korporationsrechten  nur  auf  die  Anwendbarkeit 
dieser  Formen,  aber  nicht  auf  die  Schöpfung  eines  wirklichen  Rechtssubjekts  ge- 
schlossen werden  kann".  (Laband,  in  der  „Zeitschr.  f.  d.  ges.  Handelsrecht **. 
80.  Bd.,  S.  473;  zu  vergleichen  überhaupt  ebendaselbst  §  1,  sub  1  und  2)  . 

*)  In  der  heutigen  Theorie,  sagt  Laband  (^Ztschr.  f.  d.  ges.  Handelsrecht.- 
Bd.  30,  S.  473 ;  cf.  auch  S.  503)  herrscht  ..fast  allgemeine  ITbereinstiromung  darüber, 
dafs  Aktiengesellschaften  juristische  Personen  sind,  obwohl  bei  ihnen  weder  eine 
Speziulverleihung  der  Pert>önlichkeit  erfolgt,  noch  das  Gesetz  sie  ausdrücklich  al^ 
solche  erklärt".  Sie  haben  deshalb  juristische  Persönliclikeit,  weil  bei  ihnen  (nach 
Art.  207  des  Handelsgesetzbuches) keine  ])ersönliche  Haftung  der  Aktio- 
näre für  die  Verbindlichkeiten  der  Gesellschaft  besteht.  (Cf.  die 
vorhergehende  Anm.) 

330 


—     171     — 

Vertrag ;  ^)  und  es  ist,  wofern  sich  eine  Aktiengesellschaft  dem  Asse- 
kuranzbetriebe zuwendet,  rechtlich  diese  selbst  (in  ihrer  juristischen 
Persönlichkeit),  nicht  die  Gesamtheit  der  Spareinleger,  der  Versicherer, 
welchem  die  herangezogenen  Assekuranzbedürftigen  als  Versicherungs- 
nehmer gesondert  gegenüberstehen.  Freilich  wird  es  sich  empfehlen, 
die  innere  Übereinstimmung,  welche  die  „Lebensversicherung  auf 
Gegenseitigkeit^  und  diejenige  auf  Aktien  in  wirtschaftlicher  Beziehung 
aufweisen,  auch  vom  Standpunkte  des  Rechts  in  Berücksichtigung  zu 
ziehen.*)  Jedenfalls  aber  mufs  sich,  wie  Wagner  (1.  c.)  richtig 
hervorhebt,  ^die  Nationalökonomie  hier,  wie  sonst  vielfach, 
hüteo,  sich  durch  die  juristische  Form  eines  Vertrags  und  Geschäfts 
über  das  wirtschaftliche  Wesen  desselben  täuschen  zu  lassen^^  — 

Der  im  Voraufgegangenen  versuchte  Nachweis,  dafs  der  innere  Auf- 
bau, der  ökonomische  Charakter  der  sogenannten  Lebensversicherung  in 
seinen  Grundzügen  durch  die  Unternehmungsformen  unberührt  bleibe, 
gestattet  offensichtlich  darüber  noch  keinerlei  Vermutungen,  in  welchem 
Grade  nun  diese  Formen  den  äufseren  Bedingungen  des  „Lebens- 
assekuranz-Betriebes" entsprechen.  Es  bewegte  sich  eben  die  bis- 
herigeüntersuchung,  wie  nochmals  betont  sein  mag,  vorwiegend  auf  wir  t- 
schaftstheoretischem  Gebiete;  und  sie  bedarf  im  Folgenden  einer 
Erweiterung  durch  Erwägungen  ö k o nomisch-praktischer  Natur. 
Dies  um  so  mehr,  als  gerade  die  Frage,  welche  der  beiden  be- 
sprochenen,  für  die   Versicherung   allein   in  Betracht   kopimenden 

*)  »Soviel  Bei  schon  hier  beiläufig  erwähnt,  dafs  ein  dcpositum  irreguläre  in 
Frage  kommt.  Demgemäfa  wird  der  Doi)ositar,  die  Aktiengesellschaft,  Eigen- 
tümer der  von  den  Versichemngsnehmern  geleisteten  Prämien-Einzahlungen  und 
des  Reservefonds'.    (Dem bürg,  1.  c,  2.  Bd.  §  93.) 

')  Namentlich  wäre  diese  Übereinstimmung  bei  Entscheidung  der  Frage 
m  beachten .  ob  nicht  für  solche  Aktiengesellschaften ,  welche  Versiehe - 
rungsgeschäfte  betreiben,  eine  Betei  1  igung  der  Versicherungsnehmer 
an  der  Vermögensverwaltung,  eine  Zuziehung  derselben  zur  Generalver- 
sammlung oder  zum  Aufsichtsrate  durch  gesetzliche  Bestimmung  obligatorisch 
gremacht  werden  solle.  (Zulässig  ist  eine  solche  Zuziehung  von  Versicherimgs- 
nehmern  speziell  zum  Aufaiohtsrale  übrigens  schon  nach  dem  gegenwärtigen  Gesetz ; 
cf.  „Handelsgesetzbuch",  Art.  224  bzw.  191,  dazu  Motive,  S.  73).  Vereinzelt 
räumen  auch  bereits  die  Geaellsoliaften  aus  eigner  Entscliliefsung  ihren  Sparein- 
legem  Behignisse  nach  der  genannten  Richtung,  eine  MitkontroUe  über  die  Ver- 
waltung ein.  So  mufs  bei  der  Vatorländischen  Lebens- Versicherungs-Aktien-Ge- 
^ellschaft  in  die  zur  Prüfung  der  jährlichen  ßechnungslegung  zu  berufende  Revi- 
slonskoramission  statutengemäfs  ein  Mitglied  aus  der  Zahl  der  Versicherungs- 
nehmer gewählt  werden;  und  die  Gesellschaft  Janus  gestattet  aufserdem  einem 
Teile  der  letzteren  den  Zutritt  zu  der  mit  der  Jahresabrechnung  sich  beschäfti- 
Ronden  Generalversammlung. 

331 


—     172    — 

XJnternehmuDgsarten  die  zweckmäfsigere  sei,  eine  brennende,  der  seit 
langem  zwischen  den  Freunden  des  Gegenseitigkeits-  und  des  Aktien- 
Prinzips  geführte  Streit  auch  in  der  Oegenwart  noch  nicht  beendet  ist. 

Dafs  zunächst  mit  dem  Assekuranzbetrieb  auf  Aktien  gewisse 
Übelstände  verknüpft  sein  können,  darf  nicht  ohne  weiteres  über- 
sehen werden.  ^)  Ist  doch  gerade  mit  seinem  Aufkommen  in  manchen 
Ländern  die  Basis  speziell  einer  soliden  „Lebensversicherungswirt- 
Schaft^  verlassen  worden.  Wir  erinnern  an  Nordamerika,  dessen 
Yersicherungspraxis  sich  zu  einer  unreellen  gestaltete,  seitdem  sich 
das  Aktienwesen  derselben  bemächtigt  hatte  -).  Es  erscheint  an  und 
für  sich  stets  als  ein  Nachteil  der  Assekuranz- Aktienunternehmung, 
dafs  bei  ihr  die  Yersicherungsbedürftigen  dauernd  auf  die  Beihilfe 
Dritter  angewiesen  sind,  die  doch  unentgeltlich  -nicht  zu  erlangen 
ist.  Diese  Dritten  gehen  dann  nur  zu  leicht  darauf  aus,  den  Lohn 
für  ihre  Mühewaltung  und  die  Rente  für  ihr  eingezahltes  Aktien- 
kapital möglichst  hoch  zu  gestalten,  möglichst  viel  zu  „profitieren". 
Sie  suchen  dies  auf  alle  erdenkliche  Weise  zu  erreichen,  vielleicht 
nicht  immer  mit  den  besten  Mitteln;  sie  veranlassen  ein  weitgehen- 
des Beklamewesen,  entfachen  einen  heftigen  Konkurrenzkampf.  Diese 
Mifslichkeiten  vermeidet  wenigstens  zum  Teil  eine  auf  Gegenseitig- 
keit begründete  Yersicherungs- Anstalt :  Eine  solche  läfst  zwar  allen 
eventuellen  Verlust  ihre  Mitglieder  allein  tragen;  aber  auch  jeder 
erzielte  Gewinn  fliefst  diesen  ausschliefslich  zu,  da  der  Lohn  für  den 
dritten  Unternehmer  in  Wegfall  kommt.  Es  besteht  nicht,  wie  bei 
der  Aktiengesellschaft,  ein  Interessengegensatz  zwischen  dem  juristi- 
schen Versicherer  und  den  Versicherungsnehmern;  vielmehr  ist  nur 
ein  einziges  Interesse  vorhanden,  welches  die  letzteren  in  Beteiligung 
an  der  Verwaltung  selbst  wahrnehmen. 

So  würde  man  es  denn  für  unbestreitbar  halten  können,  dafs  den 
Gegenseitigkeitsinstituten  ein  Vorzug  vor  den  Aktienuntemehmungen 
eingeräumt  werden  müfste.  Und  doch  ist  dem  nicht  so:  Denn  die 
zwischen  beiden  hervorgehobenen  Gegensätze  —  sie  erscheinen  in 
der  Praxis  vielfach  modifiziert,  gemildert,  ja  ausgeglichen. 

Zuvörderst  erweist  sich  bei  näherer  Betrachtung  der  oben  erwähnte 


^)  Cfl  etwa  Martin,  Kritische  Beleuchtung  des  Aktienprincipes  in  der  Lebens- 
versicherung; Motive  zur  Gründung  Ton  Lebensversicherungsgesellschaften  auf 
Gregenseitigkeit  (Berlin,  1876);  Eng  willer,  Die  Reform  der  Versicherungsan- 
stalten auf  den  Todesfall  in  der  Schweiz  (St.  GaUen,  1885)  S.  13  ff. ;  insbe- 
sondre aber  Adolf  Wagner,  1.  c,  S.  975  ff. 

•)  Cf.  Teil  I  dieser  Arbeit,  S.  100. 

332 


—     173    — 

^Aktionär  -  Gewinn^  bei  Yersicherangsunternehmungeii  auf  Aktien 
2ls  ziemlich  gering  und  mufs  auch  infolge  des  Waltens  der  freien 
Konkurrenz  gering  ausfallen.  Ja,  Makowiczka^)  bemerkt,  dafs 
die  Prämie  einer  Yersicherungs -Aktiengesellschaft  trotz  des  Auf- 
schlags, welchen  sie  um  eben  jenes  Gewinns  willen  zu  enthalten 
pflegt*),  sich  doch  eyentuell  im  ganzen  niedriger  stellt,  als  diejenige 
eines  Gegenseitigkeitsvereines;  eben  weil  die  Konkurrenz  die  Aktien- 
gesellschaft zu  gröfster  Sparsamkeit,  Ausnützung  aller  technischen 
Vorteile  etc.  hindrängt.  Im  grofsen  ganzen  entfallen  speziell  bei 
^Lebensversicherungsinstituten  auf  Aktien^  nach  Elster^)  auf  den 
Unternehmergewinn  etwa  3  oder  4  %  der  Jahresprämie,  ein  Betrag, 
welcher  zu  geringfügig  ist,  um  vom  Versicherungsnehmer  überhaupt 
empfunden  zu  werden.  Auch  ist  letzterer  für  solche  relativ  höhere 
Einzahlung  jeglicher  Verpflichtung  zu  Nachschufsleistungen  enthoben. 
Freilich  besteht  nun  die  Nachschufspflicht  auch  bei  grofsen  Gegen- 
seitigkeitsanstalten wiederum  nur  im  Prinzipe.  Denn  bei  starkem 
Versicherungsbestande  und  bedeutenden  Fonds  wird  kaum  ein  Fall 
eintreten,  in  dem  an  die  Mittel  der  Spareinleger  behufs  Deckung 
anfserordentlicher  Ausgaben  zu  appellieren  wäre.  Nur  bei  neube- 
gründeten  Anstalten,  woselbst  die  Association  noch  gering,  eine 
eigene  grofsere  Kapitalsansammlung  noch  nicht  erfolgt  ist,  liegt  die 
Möglichkeit,  dafs  Nachzahlungen  erforderlich  werden,  thatsächlich  vor. 
Dafs  femer  auch  die  Gegenseitigkeitsanstalten  spekulativ  und 
gewerbsmäfsig  verfahren  und  im  Interesse  ihrer  Versicherungsnehmer 
Terfahren  müssen;  dafs  auch  sie  nach  möglichst  hohem  Gewinne 
streben,  zu  profitieren  wünschen,  wenn  auch  nur  auf  dem  Wege  von 
Ersparnis;  dafs  endlich  infolgedessen  auch  sie  sich  der  Reklamen 
bedienen  und  an  dem  Konkurrenzkampf  sich  beteiligen;  dies  alles 
ist  weiter  oben^)  schon  kurz  angedeutet  worden.  Allerdings  wird 
das  Erwerbsbestreben  des  dritten  Unternehmers  ungleich  stärker 
sein,  als  der  Wunsch  nach  Ersparnis  bei  den  Mitgliedern  eines 
Assekuranzinstitutes  auf  Gegenseitigkeit.  Der  Egoismus  des  ersteren 
wird  viel  schärfer  hervortreten,  viel  mächtiger  sich  bethätigen,  als 
derjenige  eines  einzelnen  Spareinlegers  im  Gegenseitigkeitsvereine. 
Die  erfolgreiche  Wirksamkeit  des  Unternehmens  für  das  Wohl  der 
Versicherten  wird  dieser  Umstand  indessen  nicht  ohne  weiteres  zu 


*)  L.  c,  S.  8  ff. 

^  Cf.  S.  167  dieser  Arbeit. 

^  L.  c,  S.  38. 

*)  S.  168. 


333 


—     174    — 

beschränken  vermögen.  Im  GTegenteil;  mit  Recht  hebt  Ifako- 
wiczka^)  hervor:  Eine  Versicherungsanstalt  verliert  „dadurch  nichts 
von  ihrer  Gemeinnützigkeit,  wenn  bei  ihrer  Einrichtung  der  Eigen- 
nutz (sc.  des  Unternehmers)  zu  Hülfe  gerufen  wird ;  ja  der  Beistand 
des  letzteren  kann  ihre  Gemeinnützigkeit  sogar  erhöhen  ^  wofern  es 
durch  ihn  gelingt,  sie  zur  Erfüllung  ihrer  Aufgabe  geschickter  zu 
machen.  .  ." 

Gedenken  wir  drittens  der  grofsen,  oft  noch  jahrelang  ungünstig 
nachwirkenden  Schwierigkeiten,  mit  denen  eine  Gegenseitigkeitsanstalt 
im  Beginne  ihres  Bestehens  zu  kämpfen  hat;  und  stellen  wir  diesen 
die  relativ  einfache  Art  der  Begründung  einer  Aktiengesellschaft 
gegenüber !  Jede  „Lebensversicherungsunternehmung^,  sei  sie  nun  auf 
Aktien  oder  auf  Gegenseitigkeit  basiert,  bedarf,  wie  wir  sahen,  zu- 
nächst eines  Gründungskapitals,  um  die  Kosten  der  ersten  Einrich- 
tung, etwaauch  der  Konzession,  zu  tragen;  aufserdem  erscheint  die  An- 
legung von  Sicherheitsfonds  gerade  für  die  Anfangszeit  sehr  er- 
wünscht. Während  nun  eine  Aktiengesellschaft  sowohl  die  Organi- 
sationskosten aus  dem  zusammengebrachten  Aktienkapital  mühelos 
bestreitet,  als  auch  in  dem  danach  verbleibenden  Reste  dieses  letzteren 
sofort  ein  genügendes  Garantiekapital  besitzt,  ist  die  Beschaffung  der 
entsprechenden  Mittel  für  einen  genossenschaftlichen  Betrieb  nicht 
immer  leicht.  Hier  wird  es  den  ersten  Mitgliedern  obliegen,  das  er- 
forderliche Kapital  irgendwie  aufzubringen;  sei  es,  dafs  sie  dasselbe 
aus  dem  eigenen  Vermögen  zusammensteuem,  was  sich  am  meisten 
empfiehlt ;  sei  es  auch,  dafs  sie  ein  Darlehen  aufnehmen.  Werden  in 
letzterem  Falle,  wie  doch  allgemein  üblich,  Zinsen  verlangt,  so  er- 
schwert sich  die  Amortisation  der  Anleihe  und  vor  allem  die  Bildung 
eigener  Fonds,  welche  doch,  ebenso  wie  die  Tilgung  des  Gründungs- 
kapitals,  aus  erzielten  Überschüssen  zu  erfolgen  hat.  Dieser  Ubel- 
stand  giebt  dann  zu  mancherlei  Bedenken  berechtigten  Anlafs.  Dazu 
kommt,  dafs,  namentlich  bei  Beschränkung  der  Amortisationszeit  auf 
wenige  Jahre,  gerade  die  ersten  Mitglieder  eines  Gegenseitigkeitsvereins 
—  trotzdem  sich  ihnen  eine  geringere  Sicherheit  bietet  und  ihre 
Mühewaltung  die  gröfsere  ist  —  doch  gar  keine  oder  unverhältnis- 
mäfsig  niedrige  Dividenden  erhalten.  Ja  selbst  wenn  man  die  Til- 
gung der  Organisationsauslagen  auf  eine  längere  Reihe  von  Jahren 
verteilt,  werden  doch  immer  noch  die  früheren  Genossenschafter  den 
späteren  gegenüber   zu  hoch  belastet.    Am  rationellsten  dürfte  sein. 

*)  L.  c,  S.  9. 

334 


—     176     — 

einmal  allerdings  die  Amortisation  des  Gründungskapitals  über  einen 
gröfseren  Zeitraum  auszudehnen,  aufserdem  aber  den  Gründern  des 
Verbandes  G-enufsscheine  auf  künftige  Überschüsse  desselben  aus- 
zustellen.^) Immerhin  erscheinen  all'  diese  Verhältnisse  als  sehr 
mirsliche,  gegen' die  Gegenseitigkeitsgesellschaften  sprechende;  und^ 
dies  um  so  mehr,  als  man  thatsächlich  die  Erfahrung  gemacht  hat, 
dafs  eine  weit  gröfsere  Zahl  genossenschafbfich  betriebener ,  als  auf 
Aktien  begründeter  Institute  an  den  „Kinderkrankheiten^'  zu  Grunde 
geht.«) 

Ein  weiterer  und  letzter  Punkt  endlich,  den  man  —  wieder  zu 
Gunsten    des   genossenschaftlichen   Betriebs   —    hervorhebt,   ist  die 
eigene  Leitung  des  Unternehmens  durch  die  Genossenschafter,  die  per- 
sönliche Wahrnehmung  und  Förderung  der  eigenen  Interessen  durch 
dieselben.    Die  Versicherungsnehmer  sind  ja,  wie  wir  sahen,  im  Gegen- 
seitigkeitsverein  zugleich  die  juristischen  Versicherer,  ihnen  selbst  steht 
daher  auch  die  Verwaltung  der  Anstalt  zu;  während  hingegen  bei  der 
Aktiengesellschaft  die  Unternehmer  als  juristische  Versicherer  gelten, 
und  somit  die  Oberleitung  ausschliefslich  für  sich  in  Anspruch  neh- 
men.   Dafs  sie    nun  von  dieser  Machtstellung  aus  ihren  Vorteil  ein- 
seitig verfolgen,  event.  selbst  auf  Kosten  der  Spareinleger,  —  dazu 
ist  wenigstens  die  Versuchung  nahe  gelegt.    Doch  darf  man  einer- 
seits nicht   vergessen,    dafs  die  Interessen  der  Aktionäre  mit  den- 
jenigen der  Versicherungsnehmer  vielfach  Hand  in  Hand  gehen,  dafs 
zwischen  ihnen  in  zahlreichen  Fällen  kein  Widerstreit,  sondern  Ein- 
klang besteht.    Führt  doch  vor  allem  eine  möglichst  solide,  entgegen- 
kommende und  von  Spekulationen  sich  fernhaltende   Geschäftsleitung 
am  ehesten  wieder  dazu,  das  Unternehmen  selbst  zu  heben   und  zu 
fordern.     Und  sollten   wirklich  einmal  Konflikte  eintreten,   so  bleibt 
sehr  zweifelhaft,   ob   die  Bestrebungen  der  Aktionäre  den  Sieg   be- 
halten ;  vielmehr  ist  wahrscheinlicher,  dafs  die  Konkurrenz  der  Gesell- 
schaften eiae  flntscheidung  zu  Gunsten  der  Spareinleger  herbeiführt. 
Andrerseits  tritt  der,  an  sich  ja  unbestreitbare,  in  der  Eigenverwal- 

»)  Cf.  Gallus,  1.  c,  S.  114  ff. 

*)  Wohl  hauptsächlich  aus  diesem  Grunde  hat  man  zuweilen  den  Versuch 
gemacht,  uLebensyersichernngsuntemehmungen^  auf  Aktien  zu  begründen,  die- 
selben aber  später  durch  allmähliche  Rückzahlung  des  Aktienkapitals  in  Gegen- 
seitigkeitsanstalten umzuwandeln.  Man  wollte  damit,  mit  dem  sogenaxmten  „ge- 
mischten Systeme**,  gerade  die  Schwierigkeiten,  welche  in  der  Begründung  ge- 
nossenschaftlich zu  betreibender  Versicherungsanstalten  liegen,  vermeiden,  ohne 
gleichzeitig  auf  die  späteren  Vorteile  derselben  verzichten  zu  müssen«  Doch  hat 
sich  dieses  Verfahren  in  der  Praxis  nicht  bewährt. 

335 


—     176     — 

ttmg  des  Unternehmens  beruhende  Vorzug  der  GegensdtigkeitsTereine 
in  Wirklichkeit  einigermarsen  zurück.  Denn  wenn  auch  die  Leitungs- 
gewalt  aller  Genossenschafter  prinzipiell  anerkannt  sein  mag,  begegnen 
doch  der  thatsächlichen  Durchführung  dieses  Prinzips,  wenigstens  bei 
gröfseren  Anstalten,  die  mannigfachsten,  kaum  zu  fiberwindenden 
Schwierigkeiten.  Man  denke  nur  an  das  zerstreute  Wohnen  der  Yer- 
einsmitglieder  innerhalb  eines  ausgedehnten  Versichemngsgebietes. 
welches  ein  persönliches  Eingreifen,  ein  gemeinsames  Handeln  der- 
selben sehr  erschwert,  ja  unmöglich  macht;  ferner  an  die  Unkenntnis 
sehr  rieler  Beteiligter  über  Wesen  und  Bedeutung  der  sogenannten 
TjebensTersicherung ;  welche  eine  thätige  Anteilnahme  an  der  Ge- 
schäftsführungausschliefst, u.  dergl.  m.^)  Man  kann  daher  Beck e r- 
Lau  rieh')  nicht  ganz  Unrecht  geben,  wenn  er  sagt:  „Wird  bei 
einer  lokalen  genossenschaftlichen  Vereinigung  zu  Versicherungszwedcen 
(z.  B.  einer  Orts-Sterbekasse)  die  Geschäftsführung  und  Geschäfis- 
leitung  als  unbesoldetes  Ehrenamt  aufgefafst,  und  hilft  ein  jeder  Ge- 
sellschafter zum  Gedeihen  des  Ganzen  durch  seine  Umsicht  mit  bei- 
tragen, so  sind  die  Beamten  und  Leiter  einer  weitverzweigten  Gegen- 
seitigkeits-Anstalt kaum  anders  zu  bestellen  als  wie  diejenigen  einer 
Aktiengesellschaft.  Im  letzteren  Falle  werden  die  Verwaltungskosten 
immerhin  eine  nicht  unbedeutende  Steigerung  der  Versicherungs- 
beiträge veranlassen,  und  auch  zugleich  den  Hauptzweck  aller  ge- 
nossenschaftlichen Association :  das  stete  und  rege  Mitwirken  des  Ein- 
zelnen im  Literesse  aller  Genossenschafter  und  der  Unternehmung 
selbst  wird  fast  gänzlich  in  Wegfall  kommen".  — 

Die  Gegner  des  „Lebensversicherungs-"  und  überhaupt  des  Ver- 
sicherungsbetriebes auf  Aktien  haben  nun  aber  aufser  durch  !Er- 
wägungen  allgemeinerer  Art  auch  durch  Vergleichung  von  faktischen 
Geschäftsergebnissen  eine  Entscheidung  des  besprochenen  Streites 
zu   Gunsten    der    Gegenseitigkeitsvereine    herbeizuführen    versucht. 


*)  Aus  diesen  Gründen  ist  beispielsweise  \m  der  LebensTenicherungBbank 
für  Deutschland  zu  Gotha  die  Befugnis  zur  Bankleitung  ▼prfassungsmäfsig  auf 
einen  en^^en  Kreis  von  Bankteilhabern  beschränkt.  (Cf.  die  Yer&ssung  der 
Bank,  Auflaf^e  vom  Februar  1894.  §§  17  ff.)  Immerhin  erscheint  auch  eine  derairt 
an  gewisse  Grenzen  gebundene  eigene  Interessenvertretung  der  Spareinleger  von 
Vorteil,  ist  jedenfalls  einer  grundsätzlichen  Femhaltung  derselben  von  der  6«> 
schäftaführung  vorzuziehen.  Und  es  bleibt  daher,  wie  schon  früher  (S.  171,  Asm.  1) 
hervorgehoben,  zu  wünschen,  dafs  auch  bei  Versicherungs-Aktiengesellachaften 
eine  Beteiligung  der  Versicherungsnehmer  an  der  Vermögensverwaltung  zur  Ein- 
führung gelangt. 

«)  L.  c,  S.  33  f. 

336 


—     177 


Sie  wollten  ^  gestützt  auf  aktenmäfsiges  Material ,  neben  dem  be- 
zweifelten prinzipiellen  einen  thatsächlichen  Vorzug  der  letzteren 
Tor  den  Aktiengesellschaften  auf  dem  Assekuranzgebiete  nachweisen; 
wollten  gewissermafsen  Zahlen  für  die  genossenschaftliche  Asse- 
kuranz sprechen  lassen.  So  erschien  1879  in  den  Monatsblättem, 
die  von  der  (gegenseitigen)  Lebeusyersicherungs- Gesellschaft  zu 
Leipzig  herausgegeben  werden  ^);  eine  Zusammenstellung  darüber, 
wie  sich  während  der  Jahre  1875  bis  1878  der  Reinzuwachs  an 
Todesüedl -Versicherungssummen  auf  drei  Gesellschaftsgruppen  ver- 
teilte; nämlich  einmal  auf  die  vier  grofsen  deutschen  Gegenseitigkeits- 
institttte  (Gotha,  Leipzig,  Stuttgart,  Karlsruhe),  sodann  auf  die  übrigen 
Gegenseitigkeitsanstalten  und  endlich  auf  die  sämtlichen  Aktienunter- 
nehmungen.  Die  betreffende  Tabelle  enthielt  und  veröffentlichte 
über  den  genannten  Funkt  folgende  Daten : 

Es  entfieleii  von  dem  erwähnten  reinen  Zuwachs 


In 

auf  die  4  grofsen 

auf  die  flbrigen 

auf  die  sämtlichen 

den 

Gegenseitigkeits- 

Gegenseitigkeits- 

Aktien- 

Jahren 

gesellschaften. 

gesellschaflen. 

gesellschaften. 

1875 

33.6  •/. 

*o,6«/. 

4S.80/, 

1876 

41.7  •/, 

»S,S  % 

4*.8% 

1877 

52^% 

17.3  »/o 

30.3  •/» 

1878 

60.S  % 

9.0  % 

30,5% 

Aus  dieser  Übersicht  sollte  nun  hervorgehen,  dafs  das  deutsche 
Publikum  —  zum  Nachteil  der  Assekuranz- Aktienunternehmungen  — 
dem  Yersicherungsbetriebe  auf  Gegenseitigkeit  von  Jahr  zu  Jahr 
steigende  Sympathien  entgegengebracht  hätte.  Demgegenüber  ist 
aber  schon  von  Elster^  darauf  hingewiesen  worden,  dafs  die  zu- 
nehmende Inanspruchnahme  der  vier  grofsen  Gegenseitigkeitsvereine 
keineswegs  auf  einer  Vorliebe  der  Versicherung-Suchenden  für  das 
System  der  Gegenseitigkeit  beruhe,  für  welches  letztere  doch  in  den 
meisten  Fällen  kein  volles  Verständnis  besäfsen ;  dafs  vielmehr  diese 
Inanspruchnahme  einzig  und  allein  auf  den  altbewährten  und  weit- 
verbreiteten Ruf  jener  schon  seit  langem  bestehenden,  fest  begrün- 
deten Gesellschaften  zurückzuführen  sei. 

Es   hat  dann  ferner  Emminghaus  wenigstens  in  den  letzten 


*)  „Monatsblätter".     Mitteilungen   der   Lebensversicherungs-Gesellschaft    zu 
Leipzig  an  ihre  Herrn  Vertreter.    1879  (August  Nr.  9)  S.  34. 
»)  L.  c,  S.  39  f. 

StutswittentchAftl.  Studien.    V.  037  ^^ 

23 


—    178     — 

Beiner  alljährlich  erscheinenden  Aufsätze  über  „Zustand  und  Fort- 
schritte der  deutschen  Lebens  •  Yersicherungs  •  Anstalten^' ^)  regel- 
mälsig,  und  so  noch  wieder  in  dem  Berichte  für  1893,  zweier  That- 
saohen  Erwähnung  gethan,  deren  spezielle  Henrorhebung  und  ur- 
sächliche Begründung  offenbar  die  Absicht  erkennen  lassen,  der 
Assekuranz  auf  Gegenseitigkeit  in  bestimmtem  Sinne  das  Wort  zu 
reden.  Erstens  nämlich  macht  Emminghaus  darauf  aufmerksam, 
dafs  der  sogenannte  Abgang  bei  Lebzeiten,  eine  für  das  ge- 
samte „Lebensversicherungswesen*'  sehr  unerfreuliche  Erscheinung, 
sich  bei  den  vier  gröfsten  Qegenseitigkeitsanstalten  immer  besonders 
niedrig,  und  namentlich  niedriger  stelle,  als  bei  den  sieben  gröfsten 
Aktiengesellschaften  (Germania,  Victoria,  Concordia,  Lübeck,  Berlini- 
sche, Teutonia,  Magdeburg).  Sodann  wird  ziffermäfsig  dargelegt, 
dafs  unter  denselben  elf  bedeutendsten  „Lebensversicherungsinstituten" 
Deutschlands  der  Yerwaltungsaufwand  bei  Gotha,  Stuttgart,  Karls- 
ruhe und  Leipzig,  also  wieder  bei  den  auf  Gegenseitigkeit  beruhenden 
Anstalten,  yerhältnismäfsig  am  kleinsten  auszufallen  pflege.  ^ 

Was  nun  zunächst  den  Abgang  bei  Lebzeiten  betrifft,  so  ist 
derselbe,  wie  bereits  angedeutet,  ein  Übel,  an  dessen  Abstellung 
nicht  eifrig  genug  gearbeitet  werden  kann.  Nicht  nur  wird  durch 
denselben  die  Betriebsgrundlage  der  einzelnen  Listitute,  die  Associ- 
ation, beschränkt;  nicht  nur  dementsprechend  die  Aussicht  auf  ein 
Zutreffen  der  angestellten  Berechnungen  verringert;  es  kommt  viel- 
mehr in  den  ganzen  Betrieb  eine  Unbeständigkeit,  ein  Fluktuieren, 
welches  zumal  bei  einer  „Lebensassekuranzanstalt",  für  die  doch  der 
Beitritt  auf  Lebenszeit  Regel  ist,  zu  ungesunden  Zuständen  führen 
mufs.  und  noch  mehr:  Es  wird  durch  ein  vielfaches  vorzeitiges 
Aufgeben  der  Versicherung,  durch  eine  umfassende  „Stornierung^ 
sehr  leicht  der  Schein  erweckt,  als  ob  die  Schuld  an  demselben  der 
Assekuranzgesellschafl  zur  Last  fiele,  als  ob /diese  den  in  sie  ge- 
setzten Erwartungen  nicht  zu  genügen  vermöchte ;  und  da  schliefslich 
dergleichen  Abgänge  mehr  oder  minder  zahlreich  allenthalben  vor- 
zukommen pflegen,  gerät  durch  sie  unschwer  das  „Lebensversicherungs- 
wesen^  überhaupt  in  Mifskredit '). 


>)  Cf.  Teil  I  dieser  Abhamllung.  S.  93. 

«)  Bericht  für  1893,  S.  34  f.  u.  S.  58. 

')  Bei  allen  deutschen  ^Lebensversicherung^sresellschaften**  zusammenge- 
nommen betrug  nach  den  citierten  Emminghaus' sehen  Berichten  der  ^rAbgang 
bei  Lebzeiten**  in  Prozenten  des  jeweiligen  Versicherungsbestandes  in  Geld  aus- 
gedrückt : 

338 


—     179    — 


Dürfte  man  daher  annehmen,  dafs  gerade  der  Betrieb  in  Form 
der  Aktiengesellschaft  an  und  für  sich  vornehmlich  geeignet  sei,  dem 
Abgang  bei  Lebzeiten  einen  stärkeren  Vorschub  zu  leisten,  so  wäre 
damit  i.  d.  Th.  die  praktische  Inferiorität  des  Aktiensystems  auf  dem 
Yersicherungsgebiete  aufser  Zweifel  gestellt.  Indessen  eine  solche 
Annahme  ermangelt  eben  u.  £.  noch  immer  der  strikten  Begründung. 
Zwar  wird  zuzugeben  sein,  dafs  die  Momente,  welche  Emminghaus 
besonders  betont:  „Die  Art  der  Werbung  zur  Versicherung, 
das  oft  sehr  zweifelhafte  Personal,  welches  man  zur 
Werbung  benutzt,  die  enorm  hohe  Vergütung,  welche 
man  diesem  Personale  gewährt,  die  daraus  entstehende 
Unsitte  der  Abgabe  von  Erwerbsprovision  an  zur  Ver- 
sicherung geprefste  Personen,  der  übliche  Konkurrenz- 
kampf mit  den  unsaubersten  Mitteln,  endlich  hie  und 
da  getäuschte  Erwartungen  und  berechtigte  Zweifel 
in  die  Sicherheit  der  seiner  Zeit  gewählten  Anstalt^  — , 
in  sehr  vielen  Fällen  zu  einer  vorfrühen  Aufgabe  von  Versicherungen 
mitwirken  mögen.  Aber  einmal  ist  damit  die  Reihe  der  Storno- 
Ursachen  schwerlich  erschöpft.  Qrofsen  Einflufs  auf  die  Beständig- 
keit oder  Unbeständigkeit  einer  Association  haben  auch  allgemeine 
wirtschaftliche  Verhältnisse,  deren  Emminghaus  nur  mehr  neben- 
hin gedenkt;  femer  die  Vorliebs  des  Publikums  für  Dividendenbezug, 
infolge  deren  Versicherungen  mit  Gewinnbeteiligung  weniger  oft 
fallen  gelassen  werden,   als  solche  ohne  Dividendenberechtigung ^). 


1890 


2,15 


0/ 


Ol 


1891 
9970/ 

^j^«  /o 


1892 
»2,40"' 


0 


1893 
2,26  % 


1883  I  1884  I  1885  1886  1887  1888  1889 

3.31  «/ol2,91  %%12  %2,55  %2,44  %2.24  %2,24  X\ 

Derselbe  ist  sonach  von  1883  an  beständig  gesunken  und  zeigt  erst  in  den  letzt- 
verflossenen drei  Jahren  wieder  eine  geringe  Steigerung.  Zu  einem  Teile  hängt  diese 
damit  zusammen,  dafs  in  die  Berichte  für  1891,  1892  und  1893  fünf  Anstalten  mit 
ihrerseits  bedeutendem  Storno  neu  aufgenommen  wurden. 

Absolut  bclief  sich  die  Zahl  der  1893  infolge  von  Policenrückkauf,  Reduktion 
•1er  Versicherungssumme,  Nichtzahlung  der  Prämie  und  Nichteinlösung  der 
Police  ausgeschiedenen  Personen  auf  25639,  der  Betrag  an  entsprechenden  ver- 
sicherten Summen  auf  101694748  Mark. 

*)  So  ist  nach  Elster' s  Angaben  (1.  c,  S.  41  ff.)  durch  die  Einführung  einer 
Cvewinnbeteiligung  auch  bei  den  deutschen  Aktiengesellschaften  dem  Abgang  bei 
Lebzeiten  „vielfach  gesteuert  worden".  Und  doch  war  diese  Dividendengewähr 
ihrerzeit  überwiegend  nur  eine  scheinbare,  ein  blofses  Konkurrenzmanöver,  indem 
lediglich  diejenigen  Versicherungsnehmer  derselben  teilhaftig  wurden,  welche  eine 
erhöhtePrämie  entrichteten ;  ihnen  gab  man  gewissermafsen  als  Dividende  zurück, 
was  man  zuvor  in  Gestalt  eines    ohne  rationellen  Grund  gesteigerten  Jahresbei- 

12* 


339 


23* 


—     180    — 

Namentlich  jedoch  ist  daran  zu  erinnern,  dafs  diejenigen  Übektände, 
welche  Eraminghaus  als  Hauptursachen  des  Abgangs  bei  Ijeb- 
Zeiten  nennt,  weder  auf  spezifischen  Eigentümlichkeiten  des  Yer- 
sichemngsbetriebes  auf  Aktien  bemhen  —  anch  die  Oegenseitigkeits- 
anstalten  yermögen  ja  der  Agenten  und  Reklamen  nicht  zu  entbehren 
—  noch  auch  derart  umnmgänglich  sind,  dafs  sich  nicht  überall, 
ohne  Bücksicht  auf  die  Untemehmungsform ,  eine  rationelle  Be- 
schränkung derselben  durchfuhren  liefse. 

Wenn  sich  nun  aber  thatsächlich  speziell  bei  den  vier  gröfsten 
deutschen  „Lebensyersicherungsgesellschaften  auf  Gegenseitigkeit*' 
der  Abgang  bei  Lebzeiten  niedriger  erweist,  als  bei  den  sieben  be- 
deutendsten Aktienuntemehmungen,  so  erklärt  sich  diese  Erscheinung 
nahezu  ausschliefslich  aus  einem  Umstände,  der  mit  den  Betriebs- 
formen überhaupt  nicht  zusammenhängt.  Jene  durch  Alter  oder 
Umfang  allgemeiner  bekannten  Gegenseitigkeitsinstitute  ziehen  näm- 
lich infolge  ihres  bewährten  Rufes  vielfach  gerade  die  Yersicherungs- 
Bedürftigen  aus  den  wohlhabendsten  und  gebildetsten  Ejreisen  an 
sich  heran.  Den  übrigen  Anstalten  bleibt  dann  nichts  übrig,  als 
zu  den  niedrigeren  Bevölkerungsschichten  hinabzusteigen  und  unter 
diesen  für  die  Versicherung  zu  werben.  Volkswirtschaftlich  be- 
trachtet ist  hierin  sogar  ein  Vorteil  zu  erblicken.  Dafs  aber  andrer- 
seits auch  die  Gefahr  vorzeitiger  Versicherungsaufgabe  unter  den 
minder  einsichtigen  und  ökonomisch  schwächeren  Volkselementen 
eine  gröfsere  ist,  liegt  auf  der  Hand. 

Ganz  Ahnliches  gilt  endlich  in  Bezug  auf  das  zweite  Faktum, 
durch  dessen  Betonung  sich  Emmingh aus  gegen  den  Aktienbetrieb 
wendet,  in  Bezug  auf  den  höheren  Verwaltungsaufwand  der  Aktien- 
gesellschaften. Hier  ist,  von  anderm  abgesehen,  darauf  aufmerksam 
zu  machen,  dafs  bei  alten,  ausgedehnten  Instituten  mit  einem  Ver- 
sicheruDgsbestande  von  vorzüglichster  Qualität  —  mit  solchen  haben 
wir  es,  wie  gesagt,  bei  jenen  vier  Gegenseitigkeitsanstalten  zu  thun ')  — 


trai^^es  zu  viel  erhol)en  hatte.  Dafs  aber  auch  eine  Aktiengesellschaft  eine  wahre 
GewinnlH'teilijjunff  ihrer  Spareinlejjor  durchziifiihron  vermöge,  beweist  das  Vor- 
grehen  der  Teutonia,  welthe  bereits  1879  —  unter  Beibehaltung  der  früheren  PrU- 
micntarifc  —  erklärte,  in  Zukunft  auf  die  Hälfte  des  nach  Abzug  von  5%  des  Aktien- 
ka))itals  verbleibenden  Gewinnes  zu  Gunsten  gewisser  Klassen  von  Kapitalversiche- 
ruii^snelimeru  verzichten  zu  wt)llen. 

*)  Dieselben  haben  in  Sununa  einen  greif sem  Versicherungsbestand  (c.  1700 
llillionen  Mark),  als  die  weiter  oben  erwähnten  sieben  Aktiengesellschaften  zu- 
saiinneu^enommen  (mit  c.  1386  Millionen  Mark). 

340 


—     181     — 

die  Yerwaltungskosten  immer  relativ  niedriger  sein  müssen^);  als 
bei  jüngeren  und  weniger  umfangreichen  Gesellschaften,  welche  zu» 
dem  dnrch  den  Kampf  ums  Dasein  zu  einer  intensiveren  Yerwaltungs- 
thätigkeitangespomt  werden;  und  zwar  gleichviel  ob  dieselben 
nun  auf  Aktien  oder  auf  Gegenseitigkeit  begründet 
sind.  Man  ersieht  dies  leicht,  wofern  man  sich  vergegenwärtigt, 
dafs  (nach  Emminghaus)^  die  jüngsten  deutschen  Gegenseitig- 
keitsinstitute mit  Ausnahme  des  preufsischen  Beamten-Yereins  und 
der  Lebensversicherungsanstalt  für  die  Armee  and  Marine  in  ihren 
Bilanzen  durchweg  einen  um  vieles  höheren  Yerwaltungsaufwand  vor- 
weisen, als  selbst  diejenige  unter  den  aufgezählten  sieben  Aktien- 
unternehmungen ,  deren  entsprechender  Ausgabeposten  der  gröfste 
ist,  die  Yictoria.  Während  sich  nämlich  bei  dieser  die  Yer- 
waltungskosten auf  20,36%  der  Jahreseinnahme  (gegenüber  nur 
5,03 7o  ^ei  Gotha)  belaufen,  nehmen  dieselben  bei  den  erwähnten 
jangeren  Gegenseitigkeitsvereinen  eine  Höhe  von  29,75^),  47,49^) 
47,87  *),  ja  125,98  %  «)  an.  — 

Nach  all'  dem  wird  nun  die  ganze.  Frage,  welchem  Systeme  der 
gröfsere  Wert  für  den  „Lebensversicherungs-Betrieb''  beizumessen  sei, 
demjenigen  der  Gegenseitigkeit  oder  der  Aktiengesellschaft,  zu  einer 
im  allgemeinen  überhaupt  unlösbaren.  Wir  sahen,  jede  der  beiden 
Betriebsformen  hat  ihre  Licht-,  jede  derselben  andrerseits  ihre  Schatten- 
seiten, so  zwar  dafs  diese  sich  wechselseitig  annähernd  ausgleichen. 
In  der  Praxis  hat  sowohl  die  eine  wie  die  andre  üntemehmungsart 
weite  Yerbreitung  gefunden  und  sich  in  ihrer  wirtschaftlich  wie 
socialpolitisch  segensreichen  Thätigkeit,  wenigstens  in  Deutschland, 
bewährt.  „Beide  Systeme  haben  daher,''  bemerkt  Elster,^  „ihre 
gleich  volle  Berechtigung  und  können  neben  einander  arbeitend  sich 
selbst  und  dem  Publikum  nutzbringend  dienen,  wenn  sie  in  weiser 
Konkurrenz  ihre  speciellen  Yorzüge  zur  Geltung  bringend  unbeirrt 
das  gesteckte  Ziel  verfolgen."  Und  wesentlich  denselben  Stand- 
punkt nimmt  G  a  1 1  u  s  ^)  ein,  wenn  er  ausführt :  „Das  Yerteilungs- 


*)  Cf.  S.  161,  Anmerkung  1. 

>)  Bericht  für  fiir  1893  (erschienen  Jens,  1894),  Tabelle  B. 

«)  So  bei  Vesta  (begründet  1873). 

*)  So  bei  Prometheus  (begründet  1872). 

*)  So  bei  Deutschland  (begründet  1889). 

•)  So  bei  Wilhehna  (Berlin),  (begründet  1892). 

')  L.  c,  S.  39. 

•)  L.  c,  S.  124. 

341 


—    182    — 

und  Yersicherungswesen  sind  zwei  gleich  berechtigte  Faktoren  zur 
Entwicklung  der  Yolkswohlfahrt,  wovon  das  eine  nicht  auf  Kosten 
des  andern  besonders  bevorzugt  oder  unterdrückt  werden  darf.  £ine 
anständige  Konkurrenz  dieser  beiden  Systeme,  nicht  aber  ein  gegen- 
seitiges verketzern  und  beschimpfen,  kann  nur  im  Interesse  des  all- 
gemeinen Wohles  liegen.' '  Man  darf  sich  in  Anbetracht  der  vorauf- 
gegangenen Erwägungen  solcher  Ansicht  in  jeder  Beziehung  an- 
schliefsen. 


Wir  verlassen  damit  den  Gegenstand  unsrer  letzten  Besprechun- 
gen und  wenden  uns  zur  Beantwortung  der  weiteren,  oben  ange- 
worfenen Frage :  Welchen  Anforderungen  ein  „Lebensversicherungs- 
Personalbestand^'  hinsichtlich  seiner  Zusammensetzung  zu  entsprechen 
habe,  welche  Gesichtspunkte  mit  Bezug  auf  diese  bei  seiner  Bildung 
im  Auge  zu  behalten  seien. 

Vergegenwärtigen  wir  uns  noch  einmal  die  mathematisch-tech- 
nischen Grundlagen,  auf  denen  der  „Lebensversicherungs-Betrieb'' 
beruht,  erinnern  wir  uns,  wie  hier  durch  gleiche  (oder  proportionale) 
Beiträge  der  einzelnen  ein  Kapital  gebildet  wird,  welches  gerade 
ausreicht,  jedem  der  allmählich  Ablebenden  eine  bestimmte  Ver- 
sicherungssumme zu  garantieren,  so  werden  wir  finden,  dafs  dieser 
ganze  Frozefs  einen  gewissen  Ausgleich  zwischen  den  Leistungen 
sehr  früh  und  sehr  spät  versterbender  Spareinleger  mit  in  sich  be- 
greift. Zu  dem  gemeinsamen  Sparfonds,  der  allen  Beteiligten  die 
nämliche  Summe  gewährleistet,  steuern  diese  in  sehr  verschiedenem 
Mafse  bei.  Die  einen  verscheiden  frühzeitig  und  entrichten  daher 
nur  eine  oder  zwei  Jahresprämien;  andre  erreichen  ein  spätes 
Alter  und  zahlen  demgemäfift  eine  grofse  Menge  jährlicher  Bei- 
träge. Während  jene  im  Verhältnis  zum  Sparresultat  zu  wenig 
leisten ,    erbringen    diese    oft   erheblich    zu   viel.  ^)    So  werden  in- 


*)  Man  darf  jedoch  —  wie  gleich  hier  betont  werde  —  nicht  behaupten, 
dafs  nun  für  jene  ein  „Zuviel**  an  Prämien  zahlenden  Versicherungsnehmer  die 
„Lebensversicherung**  an  Bedeutung  wesentlich  verliere.  Auch  sie  erhielten  von 
Anfang  an  die  Garantie,  dafs  ihr  Sparziel  erreicht  werden  würde ;  eine  Garantie, 
welche  ebenso  für  ihre  wirtschaftliche  Thätigkeit,  wie  für  das  Behagen  des  Lebens 
von  günstigstem  Einüufs  sein  mufste.  Namentlich  erscheint  im  Hinblick  eben  auf 
diese  von  der  „Lebensassekuranz"  gebotene  unbedingte  .,Sicherheit'S  im  Hinblick 
auch  auf  den  von  ihr  ausgeübten  Spar-Zwang  (cf.  Einleitung,  S.  12,  Anm.  1)  die 
Erwägung  unberechtigt,  dafs  solche  langlebende  Spareinleger  ihren  Zweck  besser 
mittels  einfachen  Sparens  auf  eigene  Kechnung  verfolgt  hätten. 

342 


—    188    — 

direkt  die  Sterbfallsummen  Torfrüh  mit  Tod  abgehender  Yersiche-» 
rungsnehmer  durch  Einzahlungen  andrer  mit  bestritten,  welche  ent- 
sprechend länger  am  Leben  bleiben,  zu  entsprechend  höheren  Alters- 
stufen gelangen. 

Gäbe  es  nun  innerhalb  eines  Versicherungsbestandes  Personen 
der  letzteren  Art  überhaupt  nicht,  stürben  sämtliche  Spareinleger 
unterhalb  der  Grenze  durchschnittlicher  Lebensdauer,  welche  die  zu 
Grunde  gelegte  Sterblichkeitstabelle  angiebt,  so  würde  sich  jener 
Ausgleich  der  Leistungen  nicht  zu  vollziehen  vermögen,  der  Spar^ 
fonds  bliebe  dauernd  zu  klein.  Darum  mufs  der  Versicherer,  soll 
sich  sein  Unternehmen  existenzfähig  erweisen,  solchen  Unzuträglich- 
keiten  von  Anfang  an  vorbeugen.  Er  mufs  es  vermeiden,  die 
Association  der  Spareinleger  in  der  Art  zu  bilden, 
dafs  innerhalb  derselben  ein  im  Vergleich  zu  den  Daten 
der  Mortalitätstafel  vorschnelles  Absterben  statt- 
findet. Er  hat  zu  verhüten,  dafs  überwiegend  Per- 
sonen in  den  Versicherungsbestand  Aufnahme  finden, 
deren  schlechte  gesundheitliche  Beschaffenheit  ein 
(relativ)  vor  zeitiges  Ende  der  selb  euer  warten  läfst.  Frei- 
lich stehen  der  allzuweiten  Ausdehnung  des  Begriffs  der  „ungesunden 
Leben,^'  der  rücksichtslosen  Verwertung  des  Grundsatzes  dqr  „Aus- 
lese'* unter  den  Versicherungs-Bedürftigen  ebensowohl  wirtschaftliche, 
wie  namentlich  humanitäre  Bücksichten  entgegen.  In  welcher  Weise 
hier  aber  vorzugehen  sei,  mit  welchen  Mitteln  man  eine  Erweiterung 
der  heutigen  Grenzen  der  „  Versicherungs-Fähigkeit^  anzustreben  habe, 
ist  eine  schwer  zu  entscheidende,  im  Rahmen  dieses  allgemeinen  Teils 
nicht  zu  erörternde  Frage.  Ihre  eingehende  Behandlung  bleibe  für 
eine  spätere  Stelle  vorbehalten;  hier  wird  es  ausreichen,  das  Er- 
fordernis eines  gewissen  gleichmäfsigen  Gesundheitszustandes 
der  Mitglieder  einer  Spargesellschaft  nur  eben  hervorgehoben  zu 
haben. 

Ein  zweites  für  die  Associationsbildung  wichtiges  Moment,  das 
übrigens  mit  dem  ersterwähnten  auf  engste  zusammenhängt,  betrifft 
den  Betrag  der  versicherten  Summen,  Wie  nämlich  die  Versiche- 
rung nehmenden  Personen  in  gesundheitlicher  Beziehung  eine  ge- 
wisse Gleichförmigkeit  zeigen  müssen,  so  ist  es  aus  denselben  Grün- 
den unerläfslich,  dafs  sie  auch  —  wenigstens  annähernd  —  in  ihren 
Wünschen  hinsichtlich  des  Sparziels  übereinstimmen. 
Zeigt  doch  eine  einfache  Betrachtung,  dafs  jener  besprochene  Aus- 
gleich, der  innerhalb  des  „Lebensversicherungs-Betriebes''  mit  Not- 
ars 


—    184    — 

wendigkeit  eintreten  rnnfs,  nicht  nur  nicht  zustande  kommt,  wenn 
eine  zu  grofse  Zahl  Ton  Spareinlegern  Torschnell  veretirbt,  sondern 
offenbar  auch  dann  unmöglich  wird,  wenn  einige  dieser  letzteren  ein 
unyerhältnismäfsig  hohes  Kapital  zu  erhalten  wünschen,  dann  aber, 
nachdem  sie  nur  wenige  (wenngleich  entsprechend  gröfsere)  Beiträge 
geleistet  haben,  einem  frühen  Tode  anheimfallen.  Der  Assekuradenr, 
in  dessen  eigenem  Interesse  es  liegt,  sein  Geschäft  zu  einem  thnn* 
liehst  gefahrlosen  zu  gestalten,  vermag  diesem  Umstände  zweck- 
mäfsig  Rechnung  zu  tragen:  einmal,  indem  er  zur  Deckung  un* 
gewöhnlicher  Verluste  Sicherheitsresenren  anlegt,  namentlich  aber 
dadurch;  dafs  er  auf  Grund  rationeller  Erwägungen  gewisse  Mini- 
mal-und  Maximalgrenzen  für  die  zu  gewährenden  Sterb- 
fallsummen statuiert.  >) 

Hierbei  empfiehlt  es  sich  vom  wirtschaftlichen  und  socialpoliti- 
schen  Standpunkte,  die  Minimalgrenze  nicht  zu  hoch  hinauf  zu  rücken, 
da  man  andernfalls  die  weniger  bemittelten  Schieb  ten  der  Beyolke- 
rung  von  den  Wohlthaten  der  „Lebensversicherung''  ausschlösse.  *) 
Weit  mehr  erscheint  am  Platze,  die  obere  Grenze  für  das  Versiehe* 
rungskapital  tiefer  zu  legen.  Denn  dafs  nun  etwa  dadurch  die  wohl- 
habenderen Kreise  ähnlich  in  der  Benutzung  der  Assekuranz  be** 
schränkt  würden,  wie  die  niederen  durch  einen  zu  hoch  gegriffenen 
Minimalsatz  der  Versicherungssumme,  ist  keinesfalls  zu  befürchten. 
Mittel  und  Wege  stehen  zu  Gebote,  die  Lästigkeit  solcher  Begrenzung 


»)  Cf.  GalluB,  1.  c,  S.  69. 

*)  So  weit  allerdings  wird  der  Miuimalbetrag  der  Versicheningsstiiiime 
niemals  herabgesetzt  werden  können,  dafs  auch  den  allerantersten  Volksklassen 
der  Beitritt  zu  den  bestehenden  allf^emeinen  f^Lebensversicherungs-Institnten** 
ermöglicht  würde.  Das  Proletariat  durch  private  Unternehmungen  zur  Aaseku- 
ranz  heranzuziehen,  dürfte  überhaupt  vielfach  mit  nahezu  unüberwindlichen 
Schwierigkeiten  verbunden  sein.  Zwar  hat  in  England,  wie  schon  früher  (Teil  I, 
S.  79)  erwähnt,  die  Arbeiterversicherung  eine  hohe  Blüte  erlangt,  grofsenteils 
mit  durch  das  Vorgehen  der  Prudential;  auch  sind  dem  englischen  Beispiele 
auf  dem  Kontinent  einzelne  Anstalten  gefolgt,  so  in  Österreich  Patria,  in 
Deutschland  Friedrich  Wilhelm  und  Victoria.  Doch  blieb  in  den  letztge- 
nannten Ländern  der  Erfolg  solcher  Bemühungen  relativ  gering,  teils  wegen  der 
nicht  allenthalben  günstigen  Lohnverhältnisse ,  teils  wohl  auch  wegen  Mangels  aa 
Verständnis  bei  der  Arbeiterschaft.  Das  einzige  —  neuerdings  auch  teilweise  zur 
Verwendung  gelangte  —  Mittel,  den  unteren  Ständen  die  Vorteile  der  Assekurans 
zugänglich  zu  machen,  besteht  hier  vorerst  noch  in  der  Einführung  einer  (event. 
mit  öffentlicher  Beihilfe  unterhaltenen)  Arbeiter-Zwangs-Versicherung  durch  den 
Staat. 

644 


—     185     — 

nach  oben  hin  zu  paralysieren.  Wir  erinnern  zunächst  an  die 
Doppelyersicherung,  deren  Wesen  darin  beruht,  dafs  der 
Versicherung  -  Suchende,  der  aufsergewöhnlich  hohe  Beträge  bereit 
zu  stellen  wünscht,  zwei  verschiedenen  Gesellschaften  beitritt,  sein 
Sparbedürfnis  teilweise  bei  dieser,  teilweise  bei  jener  befriedigt; 
namentlich  aber  an  die  sogenannte  Rückversicherung.  Hier 
übernimmt  der  Versicherer,  bei  welchem  allzu  bedeutende  Summen 
assekuriert  werden  sollen,  seinerseits  jene  Verteilung  des  Obligo, 
welche  bei  der  Doppel  Versicherung  der  Spareinleger  durchzuführen 
genötigt  war.  Er  überträgt  selbst  als  Bückversicherungsnehmer 
„denjenigen  Teil  seiner  Verpflichtung  .  .^  welchen  er  nach  ratio- 
nellen Assekuranzprinzipien  nicht  behalten  darf,  die  Quote  also, 
um  welche  er  sich  in  dem  Hauptversicherungsvertrage  zu  hoch  be- 
lastet hat,"  ^)  einem  andern  Assekuradeur.  Dem  ersten  Versiche- 
rungsnehmer werden  auf  diese  Art  Zeit  und  Mühe  erspart,  ohne 
dafs  darum  die  mit  seiner  Assekuranz  verbundenen  Unkosten  eine 
irgendwie  nennenswerte  Steigerung  erführen. 

An   dritter  Stelle   findet   sodann  jenes  erwähnte   „Prinzip  der 


^)  Ehrenberg,  Die  Rückversicherung  (Hamburg  und  Leipzig  1885)  S.  11. 

Wirtschafllich  betrachtet  zeigt  die  Rückversicherung  regelmäfsig  den  Cha* 
rakter  der  zu  Grunde  liegenden  Hauptversicherung,  die  Lebens-Reassekuranz  z. 
£.  das  allgemeine  Gepräge  aller  und  jeder  ^^Lebensversicherung".  Dieselbe  ist  keine 
eigentümliche  Y ersicherungsart,  namentlich  keine  Unterart  der  Schadensassekuranzen. 
Wäre  letzteres  der  Fall,  so  dürfte  ja  bei  der  Lebens-Rückveraicherung  der  Rück- 
versicherer nur  dann  zu  einer  Leistung  herangezogen  werden,  wofern  den  Rück- 
versicherten (Hauptassekuradeur)  ein  befürchteter  Nachteil  wirklich  betroffen 
hätte,  etwa  nachgewiesen  würde,  dafs  gerade  ein  bestimmter,  mit  ausnehmend 
hohen  Summen  beteiligter  Versicherungsnehmer  vorfrüh  verschieden  sei.  Es  ver- 
pflichtet sich  aber  der  Rückversicherer  schlechthin  für  den  Zeitpunkt  des  Ab- 
lebens eines  Spareinlegers  zu  entsprechenden  Zahlungen,  auch  wenn  dieser  der 
Letztüberlebende  der  ganzen  Spargesellschafb  werden  sollte,  also  nicht  nur  die 
voUe  Versicherungssumme  selbst  aufbringen,  sondern  weit  daraber  hinaus  Ein- 
lagen machen  würde.    (Cf.  hierzu  Ehrenberg,  1.  c,  S.  48 f.;  S.  170 ff.). 

Eine  Ausnahmestellung  nimmt  lediglich  die  Rückversicherung  gegen  ein- 
zelne Gefahren  ein.  (Cf.  über  sie  Ehrenberg,  1.  c,  S.  16 f.  und  S.  177ff.). 
Diese  Rückversicherung  gegen  einzelne  Gefahren  nähert  sich  nämlich  immer  den 
Schadensassekuranzen;  auch  wenn  die  Hauptversicherung  dem  Gebiete  der 
,.Leben8aasekuranzen"  zugehörte.  (Rückversicherung  z.  B.  blos  gegen  Kriegsgefahr). 
Denn  unter  allen  Umständen  wird  der  Reassekuradeur  hier  ausschliefslich  obli* 
giert,  wenn  ein  ganz  bestimmtes  schädigendes  Ereignis  (Krieg,  Kriegssterblichkeit) 
wirklich  eintritt,  infolge  dessen  dann  dem  Rückversicherten  Schaden  (Kriegsschaden) 
erwächst;  andernfalls  lukriert  er  die  vom  Hauptversicherer  an  ihn  abgeführte 
Prämie. 

345 


—     186    — 

Gleichförmigkeit  d68y6r8icheniiig8be8tande8''angeiiie88eneyerwendimg 
insofern,  als  die  Versicherangsnehmer  in  gewisser  Weise  nach  Alter, 
Geschlecht  und  Beruf  gesondert  werden.  Alter  und  Geschlecht 
bedingen  Unterschiede  der  Sterblichkeit  —  die  Mortalität  ist  gröber 
bei  älteren,  als  bei  jüngeren  Personen,  stärker  bei  Männern,  als  bei 
Frauen  — ,  und  ebenso  birgt  der  Beruf  vielfach  Gefahren  für  Leben 
und  Gesundheit,  welche  nicht  unerhebliche  Differenzen  in  der  Lebens- 
dauer von  Angehörigen  verschiedener  Berufsarten  zur  Folge  haben. 
Ja,  die  gröfsere  Sterblichkeit  der  männlichen  Lidividuen  ist  in  den 
späteren  Lebensjahren  hauptsächlich  mit  darauf  zurückzufuhren, 
dafs  im  allgemeinen  eben  die  Thätigkeit  des  Mannes  aufreibender 
ist,  als  diejenige  der  Frau.  Doch  erscheint  gerade  mit  Rücksicht 
auf  den  Beruf  die  Freilassung  eines  besonders  weiten  Spielraums 
als  dringend  geboten.  ^) 

Dafs  viertens  auch  auf  gute  moralische  Qualität  der  Ver-^ 
Sicherungsnehmer  Gewicht  zu  legen,  auch  nach  dieser  Richtung  hin 
soweit  als  möglich  Gleichförmigkeit  zu  wahren  sei.  werde  nur  bei- 
läufig angedeutet.  Wie  ja  bei  allem  gemeinsamen  Handeln  mehrerer 
Vertrauenswürdigkeit  jedes  einzelnen  eine  wichtige  Vorbedingung 
des  Erfolges  darstellt,  so  naturgemäfs  auch  bei  einem  Sparen  auf 
gemeinschaftliche  Rechnung.  Es  dürfte  wichtiger  sein,  auf  einen 
fünften  und  letzten  Punkt  noch  spezieller  hinzuweisen,  in  welchem 
das  Gleichmäfsigkeitsprinzip  einzugreifen  hat:  auf  das  Erfordernis 
einer  gleichmäfsigen  örtlichen  Verteilung  der  zur  Association 
heranzuziehenden  Spareinleger.  Eine  auch  nur  oberflächliche  Er- 
wägung zeigt,  dafs  es  Gefahren  involvieren  würde,  wenn  alle  oder 
sehr  viele  Versicherungsnehmer  einer  „Lebensassekuranz- Anstalt'^ 
in  einem  wenig  umfangreichen  Bezirke  wohnhaft  wären.  Der  Aus- 
bruch einer  Epidemie,  der  Eintritt  eines  verheerenden  Unglücks 
ebendaselbst  müfste  eine  solche  überwartungsmäfsige  Sterblichkeit 
im  Personalbestande  dieser  Gesellschaft  hervorrufen,  dafs  dadurch 
ihr  Fortbestehen  in  Frage  gestellt  werden  könnte.  Der  Zusammen- 
bruch zahlreicher  lokaler  Sterbekassen  und  ähnlicher  Vereine  liefert 
mit  einen  Beweis  für  die  Verderblicbkeit  zu  enger  Begrenzung  des  Ver- 
sicherungsgebietes. Unsre  grofsen  „Lebensassekuranzinstitute''  haben 
es  denn  auch  vermieden,  ihre  Thätigkeit  auf  einen  wenig  ausge- 
dehnten Bereich  zu  beschränken,  sie  waren  jederzeit  bemüht,  ihre 
Wirksamkeit  thunlichst  weit,  selbst  über  ihren  Heimatstaat  hinaus. 


M  Cf.  Teil  lU  dieser  Arbeit  sub  I  (und  sub  UI). 

346 


—    187    — 

zu  erstrecken.  Und  wenigstens  solange  wird  solches  Bestreben  YoUe 
Billigung  yerdienen,  bis  etwa  —  eine  aus  praktischen  Gründen  sehr 
entfernt«  Möglichkeit  —  auch  Territorien  in  das  Assekuranzgebiet 
eingeschlossen  werden,  deren  klimatische,  deren  physische  Verhält- 
nisse überhaupt  eine  durchaus  ungewöhnliche  Sterblichkeit  der  Be- 
wohner verursachen.  — 


Wir  stehen  hiermit  am  Ende  desjenigen  Teiles  unsrer  Betrach- 
tungen, dessen  Zweck  es  war,  einmal  in  den  Betrieb  der  sogenannten 
Lebensversicherung  einen  Einblick  zu  eröffnen  und  solcher  Art  für 
Erfassung  des  ökonomischen  Wesens  dieser  Institution  eine  sichere 
Grundlage  zu  bieten.  Wir  erkannten  dieses  Wesen,  um  hier  noch- 
mals darauf  zurückzukommen,  als  beruhend  in  einem  Sparprozefs,  dessen 
Unterschied  vom  gewöhnlichen  Sparen